Mittwoch, 21. Januar 2026

Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?

Ganz bestimmt nicht! Die Diskussion um den Status der Kirchengemeinden als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist bereits in vollem Gange. Während Kirchenfunktionäre diese Entwicklung schon weit vorangetrieben haben, ist das Thema an der Basis bisher nicht in dem erforderlichen Maß präsent. Das kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen: Die alltägliche Arbeit und die von Zeit zu Zeit immer wieder in den Raum gestellten “Erneuerungsprogramme” für eine “moderne Kirche” binden die Aufmerksamkeit so stark, dass für die Analyse dieser weitreichenden kirchenrechtlichen Weichenstellungen oft die nötigen Freiräume fehlen. Schon 2017 hatte ich den Artikel “Wie sich die hannoversche Landeskirche von ihren Kirchengemeinden distanzierte” von Andreas Dreyer gelesen und hier im Blog und im Gemeindebrief meiner Kirchengemeinde thematisiert, hatte weitere Artikel im überaus lesenswerten Buch “Kirche der Reformation?” von Gisela Kittel und Eberhard Mechels aufmerksam studiert und immer wieder für die Kirchengemeinde Artikel zum Thema “Quo vadis, ecclesica evangelica?” verfasst (sind hier im Blog wiedergegeben), aber erst jetzt im Ruhestand schreckten mich die Beiträge von Andreas Dreyer (Status der Kirchengemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts beibehalten; Link) und jetzt von Julia Koll (durchaus differenziert, in der Konsequenz aber klar: Status auf der Gemeindeebene zugunsten der Ebene des Kirchenkreises aufgeben; Link) im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt  auf. Sie machen unmissverständlich deutlich, dass hier von kirchenleitender Seite aus Fakten geschaffen werden sollen, die das Gesicht unserer Kirche dauerhaft verändern würden.

In den nachfolgenden Ausführungen werde ich mich immer wieder auf die Ausführungen von Julia Koll beziehen, die ich im Übrigen mit Interesse gelesen habe, auch wenn ich mit dem Vorschlag einer “transparochialen” Kirche nicht konform gehe. Ich schreibe diesen Beitrag als ein Pastor, der über fast drei Jahrzehnte seine Arbeit bewusst in einer Parochie gestaltete, dabei aber auch über diese Grenzen hinaus wirkte, wie die Redebeiträge im Rahmen meiner Verabschiedung deutlich machten. 

Wie ist mein Text aufgebaut? Nach einer “Theologischen Rückbesinnung” bzw. “Vorbesinnung” folgt in Auseinandersetzung mit Julia Koll eine Analyse der Situation zu den Stichworten “Systemkollaps oder Profilverlust?”, “Transparochialität vs. Parochiale Beheimatung”, “Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie” und „Volkskirchen-Illusion und der Minderheitenstatus“. Den dritten großen Abschnitt überschreibe ich mit “Ressourcen radikal an die Basis zurückgeben”. Dies macht schon deutlich, dass ich für eine professionelle Parochie plädiere. Es geht mir um eine ganzheitliche Reform statt um selektivem Ressourcenmangel, um eine Reform von unten nach oben. Nicht die Struktur rettet die Kirche, sondern die Klarheit der Botschaft. Die Krise ist keine Strukturkrise, sondern eine Identitätskrise.

Julia Koll stellt zum Schluss ihres Artikels die Frage: “Wie können die Stakeholder des bisherigen parochialen Systems in die Prozesse eingebunden werden? Zu rechnen ist mit Widerständen vor allem bei denjenigen, die sich jahrzehntelang (ehrenamtlich) innerhalb dieses Systems engagiert und Verantwortung übernommen haben. Wie kann ihre oftmals intrinsische religiöse Motivation und hohe Kirchenbindung wertgeschätzt und ihr organisationales Bewusstsein geweckt werden?” 

Ganz kurz dazu ein Zitat aus Wikipedia, wo die Stakeholder-Theorie beschrieben wird (Hervorhebung von mir): "Die Theorie bietet ein umfassendes und ethisch reflektiertes Rahmenwerk für die Unternehmensführung, das über die reine Gewinnmaximierung hinausgeht. Sie fordert eine bewusste Einbindung vielfältiger Interessen und macht auf komplexe Wechselwirkungen zwischen Unternehmen und Gesellschaft aufmerksam." 

Dann will ich mal ganz bewusst als ein solcher "Stakeholder" versuchen, meine Gedanken zu entfalten.

Theologische Rückbesinnung

Was mir in der ganzen Debatte zu kurz kommt, insbesondere, wenn es darum geht, den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts von Seiten der Kirchengemeinde aufzugeben, ist die Besinnung auf die Wurzeln der lutherischen Kirche, auf die Grundlagen, auf das Fundament. 

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es bei den von kirchenleitender Seite angedachten Reformen in erster Linie darum geht, den tatsächlich vorhandenen Mangel zu verwalten. Die Kirche wird als eine Organisation begriffen, die sich an schwindende Ressourcen (Personal, Geld, Gebäude) anpassen muss. Der Fokus liegt auf Effizienz und „Ressourcenklugheit“ (Julia Koll). Der Reformhebel ist die Struktur, die auf Top-Down umgestellt werden soll, umgestellt wird. Man glaubt, durch die Verlagerung von Kompetenzen und Rechten (Körperschaftsstatus) auf die mittlere Ebene (Kirchenkreis) Handlungsspielräume zurückzugewinnen. Wenn man von einer Ekklesiologie reden will, dann ist es eine funktionale. Dabei wird die Kirche über ihre „Praktiken“ definiert. Anstatt „alles für alle“ (Parochie) anzubieten, soll Kirche „kuratiert“ auftreten – also Schwerpunkte setzen (Energiepunkte), die auch professioneller vermarktet werden können.

Der angedachten Top-Down-Struktur setze ich ein Bottom-Up entgegen. Die Kraft der Kirche kommt von der Basis. Bindung entsteht durch Vertrauen zu Personen vor Ort (Pfarrpersonen durch die geschichtliche Entwicklung in besonderer Weise, allerdings schaffen auch alle anderen Mitarbeitenden Kirchenbindung) und der Kontinuität an den Wendepunkten des Lebens (Kasualien).

Als Ausgangspunkt meiner Überlegungen nehme ich mein Ordinationsversprechen: 

Ich werde das Evangelium predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer ev.-luth. Kirche bezeugt ist, ich werde die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit wahren und mich in allen Dingen so verhalten, wie es meinem Auftrage entspricht. 

Ich werde weiterhin die Kinder begleiten, die Jugendlichen zur Konfirmation führen, den Paaren, die im Glauben Gottes Segen für den gemeinsamen Weg erbitten, diesen zusprechen und ich werde Sterbenden mit dem Trost des Wortes Gottes zur Seite stehen.

Dieses Versprechen ist nicht nur „lokale Praxis“, sondern darin sehe ich den Daseinszweck der ganzen Kirche. Dies ist gut lutherisches Verständnis, wonach Kirche dort ist, wo das Wort rein gepredigt und die Sakramente gestiftet werden (CA VII):

Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.

Dieser Vorgang braucht einen konkreten Raum und eine verlässliche Gemeinschaft - für mich ist das die Parochie. Und in der Bibel heißt es dann Matthäi am Letzten: 

Christus spricht: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Systemkollaps oder Profilverlust?

Julia Koll diagnostiziert zutreffend eine „tiefgreifende Unklarheit der Kirche über sich selbst“. Sie beschreibt die Kirche als ein hybrides Gebilde, in dem organisationale Anteile und Merkmale einer Bewegung gleichermaßen stärker werden, während der gesellschaftliche Status erodiert. Diese Sichtweise fasse ich unter dem Stichwort “Systemkollaps” zusammen. Dem halte ich entgegen, dass die in der Tat bestehende „tiefgreifende Unklarheit der Kirchen über sich selbst“ auf den Verlust des evangelischen Profils und Propriums zurückzuführen ist. 

  • Systemkollaps

    • Das bisherige parochiale System bindet enorme Ressourcen, ohne den Prozess der Entkirchlichung abpuffern zu können. 
    • Es gibt ein „Nebeneinander vergleichbarer, nicht miteinander abgestimmter Angebote“, das Bemühen, überall die Vollversorgung, das ganze Programm zu bieten. 
    • Die Fixierung auf eine Bindungsform, die rein „lokal - dauerhaft - analog“ funktioniert, ist ein Hindernis auf dem Weg der Entwicklung. 
    • Die Ortsgemeinde im klassischen Sinne zu stärken bedeutet, Verwaltungsstrukturen und Gebäude mühsam zu erhalten.
    • Bisherige Regionalisierungen sind lediglich eine „Strategie der Dehnung“, die nun an ihre Grenzen stoßen.

