Warum die „transparochiale“ Wende die Basis im Stich lässt ...
Ausführlich habe ich mich in der letzten Zeit mit den Maßnahmen beschäftigt, die von Seiten der kirchenleitenden Ebenen angestrebt werden, um dem immer deutlicher spürbar werdenden Abwärtstrend in der Kirche entgegenzuwirken. Besonders die beiden Artikel mit den gegensätzlichen Positionen von Andreas Dreyer und Julia Koll in den letzten Ausgaben des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts (vgl. den vorhergehenden Blogbeitrag “Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?”) waren Anregung genug, nach weiteren Positionen zu forschen.
Hier nur eine Auswahl der Dokumente:
- Allen voran: Gisela Kittel/Eberhard Mechels (Hg.), Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen 2016
- AKTENSTÜCK NR. 98 DER 23. LANDESSYNODE, 23. Mai 2005
- Zukunft gescheitert? Die Landeskirche Hannovers ringt um ihren Erneuerungsprozess - 14. Mai 2023 · Rundblick - Politikjournal für Niedersachsen - Kultur (https://rundblick-niedersachsen.de/zukunft-gescheitert-die-landeskirche-hannovers-ringt-um-ihren-erneuerungsprozess; abgerufen 02.02.2025)
- AKTENSTÜCK NR. 89 A DER 26. LANDESSYNODE, 11. September 2024
- AKTENSTÜCK NR. 104 C DER 26. LANDESSYNODE, 4. November 2025
Was in den kirchenleitenden Verlautbarungen zunächst nach einer innovativen Ausweitung kirchlichen Handelns klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen – wie auch im aktuellen Artikel von Julia Koll – als die theoretische Untermauerung einer schleichenden Entmachtung der Kirchengemeinde vor Ort.
Die „Selbsterfüllende Prophezeiung“ der Krise
Das Narrativ der Kirchenleitungen ist beinahe überall gleich: Die traditionelle Arbeit in den Gemeinden „fresse“ zu viele Ressourcen und erreiche immer weniger Menschen. Die logische Konsequenz sei daher die Verlagerung von Verantwortung und Finanzen auf die „nächste Ebene“, den Kirchenkreis.
Diese Abwertung der Arbeit vor Ort findet sich leider immer wieder. 2006 gab die EKD das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ heraus. Dieses Dokument gilt als der „Urtext“ der aktuellen Reformformentwicklung. Kritiker wie die Bochumer Theologieprofessorin Isolde Karle (beispielsweise in „Kirche der Freiheit? Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Impulspapier des Rates der EKD“ in der Zeitschrift Evangelische Theologie) werfen dem Papier vor:
- Betriebswirtschaftliche Sprache: Begriffe wie „Taufquote“, „Benchmarking“ und „Qualitätsmanagement“ wurden eingeführt. Dies habe den Pfarrberuf von einer geistlichen Berufung zu einer messbaren Management-Aufgabe herabgestuft.
- Abwertung der Fläche: Das Papier propagiere „Leuchttürme“ (Profilkirchen) und nähme dabei die „pastorale Unterversorgung“ in der Fläche (Ortsgemeinden) bewusst in Kauf.
- Qualitätszweifel: Es werde unterstellt, dass die Qualität von Amtshandlungen (Taufen, Trauungen) oft unzureichend sei und erst durch zentrale Standards „professionalisiert“ werden müsse.
Die Pfarrvereine warnten regelmäßig davor, dass die Kirchenleitungen durch die ständige Strukturreform die „psychische Widerstandskraft“ der Geistlichen untergrabe.
