Dienstag, 24. Februar 2026

Anker der Freiheit

Die Parochie als Körperschaft öffentlichen Rechts - Fundament gegen die strukturelle Entfremdung

Wer heute die kirchenoffiziellen Debatten zur Zukunft unserer Kirche verfolgt, wähnt sich oft nicht in einem Raum theologischer Reflexion, sondern in der Strategieabteilung eines kriselnden mittelständischen Konzerns. Unter dem technokratischen Schlagwort "Transformation" – prominent platziert von Julia Koll im Pfarrerinnen und Pfarrerblatt 01/2026 als ein Entwurf für eine "transparochiale Kirche" (1) – wird derzeit ein Szenario entworfen, das die gewachsene Ortsgemeinde nicht mehr als Fundament, sondern als Ressourcen verschlingerndes Auslaufmodell markiert.

Es ist ein Diskurs der "schleichenden Abwicklung", der hier geführt wird. Während die kirchliche Basis unter dem Diktat des Fachkräftemangels und einer erdrückenden Reform- und Verwaltungslast ächzt, entzünden kirchenleitende Thinktanks ein "Feuerwerk" an neuen Optionen und vernetzten Strukturen. Doch der Blick in die "Glaskugel", den Julia Koll unter Berufung auf Protagonisten wie Steffen Bauer wagt (2), verlässt zunehmend den Boden der Rationalität. Es wird eine kirchliche Zukunft in schillernden Farben gemalt, für die schlichtweg das Personal fehlt – ein "Placebo-Effekt", der den massiven Abwärtstrend der letzten Jahrzehnte weder stoppen noch verlangsamen konnte.

Besonders besorgniserregend ist dabei die Leichtigkeit, mit der zentrale theologische Kerngehalte zugunsten einer vagen "Resonanzkultur" (3) geopfert werden. Wenn "Kirche als Glaubensgemeinschaft" unter Verweis auf soziologische Studien als "umstritten" gilt (4), führt sie sich selbst ad absurdum. Wenn das Sakrament der Taufe zum spontanen "Wohlfühl-Event" (5) ohne Unterweisung und Umkehr herabgestuft wird, ist nicht mehr von evangelischer Freiheit, sondern von "billiger Gnade" (Dietrich Bonhoeffer) zu sprechen.

Dieser Artikel versteht sich als Einspruch. Er ist eine Entgegnung auf die zunehmende Entfremdung zwischen einer Reform-Elite, die sich in Governance-Strukturen und Stakeholder-Analysen verliert, und einer parochialen Wirklichkeit, die trotz systematischer Abwertung und finanzieller Auszehrung noch immer der Ort ist, an dem Kirche für die Menschen konkret inkludierend erfahrbar bleibt als Ort, wo alle Milieus und Generationen willkommen sind. Es ist Zeit, die rhetorischen Nebelkerzen der "Transparochialität" und anderer Begriffe aus dem aktuellen "Kirchensprech" beiseite zu schieben und zu fragen: Was bleibt vom Evangelium übrig, wenn wir die Orte aufgeben, an denen sich Kirche ereignet und auferbaut? 

Das Ressourcen-Narrativ: Von der Last der Verwaltung und der Mär vom "Parochial-Privileg"

Julia Koll schließt sich einer Diagnose an, die in kirchenleitenden Kreisen mittlerweile fast sakrosankten Status genießt: Das parochiale System binde zu viele personelle und finanzielle Ressourcen, ohne den Prozess der Entkirchlichung wirksam abzupuffern. Es ist die Rede von einer "Kleinteiligkeit" (6), die offensichtlich nicht mehr in eine Zeit passt, in der nur noch in großen Dimensionen gedacht wird. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Argumentation als eine perfide Umkehr von Ursache und Wirkung.

Besonders entlarvend ist die Abwertung der parochialen Struktur als "kirchenrechtlich privilegiert". Hier wird ein Kampfbegriff verwendet, um bewährte Strukturen zu delegitimieren. Wenn die ortsgemeindliche Struktur mit ihrem Fokus auf persönlichem Kontakt als "elitär" oder "altmodisch" – anknüpfend an die Gemeindebewegung im späten 19. Jh. – und als theologisch "aufgeladener" Gemeindebegriff verspottet wird, dann verkennt dies den eigentlichen Kern kirchlichen Lebens (7). Ein Idealbild kirchlicher Praxis ist nicht deshalb verdächtig, weil es alt ist, sondern es ist deshalb beständig, weil es die Beziehungsdichte garantiert, die anonyme Großstrukturen niemals leisten können. Kirche lebt von Beziehungen zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen untereinander. Gemeinde vor Ort als "communio sanctorum" bildet ein Netzwerk wechselseitigen Glaubens, Liebens, Lobens, Helfens und Hoffens.

Wenn Kirche von ihrem theologischen Profil her gedacht wird, dann stößt man unweigerlich auf Artikel 7 der Confessio Augustana (8) und auf das davon abgeleitete Ordinationsversprechen. Das Evangelium rein zu predigen, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, Seelsorge zu üben und Menschen an den Wendepunkten ihres Lebens – von der Taufe bis zum Grab – mit Gottes Wort zu begleiten: Das sind keine verhandelbaren “Angebote” in einem religiösen Supermarkt. Es sind die Essentials. (9)

Ein Pfarramt, das sich auf diese Kernaufgaben konzentriert, ist keine Überforderung, sondern eine Befreiung. In einer chaotischen, digitalen Welt bietet gerade die parochiale Verlässlichkeit eine “geistliche Verankerung”. In diesem Punkt unterscheidet sich die Kirche radikal von allen anderen gesellschaftlichen Organisationen, hier ist das Proprium zu suchen. Eine Kirche, die in ihren Kanzelworten nur noch die Positionen von Parteien oder NGOs spiegelt, macht sich selbst überflüssig (10). Die Menschen zahlen ihre Kirchensteuer nicht für soziologische Analysen, sondern für die Vergewisserung des Heils. Die Entkirchlichung ist daher kein strukturelles Problem einer angeblich veralteten Parochie, sondern die Quittung für einen jahrelangen Profilverlust. 

Wenn jetzt eingewendet wird, diese Sicht sei rückständig und pastorenzentriert, so ist dagegenzuhalten: Starke Pfarrpersonen und Gemeinden können miteinander und auch mit dem Kirchenkreis kooperieren - allerdings auf Augenhöhe! Selbstbewusste Gemeinden und Pfarrpersonen können mit kirchlichen Vorgaben lockerer umgehen, wenn die Wünsche von Gemeindegliedern - beispielsweise bei Kasualien - damit nicht ganz konform gehen, aber immer noch mit der biblischen Botschaft und dem evangelischen Bekenntnis vereinbar sind. Gestandene Pfarrpersonen haben überhaupt kein Problem damit, wenn Gemeindeglieder darum bitten, dass eine andere Person sie bei einem familiären Anlass begleitet. Und last, but not least: Pfarrpersonen, die in ihrer Parochie verwurzelt sind und leben, die arbeiten selbstverständlich mit ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern zusammen und gewähren jedem den Freiraum, der der gemeinsamen Arbeit zuträglich ist. Die Liste ließe sich fortsetzen!

Zudem muss kritisch gefragt werden, ob der Ressourcenmangel nicht auch durch die massive Ausdifferenzierung funktionaler Dienste und durch die Ausdehnung der Verwaltung mitverursacht wurde. Es ist eine bittere Ironie: Während man die Arbeit in der Fläche als "überholt" betrachtet, haben all die kostspieligen Strukturprozesse der letzten Jahrzehnte – von der "Kirche der Freiheit" bis zu aktuellen "Zukunftsprozessen" in der Hannoverschen Landeskirche – den Abwärtstrend nicht einmal verlangsamen können. Wer der Parochie das Versagen vorwirft, verschweigt das offensichtliche Scheitern der zentralistischen Reformmodelle, die zwar Beteiligung suggerieren, aber oft nur einen "Placebo-Effekt" ohne jede Überzeugungskraft entfalten. (11)

Die Farce der Entlastung: Von der Enteignung zur institutionellen Entfremdung

Wenn Julia Koll unter dem Banner der Transparochialität ein "Feuerwerk" neuer Optionen entfacht – von spezialisierten Segensnetzwerken über Online-Exerzitien bis hin zu multiprofessionellen Teams in Sozialräumen –, dann stellt sich jenseits der wohlklingenden Rhetorik eine ernüchternde Frage: Woher soll das Personal für diese kühnen Entwürfe kommen? Es ist eine bemerkenswerte Form der Realitätsverweigerung, solche Szenarien zu entwerfen, während der Fachkräftemangel längst nicht mehr nur das Pfarramt, sondern Kirchenmusiker, Diakone und Sozialarbeiter gleichermaßen erfasst. Wer in "multiprofessionellen Teams" flächendeckend arbeiten will, muss erst einmal Menschen finden, die bereit sind, sich in diese immer komplexer werdenden Strukturen zu begeben.

Doch die Reformstrategen lassen sich von solchen profanen Hindernissen kaum bremsen. Stattdessen wird die "Enteignung" und "Entmündigung" der Gemeinden vorangetrieben, indem Julia Koll den schon in der Vergangenheit vorgebrachten Vorschlag aufwärmt, die Kirchenkreise als unterste Ebene der Körperschaft öffentlichen Rechts zu definieren (12). Im Sammelband von Gisela Kittel und Eberhard Mechels (Hg.), "Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr" (13) kann man in vielen Beiträgen nachlesen, dass diese "Idee" schon seit den ersten Reformbeiträgen im EKD-Papier "Kirche der Freiheit" durch die Diskussion um die Zukunft der Kirche wabert. Dankenswerterweise nahmen zuletzt verschiedene Autorinnen und Autoren mit ihren Aufsätzen im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt dieses Thema auf.

Was in kirchenleitenden Papieren euphemistisch als "Entlastung von Verwaltungsaufgaben" verkauft wird, entpuppt sich bei ehrlicher Betrachtung als eine beispiellose Entrechtung und Enteignung der Basis. Das Aktenstück 89_A der 26. Hannoverschen Landessynode vom 11. September 2024 gibt tatsächlich einen genauen Überblick. Hier die wichtigsten Punkte, die in der Hannoverschen Landeskirche in den nächsten Jahren von Kirchengemeinden und Kirchenkreisen zur Erprobung anstehen (14)

  • Kirchengemeinden übertragen ihr Eigentum an Grundstücken und Gebäuden an den Kirchenkreis, aber auch die damit verbundenen Pflichten (z.B. Verkehrssicherungspflichten auf Gehwegen usw., Haftung für Personen und Sachschäden bei Unwettern). 

Was für eine Organisation bürdet sich der Kirchenkreis damit auf? Sparmaßnahmen?

  • Kirchengemeinden als Körperschaften des kirchlichen Rechts können nicht mehr Anstellungsträger von Personal sein. Dieses wird ihnen ganz oder teilweise vom Kirchenkreis zugewiesen. Diesem Personal gegenüber sollen die Kirchengemeinden weisungsberechtigt bleiben. 

Konflikte sind vorprogrammiert.

  • Kirchengemeinden als Körpgerschaften des kirchlichen Rechts haben keinen eigenen Haushalt mehr und müssen keine Haushaltsabschlüsse mehr aufstellen. Für ihre kirchliche Arbeit erhalten sie ein zurückgestuftes Budget.

Wenn neben diesen Punkten ausführlich aufgezählt wird, was die "Ortskirchengemeinden" - letztendlich ein bloßen Euphemismus für eine unselbstständige Filiale - auch in Zukunft weiterhin alles entscheiden können, dann fragt sich der aufmerksame Leser, warum der Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts nicht beibehalten wird.

Die Dringlichkeit dieser Frage verstärkt sich, wenn man den Impuls von Prof. Dr. Michael Germann, Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, zur Kenntnis nimmt. Germann betonte in seinem Vortrag für die synodale Arbeitsgruppe als zentralen Gesichtspunkt, "dass der Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts ein großes erhaltenswertes Gut sei, das größtmögliche Entfaltungsfreiheit biete. Dieser Status sei ein Ausdruck bürgerlicher Freiheit - insofern auch ein kirchlicher Beitrag zur Demokratiebildung - und wichtig für die Selbstbestimmung der Zukunft." (15)

Ist es bezeichnend … - nein, es ist keine Frage, es muss als Aussage formuliert werden: Es ist bezeichnend, dass die profunde und kenntnisreiche Aussage eines durch sein Forschungsgebiet ausgewiesenen Experten in der weiteren Entwicklung offensichtlich kaum eine Rolle spielte. Ob die Synode mit dem Beschluss zur Erprobung Prof. Dr. Emanuel V. Towfigh (16) folgte, der die Bahá’í-Gemeinde in Deutschland vertritt, ist nicht ganz wahrscheinlich. Die 6.000 Mitglieder zählende Bahá’í-Gemeinde ist auf der obersten Ebene eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die über Deutschland verteilten örtlichen Gemeinden arbeiten mit Vollmachten. Diese Struktur lässt sich schwerlich auf die 2.000.000 Mitglieder zählende Landeskirche Hannovers übertragen. 

Eher entsprach wohl der Vortrag von Prof. Dr. Hermelink der Position der Synode. "Ausgangspunkt", so wird Hermelink zitiert, "sei die verlorene Einheit der ‘Parochie’ mit abgegrenztem Territorium, einer Kirche, einem Pfarrer, mit der Zuständigkeit für die Kausalien. Die Gegenwart sei gekennzeichnet durch organisatorische Pluralisierung, immer neue Erprobungen und Experimente, Personalisierung und Teambildung, Lokalisierung und gleichzeitiger De-Territorialisierung. (17)" Das lag und liegt doch ganz und gar auf der Linie der "Kirchenreformer".

Es ist nicht so, dass Kirchengemeinden keine Erfahrungen mit Zentralisierungen haben. Man nehme aus den zurückliegenden Jahren die Übertragung der Kita-Trägerschaften: Ja, es gab eine formale Arbeitsentlastung für die Kirchenvorstände. Aber der Preis ist hoch: Die inhaltliche Arbeit wurde nicht zwingend gefördert, stattdessen verschwand eine vitale Kontaktfläche zwischen Gemeinde und Einrichtung. Wir wiederholen hier Fehler der Vergangenheit. Erinnert sei an die Gemeindeschwester, die einst integraler Bestandteil des Gemeindelebens war. Heute ist vielen Klienten und sogar Mitarbeitenden in den professionalisierten Großstrukturen von Diakonie und Caritas oft gar nicht mehr bewusst, dass sie es mit kirchlichen Einrichtungen zu tun haben.

