Dienstag, 3. Februar 2026

Die verwaltete Erschöpfung

Warum die „transparochiale“ Wende die Basis im Stich lässt ...

Ausführlich habe ich mich in der letzten Zeit mit den Maßnahmen beschäftigt, die von Seiten der kirchenleitenden Ebenen angestrebt werden, um dem immer deutlicher spürbar werdenden Abwärtstrend in der Kirche entgegenzuwirken. Besonders die beiden Artikel mit den gegensätzlichen Positionen von Andreas Dreyer und Julia Koll in den letzten Ausgaben des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts (vgl. den vorhergehenden Blogbeitrag “Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?”) waren Anregung genug, nach weiteren Positionen zu forschen. 

Hier nur eine Auswahl der Dokumente:

  • Allen voran: Gisela Kittel/Eberhard Mechels (Hg.), Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen 2016
  • AKTENSTÜCK NR. 98 DER 23. LANDESSYNODE, 23. Mai 2005
  • Zukunft gescheitert? Die Landeskirche Hannovers ringt um ihren Erneuerungsprozess - 14. Mai 2023 · Rundblick - Politikjournal für Niedersachsen - Kultur (https://rundblick-niedersachsen.de/zukunft-gescheitert-die-landeskirche-hannovers-ringt-um-ihren-erneuerungsprozess; abgerufen 02.02.2025)
  • AKTENSTÜCK NR. 89 A DER 26. LANDESSYNODE, 11. September 2024
  • AKTENSTÜCK NR. 104 C DER 26. LANDESSYNODE, 4. November 2025

Was in den kirchenleitenden Verlautbarungen zunächst nach einer innovativen Ausweitung kirchlichen Handelns klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen – wie auch im aktuellen Artikel von Julia Koll – als die theoretische Untermauerung einer schleichenden Entmachtung der Kirchengemeinde vor Ort.

Die „Selbsterfüllende Prophezeiung“ der Krise

Das Narrativ der Kirchenleitungen ist beinahe überall gleich: Die traditionelle Arbeit in den Gemeinden „fresse“ zu viele Ressourcen und erreiche immer weniger Menschen. Die logische Konsequenz sei daher die Verlagerung von Verantwortung und Finanzen auf die „nächste Ebene“, den Kirchenkreis.

Diese Abwertung der Arbeit vor Ort findet sich leider immer wieder. 2006 gab die EKD das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ heraus. Dieses Dokument gilt als der „Urtext“ der aktuellen Reformformentwicklung. Kritiker wie die Bochumer Theologieprofessorin Isolde Karle (beispielsweise in „Kirche der Freiheit? Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Impulspapier des Rates der EKD“ in der Zeitschrift Evangelische Theologie) werfen dem Papier vor:

  • Betriebswirtschaftliche Sprache: Begriffe wie „Taufquote“, „Benchmarking“ und „Qualitätsmanagement“ wurden eingeführt. Dies habe den Pfarrberuf von einer geistlichen Berufung zu einer messbaren Management-Aufgabe herabgestuft.
  • Abwertung der Fläche: Das Papier propagiere „Leuchttürme“ (Profilkirchen) und nähme dabei die „pastorale Unterversorgung“ in der Fläche (Ortsgemeinden) bewusst in Kauf.
  • Qualitätszweifel: Es werde unterstellt, dass die Qualität von Amtshandlungen (Taufen, Trauungen) oft unzureichend sei und erst durch zentrale Standards „professionalisiert“ werden müsse.

Die Pfarrvereine warnten regelmäßig davor, dass die Kirchenleitungen durch die ständige Strukturreform die „psychische Widerstandskraft“ der Geistlichen untergrabe. 

Andreas Kahnt, ehem. Vorsitzender des Pfarrverbandes, schrieb dazu: „Wir sind keine Filialleiter eines religiösen Konzerns, sondern Seelsorger. Die ständige Rede von 'Effizienz' und 'Output' verkennt, dass das Wesen der Kirche dort liegt, wo zwei oder drei im Namen Christi zusammenkommen – und nicht dort, wo die Taufquote stimmt.“ (Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe 11/2012; unter dem Titel der Berichterstattung zum Pfarrertag) 

Ähnlich drückte es Andreas Dreyer aus: „Die permanente Reformeuphorie der Kirchenleitungen korrespondiert mit einer tiefen Erschöpfung an der Basis. Wer Gemeinden fusioniert und Stellen streicht, darf sich nicht wundern, wenn das Bild des Pfarrers in der Öffentlichkeit nur noch als das eines 'Mangelverwalters' erscheint.“ (An der Belastungsgrenze, in: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 3, 2014)

In meinen Augen erleben wir hier eine „Self-fulfilling Prophecy“. Wenn die Kirchenleitungen über Jahre hinweg das Bild zeichnen, dass die Arbeit vor Ort „nicht mehr läuft“ und die Parochie ein Auslaufmodell sei, dann sickert dieses Gift der Demotivation bis in die Kirchenvorstände und zu den Pfarrpersonen und letztendlich auch zu den Gemeindegliedern durch. Es entsteht eine Depressionsspirale. Wenn man Menschen ständig sagt, sie seien Teil eines sterbenden Systems, werden sie irgendwann aufhören, für dessen Erhalt zu kämpfen, ja, sie werden sich abwenden.

Die von mir - und vielen anderen - so erlebte Abwertung der jahrelangen und durchaus auch erfolgreichen Arbeit vor Ort war der Antrieb, mich noch einmal mit der Materie auseinanderzusetzen. Alle Zitate und Positionen der Kritiker zeigen überdeutlich, dass die von Julia Koll und anderen geforderte „ressourcenkluge Gestaltung“ (bei Koll die Transparochialität) keine neue Idee ist, sondern die Fortsetzung eines 20 Jahre alten Fehlers. Die "Reformideen" zünden nicht, sie halten den Abwärtstrend nicht auf, sie zeigen keine Wirkung, die in die Breite geht und die Basis erreicht.

Die Gegenargumentation hat immer das gleich Ziel: Wer die Parochie aufgibt, gibt die soziale Form der Kirche auf, die Menschen am effektivsten erreicht.

Ehrenamt braucht Wertschätzung, keine Verwaltung

Wir wissen, dass das ehrenamtliche Engagement überall gesellschaftlich immer schwieriger zu mobilisieren ist. Doch anstatt die verbleibenden Kräfte zu stärken, fühlen sich viele Ehrenamtliche durch die „Top-Down-Reformen“ schlichtweg nicht mehr wertgeschätzt. Wer möchte schon seine Freizeit opfern, um als „Mangelverwalter“ in einem System zu fungieren, das die eigene Gemeinde zur bloßen „Verwaltungseinheit“ des Kirchenkreises degradiert?

Kirche der Reformation? ...

... ein lesenswertes Buch, hrsg. von Gisela Kittel und Eberhard Mechels

Zum Reformationsjahr 2017 gaben Gisela Kittel und Eberhard Mechels die 2. Auflage ihres Buches heraus “Kirche der Reformation? - Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr”. Kittel und Mechels versammeln in diesem Band gewichtige Stimmen, die den Reformeifer der EKD hinterfragen. Statt einer Anpassung an moderne Management-Strukturen fordern die Beiträge eine theologische Tiefenschärfe, die den Namen 'Reformation' verdient. Auch jetzt kann ich wieder nur feststellen: Ein unverzichtbares Werk für alle, die sich nicht mit strukturellen Antworten auf geistliche Fragen zufriedengeben wollen.

Alle Autoren analysierten bereits frühzeitig die Gefahren (s. oben die Kritik von Isolde Karle und anderen), die wir heute in verschärfter Form erleben. Besonders hervorzuheben sind dabei:

  • Die Erosion der Ortsgemeinde: Die Autoren warnten schon damals vor einer „Entparochialisierung“. Was einst als Flexibilisierung verkauft wurde, führt heute oft zum faktischen Statusverlust der Kirchengemeinde als primärem Ort kirchlichen Lebens.
  • Ökonomisierung vs. Theologie: Der im Buch beschriebene Vorrang von Management-Logiken gegenüber ekklesiologischen Grundsätzen lässt sich heute in den (oft alternativlos präsentierten) Strukturfusionen eins zu eins wiederfinden.
  • Der Status des Pfarramts: Auch die Veränderung des pastoralen Dienstes hin zum „Funktions- und Regionalmanagement“ wurde hier bereits in den Anfängen kritisch beleuchtet.

Erneuerung von unten

Um zu verdeutlichen, was die Autoren schon zum Reformationsjahr sagen wollten, greife ich auf den Artikel von Herbert Dieckmann zurück, “Plädoyer für eine kirchliche Erneuerung von unten”; ich hätte auch andere Artikel nehmen können. 

Kurz zur Einordnung der Person: Herbert Dieckmann war von 1970 bis 2005 aktiv im kirchlichen Dienst der Hannoverschen Landeskirche als Gemeinde- und Schulpfarrer und im kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Er war Mitglied und Vorsitzender der Pfarrvertretung und danach Rechtsberater im Hannoverschen Pfarrverein. Zusammengefasst: Ein Kenner der Materie.

Dieckmanns Argumentation kann so zusammengefasst werden:

1. Kritik an der "Fortschrittsideologie" der Kirchenleitung

Dieckmann wirft der Kirchenleitung vor, eine überholte Fortschrittsideologie des 19. Jahrhunderts zu reaktivieren. Unter dem Deckmantel der "Reform" gehe es primär um eine Neuverteilung von Finanzmitteln zulasten der Ortsgemeinden und zugunsten von bürokratischen Funktionsstellen (z. B. Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit). Unterstützt werde dies durch eine "clevere Beratungsindustrie" (wie McKinsey), die erfolgreiche Gemeindearbeit systematisch schlechtrede.

2. Verzerrtes Bild der Pfarrerschaft vs. Realität

Dieckmann kritisiert die gezielte Abwertung des Pfarrerbildes durch die EKD. Diese unterstelle der Pfarrerschaft eine "mentale Orientierungskrise" und mangelnde Professionalität.

Der pensionierte Pfarrer führt dagegen die EKD-eigenen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU V im Jahr 2012) an. Diese belege, dass 92% der Kirchenmitglieder den Kontakt zu ihren Ortspastoren als "gut" oder "sehr gut" bewerteten. Pastorinnen und Pastoren rangierten im gesellschaftlichen Ansehen auf Platz zwei direkt hinter Ärzten.

Anmerkung Krüger: Zur neuesten KMU VI (Herbst 2022) schrieb ich im Blogbeitrag “Ecclesia evangelica, quo vadis? Gedanken zur Auswertung der 6. KMU”: 

Kirche vor Ort - DAS Kontaktfeld!

Als Ort der Begegnung erreichen nur die eigene Kirchengemeinde (38%) und Kirchengebäude oder Orte der Stille (19%) zweistellige Prozentwerte. Alle anderen Optionen - Seelsorge in einer Klinik oder einem Seniorenheim (3%); kirchliche Bildungseinrichtung (4%); Einrichtung der Caritas oder Diakonie (8%); kirchlicher Kindergarten (7%) - sind weit abgeschlagen.