Andreas Kahnt, ehem. Vorsitzender des Pfarrverbandes, schrieb dazu: „Wir sind keine Filialleiter eines religiösen Konzerns, sondern Seelsorger. Die ständige Rede von 'Effizienz' und 'Output' verkennt, dass das Wesen der Kirche dort liegt, wo zwei oder drei im Namen Christi zusammenkommen – und nicht dort, wo die Taufquote stimmt.“ (Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe 11/2012; unter dem Titel der Berichterstattung zum Pfarrertag)
Ähnlich drückte es Andreas Dreyer aus: „Die permanente Reformeuphorie der Kirchenleitungen korrespondiert mit einer tiefen Erschöpfung an der Basis. Wer Gemeinden fusioniert und Stellen streicht, darf sich nicht wundern, wenn das Bild des Pfarrers in der Öffentlichkeit nur noch als das eines 'Mangelverwalters' erscheint.“ (An der Belastungsgrenze, in: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 3, 2014)
In meinen Augen erleben wir hier eine „Self-fulfilling Prophecy“. Wenn die Kirchenleitungen über Jahre hinweg das Bild zeichnen, dass die Arbeit vor Ort „nicht mehr läuft“ und die Parochie ein Auslaufmodell sei, dann sickert dieses Gift der Demotivation bis in die Kirchenvorstände und zu den Pfarrpersonen und letztendlich auch zu den Gemeindegliedern durch. Es entsteht eine Depressionsspirale. Wenn man Menschen ständig sagt, sie seien Teil eines sterbenden Systems, werden sie irgendwann aufhören, für dessen Erhalt zu kämpfen, ja, sie werden sich abwenden.
Die von mir - und vielen anderen - so erlebte Abwertung der jahrelangen und durchaus auch erfolgreichen Arbeit vor Ort war der Antrieb, mich noch einmal mit der Materie auseinanderzusetzen. Alle Zitate und Positionen der Kritiker zeigen überdeutlich, dass die von Julia Koll und anderen geforderte „ressourcenkluge Gestaltung“ (bei Koll die Transparochialität) keine neue Idee ist, sondern die Fortsetzung eines 20 Jahre alten Fehlers. Die "Reformideen" zünden nicht, sie halten den Abwärtstrend nicht auf, sie zeigen keine Wirkung, die in die Breite geht und die Basis erreicht.
Die Gegenargumentation hat immer das gleich Ziel: Wer die Parochie aufgibt, gibt die soziale Form der Kirche auf, die Menschen am effektivsten erreicht.
Ehrenamt braucht Wertschätzung, keine Verwaltung
Wir wissen, dass das ehrenamtliche Engagement überall gesellschaftlich immer schwieriger zu mobilisieren ist. Doch anstatt die verbleibenden Kräfte zu stärken, fühlen sich viele Ehrenamtliche durch die „Top-Down-Reformen“ schlichtweg nicht mehr wertgeschätzt. Wer möchte schon seine Freizeit opfern, um als „Mangelverwalter“ in einem System zu fungieren, das die eigene Gemeinde zur bloßen „Verwaltungseinheit“ des Kirchenkreises degradiert?
Kirche der Reformation? ...
... ein lesenswertes Buch, hrsg. von Gisela Kittel und Eberhard Mechels
Zum Reformationsjahr 2017 gaben Gisela Kittel und Eberhard Mechels die 2. Auflage ihres Buches heraus “Kirche der Reformation? - Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr”. Kittel und Mechels versammeln in diesem Band gewichtige Stimmen, die den Reformeifer der EKD hinterfragen. Statt einer Anpassung an moderne Management-Strukturen fordern die Beiträge eine theologische Tiefenschärfe, die den Namen 'Reformation' verdient. Auch jetzt kann ich wieder nur feststellen: Ein unverzichtbares Werk für alle, die sich nicht mit strukturellen Antworten auf geistliche Fragen zufriedengeben wollen.
Alle Autoren analysierten bereits frühzeitig die Gefahren (s. oben die Kritik von Isolde Karle und anderen), die wir heute in verschärfter Form erleben. Besonders hervorzuheben sind dabei:
- Die Erosion der Ortsgemeinde: Die Autoren warnten schon damals vor einer „Entparochialisierung“. Was einst als Flexibilisierung verkauft wurde, führt heute oft zum faktischen Statusverlust der Kirchengemeinde als primärem Ort kirchlichen Lebens.
- Ökonomisierung vs. Theologie: Der im Buch beschriebene Vorrang von Management-Logiken gegenüber ekklesiologischen Grundsätzen lässt sich heute in den (oft alternativlos präsentierten) Strukturfusionen eins zu eins wiederfinden.