Die transparochiale Vision droht diesen Prozess der unsichtbaren Kirche zu vollenden. Wenn die Gemeinde vor Ort nicht mehr den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts besitzt, kaum noch über die Verwendung der Finanzmittel entscheidet, kein Eigentum mehr verwaltet und kein eigenes Personal mehr führt, verliert sie ihre Sichtbarkeit und Wirksamkeit im Sozialraum. Am Ende steht eine Kirche, die - angeblich - über optimierte Governance-Strukturen verfügt, aber die Verbindung zu den Menschen und den Orten, an denen sie lebt, endgültig verloren hat.

Viel schwerwiegender als die ökonomische Fehlkalkulation wiegen dabei die geistlichen und menschlichen Flurschäden. Am Fallbeispiel der Gemeinde Manker-Temnitztal im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin (18) zeigt sich die ganze Härte kirchenleitender Disziplinierung: Wer Mitspracherechte einforderte und den Zentralisierungsdruck kritisierte, sah sich gezielten Diskreditierungen, Dienstaufsichtsbeschwerden und zermürbenden Disziplinarverfahren ausgesetzt. Wenn eine Kirchenleitung beginnt, kritische Gemeinden und ihre Pfarrer mit dem Instrumentarium der "Ungedeihlichkeit" zu überziehen, hat sie den Boden reformatorischer Werte verlassen. Das Resultat solcher "Transformation by Design" (19) sind Proteste, Rücktritte engagierter Ehrenamtlicher und letztlich Kirchenaustritte aus tiefer Verbitterung. Eine Kirche, die so agiert, wird zur "Anti-Kirche" (20), die ihre eigenen Wurzeln kappt, während sie in der Glaskugel von einer transparochialen Zukunft träumt.

Die theologische Entkernung: Sakramente als Wellness-Event und das Ende des traditionellen Pfarramts

Der aktuelle Diskurs um den strukturellen Umbau der Kirche zur sogenannten "Transparochialität" erweist sich bei näherer Betrachtung als weit mehr denn ein bloßes Organisationsprojekt. Vielmehr steht das theologische Fundament der Reformation selbst zur Disposition. Wo die "Transformation" nach dem Entwurf von Julia Koll, Steffen Bauer u.a. zur Leitmaxime erhoben wird, droht die Kirche den Boden des Evangeliums (vgl. Mt. 18,20)  zu verlassen und sich in den Bereich einer "Glaskugel-Theologie" zu verflüchtigen.

Ein prägnantes Beispiel für diesen geistlichen Substanzverlust findet sich in der Praxis von Tauffesten, wie sie Bauer als Modell einer neuen kirchlichen Wirklichkeit feiert (21). Wenn erwachsene Menschen spontan und ohne vorhergehende inhaltliche Vorbereitung am Rheinufer getauft werden, mag dies als niedrigschwelliger Erfolg erscheinen, stellt jedoch theologisch die Vermittlung einer "billigen Gnade" im Sinne Bonhoeffers dar.

Nach Römer 6 ist die Taufe eben kein psychologisches Wellness-Event zur Bestätigung des Hier und Jetzt, sondern ein radikaler Identitätswechsel - das mit-Christus-Begraben-und-Auferweckt-Sein. Wer die Taufe auf ein bloßes "Resonanzerlebnis" reduziert, entzieht dem Sakrament seinen tiefen Sinn und handelt zudem ethisch fragwürdig. Es grenzt an Manipulation, wenn Menschen in einem Moment vager Begeisterung vorschnell gebunden werden, während grundlegende Glaubensinhalte sowie kirchen- und steuerrechtliche Verpflichtungen möglicherweise unerwähnt bleiben oder nicht ausreichend bedacht werden. Die "Pfingstbegeisterung" (22) droht so bei der ersten Steuererklärung in bittere Enttäuschung umzuschlagen.

Parallel zur Sakramentsvergessenheit vollzieht sich eine systematische Entprofessionalisierung des Pfarramts. Das klassische Modell des Pfarrers, der das Wort Gottes verkündigt, die Sakramente reicht und den Menschen als fundierter Seelsorger begegnet (23), wird zunehmend als innovationshemmendes Auslaufmodell diskreditiert. Dabei betonen die EKD-Mitgliedschaftsstudien seit Jahren eindeutig die zentrale Stellung des Pfarrers als "Pastor loci". Er ist erster Ansprechpartner, Vertrauensperson, Kommunikationswirt, Bezugsperson. Wer den Ortspfarrer kennt, tritt nicht so schnell aus der Kirche aus. Bauer plädiert stattdessen für einen Rollenwechsel: Weg vom "solistischen" Einzelkämpfer, hin zum "Ermöglicher" und Moderator in multiprofessionellen Teams. "Wenn Menschen Gotteserfahrungen mitbringen, müssen wir sie machen lassen", so Bauer. (24)

Kritiker mahnen, dass mit dieser Entwicklung die theologische Kernkompetenz verloren geht. Die akademische Ausbildung von Pfarrpersonen dient nicht dem Elitarismus, sondern der fundierten Auslegung des Evangeliums. Prof. Dr. Anne Käfer, Systematische Theologie in Münster, drückte es im Interview mit Wilfried Behr im Hannoverschen Pfarrvereinsblatt so aus: Pfarrerinnen und Pfarrer "müssen unbedingt ihren Glauben für sich selbst reflektiert haben, um dann dazu in der Lage zu sein, davon zu anderen zu sprechen, so dass diese dazu fähig werden, wiederum ihren Glauben zu reflektieren, seien es Drittklässler:innen oder 70jährige Senior:innen. Das ist ungemein herausfordernd. Es geht eben um alles." (25) Ohne eine klare, theologisch fundierte Leitung droht die Gemeinde in eine vage, rein subjektive Religiosität abzugleiten. Werden Pfarrerinnen und Pfarrer zum bloßen Eventmanager degradiert, schwindet die spezifisch theologische Deutungskraft im Alltag. Die aber ist in unserer Gesellschaft nach wie vor erwartet und gefragt

Steffen Bauer beruft sich in seiner Argumentation auf Martin Luther, der den "einfachen Menschen" zuspräche: "Ihr seid bevollmächtigt, über die Lehre der Kirche zu entscheiden." Das, so sagt es Bauer, fände er großartig. Er kritisiert, dass heutzutage in der Ortsgemeinde ein "bestimmtes Bildungslevel" von Nöten sei, um "in Kirche, Glauben, Theologie" mitreden zu können. Bauer dann weiter: Luther traute "Kirche der Menschen" seinen Bauern zu! Er sprach ihnen ganz biblisch zu, "ihr seid das königliche Priestertum!" (26)

Entweder hat Steffen Bauer Luther nicht verstanden - oder er reißt die Sätze bewusst aus dem Zusammenhang. Luther ging es in seiner Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation" (1520) primär um den unmittelbaren Zugang zur Gnade Gottes. Er wandte sich gegen die römische Hierarchie. Er wollte die geistliche Mauer zwischen Klerus und Laien niederreißen. Jeder ist "geistlichen Standes". 

Das bedeutete im Umkehrschluss aber nun gerade nicht, dass jeder nach "Herzenslust" das Wort Gottes auslegen könne. Im Gegenteil, Luther war erschüttert über den Bildungsnotstand, den er bei den Visitationen vorfand. In seinen Katechismen sah er kein Herrschaftswissen, sondern ein Befreiungswissen. Nur wer die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser kennt, kann seinen Glauben gegenüber Irrtümern verteidigen. Das "öffentliche Amt der Wortverkündigung" (Pfarrer) blieb für Luther essenziell. Nicht jeder soll willkürlich lehren, sondern derjenige, der ordnungsgemäß berufen und ausgebildet ist. (27)

In diesem Sinn ist festzuhalten, dass die Merkmale des Pfarrberufes mit Profession, die hochschulische Ausbildung, die Ordination und die Expertenautonomie keine elitären Privilegien sind, sondern die Sicherung dafür, dass das "Ja" der Menschen vor Gott ein informiertes und ernsthaftes Ja bleibt. Wer das Pfarramt auf eine rein moderierende Funktion reduziert, verliert die kritische Instanz, die berufen ist, die bleibende Wahrheit des Evangeliums gegen die Kurzatmigkeit zeitgeistiger Gefühle zu behaupten. Eine Kirche, die ihre DNA so radikal ändert, mag sich für eine weitere Generation als soziale Organisation retten – sie verliert aber das, was sie im Kern ausmacht: die Wahrheit des Evangeliums, die weit über das bloße Gefühl hinausgeht. (28)

Die Governance-Illusion: Machtverschiebungen und die Entfremdung von der Basis

Zum Abschluss ihrer Überlegungen benennt Julia Koll eine Reihe "offener Fragen" zu Leitung, Partizipation und Macht in einer transparochialen Kirche (29). Doch die von ihr skizzierten Lösungsansätze – etwa die Orientierung an Strukturen von Nonprofit-Organisationen mit Aufsichtsräten oder "buntere Bilder von Synoden" – verschleiern das eigentliche strukturelle Dilemma. Wir erleben derzeit keine Demokratisierung, sondern eine schleichende Verschiebung der Entscheidungsgewalt weg von der presbyterial-synodalen Basis hin zu hochzentralisierten Apparaten mit einer Hierarchie, die ein "top-down-Durchregieren" ermöglicht..

In den neuen, großräumigen Gebilden ist das von Koll angestrebte Gleichgewicht zwischen "gemeinsam Verabredetem" und "kirchlichem Wildwuchs" (30) eine reine Illusion. Tatsächlich führt die Regionalisierung zu einer Dominanz der hauptamtlichen Verwaltung und der ephoralen Leitung. Diese verfügen über einen Wissens- und Organisationsvorsprung, dem das Milieu der Ehrenamtlichen kaum noch etwas entgegenzusetzen hat. Während in der Politik Parteien zur Willensbildung beitragen, stehen an der kirchlichen Basis einzelne Vertreter oft isoliert gut vernetzten Strategen gegenüber, die ihre Reformagenda mit professioneller Rhetorik durchsetzen. (31)

Besonders kritisch ist die Frage der "Stakeholder" (32) – also derjenigen, die das System durch ihr Engagement und ihre Kirchensteuer tragen. Koll sorgt sich um die "intrinsische Motivation" derer, die sich jahrzehntelang parochial engagiert haben, und möchte ihr "organisationales Bewusstsein" wecken. Doch das klingt wie eine pädagogische Herablassung gegenüber den "Shareholdern" der Kirche, den Gemeindegliedern. Was passiert, wenn diese, die steuerzahlenden Gemeindeglieder die Entwicklung schlicht nicht mehr mittragen und austreten, weil sie ihre geistliche Verwurzelung in den anonymen Großstrukturen nicht mehr wiederfinden? Wenn das finanzielle Fundament an der Basis wegbricht, kollabieren auch die transparochialen Luftschlösser.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass sich kirchenleitende Thinktanks in einer Blase bewegen. In einer Art kollektivem Rausch meint man, in der "Glaskugel" eine schillernde Zukunft wahrzunehmen, während man den Kontakt zur Lebenswirklichkeit der Gemeinden längst verloren hat. Die von oben eingeleiteten Prozesse entfalten keine Überzeugungskraft, weil sie das Beharrungsvermögen der Basis als bloßes Hindernis statt als Ausdruck einer tiefen Verwurzelung begreifen. Eine Kirchenreform, die gegen die Menschen an der Basis geführt wird, ist zum Scheitern verurteilt – sie ist keine Erneuerung, sondern eine Form der Selbstaufgabe.

Fazit: Plädoyer für eine geerdete Kirche – Wider die transparochiale Entfremdung

Die von Julia Koll und anderen Reformern propagierte "Transformation" - wie auch immer die dann weiter ausgemalt wird - erweist sich bei näherer Analyse nicht als der rettende Anker in stürmischer See, sondern als ein riskantes Manöver, das die Substanz der Kirche zu opfern droht, um ihre äußere Hülle zu modernisieren. Wenn wir die Ergebnisse unserer Untersuchung zusammenführen, zeigt sich ein Bild der tiefgreifenden Unklarheit der Kirchen über sich selbst. Es ist das Bild einer Institution, die im Begriff ist, ihre wertvollste Ressource – die unmittelbare, beziehungsorientierte Gegenwart vor Ort – für ein technokratisches Organisationsmodell preiszugeben.

Wir müssen konstatieren:

  • Die strukturelle Sackgasse: Das Narrativ vom "Zusammenbruch" des parochialen Systems ist eine Provokation, die durch den absichtlichen Entzug von Ressourcen und die Abwertung der Basis erst Realität wird. Die Verlagerung der Entscheidungsgewalt auf die Kirchenkreisebene schafft keine Synergien, sondern zementiert die Herrschaft der Apparate und entmachtet das Ehrenamt.

  • Die personelle Illusion: Das "Feuerwerk" an neuen Optionen, das in kirchenleitenden Thinktanks entzündet wird, ignoriert den eklatanten Fachkräftemangel, der nicht nur Pfarrer, sondern alle kirchlichen Berufe betrifft. Es werden Angebote entworfen, für die schlicht die Menschen fehlen, die sie mit Leben füllen können und vor allem wollen.

  • Der geistliche Ausverkauf: Die Reduktion von Sakramenten wie der Taufe auf "niederschwellige Events" und die Degradierung des Pfarramts zum bloßen "Ermöglicher" höhlen den Kern des Evangeliums aus. Eine Kirche, die ihre Identität als Glaubensgemeinschaft selbst als "umstritten" bezeichnet, verliert ihre Existenzberechtigung und nicht zuletzt ihre Attraktivität.

Die Warnsignale aus der Praxis, wie der Konflikt in Manker-Temnitztal im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin, dürfen nicht länger als bloßes "Beharrungsvermögen konservativer Kräfte" abgetan werden. Sie sind der Ausdruck einer tiefen Entfremdung von reformatorischen Werten und ein Protest gegen eine "Anti-Kirche", die ihre eigenen Wurzeln kappt.

