Über Transformation, Rückbau und Mut zur Gemeinde
„Ecclesia evangelica, quo vadis?“ – diese Frage habe ich hier im Blog bereits des Öfteren gestellt. Doch die Diskussion um die Zukunft und die „Transformation“ unserer Kirche ebbt nicht ab; im Gegenteil, sie gewinnt an Schärfe. Die aktuelle Ausgabe des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts bietet den Vordenkern dieses Wandels nun eine prominente Plattform, die eine eingehende Auseinandersetzung geradezu herausfordert.
In den Beiträgen dieser Ausgabe prallen Welten aufeinander. Da ist Steffen Bauer, der als Koryphäe der „Transformation by Design“ gilt und in seinen Skizzen für das Jahr 2040 einen prophetischen Blick in die Zukunft wirft. Da ist das Interview von Chefredakteur Detlef Dieckmann mit der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst, in dem sie das Bild einer Kirche zeichnet, für die Veränderung zum Wesenskern gehört und die mehr oder weniger genau dem entspricht, was Bauer designt. Und da ist Martin Schuck, der aus derselben Landeskirche einen ganz anderen Blick auf die Dinge wirft: Was für die eine Fortschritt ist, ist für ihn nichts weniger als der bewusste Rückbau der evangelischen Kirche. Seine Forderung nach einer Stärkung der Gemeinden steht dabei als mutiges, notwendiges Gegenprogramm im Raum.
In diesem Blogbeitrag möchte ich diese unterschiedlichen Positionen beleuchten. In den eingefügten Übersichtskästen habe ich mit bemüht, die Argumentationen der Autoren zusammenzufassen. Daran schließen sich dann meine Kommentare an.
Ein besonderes Augenmerk gilt Steffen Bauers „Transformation by Design“. Die Debatte um sein Konzept hat mich nicht nur zu einer Glosse angeregt, sondern auch zu einem intensiven Austausch in der Kommentarspalte des Pfarrerblatts geführt. Als dort der Wunsch laut wurde, endlich konkrete Möglichkeiten statt bloßer Bedenken zu hören, konnte ich nicht widerstehen: Ich habe den Blick auf die Gemeindearbeit in Meppen gelenkt – als ein Beispiel dafür, wie Kirche vor Ort gelingen kann.
Ich lade Sie ein: Machen Sie sich selbst ein Bild. Lesen Sie die Originaltexte im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt und verfolgen Sie die Diskussion. Das gilt insbesondere für die Kommentare zu Steffen Bauers Artikel, die ich hier nicht mehr einfüge, weil das den Rahmen sprengen würde.
Meine Zusammenfassungen und Gedanken hier im Blog sollen Ihnen dabei als Kompass dienen, um sich in diesem komplexen Reformprozess zu orientieren.
Steffen Bauer, Skizzen aus der Zukunft - Kirche im Jahr 2040
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| KI-generiert |
Okay, wenn ich mit der Glosse zu Steffen Bauers anfange, ist das nicht ganz fair, aber ich habe von Bauer schon manches gelesen, bei dem ich mit dem Hintergrund meiner Gemeindeerfahrung nur den Kopf schütteln kann.
Transformation by Design oder per Algorithmus?
Als Julia Koll in der Januarausgabe dieser seriösen Publikationsreihe zum ersten Mal die “Glaskugel” in den Händen von Steffen Bauer erwähnte, unkte mancher, dieses “Werkzeug” gehöre doch wohl nicht zum theologischen Repertoire. Doch Steffen Bauer hat uns jetzt eines Besseren belehrt. Mit prophetischem Eifer blickt er auf das Jahr 2040 und sieht die Freiburger Studie im Zeitraffer wahr werden. In schillernden Farben ersteht vor uns die fluide Großgemeinde, ohne Kirchenkreis oder Dekanat, ohne Landeskirche, im Durchschnitt 25.000 Mitglieder stark und bei Problemen beraten von der EKD. Ein „Angebot“ folgt auf das nächste – alles nach Plan, alles „Transformation by Design“. Man fragt sich unwillkürlich: Ist das die Rettung der verlorenen Relevanz der Kirche oder doch eher eine „Transformation to Disaster“?
Das Design der leeren Hüllen?
