Freitag, 11. September 2026

Tödliches Mobbing und das Schweigen der Kirche

Wenn Institutionen isolieren statt versöhnen

Am 2. September 2026 sprach der katholische Betriebsseelsorger i.R. Paul Schobel (Böblingen) in der SWR-Podcast-Reihe „Anstöße – Morgengedanken“ über eine Erfahrung, die vielen Opfern von Mobbing vertraut ist. Er stellte dem bekannten Sprichwort eine bittere Realität gegenüber: „Rede ist Silber – Schweigen ist ... Tod.“ (1)

KI-generiert

Dieser Radiobeitrag war für mich als Vorsitzender im Verein D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.V. der Anlass, über ein Thema zu sprechen, das gerade im Raum der Kirche viel zu oft verschwiegen wird: das Phänomen des „tödlichen Mobbings“ und die zerstörerische Kraft institutioneller Sprachlosigkeit.

Was macht Mobbing „tödlich“?

Der Begriff „tödlich“ beschreibt hier weit mehr als ein rein physisches Ende. Er greift ein tiefes biblisches Verständnis auf, das sich durch die Psalmen zieht und im Gleichnis vom verlorenen Sohn im Lukasevangelium (Lukas 15) seinen prägnantesten Ausdruck findet. Als der verlorene Sohn nach Hause zurückkehrt, beschreibt der Vater dessen bisherigen Zustand gegenüber dem älteren Sohn mit den Worten:

„Dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden.“ 

Der Vater nennt den Sohn nicht deshalb „tot“, weil er biologisch gestorben wäre, sondern weil er sich in einem Zustand der radikalen Gottferne, der Beziehungs- und Sprachlosigkeit und des Verlorenseins befand. Mobbing wirkt in exakt demselben Sinne „tödlich“. Es vernichtet einen Menschen sozial, nimmt ihm die Stimme, stößt ihn aus der schützenden Gemeinschaft aus und versetzt ihn in eine Existenz der Ausgrenzung – noch bevor das biologische Leben bedroht ist.

Das „tödliche Schweigen“: Isolation als Waffe

Paul Schobel betont in seinen Morgengedanken, dass es ein Schweigen gibt, das verletzender sein kann als jedes Schimpfwort. Wenn Menschen sich jedem Gespräch verweigern, den Mund dort nicht auftun, wo Auskunft und Aufklärung nötig wären, und sich auf gar nichts mehr einlassen, löst dies bei den Betroffenen tiefe Selbstwertzweifel, schmerzhafte Isolation und schwere psychische Krisen aus. Unter Berufung auf den Psychotherapeuten Reinhart Haller erinnert Schobel daran:

Mit anderen zu reden ist ein Menschenrecht, das man sich von niemandem nehmen lassen darf.

In der Praxis unseres Vereins erfahren wir jedoch immer wieder, dass gerade im Konfliktfall die kirchenleitende Seite besonders schnell in dieses tödliche Schweigen verfällt. Wer in einen Konflikt geraten ist, stößt auf eine Mauer der Sprachlosigkeit. Die Betroffenen haben kaum eine Chance, den Konflikt aufzuarbeiten. Uns sind erschütternde Fälle bekannt, in denen diese tiefe Isolation zu Suizidgedanken, Suizidversuchen und leider auch zu vollendeten Suiziden geführt hat. Besonders schmerzhaft ist es, wenn selbst kirchliche Seelsorger den Betroffenen nach solchen extremen Krisen oder Notlagen ein persönliches Gespräch verweigern und sich hinter administrativen Begründungen verbarrikadieren. 

Zwischen kirchenrechtlichen Mühlsteinen

Dass dieses Schweigen kein Zufall ist, sondern System hat, verdeutlichen die Analysen des Bad Hersfelder Rechtsanwalts Aaron Albrecht. Als juristischer Beistand vertritt er Pfarrpersonen und kirchennah Beschäftigte in Auseinandersetzungen mit kirchenleitenden Organen.

  • Rechtsgefühl vs. Herrschaftsinstrument: Viele Pfarrerinnen und Pfarrer bringen ein rechtsstaatliches Idealverständnis mit eigenen Abwehrrechten in ihren Dienst ein. Sie treffen jedoch auf eine kirchenrechtliche Realität, in der das Kirchenrecht primär als internes Steuerungsinstrument kirchlicher Selbstordnung und institutioneller Souveränität genutzt wird.

  • Fehlender effektiver Rechtsschutz: Gesetzliche Rechte wie die Fürsorgepflicht (§ 47 PfDG.EKD) verkommen in der Praxis häufig zu einer unverbindlichen Selbstverpflichtung der Kirche, die vom Einzelnen kaum einklagbar ist.