Es ist an der Zeit, die "Glaskugel" beiseite zu legen und sich wieder der Realität zuzuwenden. Eine zukunftsfähige Kirche braucht keine transparochialen oder wie auch immer gearteten Luftschlösser, sondern eine mutige Stärkung der Parochie. Wir brauchen keine "NGO mit Glockengeläut", sondern lebendige Gemeinden, die als Schutzräume der Wahrheit und Orte der Beziehungsdichte erfahrbar bleiben. Der Erfolg künftiger Reformen wird sich nicht an der Komplexität ihrer Governance-Strukturen messen lassen, sondern daran, ob sie den Menschen an der Basis wieder das Gefühl geben, dass sie – und ihr Glaube – das eigentliche Fundament dieser Kirche sind.

Statt die Parochie abzuwickeln, sollten wir sie entlasten: durch echte Verwaltungsreformen, durch eine Rückbesinnung auf das geistliche Amt und durch den Mut, wieder Kirche "vor Ort" zu sein – auch wenn das bedeutet, sich gegen den zentralistischen Zeitgeist zu stellen. Nur so wird die Kirche von Gott her eine Zukunft haben, die diesen Namen verdient.

Anmerkungen

(1) Julia Koll, Transparochiale Kirche, Voraussetzungen und Verheißungen, in Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt (DPfBl), 01/2026 - gelesen und zitiert in der Onlineversion - https://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/aktuelle-beitraege?tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Baction%5D=show&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Bcontroller%5D=Item&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5BitemId%5D=6106&cHash=9a03f732ffb4db99 zurück

(2) Julia Koll, a.a.O. "Der akademische Diskurs meidet an diesem Punkt die Konkretion … Steffen Bauer dagegen wagt einen Blick in die Glaskugel und hofft einerseits auf eine Stärkung der "regio-lokalen Kirche"…" zurück

(3) vgl. dazu Steffen Bauer im Interview: "Die DNA der Kirche wird gerade auf den Kopf gestellt." am 27. November 2023 - https://www.jesus.de/glauben-leben/die-dna-der-kirche-wird-gerade-auf-den-kopf-gestellt/ zurück

(4) Julia Koll, a.a.O. "Aus der jüngsten VI. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ist zu lernen, dass es gewisse Erwartungen an einen beherzten kirchlichen Einsatz fürs Gemeinwohl im Geiste der Nächstenliebe gibt, und zwar von Konfessionslosen ebenso wie von Kirchenmitgliedern. Die Kirche als religiöse Organisation oder gar als Glaubensgemeinschaft dagegen ist umstritten." zurück

(5) vgl. Steffen Bauer a.a.O. zurück

(6) Julia Koll a.a.O. zurück

(7) Julia Koll a.a.O. "Sie (die parochialen Organisationsform) ist mit ihrem Fokus auf persönlichem Kontakt und geselligen Formen bis heute ein praktischer Ausdruck eines seit der Gemeindebewegung im späten 19. Jh. gültigen Idealbilds kirchlicher Praxis und wird dabei zumeist eng verbunden mit einem auch theologisch aufgeladenen Gemeindebegriff." zurück

(8) Artikel 7: Von der Kirche - "Es wird auch gelehrt, daß allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muß, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, daß das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden." (https://www.ekd.de/Augsburger-Bekenntnis-13454.htm) zurück

(9) vgl. Frank Weyen, Das evangelische Pfarramt –  Aspekte des Pfarrberufes im Wechsel der (Ge-)Zeiten, Hannoversches Pfarrvereinsblatt 2/2024, S. 15: "Wir sind als Profession: Behüter:innen  • der Institution,  • des Wortlautes und des Inhaltes der Heiligen Schrift,  • der theologischen Lehre der Kirche,  • der Bekenntnisse und Gesetze der Kirche sowie  • der Sakramente •in Verantwortung vor Gott und der Kirche und • für die Menschen, zu denen wir durch Jesus Christus gesandt sind. Mehr braucht es für unsere Profession eigentlich nicht. Und das alles macht auch unsere Identität als Pfarrpersonen aus." zurück

vgl. Frank Weyen, Profession in der Krise - Das Pfarramt ? eine überkomplexe Herausforderung, in DPfBl 11/2019 - gelesen in der Onlineversion - https://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv?tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Baction%5D=show&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Bcontroller%5D=Item&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5BitemId%5D=4851&cHash=acc5feb0ebfe199f462263f6d8848019

(10) vgl. dazu Dr. Alexander Will in seinem Artikel "Mehr Gottesdienst statt Parteiversammlung" in der Nordwestzeitung (NWZ) vom 21.12.2025: "Weihnachten fällt auf: Kirchen verlieren spirituelle Bedeutung. Statt von Religion sind sie von Politik dominiert. Deswegen braucht es mehr Trennung von Staat und Kirche." - "Kirche verliert an Bindungskraft, weil sie ihre eigentliche Rolle nicht mehr ausfüllt. Damit aber stehen klerikale Ausflüge in die Tagespolitik von vornherein und immer mehr auf zweifelhafter Basis. Zum Zweiten sollte das Bröckeln der Anhängerschaft Kirchenstrategen aller Konfessionen vor Augen führen, dass galoppierende Politisierung ihre Institutionen nicht vor dem Sturz in die Irrelevanz retten wird." zurück

(11) "Kirche der Freiheit" (2006) proklamierte Leuchttürme statt Arbeit in der Fläche, Zusammenarbeit in der Region und Stärkung der mittleren Ebene. Im Blick auf den hannoverschen "Zukunftsprozess" berichtet das "Politikjournal für Niedersachsen" am 14.05.2023 von der Frühjahrssynode der Hannoverschen Synode und fragt: "Zukunft gescheitert? Die Landeskirche Hannovers ringt um ihren Erneuerungsprozess". Christine Rinne und Friedrich Selter aus dem "Koordinierungsrat" des landeskirchlichen Zukunftsprozesses werden mit dem Satz zitiert: "Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, den Prozess in seiner jetzigen Struktur zu beenden." Dem folgt die Synode zwar nicht, muss aber erkennen, dass die hochgesteckten Ziele für eine Beteiligung massiv verfehlt wurden. Geblieben ist der Ansatz: "Glauben ermöglichen". - Neben diesen beiden Punkten können noch die Stichworte genannt werden: Kirche als "NGO mit Glockengeläut": Nachhaltigkeit (2018) - 12 bzw. vorher 11 Leitsätze "Kirche auf gutem Grund" (2020) - Welle-Bewegung in der Hannoverschen Landeskirche. Der für dieses Jahr in Hannover angesetzte und im großen Stil geplante Kirchenvorstehertag musste mangels Anmeldungen abgesagt werden. zurück

(12) vgl. dazu auch Rainer Mainusch, Der rechtliche Rahmen einer Kirche im Transforationsprozess, in: ZevKR 65 (2020) Zwar hält der Juristischen Vize-Präsident Dr. Rainer Mainusch die Abschaffung des Parochialprinzips für unklug, Veränderungen im Parochialrecht seien aber durchaus angezeigt hinsichtlich Organisationsgewalt, Dienstherrenfähigkeit, Kirchensteuern (373f.) Er spricht von der bleibenden Bedeutung der "überkommenen" Parochialgemeinde (S. 376) und schlägt vor, dass künftig nicht mehr die Kirchengemeinden, sondern die Kirchenkreise als unterste Ebenen der Kirche als Körperschaft öffentlichen Rechts definiert werden. (S. 378f) zurück

(13) Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen, 22017 zurück

(14) Aktenstück 89_A der 26. Hannoverschen Landessynode vom 11. September 2024, S. 8-11 zurück

(15) a.a.O. S. 11 zurück

(16) a.a.O. S. 12f zurück

(17) a.a.O. S. 14 zurück

(18) Tobias Scheidacker, Das gescheiterte »Reformmodell« der EKBO im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin, in: Gisela Kittel, Eberhard Mechels (Hg.), Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen, 22016, S. 181-206 zurück

(19) Julia Koll, a.a.O., zitiert Steffen Bauer zurück

(20) Tobias Scheidacker S. 182 zurück

(21) Steffen Bauer, a.a.O. zurück

(22) Steffen Bauer, a.a.O. zurück

(23) vgl. Frank Weyen, Das evangelische Pfarramt zurück

(24) Steffen Bauer, a.a.O. zurück

Dass Menschen ihre Erfahrungen, Kenntnisse und Ideen in die Arbeit der Gemeinde eintragen, steht außer Frage. Aber wenn Bauer sagt: "Wir brauchen eine Haltung des ‘Ich lasse zu. Ich lasse andere machen. Ich lasse etwas zu, was meinem eigenen Kirchenverständnis, meinem Erfahrungshintergrund gar nicht entspricht.’ (a.a.O.), dann widerspricht der Verfasser dieser Zeilen. Kriterien des Zulassens sind und bleiben biblisches Zeugnis und evangelisches Bekenntnis. Bauer sagt: "Wir haben nichts zu verlieren." Und er verweist wieder auf Taufen "in der Öffentlichkeit, in Bädern, an Seen und Flüssen". Da kommen "ganz andere Menschen", es entsteht ein "ganz anderes Gemeinschaftsgefühl". Ist das das Ziel einer Kirchenreform?

(25) vgl. Interview mit Prof. Dr. Anne Käfer, Professorin für Systematische Theologie in Münster, Hannoversches Pfarrvereinsblatt 2/2024 S. 43 zurück

(26) Steffen Bauer, a.a.O. zurück

(27) Luther Deutsch, Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, hrsg. Kurt Aland, Göttingen 21981, S. 161 "Was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht jedem ziemt, solch Amt auszuüben." (Adelsschrift) zurück

(28) Dass zum Pfarrberuf auch Verwaltung gehört, darf nicht verschwiegen werden. Solange die Kirchenämter sich darauf konzentrieren konnten, die Kirchengemeinden und ihre Vorstände zu begleiten, war diese Verwaltung auch zu bewältigen. Erst in dem Moment, als verstärkt gemeindefremde Leistungen (Abrechnung beispielsweise für die Diakonischen Werke) und Instrumente (Doppik) dazu kamen und im Gegenzug nicht für Entlastung der Arbeitskräfte gesorgt wurde, wurde die Verwaltung im Pfarramt eine Belastung. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema sprengt aber den Rahmen dieses Aufsatzes. zurück

(29) Julia Koll, a.a.O. zurück

(30) a.a.O. zurück

(31) vgl. dazu auch Christoph Bergner, Der Verlust der Nähe - Wie die Kirche den Bezug zu sich selbst und zu ihren Mitgliedern verlor, in DPfBl 10/2025 - gelesen und zitiert in der Onlineversion https://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv?tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Baction%5D=show&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Bcontroller%5D=Item&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5BitemId%5D=6067&cHash=38791b4eccaeb9e638438cf6b2d46f7c Zusammenfassend kann man Bergners Position so beschreiben: Die kirchlichen Synoden laufen Gefahr, zu symbolischen Akklamationsgremien zu verkommen. Das demokratische Ideal der Synodalität wird durch das Fehlen professioneller Organisation und die Informationshoheit der Kirchenleitung und -verwaltung entwertet. Um die Funktionsfähigkeit und die Legitimation ihrer Kirchenparlamente zu sichern, müssten Wege gefunden werden, um die ehrenamtliche Kontrolle personell und strukturell zu stärken. zurück

(32) Julia Koll, a.a.O. zurück

Montag, 23. Februar 2026

Wenn die Kirche sich selbst abschafft ...

Am 18. Februar veröffentlichte das Sonntagsblatt - 360° evangelisch - den Beitrag von Ralf Frisch: “Warum es der Kirche nichts nützt, sich selbst zu säkularisieren” (Link zum Artikel). Absolut lesenswert! Auf seiner Internetseite stellt sich Ralf Frisch so vor: “Ich bin Professor für Systematische Theologie und Philosophie. Zu Deutsch: ich beschäftige mich mit den Grund- und Gegenwartsfragen des christlichen Glaubens und mit den Grund- und Grenzfragen des menschlichen Daseins.” (https://ralffrisch.de/) Sein Aufsatz im Sonntagsblatt hat mich so fasziniert, dass ich die aus meiner Sicht wesentlichen Gedanken hier aufnehme und meine Gedanken hinzufüge. 

Ich empfehle dringend, den Artikel im Original zu lesen (Link s.o.)!

Die Flucht nach vorn – doch in welche Richtung?

Ralf Frisch schildert eine Podiumsdiskussion, die symptomatisch für die aktuelle Lage der evangelischen Kirche zu sein scheint. Eine Pastorin fordert dort die radikale Öffnung: Die Grenze zwischen Kirche und Nicht-Kirche solle fallen. Für Fisch ginge unter diesen Umständen das Christentum in einer „säkularen humanistischen Menschheitsreligion“ auf.

Frisch beobachtet diesen Trend zur Entgrenzung mit großer Skepsis und analysiert messerscharf:

  • “Tugend” aus der Not: Die drohende Bedeutungslosigkeit der Volkskirche wird durch eine rhetorische Flucht nach vorn kompensiert. Man verkauft das Schwinden des Profils als Fortschritt.

  • Glaubwürdigkeitsverlust: Wer als kirchliche Gehaltsempfängerin die Auflösung der eigenen Institution predigt, wirkt auf Frisch wie ein Gast im „Grandhotel Abgrund“ – man genießt den Status quo, während man das Ende moderiert.

  • Heimatlosigkeit: Frisch gesteht sich sogar den radikalen Gedanken eines Kirchenaustritts ein, da er in der aktuellen Form der Institution die „Kirche Jesu Christi“ kaum noch wiedererkennt. Solche Gedanken könnten sich, so Frisch, von einer evangelischen Pfarrperson öffentlich ausgesprochen, schnell als existenzgefährdende Sätze erweisen.

Mein Kommentar: „Existenzgefährdenden Sätze”

Besonders bezeichnend ist Frischs Hinweis auf die „existenzgefährdenden Sätze“. Es ist ein erschreckender Befund. Eine Pfarrperson, die das Profil und die Identität ihrer Kirche schützen will, gerade deshalb am gegenwärtigen Erscheinungsbild leidet und dies auch öffentlich macht, muss unter Umständen mit disziplinarischen Konsequenzen rechnen. Ob dies im Einzelfall bis zum Verlust der Existenzgrundlage führt, sei dahingestellt; doch als Vorsitzender des Vereins „D.A.V.I.D. – gegen Mobbing in der evangelischen Kirche“ erfahre ich regelmäßig von Handlungsweisen kirchenleitender Personen, die ich zuvor schlicht nicht für möglich gehalten hätte.