Auch bei der Frage nach der Kontaktperson erzielen die Mitarbeitenden vor Ort hohe Werte: Pfarrperson (42%), Sekretär/in (25%), Kirchenmusiker/in (22%). Die Begegnung mit Mitarbeitenden "in der Jugend-, Familien-, Senioren- oder Sozialarbeit" (31%) lässt sich nicht differenzieren, weil verschiedene Arbeitsfelder zusammengefasst wurden.

3. Die Unverzichtbarkeit der Ortsgemeinde

Entgegen der Behauptung, die Ortsgemeinde sei ein "Auslaufmodell", betont Dieckmann deren Reichweite:

  • Vier-Säulen-Modell: Die Ortsgemeinde bestehe aus der Gottesdienst-, Gruppen-, Veranstaltungs- und Amtshandlungs-Gemeinde.
  • Alleinstellungsmerkmal: Nur die Ortsgemeinde erreiche durch Taufen, Trauungen und Beerdigungen 100% der Kirchenmitglieder, auch die Distanzierten. Sondergemeinden (z. B. City-Kirchen) seien hingegen oft "milieuverengt".
  • Beziehungsnetzwerk: In einer gesichtslosen Mediengesellschaft biete nur die Gemeinde vor Ort verlässliche, persönliche Beziehungen.

4. Wirtschaftliche Fehlentwicklung

Dieckmann belegt mit Zahlen (Anmerkung Krüger: gültig zur Zeit der Abfassung des Aufsatzes; deshalb müssten die Zahlen heute natürlich angepasst werden, aber an der von Dieckmann herausgearbeiteten Aussage wird sich wohl kaum etwas verändern) aus der Hannoverschen Landeskirche eine massive Fehlsteuerung.

Dieckmann betrachtet die Zahl der Gemeindepfarrstellen zwischen 1954 und 2015, In diesem Zeitraum, so Dieckmann, sank die Zahl um 14% von 1.358 auf 1.170 Stellen. Die Zahl der sonstigen Mitarbeiter und Kirchenbeamten nahm nach den Berechnungen von Dieckmann um 434% zu (5.000 zu 21.700), bei den Vollzeitstellen wäre es sogar ein Anstieg um 763% gewesen (1.700 zu 12.970).

Anmerkung Krüger: Die Googlerecherche ergibt, dass es Anfang der 2000er Jahre noch rund 1.300 Pfarrstellen gab; das Aktenstück 98 aus dem Jahr 2005 sah eine Reduktion der Pfarrstellen um 10% vor. Die Entwicklung ist seit 2015 leider schon viel weiter. Zu den gestrichenen Pfarrstellen kommen in Zukunft verstärkt die vakanten Pfarrstellen, für die es ganz offensichtlich kein aktive Management auf Seiten der Personalplanung gibt. 

Dieckmann rechnet vor (2015), dass 2.000 Gemeindeglieder ihre Pfarrstelle problemlos selbst finanzieren könnten (396.000 € - basierend auf 198 € pro Kopf) und dennoch Überschüsse für die Landeskirche erwirtschafteten (314.700 €, nach Abzug der Planungssumme für eine Pfarrstelle zum Zeitpunkt der Berechnung). 

5. Forderungen für eine echte Reform

  • Priorität für die Basis: Die Organisation Kirche muss sich wieder als Dienstleister für die Ortsgemeinden verstehen.
  • Erhalt von Pfarrstellen: Gemeindepfarrstellen müssen unbedingt erhalten bleiben, da sie das "Kapital an Vertrauen und Sympathie" repräsentieren.
  • Betriebswirtschaftliche Vernunft: Statt teurer Stabsstellen sollte die Kirche auf Transparenz, Sparsamkeit und eine echte Kosten-Nutzen-Analyse ihrer "Hobby-Projekte" setzen.

Dieckmann schließt mit dem Appell, sich auf die "Selbstwirksamkeit des Wortes Gottes" zu verlassen, anstatt die Kirche als rein menschliches Organisationswerk misszuverstehen. Er betont: Die Kirche lebt von der Gemeinde her. 

Wenn wir diese bewährten Bottom-Up-Strukturen nicht nutzen und stattdessen durch bürokratische Überbau-Netzwerke ersetzen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Zurück zur aktuellen Diskussion: Das Profil im Quartier

Eine echte Erneuerung braucht keine Flucht in die Abstraktion des Kirchenkreises, sondern eine radikale Besinnung auf das, was uns ausmacht. Unser Auftrag im Quartier - und diesen im gegenwärtigen “Kirchensprech” sehr oft gebrauchten  Begriff verwende ich jetzt ganz bewusst - unser Auftrag im Quartier ist klar umrissen:

  • Verkündigung und Seelsorge
  • Unterricht und Bildung
  • Kasualien (die Begleitung an den Knotenpunkten des Lebens - Taufe - Konfirmation - Hochzeit - Beerdigung)

Das ist unser Profil, das uns von allen anderen “Anbietern” unterscheidet! Und ja, dazu gehören auch unsere Gebäude. Ein Gemeindehaus ist kein „Ressourcenfresser“, sondern ein Gemeinwohl-Anker. Es muss - wie neuerdings auch offiziell gefordert - ein offener Raum für das Quartier sein – auch für externe Gruppen und Angebote, notfalls gegen ein Entgelt –, solange es dem kirchlichen Auftrag nicht widerspricht.  

Unsere Kirchen sind und bleiben der Ort, wo sich die Gemeinde Jesu Christi am Sonntag - dem Tag, an dem wir die Auferstehung unseres Herrn und Heilands feiern - zum Gottesdienst versammelt. Über die Uhrzeit kann man hier und da diskutieren, aber es muss immer berücksichtigt werden, dass Pastorinnen und Pastoren oft auch eine Familie haben - oder Freunde -, wo die gemeinsame Zeit durch einen unterschiedlichen Arbeitsrhythmus ein sehr kostbares Gut ist.

Projekte, die über dieses Kernprofil hinausgehen, müssen unterstützt werden, dürfen aber nicht die Existenz der Basisarbeit gefährden. Bewusst nehme ich eine Forderung aus dem synodalen Aktenstück 98 in seiner Endfassung von 2005 auf und spreche auch von einer Priorisierung des Kernbestands: Aufgaben, die nicht zum Kernbestand gehören oder keine finanzielle Eigenständigkeit erreichen, müssen wegfallen oder über Drittmittel/Spenden finanziert werden. 

Die Illusion der Entlastung: Das Aktenstück 89 A

Oft wird behauptet, der Wechsel im Körperschaftsstatus (weg vom öffentlichen Recht hin zu einer rein kirchlichen Körperschaft) würde die Verwaltung vereinfachen. Das Aktenstück 89 A aus dem Jahr 2025 der Hannoverschen Landeskirche entlarvt dies als Illusion. Eine Änderung des Status führt nicht zwingend zu weniger Arbeit, aber sie führt zwingend zu weniger Rechten und weniger Autonomie für die Gemeinden.

Körperschaft des öffentlichen Rechts - Schutzschild für die Selbstbestimmung der Gemeinde

Im Aktenstück 89 A werden drei Experten gehört, deren Ansätze unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Nur Prof. Dr. Michael Germann (Staatskirchenrecht) nimmt die Gemeinde als Trägerin bürgerlicher Freiheit ernst. Er warnt davor, den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) leichtfertig aufzugeben. Für ihn ist dieser Status kein bürokratischer Ballast, sondern ein Schutzschild für die Selbstbestimmung der Gemeinde.

Das Trugbild vom "Kirchlichen Verein"

Oft wird das Bild der Kirche als "Verein" bemüht, so auch von Prof. Dr. Jan Hermelink. Er spricht von "Teams" und "Netzwerken". Das klingt modern und "hemdsärmelig", ist aber gefährlich ungenau.

  • Der Denkfehler: Ein echter Verein besitzt sein Vereinsvermögen und sein Vereinsheim.
  • Die bittere Realität der Reform: In den Modellen der Landeskirche verliert die Gemeinde ihr Eigentum an den Kirchenkreis. Wer aber kein Grundbuch und kein Budgetrecht mehr hat, ist kein Verein – er ist eine Bittsteller-Filiale. Wenn die Kontrolle über Gebäude, Geld und Personal (die drei Säulen lokaler Macht) nach oben wandert, bleibt von der Gemeinde nur noch ein "spiritueller Debattierclub" übrig; zugegeben: ist ein bisschen despektierlich ausgedrückt.

Vollmachten sind kein Rechtsschutz

Auch das von Prof. Dr. Emanuel V. Towfigh angeführte Modell der Bahá’í-Gemeinde, die über "Vollmachten" arbeitet, taugt nicht als Vorbild für eine Landeskirche mit jahrhundertealter Tradition. Zum einen spricht Dr. v. Towfigh von einer Organisation mit runde 6.000 Mitglieder, denen eine Landeskirche mit gut 2.000.000 Mitgliedern gegenübersteht, zum anderen kann eine Vollmacht auch bei gegenteiliger Beteuerung von der Zentrale jederzeit einseitig zurückgezogen oder beschnitten werden. Das ist das Gegenteil von Autonomie; es ist Abhängigkeit auf Abruf.

Die Erprobung nutzen: Die Pyramide umdrehen

Anstatt die Gemeinden rechtlich zu entmachten, um eine vermeintliche "Verwaltungsvereinfachung" zu erreichen, müsste die vor der Synode festgesetzte Erprobungsphase genutzt werden, um die Hierarchie umzukehren:

  • Verwaltung als kompetenter Dienstleister: Die Kirchenämter müssen wieder Dienstleister der Gemeinden sein. Als ich in den 1990er Jahren meinen Dienst antrat, war es ein Miteinander. Die Gemeinden wurden beraten. Wenn Vorschriften einzuhalten waren, wurde geholfen.
  • Erhalt der Rechtspersönlichkeit: Nur eine Gemeinde mit eigenem Status ist ein Partner auf Augenhöhe.
  • Vertrauen statt Kontrolle: Reformen von oben haben uns bisher nur Mitgliederschwund und Frustration gebracht. Es ist Zeit, die Kraft wieder an die Basis zu geben – dorthin, wo Menschen tatsächlich Kirche (er)leben.

Schlussgedanke: Verantwortung braucht Substanz

Am Ende müssen wir uns fragen: Was bleibt von einer Kirchengemeinde übrig, wenn man ihr das rechtliche Fundament entzieht? Ein Verein ohne eigenes Haus und ohne Zugriff auf sein Vermögen ist in der Realität handlungsunfähig. Wenn wir die Kirche wieder ‚vom Kopf auf die Füße stellen‘ wollen, wie ich es fordere, dann müssen wir die Gemeinde stärken, statt sie zu entmündigen. 