  • Das Instrument der Ungedeihlichkeit: Über intransparente Verfahren wie das „Ungedeihlichkeitsverfahren“ (§§ 79, 80 PfDG.EKD) können Mitarbeiter ohne klare, rechtsstaatlich überprüfbare Kriterien aus dem Dienst gedrängt werden. Eine Wiederherstellung der Integrität oder eine faire Rehabilitation finden faktisch nicht statt – die Kirche restituiert nicht.

  • Mangelnde Gewaltenteilung: In Konfliktfällen verschmelzen Anklage, Urteil und Vollstreckung nicht selten innerhalb kirchlicher Hierarchien. Neutrale Überprüfungen oder sachbezogene Diskussionen werden verweigert.

Seine insgesamt 7 Thesen sind auf der Internetseite der Hannoverschen Pfarrvertretung nachzulesen (2). Für Pfarrpersonen kommt dabei erschwerend hinzu, dass sie im Konfliktfall kaum eine Chance haben, staatliche Gerichte anzurufen. Die Kirchen nutzen ihr verfassungsrechtlich garantiertes Selbstbestimmungsrecht nach Art. 140 GG (i. V. m. Art. 137 Abs. 3 WRV) konsequent aus, um eigene Sonderrechte durchzusetzen. Staatliche Gerichte verweigern unter Berufung auf eben diesen Verfassungsartikel häufig die Klageannahme oder verweisen die Betroffenen auf die kirchliche Eigengerichtsbarkeit. Damit sind die Betroffenen der kirchlichen Verwaltungsmacht nahezu schutzlos ausgeliefert.

Versöhnung: Das Evangelium beim Wort nehmen

Paul Schobel zitiert in seinem Podcast den berühmten Einstieg des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort.“ Worte, so Schobel, besitzen eine schöpferische Kraft; sie können aufrichten, heilen und Brücken bauen. Wer das Gespräch verweigert und mauert, entzieht dem anderen diese lebensnotwendige Kraft.

Blickt man noch einmal auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn, zeigt sich die Haltung des Vaters, was Schobel meint. Der Vater nimmt den jüngeren Sohn ohne Vorbedingungen in Liebe auf und ruft ihn aus dem sozialen „Tod“ wieder ins „Leben“ zurück. Ganz anders reagiert der ältere Bruder. Er verharrt in unversöhnlicher Verstocktheit, verweigert die Mitfreude und stößt den Bruder ab.

Leider legt sich bei kirchlichen Konfliktfällen oft das Bild nahe, Kirchenleitungen mit dem älteren Bruder zu vergleichen. Selbst wenn klare Entlastungen vorliegen und die seelische Not der Betroffenen offensichtlich ist, verweigern sie die notwendige fachliche und menschliche Rehabilitation. Sie verschließen die Tür zur Versöhnung und lassen die Betroffenen in der Kälte der Isolation verharren. Wo Rehabilitation verweigert wird und Schweigekriege geführt werden, siegt die Verstocktheit über die Gnade – und die Kirche verliert ihre Glaubwürdigkeit als Ort, an dem Verlorene wieder aufgerichtet werden.

Der Appell aus dem Verein D.A.V.I.D.

Wir fordern die Verantwortlichen in den Landeskirchen auf:

  • Brechen Sie das tödliche Schweigen! Das Gespräch ist kein administratives Zugeständnis, sondern ein Seelsorgeauftrag und ein fundamentales Menschenrecht.

  • Schaffen Sie rechtsstaatliche Verfahren und echte Gewaltenteilung, die Betroffene schützen und Transparenz gewährleisten.

  • Ermöglichen Sie Rehabilitation! Wo Unrecht geschehen ist oder Menschen isoliert wurden, muss die Kirche Wege zur Wiederherstellung der Würde und zur Versöhnung ebnen.

„Sprechen wir doch heute mal miteinander über das Schweigen“, so schloss Paul Schobel seine Ausführungen.

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Anmerkungen: 

(1) https://www.podcast.de/podcast/803252/anstoesse-swr1-bw-morgengedanken-swr4-bw-kirche-im-swr - 02. September 2026: Tödliches Schweigen

(2) https://www.pfarrvertretung-hannover.de/ngv.php








Donnerstag, 20. August 2026

Undoing Professionalität ...

„Undoing Professionalität“, Soft Power, Zugriffsmacht und Superiorisierung 

Grundmuster kirchlichen Handelns

Mit großem Interesse habe ich den Aufsatz von Christine Siegl, „Un-/Doing Professionalität: Zum Missbrauch im kirchlichen Kontext“ (Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe 8/2026), gelesen. Siegl untersucht sexualisierte Gewalt im Gemeindekontext aus einer praxistheoretischen sowie pastoraltheologischen Perspektive und zeigt eindrücklich: Missbrauch ist selten bloß individuelles Fehlverhalten, sondern eine stabile, erlernte soziale Praxisformation.