Dabei geht es hier – wie bei Frisch – um die geistliche Integrität: die Erkenntnis, dass die gegenwärtig sichtbare Institution kaum noch mit der Kirche Jesu Christi zur Deckung zu bringen ist, die wir eigentlich erwarten.

Hier zeigt sich ein tiefes Paradox: Während die „Entgrenzung“ und die Verschmelzung der Kirche mit der öffentlichen Meinung in kirchenleitenden Gremien und Thinktanks oft als prophetisch gefeiert werden, führt die Sorge um den theologischen Kern in die Selbstzensur. Wer den Ausverkauf christlicher Inhalte kritisiert, steht unter Druck, während diejenigen, die die Auflösung der Kirche betreiben, Applaus ernten. Die Toleranz der „Entgrenzer“ scheint offensichtlich nur in eine Richtung zu gelten.

Frisch: Selbstsäkularisierung wird Ende der Kirche beschleunigen

Ralf Frisch radikalisiert in diesem Abschnitt seine Kritik: Er sieht die evangelische Kirche in einer Vorwärtsflucht, die er als „theologische Suizidierung“ bezeichnet. Anstatt das eigene geistliche Erbe zu pflegen, flüchten sich Funktionäre und Fakultäten in die Rolle von interreligiösen Moderatoren oder Kulturwissenschaftlern.

Die Kernthesen dieses Abschnitts:

  • Das Paradox der Prophetie: Wer die Kirche durch Selbstsäkularisierung auflöst, gilt heute oft als „visionär“. Wer hingegen an den gekappten geistlichen Wurzeln leidet und dies auch benennt, wird schnell als „ewiggestrig“ oder gar als „Nestbeschmutzer“ abgestempelt.

  • Gottlose Zukunftspapiere: Frisch weist darauf hin, dass selbst in Papieren theologischer Fakultäten das Wort „Gott“ teils gar nicht mehr vorkommt – aus Angst, im akademischen Wettbewerb als nicht anschlussfähig zu gelten.

  • Die falsche Prognose: Gegen das Credo, das Christentum müsse säkular werden, um zu überleben, setzt Frisch die Gegenthese: Die Flucht in die Beliebigkeit wird das Ende der Institution nicht verzögern, sondern beschleunigen.

Mein Kommentar: Die Suche nach Substanz und Profil

Meine eigenen Erfahrungen decken sich in hohem Maße mit den Beobachtungen von Ralf Frisch. In meiner aktiven Dienstzeit wurde dies besonders in zwei Bereichen deutlich:

  • Wissenserosion und Offenheit: Jugendliche im Konfirmandenunterricht sind keineswegs desinteressiert, sondern sehr wohl ansprechbar auf biblische Inhalte. Da sie in der Schule oft nur noch vergleichende Religionskunde ohne eigenes Fundament erfahren, fehlt ihnen die Basis. Wenn man ihnen aber die christliche Botschaft als eigenständiges Profil anbietet, stößt dies auf offene Ohren.

  • Rituelle Entfremdung: Der Trend zu weltlichen Rednern bei Beerdigungen und Trauungen oder gar „weltlichen Taufen“ (so widersprüchlich dieser Begriff auch sein mag) zeigt, dass die Kirche ihre Kompetenz für die Deutung der großen Lebensübergänge verliert. Das geschieht oft deshalb, weil sie ihre eigene Botschaft nicht mehr mutig und erkennbar genug vertritt.

Ich stimme Frisch zu: Die Rettung liegt nicht in der Flucht in die Rolle des „interreligiösen Trainers“. Wir brauchen eine zeitgemäße, dialogbereite Theologie, die sich traut, wieder von Gott zu sprechen.

Das zeigt sich besonders im Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft, etwa beim Thema Schöpfung. Im Konfirmandenunterricht taucht das Thema regelmäßig auf. Hier müssen beide Seiten ihre Grenzen anerkennen:

  • Die Theologie bietet nicht die „bessere“ Erklärung als die Naturwissenschaften. Es geht der Theologie nicht um das empirische „Wie“ der Weltentstehung, sondern darum, Gott als Ursprung mitzudenken. Dieses Denken kann und darf die Theologie der Wissenschaft allerdings nicht aufzwingen.

  • Die Naturwissenschaft wiederum erklärt Gesetzmäßigkeiten auf Basis von Experimenten und Messungen. Sie überschreitet ihre Kompetenz, wenn sie versucht, mit dieser Methode die Nicht-Existenz Gottes „beweisen“ zu wollen.

Ein echter Dialog ist nur möglich, wenn die Theologie ihr transzendentes Rückgrat behält. Wenn die Kirche nur noch das sagt, was ohnehin allgemeiner Konsens ist, macht sie sich selbst überflüssig.

Frisch: Moderner Protestantismus in der Sackgasse

Zwischen muslimischer Vitalität und christlicher „Vaselineverkündigung“

In diesem Abschnitt führt Ralf Frisch die Analyse in den Bereich der gesellschaftlichen Realität und der Religionsbegegnung. Er spart dabei nicht mit harten Begriffen und zeichnet das Bild einer Kirche, die vor lauter Toleranz ihre eigene Identität verloren hat.

Die zentralen Punkte der Analyse:

  • Identität vs. Belanglosigkeit: Während Frisch bei Muslimen eine starke, identitätsstiftende Kraft des Glaubens wahrnimmt, biete der moderne Protestantismus oft nur noch eine „Vaselineverkündigung“ – anschlussfähige, aber belanglose Binsenweisheiten.

  • Die Sackgasse des Liberalismus: Weder Sozialmoralismus noch ein rein individuelles „Selbstbestimmungschristentum“ führen laut Frisch zu einer belastbaren Kirchenbindung. Im Gegenteil, so Frisch, die Kirche mache sich durch ihre Anpassung an den Zeitgeist unsichtbar.

  • Das interreligiöse Missverständnis: Frisch warnt vor einer „interreligiösen Romantik“. Das Beispiel der „99 Namen Allahs“ in einem franziskanischen Magazin dient ihm als Beleg für eine Kirche, die ihr eigenes Bekenntnis leichtfertig durch ein vages „Weltethos“ ersetzt.

  • Die Gefahr der Blauäugigkeit: Frisch befürchtet, dass die Kirche die Realität eines “religionspolitischen Kulturkampfes” unterschätzt. Wer nur noch auf “Menschheitsmoral” setzt, verkenne, dass andere religiöse Mentalitäten durchaus hegemoniale Ansprüche verfolgen.

Mein Kommentar: Selbstbewusstsein statt Ressentiment

Die Beobachtungen von Frisch decken sich mit meinen Erlebnissen vor Ort. Wenn ich sehe, wie diszipliniert und überzeugt junge Männer in der Moschee beten, beeindruckt mich diese Ernsthaftigkeit durchaus. Das Problem ist nicht die Stärke des muslimischen Glaubens an sich, sondern die theologische Sprachlosigkeit auf christlicher Seite.

Christen haben dem muslimischen Selbstbewusstsein oft nichts Eigenes entgegenzusetzen – nicht, weil sie tolerant sein wollen, sondern weil sie verlernt haben, ihren eigenen Glauben fundiert und mutig zu bekennen. Es geht mir nicht um eine Abwertung des Islam, sondern um ein Plädoyer für ein selbstbewusstes Christentum, das dialogfähig ist, gerade weil es ein eigenes Profil hat. Wenn wir unseren Glauben nur noch als „humanistische Grundierung“ verstehen, werden wir in einer multireligiösen Welt schlichtweg übersehen.

Frisch: Wo wird der christliche Glaube überleben?

Ralf Frisch stellt uns in seinem Aufsatz vor eine radikale Bestandsaufnahme. Er benennt drei Symptome, die vor allem die Situation nördlich der Alpen und speziell in Deutschland kennzeichnen und die bisherige Gestalt von Kirche infrage stellen:

  • Der akademische Nachwuchsmangel: Die Zahl der Theologiestudierenden sinkt in allen Konfessionen drastisch.

  • Das Ende politischer Privilegien: Die Staatskirchenverträge stehen auf wackeligen Beinen; ihr Fortbestand scheint langfristig nur noch bei unwahrscheinlichen politischen Mehrheiten gesichert.

  • Die Erosion der Lehre: Die Universitätstheologie droht zu einer bloßen „Schwundstufentheologie“ zu verkommen.

Angesichts dieser „Verdünnisierung“ des Christlichen stellt sich die existenzielle Frage: Wie und wo wird der Glaube diesen Epochenbruch des 21. Jahrhunderts überleben? Wenn die alten Narrative der Aufklärung sterben, wo bleibt dann das Evangelium präsent?

Spuren des Bewahrens – aber keine fertigen Lösungen

Frisch geht verschiedene Optionen durch, die wie Speichermedien einer verbleichenden Kultur wirken:

  • Als bloße historische Erinnerung an Vergangenes.
  • In freikirchlichen Nischen und Ausbildungsstätten.
  • Im sakramentalen Ritus oder im kulturellen Welterbe der Kathedralen und Klöster.
  • In der Ästhetik, also in Musik und Kunst, die sich dem Zeitgeist widersetzen.
  • In der spirituellen Innerlichkeit als reine Privatsache oder gar „inkognito“ als vage soziale Substanz unserer Gesellschaft.

Doch letztlich wird deutlich: Keine dieser Optionen ist für Frisch eine vollwertige Lösung. Sie beschreiben zwar Spuren des Bewahrens, aber sie allein können keinen christlichen Glauben retten, der sprachfähig bleibt und anderen Menschen die biblische Botschaft aktiv erschließt.

Die Gefahr des politischen Missbrauchs: Der „transatlantische Flashback“

Besonders brisant wird es, wenn man den Blick über den Ozean richtet. Frisch thematisiert das Erstarken eines politisch-theologischen Narrativs, wie wir es in den USA bei J.D. Vance oder Marco Rubio erleben. Hier wird das Christentum zur Ideologie umgeformt, um eine „westliche Zivilisation“ zu retten – durchaus unter Berufung auf biblische Motive (etwa den „Aufhalter“ aus 2. Thess 2).

Frisch warnt hier vor einem gefährlichen „Flashback“ für uns in Europa: Wer heute noch starke Überzeugungen einer rettenden, göttlichen Transzendenz vertritt, wird allzu leicht als „rechts“, konservativ oder ewiggestrig stigmatisiert. Es entsteht der Eindruck, als sei ein systematisch-dogmatisch klares Christentum zwangsläufig mit den dunklen, fundamentalistischen Geistern der Vergangenheit assoziiert.

Mein Fazit: Glaube zwischen den Fronten

Am Ende dieses Abschnitts bleibt die Frage nach dem „Wo“ des Überlebens bewusst offen. Eines aber wird klar: Der Glaube steht unter Beschuss von zwei Seiten. Er kann von der „rechten“, vermeintlich konservativen Seite politisch instrumentalisiert werden, aber er kann ebenso von der „linken“, progressiven Seite durch Selbstsäkularisierung entleert werden.

Beide Wege führen weg von der eigentlichen Substanz. Die Herausforderung für uns bleibt, einen Ort für den Glauben zu finden (oder zu schaffen), der sich nicht parteipolitisch vereinnahmen lässt, sondern seine Kraft aus der biblischen Botschaft selbst bezieht.

Frisch: Das Oben-Ohne-Christentum

Zum Ende seines Artikels stellt Ralf Frisch eine fast schon existenzielle Diagnose: Wenn die Kirche den „Himmel“ – also die Transzendenz und die göttliche Spannung – streicht, bleibt ein spiritueller Kahlschlag zurück. Dieses „Oben-Ohne-Christentum“ (Theodor W. Adorno) erzeugt eine Leere, die laut Frisch zwangsläufig mit Nihilismus oder neuen Absolutismen gefüllt wird.

Die zentralen Schlussgedanken:

  • Die Bonhoeffer-Frage: Wie sollen Menschen die Spannungen dieser Welt aushalten, wenn sie den Bezug zum „Heiland“ und zum Jenseits verlieren? Ohne den Zusammenhalt zwischen Himmel und Erde erodiert letztlich auch der Zusammenhalt unter den Menschen.

  • Die missionarische Chance der Diaspora: Um die totale Säkularisierung zu beschreiben, erzählt Ralf Frisch eine fast schon tragikomische Begebenheit: In einer weitgehend entkirchlichten Region Deutschlands wurde er nach seinem Beruf gefragt. Auf seine Antwort, er sei „Pfarrer“, reagierte das Gegenüber mit ehrlichem Mitgefühl: „Fahrer sind Sie? Oje, das ist aber ein anstrengender, schlecht bezahlter Job. Tag und Nacht auf dem LKW unterwegs! Allen Respekt.“

    Dieser Mensch hatte das Wort „Pfarrer“ in seinem Leben tatsächlich noch nie gehört.

    Was auf den ersten Blick wie ein sprachliches Missverständnis wirkt, offenbart den tiefen Epochenbruch: Das christliche Vokabular und die damit verbundenen Lebensentwürfe sind aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden. Doch Frisch sieht in dieser Tabula rasa eine paradoxe, fast missionarische Chance:

    Wenn das Christentum und seine Botschaft völlig fremd geworden sind, verlieren sie auch den Ballast des „schon tausendmal Gehörten“. Sie können wieder „faszinierend neu strahlen“ – aber nur unter einer Bedingung: Wir dürfen uns nicht in die Komfortzone stressfreier Unkenntlichkeit flüchten, indem wir uns bis zur Ununterscheidbarkeit anpassen. Wir brauchen stattdessen den Mut zur „sperrigen Kenntlichkeit“. Wir müssen als Christen wieder erkennbar sein, gerade weil unsere Botschaft quer zu den Gängigkeiten des Zeitgeistes steht.

Mein Fazit: Vom Mut zur Sperrigkeit

Ich schließe mich Ralf Frisch an: Wir brauchen den Mut, uns aus der Komfortzone der Belanglosigkeit herauszubewegen. Das „Oben-Ohne-Christentum“ macht auch mir Angst, weil es den Menschen die Hoffnung raubt, die über das Irdische hinausgeht.