  • Profilverlust 

    • Der Grund für die Entkirchlichung liegt m.E. nicht primär in der Struktur, sondern im Verlust des theologischen „Propriums“. Eine Kirche, die in ihren Verlautbarungen und in der Verkündigung mehr oder weniger nur gesellschaftspolitische Positionen von NGOs oder Parteien wiederholt - so wird Kirche oftmals auch und gerade von engagierten Gemeindegliedern wahrgenommen -, verliert ihre Daseinsberechtigung gegenüber den Kirchensteuerzahlern. 
    • Es ist die Frage, was Julia Koll und andere unter “Vollversorgung” und das “ganze Programm” verstehen. Wenn wir auch hier vom Profil und vom Proprium her denken, können wir das Ordinationsversprechen von Pfarrerinnen und Pfarrern zu Beginn des Berufslebens fruchtbar machen:
      • das Evangelium predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis der ev.-luth. Kirche bezeugt ist - die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwalten - das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit wahren - sich in allen Dingen so verhalten, wie es dem Auftrage entspricht - Kinder begleiten - Jugendlichen zur Konfirmation führen - Paaren, die im Glauben Gottes Segen für den gemeinsamen Weg erbitten, diesen zusprechen - Sterbenden mit dem Trost des Wortes Gottes zur Seite stehen
    Das sind und bleiben für mich die Essentials, die in jedem Pfarramt zu leisten sind. Das kann keine Überforderung sein, und das ist auch kein “Nebeneinander vergleichbarer, nicht miteinander abgestimmter Angebote“. Bei einem solchen Einsatz erleben Menschen etwas, das die Kirche von allen anderen Organisationen unterscheidet. In einer chaotischen Welt können Menschen eine „geistliche Beheimatung” finden, die ihrem Leben Sinn gibt.
    • Natürlich gibt es in unserer Gemeinde auch weitere Angebote und Gruppen, die über die im Ordinationsversprechen genannten Aspekte hinausgehen. Die werden dann aber eigenständig organisiert und geleitet. Die Pfarrperson und auch andere Mitarbeitende werden ein- bis zweimal im Jahr eingeladen. 
    • „lokal - dauerhaft - analog”
      • selbstverständlich gibt es auch in der Parochie fließende Grenzen
      • lokal ist die Regel, schließt aber einen Wechsel bzw. die Wahrnehmung von Angeboten in anderen Gemeinden nicht aus
      • dauerhaft ist auch schon in der parochialen Situation nicht mehr die Regel; Menschen engagieren sich für eine Zeit, um sich dann auch wieder zurückzuziehen, sie nehmen ein Angebot wahr, sind aber nicht ständig in der Gemeinde anzutreffen und fühlen sich trotzdem verbunden
      • analog - auch parochiale Gemeinde arbeiten und kommunizieren mittlerweile digital und haben ihre digitalen Auftritte, wenn auch nicht auf allen Kanälen - muss das sein?
    • Verwaltung gehört zu einer Ortsgemeinde. Das Profil erschöpft sich aber nicht darin. Gut funktionierende Kirchenämter könnten die Gemeinden vor Ort unterstützen, entlasten und fördern. 
    • In der Tat stoßen die bisherigen Formen an ihre Grenzen, was aber nicht ausschließlich an der Parochie festgemacht werden kann. Regionalisierung oder „Ambidextrie“ (Nebeneinander von Routine und Experiment [Julia Koll]) haben ihren zeitlichen Preis, die verschiedenen Zukunftsprogramme von EKD und Landeskirchen tun das Ihre, damit sich Pfarrpersonen und andere kirchliche Mitarbeitende nicht über zu viel Zeit und zu wenig Arbeit beklagen müssen. 

Transparochialität vs. Parochiale Beheimatung

Die Diskussion um die “postparochiale Kirche” lasse ich bewusst aus, weil die die Krise und den Gegensatz nur noch weiter verschärft. Julia Koll schlägt den Übergang zu einer „transparochialen Kirche“ vor, in der nicht mehr die “kleinteilige Ortsgemeinde”, sondern ein größerer Handlungsraum wie der Kirchenkreis der organisatorische Dreh- und Angelpunkt ist. Auch wenn die Autorin davon spricht, dass es “in einer … Übergangssituation ausgesprochen unklug [wäre], ­gelingende Formen kirchlichen Lebens abzuschaffen”, so steht im Verlauf des Prozesses, spätestens am Ende, zwingend der Statuswechsel der Kirchengemeinden an. 

Um die transparochiale Kirche mit Leben zu füllen, beschreibt Julia Koll die Vision der Kuration, also die Auswahl, Bewertung, Strukturierung und Präsentation von Inhalten oder Objekten, um sie für ein Publikum aufzubereiten. An die Stelle einer flächendeckenden „Vollversorgung“ tritt bei ihr eine „kuratierte und exemplarische Praxis“. Dies bedeutet für sie die gezielte Stärkung von „Energiepunkten“ (Highlights) und ein bewusstes Lassen von wenig nachgefragten „Lowlights“. Weitere Anmerkungen zur Gestaltung der “kuratierten Praxis” folgen unten im Abschnitt "Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie".

Dem ist zunächst entgegenzuhalten, dass Highlights auch in parochial geführten Gemeinden gesetzt und von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kirchenbindung wahrgenommen werden können. Das setzt eine funktionierende Öffentlichkeitsarbeit und eine gewisse Vernetzung der Parochien in einer Region voraus, die aber durchaus leistbar ist. Wer „Lowlights” mitschleppt, sollte nach der Selbstorganisation fragen.  

Die angesprochene Verlagerung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts weg von den Kirchengemeinden hin zum Kirchenkreis bedeutet einerseits, dass Kirchenvorstände in ihren Entscheidungskompetenzen erheblich eingeschränkt werden, andererseits eine Enteignung, wenn Gebäude, Grundstücke und gar das Vermögen an die nächste Ebene übergehen Was Kirchenleitungen als „Entlastung“ verkaufen, wird später an der Basis als massiver „Kontrollverlust“ erlebt werden. 

In einem ersten Übergangszeitraum wird man diese Entrechtung kaschieren können - und die Kirchenleitungen tun gut daran, nicht sofort zu zeigen, wer jetzt Herr im Hause ist - aber spätestens dann, wenn Grundstücke und Immobilien anders verwertet werden, als es sich Menschen vor Ort vorstellen können, wird es zu massiven Konflikten kommen. Hinzu kommt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Kirchenkreis mit seinen derzeit vorhandenen Personalressourcen überhaupt in der Lage ist, die Bewirtschaftung und Unterhaltung von Gebäuden und Grundstücken sicherzustellen. Wenn dann auch noch die bisher auf Gemeindeebene angestellten Personen zur Kirchenkreisebene wechseln müssen, wird das Chaos perfekt werden. 

Die Erfahrungen bisheriger Zentralisierungen - in den zurückliegenden Jahren bei den Kindertagesstätten - haben für die Kirchenvorstände zwar eine Arbeitsentlastung gebracht, die inhaltliche Arbeit aber nicht zwingend gefördert, weil mit der Übertragung der Trägerschaft auch eine Kontaktfläche zur Einrichtung verschwand. Wenn man noch weiter zurückgehen will, kommt die Gemeindeschwester in den Blick, die an vielen Orten integraler Bestandteil des Gemeindelebens war. Heute ist oftmals den Klienten - manchmal auch Gemeindegliedern und sogar Mitarbeitenden - nicht mehr bewusst, dass Diakonie oder Caritas kirchliche Einrichtungen sind.

Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie

Wenn Julia Koll im Raum der transparochialen Kirche eine „kuratierte und exemplarische Praxis“ etablieren will, dann setzt sie auf ein erweitertes Spektrum verschiedener Professionen (vom Sozialarbeiter bis zum Kulturmanager), die in Teams zusammenarbeiten. Julia Koll sieht in der Spezialisierung die Chance, dass Profis ihre Kernkompetenz im Zusammenspiel miteinander einbringen können, ohne in der kleinteiligen Verwaltung einer Einzelgemeinde zu „versacken“. Unter dem Stichwort “transparochial vernetzt” entfacht sie in ihrem Artikel geradezu ein Feuerwerk der neuen Möglichkeiten.

Zunächst einmal stellt sich die ganz dringende Frage: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Personalmangel gibt es nicht nur im Pfarrberuf. Auch Kirchenmusiker*innen, Diakon*innen, Sozialarbeiter*innen stehen nicht Schlange, um in den "multiprofessionellen Teams” flächendeckend mitarbeiten zu können. Der Versuch, Menschen außerhalb der kirchlichen Anstellungsträgerschaft zur Mitarbeit oder Zusammenarbeit zu gewinnen, ist lobenswert und sicher auch notwendig, kostet aber auch zusätzliche Ressourcen. 

Gleichzeitig treibt mich die Sorge um, dass das spezifische Profil des Pfarrberufs verwässert wird, dass es hier zu einer De-Professionalisierung kommt. Indirekt weist Julia Koll auch auf diese Gefahr hin, wenn sie unter dem Punkt “Einsichten und offene Fragen” die “zukünftigen Organisationsformen” anspricht und die Frage nach “Leitung, repräsentativer Partizipation und Macht in einer transparochialen Kirche” aufwirft. Und auch das fragt Julia Koll: “Wer trifft künftig Entscheidungen? Wer steuert das neuere, größere Kirchengebilde?” 

Die von Julia Koll zitierten Aussagen von Christoph Goos - „Ordinierte und geschäftsführende Personen leiten gemeinsam auf Augenhöhe, unterstützt von einem Kirchenamt, beraten und begleitet von einem auch ehrenamtlich besetzten Aufsichtsrat, der die Satzungen der Körperschaft beschließt und damit die großen Linien des kirchlichen Lebens vorgibt.“ bzw. Antje Hieronimus - “... »buntere Bilder von Synode«; ihr Leitbild bleibt eine Kirchenkreisversammlung, in der jedoch nicht nur Ortsgemeinden, sondern die verschiedensten kirchlichen Orte repräsentiert sind” … - können mich nicht überzeugen. Nach diesen Vorstellungen werden Pfarrpersonen letztendlich zu Weisungsempfängern der Leitung. 