Auch wenn ich versuche, Siegls Gedankengang hier nachzuzeichnen, die eigene Lektüre des Artikels lohnt sich auf jeden Fall!

Siegls zentrales Analytikon ist dabei das „Undoing Professionalität“ – ein schleichender Prozess, bei dem professionelle Rollengrenzen, Distanznormen und Schutzstrukturen im pastoralen Alltag schrittweise aufgeweicht oder außer Kraft gesetzt werden, um Grenzverletzungen überhaupt erst zu ermöglichen.

So zutreffend Siegls Analysen für das Feld sexualisierter Gewalt sind, so sehr lohnt es sich, den Blick zu weiten. In der evangelischen Kirche existiert neben der sexualisierten Gewalt auch ein systemischer Machtmissbrauch, der primär der Durchsetzung von Eigeninteressen und dem Erhalt von Einfluss dient. Liest man Siegls Thesen mit diesem erweiterten Fokus, zeigen sich frappierende strukturelle Parallelen.

Gleichwohl gilt es, Differenzierung zu wahren. Dass sich die von Siegl beschriebenen Handlungsmuster in vielen Kirchengemeinden und Leitungsstrukturen beobachten lassen, macht aus einer Pfarrperson oder Leitungskraft, die solche Muster (oft unbewusst) reproduziert, keineswegs automatisch eine/n potenzielle/n Täter/in im Sinne sexualisierter Gewalt. Es offenbart jedoch den Nährboden für institutionellen Machtmissbrauch, dem wir uns ebenbürtig stellen müssen.

Die drei Säulen des Missbrauchssystems

Auf Grundlage von Betroffenenberichten rekonstruiert die Autorin das Zusammenspiel verschiedener Macht- und Praxisformen.

1. Soft Power (Routinen des „Guten“)

Wirkt subtil über kirchliche Idealvorstellungen wie Gemeinschaft, Vertrauen und Konsens.

  • Organisation von Nähe („Doing Family“): Verschwimmen von Amt, Person und privaten Beziehungen.

    • Siegls Beispiel: Das Verschwimmen zeigt sich, wenn ein Pfarrer zu einer Betroffenen sagt: „Wenn du möchtest, bin ich ab jetzt dein Vater“, oder die Jugendliche ihn im Tagebuch „Papi“ nennt. Auch das Einladen zum Du in gemütlicher Runde im „offenen Pfarrhaus“ erzeugt eine unkritische, quasi-familiäre Atmosphäre.

  • Eventisierung & Informalisierung („Doing Locker“): Ungezwungene Atmosphären senken Schamgrenzen.

    • Siegls Beispiel: Bei Aktionen wie Jungscharvorbereitungen, Rüstzeiten oder Freizeitaktivitäten herrscht stets eine entspannte, heitere Stimmung. Unter einem „Gestus der Jovialität“ werden Alkoholkonsum betrieben, sexualisierte Sprache verharmlost und Widerstand als „bürgerlich“ oder „verklemmt“ abgewertet.

  • Herstellung von Konfliktarmut: Sachlicher Widerspruch oder Warnsignale von Außenstehenden werden als Störung der „geistlichen Harmonie“ abgewehrt.

    • Siegls Beispiel: Wenn Außenstehende (Bystander) Bedenken äußern, wird Kritik mit Sätzen abgeblockt wie: „Wir wollen doch alle das Beste für die Jugendlichen“ oder „Lasst uns das im Gebet klären“.

  • Asymmetrische Emotionalität: Erzeugung von Vertrauen durch Sonderaufmerksamkeit, persönliche Enthüllungen und die Vortäuschung von Harmlosigkeit.

    • Siegls Beispiel: Der Pfarrer bittet eine 16-Jährige abends ins Wohnzimmer und erzählt ihr ungefragt Details über seine ehelichen Probleme und den unerfüllten Kinderwunsch. Die Betroffene fühlt sich dadurch einerseits geehrt, ist aber völlig überfordert. Ein weiteres Muster ist die Mitleidstour („Der arme Pfarrer, der es bei seiner Frau nicht gut hat“).

2. Zugriffsmacht (Zielgerichtete Kontrolle)

Nutzt die spezifischen Handlungsspielräume des kirchlichen Raums gezielt aus.

  • Strategische Zuwendung: Gezielte Kontaktaufnahme zu besonders vulnerablen Personen.

    • Siegls Beispiel: Der Pfarrer sucht gezielt das Gespräch mit Jugendlichen, denen es zu Hause schlecht geht oder die sich in Notlagen/Trauersituationen befinden („der erste Erwachsene, der merkte, dass es mir zu Hause nicht gut ging“).

  • Schrittweise Annäherung: Graduelle Verschiebung von Grenzen (Eins-zu-eins-Situationen, Isolation).