In meinem eigenen Blog „Predigten nachgedacht“ versuche ich genau das: Im Rückblick auf Jahrzehnte der Verkündigung zu prüfen, was uns die Botschaft der Sonntage heute noch zu sagen hat. Es geht darum, die „Spannung zwischen Himmel und Erde“ wieder spürbar zu machen, die in der modernen kirchlichen Verwaltung leider oft verloren gegangen ist.

Am Ende steht eine Erkenntnis, die so schlicht wie tief ist: Wir können die Kirche nicht durch kluge Strukturen retten. Wir müssen darauf vertrauen, dass Gott seiner Christenheit den Weg weist. Es liegt nicht allein an unserem Wollen, sondern an Seinem Segen. Wir sind vielleicht nur noch wenige „Letztverbliebene“, aber wir tragen eine Botschaft, die zu wertvoll ist, um sie in Anpassung zu ersticken.

„Fahren Sie in Gottes Namen weiter“

Zum Schluss seines Artikels erzählt Ralf Frisch eine wunderbare Anekdote, die zeigt, was passiert, wenn die „Vertikale“ des Glaubens unvermittelt in die „Horizontale“ unseres durchgetakteten Alltags einbricht. Es geht um eine verbotene Autofahrt zu einer Kapelle, eine Begegnung mit einem Bauern auf einem Traktor und ein Wort, das in unserer modernen Welt offensichtlich exotischer wirkt als jede andere Erklärung: „Beten.“

Frisch beschreibt dieses Bekenntnis als etwas, das quer zu allen Salonfähigkeiten steht – eine Art geistliche „Geisterfahrt“, die manche für verrückt halten mögen, die aber vielleicht genau der Weg ist, den wir als Christen heute gehen müssen.

Wie genau diese Begegnung ausging und warum Frisch am Ende tatsächlich „in Gottes Namen“ weiterfahren durfte, sollten Sie unbedingt selbst nachlesen. Es lohnt sich, diesen klugen und scharfzüngigen Text in voller Länge im Sonntagsblatt zu genießen.


[Hier geht es zum vollständigen Artikel von Ralf Frisch]

Dienstag, 3. Februar 2026

Die verwaltete Erschöpfung

Warum die „transparochiale“ Wende die Basis im Stich lässt ...

Ausführlich habe ich mich in der letzten Zeit mit den Maßnahmen beschäftigt, die von Seiten der kirchenleitenden Ebenen angestrebt werden, um dem immer deutlicher spürbar werdenden Abwärtstrend in der Kirche entgegenzuwirken. Besonders die beiden Artikel mit den gegensätzlichen Positionen von Andreas Dreyer und Julia Koll in den letzten Ausgaben des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts (vgl. den vorhergehenden Blogbeitrag “Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?”) waren Anregung genug, nach weiteren Positionen zu forschen. 

Hier nur eine Auswahl der Dokumente:

  • Allen voran: Gisela Kittel/Eberhard Mechels (Hg.), Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen 2016
  • AKTENSTÜCK NR. 98 DER 23. LANDESSYNODE, 23. Mai 2005
  • Zukunft gescheitert? Die Landeskirche Hannovers ringt um ihren Erneuerungsprozess - 14. Mai 2023 · Rundblick - Politikjournal für Niedersachsen - Kultur (https://rundblick-niedersachsen.de/zukunft-gescheitert-die-landeskirche-hannovers-ringt-um-ihren-erneuerungsprozess; abgerufen 02.02.2025)
  • AKTENSTÜCK NR. 89 A DER 26. LANDESSYNODE, 11. September 2024
  • AKTENSTÜCK NR. 104 C DER 26. LANDESSYNODE, 4. November 2025

Was in den kirchenleitenden Verlautbarungen zunächst nach einer innovativen Ausweitung kirchlichen Handelns klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen – wie auch im aktuellen Artikel von Julia Koll – als die theoretische Untermauerung einer schleichenden Entmachtung der Kirchengemeinde vor Ort.

Die „Selbsterfüllende Prophezeiung“ der Krise

Das Narrativ der Kirchenleitungen ist beinahe überall gleich: Die traditionelle Arbeit in den Gemeinden „fresse“ zu viele Ressourcen und erreiche immer weniger Menschen. Die logische Konsequenz sei daher die Verlagerung von Verantwortung und Finanzen auf die „nächste Ebene“, den Kirchenkreis.

Diese Abwertung der Arbeit vor Ort findet sich leider immer wieder. 2006 gab die EKD das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ heraus. Dieses Dokument gilt als der „Urtext“ der aktuellen Reformformentwicklung. Kritiker wie die Bochumer Theologieprofessorin Isolde Karle (beispielsweise in „Kirche der Freiheit? Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Impulspapier des Rates der EKD“ in der Zeitschrift Evangelische Theologie) werfen dem Papier vor:

  • Betriebswirtschaftliche Sprache: Begriffe wie „Taufquote“, „Benchmarking“ und „Qualitätsmanagement“ wurden eingeführt. Dies habe den Pfarrberuf von einer geistlichen Berufung zu einer messbaren Management-Aufgabe herabgestuft.
  • Abwertung der Fläche: Das Papier propagiere „Leuchttürme“ (Profilkirchen) und nähme dabei die „pastorale Unterversorgung“ in der Fläche (Ortsgemeinden) bewusst in Kauf.
  • Qualitätszweifel: Es werde unterstellt, dass die Qualität von Amtshandlungen (Taufen, Trauungen) oft unzureichend sei und erst durch zentrale Standards „professionalisiert“ werden müsse.

Die Pfarrvereine warnten regelmäßig davor, dass die Kirchenleitungen durch die ständige Strukturreform die „psychische Widerstandskraft“ der Geistlichen untergrabe. 

Andreas Kahnt, ehem. Vorsitzender des Pfarrverbandes, schrieb dazu: „Wir sind keine Filialleiter eines religiösen Konzerns, sondern Seelsorger. Die ständige Rede von 'Effizienz' und 'Output' verkennt, dass das Wesen der Kirche dort liegt, wo zwei oder drei im Namen Christi zusammenkommen – und nicht dort, wo die Taufquote stimmt.“ (Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe 11/2012; unter dem Titel der Berichterstattung zum Pfarrertag) 

Ähnlich drückte es Andreas Dreyer aus: „Die permanente Reformeuphorie der Kirchenleitungen korrespondiert mit einer tiefen Erschöpfung an der Basis. Wer Gemeinden fusioniert und Stellen streicht, darf sich nicht wundern, wenn das Bild des Pfarrers in der Öffentlichkeit nur noch als das eines 'Mangelverwalters' erscheint.“ (An der Belastungsgrenze, in: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 3, 2014)

In meinen Augen erleben wir hier eine „Self-fulfilling Prophecy“. Wenn die Kirchenleitungen über Jahre hinweg das Bild zeichnen, dass die Arbeit vor Ort „nicht mehr läuft“ und die Parochie ein Auslaufmodell sei, dann sickert dieses Gift der Demotivation bis in die Kirchenvorstände und zu den Pfarrpersonen und letztendlich auch zu den Gemeindegliedern durch. Es entsteht eine Depressionsspirale. Wenn man Menschen ständig sagt, sie seien Teil eines sterbenden Systems, werden sie irgendwann aufhören, für dessen Erhalt zu kämpfen, ja, sie werden sich abwenden.

Die von mir - und vielen anderen - so erlebte Abwertung der jahrelangen und durchaus auch erfolgreichen Arbeit vor Ort war der Antrieb, mich noch einmal mit der Materie auseinanderzusetzen. Alle Zitate und Positionen der Kritiker zeigen überdeutlich, dass die von Julia Koll und anderen geforderte „ressourcenkluge Gestaltung“ (bei Koll die Transparochialität) keine neue Idee ist, sondern die Fortsetzung eines 20 Jahre alten Fehlers. Die "Reformideen" zünden nicht, sie halten den Abwärtstrend nicht auf, sie zeigen keine Wirkung, die in die Breite geht und die Basis erreicht.

Die Gegenargumentation hat immer das gleich Ziel: Wer die Parochie aufgibt, gibt die soziale Form der Kirche auf, die Menschen am effektivsten erreicht.

Ehrenamt braucht Wertschätzung, keine Verwaltung

Wir wissen, dass das ehrenamtliche Engagement überall gesellschaftlich immer schwieriger zu mobilisieren ist. Doch anstatt die verbleibenden Kräfte zu stärken, fühlen sich viele Ehrenamtliche durch die „Top-Down-Reformen“ schlichtweg nicht mehr wertgeschätzt. Wer möchte schon seine Freizeit opfern, um als „Mangelverwalter“ in einem System zu fungieren, das die eigene Gemeinde zur bloßen „Verwaltungseinheit“ des Kirchenkreises degradiert?

Kirche der Reformation? ...

... ein lesenswertes Buch, hrsg. von Gisela Kittel und Eberhard Mechels

Zum Reformationsjahr 2017 gaben Gisela Kittel und Eberhard Mechels die 2. Auflage ihres Buches heraus “Kirche der Reformation? - Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr”. Kittel und Mechels versammeln in diesem Band gewichtige Stimmen, die den Reformeifer der EKD hinterfragen. Statt einer Anpassung an moderne Management-Strukturen fordern die Beiträge eine theologische Tiefenschärfe, die den Namen 'Reformation' verdient. Auch jetzt kann ich wieder nur feststellen: Ein unverzichtbares Werk für alle, die sich nicht mit strukturellen Antworten auf geistliche Fragen zufriedengeben wollen.

Alle Autoren analysierten bereits frühzeitig die Gefahren (s. oben die Kritik von Isolde Karle und anderen), die wir heute in verschärfter Form erleben. Besonders hervorzuheben sind dabei:

  • Die Erosion der Ortsgemeinde: Die Autoren warnten schon damals vor einer „Entparochialisierung“. Was einst als Flexibilisierung verkauft wurde, führt heute oft zum faktischen Statusverlust der Kirchengemeinde als primärem Ort kirchlichen Lebens.
  • Ökonomisierung vs. Theologie: Der im Buch beschriebene Vorrang von Management-Logiken gegenüber ekklesiologischen Grundsätzen lässt sich heute in den (oft alternativlos präsentierten) Strukturfusionen eins zu eins wiederfinden.
  • Der Status des Pfarramts: Auch die Veränderung des pastoralen Dienstes hin zum „Funktions- und Regionalmanagement“ wurde hier bereits in den Anfängen kritisch beleuchtet.

Erneuerung von unten

Um zu verdeutlichen, was die Autoren schon zum Reformationsjahr sagen wollten, greife ich auf den Artikel von Herbert Dieckmann zurück, “Plädoyer für eine kirchliche Erneuerung von unten”; ich hätte auch andere Artikel nehmen können. 

Kurz zur Einordnung der Person: Herbert Dieckmann war von 1970 bis 2005 aktiv im kirchlichen Dienst der Hannoverschen Landeskirche als Gemeinde- und Schulpfarrer und im kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Er war Mitglied und Vorsitzender der Pfarrvertretung und danach Rechtsberater im Hannoverschen Pfarrverein. Zusammengefasst: Ein Kenner der Materie.

Dieckmanns Argumentation kann so zusammengefasst werden:

1. Kritik an der "Fortschrittsideologie" der Kirchenleitung

Dieckmann wirft der Kirchenleitung vor, eine überholte Fortschrittsideologie des 19. Jahrhunderts zu reaktivieren. Unter dem Deckmantel der "Reform" gehe es primär um eine Neuverteilung von Finanzmitteln zulasten der Ortsgemeinden und zugunsten von bürokratischen Funktionsstellen (z. B. Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit). Unterstützt werde dies durch eine "clevere Beratungsindustrie" (wie McKinsey), die erfolgreiche Gemeindearbeit systematisch schlechtrede.

2. Verzerrtes Bild der Pfarrerschaft vs. Realität

Dieckmann kritisiert die gezielte Abwertung des Pfarrerbildes durch die EKD. Diese unterstelle der Pfarrerschaft eine "mentale Orientierungskrise" und mangelnde Professionalität.

Der pensionierte Pfarrer führt dagegen die EKD-eigenen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU V im Jahr 2012) an. Diese belege, dass 92% der Kirchenmitglieder den Kontakt zu ihren Ortspastoren als "gut" oder "sehr gut" bewerteten. Pastorinnen und Pastoren rangierten im gesellschaftlichen Ansehen auf Platz zwei direkt hinter Ärzten.

Anmerkung Krüger: Zur neuesten KMU VI (Herbst 2022) schrieb ich im Blogbeitrag “Ecclesia evangelica, quo vadis? Gedanken zur Auswertung der 6. KMU”: 

Kirche vor Ort - DAS Kontaktfeld!

Als Ort der Begegnung erreichen nur die eigene Kirchengemeinde (38%) und Kirchengebäude oder Orte der Stille (19%) zweistellige Prozentwerte. Alle anderen Optionen - Seelsorge in einer Klinik oder einem Seniorenheim (3%); kirchliche Bildungseinrichtung (4%); Einrichtung der Caritas oder Diakonie (8%); kirchlicher Kindergarten (7%) - sind weit abgeschlagen.

Auch bei der Frage nach der Kontaktperson erzielen die Mitarbeitenden vor Ort hohe Werte: Pfarrperson (42%), Sekretär/in (25%), Kirchenmusiker/in (22%). Die Begegnung mit Mitarbeitenden "in der Jugend-, Familien-, Senioren- oder Sozialarbeit" (31%) lässt sich nicht differenzieren, weil verschiedene Arbeitsfelder zusammengefasst wurden.

3. Die Unverzichtbarkeit der Ortsgemeinde

Entgegen der Behauptung, die Ortsgemeinde sei ein "Auslaufmodell", betont Dieckmann deren Reichweite:

  • Vier-Säulen-Modell: Die Ortsgemeinde bestehe aus der Gottesdienst-, Gruppen-, Veranstaltungs- und Amtshandlungs-Gemeinde.
  • Alleinstellungsmerkmal: Nur die Ortsgemeinde erreiche durch Taufen, Trauungen und Beerdigungen 100% der Kirchenmitglieder, auch die Distanzierten. Sondergemeinden (z. B. City-Kirchen) seien hingegen oft "milieuverengt".
  • Beziehungsnetzwerk: In einer gesichtslosen Mediengesellschaft biete nur die Gemeinde vor Ort verlässliche, persönliche Beziehungen.