Die „Volkskirchen-Illusion“ und der Minderheitenstatus

Ein weiterer Konfliktpunkt ist das zugrunde liegende Bild von Kirche in der Gesellschaft. Julia Koll orientiert sich aus organisationslogischer Sicht an einem Modell, das von einer Vielfalt fluider Bindungsformen (analog, digital, punktuell) ausgeht und darauf mit einer Vielfalt kirchlicher Praktiken reagiert. Dabei setzen sie und andere Reformer voraus, dass Menschen auf die Organisation Kirche zugehen, um Angebote zu nutzen oder Ideen zu verwirklichen. Ist das nicht das Bild einer steuerungsfähigen Volkskirche, wenn auch unter veränderten Bedingungen? Was aber ist, wenn das “Kirchenvolk” die Angebote nicht annimmt bzw. wenn Kirchensteuerzahler nicht bereit sind, diese Angebote auf Dauer zu finanzieren?

Gemeinden vor Ort hingegen können sich aus meiner Sicht oft besser mit einem Minderheitenstatus anfreunden, wenn sie eine geistige Heimat bieten, die Menschen in seelischer Not trägt. Die personale Kontinuität, die Begleitung von Familien über Generationen an den Eckpunkten des Lebens ist in meinen Augen durch funktionale Dienste nicht ersetzbar.

Fazit der bisherigen Diskussion

Während der Artikel von Julia Koll eine intellektuelle Antwort auf den Ressourcenmangel durch eine radikale Neuorganisation auf der mittleren Ebene sucht , warnt die pastorale Praxis vor einem irreparablen Vertrauensbruch. Ein Neuanfang kann nur gelingen, wenn das System nicht nur verwaltet wird, sondern die Verwaltung wieder zum „Dienstleister“ für die Gemeinden wird, damit diese ihre eigentliche Aufgabe der „geistlichen Beheimatung“ wahrnehmen können. Aber auch dafür müssen finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. 

Ressourcen radikal an die Basis zurückgeben

Plädoyer für eine professionelle Parochie

In der aktuellen Debatte um die Kirchenreform prallen zwei grundlegend verschiedene Logiken aufeinander: Die forcierte Neuorganisation auf transparochialer oder auch postparochialer Ebene auf der einen und die theologische Rückbesinnung an der Basis auf der anderen Seite. Mein Standpunkt versteht sich dabei als Korrektiv zur Theorie, die ihr Heil in einem größeren Handlungsfeld sieht. Ich setze die „Verheißung“ der Transparochialität gegen die „Realität“ einer Basis, die sich durch Strukturreformen eher im Stich gelassen als unterstützt fühlt.

Dabei ist mir bewusst: Die von mir beschriebene Vision braucht einen langen Atem. Die von Julia Koll analysierte Krise und die Defizite sind real und drängend. Es stellt sich jedoch die kritische Frage, ob eine Kirchenleitung, die offensichtlich seit Jahren das Ziel verfolgt, den Körperschaftsstatus der Gemeinden umzuwandeln, überhaupt bereit ist, diesen eingeschlagenen Weg der Zentralisierung noch einmal grundlegend zu überdenken.

Ganzheitliche Reform statt selektivem Ressourcenmangel

Ressourcenmangel ist kein exklusives Problem der parochialen Ebene. Eine ehrliche Reform muss ebenso die funktionalen Dienste und die stetig wachsenden Verwaltungsebenen in den Blick nehmen. Auf allen Ebenen muss sich die Kirche wieder auf ihr eigentliches „Proprium“ konzentrieren, sie muss zu einer geistlichen Heimat werden, die Menschen in seelischer Not trägt und den Eckpunkten des Lebens einen Sinn verleiht, der über das Materielle hinausgeht. Die Kirche muss sich daher radikal auf ihre Kernaufgaben konzentrieren: Verkündigung, Seelsorge und die Begleitung von Menschen in allen Lebensphasen. Insbesondere die Begeisterung von Kindern und Jugendlichen ist entscheidend – so gewinnt man Familien und engagierte Ehrenamtliche, die Kirche auch in Zeiten vakanter Pfarrstellen tragen können.

Verwaltung als Dienstleister, nicht als Hemmschuh

Julia Koll argumentiert, dass diese Kernaufgaben in der herkömmlichen Parochie nicht mehr leistbar seien, weil Gebäude, Verwaltung und Gremien die Energie auffressen. Doch dies sind keine genuin parochialen Aufgaben. Der Problemdruck entsteht vielmehr dort, wo Kirchenämter ihre Aufgaben nicht bewältigen (können) und den Gemeinden nicht zuarbeiten. Da Gemeinden gesetzlich an diese Ämter gebunden sind, bleibt ihnen eine effektivere Eigenverwaltung verwehrt.

Mein Gegenvorschlag lautet: Kirchenämter müssen zu reinen Dienstleister für die Gemeinden werden. Nicht die Gemeinde dient dem System (etwa durch die Abgabe von Kita-Trägerschaften an den Kirchenkreis, wodurch der Bezug vor Ort verloren geht), sondern das System muss die Gemeinde so frei halten, dass diese wieder „Geistliche Beheimatung“ bieten kann. Die Verwaltung von Einrichtungen, die über Drittmittel finanziert werden, darf nicht zu Lasten der Parochie gehen, weder personell noch finanziell. Treue Gemeindeglieder werden es auf Dauer nicht akzeptieren, dass Kirchensteuermittel im Verwaltungsapparat versickern, während die Kirchengemeinde vor Ort an Bedeutung verliert. Die Bindung erfolgt vor Ort, und das Geld wird letztendlich vor Ort eingeworben.

Proaktive Personalplanung und Schutz der Profession

Der gegenwärtigen Personalnot könnte mit einem rotierenden System begegnet werden. Anstatt Stellen beim Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge einfach auslaufen zu lassen und darauf zu hoffen, dass sie irgendwann wieder besetzt werden (können), schlage ich einen aktiven Personalpool vor, bei dem sich Pfarrpersonen anmelden, die sich mit dem Gedanken tragen, in absehbarer Zeit die Pfarrstelle zu wechseln. Diese Anmeldungen sollten bis zur aktiven Bewerbung nur dem Personaldezernat bekannt sein, das durch einen qualifizierten Abgleich die Kompetenzen der potentiellen Bewerber und Wünsche der vakanten Gemeinden abgleicht und so gezielt den Kontakt zwischen beiden Seiten herstellt. 

In der Ausbildung müssen die jungen Leute darauf vorbereitet werden, dass es sich beim Pfarrberuf um einen Beruf mit Profession handelt. Es ist also kein Beruf wie jeder andere, es ist ein Beruf, der höchst spezialisierte, ethisch verpflichtete Expertenautonomie im Dienst am Menschen fordert. Die Kernmerkmale sind und bleiben: Hochschulische Ausbildung, Autonomie und Selbstregulierung, eigenverantwortliches Handeln und Standesorganisationen, Berufsethik, Vertrauensverhältnis und Gemeinwohlorientierung. 

Vor Ort müssen sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Unter dem Blickwinkel Work-Life-Balance wird schon einiges getan. Hier sind Pfarrpersonen aber auch selbst gefordert, ihren Arbeitsbereich so zu organisieren, dass die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Sicherlich kein leichtes Unternehmen, aber wenn es gelingt und erlebbar wird, erhöht dies nicht nur die Arbeitszufriedenheit und nimmt den Druck vom Einzelnen, junge Menschen könnten wieder ermutigt werden, diesen Beruf zu ergreifen. 

Schwieriger wird es, wenn es um den Schutz von Pfarrpersonen im Konfliktfall mit dem Kirchenvorstand und in der Folge dann mit der Kirchenleitung geht - manchmal ist es auch umgekehrt: Konflikt mit der Kirchenleitung, in die der Kirchenvorstand hineingezogen wird (Pfarrdienstrecht der EKD §§ 79/80, vgl. das Zitat nach diesem Absatz). Mit diesen "Fällen" haben wir es oft in unserem Verein "D.A.V.I.D. - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche" zu tun, dessen Vorsitzender ich bin. Wir machen die Erfahrung, dass betroffene Pfarrpersonen der Situation oft schutzlos gegenüberstehen. Wenn Kirchenvorstände es darauf anlegen, müssen sie gar nicht darlegen, warum sie die Zusammenarbeit nicht mehr fortsetzen wollen, sie müssen einfach nur behaupten, das Vertrauensverhältnis sei zerstört. Kirchenleitungen folgen dieser "Argumentation" nur allzu oft. Die Pfarrpersonen und ihre Familien (!!!) müssen im günstigsten Fall die Pfarrstelle wechseln, werden möglicherweise bei gekürzten Bezügen in den Wartestand versetzt, im ungünstigsten Fall nach einer bestimmten Zeit im Wartestand auch in den Ruhestand. Da die Verantwortung für dieses Verfahren nicht immer im Verhalten der Pfarrperson zu suchen ist - so steht es sogar in den entsprechenden Gesetzen - rät mancher unter den gegenwärtigen Bedingungen jungen Menschen geradezu ab, den Pfarrberuf zu ergreifen und im Konfliktfall dieser Willkür hilflos ausgeliefert zu sein. 

§ 79 Versetzung

( 2 ) 1 Pfarrerinnen und Pfarrer können um der Unabhängigkeit der Verkündigung willen nur versetzt werden, ... wenn ein besonderes kirchliches Interesse an der Versetzung besteht. 2 Ein besonderes kirchliches Interesse liegt insbesondere vor, wenn ...

5. in ihrer bisherigen Stelle oder ihrem bisherigen Auftrag eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes gemäß § 80 Absatz 1 und 2 festgestellt wird ...