  • Starke Gemeinden und Pfarrpersonen können miteinander und auch mit dem Kirchenkreis kooperieren - allerdings: auf Augenhöhe
  • Selbstbewusste Gemeinden und Pfarrpersonen können mit kirchlichen Vorgaben lockerer umgehen, wenn die Wünsche von Gemeindegliedern - beispielsweise bei Kasualien - damit nicht ganz konformgehen, aber immer noch mit der biblischen Botschaft und dem evangelischen Bekenntnis vereinbar sind. 
  • Gestandene Pfarrpersonen haben überhaupt kein Problem damit, wenn Gemeindeglieder darum bitten, dass eine andere Person sie bei einem familiären Anlass begleitet. 
  • Und last, but not least: Pfarrpersonen, die in ihrer Parochie verwurzelt sind und leben, die arbeiten selbstverständlich mit ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern zusammen und gewähren jedem den Freiraum, der der gemeinsamen Arbeit zuträglich ist. 
Die Liste lässt sich fortsetzen!

Deshalb haben Prof. Germann und Andreas Dreyer und viele andere mehr recht: Der Körperschaftsstatus ist kein bürokratisches Hindernis, sondern die Garantie für die Freiheit der Basis. Wahre Reformen messen sich nicht an der Zentralisierung von Macht auf der Ebene des Kirchenkreises, sondern daran, wie viel Freiheit und Gestaltungsmacht sie denen zurückgeben, die vor Ort das Gesicht der Kirche sind. Nur so hat die Gemeinde – und damit die Landeskirche – eine Zukunft.


P.S. Ich empfehle jedem – ob im Pfarramt oder im Ehrenamt – die Lektüre des Bandes „Kirche der Reformation?“ von Gisela Kittel und Eberhard Mechels - soweit schon oder noch vorhanden. Es ist Zeit, das Schweigen zu brechen. Wir müssen für die Parochie kämpfen, nicht aus Nostalgie, sondern weil sie der einzige Ort ist, an dem Kirche für die Menschen wirklich erfahrbar bleibt.


P.P.S. Personalmangel im Pfarrberuf - ja, den gibt es natürlich und der wird sich weiter verstärken, wenn jetzt die geburtenstarken Jahrgänge in die Pension gehen - Lösungsansatz s. den vorherigen Blog "Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?"

Mittwoch, 21. Januar 2026

Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?

Ganz bestimmt nicht! Die Diskussion um den Status der Kirchengemeinden als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist bereits in vollem Gange. Während Kirchenfunktionäre diese Entwicklung schon weit vorangetrieben haben, ist das Thema an der Basis bisher nicht in dem erforderlichen Maß präsent. Das kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen: Die alltägliche Arbeit und die von Zeit zu Zeit immer wieder in den Raum gestellten “Erneuerungsprogramme” für eine “moderne Kirche” binden die Aufmerksamkeit so stark, dass für die Analyse dieser weitreichenden kirchenrechtlichen Weichenstellungen oft die nötigen Freiräume fehlen. Schon 2017 hatte ich den Artikel “Wie sich die hannoversche Landeskirche von ihren Kirchengemeinden distanzierte” von Andreas Dreyer gelesen und hier im Blog und im Gemeindebrief meiner Kirchengemeinde thematisiert, hatte weitere Artikel im überaus lesenswerten Buch “Kirche der Reformation?” von Gisela Kittel und Eberhard Mechels aufmerksam studiert und immer wieder für die Kirchengemeinde Artikel zum Thema “Quo vadis, ecclesica evangelica?” verfasst (sind hier im Blog wiedergegeben), aber erst jetzt im Ruhestand schreckten mich die Beiträge von Andreas Dreyer (Status der Kirchengemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts beibehalten; Link) und jetzt von Julia Koll (durchaus differenziert, in der Konsequenz aber klar: Status auf der Gemeindeebene zugunsten der Ebene des Kirchenkreises aufgeben; Link) im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt  auf. Sie machen unmissverständlich deutlich, dass hier von kirchenleitender Seite aus Fakten geschaffen werden sollen, die das Gesicht unserer Kirche dauerhaft verändern würden.

In den nachfolgenden Ausführungen werde ich mich immer wieder auf die Ausführungen von Julia Koll beziehen, die ich im Übrigen mit Interesse gelesen habe, auch wenn ich mit dem Vorschlag einer “transparochialen” Kirche nicht konform gehe. Ich schreibe diesen Beitrag als ein Pastor, der über fast drei Jahrzehnte seine Arbeit bewusst in einer Parochie gestaltete, dabei aber auch über diese Grenzen hinaus wirkte, wie die Redebeiträge im Rahmen meiner Verabschiedung deutlich machten. 

Wie ist mein Text aufgebaut? Nach einer “Theologischen Rückbesinnung” bzw. “Vorbesinnung” folgt in Auseinandersetzung mit Julia Koll eine Analyse der Situation zu den Stichworten “Systemkollaps oder Profilverlust?”, “Transparochialität vs. Parochiale Beheimatung”, “Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie” und „Volkskirchen-Illusion und der Minderheitenstatus“. Den dritten großen Abschnitt überschreibe ich mit “Ressourcen radikal an die Basis zurückgeben”. Dies macht schon deutlich, dass ich für eine professionelle Parochie plädiere. Es geht mir um eine ganzheitliche Reform statt um selektivem Ressourcenmangel, um eine Reform von unten nach oben. Nicht die Struktur rettet die Kirche, sondern die Klarheit der Botschaft. Die Krise ist keine Strukturkrise, sondern eine Identitätskrise.

Julia Koll stellt zum Schluss ihres Artikels die Frage: “Wie können die Stakeholder des bisherigen parochialen Systems in die Prozesse eingebunden werden? Zu rechnen ist mit Widerständen vor allem bei denjenigen, die sich jahrzehntelang (ehrenamtlich) innerhalb dieses Systems engagiert und Verantwortung übernommen haben. Wie kann ihre oftmals intrinsische religiöse Motivation und hohe Kirchenbindung wertgeschätzt und ihr organisationales Bewusstsein geweckt werden?” 

Ganz kurz dazu ein Zitat aus Wikipedia, wo die Stakeholder-Theorie beschrieben wird (Hervorhebung von mir): "Die Theorie bietet ein umfassendes und ethisch reflektiertes Rahmenwerk für die Unternehmensführung, das über die reine Gewinnmaximierung hinausgeht. Sie fordert eine bewusste Einbindung vielfältiger Interessen und macht auf komplexe Wechselwirkungen zwischen Unternehmen und Gesellschaft aufmerksam." 

Dann will ich mal ganz bewusst als ein solcher "Stakeholder" versuchen, meine Gedanken zu entfalten.

Theologische Rückbesinnung

Was mir in der ganzen Debatte zu kurz kommt, insbesondere, wenn es darum geht, den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts von Seiten der Kirchengemeinde aufzugeben, ist die Besinnung auf die Wurzeln der lutherischen Kirche, auf die Grundlagen, auf das Fundament. 

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es bei den von kirchenleitender Seite angedachten Reformen in erster Linie darum geht, den tatsächlich vorhandenen Mangel zu verwalten. Die Kirche wird als eine Organisation begriffen, die sich an schwindende Ressourcen (Personal, Geld, Gebäude) anpassen muss. Der Fokus liegt auf Effizienz und „Ressourcenklugheit“ (Julia Koll). Der Reformhebel ist die Struktur, die auf Top-Down umgestellt werden soll, umgestellt wird. Man glaubt, durch die Verlagerung von Kompetenzen und Rechten (Körperschaftsstatus) auf die mittlere Ebene (Kirchenkreis) Handlungsspielräume zurückzugewinnen. Wenn man von einer Ekklesiologie reden will, dann ist es eine funktionale. Dabei wird die Kirche über ihre „Praktiken“ definiert. Anstatt „alles für alle“ (Parochie) anzubieten, soll Kirche „kuratiert“ auftreten – also Schwerpunkte setzen (Energiepunkte), die auch professioneller vermarktet werden können.

Der angedachten Top-Down-Struktur setze ich ein Bottom-Up entgegen. Die Kraft der Kirche kommt von der Basis. Bindung entsteht durch Vertrauen zu Personen vor Ort (Pfarrpersonen durch die geschichtliche Entwicklung in besonderer Weise, allerdings schaffen auch alle anderen Mitarbeitenden Kirchenbindung) und der Kontinuität an den Wendepunkten des Lebens (Kasualien).

Als Ausgangspunkt meiner Überlegungen nehme ich mein Ordinationsversprechen: 

Ich werde das Evangelium predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer ev.-luth. Kirche bezeugt ist, ich werde die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit wahren und mich in allen Dingen so verhalten, wie es meinem Auftrage entspricht. 

Ich werde weiterhin die Kinder begleiten, die Jugendlichen zur Konfirmation führen, den Paaren, die im Glauben Gottes Segen für den gemeinsamen Weg erbitten, diesen zusprechen und ich werde Sterbenden mit dem Trost des Wortes Gottes zur Seite stehen.

Dieses Versprechen ist nicht nur „lokale Praxis“, sondern darin sehe ich den Daseinszweck der ganzen Kirche. Dies ist gut lutherisches Verständnis, wonach Kirche dort ist, wo das Wort rein gepredigt und die Sakramente gestiftet werden (CA VII):

Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.

Dieser Vorgang braucht einen konkreten Raum und eine verlässliche Gemeinschaft - für mich ist das die Parochie. Und in der Bibel heißt es dann Matthäi am Letzten: 

Christus spricht: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Systemkollaps oder Profilverlust?

Julia Koll diagnostiziert zutreffend eine „tiefgreifende Unklarheit der Kirche über sich selbst“. Sie beschreibt die Kirche als ein hybrides Gebilde, in dem organisationale Anteile und Merkmale einer Bewegung gleichermaßen stärker werden, während der gesellschaftliche Status erodiert. Diese Sichtweise fasse ich unter dem Stichwort “Systemkollaps” zusammen. Dem halte ich entgegen, dass die in der Tat bestehende „tiefgreifende Unklarheit der Kirchen über sich selbst“ auf den Verlust des evangelischen Profils und Propriums zurückzuführen ist. 

  • Systemkollaps

    • Das bisherige parochiale System bindet enorme Ressourcen, ohne den Prozess der Entkirchlichung abpuffern zu können. 
    • Es gibt ein „Nebeneinander vergleichbarer, nicht miteinander abgestimmter Angebote“, das Bemühen, überall die Vollversorgung, das ganze Programm zu bieten. 
    • Die Fixierung auf eine Bindungsform, die rein „lokal - dauerhaft - analog“ funktioniert, ist ein Hindernis auf dem Weg der Entwicklung. 
    • Die Ortsgemeinde im klassischen Sinne zu stärken bedeutet, Verwaltungsstrukturen und Gebäude mühsam zu erhalten.
    • Bisherige Regionalisierungen sind lediglich eine „Strategie der Dehnung“, die nun an ihre Grenzen stoßen.