4. Wirtschaftliche Fehlentwicklung

Dieckmann belegt mit Zahlen (Anmerkung Krüger: gültig zur Zeit der Abfassung des Aufsatzes; deshalb müssten die Zahlen heute natürlich angepasst werden, aber an der von Dieckmann herausgearbeiteten Aussage wird sich wohl kaum etwas verändern) aus der Hannoverschen Landeskirche eine massive Fehlsteuerung.

Dieckmann betrachtet die Zahl der Gemeindepfarrstellen zwischen 1954 und 2015, In diesem Zeitraum, so Dieckmann, sank die Zahl um 14% von 1.358 auf 1.170 Stellen. Die Zahl der sonstigen Mitarbeiter und Kirchenbeamten nahm nach den Berechnungen von Dieckmann um 434% zu (5.000 zu 21.700), bei den Vollzeitstellen wäre es sogar ein Anstieg um 763% gewesen (1.700 zu 12.970).

Anmerkung Krüger: Die Googlerecherche ergibt, dass es Anfang der 2000er Jahre noch rund 1.300 Pfarrstellen gab; das Aktenstück 98 aus dem Jahr 2005 sah eine Reduktion der Pfarrstellen um 10% vor. Die Entwicklung ist seit 2015 leider schon viel weiter. Zu den gestrichenen Pfarrstellen kommen in Zukunft verstärkt die vakanten Pfarrstellen, für die es ganz offensichtlich kein aktive Management auf Seiten der Personalplanung gibt. 

Dieckmann rechnet vor (2015), dass 2.000 Gemeindeglieder ihre Pfarrstelle problemlos selbst finanzieren könnten (396.000 € - basierend auf 198 € pro Kopf) und dennoch Überschüsse für die Landeskirche erwirtschafteten (314.700 €, nach Abzug der Planungssumme für eine Pfarrstelle zum Zeitpunkt der Berechnung). 

5. Forderungen für eine echte Reform

  • Priorität für die Basis: Die Organisation Kirche muss sich wieder als Dienstleister für die Ortsgemeinden verstehen.
  • Erhalt von Pfarrstellen: Gemeindepfarrstellen müssen unbedingt erhalten bleiben, da sie das "Kapital an Vertrauen und Sympathie" repräsentieren.
  • Betriebswirtschaftliche Vernunft: Statt teurer Stabsstellen sollte die Kirche auf Transparenz, Sparsamkeit und eine echte Kosten-Nutzen-Analyse ihrer "Hobby-Projekte" setzen.

Dieckmann schließt mit dem Appell, sich auf die "Selbstwirksamkeit des Wortes Gottes" zu verlassen, anstatt die Kirche als rein menschliches Organisationswerk misszuverstehen. Er betont: Die Kirche lebt von der Gemeinde her. 

Wenn wir diese bewährten Bottom-Up-Strukturen nicht nutzen und stattdessen durch bürokratische Überbau-Netzwerke ersetzen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Zurück zur aktuellen Diskussion: Das Profil im Quartier

Eine echte Erneuerung braucht keine Flucht in die Abstraktion des Kirchenkreises, sondern eine radikale Besinnung auf das, was uns ausmacht. Unser Auftrag im Quartier - und diesen im gegenwärtigen “Kirchensprech” sehr oft gebrauchten  Begriff verwende ich jetzt ganz bewusst - unser Auftrag im Quartier ist klar umrissen:

  • Verkündigung und Seelsorge
  • Unterricht und Bildung
  • Kasualien (die Begleitung an den Knotenpunkten des Lebens - Taufe - Konfirmation - Hochzeit - Beerdigung)

Das ist unser Profil, das uns von allen anderen “Anbietern” unterscheidet! Und ja, dazu gehören auch unsere Gebäude. Ein Gemeindehaus ist kein „Ressourcenfresser“, sondern ein Gemeinwohl-Anker. Es muss - wie neuerdings auch offiziell gefordert - ein offener Raum für das Quartier sein – auch für externe Gruppen und Angebote, notfalls gegen ein Entgelt –, solange es dem kirchlichen Auftrag nicht widerspricht.  

Unsere Kirchen sind und bleiben der Ort, wo sich die Gemeinde Jesu Christi am Sonntag - dem Tag, an dem wir die Auferstehung unseres Herrn und Heilands feiern - zum Gottesdienst versammelt. Über die Uhrzeit kann man hier und da diskutieren, aber es muss immer berücksichtigt werden, dass Pastorinnen und Pastoren oft auch eine Familie haben - oder Freunde -, wo die gemeinsame Zeit durch einen unterschiedlichen Arbeitsrhythmus ein sehr kostbares Gut ist.

Projekte, die über dieses Kernprofil hinausgehen, müssen unterstützt werden, dürfen aber nicht die Existenz der Basisarbeit gefährden. Bewusst nehme ich eine Forderung aus dem synodalen Aktenstück 98 in seiner Endfassung von 2005 auf und spreche auch von einer Priorisierung des Kernbestands: Aufgaben, die nicht zum Kernbestand gehören oder keine finanzielle Eigenständigkeit erreichen, müssen wegfallen oder über Drittmittel/Spenden finanziert werden. 

Die Illusion der Entlastung: Das Aktenstück 89 A

Oft wird behauptet, der Wechsel im Körperschaftsstatus (weg vom öffentlichen Recht hin zu einer rein kirchlichen Körperschaft) würde die Verwaltung vereinfachen. Das Aktenstück 89 A aus dem Jahr 2025 der Hannoverschen Landeskirche entlarvt dies als Illusion. Eine Änderung des Status führt nicht zwingend zu weniger Arbeit, aber sie führt zwingend zu weniger Rechten und weniger Autonomie für die Gemeinden.

Körperschaft des öffentlichen Rechts - Schutzschild für die Selbstbestimmung der Gemeinde

Im Aktenstück 89 A werden drei Experten gehört, deren Ansätze unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Nur Prof. Dr. Michael Germann (Staatskirchenrecht) nimmt die Gemeinde als Trägerin bürgerlicher Freiheit ernst. Er warnt davor, den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) leichtfertig aufzugeben. Für ihn ist dieser Status kein bürokratischer Ballast, sondern ein Schutzschild für die Selbstbestimmung der Gemeinde.

Das Trugbild vom "Kirchlichen Verein"

Oft wird das Bild der Kirche als "Verein" bemüht, so auch von Prof. Dr. Jan Hermelink. Er spricht von "Teams" und "Netzwerken". Das klingt modern und "hemdsärmelig", ist aber gefährlich ungenau.

  • Der Denkfehler: Ein echter Verein besitzt sein Vereinsvermögen und sein Vereinsheim.
  • Die bittere Realität der Reform: In den Modellen der Landeskirche verliert die Gemeinde ihr Eigentum an den Kirchenkreis. Wer aber kein Grundbuch und kein Budgetrecht mehr hat, ist kein Verein – er ist eine Bittsteller-Filiale. Wenn die Kontrolle über Gebäude, Geld und Personal (die drei Säulen lokaler Macht) nach oben wandert, bleibt von der Gemeinde nur noch ein "spiritueller Debattierclub" übrig; zugegeben: ist ein bisschen despektierlich ausgedrückt.

Vollmachten sind kein Rechtsschutz

Auch das von Prof. Dr. Emanuel V. Towfigh angeführte Modell der Bahá’í-Gemeinde, die über "Vollmachten" arbeitet, taugt nicht als Vorbild für eine Landeskirche mit jahrhundertealter Tradition. Zum einen spricht Dr. v. Towfigh von einer Organisation mit runde 6.000 Mitglieder, denen eine Landeskirche mit gut 2.000.000 Mitgliedern gegenübersteht, zum anderen kann eine Vollmacht auch bei gegenteiliger Beteuerung von der Zentrale jederzeit einseitig zurückgezogen oder beschnitten werden. Das ist das Gegenteil von Autonomie; es ist Abhängigkeit auf Abruf.

Die Erprobung nutzen: Die Pyramide umdrehen

Anstatt die Gemeinden rechtlich zu entmachten, um eine vermeintliche "Verwaltungsvereinfachung" zu erreichen, müsste die vor der Synode festgesetzte Erprobungsphase genutzt werden, um die Hierarchie umzukehren:

  • Verwaltung als kompetenter Dienstleister: Die Kirchenämter müssen wieder Dienstleister der Gemeinden sein. Als ich in den 1990er Jahren meinen Dienst antrat, war es ein Miteinander. Die Gemeinden wurden beraten. Wenn Vorschriften einzuhalten waren, wurde geholfen.
  • Erhalt der Rechtspersönlichkeit: Nur eine Gemeinde mit eigenem Status ist ein Partner auf Augenhöhe.
  • Vertrauen statt Kontrolle: Reformen von oben haben uns bisher nur Mitgliederschwund und Frustration gebracht. Es ist Zeit, die Kraft wieder an die Basis zu geben – dorthin, wo Menschen tatsächlich Kirche (er)leben.

Schlussgedanke: Verantwortung braucht Substanz

Am Ende müssen wir uns fragen: Was bleibt von einer Kirchengemeinde übrig, wenn man ihr das rechtliche Fundament entzieht? Ein Verein ohne eigenes Haus und ohne Zugriff auf sein Vermögen ist in der Realität handlungsunfähig. Wenn wir die Kirche wieder ‚vom Kopf auf die Füße stellen‘ wollen, wie ich es fordere, dann müssen wir die Gemeinde stärken, statt sie zu entmündigen. 

  • Starke Gemeinden und Pfarrpersonen können miteinander und auch mit dem Kirchenkreis kooperieren - allerdings: auf Augenhöhe
  • Selbstbewusste Gemeinden und Pfarrpersonen können mit kirchlichen Vorgaben lockerer umgehen, wenn die Wünsche von Gemeindegliedern - beispielsweise bei Kasualien - damit nicht ganz konformgehen, aber immer noch mit der biblischen Botschaft und dem evangelischen Bekenntnis vereinbar sind. 
  • Gestandene Pfarrpersonen haben überhaupt kein Problem damit, wenn Gemeindeglieder darum bitten, dass eine andere Person sie bei einem familiären Anlass begleitet. 
  • Und last, but not least: Pfarrpersonen, die in ihrer Parochie verwurzelt sind und leben, die arbeiten selbstverständlich mit ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern zusammen und gewähren jedem den Freiraum, der der gemeinsamen Arbeit zuträglich ist. 
Die Liste lässt sich fortsetzen!

Deshalb haben Prof. Germann und Andreas Dreyer und viele andere mehr recht: Der Körperschaftsstatus ist kein bürokratisches Hindernis, sondern die Garantie für die Freiheit der Basis. Wahre Reformen messen sich nicht an der Zentralisierung von Macht auf der Ebene des Kirchenkreises, sondern daran, wie viel Freiheit und Gestaltungsmacht sie denen zurückgeben, die vor Ort das Gesicht der Kirche sind. Nur so hat die Gemeinde – und damit die Landeskirche – eine Zukunft.


P.S. Ich empfehle jedem – ob im Pfarramt oder im Ehrenamt – die Lektüre des Bandes „Kirche der Reformation?“ von Gisela Kittel und Eberhard Mechels - soweit schon oder noch vorhanden. Es ist Zeit, das Schweigen zu brechen. Wir müssen für die Parochie kämpfen, nicht aus Nostalgie, sondern weil sie der einzige Ort ist, an dem Kirche für die Menschen wirklich erfahrbar bleibt.


P.P.S. Personalmangel im Pfarrberuf - ja, den gibt es natürlich und der wird sich weiter verstärken, wenn jetzt die geburtenstarken Jahrgänge in die Pension gehen - Lösungsansatz s. den vorherigen Blog "Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?"

Mittwoch, 21. Januar 2026

Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?

Ganz bestimmt nicht! Die Diskussion um den Status der Kirchengemeinden als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist bereits in vollem Gange. Während Kirchenfunktionäre diese Entwicklung schon weit vorangetrieben haben, ist das Thema an der Basis bisher nicht in dem erforderlichen Maß präsent. Das kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen: Die alltägliche Arbeit und die von Zeit zu Zeit immer wieder in den Raum gestellten “Erneuerungsprogramme” für eine “moderne Kirche” binden die Aufmerksamkeit so stark, dass für die Analyse dieser weitreichenden kirchenrechtlichen Weichenstellungen oft die nötigen Freiräume fehlen. Schon 2017 hatte ich den Artikel “Wie sich die hannoversche Landeskirche von ihren Kirchengemeinden distanzierte” von Andreas Dreyer gelesen und hier im Blog und im Gemeindebrief meiner Kirchengemeinde thematisiert, hatte weitere Artikel im überaus lesenswerten Buch “Kirche der Reformation?” von Gisela Kittel und Eberhard Mechels aufmerksam studiert und immer wieder für die Kirchengemeinde Artikel zum Thema “Quo vadis, ecclesica evangelica?” verfasst (sind hier im Blog wiedergegeben), aber erst jetzt im Ruhestand schreckten mich die Beiträge von Andreas Dreyer (Status der Kirchengemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts beibehalten; Link) und jetzt von Julia Koll (durchaus differenziert, in der Konsequenz aber klar: Status auf der Gemeindeebene zugunsten der Ebene des Kirchenkreises aufgeben; Link) im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt  auf. Sie machen unmissverständlich deutlich, dass hier von kirchenleitender Seite aus Fakten geschaffen werden sollen, die das Gesicht unserer Kirche dauerhaft verändern würden.

In den nachfolgenden Ausführungen werde ich mich immer wieder auf die Ausführungen von Julia Koll beziehen, die ich im Übrigen mit Interesse gelesen habe, auch wenn ich mit dem Vorschlag einer “transparochialen” Kirche nicht konform gehe. Ich schreibe diesen Beitrag als ein Pastor, der über fast drei Jahrzehnte seine Arbeit bewusst in einer Parochie gestaltete, dabei aber auch über diese Grenzen hinaus wirkte, wie die Redebeiträge im Rahmen meiner Verabschiedung deutlich machten. 