- Der Status des Pfarramts: Auch die Veränderung des pastoralen Dienstes hin zum „Funktions- und Regionalmanagement“ wurde hier bereits in den Anfängen kritisch beleuchtet.
Erneuerung von unten
Um zu verdeutlichen, was die Autoren schon zum Reformationsjahr sagen wollten, greife ich auf den Artikel von Herbert Dieckmann zurück, “Plädoyer für eine kirchliche Erneuerung von unten”; ich hätte auch andere Artikel nehmen können.
Kurz zur Einordnung der Person: Herbert Dieckmann war von 1970 bis 2005 aktiv im kirchlichen Dienst der Hannoverschen Landeskirche als Gemeinde- und Schulpfarrer und im kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Er war Mitglied und Vorsitzender der Pfarrvertretung und danach Rechtsberater im Hannoverschen Pfarrverein. Zusammengefasst: Ein Kenner der Materie.
Dieckmanns Argumentation kann so zusammengefasst werden:
1. Kritik an der "Fortschrittsideologie" der Kirchenleitung
Dieckmann wirft der Kirchenleitung vor, eine überholte Fortschrittsideologie des 19. Jahrhunderts zu reaktivieren. Unter dem Deckmantel der "Reform" gehe es primär um eine Neuverteilung von Finanzmitteln zulasten der Ortsgemeinden und zugunsten von bürokratischen Funktionsstellen (z. B. Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit). Unterstützt werde dies durch eine "clevere Beratungsindustrie" (wie McKinsey), die erfolgreiche Gemeindearbeit systematisch schlechtrede.
2. Verzerrtes Bild der Pfarrerschaft vs. Realität
Dieckmann kritisiert die gezielte Abwertung des Pfarrerbildes durch die EKD. Diese unterstelle der Pfarrerschaft eine "mentale Orientierungskrise" und mangelnde Professionalität.
Der pensionierte Pfarrer führt dagegen die EKD-eigenen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU V im Jahr 2012) an. Diese belege, dass 92% der Kirchenmitglieder den Kontakt zu ihren Ortspastoren als "gut" oder "sehr gut" bewerteten. Pastorinnen und Pastoren rangierten im gesellschaftlichen Ansehen auf Platz zwei direkt hinter Ärzten.
Anmerkung Krüger: Zur neuesten KMU VI (Herbst 2022) schrieb ich im Blogbeitrag “Ecclesia evangelica, quo vadis? Gedanken zur Auswertung der 6. KMU”:
Kirche vor Ort - DAS Kontaktfeld!
Als Ort der Begegnung erreichen nur die eigene Kirchengemeinde (38%) und Kirchengebäude oder Orte der Stille (19%) zweistellige Prozentwerte. Alle anderen Optionen - Seelsorge in einer Klinik oder einem Seniorenheim (3%); kirchliche Bildungseinrichtung (4%); Einrichtung der Caritas oder Diakonie (8%); kirchlicher Kindergarten (7%) - sind weit abgeschlagen.
Auch bei der Frage nach der Kontaktperson erzielen die Mitarbeitenden vor Ort hohe Werte: Pfarrperson (42%), Sekretär/in (25%), Kirchenmusiker/in (22%). Die Begegnung mit Mitarbeitenden "in der Jugend-, Familien-, Senioren- oder Sozialarbeit" (31%) lässt sich nicht differenzieren, weil verschiedene Arbeitsfelder zusammengefasst wurden.
3. Die Unverzichtbarkeit der Ortsgemeinde
Entgegen der Behauptung, die Ortsgemeinde sei ein "Auslaufmodell", betont Dieckmann deren Reichweite:
- Vier-Säulen-Modell: Die Ortsgemeinde bestehe aus der Gottesdienst-, Gruppen-, Veranstaltungs- und Amtshandlungs-Gemeinde.