§ 80 Versetzungsvoraussetzungen und -verfahren

( 1 ) 1 Eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes im Sinne des § 79 Absatz 2 Satz 2 Nummer 5 liegt vor, wenn die Erfüllung der dienstlichen oder der gemeindlichen Aufgaben nicht mehr gewährleistet ist. 2 Das ist insbesondere der Fall, wenn das Verhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und nicht unbeträchtlichen Teilen der Gemeinde zerrüttet ist oder das Vertrauensverhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und dem Vertretungsorgan der Gemeinde zerstört ist und nicht erkennbar ist, dass das Vertretungsorgan rechtsmissbräuchlich handelt. 3 Die Gründe für die nachhaltige Störung müssen nicht im Verhalten oder in der Person der Pfarrerin oder des Pfarrers liegen.

( 2 ) 1 Zur Feststellung der Voraussetzungen des Absatzes 1 werden die erforderlichen Erhebungen durchgeführt. 2 Der Beginn der Erhebungen wird der Pfarrerin oder dem Pfarrer mitgeteilt. 3 Sofern nicht ausnahmsweise etwas anderes angeordnet wird, nehmen Pfarrerinnen und Pfarrer für die Dauer der Erhebungen den Dienst in der ihnen übertragenen Stelle oder in dem ihnen übertragenen Auftrag nicht wahr. 4 Während dieser Zeit soll eine angemessene Aufgabe übertragen werden.

Fazit: Souveränität in Verbundenheit

Unter diesen Voraussetzungen - einer Rückbesinnung auf das theologische Proprium, einer dienenden Verwaltung und einer Wertschätzung der Profession - sehe ich kein Problem darin, die parochiale Ordnung und damit den Status der Kirchengemeinden als Körperschaften des öffentlichen Rechts beizubehalten. Davon unberührt ist die zwingende Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit und des regen Austauschs unter benachbarten Gemeinden in einer Region. Kooperation braucht jedoch keine Enteignung, sondern starke, souveräne Partner an der Basis. Dann kann ich mir auf Formen wie das von Julia Koll als Beispiel genannte “Pforzheimer Modell” vorstellen, das aber nicht zwangsläufig auf alle Bereiche der evangelischen Kirche übertragen werden muss. 

Wenn die Kirche wieder zukunftsfähig werden will, muss sich viel verändern – an der Basis, aber zwingend auch auf den Ebenen der Kirchenleitung!

Zum Schluss gefragt: 

Kann die Kirche sich vom Relevanzverlust erholen, indem die Organisation modernisiert und flexibilisiert wird? Oder geht es eher um die theologische Substanz, die wieder in den Mittelpunkt rückt? Ist die Parochie tatsächlich ein „Ressourcenfresser“ oder nicht eher der „Lebensnerv“ der Kirche?


Wenn die eine oder der andere Gedanken zum Thema beitragen möchte, herzlich gerne! Meine Mailadresse findet sich im Impressum. Außerdem habe ich einen gmail.com-Account, wo vor dem @ ganz einfach pastor.ralf.krueger steht.

Donnerstag, 15. Januar 2026

Reform-Erschöpfung?

Nachdem ich mich in der letzten Zeit intensiv mit den Plänen zur Umstrukturierung der Kirchengemeinden – weg von Körperschaften des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.) hin zu Körperschaften kirchlichen Rechts (K.d.k.R.) – beschäftigt habe, drängt sich eine größere Frage auf: In welchem Kontext stehen diese Überlegungen zur lokalen Basis der Kirche eigentlich? 

Die „Papierflut aus Hannover“ und das Verstummen der Basis

Um das zu verstehen, habe ich mich auf eine Internetrecherche begeben, denn die Vielzahl der Impulse, Denkschriften und Reformpapiere, die die EKD seit den frühen 2000er Jahren produziert hat, kann man beim besten Willen nicht mehr alle „auf dem Schirm“ haben. Was sich dabei offenbart, ist eine wahre Papierflut aus Hannover, die in seltsamem Kontrast zur realen Erosion des kirchlichen Lebens vor Ort steht.

1. Der Sündenfall: "Kirche der Freiheit" (2006)

Der Startschuss für die moderne Reform-Ära war das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ im Jahr 2006. Es war der massive Versuch, die Kirche mit betriebswirtschaftlicher Logik zu retten. Plötzlich war die Rede von „Leuchttürmen“, „Wachstumskernen“ und „Profilschärfung“.

Rückblickend muss man konstatieren: Dieses Papier war der Einzug des Management-Sprechs in die Sakristei. Während in Hannover über effiziente Strukturen und Marktanteile philosophiert wurde, begann an der Basis ein Prozess der Entfremdung. Man versuchte, geistliches Wachstum durch administrative Professionalisierung zu erzwingen – ein Ansatz, der die ehrenamtliche Substanz oft eher gelähmt als beflügelt hat. Die heutige Abwicklung des K.d.ö.R.-Status der Gemeinden ist im Grunde die finale Exekution dieser damaligen Logik: Effizienz geht vor Beheimatung.

Aus dem Jahr 2016 gibt es auf den Seiten von "Deutschlandfunk Kultur" einen interessanten Beitrag, der auf  »Zehn Jahre Impulspapier „Kirche der Freiheit“« zurückschaut und fragt: "Mit viel Pathos falsche Ziele gesetzt?"

2. Die Kirche als „NGO mit Glockengeläut“: Nachhaltigkeit (2018)

Ein weiterer Meilenstein war die „Umkehr zur Nachhaltigkeit“ (2018) und die verstärkte Positionierung zu Klimafragen. Natürlich sind dies drängende ethische Themen. Doch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung geschah etwas Problematisches: Die Kirche wurde zum Juniorpartner säkularer Bewegungen.

Wenn kirchliche Impulse sich in moralischen Appellen erschöpfen, die man eins zu eins auch bei Greenpeace oder politischen Parteien lesen kann, verliert die Kirche ihr spezifisch theologisches Profil. Man generiert vielleicht kurzfristig öffentliches Wohlwollen in bestimmten Milieus, doch der Preis ist hoch: Das Proprium, die Verkündigung des Evangeliums und die Zusage der Erlösung, tritt hinter den aktivistischen Imperativ zurück. Gesellschaftlich spürbar ist die Kirche hier oft nur noch als eine weitere NGO – eine mit Glockengeläut, aber ohne echtes Alleinstellungsmerkmal.

3. Von 11 zu 12: Die Leitsätze als Autotherapie (2020)

Besonders bezeichnend für die interne Dynamik war der Prozess um die Schrift „Hinaus ins Weite – Kirche auf gutem Grund“. Dass man zunächst 11 Leitsätze präsentierte, die aufgrund ihrer vagen und fast esoterisch anmutenden Sprache scharf kritisiert und teilweise verspottet wurden, nur um sie dann eilig auf 12 Leitsätze zu erweitern, spricht Bände. - Einem meiner Gesprächspartner fiel zu den 11 Leitsätzen ein: "Beim Karneval in Köln gibt's den Elferrat".

Diese Leitsätze wirken wie eine Form der kircheninternen Autotherapie. Man versichert sich gegenseitig einer „aufgeschlossenen Zukunft“, während man gleichzeitig die rechtlichen und finanziellen Grundlagen der Ortsgemeinden beschneidet. Es ist eine Sprache der „Blase“, die gesellschaftlich kaum noch Resonanz findet. Die „Weite“, von der hier die Rede ist, wird an der Basis oft als die Leere wahrgenommen, die entsteht, wenn Pfarrhäuser verkauft und Gemeinden zu administrativen Serviceeinheiten degradiert werden.

4. Das Paradox der Reform-Erschöpfung

Die Internetrecherche fördert noch viel mehr zu Tage: Denkschriften zum Frieden, zur Wirtschaft, zur Familie. Doch das bittere Fazit lautet: Je mehr Papier in Hannover produziert wird, desto weniger kommt „unten“ an. Es gibt einen massiven Transmissionsverlust.

Während die Kirchenleitung meint, durch ständige Neu-Positionierung gesellschaftliche Relevanz zu sichern, bricht die wichtigste Ressource weg: die lokale Bindung. Die Freiburger Studie (2019) hat es schwarz auf weiß belegt: Der Kirchenaustritt ist ein Verhaltensproblem, das durch mangelnde Relevanz und schwindende Kontakte ausgelöst wird. Wenn die Kirche aber den Weg der Zentralisierung geht, zerstört sie genau die Kontaktflächen, die sie eigentlich bräuchte.

Fazit: Ende der Landeskirchen durch Über-Administration?

Die „Papierflut aus Hannover“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns in einer tiefen Identitätskrise befinden. Die schleichende Umwandlung der Gemeinden in „Serviceeinheiten“ verkennt, dass Menschen keine Dienstleistung suchen, sondern eine geistliche Heimat. Wenn die Kirche weiter den Weg der Zentralisierung – von oben nach unten – geht, dann ist das nicht nur ein Paradigmenwechsel, sondern der Anfang vom Ende der Landeskirchen als Volkskirche.

Die Basis wird die Kosten dieser Zentralisierung am Ende nicht tragen – sie wird schlicht wegbrechen. Was wir bräuchten, wäre keine neue Denkschrift, sondern eine radikale Besinnung auf die Kernaufgaben vor Ort: Wort und Sakrament, verankert in einer rechtlich und finanziell souveränen Gemeinde. Alles andere ist das Verwalten eines Niedergangs auf sehr teurem Papier.