Wie ist mein Text aufgebaut? Nach einer “Theologischen Rückbesinnung” bzw. “Vorbesinnung” folgt in Auseinandersetzung mit Julia Koll eine Analyse der Situation zu den Stichworten “Systemkollaps oder Profilverlust?”, “Transparochialität vs. Parochiale Beheimatung”, “Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie” und „Volkskirchen-Illusion und der Minderheitenstatus“. Den dritten großen Abschnitt überschreibe ich mit “Ressourcen radikal an die Basis zurückgeben”. Dies macht schon deutlich, dass ich für eine professionelle Parochie plädiere. Es geht mir um eine ganzheitliche Reform statt um selektivem Ressourcenmangel, um eine Reform von unten nach oben. Nicht die Struktur rettet die Kirche, sondern die Klarheit der Botschaft. Die Krise ist keine Strukturkrise, sondern eine Identitätskrise.

Julia Koll stellt zum Schluss ihres Artikels die Frage: “Wie können die Stakeholder des bisherigen parochialen Systems in die Prozesse eingebunden werden? Zu rechnen ist mit Widerständen vor allem bei denjenigen, die sich jahrzehntelang (ehrenamtlich) innerhalb dieses Systems engagiert und Verantwortung übernommen haben. Wie kann ihre oftmals intrinsische religiöse Motivation und hohe Kirchenbindung wertgeschätzt und ihr organisationales Bewusstsein geweckt werden?” 

Ganz kurz dazu ein Zitat aus Wikipedia, wo die Stakeholder-Theorie beschrieben wird (Hervorhebung von mir): "Die Theorie bietet ein umfassendes und ethisch reflektiertes Rahmenwerk für die Unternehmensführung, das über die reine Gewinnmaximierung hinausgeht. Sie fordert eine bewusste Einbindung vielfältiger Interessen und macht auf komplexe Wechselwirkungen zwischen Unternehmen und Gesellschaft aufmerksam." 

Dann will ich mal ganz bewusst als ein solcher "Stakeholder" versuchen, meine Gedanken zu entfalten.

Theologische Rückbesinnung

Was mir in der ganzen Debatte zu kurz kommt, insbesondere, wenn es darum geht, den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts von Seiten der Kirchengemeinde aufzugeben, ist die Besinnung auf die Wurzeln der lutherischen Kirche, auf die Grundlagen, auf das Fundament. 

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es bei den von kirchenleitender Seite angedachten Reformen in erster Linie darum geht, den tatsächlich vorhandenen Mangel zu verwalten. Die Kirche wird als eine Organisation begriffen, die sich an schwindende Ressourcen (Personal, Geld, Gebäude) anpassen muss. Der Fokus liegt auf Effizienz und „Ressourcenklugheit“ (Julia Koll). Der Reformhebel ist die Struktur, die auf Top-Down umgestellt werden soll, umgestellt wird. Man glaubt, durch die Verlagerung von Kompetenzen und Rechten (Körperschaftsstatus) auf die mittlere Ebene (Kirchenkreis) Handlungsspielräume zurückzugewinnen. Wenn man von einer Ekklesiologie reden will, dann ist es eine funktionale. Dabei wird die Kirche über ihre „Praktiken“ definiert. Anstatt „alles für alle“ (Parochie) anzubieten, soll Kirche „kuratiert“ auftreten – also Schwerpunkte setzen (Energiepunkte), die auch professioneller vermarktet werden können.

Der angedachten Top-Down-Struktur setze ich ein Bottom-Up entgegen. Die Kraft der Kirche kommt von der Basis. Bindung entsteht durch Vertrauen zu Personen vor Ort (Pfarrpersonen durch die geschichtliche Entwicklung in besonderer Weise, allerdings schaffen auch alle anderen Mitarbeitenden Kirchenbindung) und der Kontinuität an den Wendepunkten des Lebens (Kasualien).

Als Ausgangspunkt meiner Überlegungen nehme ich mein Ordinationsversprechen: 

Ich werde das Evangelium predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer ev.-luth. Kirche bezeugt ist, ich werde die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit wahren und mich in allen Dingen so verhalten, wie es meinem Auftrage entspricht. 

Ich werde weiterhin die Kinder begleiten, die Jugendlichen zur Konfirmation führen, den Paaren, die im Glauben Gottes Segen für den gemeinsamen Weg erbitten, diesen zusprechen und ich werde Sterbenden mit dem Trost des Wortes Gottes zur Seite stehen.

Dieses Versprechen ist nicht nur „lokale Praxis“, sondern darin sehe ich den Daseinszweck der ganzen Kirche. Dies ist gut lutherisches Verständnis, wonach Kirche dort ist, wo das Wort rein gepredigt und die Sakramente gestiftet werden (CA VII):

Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.

Dieser Vorgang braucht einen konkreten Raum und eine verlässliche Gemeinschaft - für mich ist das die Parochie. Und in der Bibel heißt es dann Matthäi am Letzten: 

Christus spricht: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Systemkollaps oder Profilverlust?

Julia Koll diagnostiziert zutreffend eine „tiefgreifende Unklarheit der Kirche über sich selbst“. Sie beschreibt die Kirche als ein hybrides Gebilde, in dem organisationale Anteile und Merkmale einer Bewegung gleichermaßen stärker werden, während der gesellschaftliche Status erodiert. Diese Sichtweise fasse ich unter dem Stichwort “Systemkollaps” zusammen. Dem halte ich entgegen, dass die in der Tat bestehende „tiefgreifende Unklarheit der Kirchen über sich selbst“ auf den Verlust des evangelischen Profils und Propriums zurückzuführen ist. 

  • Systemkollaps

    • Das bisherige parochiale System bindet enorme Ressourcen, ohne den Prozess der Entkirchlichung abpuffern zu können. 
    • Es gibt ein „Nebeneinander vergleichbarer, nicht miteinander abgestimmter Angebote“, das Bemühen, überall die Vollversorgung, das ganze Programm zu bieten. 
    • Die Fixierung auf eine Bindungsform, die rein „lokal - dauerhaft - analog“ funktioniert, ist ein Hindernis auf dem Weg der Entwicklung. 
    • Die Ortsgemeinde im klassischen Sinne zu stärken bedeutet, Verwaltungsstrukturen und Gebäude mühsam zu erhalten.
    • Bisherige Regionalisierungen sind lediglich eine „Strategie der Dehnung“, die nun an ihre Grenzen stoßen.

  • Profilverlust 

    • Der Grund für die Entkirchlichung liegt m.E. nicht primär in der Struktur, sondern im Verlust des theologischen „Propriums“. Eine Kirche, die in ihren Verlautbarungen und in der Verkündigung mehr oder weniger nur gesellschaftspolitische Positionen von NGOs oder Parteien wiederholt - so wird Kirche oftmals auch und gerade von engagierten Gemeindegliedern wahrgenommen -, verliert ihre Daseinsberechtigung gegenüber den Kirchensteuerzahlern. 
    • Es ist die Frage, was Julia Koll und andere unter “Vollversorgung” und das “ganze Programm” verstehen. Wenn wir auch hier vom Profil und vom Proprium her denken, können wir das Ordinationsversprechen von Pfarrerinnen und Pfarrern zu Beginn des Berufslebens fruchtbar machen:
      • das Evangelium predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis der ev.-luth. Kirche bezeugt ist - die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwalten - das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit wahren - sich in allen Dingen so verhalten, wie es dem Auftrage entspricht - Kinder begleiten - Jugendlichen zur Konfirmation führen - Paaren, die im Glauben Gottes Segen für den gemeinsamen Weg erbitten, diesen zusprechen - Sterbenden mit dem Trost des Wortes Gottes zur Seite stehen
    Das sind und bleiben für mich die Essentials, die in jedem Pfarramt zu leisten sind. Das kann keine Überforderung sein, und das ist auch kein “Nebeneinander vergleichbarer, nicht miteinander abgestimmter Angebote“. Bei einem solchen Einsatz erleben Menschen etwas, das die Kirche von allen anderen Organisationen unterscheidet. In einer chaotischen Welt können Menschen eine „geistliche Beheimatung” finden, die ihrem Leben Sinn gibt.
    • Natürlich gibt es in unserer Gemeinde auch weitere Angebote und Gruppen, die über die im Ordinationsversprechen genannten Aspekte hinausgehen. Die werden dann aber eigenständig organisiert und geleitet. Die Pfarrperson und auch andere Mitarbeitende werden ein- bis zweimal im Jahr eingeladen. 
    • „lokal - dauerhaft - analog”
      • selbstverständlich gibt es auch in der Parochie fließende Grenzen
      • lokal ist die Regel, schließt aber einen Wechsel bzw. die Wahrnehmung von Angeboten in anderen Gemeinden nicht aus
      • dauerhaft ist auch schon in der parochialen Situation nicht mehr die Regel; Menschen engagieren sich für eine Zeit, um sich dann auch wieder zurückzuziehen, sie nehmen ein Angebot wahr, sind aber nicht ständig in der Gemeinde anzutreffen und fühlen sich trotzdem verbunden
      • analog - auch parochiale Gemeinde arbeiten und kommunizieren mittlerweile digital und haben ihre digitalen Auftritte, wenn auch nicht auf allen Kanälen - muss das sein?
    • Verwaltung gehört zu einer Ortsgemeinde. Das Profil erschöpft sich aber nicht darin. Gut funktionierende Kirchenämter könnten die Gemeinden vor Ort unterstützen, entlasten und fördern. 
    • In der Tat stoßen die bisherigen Formen an ihre Grenzen, was aber nicht ausschließlich an der Parochie festgemacht werden kann. Regionalisierung oder „Ambidextrie“ (Nebeneinander von Routine und Experiment [Julia Koll]) haben ihren zeitlichen Preis, die verschiedenen Zukunftsprogramme von EKD und Landeskirchen tun das Ihre, damit sich Pfarrpersonen und andere kirchliche Mitarbeitende nicht über zu viel Zeit und zu wenig Arbeit beklagen müssen. 

Transparochialität vs. Parochiale Beheimatung

Die Diskussion um die “postparochiale Kirche” lasse ich bewusst aus, weil die die Krise und den Gegensatz nur noch weiter verschärft. Julia Koll schlägt den Übergang zu einer „transparochialen Kirche“ vor, in der nicht mehr die “kleinteilige Ortsgemeinde”, sondern ein größerer Handlungsraum wie der Kirchenkreis der organisatorische Dreh- und Angelpunkt ist. Auch wenn die Autorin davon spricht, dass es “in einer … Übergangssituation ausgesprochen unklug [wäre], ­gelingende Formen kirchlichen Lebens abzuschaffen”, so steht im Verlauf des Prozesses, spätestens am Ende, zwingend der Statuswechsel der Kirchengemeinden an. 

Um die transparochiale Kirche mit Leben zu füllen, beschreibt Julia Koll die Vision der Kuration, also die Auswahl, Bewertung, Strukturierung und Präsentation von Inhalten oder Objekten, um sie für ein Publikum aufzubereiten. An die Stelle einer flächendeckenden „Vollversorgung“ tritt bei ihr eine „kuratierte und exemplarische Praxis“. Dies bedeutet für sie die gezielte Stärkung von „Energiepunkten“ (Highlights) und ein bewusstes Lassen von wenig nachgefragten „Lowlights“. Weitere Anmerkungen zur Gestaltung der “kuratierten Praxis” folgen unten im Abschnitt "Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie".

Dem ist zunächst entgegenzuhalten, dass Highlights auch in parochial geführten Gemeinden gesetzt und von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kirchenbindung wahrgenommen werden können. Das setzt eine funktionierende Öffentlichkeitsarbeit und eine gewisse Vernetzung der Parochien in einer Region voraus, die aber durchaus leistbar ist. Wer „Lowlights” mitschleppt, sollte nach der Selbstorganisation fragen.  

Die angesprochene Verlagerung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts weg von den Kirchengemeinden hin zum Kirchenkreis bedeutet einerseits, dass Kirchenvorstände in ihren Entscheidungskompetenzen erheblich eingeschränkt werden, andererseits eine Enteignung, wenn Gebäude, Grundstücke und gar das Vermögen an die nächste Ebene übergehen Was Kirchenleitungen als „Entlastung“ verkaufen, wird später an der Basis als massiver „Kontrollverlust“ erlebt werden. 

In einem ersten Übergangszeitraum wird man diese Entrechtung kaschieren können - und die Kirchenleitungen tun gut daran, nicht sofort zu zeigen, wer jetzt Herr im Hause ist - aber spätestens dann, wenn Grundstücke und Immobilien anders verwertet werden, als es sich Menschen vor Ort vorstellen können, wird es zu massiven Konflikten kommen. Hinzu kommt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Kirchenkreis mit seinen derzeit vorhandenen Personalressourcen überhaupt in der Lage ist, die Bewirtschaftung und Unterhaltung von Gebäuden und Grundstücken sicherzustellen. Wenn dann auch noch die bisher auf Gemeindeebene angestellten Personen zur Kirchenkreisebene wechseln müssen, wird das Chaos perfekt werden. 

Die Erfahrungen bisheriger Zentralisierungen - in den zurückliegenden Jahren bei den Kindertagesstätten - haben für die Kirchenvorstände zwar eine Arbeitsentlastung gebracht, die inhaltliche Arbeit aber nicht zwingend gefördert, weil mit der Übertragung der Trägerschaft auch eine Kontaktfläche zur Einrichtung verschwand. Wenn man noch weiter zurückgehen will, kommt die Gemeindeschwester in den Blick, die an vielen Orten integraler Bestandteil des Gemeindelebens war. Heute ist oftmals den Klienten - manchmal auch Gemeindegliedern und sogar Mitarbeitenden - nicht mehr bewusst, dass Diakonie oder Caritas kirchliche Einrichtungen sind.

Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie

Wenn Julia Koll im Raum der transparochialen Kirche eine „kuratierte und exemplarische Praxis“ etablieren will, dann setzt sie auf ein erweitertes Spektrum verschiedener Professionen (vom Sozialarbeiter bis zum Kulturmanager), die in Teams zusammenarbeiten. Julia Koll sieht in der Spezialisierung die Chance, dass Profis ihre Kernkompetenz im Zusammenspiel miteinander einbringen können, ohne in der kleinteiligen Verwaltung einer Einzelgemeinde zu „versacken“. Unter dem Stichwort “transparochial vernetzt” entfacht sie in ihrem Artikel geradezu ein Feuerwerk der neuen Möglichkeiten.