Bauers Vision besticht durch radikale Struktur-Logik: Wo heute noch mühsam verwaltet wird, sieht er 2040 nur noch vernetzte Großräume und „fluide kirchliche Präsenz“. Besonders pikant: Bauer beruft sich in seinen Anmerkungen ausgerechnet auf den dialektischen Theologen Karl Barth. Man wagt kaum darüber nachzudenken, was der Altmeister der „Kirchlichen Dogmatik“ zu diesem Entwurf sagen würde. Dass das „ganz Andere“ Gottes nun ausgerechnet in der perfekten Optimierung kirchlicher Change-Management-Prozesse Gestalt annimmt, hätte Barth wohl mit einem sehr dialektischen – und vermutlich sehr lauten – „Nein!“ quittiert. Während Bauer das Gehäuse der Kirche perfekt durchdesignt, bleibt die Frage nach der „Software“, dem eigentlichen Inhalt, seltsam unterbelichtet. Die Organisation scheint hier wichtiger zu werden als die Botschaft.
Die Rettung aus der Cloud – und dem Schaukasten
Hier setzt Eberhard Steinborn mit seinen Kommentaren an und füllt Bauers Struktur-Hüllen mit digitalem Leben. Da die bisherige kirchliche Sprache ohnehin als „theologische Fremdsprache“ wahrgenommen wird, soll die KI die Bibel reaktivieren. Sein Rezept: KI-gestützte Problembearbeitung bzw. …
- Bibel per Prompt: Für jedes psychologische Alltagsproblem findet die KI die passende biblische Lösungsoption einschließlich Bibelvers.
- Wissensriesen werden aktiv: Ein digitaler Fundus im Netz soll die Kluft zwischen theoretischem Wissen und praktischer Realisierung schließen.
- Gegen die künstliche Intimität: Die KI soll mit der Botschaft der Liebe „gefüttert“ werden, um Menschen aus ihrer „süchtig machenden Vereinzelung“ zu befreien.
Besonders charmant ist Steinborns Sinn für Medialität. Die so mühsam vom Algorithmus errechneten Problemlösungen sollen anschließend „medienwirksam in den Schaukästen angekündigt“ werden. Man sieht es förmlich vor sich: Während die Welt in „künstlicher Intimität“ versinkt und Bauer fluide Pop-up-Räume designt, liefert der bewährte Schaukasten neben der Kirchentür den analogen Screenshot der göttlichen KI-Logik. Ein beruhigendes Bild – High-Tech-Exegese trifft auf die Ästhetik von ausgeblichenem Fotopapier und Reißzwecken oder - ganz modern - Haftmagneten.
Fazit:
Während Bauer die Leinwand für das strukturelle „Design“ 2040 grundiert, liefert Steinborn die Prompts für den göttlichen Algorithmus gleich mit. Wenn „Transformation by Design“ bedeutet, dass wir die biblische Deutungshoheit an eine KI delegieren, damit diese mundgerechte Häppchen für den Schaukasten produziert, haben wir in 14 Jahren vielleicht hocheffiziente Angebote. Ob dabei allerdings noch der Heilige Geist weht – der ja fährt, wohin er will – oder nur ein sehr gut trainiertes Sprachmodell die Predigt übernimmt, die vielleicht gar keiner der 25.000 Mitglieder hören will, das bleibt die spannendste Frage beim Blick in Bauers Glaskugel.
Was will Bauer denn sagen?
Ich versuche mal, so unvoreingenommen wie möglich zu sein. Es gilt aber auch hier meine Aufforderung: Machen sie sich selbst ein Bild, lesen Sie den Aufsatz im Original.
Wenn Steffen Bauer eine Zukunftsvision für die evangelische Kirche im Jahr 2040 entwirft, dann versteht er seine Ausführungen nicht als starre Prognose, sondern als „vorläufige Zielpunkte“, die Struktur, Kultur und Steuerung der Kirche radikal neu denken wollen.
Die theologischen und strukturellen Kernthesen:
- Rückbesinnung auf den Gemeindebegriff: Bauer knüpft explizit an Karl Barth an und betont, dass „Gemeinde“ eine konkrete Zusammenkunft von Menschen ist. Kirche soll sich von einer flächendeckenden Institution zu einem lebendigen Netzwerk wandeln, das sich dort formiert, wo Menschen zusammenkommen.