Was denken Sie? Erreichen Sie die Impulse aus Hannover noch in Ihrem Gemeindialltag, oder nehmen Sie eher eine „Reform-Erschöpfung“ wahr? Diskutieren Sie mit in den Kommentaren!

Mittwoch, 14. Januar 2026

Offener Brief

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Vorsitzender im Verein "D.A.V.I.D. - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche" habe ich zusammen mit Pfarrer em. Dr. Hans-Gerd Krabbe (stellv. Vorsitzender) den nachfolgenden Brief an die Pfarrvereine, Pfarrvertretungen, Pastorenausschüsse der zwanzig EKD-Gliedkirchen verschickt. 

Es geht um den Körperschaftsstatus der Kirchengemeinden im Raum der EKD

Bezug:  Der Artikel von Andreas Dreyer in: ›Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt‹, 12/2025, 687-689 (vgl. die beiden letzten Blogbeiträge)


Sehr geehrte Mitglieder in den Vorständen der Pfarrvereine, Pfarrvertretungen, Pastorenausschüsse,

den o.a. Artikel von Pastor Andreas Dreyer (Landesbergen) verstehen die beiden Vorsitzenden des Vereins DAVID - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.v. Pastor i.R. Ralf Krüger (Vors.) und Pfarrer em. Dr. Hans-Gerd Krabbe (stellv. Vors.) in Absprache mit den anderen Vorstandsmitgliedern als Weckruf, dem sich niemand entziehen sollte. Dreyer deutet einschneidende Konsequenzen an, wenn seitens der Landeskirchen der vom Staat gewährte Status als ›Körperschaft des öffent-lichen Rechts‹ (›KdöR‹) für die Kirchengemeinden aufgegeben wird und stattdessen der neue Status als ›Körperschaft des kirchlichen Rechts‹ (KdkR‹) eingeführt werden soll. Davor lässt sich nur eindringlich warnen!

Eine Entscheidung, wie sie nun in der Protestantischen Kirche der Pfalz getroffen wurde, bringt ›das Schifflein Kirche‹ erheblich ins Wanken und fördert »die Selbstsäkularisierung der Kirche« (Wolfgang Huber) in eine ekklesiologisch bedenkliche Entwicklung auf allen Ebenen! Dreyer: »der Körperschaftsstatus der Gemeinden und der auf Kirche wie Staat bezogene Subsidaritätsgedanke sollten als unverhandelbar angesehen werden …« (688). 

Wir schreiben diesen Brief aus großer Sorge um die Zukunft der Kirche und die Kirche der Zukunft, wenn denn die institutionalisierte Kirche von oben nach unten hierarchisch durchregiert werden soll / wenn die Kirchengemeinden ihre Eigenständigkeit in wesentlichen Inhalten verlieren / wenn Fragen nach Personal, Immobilien, Finanzen andernorts entschieden und den Kirchengemeinden vorgesetzt werden. Wer wird sich unter diesen Vorzeichen noch für den Pfarrberuf entscheiden, wer das Ehrenamt eines Kirchengemeinderates übernehmen?

Wir bitten Sie in den Pfarrvereinen, Pfarrvertretungen, Pastorenausschüssen darum, sich der Sache anzunehmen und Stellung zu beziehen: in Ihrer jeweiligen Landeskirche, in öffentlichen Verlautbarungen. Es scheint höchste Zeit zu sein!

Mit freundlichen Grüßen!

gezeichnet mit unseren beiden Unterschriften

Montag, 12. Januar 2026

Der Anfang vom Ende?

Warum die Zentralisierung der Landeskirchen in die Sackgasse führt


Ein Debattenbeitrag zur Entmachtung der Kirchengemeinden und dem Verlust des theologischen Profils

Der Artikel von Andreas Dreyer zum Thema "Körperschaftsstatus der Ortsgemeinde" im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt (12/2025; vgl. auch meinen vorhergehenden Beitrag hier im Blog) ist von einem Kollegen kommentiert worden, der sich "Reform Freund" nennt. Übrigens auch die Kommentare von Johannes Oesch, Barbara Phieler, Martin Mattheis und Susanne Seehaus sprechen eine eindeutige Sprache und sind lesenswert.

Bezugnehmend auf den Kommentar von "Reform Freund" ergänze ich meine bereits geäußerten Überlegungen um einen entscheidenden Aspekt: Die Verantwortung der Kirchenleitung. "Reform Freund" hat zwar speziell die Evangelische Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche) im Blick, jedoch lassen sich seine Überlegungen auf fast alle Landeskirchen übertragen, die oft nur noch das vollziehen, was auf EKD-Ebene vorgegeben wird.

1. Das Leitungsproblem: Repräsentation statt Substanz

Der massive Vertrauensverlust der Kirche ist in meinen Augen ein Problem der Leitungsebene, auch wenn auf Gemeindeebene gewiss nicht immer alles reibungslos läuft. Die Kirchenleitungen versuchen beharrlich, die Institution nach wie vor als maßgeblichen gesellschaftlichen „Player“ zu positionieren. Sie verkennen dabei, dass diese Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung längst verloren gegangen ist.

Während man meint, durch Präsenz in weltlichen Gremien und öffentliche Statements Wohlwollen zu generieren, setzt an der Basis eine Entfremdung ein, die nicht primär strukturell, sondern inhaltlich begründet ist: Wenn engagierte Gemeindeglieder erklären, dass die Kirche ihnen nichts mehr zu sagen hat, dann bezieht sich das auf schwindende oder gar nicht mehr vorhandene theologische Inhalte.

2. Das Paradox der Professionalisierung

Das zusätzliche Engagement in öffentlichen Arbeitsfeldern bindet enorme Arbeitskraft in den Verwaltungen der Kirchenkreise und Dekanate, die dann bei der Unterstützung der lokalen Kirchenvorstände fehlt. Es ist ein administrativer Offenbarungseid, dass Jahresabschlüsse in einer angeblich professionalisierten Zentralverwaltung jahrelang auf sich warten lassen.

Hier zeigt sich nach den Ausführungen von "Reform Freund" ein Paradox: Während zentrale Vergabestellen und komplexe Softwareprojekte Ressourcen binden, wird die Kirche vor Ort als ansprechbarer Akteur im Sozialraum unsichtbar. Die „Professionalisierung“ der Zentrale frisst die Handlungsfähigkeit der Basis.

3. Die gefährliche Risikokonzentration: Ein neues Haftungsszenario

Ein völlig unterschätzter Aspekt dieser Zentralisierung ist das massive Haftungsrisiko. Bisher wirkten die rechtlich selbstständigen Kirchengemeinden (K.d.ö.R.) als Puffer; finanzielle Fehlentscheidungen oder Baurisiken blieben lokal begrenzt.

Mit der Übertragung des Körperschaftsstatus und des Vermögens auf die Bezirks- oder Landeskirchenebene entsteht eine gefährliche Risikokonzentration. Ein einziger strategischer Fehler in der Zentrale – sei es bei Immobilienprojekten oder IT-Großinvestitionen – gefährdet nun den gesamten Bestand und das Vermögen aller zugeordneten Gemeinden. Wir schaffen uns ein „Too big to fail“-Szenario auf kirchlicher Ebene.

4. Das Schweigen der Pfarrerschaft

Dass Pfarrerinnen und Pfarrer zu diesem Prozess des schleichenden Identitätsverlusts und der riskanten Machtkonzentration oft so wenig zu sagen wissen, ist besorgniserregend; auch aus den Pfarrvertretungen und Pfarrvereinen könnte wesentlich deutlicher Gegenwehr kommen gegen die "Entberuflichung" des Pfarrberufs zum bloßen "Regionalversorger". Die Diskussionen der Landessynoden dringen kaum bis in die Gemeinden vor, während dort die Umwandlung in bloße "Serviceeinheiten" voranschreitet.

5. "Serviceeinheiten" vs. Geistliche Beheimatung

Die Leitung verkennt allerdings, dass dieser "Service" längst von freien Rednern und Event-Agenturen angeboten wird. Freie Bestattungen und Trauungen sind gang und gäbe. Diesem Wettbewerb kann die Kirche nicht mit eigenen Agenturen begegnen.

Der kirchliche Mehrwert liegt woanders:

  • In der Beheimatung in einer geistlichen Tradition und Gemeinschaft.

  • In Kasualien, die das lutherische Bekenntnis und die christliche Botschaft wieder erkennbar in den Mittelpunkt stellen.

  • In der Verlässlichkeit einer lokalen Kirchengemeinde als Subjekt kirchlichen Handelns.

Fazit: Die Basis wird nicht mehr tragen

Wenn die Kirche den Weg der Zentralisierung von oben nach unten weitergeht, ist das mehr als ein Paradigmenwechsel – es ist in meinen Augen der Anfang vom Ende der Landeskirchen. Das Prinzip der Subsidiarität und das Priestertum aller Gläubigen werden administrativ ausgehöhlt.

Die Hoffnung der Leitung, dass die Basis die Kosten dieser Zentralisierung tragen wird, ist eine Illusion. Die Menschen werden nicht für eine bürokratische Hülle zahlen, zu der sie keinen Bezug mehr haben; sie werden schlicht austreten. 

Eine Kirche, die demokratisch, subsidiär und reformatorisch aus der Krise gehen will, muss Mut zur Selbstbegrenzung der Leitungsebene zeigen. Alles andere ist reine Machtpolitik, deren Zeche am Ende die geistliche Substanz der Kirche zahlt.

Dienstag, 16. Dezember 2025

Der Preis der Zentralisierung

Warum der Körperschaftsstatus ein Identitätsanker ist!