Zunächst einmal stellt sich die ganz dringende Frage: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Personalmangel gibt es nicht nur im Pfarrberuf. Auch Kirchenmusiker*innen, Diakon*innen, Sozialarbeiter*innen stehen nicht Schlange, um in den "multiprofessionellen Teams” flächendeckend mitarbeiten zu können. Der Versuch, Menschen außerhalb der kirchlichen Anstellungsträgerschaft zur Mitarbeit oder Zusammenarbeit zu gewinnen, ist lobenswert und sicher auch notwendig, kostet aber auch zusätzliche Ressourcen. 

Gleichzeitig treibt mich die Sorge um, dass das spezifische Profil des Pfarrberufs verwässert wird, dass es hier zu einer De-Professionalisierung kommt. Indirekt weist Julia Koll auch auf diese Gefahr hin, wenn sie unter dem Punkt “Einsichten und offene Fragen” die “zukünftigen Organisationsformen” anspricht und die Frage nach “Leitung, repräsentativer Partizipation und Macht in einer transparochialen Kirche” aufwirft. Und auch das fragt Julia Koll: “Wer trifft künftig Entscheidungen? Wer steuert das neuere, größere Kirchengebilde?” 

Die von Julia Koll zitierten Aussagen von Christoph Goos - „Ordinierte und geschäftsführende Personen leiten gemeinsam auf Augenhöhe, unterstützt von einem Kirchenamt, beraten und begleitet von einem auch ehrenamtlich besetzten Aufsichtsrat, der die Satzungen der Körperschaft beschließt und damit die großen Linien des kirchlichen Lebens vorgibt.“ bzw. Antje Hieronimus - “... »buntere Bilder von Synode«; ihr Leitbild bleibt eine Kirchenkreisversammlung, in der jedoch nicht nur Ortsgemeinden, sondern die verschiedensten kirchlichen Orte repräsentiert sind” … - können mich nicht überzeugen. Nach diesen Vorstellungen werden Pfarrpersonen letztendlich zu Weisungsempfängern der Leitung. 

Die „Volkskirchen-Illusion“ und der Minderheitenstatus

Ein weiterer Konfliktpunkt ist das zugrunde liegende Bild von Kirche in der Gesellschaft. Julia Koll orientiert sich aus organisationslogischer Sicht an einem Modell, das von einer Vielfalt fluider Bindungsformen (analog, digital, punktuell) ausgeht und darauf mit einer Vielfalt kirchlicher Praktiken reagiert. Dabei setzen sie und andere Reformer voraus, dass Menschen auf die Organisation Kirche zugehen, um Angebote zu nutzen oder Ideen zu verwirklichen. Ist das nicht das Bild einer steuerungsfähigen Volkskirche, wenn auch unter veränderten Bedingungen? Was aber ist, wenn das “Kirchenvolk” die Angebote nicht annimmt bzw. wenn Kirchensteuerzahler nicht bereit sind, diese Angebote auf Dauer zu finanzieren?

Gemeinden vor Ort hingegen können sich aus meiner Sicht oft besser mit einem Minderheitenstatus anfreunden, wenn sie eine geistige Heimat bieten, die Menschen in seelischer Not trägt. Die personale Kontinuität, die Begleitung von Familien über Generationen an den Eckpunkten des Lebens ist in meinen Augen durch funktionale Dienste nicht ersetzbar.

Fazit der bisherigen Diskussion

Während der Artikel von Julia Koll eine intellektuelle Antwort auf den Ressourcenmangel durch eine radikale Neuorganisation auf der mittleren Ebene sucht , warnt die pastorale Praxis vor einem irreparablen Vertrauensbruch. Ein Neuanfang kann nur gelingen, wenn das System nicht nur verwaltet wird, sondern die Verwaltung wieder zum „Dienstleister“ für die Gemeinden wird, damit diese ihre eigentliche Aufgabe der „geistlichen Beheimatung“ wahrnehmen können. Aber auch dafür müssen finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. 

Ressourcen radikal an die Basis zurückgeben

Plädoyer für eine professionelle Parochie

In der aktuellen Debatte um die Kirchenreform prallen zwei grundlegend verschiedene Logiken aufeinander: Die forcierte Neuorganisation auf transparochialer oder auch postparochialer Ebene auf der einen und die theologische Rückbesinnung an der Basis auf der anderen Seite. Mein Standpunkt versteht sich dabei als Korrektiv zur Theorie, die ihr Heil in einem größeren Handlungsfeld sieht. Ich setze die „Verheißung“ der Transparochialität gegen die „Realität“ einer Basis, die sich durch Strukturreformen eher im Stich gelassen als unterstützt fühlt.

Dabei ist mir bewusst: Die von mir beschriebene Vision braucht einen langen Atem. Die von Julia Koll analysierte Krise und die Defizite sind real und drängend. Es stellt sich jedoch die kritische Frage, ob eine Kirchenleitung, die offensichtlich seit Jahren das Ziel verfolgt, den Körperschaftsstatus der Gemeinden umzuwandeln, überhaupt bereit ist, diesen eingeschlagenen Weg der Zentralisierung noch einmal grundlegend zu überdenken.

Ganzheitliche Reform statt selektivem Ressourcenmangel

Ressourcenmangel ist kein exklusives Problem der parochialen Ebene. Eine ehrliche Reform muss ebenso die funktionalen Dienste und die stetig wachsenden Verwaltungsebenen in den Blick nehmen. Auf allen Ebenen muss sich die Kirche wieder auf ihr eigentliches „Proprium“ konzentrieren, sie muss zu einer geistlichen Heimat werden, die Menschen in seelischer Not trägt und den Eckpunkten des Lebens einen Sinn verleiht, der über das Materielle hinausgeht. Die Kirche muss sich daher radikal auf ihre Kernaufgaben konzentrieren: Verkündigung, Seelsorge und die Begleitung von Menschen in allen Lebensphasen. Insbesondere die Begeisterung von Kindern und Jugendlichen ist entscheidend – so gewinnt man Familien und engagierte Ehrenamtliche, die Kirche auch in Zeiten vakanter Pfarrstellen tragen können.

Verwaltung als Dienstleister, nicht als Hemmschuh

Julia Koll argumentiert, dass diese Kernaufgaben in der herkömmlichen Parochie nicht mehr leistbar seien, weil Gebäude, Verwaltung und Gremien die Energie auffressen. Doch dies sind keine genuin parochialen Aufgaben. Der Problemdruck entsteht vielmehr dort, wo Kirchenämter ihre Aufgaben nicht bewältigen (können) und den Gemeinden nicht zuarbeiten. Da Gemeinden gesetzlich an diese Ämter gebunden sind, bleibt ihnen eine effektivere Eigenverwaltung verwehrt.

Mein Gegenvorschlag lautet: Kirchenämter müssen zu reinen Dienstleister für die Gemeinden werden. Nicht die Gemeinde dient dem System (etwa durch die Abgabe von Kita-Trägerschaften an den Kirchenkreis, wodurch der Bezug vor Ort verloren geht), sondern das System muss die Gemeinde so frei halten, dass diese wieder „Geistliche Beheimatung“ bieten kann. Die Verwaltung von Einrichtungen, die über Drittmittel finanziert werden, darf nicht zu Lasten der Parochie gehen, weder personell noch finanziell. Treue Gemeindeglieder werden es auf Dauer nicht akzeptieren, dass Kirchensteuermittel im Verwaltungsapparat versickern, während die Kirchengemeinde vor Ort an Bedeutung verliert. Die Bindung erfolgt vor Ort, und das Geld wird letztendlich vor Ort eingeworben.

Proaktive Personalplanung und Schutz der Profession

Der gegenwärtigen Personalnot könnte mit einem rotierenden System begegnet werden. Anstatt Stellen beim Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge einfach auslaufen zu lassen und darauf zu hoffen, dass sie irgendwann wieder besetzt werden (können), schlage ich einen aktiven Personalpool vor, bei dem sich Pfarrpersonen anmelden, die sich mit dem Gedanken tragen, in absehbarer Zeit die Pfarrstelle zu wechseln. Diese Anmeldungen sollten bis zur aktiven Bewerbung nur dem Personaldezernat bekannt sein, das durch einen qualifizierten Abgleich die Kompetenzen der potentiellen Bewerber und Wünsche der vakanten Gemeinden abgleicht und so gezielt den Kontakt zwischen beiden Seiten herstellt. 

In der Ausbildung müssen die jungen Leute darauf vorbereitet werden, dass es sich beim Pfarrberuf um einen Beruf mit Profession handelt. Es ist also kein Beruf wie jeder andere, es ist ein Beruf, der höchst spezialisierte, ethisch verpflichtete Expertenautonomie im Dienst am Menschen fordert. Die Kernmerkmale sind und bleiben: Hochschulische Ausbildung, Autonomie und Selbstregulierung, eigenverantwortliches Handeln und Standesorganisationen, Berufsethik, Vertrauensverhältnis und Gemeinwohlorientierung. 

Vor Ort müssen sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Unter dem Blickwinkel Work-Life-Balance wird schon einiges getan. Hier sind Pfarrpersonen aber auch selbst gefordert, ihren Arbeitsbereich so zu organisieren, dass die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Sicherlich kein leichtes Unternehmen, aber wenn es gelingt und erlebbar wird, erhöht dies nicht nur die Arbeitszufriedenheit und nimmt den Druck vom Einzelnen, junge Menschen könnten wieder ermutigt werden, diesen Beruf zu ergreifen. 

Schwieriger wird es, wenn es um den Schutz von Pfarrpersonen im Konfliktfall mit dem Kirchenvorstand und in der Folge dann mit der Kirchenleitung geht - manchmal ist es auch umgekehrt: Konflikt mit der Kirchenleitung, in die der Kirchenvorstand hineingezogen wird (Pfarrdienstrecht der EKD §§ 79/80, vgl. das Zitat nach diesem Absatz). Mit diesen "Fällen" haben wir es oft in unserem Verein "D.A.V.I.D. - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche" zu tun, dessen Vorsitzender ich bin. Wir machen die Erfahrung, dass betroffene Pfarrpersonen der Situation oft schutzlos gegenüberstehen. Wenn Kirchenvorstände es darauf anlegen, müssen sie gar nicht darlegen, warum sie die Zusammenarbeit nicht mehr fortsetzen wollen, sie müssen einfach nur behaupten, das Vertrauensverhältnis sei zerstört. Kirchenleitungen folgen dieser "Argumentation" nur allzu oft. Die Pfarrpersonen und ihre Familien (!!!) müssen im günstigsten Fall die Pfarrstelle wechseln, werden möglicherweise bei gekürzten Bezügen in den Wartestand versetzt, im ungünstigsten Fall nach einer bestimmten Zeit im Wartestand auch in den Ruhestand. Da die Verantwortung für dieses Verfahren nicht immer im Verhalten der Pfarrperson zu suchen ist - so steht es sogar in den entsprechenden Gesetzen - rät mancher unter den gegenwärtigen Bedingungen jungen Menschen geradezu ab, den Pfarrberuf zu ergreifen und im Konfliktfall dieser Willkür hilflos ausgeliefert zu sein. 

§ 79 Versetzung

( 2 ) 1 Pfarrerinnen und Pfarrer können um der Unabhängigkeit der Verkündigung willen nur versetzt werden, ... wenn ein besonderes kirchliches Interesse an der Versetzung besteht. 2 Ein besonderes kirchliches Interesse liegt insbesondere vor, wenn ...

5. in ihrer bisherigen Stelle oder ihrem bisherigen Auftrag eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes gemäß § 80 Absatz 1 und 2 festgestellt wird ...

§ 80 Versetzungsvoraussetzungen und -verfahren

( 1 ) 1 Eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes im Sinne des § 79 Absatz 2 Satz 2 Nummer 5 liegt vor, wenn die Erfüllung der dienstlichen oder der gemeindlichen Aufgaben nicht mehr gewährleistet ist. 2 Das ist insbesondere der Fall, wenn das Verhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und nicht unbeträchtlichen Teilen der Gemeinde zerrüttet ist oder das Vertrauensverhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und dem Vertretungsorgan der Gemeinde zerstört ist und nicht erkennbar ist, dass das Vertretungsorgan rechtsmissbräuchlich handelt. 3 Die Gründe für die nachhaltige Störung müssen nicht im Verhalten oder in der Person der Pfarrerin oder des Pfarrers liegen.

( 2 ) 1 Zur Feststellung der Voraussetzungen des Absatzes 1 werden die erforderlichen Erhebungen durchgeführt. 2 Der Beginn der Erhebungen wird der Pfarrerin oder dem Pfarrer mitgeteilt. 3 Sofern nicht ausnahmsweise etwas anderes angeordnet wird, nehmen Pfarrerinnen und Pfarrer für die Dauer der Erhebungen den Dienst in der ihnen übertragenen Stelle oder in dem ihnen übertragenen Auftrag nicht wahr. 4 Während dieser Zeit soll eine angemessene Aufgabe übertragen werden.

Fazit: Souveränität in Verbundenheit

Unter diesen Voraussetzungen - einer Rückbesinnung auf das theologische Proprium, einer dienenden Verwaltung und einer Wertschätzung der Profession - sehe ich kein Problem darin, die parochiale Ordnung und damit den Status der Kirchengemeinden als Körperschaften des öffentlichen Rechts beizubehalten. Davon unberührt ist die zwingende Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit und des regen Austauschs unter benachbarten Gemeinden in einer Region. Kooperation braucht jedoch keine Enteignung, sondern starke, souveräne Partner an der Basis. Dann kann ich mir auf Formen wie das von Julia Koll als Beispiel genannte “Pforzheimer Modell” vorstellen, das aber nicht zwangsläufig auf alle Bereiche der evangelischen Kirche übertragen werden muss. 

Wenn die Kirche wieder zukunftsfähig werden will, muss sich viel verändern – an der Basis, aber zwingend auch auf den Ebenen der Kirchenleitung!

Zum Schluss gefragt: 

Kann die Kirche sich vom Relevanzverlust erholen, indem die Organisation modernisiert und flexibilisiert wird? Oder geht es eher um die theologische Substanz, die wieder in den Mittelpunkt rückt? Ist die Parochie tatsächlich ein „Ressourcenfresser“ oder nicht eher der „Lebensnerv“ der Kirche?


Wenn die eine oder der andere Gedanken zum Thema beitragen möchte, herzlich gerne! Meine Mailadresse findet sich im Impressum. Außerdem habe ich einen gmail.com-Account, wo vor dem @ ganz einfach pastor.ralf.krueger steht.