- Transformation by Design: Der Autor plädiert für eine bewusste, gestaltete Transformation. Die Kirche der Zukunft soll „fluid“ und hochgradig vernetzt sein. Er identifiziert dabei „Elefanten im Raum“ – zentrale Strukturprobleme –, die bisher kaum offen adressiert wurden, aber für eine Zukunftsfähigkeit zwingend gelöst werden müssen.
- Wandel der Steuerung: Bauer skizziert einen Weg weg von der klassischen, hierarchisch-territorialen Struktur hin zu flexiblen, sozialräumlichen Organisationsformen. Die Steuerung soll sich an der Wirksamkeit vor Ort orientieren, wobei er die „theologische Vergewisserung“ als notwendigen Kompass für alle Veränderungsprozesse betrachtet.
- Mut zur Veränderung: Der Aufsatz ist als Weckruf zu verstehen, der die Kirche auffordert, sich von liebgewonnenen, aber nicht mehr wirksamen administrativen Altlasten zu lösen und den Gestaltungsprozess aktiv in die Hand zu nehmen, statt den Niedergang lediglich zu verwalten.
Bauer versteht seinen Ansatz als provokantes Gegenüber zu einer eher bewahrenden Parochial-Theologie. Er fordert dazu auf, radikal neu zu konstruieren, um Kirche in einer säkularisierten Gesellschaft wieder als „Gemeinde“ erfahrbar zu machen.
Meine Kritik
Den allgemeinen Ausführungen von Bauer auf den ersten Seiten seines Aufsatzes kann ich ja ansatzweise noch folgen. Wenn er aber dann die "regio-lokale Kirche" im Jahr 2040 beschreibt, so sagt meine heutige Erfahrung, dass dies nicht gelingen wird.
1. Das Identifikations-Paradox: Größe vs. Bindung
Zitat: ... Von diesen Regionalgemeinden gibt es in Deutschland im Jahr 2040 dann etwa 400 mit durchschnittlich 25.000 Gemeindemitgliedern (die Größe wird stark variieren), die, wo möglich, in ihrem Zuschnitt den 400 kreisfreien Städten bzw. Landkreisen in Deutschland entsprechen.
Anmerkung: Deutschland hat aktuell 83.500.000 Einwohner. Rein rechnerisch kommen dann auf die 400 kreisfreien Städten bzw. Landkreisen 208.750 Einwohner.
Bauer operiert mit Einheiten (25.000 Kirchenmitglieder bei 200.000+ Einwohnern), die für eine „Kirche mittendrin“ viel zu abstrakt sind. Eine „regio-lokale Kirche“ kann in dieser Größenordnung keine Heimat bieten.
- Argument: Identifikation benötigt eine überschaubare, menschliche Skalierbarkeit. Ein Verwaltungsbezirk – und nichts anderes wäre Bauers „regio-lokale Kirche“ – kann keine „Gemeinde“ im Sinne einer geistlichen Heimat sein, da die Anonymität der Masse jede persönliche Bindung erstickt.
- Die Erfahrung ist ernüchternd: Je größer die Organisation, desto weiter entfernt sie sich von den Menschen. Eine Leitungsebene, die für abstrakte Sozialräume zuständig ist, verliert zwangsläufig den Blick für die konkrete Not vor Ort, da sie in der administrativen Koordination der Großstrukturen gefangen bleibt. Eine Identifikation findet hier heute schon nicht statt – warum sollte sich das durch eine Umbenennung ändern?
2. Die Illusion der „Kultur der Ermöglichung“
Bauer propagiert für 2040 eine Kultur der Ermöglichung, die im Heute, wo sie am dringendsten nötig wäre, durch zentralistische Kontrolle blockiert wird.
- Argument: Es ist ein klassischer „Design“-Fehler, zu glauben, man könne eine lebendige Kultur verordnen. Die Strukturreformen, die wir aktuell erleben (Zusammenlegungen, Großdekanate), erzeugen das genaue Gegenteil: Eine „Kultur der Verwaltung“, in der Energie für den Erhalt des Apparats statt für die Mission vor Ort verbraucht wird. Dass Bauer die EKD als „kleinen Überbau“ rettet, ist zudem ein Realitätsverlust, da die EKD in der Wahrnehmung der Basis eher als „fernes Symbol der Kirchensteuer“ denn als beratender Partner auftritt.
3. Diakonie und Kirche: Entkopplung statt Synergie
Die Diakonie ist heute schon ein Dienstleister unter vielen (neben ASB, DRK etc.). Viele sehen die Verbindung zur Kirche schon heute nicht mehr.