  • Profilverlust 

    • Der Grund für die Entkirchlichung liegt m.E. nicht primär in der Struktur, sondern im Verlust des theologischen „Propriums“. Eine Kirche, die in ihren Verlautbarungen und in der Verkündigung mehr oder weniger nur gesellschaftspolitische Positionen von NGOs oder Parteien wiederholt - so wird Kirche oftmals auch und gerade von engagierten Gemeindegliedern wahrgenommen -, verliert ihre Daseinsberechtigung gegenüber den Kirchensteuerzahlern. 
    • Es ist die Frage, was Julia Koll und andere unter “Vollversorgung” und das “ganze Programm” verstehen. Wenn wir auch hier vom Profil und vom Proprium her denken, können wir das Ordinationsversprechen von Pfarrerinnen und Pfarrern zu Beginn des Berufslebens fruchtbar machen:
      • das Evangelium predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis der ev.-luth. Kirche bezeugt ist - die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwalten - das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit wahren - sich in allen Dingen so verhalten, wie es dem Auftrage entspricht - Kinder begleiten - Jugendlichen zur Konfirmation führen - Paaren, die im Glauben Gottes Segen für den gemeinsamen Weg erbitten, diesen zusprechen - Sterbenden mit dem Trost des Wortes Gottes zur Seite stehen
    Das sind und bleiben für mich die Essentials, die in jedem Pfarramt zu leisten sind. Das kann keine Überforderung sein, und das ist auch kein “Nebeneinander vergleichbarer, nicht miteinander abgestimmter Angebote“. Bei einem solchen Einsatz erleben Menschen etwas, das die Kirche von allen anderen Organisationen unterscheidet. In einer chaotischen Welt können Menschen eine „geistliche Beheimatung” finden, die ihrem Leben Sinn gibt.
    • Natürlich gibt es in unserer Gemeinde auch weitere Angebote und Gruppen, die über die im Ordinationsversprechen genannten Aspekte hinausgehen. Die werden dann aber eigenständig organisiert und geleitet. Die Pfarrperson und auch andere Mitarbeitende werden ein- bis zweimal im Jahr eingeladen. 
    • „lokal - dauerhaft - analog”
      • selbstverständlich gibt es auch in der Parochie fließende Grenzen
      • lokal ist die Regel, schließt aber einen Wechsel bzw. die Wahrnehmung von Angeboten in anderen Gemeinden nicht aus
      • dauerhaft ist auch schon in der parochialen Situation nicht mehr die Regel; Menschen engagieren sich für eine Zeit, um sich dann auch wieder zurückzuziehen, sie nehmen ein Angebot wahr, sind aber nicht ständig in der Gemeinde anzutreffen und fühlen sich trotzdem verbunden
      • analog - auch parochiale Gemeinde arbeiten und kommunizieren mittlerweile digital und haben ihre digitalen Auftritte, wenn auch nicht auf allen Kanälen - muss das sein?
    • Verwaltung gehört zu einer Ortsgemeinde. Das Profil erschöpft sich aber nicht darin. Gut funktionierende Kirchenämter könnten die Gemeinden vor Ort unterstützen, entlasten und fördern. 
    • In der Tat stoßen die bisherigen Formen an ihre Grenzen, was aber nicht ausschließlich an der Parochie festgemacht werden kann. Regionalisierung oder „Ambidextrie“ (Nebeneinander von Routine und Experiment [Julia Koll]) haben ihren zeitlichen Preis, die verschiedenen Zukunftsprogramme von EKD und Landeskirchen tun das Ihre, damit sich Pfarrpersonen und andere kirchliche Mitarbeitende nicht über zu viel Zeit und zu wenig Arbeit beklagen müssen. 

Transparochialität vs. Parochiale Beheimatung

Die Diskussion um die “postparochiale Kirche” lasse ich bewusst aus, weil die die Krise und den Gegensatz nur noch weiter verschärft. Julia Koll schlägt den Übergang zu einer „transparochialen Kirche“ vor, in der nicht mehr die “kleinteilige Ortsgemeinde”, sondern ein größerer Handlungsraum wie der Kirchenkreis der organisatorische Dreh- und Angelpunkt ist. Auch wenn die Autorin davon spricht, dass es “in einer … Übergangssituation ausgesprochen unklug [wäre], ­gelingende Formen kirchlichen Lebens abzuschaffen”, so steht im Verlauf des Prozesses, spätestens am Ende, zwingend der Statuswechsel der Kirchengemeinden an. 

Um die transparochiale Kirche mit Leben zu füllen, beschreibt Julia Koll die Vision der Kuration, also die Auswahl, Bewertung, Strukturierung und Präsentation von Inhalten oder Objekten, um sie für ein Publikum aufzubereiten. An die Stelle einer flächendeckenden „Vollversorgung“ tritt bei ihr eine „kuratierte und exemplarische Praxis“. Dies bedeutet für sie die gezielte Stärkung von „Energiepunkten“ (Highlights) und ein bewusstes Lassen von wenig nachgefragten „Lowlights“. Weitere Anmerkungen zur Gestaltung der “kuratierten Praxis” folgen unten im Abschnitt "Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie".

Dem ist zunächst entgegenzuhalten, dass Highlights auch in parochial geführten Gemeinden gesetzt und von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kirchenbindung wahrgenommen werden können. Das setzt eine funktionierende Öffentlichkeitsarbeit und eine gewisse Vernetzung der Parochien in einer Region voraus, die aber durchaus leistbar ist. Wer „Lowlights” mitschleppt, sollte nach der Selbstorganisation fragen.  

Die angesprochene Verlagerung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts weg von den Kirchengemeinden hin zum Kirchenkreis bedeutet einerseits, dass Kirchenvorstände in ihren Entscheidungskompetenzen erheblich eingeschränkt werden, andererseits eine Enteignung, wenn Gebäude, Grundstücke und gar das Vermögen an die nächste Ebene übergehen Was Kirchenleitungen als „Entlastung“ verkaufen, wird später an der Basis als massiver „Kontrollverlust“ erlebt werden. 

In einem ersten Übergangszeitraum wird man diese Entrechtung kaschieren können - und die Kirchenleitungen tun gut daran, nicht sofort zu zeigen, wer jetzt Herr im Hause ist - aber spätestens dann, wenn Grundstücke und Immobilien anders verwertet werden, als es sich Menschen vor Ort vorstellen können, wird es zu massiven Konflikten kommen. Hinzu kommt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Kirchenkreis mit seinen derzeit vorhandenen Personalressourcen überhaupt in der Lage ist, die Bewirtschaftung und Unterhaltung von Gebäuden und Grundstücken sicherzustellen. Wenn dann auch noch die bisher auf Gemeindeebene angestellten Personen zur Kirchenkreisebene wechseln müssen, wird das Chaos perfekt werden. 

Die Erfahrungen bisheriger Zentralisierungen - in den zurückliegenden Jahren bei den Kindertagesstätten - haben für die Kirchenvorstände zwar eine Arbeitsentlastung gebracht, die inhaltliche Arbeit aber nicht zwingend gefördert, weil mit der Übertragung der Trägerschaft auch eine Kontaktfläche zur Einrichtung verschwand. Wenn man noch weiter zurückgehen will, kommt die Gemeindeschwester in den Blick, die an vielen Orten integraler Bestandteil des Gemeindelebens war. Heute ist oftmals den Klienten - manchmal auch Gemeindegliedern und sogar Mitarbeitenden - nicht mehr bewusst, dass Diakonie oder Caritas kirchliche Einrichtungen sind.

Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie

Wenn Julia Koll im Raum der transparochialen Kirche eine „kuratierte und exemplarische Praxis“ etablieren will, dann setzt sie auf ein erweitertes Spektrum verschiedener Professionen (vom Sozialarbeiter bis zum Kulturmanager), die in Teams zusammenarbeiten. Julia Koll sieht in der Spezialisierung die Chance, dass Profis ihre Kernkompetenz im Zusammenspiel miteinander einbringen können, ohne in der kleinteiligen Verwaltung einer Einzelgemeinde zu „versacken“. Unter dem Stichwort “transparochial vernetzt” entfacht sie in ihrem Artikel geradezu ein Feuerwerk der neuen Möglichkeiten.

Zunächst einmal stellt sich die ganz dringende Frage: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Personalmangel gibt es nicht nur im Pfarrberuf. Auch Kirchenmusiker*innen, Diakon*innen, Sozialarbeiter*innen stehen nicht Schlange, um in den "multiprofessionellen Teams” flächendeckend mitarbeiten zu können. Der Versuch, Menschen außerhalb der kirchlichen Anstellungsträgerschaft zur Mitarbeit oder Zusammenarbeit zu gewinnen, ist lobenswert und sicher auch notwendig, kostet aber auch zusätzliche Ressourcen. 

Gleichzeitig treibt mich die Sorge um, dass das spezifische Profil des Pfarrberufs verwässert wird, dass es hier zu einer De-Professionalisierung kommt. Indirekt weist Julia Koll auch auf diese Gefahr hin, wenn sie unter dem Punkt “Einsichten und offene Fragen” die “zukünftigen Organisationsformen” anspricht und die Frage nach “Leitung, repräsentativer Partizipation und Macht in einer transparochialen Kirche” aufwirft. Und auch das fragt Julia Koll: “Wer trifft künftig Entscheidungen? Wer steuert das neuere, größere Kirchengebilde?” 

Die von Julia Koll zitierten Aussagen von Christoph Goos - „Ordinierte und geschäftsführende Personen leiten gemeinsam auf Augenhöhe, unterstützt von einem Kirchenamt, beraten und begleitet von einem auch ehrenamtlich besetzten Aufsichtsrat, der die Satzungen der Körperschaft beschließt und damit die großen Linien des kirchlichen Lebens vorgibt.“ bzw. Antje Hieronimus - “... »buntere Bilder von Synode«; ihr Leitbild bleibt eine Kirchenkreisversammlung, in der jedoch nicht nur Ortsgemeinden, sondern die verschiedensten kirchlichen Orte repräsentiert sind” … - können mich nicht überzeugen. Nach diesen Vorstellungen werden Pfarrpersonen letztendlich zu Weisungsempfängern der Leitung. 

Die „Volkskirchen-Illusion“ und der Minderheitenstatus

Ein weiterer Konfliktpunkt ist das zugrunde liegende Bild von Kirche in der Gesellschaft. Julia Koll orientiert sich aus organisationslogischer Sicht an einem Modell, das von einer Vielfalt fluider Bindungsformen (analog, digital, punktuell) ausgeht und darauf mit einer Vielfalt kirchlicher Praktiken reagiert. Dabei setzen sie und andere Reformer voraus, dass Menschen auf die Organisation Kirche zugehen, um Angebote zu nutzen oder Ideen zu verwirklichen. Ist das nicht das Bild einer steuerungsfähigen Volkskirche, wenn auch unter veränderten Bedingungen? Was aber ist, wenn das “Kirchenvolk” die Angebote nicht annimmt bzw. wenn Kirchensteuerzahler nicht bereit sind, diese Angebote auf Dauer zu finanzieren?

Gemeinden vor Ort hingegen können sich aus meiner Sicht oft besser mit einem Minderheitenstatus anfreunden, wenn sie eine geistige Heimat bieten, die Menschen in seelischer Not trägt. Die personale Kontinuität, die Begleitung von Familien über Generationen an den Eckpunkten des Lebens ist in meinen Augen durch funktionale Dienste nicht ersetzbar.