Ich habe im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt den Artikel von Andreas Dreyer zum Thema "Körperschaftsstatus der Ortsgemeinde" gelesen - hier verlinkt. Still und leise - sicherlich nicht heimlich, aber von der Pfarrerschaft (und von Kirchenvorständen) überhaupt nicht aufgenommen und reflektiert - scheint das Thema schon ziemlich weit gediehen zu sein. Die Dokumente aus der Pfalz deuten darauf hin. Da werden andere Landeskirchen kaum zurückstehen. 

Andreas Dreyer vertritt die These: Der Körperschaftsstatus des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.) ist kein Adiaphoron, kein theologisch gleichgültiger Randaspekt. Er ist der Anker, der die historische und rechtliche Partnerschaft zwischen Kirche und Rechtsstaat sichert. In Zeiten, in denen Landeskirchen wie die Evangelische Kirche der Pfalz planen, diesen Status auf Gemeindeebene zugunsten einer zentralisierten Verwaltung aufzugeben, muss jedoch klar und offen über den hohen Preis dieser administrativen Rettungsversuche gesprochen werden.

1. Die Entmachtung der Ortsgemeinde

Die Zentralisierung der Verwaltung und die Überführung der Kirchengemeinden in Körperschaften kirchlichen Rechts (K.d.k.R.) ist keine Entlastung, sondern eine Entmachtung. 

Wenn das, was ich bisher recherchiert habe - Verlust der Vermögenshoheit und Verlust der Anstellungshoheit -, zutrifft, dann müssen aber überall die Alarmglocken schrillen!

  • Verlust der Vermögenshoheit: Mit dem K.d.ö.R.-Status gibt die Kirchengemeinde ihr Eigentum an den übergeordneten Kirchenbezirk ab. Damit verliert das lokale Presbyterium die Kontrolle über Kirchen, Pfarrhäuser und Gemeindehäuser. Das größte Risiko besteht darin, dass die Entscheidung über die Entwidmung oder Veräußerung von Immobilien nicht mehr dort getroffen wird, wo die Gemeinde lebt, sondern auf einer fernen Verwaltungsebene, die primär nach ökonomischer Effizienz entscheidet.

  • Verlust der Anstellungshoheit: Die Kirchengemeinde verliert das Recht zur eigenständigen Besetzung von Pfarrstellen (Wahlrecht) und die Arbeitgeberfunktion für Küster, Sekretäre und Hausmeister. Diese Mitarbeitenden werden zu Ressourcen der Bezirksverwaltung, was die Identifikation und die Bindung an die lokale Gemeinde massiv schwächt.

Dieser Schritt mag kurzfristig im Plan und auf dem Papier den Verwaltungsaufwand reduzieren (die Hauptbegründung der Reformer), er erzeugt aber eine praktische Komplexität an der Schnittstelle: Ehrenamtliche Kontrolle über und Engagement für die eigenen Immobilien weicht langwierigen zentralen Genehmigungsprozessen. 

Ich habe keine Phantasie, wie ein Kirchenbezirk ohne zusätzliches Personal diese Aufgaben managen will. Und die Bindung, die Personal vor Ort erreichen kann, die erreicht Personal auf der Bezirksebene niemals!

2. Das Problem des Profilverlusts wird verschärft

Die eigentliche Schwachstelle des Systems liegt jedoch tiefer: in dem von vielen Gemeindegliedern und Pfarrern empfundenen theologischen Profilverlust der Landeskirchen und Kirchenkreise.

Wie Dreyer betont, soll der K.d.ö.R.-Status das partnerschaftliche Vertrauen in den Rechtsstaat sichern. Doch dieses Vertrauen wird nur dann von innen heraus gestärkt, wenn die Kirche selbst glaubhaft ihren theologischen Auftrag (Verkündigung des Evangeliums, Darreichung der Sakramente gemäß der biblischen Botschaft und dem Bekenntnis) erfüllt.

Wenn die übergeordnete Körperschaft, die nun alle Fäden in der Hand hält, selbst kein klar wahrnehmbares theologisches Profil mehr ausstrahlt, sondern vor allem als Manager der Schrumpfung auftritt, wird die Zentralisierung das Problem nur verschärfen:

  • Identifikationsvakuum: Die Gemeindeglieder sehen in der neuen, großen Verwaltungseinheit keinen geistlichen Leiter, sondern eine anonyme Instanz.

  • Uniformität: Die theologische Vielfalt der Gemeinden und die Freiheit in der Gestaltung des lokalen Lebens droht einer standardisierten, verwalteten Grundversorgung zu weichen.

3. Die notwendige Gegensteuerung: Konzentration auf den Kern

Der K.d.ö.R.-Status muss, um zukunftsfähig zu bleiben, nicht nur verteidigt, sondern durch eine radikale Fokussierung der Kirchenämter auf ihre Kernaufgaben gestärkt werden.

Die Kirchenämter (Kirchenkreise/Bezirke), die ihre hoheitlichen Privilegien behalten, müssen sich von Aufgaben trennen, die das theologische Profil verschleiern:

  • Entflechtung von Diakonie und Verwaltung: Die Verwaltung diakonischer (Groß)betriebe (Altenheime, Krankenhäuser etc.) muss organisatorisch und finanziell vollständig ausgelagert werden. Diese diakonischen Einrichtungen, so wichtig sie sind, müssen ihre Finanzierung vollständig über Drittmittel (Kassen, staatliche Förderungen, Spenden) absichern.

  • Fokus auf Begleitung: Die Kirchenämter müssen sich auf ihre originären Aufgaben konzentrieren: die geistliche und seelsorgerliche Begleitung der Kirchengemeinden und die qualifizierte fachliche Unterstützung in jenen Bereichen (Bau, Finanzen, Personal), in denen lokale, ehrenamtliche Gremien überfordert sind.

Fazit: Die Aufgabe des K.d.ö.R.-Status der Gemeinden ist keine theologisch gleichgültige, sondern eine existenzielle Entscheidung. Sie entmachtet die lokale Kirche und schafft eine überforderte Zentralverwaltung. Bevor die Kirche diesen Schritt geht, muss sie das Vertrauen in die Fähigkeit und das theologische Profil der zentralen Leitungsebenen wiederherstellen. Nur wenn die Kirchenämter beweisen, dass sie mehr als nur Verwalter sind, kann die Zentralisierung funktionieren. Andernfalls wird der gewonnene administrative Vorteil mit dem Verlust der lebendigen Identität der Ortsgemeinden bezahlt.

Dienstag, 9. Dezember 2025

Kirche und Relevanz

Relevante Kirche?

Ich sag's doch: Als Pensionär hat man Zeit zum Lesen. Es ist wieder das "Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt", aus dem ich den Artikel von Eckehard Möllers "Was ist relevant?" aufnehme. Eckehard Möller, Vorsitzender im Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer, hatte diese Gedanken ursprünglich im Ramen der Mitgliederversammlung 2025 in Karlsruhe in seinem Geschäftsbericht vorgetragen.

Kurzzusammenfassung

Eckehard Möllers Artikel "Was ist relevant? – Veränderungen für Kirche und Pfarrberuf in einer sich wandelnden Gesellschaft" befasst sich mit den tiefgreifenden Veränderungen und Krisenerscheinungen der evangelischen Kirche in Deutschland. Er stellt die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz, insbesondere nachdem die Kirche während der Corona-Pandemie nicht als "systemrelevant" eingestuft wurde. Möller beschreibt ein Gefühl der Vergeblichkeit im Pfarrberuf, ausgelöst durch den kontinuierlichen Rückgang von Gemeindegliederzahlen, kirchlichen Handlungen (Taufen, Trauungen) und damit verbundenen Einnahmen. Er konstatiert, dass die überkommenen Strukturen der Volkskirche in der heutigen, sich wandelnden Gesellschaft kaum noch Relevanz besitzen. Zentrale Themen der Kirchenreform, die er anspricht, sind die Verlustängste und die Diskussion um das Dienstrecht der Pfarrerinnen und Pfarrer – insbesondere die mögliche Umstellung vom öffentlich-rechtlichen auf ein privatrechtliches Anstellungsverhältnis für Neueinstellungen. Er erörtert ferner die Frage nach der Körperschaftsform der Gemeinden und die Notwendigkeit von multiprofessionellen Teams sowie klaren Arbeitszeitregelungen, um die wachsende Überforderung der Geistlichen zu adressieren. Zusammenfassend fordert Möller einen offenen und angstfreien Dialog über diese tiefgreifenden Reformen, um die Rückgewinnung von Relevanz in Kirche und Gesellschaft zu ermöglichen, auch wenn dies das Aufgeben tradierter Privilegien bedeuten kann.

Einleitung zur Profession

Bevor ich auf Eckehard Möllers Ausführungen eingehe, ist es mir wichtig, meinen Ausgangspunkt zu klären: Ich betrachte den Pfarrberuf als einen Beruf mit Profession – vergleichbar mit den klassischen akademischen Berufen in der Medizin oder der Rechtswissenschaft. Ich habe mich in meinen 36 Dienstjahren stets als eine Art Freiberufler mit festem Gehalt verstanden, das mich und meine Familie absicherte. Dieses feste Fundament erlaubte es mir, den Beruf im vollen Sinne der Profession auszuüben: mit wissenschaftlich fundierter Kompetenz, hoher Autonomie und einer klaren ethischen Verantwortung für das Gemeinwohl. Ein solcher anspruchsvoller Beruf lässt sich nicht auf starre Arbeitszeiten reduzieren. Es gehörte zu meinem professionellen Selbstverständnis, dass es Wochen mit mehr als 40 Stunden gab – dafür aber auch die Freiheit und die Flexibilität, in anderen Zeiten Freiräume für mich und meine Familie zu schaffen. Die Gemeinde akzeptierte das. Das Streben nach einer solchen selbstgesteuerten Work-Life-Balance ist somit keine Privilegienforderung, sondern ein wesentliches Kennzeichen der Professionalität in einem Amt, das sich nicht an der Stechuhr, sondern an der komplexen Lebensrealität der Menschen orientiert. Auf dieser Grundlage möchte ich nun auf Möllers Artikel reagieren.