- Argument: Die Vision, dass eine „regio-lokale Kirche“ durch sozialräumliches Agieren wieder Identität stiftet, verkennt, dass das diakonische Profil heute schon austauschbar ist. Wenn Kirche keine geistliche Identität mehr vermittelt (die sich von anderen karitativen Trägern unterscheidet), verliert sie im Sozialraum ihren Alleinstellungsanspruch. Das „Design“ ignoriert, dass das Fundament – die Verkündigung – bei Bauer gegenüber der administrativen Strukturierung ins Hintertreffen gerät.
4. Dienstleistungs- und abgestimmte Fachzentren auf EKD-Ebene
Sorry, aber dieser Ansatz ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.
- Argument: Bauers Vision einer EKD als „kleiner, aber wichtiger Überbau“ ist zudem realitätsfern. Auf Gemeindeebene findet keine Identifikation mit der EKD statt; sie wird als fernes, bürokratisches Gebilde wahrgenommen. Wer auf diesen „Überbau“ setzt, ohne das Fundament – die lebendige Ortsgemeinde – zu stärken, baut auf Sand. Wir brauchen keine neuen Meta-Ebenen, sondern das Primat der Verkündigung vor der Struktur.
Kultur der Ermöglichung
Wenn Bauer die Kultur der Ermöglichung für das Jahr 2040 anpreist, warum dann nicht auch jetzt schon.
- Die Ortsgemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts.
- Fast alle Kirchensteuermittel werden hier eingesetzt.
- Kirchenämter konzentrieren sich auf die Begleitung der Gemeinden.
- Aus Drittmitteln finanzierte Einrichtungen müssen sich ganz aus Drittmitteln finanzieren, ansonsten werden sie aufgegeben.
Schaun wir mal, was daraus wird.
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Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst (Protestantische Kirche in der Pfalz) im Interview mit Detlef Dieckmann »Veränderung ist uns als Kirche wesentlich.«Die Thesen von Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst im Überblick
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Mein Kommentar
Die Zähmung der Profession: - Warum der Pfälzer Reformprozess an der Realität “vorbeiglaubt” - Einspruch, Frau Kirchenpräsidentin Wüst!
Das von Detlef Dieckmann geführte Interview mit der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst legt die tiefen tektonischen Verwerfungen offen, die die aktuellen Transformationsprozesse in unseren Landeskirchen durchziehen. Es ist das Dokument einer kirchenleitenden Vision, die Entlastung verspricht, aber Entmachtung bringt , und die im Gewand der theologischen Vorwärtsverteidigung eine soziologische Deprofessionalisierung des Pfarrberufs betreibt.
Das Märchen von der „reinen“ Spiritualität
Kirchenpräsidentin Wüst begründet den radikalen Entzug des Körperschaftsstatus der Ortsgemeinden und die Übertragung der Verwaltung auf Großdekanate mit dem pastoralen Wunsch nach Befreiung von administrativer Last. Pfarrpersonen, so die Erzählung, sollen in „Regio-Teams“ wieder das tun, wozu sie „spezifisch qualifiziert“ sind: Verkündigung, Seelsorge, Kasualien.
Das klingt verlockend, ist aber eine professionstheoretische Sackgasse. Der Pfarrberuf stand historisch stets in einer Reihe mit den klassischen freien Professionen wie Medizin und Jura. Das konstituierende Merkmal einer Profession ist ihre fundamentale Autonomie – die Freiheit von administrativen Weisungen von oben, fundiert durch eine akademische Ausbildung und die Bindung an die Grundlagen des Standes (im Pfarrberuf Bibel, Bekenntnis und Gewissen).
Wer nun das Management der Ressourcen – das Wissen um Finanzen, Immobilien und das unmittelbare Arbeitsumfeld – als „lästiges Anhängsel“ diffamiert , übersieht eine Grundregel aktiver Gestaltung: Wer seine Ressourcen nicht aktiv kennt und verwaltet, kann auch nicht aktiv gestalten. Wenn das Management in Großbehörden zentralisiert wird, mutiert der Pfarrer vor Ort vom autonomen Leiter zum weisungsgebundenen „Spiritualitätsdienstleister“. Dass jüngeren Kolleginnen und Kollegen diese ökonomische und juristische Steuerungskompetenz im Studium und Vikariat oft nicht mehr als integraler Bestandteil ihrer Gestaltungsmacht vermittelt wird, ist kein Argument für die Reform, sondern ein Offenbarungseid der Ausbildung.