Fazit der bisherigen Diskussion

Während der Artikel von Julia Koll eine intellektuelle Antwort auf den Ressourcenmangel durch eine radikale Neuorganisation auf der mittleren Ebene sucht , warnt die pastorale Praxis vor einem irreparablen Vertrauensbruch. Ein Neuanfang kann nur gelingen, wenn das System nicht nur verwaltet wird, sondern die Verwaltung wieder zum „Dienstleister“ für die Gemeinden wird, damit diese ihre eigentliche Aufgabe der „geistlichen Beheimatung“ wahrnehmen können. Aber auch dafür müssen finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. 

Ressourcen radikal an die Basis zurückgeben

Plädoyer für eine professionelle Parochie

In der aktuellen Debatte um die Kirchenreform prallen zwei grundlegend verschiedene Logiken aufeinander: Die forcierte Neuorganisation auf transparochialer oder auch postparochialer Ebene auf der einen und die theologische Rückbesinnung an der Basis auf der anderen Seite. Mein Standpunkt versteht sich dabei als Korrektiv zur Theorie, die ihr Heil in einem größeren Handlungsfeld sieht. Ich setze die „Verheißung“ der Transparochialität gegen die „Realität“ einer Basis, die sich durch Strukturreformen eher im Stich gelassen als unterstützt fühlt.

Dabei ist mir bewusst: Die von mir beschriebene Vision braucht einen langen Atem. Die von Julia Koll analysierte Krise und die Defizite sind real und drängend. Es stellt sich jedoch die kritische Frage, ob eine Kirchenleitung, die offensichtlich seit Jahren das Ziel verfolgt, den Körperschaftsstatus der Gemeinden umzuwandeln, überhaupt bereit ist, diesen eingeschlagenen Weg der Zentralisierung noch einmal grundlegend zu überdenken.

Ganzheitliche Reform statt selektivem Ressourcenmangel

Ressourcenmangel ist kein exklusives Problem der parochialen Ebene. Eine ehrliche Reform muss ebenso die funktionalen Dienste und die stetig wachsenden Verwaltungsebenen in den Blick nehmen. Auf allen Ebenen muss sich die Kirche wieder auf ihr eigentliches „Proprium“ konzentrieren, sie muss zu einer geistlichen Heimat werden, die Menschen in seelischer Not trägt und den Eckpunkten des Lebens einen Sinn verleiht, der über das Materielle hinausgeht. Die Kirche muss sich daher radikal auf ihre Kernaufgaben konzentrieren: Verkündigung, Seelsorge und die Begleitung von Menschen in allen Lebensphasen. Insbesondere die Begeisterung von Kindern und Jugendlichen ist entscheidend – so gewinnt man Familien und engagierte Ehrenamtliche, die Kirche auch in Zeiten vakanter Pfarrstellen tragen können.

Verwaltung als Dienstleister, nicht als Hemmschuh

Julia Koll argumentiert, dass diese Kernaufgaben in der herkömmlichen Parochie nicht mehr leistbar seien, weil Gebäude, Verwaltung und Gremien die Energie auffressen. Doch dies sind keine genuin parochialen Aufgaben. Der Problemdruck entsteht vielmehr dort, wo Kirchenämter ihre Aufgaben nicht bewältigen (können) und den Gemeinden nicht zuarbeiten. Da Gemeinden gesetzlich an diese Ämter gebunden sind, bleibt ihnen eine effektivere Eigenverwaltung verwehrt.

Mein Gegenvorschlag lautet: Kirchenämter müssen zu reinen Dienstleister für die Gemeinden werden. Nicht die Gemeinde dient dem System (etwa durch die Abgabe von Kita-Trägerschaften an den Kirchenkreis, wodurch der Bezug vor Ort verloren geht), sondern das System muss die Gemeinde so frei halten, dass diese wieder „Geistliche Beheimatung“ bieten kann. Die Verwaltung von Einrichtungen, die über Drittmittel finanziert werden, darf nicht zu Lasten der Parochie gehen, weder personell noch finanziell. Treue Gemeindeglieder werden es auf Dauer nicht akzeptieren, dass Kirchensteuermittel im Verwaltungsapparat versickern, während die Kirchengemeinde vor Ort an Bedeutung verliert. Die Bindung erfolgt vor Ort, und das Geld wird letztendlich vor Ort eingeworben.

Proaktive Personalplanung und Schutz der Profession

Der gegenwärtigen Personalnot könnte mit einem rotierenden System begegnet werden. Anstatt Stellen beim Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge einfach auslaufen zu lassen und darauf zu hoffen, dass sie irgendwann wieder besetzt werden (können), schlage ich einen aktiven Personalpool vor, bei dem sich Pfarrpersonen anmelden, die sich mit dem Gedanken tragen, in absehbarer Zeit die Pfarrstelle zu wechseln. Diese Anmeldungen sollten bis zur aktiven Bewerbung nur dem Personaldezernat bekannt sein, das durch einen qualifizierten Abgleich die Kompetenzen der potentiellen Bewerber und Wünsche der vakanten Gemeinden abgleicht und so gezielt den Kontakt zwischen beiden Seiten herstellt. 

In der Ausbildung müssen die jungen Leute darauf vorbereitet werden, dass es sich beim Pfarrberuf um einen Beruf mit Profession handelt. Es ist also kein Beruf wie jeder andere, es ist ein Beruf, der höchst spezialisierte, ethisch verpflichtete Expertenautonomie im Dienst am Menschen fordert. Die Kernmerkmale sind und bleiben: Hochschulische Ausbildung, Autonomie und Selbstregulierung, eigenverantwortliches Handeln und Standesorganisationen, Berufsethik, Vertrauensverhältnis und Gemeinwohlorientierung. 

Vor Ort müssen sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Unter dem Blickwinkel Work-Life-Balance wird schon einiges getan. Hier sind Pfarrpersonen aber auch selbst gefordert, ihren Arbeitsbereich so zu organisieren, dass die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Sicherlich kein leichtes Unternehmen, aber wenn es gelingt und erlebbar wird, erhöht dies nicht nur die Arbeitszufriedenheit und nimmt den Druck vom Einzelnen, junge Menschen könnten wieder ermutigt werden, diesen Beruf zu ergreifen. 

Schwieriger wird es, wenn es um den Schutz von Pfarrpersonen im Konfliktfall mit dem Kirchenvorstand und in der Folge dann mit der Kirchenleitung geht - manchmal ist es auch umgekehrt: Konflikt mit der Kirchenleitung, in die der Kirchenvorstand hineingezogen wird (Pfarrdienstrecht der EKD §§ 79/80, vgl. das Zitat nach diesem Absatz). Mit diesen "Fällen" haben wir es oft in unserem Verein "D.A.V.I.D. - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche" zu tun, dessen Vorsitzender ich bin. Wir machen die Erfahrung, dass betroffene Pfarrpersonen der Situation oft schutzlos gegenüberstehen. Wenn Kirchenvorstände es darauf anlegen, müssen sie gar nicht darlegen, warum sie die Zusammenarbeit nicht mehr fortsetzen wollen, sie müssen einfach nur behaupten, das Vertrauensverhältnis sei zerstört. Kirchenleitungen folgen dieser "Argumentation" nur allzu oft. Die Pfarrpersonen und ihre Familien (!!!) müssen im günstigsten Fall die Pfarrstelle wechseln, werden möglicherweise bei gekürzten Bezügen in den Wartestand versetzt, im ungünstigsten Fall nach einer bestimmten Zeit im Wartestand auch in den Ruhestand. Da die Verantwortung für dieses Verfahren nicht immer im Verhalten der Pfarrperson zu suchen ist - so steht es sogar in den entsprechenden Gesetzen - rät mancher unter den gegenwärtigen Bedingungen jungen Menschen geradezu ab, den Pfarrberuf zu ergreifen und im Konfliktfall dieser Willkür hilflos ausgeliefert zu sein. 

§ 79 Versetzung

( 2 ) 1 Pfarrerinnen und Pfarrer können um der Unabhängigkeit der Verkündigung willen nur versetzt werden, ... wenn ein besonderes kirchliches Interesse an der Versetzung besteht. 2 Ein besonderes kirchliches Interesse liegt insbesondere vor, wenn ...

5. in ihrer bisherigen Stelle oder ihrem bisherigen Auftrag eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes gemäß § 80 Absatz 1 und 2 festgestellt wird ...

§ 80 Versetzungsvoraussetzungen und -verfahren

( 1 ) 1 Eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes im Sinne des § 79 Absatz 2 Satz 2 Nummer 5 liegt vor, wenn die Erfüllung der dienstlichen oder der gemeindlichen Aufgaben nicht mehr gewährleistet ist. 2 Das ist insbesondere der Fall, wenn das Verhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und nicht unbeträchtlichen Teilen der Gemeinde zerrüttet ist oder das Vertrauensverhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und dem Vertretungsorgan der Gemeinde zerstört ist und nicht erkennbar ist, dass das Vertretungsorgan rechtsmissbräuchlich handelt. 3 Die Gründe für die nachhaltige Störung müssen nicht im Verhalten oder in der Person der Pfarrerin oder des Pfarrers liegen.

( 2 ) 1 Zur Feststellung der Voraussetzungen des Absatzes 1 werden die erforderlichen Erhebungen durchgeführt. 2 Der Beginn der Erhebungen wird der Pfarrerin oder dem Pfarrer mitgeteilt. 3 Sofern nicht ausnahmsweise etwas anderes angeordnet wird, nehmen Pfarrerinnen und Pfarrer für die Dauer der Erhebungen den Dienst in der ihnen übertragenen Stelle oder in dem ihnen übertragenen Auftrag nicht wahr. 4 Während dieser Zeit soll eine angemessene Aufgabe übertragen werden.

Fazit: Souveränität in Verbundenheit

Unter diesen Voraussetzungen - einer Rückbesinnung auf das theologische Proprium, einer dienenden Verwaltung und einer Wertschätzung der Profession - sehe ich kein Problem darin, die parochiale Ordnung und damit den Status der Kirchengemeinden als Körperschaften des öffentlichen Rechts beizubehalten. Davon unberührt ist die zwingende Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit und des regen Austauschs unter benachbarten Gemeinden in einer Region. Kooperation braucht jedoch keine Enteignung, sondern starke, souveräne Partner an der Basis. Dann kann ich mir auf Formen wie das von Julia Koll als Beispiel genannte “Pforzheimer Modell” vorstellen, das aber nicht zwangsläufig auf alle Bereiche der evangelischen Kirche übertragen werden muss. 

Wenn die Kirche wieder zukunftsfähig werden will, muss sich viel verändern – an der Basis, aber zwingend auch auf den Ebenen der Kirchenleitung!