Die lokale Profession als Fundament kirchlicher Systemrelevanz


Relevanzverlust

Eckehard Möllers Artikel beschreibt präzise die strukturelle und finanzielle Krise der evangelischen Kirche – das Gefühl der Vergeblichkeit, den schmerzhaften Verlust der Systemrelevanz und die Diskussion um die nötigen Strukturreformen. Dies ist die notwendige Realität der Kirchenleitungen. Doch die eigentliche Krise der Kirche ist in meinen Augen eine Krise der Profession selbst, da sie an ihren Kernmerkmalen rüttelt: 

Zunächst die Erosion des gesellschaftlichen Mandats: Möller benennt die Kränkung, dass die Kirche in der Pandemie nicht als systemrelevant eingestuft wurde und ihre Rolle als moralische Instanz längst ausgespielt habe. Dies ist der schmerzhafteste Ausdruck, dass die Gesellschaft die geleistete Fachlichkeit nicht mehr als existenzielle Notwendigkeit anerkennt. 

Zweitens wird die Autonomie des Pfarrberufs bedroht: Das aktuell diskutierte Wechsel des Dienstverhältnisses vom öffentlich-rechtlichen Status zu privatrechtlichen Anstellungen stellt die Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit des Pfarrers fundamental in Frage. Bei einer Reduzierung auf ein Angestelltenverhältnis droht die Degradierung der Pfarrperson zu einem hochregulierten, austauschbaren Funktionserfüller, deren Freiheit der Verkündigung letztlich eingeschränkt wird. 

Und drittens führt die von Möller beschriebene Vergeblichkeit – die sinkenden Zahlen und die Überforderung durch die überkommenen Volkskirchenstrukturen – zu einer Verbitterung im Amt. Pfarrer werden zu Notfallmanagern und administrativen Verwaltern, was zu einem Auseinanderdriften von akademischer Qualifikation und der tatsächlichen Tätigkeit führt und die Fähigkeit zur reflektierten Seelsorge aushöhlt.

Gelebte Relevanz auf der Mikroebene

Gerade weil Möller diese strukturellen Krisen so klar benennt, muss der Blick nun scharf auf das Gegenargument gerichtet werden – die gelebte Relevanz auf der Mikroebene. Mein 29-jähriger Dienst in der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde hat mir gezeigt, dass die Kirche sehr wohl systemrelevant ist – in der Nachbarschaft, in der Stadt, im Landkreis. Der Bürgermeister sprach mir beim Abschied aus der Seele, als er sagte: "Sie haben fortwährend gezeigt, wie Kirche lebendig bleiben kann: indem sie nah bei den Menschen ist. Indem sie nicht nur sonntags im Gottesdienst wirkt, sondern mitten im Alltag." Er unterstrich die Präsenz an allen entscheidenden Lebenspunkten als entscheidenden Beitrag dazu, dass sich Menschen zu Hause fühlen konnten. Die Sozialdezernentin des Landkreises betonte zudem, dass ich nicht nur ein engagierter Interessenvertreter für die Kirchengemeinde, sondern auch für das Wohl des Einzelnen und die Menschen mit Fluchterfahrung war: "Sie waren niemals bequem und haben sich niemals in eine Komfortzone zurückgezogen." Sie hob meine Fähigkeit hervor, ein feines Gespür für die Rechtslage zu haben, aber nie nachzulassen, eine Lösung zu finden – genau die komplexe Aufgabe, die eine Profession kennzeichnet. Diese lokalen, überparteilichen und zutiefst menschlichen Dienstleistungen sind der Beweis dafür, dass die Profession des Pfarrers und die lokale Kirchengemeinde sehr wohl systemrelevant auf Mikroebene sind.

Inkompetenz der kirchenleitenden Ebenen

Umso irritierender wirkt die Inkompetenz der kirchenleitenden Ebenen, die Möller beispielhaft durch den absurden Ratschlag belegt: "Ihr müsst mehr taufen!" Diese quantitative Anweisung behandelt das Sakrament als simples Marketingziel, ignoriert die theologische Tiefe der Überzeugung und demonstriert einen Mangel an Realitätsblick für die seelsorgerische Arbeit. Ein solcher Ratschlag untergräbt das Vertrauen in die Leitung und beschleunigt die Entfremdung der Basis. 

Körperschaftsform

Die Verlockung, die Möller bei der Umstellung der Körperschaftsform beschreibt – die Gemeinden könnten sich auf ihre ureigensten Aufgaben wie Seelsorge und Verkündigung zurückziehen, befreit vom "Ballast, den Besitz mit sich bringt" – ist daher kritisch zu hinterfragen. Die materielle Verankerung ist nicht nur Ballast, sondern die Basis für die soziale Relevanz, die in meiner Gemeinde so gelobt wurde. Wer die Institution Kirchengemeinde nicht hält, verliert den Zugriff auf die Menschen. 

Das fordert schon ein hohes Maß an Präsenz vor Ort. Dabei will ich die berechtigte Forderung (junger) Kolleginnen und Kollegen nach einer Work-Life-Balance nicht ausblenden. Sie ist ein notwendiger Schutz der professionellen Leistungsfähigkeit. Jedoch wird dieser Ausgleich nicht mit Verweis auf feste Dienstzeiten erreicht. Dieser Ausgleich kann sinnvoll nur durch die eigene Autonomie und Selbstführung erreicht werden. Dieser Ausgleich, so zeigt es meine Erfahrung, wird von der Gemeinde akzeptiert, wenn die professionelle Qualität stimmt.

Kirche vor Ort ist durch nichts zu ersetzen

Der Pfarrverband und die Pfarrvertretungen müssen sich angesichts dieser Entwicklungen mit aller Entschiedenheit für eine Kirche vor Ort einsetzen, die in ihrer Autonomie und in ihrem Anspruch als Profession gestärkt wird. Dieses Engagement ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit für die Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern eine Frage der finanziellen Überlebensfähigkeit der gesamten Kirche. Die Kirchengemeinden vor Ort sind das Fundament – auch finanziell – der gesamten EKD. Bricht dieses Fundament, die einzige Quelle realer, spürbarer Relevanz und Glaubwürdigkeit, durch strukturellen Kahlschlag und kirchenleitende Entfremdung weiter weg, werden in der Folge auch die Finanzen weiter erodieren. Dann können EKD und Landeskirchen sehen, wie sie sich und ihre zentralen Vorhaben ohne die Basis finanzieren können. Die lokale Profession ist die einzige Antwort auf die Krise der Relevanz.

Montag, 8. Dezember 2025

Ecclesia evangelica, quo vadis? - 9. Teil

Gedanken zu Christoph Bergners Aufsatz "Der Verlust der Nähe - Wie die Kirche den Bezug zu sich selbst und zu ihren Mitgliedern verlor" im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt Oktober 2025 - hier anklicken. 

Er kann's nicht lassen!

Vorab: Als ich in meinem Predigtblog zum Reformationstag 2025 einen den Beitrag "Nachgedacht: Nüchternheit, Dialektik und der Gewinn einer neuen Mitte" veröffentlichte, kam prompt von einem Kollegen und einer Kirchenvorsteherin unabhängig voneinander eine Reminiszenz an Heinz Rühmann in seiner Rolle als Pfarrer Braun, jetzt eben bezogen auf mich: Er kann's nicht lassen!

Das stimmt offensichtlich, denn ich will auch hier diesen Blog wieder eröffnen. Und auch jetzt geht es um die Frage, wohin die evangelische Kirche driftet. 

Christoph Bergner: Der Verlust der Nähe ...

In der Ausgabe 2025/10 des “Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt” fand ich den eingangs erwähnten Artikel von Christoph Bergner. Dieser Artikel hat es in sich. Aktuell finden sich in der Onlineausgabe des Blattes 52 zustimmende Kommentare von ca. 20 Personen. Weil die von Bergner beschriebenen Tendenzen sich auch in der Hannoverschen Landeskirche abzeichnen, wurden die nachfolgenden Zeilen dankenswerterweise im Sprachrohr der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde (Ausgabe 239) veröffentlicht. 

Anmerkung vorab: Der nachfolgende Text ist eine Zusammenfassung des langen Artikels von Christoph Bergner, der sich allerdings zu lesen lohnt! Eigentlich müsste deshalb hier an vielen Stellen der Konjunktiv verwendet werden. Um der besseren Lesbarkeit willen – und weil Bergners Ausführungen sich mit meinen Erfahrungen decken –, gebe ich die Überlegungen des Pfarrers im Indikativ wieder. 

Eine scharfe Analyse von Pfarrer i.R. Dr. Christoph Bergner

Die Evangelische Kirche steckt in einer tiefen Krise. Doch statt die Ursachen zu beheben, bewirken die laufenden Reformen das Gegenteil: Sie führen zu einem Verlust der Nähe zur Kirchenbasis und den Mitgliedern. Dr. Christoph Bergner, langjähriger Synodaler und Kenner der kirchlichen Finanzen, kritisiert in einem aktuellen Beitrag scharf, dass die Kirchenleitungen die Gemeinden vor Ort systematisch entwerten und entrechten zugunsten der zentralen Verwaltung.