Die Erosion der synodalen Kontrolle
Diese administrative Entmachtung der Parochie hat fatale Folgen für das demokratische Gefüge unserer Kirche. Synoden sind formal der Souverän. In der Praxis leiden sie ohnehin unter einer massiven Asymmetrie: Ehrenamtliche Synodale, die nur wenige Male im Jahr tagen, stehen einer spezialisierten, hauptamtlichen Kirchenverwaltung gegenüber.
Nach meiner Erfahrung waren es bisher vor allem die gestandenen, akademisch ausgebildeten Pfarrpersonen in den Synoden, die aufgrund ihrer Doppelrolle – als theologische Fachkräfte und administrative Leiter vor Ort – der Kirchenleitung und den Finanzdezernaten auf Augenhöhe Paroli bieten konnten. Wenn diese Gruppe nun in harmonisierende „Regio-Teams“ mit bürokratischen Geschäftsverteilungsplänen eingebunden und vom harten Datenwissen der Verwaltung abgeschnitten wird, bricht dem kirchlichen Parlamentarismus die kritische Speerspitze weg. Die Synoden laufen Gefahr, zu symbolischen Akklamationsgremien zu verkommen. Christoph Bergner hat das in seinem Aufsatz “Der Verlust der Nähe - Wie die Kirche den Bezug zu sich selbst und zu ihren Mitgliedern verlor" sehr treffend beschrieben (vgl. Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 10/2025). Die ehrenamtlichen Presbyterinnen und Presbyter werden den zentralisierten Verwaltungsapparaten der Dekanate künftig noch wehrloser ausgeliefert sein.
Sachkritik ist keine Psychologie
Gegen diesen radikalen Umbau regt sich berechtigter Widerstand. Doch wie reagiert die Kirchenleitung auf den fachlichen Einspruch? Mit einer grassierenden Psychologisierung der Debatte. Wenn Kirchenpräsidentin Wüst im Interview betont, sie habe zwar „Verständnis für Trauer, Empörung, auch Streit“, erteile aber „reinem Beharrungsvermögen und der Sorge um Macht“ eine Absage, bedient sie ein durchsichtiges Manöver zur Diskursverweigerung.
Es ist an der Zeit, eines unmissverständlich klarzustellen: Auch jene Gruppe von Pfarrpersonen, die oft vorschnell als „die Alten“ etikettiert wird, stellt Reformen angesichts sinkender Mitgliederzahlen und Finanzen nicht grundsätzlich infrage. Wenn wir allerdings die schillernden, oft substanzlosen Visionen einer rein digitalisierten oder künstlich fusionierten Patchwork-Kirche kritisieren , dann verbitten wir uns die Etikettierung unseres Widerspruchs als Unfähigkeit zum „Loslassen“.
Mein Widerstand speist sich nicht aus nostalgischer Verklärung, sondern aus der jahrzehntelangen Erfahrung einer gelingenden, lebensnahen Praxis in der Parochie. Die Ortsgemeinde ist kein defizitäres Auslaufmodell, das man zugunsten steriler Großstrukturen abwickeln muss. Sie ist und bleibt der entscheidende, analoge und greifbare Ort, an dem Menschen im Alltag einer realen Hoffnung begegnen. Man muss uns Gemeinden – Haupt- und Ehrenamtliche – dort nur arbeiten und gestalten lassen, anstatt uns im Namen einer vermeintlichen Effizienz administrativ zu entmündigen.
Veränderung ist der protestantischen Kirche in der Tat wesentlich. Aber sie gelingt nur durch die Stärkung der theologischen Profession an der Basis, nicht durch ihre Zähmung von oben.
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Martin Schuck zur geplanten "Transformation" der Evangelischen Kirche der Pfalz Die Stärkung der Gemeinden wäre ein mutiges SignalDie Position von Martin Schuck im Überblick In seinem Aufsatz setzt sich Dr. Martin Schuck kritisch mit der geplanten Strukturreform („Transformation“) der Evangelischen Kirche der Pfalz auseinander. Seine Argumentation basiert auf drei Kernsäulen:
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Mein Kommentar
Transformation oder Deformation? - Warum wir das Gemeindepfarramt gegen den neuen Klerikalismus verteidigen müssen.