Zum Schluss gefragt: 

Kann die Kirche sich vom Relevanzverlust erholen, indem die Organisation modernisiert und flexibilisiert wird? Oder geht es eher um die theologische Substanz, die wieder in den Mittelpunkt rückt? Ist die Parochie tatsächlich ein „Ressourcenfresser“ oder nicht eher der „Lebensnerv“ der Kirche?


Wenn die eine oder der andere Gedanken zum Thema beitragen möchte, herzlich gerne! Meine Mailadresse findet sich im Impressum. Außerdem habe ich einen gmail.com-Account, wo vor dem @ ganz einfach pastor.ralf.krueger steht.

Donnerstag, 15. Januar 2026

Reform-Erschöpfung?

Nachdem ich mich in der letzten Zeit intensiv mit den Plänen zur Umstrukturierung der Kirchengemeinden – weg von Körperschaften des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.) hin zu Körperschaften kirchlichen Rechts (K.d.k.R.) – beschäftigt habe, drängt sich eine größere Frage auf: In welchem Kontext stehen diese Überlegungen zur lokalen Basis der Kirche eigentlich? 

Die „Papierflut aus Hannover“ und das Verstummen der Basis

Um das zu verstehen, habe ich mich auf eine Internetrecherche begeben, denn die Vielzahl der Impulse, Denkschriften und Reformpapiere, die die EKD seit den frühen 2000er Jahren produziert hat, kann man beim besten Willen nicht mehr alle „auf dem Schirm“ haben. Was sich dabei offenbart, ist eine wahre Papierflut aus Hannover, die in seltsamem Kontrast zur realen Erosion des kirchlichen Lebens vor Ort steht.

1. Der Sündenfall: "Kirche der Freiheit" (2006)

Der Startschuss für die moderne Reform-Ära war das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ im Jahr 2006. Es war der massive Versuch, die Kirche mit betriebswirtschaftlicher Logik zu retten. Plötzlich war die Rede von „Leuchttürmen“, „Wachstumskernen“ und „Profilschärfung“.

Rückblickend muss man konstatieren: Dieses Papier war der Einzug des Management-Sprechs in die Sakristei. Während in Hannover über effiziente Strukturen und Marktanteile philosophiert wurde, begann an der Basis ein Prozess der Entfremdung. Man versuchte, geistliches Wachstum durch administrative Professionalisierung zu erzwingen – ein Ansatz, der die ehrenamtliche Substanz oft eher gelähmt als beflügelt hat. Die heutige Abwicklung des K.d.ö.R.-Status der Gemeinden ist im Grunde die finale Exekution dieser damaligen Logik: Effizienz geht vor Beheimatung.

Aus dem Jahr 2016 gibt es auf den Seiten von "Deutschlandfunk Kultur" einen interessanten Beitrag, der auf  »Zehn Jahre Impulspapier „Kirche der Freiheit“« zurückschaut und fragt: "Mit viel Pathos falsche Ziele gesetzt?"

2. Die Kirche als „NGO mit Glockengeläut“: Nachhaltigkeit (2018)

Ein weiterer Meilenstein war die „Umkehr zur Nachhaltigkeit“ (2018) und die verstärkte Positionierung zu Klimafragen. Natürlich sind dies drängende ethische Themen. Doch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung geschah etwas Problematisches: Die Kirche wurde zum Juniorpartner säkularer Bewegungen.

Wenn kirchliche Impulse sich in moralischen Appellen erschöpfen, die man eins zu eins auch bei Greenpeace oder politischen Parteien lesen kann, verliert die Kirche ihr spezifisch theologisches Profil. Man generiert vielleicht kurzfristig öffentliches Wohlwollen in bestimmten Milieus, doch der Preis ist hoch: Das Proprium, die Verkündigung des Evangeliums und die Zusage der Erlösung, tritt hinter den aktivistischen Imperativ zurück. Gesellschaftlich spürbar ist die Kirche hier oft nur noch als eine weitere NGO – eine mit Glockengeläut, aber ohne echtes Alleinstellungsmerkmal.

3. Von 11 zu 12: Die Leitsätze als Autotherapie (2020)

Besonders bezeichnend für die interne Dynamik war der Prozess um die Schrift „Hinaus ins Weite – Kirche auf gutem Grund“. Dass man zunächst 11 Leitsätze präsentierte, die aufgrund ihrer vagen und fast esoterisch anmutenden Sprache scharf kritisiert und teilweise verspottet wurden, nur um sie dann eilig auf 12 Leitsätze zu erweitern, spricht Bände. - Einem meiner Gesprächspartner fiel zu den 11 Leitsätzen ein: "Beim Karneval in Köln gibt's den Elferrat".

Diese Leitsätze wirken wie eine Form der kircheninternen Autotherapie. Man versichert sich gegenseitig einer „aufgeschlossenen Zukunft“, während man gleichzeitig die rechtlichen und finanziellen Grundlagen der Ortsgemeinden beschneidet. Es ist eine Sprache der „Blase“, die gesellschaftlich kaum noch Resonanz findet. Die „Weite“, von der hier die Rede ist, wird an der Basis oft als die Leere wahrgenommen, die entsteht, wenn Pfarrhäuser verkauft und Gemeinden zu administrativen Serviceeinheiten degradiert werden.

4. Das Paradox der Reform-Erschöpfung

Die Internetrecherche fördert noch viel mehr zu Tage: Denkschriften zum Frieden, zur Wirtschaft, zur Familie. Doch das bittere Fazit lautet: Je mehr Papier in Hannover produziert wird, desto weniger kommt „unten“ an. Es gibt einen massiven Transmissionsverlust.

Während die Kirchenleitung meint, durch ständige Neu-Positionierung gesellschaftliche Relevanz zu sichern, bricht die wichtigste Ressource weg: die lokale Bindung. Die Freiburger Studie (2019) hat es schwarz auf weiß belegt: Der Kirchenaustritt ist ein Verhaltensproblem, das durch mangelnde Relevanz und schwindende Kontakte ausgelöst wird. Wenn die Kirche aber den Weg der Zentralisierung geht, zerstört sie genau die Kontaktflächen, die sie eigentlich bräuchte.

Fazit: Ende der Landeskirchen durch Über-Administration?

Die „Papierflut aus Hannover“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns in einer tiefen Identitätskrise befinden. Die schleichende Umwandlung der Gemeinden in „Serviceeinheiten“ verkennt, dass Menschen keine Dienstleistung suchen, sondern eine geistliche Heimat. Wenn die Kirche weiter den Weg der Zentralisierung – von oben nach unten – geht, dann ist das nicht nur ein Paradigmenwechsel, sondern der Anfang vom Ende der Landeskirchen als Volkskirche.

Die Basis wird die Kosten dieser Zentralisierung am Ende nicht tragen – sie wird schlicht wegbrechen. Was wir bräuchten, wäre keine neue Denkschrift, sondern eine radikale Besinnung auf die Kernaufgaben vor Ort: Wort und Sakrament, verankert in einer rechtlich und finanziell souveränen Gemeinde. Alles andere ist das Verwalten eines Niedergangs auf sehr teurem Papier.

Was denken Sie? Erreichen Sie die Impulse aus Hannover noch in Ihrem Gemeindialltag, oder nehmen Sie eher eine „Reform-Erschöpfung“ wahr? Diskutieren Sie mit in den Kommentaren!

Mittwoch, 14. Januar 2026

Offener Brief

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Vorsitzender im Verein "D.A.V.I.D. - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche" habe ich zusammen mit Pfarrer em. Dr. Hans-Gerd Krabbe (stellv. Vorsitzender) den nachfolgenden Brief an die Pfarrvereine, Pfarrvertretungen, Pastorenausschüsse der zwanzig EKD-Gliedkirchen verschickt. 

Es geht um den Körperschaftsstatus der Kirchengemeinden im Raum der EKD

Bezug:  Der Artikel von Andreas Dreyer in: ›Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt‹, 12/2025, 687-689 (vgl. die beiden letzten Blogbeiträge)


Sehr geehrte Mitglieder in den Vorständen der Pfarrvereine, Pfarrvertretungen, Pastorenausschüsse,

den o.a. Artikel von Pastor Andreas Dreyer (Landesbergen) verstehen die beiden Vorsitzenden des Vereins DAVID - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.v. Pastor i.R. Ralf Krüger (Vors.) und Pfarrer em. Dr. Hans-Gerd Krabbe (stellv. Vors.) in Absprache mit den anderen Vorstandsmitgliedern als Weckruf, dem sich niemand entziehen sollte. Dreyer deutet einschneidende Konsequenzen an, wenn seitens der Landeskirchen der vom Staat gewährte Status als ›Körperschaft des öffent-lichen Rechts‹ (›KdöR‹) für die Kirchengemeinden aufgegeben wird und stattdessen der neue Status als ›Körperschaft des kirchlichen Rechts‹ (KdkR‹) eingeführt werden soll. Davor lässt sich nur eindringlich warnen!

Eine Entscheidung, wie sie nun in der Protestantischen Kirche der Pfalz getroffen wurde, bringt ›das Schifflein Kirche‹ erheblich ins Wanken und fördert »die Selbstsäkularisierung der Kirche« (Wolfgang Huber) in eine ekklesiologisch bedenkliche Entwicklung auf allen Ebenen! Dreyer: »der Körperschaftsstatus der Gemeinden und der auf Kirche wie Staat bezogene Subsidaritätsgedanke sollten als unverhandelbar angesehen werden …« (688). 

Wir schreiben diesen Brief aus großer Sorge um die Zukunft der Kirche und die Kirche der Zukunft, wenn denn die institutionalisierte Kirche von oben nach unten hierarchisch durchregiert werden soll / wenn die Kirchengemeinden ihre Eigenständigkeit in wesentlichen Inhalten verlieren / wenn Fragen nach Personal, Immobilien, Finanzen andernorts entschieden und den Kirchengemeinden vorgesetzt werden. Wer wird sich unter diesen Vorzeichen noch für den Pfarrberuf entscheiden, wer das Ehrenamt eines Kirchengemeinderates übernehmen?

Wir bitten Sie in den Pfarrvereinen, Pfarrvertretungen, Pastorenausschüssen darum, sich der Sache anzunehmen und Stellung zu beziehen: in Ihrer jeweiligen Landeskirche, in öffentlichen Verlautbarungen. Es scheint höchste Zeit zu sein!

Mit freundlichen Grüßen!

gezeichnet mit unseren beiden Unterschriften

Montag, 12. Januar 2026

Der Anfang vom Ende?

Warum die Zentralisierung der Landeskirchen in die Sackgasse führt


Ein Debattenbeitrag zur Entmachtung der Kirchengemeinden und dem Verlust des theologischen Profils

Der Artikel von Andreas Dreyer zum Thema "Körperschaftsstatus der Ortsgemeinde" im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt (12/2025; vgl. auch meinen vorhergehenden Beitrag hier im Blog) ist von einem Kollegen kommentiert worden, der sich "Reform Freund" nennt. Übrigens auch die Kommentare von Johannes Oesch, Barbara Phieler, Martin Mattheis und Susanne Seehaus sprechen eine eindeutige Sprache und sind lesenswert.