- Alleinstellungsmerkmal: Nur die Ortsgemeinde erreiche durch Taufen, Trauungen und Beerdigungen 100% der Kirchenmitglieder, auch die Distanzierten. Sondergemeinden (z. B. City-Kirchen) seien hingegen oft "milieuverengt".
- Beziehungsnetzwerk: In einer gesichtslosen Mediengesellschaft biete nur die Gemeinde vor Ort verlässliche, persönliche Beziehungen.
4. Wirtschaftliche Fehlentwicklung
Dieckmann belegt mit Zahlen (Anmerkung Krüger: gültig zur Zeit der Abfassung des Aufsatzes; deshalb müssten die Zahlen heute natürlich angepasst werden, aber an der von Dieckmann herausgearbeiteten Aussage wird sich wohl kaum etwas verändern) aus der Hannoverschen Landeskirche eine massive Fehlsteuerung.
Dieckmann betrachtet die Zahl der Gemeindepfarrstellen zwischen 1954 und 2015, In diesem Zeitraum, so Dieckmann, sank die Zahl um 14% von 1.358 auf 1.170 Stellen. Die Zahl der sonstigen Mitarbeiter und Kirchenbeamten nahm nach den Berechnungen von Dieckmann um 434% zu (5.000 zu 21.700), bei den Vollzeitstellen wäre es sogar ein Anstieg um 763% gewesen (1.700 zu 12.970).
Anmerkung Krüger: Die Googlerecherche ergibt, dass es Anfang der 2000er Jahre noch rund 1.300 Pfarrstellen gab; das Aktenstück 98 aus dem Jahr 2005 sah eine Reduktion der Pfarrstellen um 10% vor. Die Entwicklung ist seit 2015 leider schon viel weiter. Zu den gestrichenen Pfarrstellen kommen in Zukunft verstärkt die vakanten Pfarrstellen, für die es ganz offensichtlich kein aktive Management auf Seiten der Personalplanung gibt.
Dieckmann rechnet vor (2015), dass 2.000 Gemeindeglieder ihre Pfarrstelle problemlos selbst finanzieren könnten (396.000 € - basierend auf 198 € pro Kopf) und dennoch Überschüsse für die Landeskirche erwirtschafteten (314.700 €, nach Abzug der Planungssumme für eine Pfarrstelle zum Zeitpunkt der Berechnung).
5. Forderungen für eine echte Reform
- Priorität für die Basis: Die Organisation Kirche muss sich wieder als Dienstleister für die Ortsgemeinden verstehen.
- Erhalt von Pfarrstellen: Gemeindepfarrstellen müssen unbedingt erhalten bleiben, da sie das "Kapital an Vertrauen und Sympathie" repräsentieren.
- Betriebswirtschaftliche Vernunft: Statt teurer Stabsstellen sollte die Kirche auf Transparenz, Sparsamkeit und eine echte Kosten-Nutzen-Analyse ihrer "Hobby-Projekte" setzen.
Dieckmann schließt mit dem Appell, sich auf die "Selbstwirksamkeit des Wortes Gottes" zu verlassen, anstatt die Kirche als rein menschliches Organisationswerk misszuverstehen. Er betont: Die Kirche lebt von der Gemeinde her.
Wenn wir diese bewährten Bottom-Up-Strukturen nicht nutzen und stattdessen durch bürokratische Überbau-Netzwerke ersetzen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen.
Zurück zur aktuellen Diskussion: Das Profil im Quartier
Eine echte Erneuerung braucht keine Flucht in die Abstraktion des Kirchenkreises, sondern eine radikale Besinnung auf das, was uns ausmacht. Unser Auftrag im Quartier - und diesen im gegenwärtigen “Kirchensprech” sehr oft gebrauchten Begriff verwende ich jetzt ganz bewusst - unser Auftrag im Quartier ist klar umrissen:
- Verkündigung und Seelsorge
- Unterricht und Bildung
- Kasualien (die Begleitung an den Knotenpunkten des Lebens - Taufe - Konfirmation - Hochzeit - Beerdigung)
Das ist unser Profil, das uns von allen anderen “Anbietern” unterscheidet! Und ja, dazu gehören auch unsere Gebäude. Ein Gemeindehaus ist kein „Ressourcenfresser“, sondern ein Gemeinwohl-Anker. Es muss - wie neuerdings auch offiziell gefordert - ein offener Raum für das Quartier sein – auch für externe Gruppen und Angebote, notfalls gegen ein Entgelt –, solange es dem kirchlichen Auftrag nicht widerspricht.