Die Analyse von Martin Schuck legt den Finger in eine tiefe, systemische Wunde. Was sich derzeit in der pfälzischen Landeskirche abspielt, ist keineswegs ein isoliertes, regionales Experiment, sondern ein gefährlicher Testlauf für die gesamte EKD. Unter dem Deckmantel des Sparens und der Demografie droht eine Strukturreform, die das protestantische Kernprinzip – den Aufbau der Kirche von unten nach oben – im Kern erschüttert. Zwei miteinander verflochtene Entwicklungen sind dabei besonders besorgniserregend.
1. Die Entprofessionalisierung des Pfarrberufs
Die geplante Einführung von „Regio-Gemeinden“ mit „gemischt professionellen Teams“ bedeutet de facto das Ende des rechtlich und pastoral selbstständigen Gemeindepfarramts. Bisher war das evangelische Pfarramt ein Beruf mit einer klaren, geschützten Profession. In ihrer theologischen und seelsorgerlichen Amtsführung konnten sich Pfarrerinnen und Pfarrer als eine Art „Freiberufler“ verstehen, die allein an die Heilige Schrift und ihr Gewissen gebunden waren, allerdings finanziell und wirtschaftlich abgesichert durch das feste Gehalt.
Wenn nun jedoch Dekane und Superintendenten vom reinen Organ der Dienstaufsicht zum direkten „Dienstvorgesetzten“ mit umfassender Weisungsbefugnis aufgewertet werden, bricht diese grundlegende Freiheit weg. Aus theologisch eigenverantwortlichen Persönlichkeiten, die an ihre konkrete Gemeinde gewiesen sind, werden weisungsgebundene Rädchen in einer regionalen Verteilungsmasse. Das schadet der pastoralen Identität und zerstört das Vertrauensverhältnis vor Ort.
2. Die Degradierung des Ehrenamts zum „Festausschuss“
Die angedachte hierarchische Struktur funktioniert, wenn das traditionell vertrauensvolle Verhältnis zwischen Pfarramt und Kirchenvorstand ausgehöhlt wird. Genau das ist die Konsequenz der Zentralisierung. Wenn den Kirchengemeinden der Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts entzogen wird, verlieren die Presbyterien ihre eigentliche Leitungskompetenz und ihr Budgetrecht.
Eine Presbyterin hat es in Schucks Artikel brillant auf den Punkt gebracht: Die neuen Gemeinderäte verkümmern zu einem „Festausschuss mit Taschengeld“.
Diese systematische Entmachtung entwertet das evangelische Ehrenamt völlig und macht die Mitarbeit in der Gemeindeleitung absolut unattraktiv. Eine lebendige Kirche lebt jedoch nicht von zentral verwalteten Großregionen, sondern von der Identifikation der Menschen vor Ort.
Fazit: Den Rückbau der Machtstrukturen wagen!
Schucks Alternativvorschlag ist daher so mutig wie zwingend notwendig: Nicht die Großstrukturen, Dekanate und Kirchenkreise, sind zu stärken, sondern die Kirchengemeinden mit dem Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.
In den letzten Jahrzehnten hat sich in der evangelischen Kirche, offensichtlich in allen Landeskirchen, eine bürokratische Zwischeninstanz etabliert, die sich – insbesondere durch die Abkoppelung des Dekans bzw. Superintendenten vom konkreten Gemeindepfarramt – eine unkontrollierbare Machtstruktur geschaffen hat. Wir brauchen eine Rückkehr zum Dekan als niedrigschwellige, ehrenamtliche Funktion aus den Reihen des Konvents.
Letztendlich werden wir uns entscheiden müssen: Wollen wir eine durchorganisierte Konsistorialkirche - wobei ich hinter "organisiert" noch ein großes Fragezeichen setze - mit quasi-bischöflichen Zügen, die ihre eigenen Wurzeln kappt? Oder haben wir den Mut, die Gemeinden vor Ort strukturell und rechtlich zu stärken? Es ist Zeit für eine Besinnung auf unsere eigentliche Tradition. Der Leitgedanke für die Zukunft der EKD darf nicht „Transformation“ in die Bedeutungslosigkeit heißen, sondern „Reformation“ zurück zur Basis.