Bezugnehmend auf den Kommentar von "Reform Freund" ergänze ich meine bereits geäußerten Überlegungen um einen entscheidenden Aspekt: Die Verantwortung der Kirchenleitung. "Reform Freund" hat zwar speziell die Evangelische Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche) im Blick, jedoch lassen sich seine Überlegungen auf fast alle Landeskirchen übertragen, die oft nur noch das vollziehen, was auf EKD-Ebene vorgegeben wird.

1. Das Leitungsproblem: Repräsentation statt Substanz

Der massive Vertrauensverlust der Kirche ist in meinen Augen ein Problem der Leitungsebene, auch wenn auf Gemeindeebene gewiss nicht immer alles reibungslos läuft. Die Kirchenleitungen versuchen beharrlich, die Institution nach wie vor als maßgeblichen gesellschaftlichen „Player“ zu positionieren. Sie verkennen dabei, dass diese Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung längst verloren gegangen ist.

Während man meint, durch Präsenz in weltlichen Gremien und öffentliche Statements Wohlwollen zu generieren, setzt an der Basis eine Entfremdung ein, die nicht primär strukturell, sondern inhaltlich begründet ist: Wenn engagierte Gemeindeglieder erklären, dass die Kirche ihnen nichts mehr zu sagen hat, dann bezieht sich das auf schwindende oder gar nicht mehr vorhandene theologische Inhalte.

2. Das Paradox der Professionalisierung

Das zusätzliche Engagement in öffentlichen Arbeitsfeldern bindet enorme Arbeitskraft in den Verwaltungen der Kirchenkreise und Dekanate, die dann bei der Unterstützung der lokalen Kirchenvorstände fehlt. Es ist ein administrativer Offenbarungseid, dass Jahresabschlüsse in einer angeblich professionalisierten Zentralverwaltung jahrelang auf sich warten lassen.

Hier zeigt sich nach den Ausführungen von "Reform Freund" ein Paradox: Während zentrale Vergabestellen und komplexe Softwareprojekte Ressourcen binden, wird die Kirche vor Ort als ansprechbarer Akteur im Sozialraum unsichtbar. Die „Professionalisierung“ der Zentrale frisst die Handlungsfähigkeit der Basis.

3. Die gefährliche Risikokonzentration: Ein neues Haftungsszenario

Ein völlig unterschätzter Aspekt dieser Zentralisierung ist das massive Haftungsrisiko. Bisher wirkten die rechtlich selbstständigen Kirchengemeinden (K.d.ö.R.) als Puffer; finanzielle Fehlentscheidungen oder Baurisiken blieben lokal begrenzt.

Mit der Übertragung des Körperschaftsstatus und des Vermögens auf die Bezirks- oder Landeskirchenebene entsteht eine gefährliche Risikokonzentration. Ein einziger strategischer Fehler in der Zentrale – sei es bei Immobilienprojekten oder IT-Großinvestitionen – gefährdet nun den gesamten Bestand und das Vermögen aller zugeordneten Gemeinden. Wir schaffen uns ein „Too big to fail“-Szenario auf kirchlicher Ebene.

4. Das Schweigen der Pfarrerschaft

Dass Pfarrerinnen und Pfarrer zu diesem Prozess des schleichenden Identitätsverlusts und der riskanten Machtkonzentration oft so wenig zu sagen wissen, ist besorgniserregend; auch aus den Pfarrvertretungen und Pfarrvereinen könnte wesentlich deutlicher Gegenwehr kommen gegen die "Entberuflichung" des Pfarrberufs zum bloßen "Regionalversorger". Die Diskussionen der Landessynoden dringen kaum bis in die Gemeinden vor, während dort die Umwandlung in bloße "Serviceeinheiten" voranschreitet.

5. "Serviceeinheiten" vs. Geistliche Beheimatung

Die Leitung verkennt allerdings, dass dieser "Service" längst von freien Rednern und Event-Agenturen angeboten wird. Freie Bestattungen und Trauungen sind gang und gäbe. Diesem Wettbewerb kann die Kirche nicht mit eigenen Agenturen begegnen.

Der kirchliche Mehrwert liegt woanders:

  • In der Beheimatung in einer geistlichen Tradition und Gemeinschaft.

  • In Kasualien, die das lutherische Bekenntnis und die christliche Botschaft wieder erkennbar in den Mittelpunkt stellen.

  • In der Verlässlichkeit einer lokalen Kirchengemeinde als Subjekt kirchlichen Handelns.

Fazit: Die Basis wird nicht mehr tragen

Wenn die Kirche den Weg der Zentralisierung von oben nach unten weitergeht, ist das mehr als ein Paradigmenwechsel – es ist in meinen Augen der Anfang vom Ende der Landeskirchen. Das Prinzip der Subsidiarität und das Priestertum aller Gläubigen werden administrativ ausgehöhlt.

Die Hoffnung der Leitung, dass die Basis die Kosten dieser Zentralisierung tragen wird, ist eine Illusion. Die Menschen werden nicht für eine bürokratische Hülle zahlen, zu der sie keinen Bezug mehr haben; sie werden schlicht austreten. 

Eine Kirche, die demokratisch, subsidiär und reformatorisch aus der Krise gehen will, muss Mut zur Selbstbegrenzung der Leitungsebene zeigen. Alles andere ist reine Machtpolitik, deren Zeche am Ende die geistliche Substanz der Kirche zahlt.

Dienstag, 16. Dezember 2025

Der Preis der Zentralisierung

Warum der Körperschaftsstatus ein Identitätsanker ist!

Ich habe im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt den Artikel von Andreas Dreyer zum Thema "Körperschaftsstatus der Ortsgemeinde" gelesen - hier verlinkt. Still und leise - sicherlich nicht heimlich, aber von der Pfarrerschaft (und von Kirchenvorständen) überhaupt nicht aufgenommen und reflektiert - scheint das Thema schon ziemlich weit gediehen zu sein. Die Dokumente aus der Pfalz deuten darauf hin. Da werden andere Landeskirchen kaum zurückstehen. 

Andreas Dreyer vertritt die These: Der Körperschaftsstatus des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.) ist kein Adiaphoron, kein theologisch gleichgültiger Randaspekt. Er ist der Anker, der die historische und rechtliche Partnerschaft zwischen Kirche und Rechtsstaat sichert. In Zeiten, in denen Landeskirchen wie die Evangelische Kirche der Pfalz planen, diesen Status auf Gemeindeebene zugunsten einer zentralisierten Verwaltung aufzugeben, muss jedoch klar und offen über den hohen Preis dieser administrativen Rettungsversuche gesprochen werden.

1. Die Entmachtung der Ortsgemeinde

Die Zentralisierung der Verwaltung und die Überführung der Kirchengemeinden in Körperschaften kirchlichen Rechts (K.d.k.R.) ist keine Entlastung, sondern eine Entmachtung. 

Wenn das, was ich bisher recherchiert habe - Verlust der Vermögenshoheit und Verlust der Anstellungshoheit -, zutrifft, dann müssen aber überall die Alarmglocken schrillen!

  • Verlust der Vermögenshoheit: Mit dem K.d.ö.R.-Status gibt die Kirchengemeinde ihr Eigentum an den übergeordneten Kirchenbezirk ab. Damit verliert das lokale Presbyterium die Kontrolle über Kirchen, Pfarrhäuser und Gemeindehäuser. Das größte Risiko besteht darin, dass die Entscheidung über die Entwidmung oder Veräußerung von Immobilien nicht mehr dort getroffen wird, wo die Gemeinde lebt, sondern auf einer fernen Verwaltungsebene, die primär nach ökonomischer Effizienz entscheidet.

  • Verlust der Anstellungshoheit: Die Kirchengemeinde verliert das Recht zur eigenständigen Besetzung von Pfarrstellen (Wahlrecht) und die Arbeitgeberfunktion für Küster, Sekretäre und Hausmeister. Diese Mitarbeitenden werden zu Ressourcen der Bezirksverwaltung, was die Identifikation und die Bindung an die lokale Gemeinde massiv schwächt.

Dieser Schritt mag kurzfristig im Plan und auf dem Papier den Verwaltungsaufwand reduzieren (die Hauptbegründung der Reformer), er erzeugt aber eine praktische Komplexität an der Schnittstelle: Ehrenamtliche Kontrolle über und Engagement für die eigenen Immobilien weicht langwierigen zentralen Genehmigungsprozessen. 

Ich habe keine Phantasie, wie ein Kirchenbezirk ohne zusätzliches Personal diese Aufgaben managen will. Und die Bindung, die Personal vor Ort erreichen kann, die erreicht Personal auf der Bezirksebene niemals!

2. Das Problem des Profilverlusts wird verschärft

Die eigentliche Schwachstelle des Systems liegt jedoch tiefer: in dem von vielen Gemeindegliedern und Pfarrern empfundenen theologischen Profilverlust der Landeskirchen und Kirchenkreise.

Wie Dreyer betont, soll der K.d.ö.R.-Status das partnerschaftliche Vertrauen in den Rechtsstaat sichern. Doch dieses Vertrauen wird nur dann von innen heraus gestärkt, wenn die Kirche selbst glaubhaft ihren theologischen Auftrag (Verkündigung des Evangeliums, Darreichung der Sakramente gemäß der biblischen Botschaft und dem Bekenntnis) erfüllt.

Wenn die übergeordnete Körperschaft, die nun alle Fäden in der Hand hält, selbst kein klar wahrnehmbares theologisches Profil mehr ausstrahlt, sondern vor allem als Manager der Schrumpfung auftritt, wird die Zentralisierung das Problem nur verschärfen:

  • Identifikationsvakuum: Die Gemeindeglieder sehen in der neuen, großen Verwaltungseinheit keinen geistlichen Leiter, sondern eine anonyme Instanz.

  • Uniformität: Die theologische Vielfalt der Gemeinden und die Freiheit in der Gestaltung des lokalen Lebens droht einer standardisierten, verwalteten Grundversorgung zu weichen.

3. Die notwendige Gegensteuerung: Konzentration auf den Kern

Der K.d.ö.R.-Status muss, um zukunftsfähig zu bleiben, nicht nur verteidigt, sondern durch eine radikale Fokussierung der Kirchenämter auf ihre Kernaufgaben gestärkt werden.

Die Kirchenämter (Kirchenkreise/Bezirke), die ihre hoheitlichen Privilegien behalten, müssen sich von Aufgaben trennen, die das theologische Profil verschleiern:

  • Entflechtung von Diakonie und Verwaltung: Die Verwaltung diakonischer (Groß)betriebe (Altenheime, Krankenhäuser etc.) muss organisatorisch und finanziell vollständig ausgelagert werden. Diese diakonischen Einrichtungen, so wichtig sie sind, müssen ihre Finanzierung vollständig über Drittmittel (Kassen, staatliche Förderungen, Spenden) absichern.