Unsere Kirchen sind und bleiben der Ort, wo sich die Gemeinde Jesu Christi am Sonntag - dem Tag, an dem wir die Auferstehung unseres Herrn und Heilands feiern - zum Gottesdienst versammelt. Über die Uhrzeit kann man hier und da diskutieren, aber es muss immer berücksichtigt werden, dass Pastorinnen und Pastoren oft auch eine Familie haben - oder Freunde -, wo die gemeinsame Zeit durch einen unterschiedlichen Arbeitsrhythmus ein sehr kostbares Gut ist.
Projekte, die über dieses Kernprofil hinausgehen, müssen unterstützt werden, dürfen aber nicht die Existenz der Basisarbeit gefährden. Bewusst nehme ich eine Forderung aus dem synodalen Aktenstück 98 in seiner Endfassung von 2005 auf und spreche auch von einer Priorisierung des Kernbestands: Aufgaben, die nicht zum Kernbestand gehören oder keine finanzielle Eigenständigkeit erreichen, müssen wegfallen oder über Drittmittel/Spenden finanziert werden.
Die Illusion der Entlastung: Das Aktenstück 89 A
Oft wird behauptet, der Wechsel im Körperschaftsstatus (weg vom öffentlichen Recht hin zu einer rein kirchlichen Körperschaft) würde die Verwaltung vereinfachen. Das Aktenstück 89 A aus dem Jahr 2025 der Hannoverschen Landeskirche entlarvt dies als Illusion. Eine Änderung des Status führt nicht zwingend zu weniger Arbeit, aber sie führt zwingend zu weniger Rechten und weniger Autonomie für die Gemeinden.
Körperschaft des öffentlichen Rechts - Schutzschild für die Selbstbestimmung der Gemeinde
Im Aktenstück 89 A werden drei Experten gehört, deren Ansätze unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Nur Prof. Dr. Michael Germann (Staatskirchenrecht) nimmt die Gemeinde als Trägerin bürgerlicher Freiheit ernst. Er warnt davor, den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) leichtfertig aufzugeben. Für ihn ist dieser Status kein bürokratischer Ballast, sondern ein Schutzschild für die Selbstbestimmung der Gemeinde.
Das Trugbild vom "Kirchlichen Verein"
Oft wird das Bild der Kirche als "Verein" bemüht, so auch von Prof. Dr. Jan Hermelink. Er spricht von "Teams" und "Netzwerken". Das klingt modern und "hemdsärmelig", ist aber gefährlich ungenau.
- Der Denkfehler: Ein echter Verein besitzt sein Vereinsvermögen und sein Vereinsheim.
- Die bittere Realität der Reform: In den Modellen der Landeskirche verliert die Gemeinde ihr Eigentum an den Kirchenkreis. Wer aber kein Grundbuch und kein Budgetrecht mehr hat, ist kein Verein – er ist eine Bittsteller-Filiale. Wenn die Kontrolle über Gebäude, Geld und Personal (die drei Säulen lokaler Macht) nach oben wandert, bleibt von der Gemeinde nur noch ein "spiritueller Debattierclub" übrig; zugegeben: ist ein bisschen despektierlich ausgedrückt.
Vollmachten sind kein Rechtsschutz
Auch das von Prof. Dr. Emanuel V. Towfigh angeführte Modell der Bahá’í-Gemeinde, die über "Vollmachten" arbeitet, taugt nicht als Vorbild für eine Landeskirche mit jahrhundertealter Tradition. Zum einen spricht Dr. v. Towfigh von einer Organisation mit runde 6.000 Mitglieder, denen eine Landeskirche mit gut 2.000.000 Mitgliedern gegenübersteht, zum anderen kann eine Vollmacht auch bei gegenteiliger Beteuerung von der Zentrale jederzeit einseitig zurückgezogen oder beschnitten werden. Das ist das Gegenteil von Autonomie; es ist Abhängigkeit auf Abruf.