1. Die Gemeinde wird zur "Filiale" degradiert

Die Reformen verfolgen eine zentrale Logik: Die Kirchenleitung muss die Kontrolle behalten, um Strukturveränderungen schnell durchsetzen zu können. Das geschieht auf Kosten der Selbstständigkeit der Gemeinden:

Entzug von Mitteln: Es ist das erklärte Ziel, möglichst viele finanzielle Mittel auf der Ebene der Gesamtkirche zu behalten. Dadurch fehlt den Kirchengemeinden die finanzielle Ausstattung, um eigenständig über Projekte, Personal oder die Gestaltung ihres Gemeindelebens zu entscheiden.

Abbau von Personal: Folgerichtig lässt die Kirchenleitung kaum noch Personal direkt auf Gemeindeebene zu. Stellen werden gestrichen, Gemeindepfarrstellen können nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung gestellt werden. Die Gemeinde wird abhängig von zentral gesteuerten Ressourcen.

Die bittere Folge: Die lebendige Kirchengemeinde vor Ort wird zu einer "Filiale" degradiert, die von der Kirchenleitung mit begrenzten Mitteln und Personal verwaltet wird – aber nicht mehr selbstbestimmt agiert.

2. Der Gottesdienst wird zur "Synergie"

Auch die Kernaufgaben der Kirche werden der Effizienz untergeordnet:

Der Pastor als Manager: Der Pfarrberuf wird systematisch entwertet. Pfarrer sollen heute in erster Linie Manager, Pädagogen und Psychologen sein – oft ohne ausreichende Ausbildung. Pastorale Kernaufgaben wie Gottesdienst, Seelsorge und Unterricht werden durch Kennzahlen und Effizienzvorgaben ersetzt.

Gestrichene Gottesdienste: Um "Synergieeffekte" zu erzielen, werden aufwendige Pläne für ständig wechselnde Gottesdienstorte und -zeiten entwickelt. Dies führt zum Ausfall von Gottesdiensten und macht es den Gemeindegliedern unnötig schwer, überhaupt zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Die Kette der Entwertung: Die Kirchenverwaltung setzt ihre eigenen Pläne über die Bedürfnisse der Menschen. Die Kirche wird zu einem Unternehmen, das sich selbst optimiert, während sie ihren geistlichen Auftrag verliert.

3. Versagen der Verwaltung und fehlende Kontrolle

Bergner kritisiert, dass die angestrebte "moderne, effiziente Verwaltung" gescheitert ist.

Ineffizienz: Trotz aller Reformen sind Kirchenverwaltungen mit sich selbst überfordert. Es fehlen teils seit Jahren Haushaltsabschlüsse / Bilanzen, und Kontrollmechanismen haben versagt. Die Reformen haben keine Einsparungen gebracht, sondern lediglich Mittel von unten nach oben umgeschichtet – Verlierer sind die Gemeinden.

Die Synode ist machtlos: Die Synodalen (Kirchenparlamentarier) können der Dominanz der Verwaltung oft nichts entgegensetzen, weil zu komplexe Vorlagen in zu kurzer Zeit behandelt werden müssen. Die Verwaltung hat die Informationshoheit und kontrolliert die Debatte.

Meine Kommentare zum Artikel


Synode

Ich habe mir mal ein paar Gedanken gemacht, wie Entscheidungen in den evangelischen Kirchenparlamenten, in den Synoden, eigentlich zustande kommen. Vor Augen habe ich da in erste Linie die Gremien auf der Kirchenkreis- bzw. Dekanatsebene. Ich vermute aber, dass es auf der landeskirchlichen Ebene nicht anders aussieht. 

Formal sind die Synoden das gesetzgebende und haushaltsführende Organ der Kirche und sollen die demokratische Legitimation durch eine breite Vertretung von Laien sichern. In der Praxis kollidiert dieser hohe Anspruch jedoch mit den realen Bedingungen ehrenamtlicher und teilzeitlicher Arbeit. Das Dilemma könnte man so beschreiben: Wenn Ehrenamt auf Verwaltung trifft. Ich fasse die Probleme des kirchlichen Parlamentarismus aus meiner Sicht zusammen: 

1. Die Erosion der Kontrollfunktion: Die Synoden tagen nur wenige Male im Jahr. Obwohl ihnen komplexe Gesetzes- und Haushaltsentwürfe zugestellt werden, ist die fehlende Lese- und Einarbeitungszeit der ehrenamtlichen Synodalen – ein Ausdruck des Spannungsfelds zwischen Ehrenamt und Hauptberuf – ein Dauerproblem. 

2. Die Machtlücke zur Kirchenleitung und -verwaltung: Die Schwäche des Ehrenamts wird dadurch verschärft, dass selbst viele Pfarrpersonen die juristischen und ökonomischen Details der Kirchenverwaltung nicht durchdringen. Dies schafft eine asymmetrische Informations- und Machtverteilung zugunsten der Kirchenleitung und -verwaltung. Die hauptamtlichen Strukturen (Finanzabteilungen, Rechtsdezernate) werden so zum faktischen Souverän der Kirche. Ihnen fehlt ein qualifizierter Gegenpart im Parlament, der die Vorlagen kritisch prüft, eigene Alternativen entwickelt und die Verwaltung wirksam kontrolliert. 

3. Die fehlende parteipolitische Bündelung: Anders als politische Parlamente, in denen Parteien und Fraktionen die unterschiedlichen Interessen professionell bündeln, um Handlungsfähigkeit zu garantieren, fehlt den Synoden diese organisatorische Disziplin. Die Synodalen agieren oft als isolierte Einzelakteure. Dies verhindert die Bildung stabiler thematischer Blöcke und erschwert die kollektive Willensbildung, was die Zersplitterung der Entscheidungsfindung weiter verstärkt. 

Zusammenfassend halte ich fest: Die kirchlichen Synoden laufen Gefahr, zu symbolischen Akklamationsgremien zu verkommen. Das demokratische Ideal der Synodalität wird durch das Fehlen professioneller Organisation und die Informationshoheit der Kirchenleitung und -verwaltung entwertet. Um die Funktionsfähigkeit und die Legitimation ihrer Kirchenparlamente zu sichern, müssten Wege gefunden werden, um die ehrenamtliche Kontrolle personell und strukturell zu stärken.

Machtmissbrauch auf leitender Ebene

Die Passage über die Aussage einer Dekanin/Superintendentin habe ich mal mit den Augen eines Vorstandsmitglieds im Verein “D.A.V.I.D. - gegen Mobbing in der Evangelischen Kirche” gelesen. Es ging um die Zusammenlegung von Gottesdiensten, bei der eine Pfarrerin nicht mitmachen wollte. Bergner schreibt dann: “Die Dekanin/Superintendentin wies sie mit den Worten zurecht, dass auch in ländlichen Teilen des Dekanats/der Superintendentur noch Verwendung für die resistente Kollegin bestünde.” 

Gut, diese Aussage wird man in diesem Kontext nicht eindeutig als Mobbing im rechtlichen oder psychologischen Sinne einordnen, aber sie erfüllt eindeutig Merkmale von autoritärem und respektlosem Führungsverhalten oder verbaler Aggression. Eine solche Aussage ist höchst problematisch und liegt im Grenzbereich unethischen Verhaltens. 

Die Zurechtweisung findet in einer kollegialen Runde statt. Dies ist eine Form der öffentlichen Bloßstellung und der Herabwürdigung der Kollegin. Die Dekanin/Superintendentin verwendet den Begriff "resistent" bewusst abwertend. Sie unterstellt damit der Pfarrerin Starrsinn, Unwilligkeit zur Kooperation und eine persönliche Abwehrhaltung gegenüber notwendigen Strukturveränderungen. Die Vorgesetzte greift die berufliche Integrität der Pfarrerin an. Der Satz, "dass auch in ländlichen Teilen ... noch Verwendung für die resistente Kollegin bestünde", muss als latente Drohung mit einer Zwangsversetzung oder Abwertung interpretiert werden. Er impliziert: "Wenn du dich nicht anpasst, können wir dich in einen weniger attraktiven, ländlichen Bereich abschieben." Es entwertet die bisherige Arbeit und die Person selbst (Verwendung wie ein Objekt). 

Als Fazit kann man nur festhalten: Die Aussage der Dekanin/Superintendentin ist ein Beispiel für einen Missbrauch von Autorität und unangemessenen Umgang mit berechtigtem Widerstand gegen unpopuläre Entscheidungen. Sie erfüllt die Kriterien für eine einzelne, aggressive Handlung (im Sinne einer Bossing-Aktion, da die Handlung von einer Vorgesetzten ausgeht). Sie signalisiert ein feindseliges Arbeitsklima, in dem kritische Stimmen nicht auf sachlicher Ebene, sondern durch persönliche Angriffe und autoritäre Machtdemonstration unterdrückt werden. 

Wenn so etwas in der Öffentlichkeit thematisiert wird - und es sollte thematisiert werden, weil ein solches Verhalten einer kirchenleitenden Person unwürdig ist, aber leider von anderen Kollegen auch erlebt wird - wenn dies thematisiert wird, müssen wir uns nicht wundern, wenn gerade engagierte Kirchenglieder der Kirche den Rücken kehren und Jugendliche, die durchaus das Zeug zum Pfarrberuf hätten, lieber in anderen Arbeitsfeldern aktiv werden.