  • Fokus auf Begleitung: Die Kirchenämter müssen sich auf ihre originären Aufgaben konzentrieren: die geistliche und seelsorgerliche Begleitung der Kirchengemeinden und die qualifizierte fachliche Unterstützung in jenen Bereichen (Bau, Finanzen, Personal), in denen lokale, ehrenamtliche Gremien überfordert sind.

Fazit: Die Aufgabe des K.d.ö.R.-Status der Gemeinden ist keine theologisch gleichgültige, sondern eine existenzielle Entscheidung. Sie entmachtet die lokale Kirche und schafft eine überforderte Zentralverwaltung. Bevor die Kirche diesen Schritt geht, muss sie das Vertrauen in die Fähigkeit und das theologische Profil der zentralen Leitungsebenen wiederherstellen. Nur wenn die Kirchenämter beweisen, dass sie mehr als nur Verwalter sind, kann die Zentralisierung funktionieren. Andernfalls wird der gewonnene administrative Vorteil mit dem Verlust der lebendigen Identität der Ortsgemeinden bezahlt.

Dienstag, 9. Dezember 2025

Kirche und Relevanz

Relevante Kirche?

Ich sag's doch: Als Pensionär hat man Zeit zum Lesen. Es ist wieder das "Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt", aus dem ich den Artikel von Eckehard Möllers "Was ist relevant?" aufnehme. Eckehard Möller, Vorsitzender im Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer, hatte diese Gedanken ursprünglich im Ramen der Mitgliederversammlung 2025 in Karlsruhe in seinem Geschäftsbericht vorgetragen.

Kurzzusammenfassung

Eckehard Möllers Artikel "Was ist relevant? – Veränderungen für Kirche und Pfarrberuf in einer sich wandelnden Gesellschaft" befasst sich mit den tiefgreifenden Veränderungen und Krisenerscheinungen der evangelischen Kirche in Deutschland. Er stellt die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz, insbesondere nachdem die Kirche während der Corona-Pandemie nicht als "systemrelevant" eingestuft wurde. Möller beschreibt ein Gefühl der Vergeblichkeit im Pfarrberuf, ausgelöst durch den kontinuierlichen Rückgang von Gemeindegliederzahlen, kirchlichen Handlungen (Taufen, Trauungen) und damit verbundenen Einnahmen. Er konstatiert, dass die überkommenen Strukturen der Volkskirche in der heutigen, sich wandelnden Gesellschaft kaum noch Relevanz besitzen. Zentrale Themen der Kirchenreform, die er anspricht, sind die Verlustängste und die Diskussion um das Dienstrecht der Pfarrerinnen und Pfarrer – insbesondere die mögliche Umstellung vom öffentlich-rechtlichen auf ein privatrechtliches Anstellungsverhältnis für Neueinstellungen. Er erörtert ferner die Frage nach der Körperschaftsform der Gemeinden und die Notwendigkeit von multiprofessionellen Teams sowie klaren Arbeitszeitregelungen, um die wachsende Überforderung der Geistlichen zu adressieren. Zusammenfassend fordert Möller einen offenen und angstfreien Dialog über diese tiefgreifenden Reformen, um die Rückgewinnung von Relevanz in Kirche und Gesellschaft zu ermöglichen, auch wenn dies das Aufgeben tradierter Privilegien bedeuten kann.

Einleitung zur Profession

Bevor ich auf Eckehard Möllers Ausführungen eingehe, ist es mir wichtig, meinen Ausgangspunkt zu klären: Ich betrachte den Pfarrberuf als einen Beruf mit Profession – vergleichbar mit den klassischen akademischen Berufen in der Medizin oder der Rechtswissenschaft. Ich habe mich in meinen 36 Dienstjahren stets als eine Art Freiberufler mit festem Gehalt verstanden, das mich und meine Familie absicherte. Dieses feste Fundament erlaubte es mir, den Beruf im vollen Sinne der Profession auszuüben: mit wissenschaftlich fundierter Kompetenz, hoher Autonomie und einer klaren ethischen Verantwortung für das Gemeinwohl. Ein solcher anspruchsvoller Beruf lässt sich nicht auf starre Arbeitszeiten reduzieren. Es gehörte zu meinem professionellen Selbstverständnis, dass es Wochen mit mehr als 40 Stunden gab – dafür aber auch die Freiheit und die Flexibilität, in anderen Zeiten Freiräume für mich und meine Familie zu schaffen. Die Gemeinde akzeptierte das. Das Streben nach einer solchen selbstgesteuerten Work-Life-Balance ist somit keine Privilegienforderung, sondern ein wesentliches Kennzeichen der Professionalität in einem Amt, das sich nicht an der Stechuhr, sondern an der komplexen Lebensrealität der Menschen orientiert. Auf dieser Grundlage möchte ich nun auf Möllers Artikel reagieren.

Die lokale Profession als Fundament kirchlicher Systemrelevanz


Relevanzverlust

Eckehard Möllers Artikel beschreibt präzise die strukturelle und finanzielle Krise der evangelischen Kirche – das Gefühl der Vergeblichkeit, den schmerzhaften Verlust der Systemrelevanz und die Diskussion um die nötigen Strukturreformen. Dies ist die notwendige Realität der Kirchenleitungen. Doch die eigentliche Krise der Kirche ist in meinen Augen eine Krise der Profession selbst, da sie an ihren Kernmerkmalen rüttelt: 

Zunächst die Erosion des gesellschaftlichen Mandats: Möller benennt die Kränkung, dass die Kirche in der Pandemie nicht als systemrelevant eingestuft wurde und ihre Rolle als moralische Instanz längst ausgespielt habe. Dies ist der schmerzhafteste Ausdruck, dass die Gesellschaft die geleistete Fachlichkeit nicht mehr als existenzielle Notwendigkeit anerkennt. 

Zweitens wird die Autonomie des Pfarrberufs bedroht: Das aktuell diskutierte Wechsel des Dienstverhältnisses vom öffentlich-rechtlichen Status zu privatrechtlichen Anstellungen stellt die Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit des Pfarrers fundamental in Frage. Bei einer Reduzierung auf ein Angestelltenverhältnis droht die Degradierung der Pfarrperson zu einem hochregulierten, austauschbaren Funktionserfüller, deren Freiheit der Verkündigung letztlich eingeschränkt wird. 

Und drittens führt die von Möller beschriebene Vergeblichkeit – die sinkenden Zahlen und die Überforderung durch die überkommenen Volkskirchenstrukturen – zu einer Verbitterung im Amt. Pfarrer werden zu Notfallmanagern und administrativen Verwaltern, was zu einem Auseinanderdriften von akademischer Qualifikation und der tatsächlichen Tätigkeit führt und die Fähigkeit zur reflektierten Seelsorge aushöhlt.

Gelebte Relevanz auf der Mikroebene

Gerade weil Möller diese strukturellen Krisen so klar benennt, muss der Blick nun scharf auf das Gegenargument gerichtet werden – die gelebte Relevanz auf der Mikroebene. Mein 29-jähriger Dienst in der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde hat mir gezeigt, dass die Kirche sehr wohl systemrelevant ist – in der Nachbarschaft, in der Stadt, im Landkreis. Der Bürgermeister sprach mir beim Abschied aus der Seele, als er sagte: "Sie haben fortwährend gezeigt, wie Kirche lebendig bleiben kann: indem sie nah bei den Menschen ist. Indem sie nicht nur sonntags im Gottesdienst wirkt, sondern mitten im Alltag." Er unterstrich die Präsenz an allen entscheidenden Lebenspunkten als entscheidenden Beitrag dazu, dass sich Menschen zu Hause fühlen konnten. Die Sozialdezernentin des Landkreises betonte zudem, dass ich nicht nur ein engagierter Interessenvertreter für die Kirchengemeinde, sondern auch für das Wohl des Einzelnen und die Menschen mit Fluchterfahrung war: "Sie waren niemals bequem und haben sich niemals in eine Komfortzone zurückgezogen." Sie hob meine Fähigkeit hervor, ein feines Gespür für die Rechtslage zu haben, aber nie nachzulassen, eine Lösung zu finden – genau die komplexe Aufgabe, die eine Profession kennzeichnet. Diese lokalen, überparteilichen und zutiefst menschlichen Dienstleistungen sind der Beweis dafür, dass die Profession des Pfarrers und die lokale Kirchengemeinde sehr wohl systemrelevant auf Mikroebene sind.

Inkompetenz der kirchenleitenden Ebenen

Umso irritierender wirkt die Inkompetenz der kirchenleitenden Ebenen, die Möller beispielhaft durch den absurden Ratschlag belegt: "Ihr müsst mehr taufen!" Diese quantitative Anweisung behandelt das Sakrament als simples Marketingziel, ignoriert die theologische Tiefe der Überzeugung und demonstriert einen Mangel an Realitätsblick für die seelsorgerische Arbeit. Ein solcher Ratschlag untergräbt das Vertrauen in die Leitung und beschleunigt die Entfremdung der Basis. 

Körperschaftsform

Die Verlockung, die Möller bei der Umstellung der Körperschaftsform beschreibt – die Gemeinden könnten sich auf ihre ureigensten Aufgaben wie Seelsorge und Verkündigung zurückziehen, befreit vom "Ballast, den Besitz mit sich bringt" – ist daher kritisch zu hinterfragen. Die materielle Verankerung ist nicht nur Ballast, sondern die Basis für die soziale Relevanz, die in meiner Gemeinde so gelobt wurde. Wer die Institution Kirchengemeinde nicht hält, verliert den Zugriff auf die Menschen. 

Das fordert schon ein hohes Maß an Präsenz vor Ort. Dabei will ich die berechtigte Forderung (junger) Kolleginnen und Kollegen nach einer Work-Life-Balance nicht ausblenden. Sie ist ein notwendiger Schutz der professionellen Leistungsfähigkeit. Jedoch wird dieser Ausgleich nicht mit Verweis auf feste Dienstzeiten erreicht. Dieser Ausgleich kann sinnvoll nur durch die eigene Autonomie und Selbstführung erreicht werden. Dieser Ausgleich, so zeigt es meine Erfahrung, wird von der Gemeinde akzeptiert, wenn die professionelle Qualität stimmt.

Kirche vor Ort ist durch nichts zu ersetzen

Der Pfarrverband und die Pfarrvertretungen müssen sich angesichts dieser Entwicklungen mit aller Entschiedenheit für eine Kirche vor Ort einsetzen, die in ihrer Autonomie und in ihrem Anspruch als Profession gestärkt wird. Dieses Engagement ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit für die Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern eine Frage der finanziellen Überlebensfähigkeit der gesamten Kirche. Die Kirchengemeinden vor Ort sind das Fundament – auch finanziell – der gesamten EKD. Bricht dieses Fundament, die einzige Quelle realer, spürbarer Relevanz und Glaubwürdigkeit, durch strukturellen Kahlschlag und kirchenleitende Entfremdung weiter weg, werden in der Folge auch die Finanzen weiter erodieren. Dann können EKD und Landeskirchen sehen, wie sie sich und ihre zentralen Vorhaben ohne die Basis finanzieren können. Die lokale Profession ist die einzige Antwort auf die Krise der Relevanz.