Die Erprobung nutzen: Die Pyramide umdrehen
Anstatt die Gemeinden rechtlich zu entmachten, um eine vermeintliche "Verwaltungsvereinfachung" zu erreichen, müsste die vor der Synode festgesetzte Erprobungsphase genutzt werden, um die Hierarchie umzukehren:
- Verwaltung als kompetenter Dienstleister: Die Kirchenämter müssen wieder Dienstleister der Gemeinden sein. Als ich in den 1990er Jahren meinen Dienst antrat, war es ein Miteinander. Die Gemeinden wurden beraten. Wenn Vorschriften einzuhalten waren, wurde geholfen.
- Erhalt der Rechtspersönlichkeit: Nur eine Gemeinde mit eigenem Status ist ein Partner auf Augenhöhe.
- Vertrauen statt Kontrolle: Reformen von oben haben uns bisher nur Mitgliederschwund und Frustration gebracht. Es ist Zeit, die Kraft wieder an die Basis zu geben – dorthin, wo Menschen tatsächlich Kirche (er)leben.
Schlussgedanke: Verantwortung braucht Substanz
Am Ende müssen wir uns fragen: Was bleibt von einer Kirchengemeinde übrig, wenn man ihr das rechtliche Fundament entzieht? Ein Verein ohne eigenes Haus und ohne Zugriff auf sein Vermögen ist in der Realität handlungsunfähig. Wenn wir die Kirche wieder ‚vom Kopf auf die Füße stellen‘ wollen, wie ich es fordere, dann müssen wir die Gemeinde stärken, statt sie zu entmündigen.
- Starke Gemeinden und Pfarrpersonen können miteinander und auch mit dem Kirchenkreis kooperieren - allerdings: auf Augenhöhe!
- Selbstbewusste Gemeinden und Pfarrpersonen können mit kirchlichen Vorgaben lockerer umgehen, wenn die Wünsche von Gemeindegliedern - beispielsweise bei Kasualien - damit nicht ganz konformgehen, aber immer noch mit der biblischen Botschaft und dem evangelischen Bekenntnis vereinbar sind.
- Gestandene Pfarrpersonen haben überhaupt kein Problem damit, wenn Gemeindeglieder darum bitten, dass eine andere Person sie bei einem familiären Anlass begleitet.
- Und last, but not least: Pfarrpersonen, die in ihrer Parochie verwurzelt sind und leben, die arbeiten selbstverständlich mit ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern zusammen und gewähren jedem den Freiraum, der der gemeinsamen Arbeit zuträglich ist.
Deshalb haben Prof. Germann und Andreas Dreyer und viele andere mehr recht: Der Körperschaftsstatus ist kein bürokratisches Hindernis, sondern die Garantie für die Freiheit der Basis. Wahre Reformen messen sich nicht an der Zentralisierung von Macht auf der Ebene des Kirchenkreises, sondern daran, wie viel Freiheit und Gestaltungsmacht sie denen zurückgeben, die vor Ort das Gesicht der Kirche sind. Nur so hat die Gemeinde – und damit die Landeskirche – eine Zukunft.
P.S. Ich empfehle jedem – ob im Pfarramt oder im Ehrenamt – die Lektüre des Bandes „Kirche der Reformation?“ von Gisela Kittel und Eberhard Mechels - soweit schon oder noch vorhanden. Es ist Zeit, das Schweigen zu brechen. Wir müssen für die Parochie kämpfen, nicht aus Nostalgie, sondern weil sie der einzige Ort ist, an dem Kirche für die Menschen wirklich erfahrbar bleibt.
P.P.S. Personalmangel im Pfarrberuf - ja, den gibt es natürlich und der wird sich weiter verstärken, wenn jetzt die geburtenstarken Jahrgänge in die Pension gehen - Lösungsansatz s. den vorherigen Blog "Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?"