    • Siegls Beispiel: Beim Filmabend legt der Pfarrer seine Hand auf den Oberschenkel der Jugendlichen, zieht sich mit ihr in die Küche zurück und fragt schleichend: „Darf ich Dich noch mal in den Arm nehmen?“ – „Darf ich Dich mal küssen?“, um Verwirrung zu stiften. Unter dem Deckmantel einer „progressiven Aufklärung“ wird behauptet, Schamgrenzen seien bloß prüde.

  • Relationale Steuerung: Aufbau totaler Abhängigkeit durch Erwartung von Loyalität, Wechsel von Nähe und Kälte sowie erzwungene Geheimhaltung.

    • Siegls Beispiele: Durch kostenlosen Nachhilfeunterricht fühlt sich ein Jugendlicher zur Gegengabe verpflichtet (Loyalität). Der Pfarrer stößt die Betroffene plötzlich von sich ab und sagt: „Es kann auch sein, dass der Teufel unsere Beziehung wollte!“ (Kälte). Der Pfarrer droht Jahre später: „Wenn du redest, verliere ich meinen Beruf“ oder zwingt das Mädchen, heimlich durch den Keller zu kommen, sich in der Waschküche komplett auszuziehen und nackt durchs Haus zu gehen (Geheimhaltung & Demütigung).

3. Superiorisierung / Überlegenheitsgestus (Backgroundphänomen)

Bildet den Hintergrund, auf dem Soft Power und Zugriffsmacht aufbauen.

  • Wissens- und Deutungshierarchie: Die rhetorische und theologische Kompetenz der Pfarrperson wird genutzt, um Grenzüberschreitungen geistlich/theologisch zu rechtfertigen.

    • Siegls Beispiel: Ein Pfarrer erklärt dem Opfer, Gott würde ihr durch ihn seine Liebe zeigen. Ein anderer rechtfertigt Übergriffe direkt theologisch mit der Aussage, Gott habe ihm gesagt, er solle sie „zur Frau machen“. 

  • Epistemische Gewalt: Durch Lügen, Manipulation und Scheinargumente wird das Urteilsvermögen der Betroffenen verunsichert und das System gegen äußere Kritik immunisiert.

    • Siegls Beispiel: Wenn Kritik aufkommt, rechtfertigt sich ein Täter mit Verweisen auf die Bibel. Auch Könige wie Salomo oder David hätten sich in seinem Alter junge Mädchen ins Bett geholt, um sich daran zu wärmen. Vor Gericht wird dreist gelogen, man sei wegen Potenzproblemen gar nicht zu Taten fähig. 

Pastoraltheologische Konsequenzen: Umbau pastoraler Professionalität

Die Befunde zum strukturellen Missbrauchssystem erfordern ein fundamentales Umdenken in der Pastoraltheologie. Christine Siegl fordert, Machtdynamiken nicht länger theologisch zu verklären oder zu ignorieren, sondern pastorale Professionalität durch klare Kriterien, Selbstbegrenzung und strukturelle Kontrolle neu zu konturieren.

1. Entkopplung von Amt und Person: Von naiver Nähe zu reflexiver Distanz

Kritik am romantischen Amtsverständnis: Die verbreitete Idealvorstellung einer nahtlosen Einheit von Person, Glaube und Amt führt häufig zu einer Verwischung von professionellen und privaten Grenzen („Doing Family“). Diese romantisierte Einheit dient Tätern als Schutzschild und erschwert Kritik.

  • Geforderter Haltungswandel:

    • Reflexiv-selektive Authentizität: Seelsorgerinnen und Seelsorger müssen nicht ihre gesamte Persönlichkeit, ihr Privatleben oder eigene Notlagen in die Seelsorge einbringen. Die Wahrung der eigenen Intimsphäre ist Voraussetzung, um auch die der Anvertrauten zu schützen.

    • Rollenklarheit und funktionale Abgrenzung: Die pastorale Rolle erfordert klare funktionale Grenzen. Nähe darf nicht unhinterfragt als theologischer Grundwert inszeniert werden; emotionale Nahverhältnisse und familiäre Inszenierungen im pastoralen Raum müssen kritisch hinterfragt und unterbrochen werden.

2. Dekonstruktion von „Vertrauen“: Von der moralischen Pflicht zur reflexiven Praxis

Kritik am blind geforderten Vertrauen: Ein klerikales oder kirchliches Missverständnis nutzt „Vertrauen“ oft als moralische Forderung oder Harmoniegebot. Dadurch werden Zweifel entwertet und Kritik als „störend“ oder „ungläubig“ diffamiert.

  • Geforderter Haltungswandel:

    • Strukturell kontrolliertes Vertrauen: Vertrauen darf nicht vorausgesetzt oder eingefordert werden, sondern muss sich in einem geschützten Rahmen entwickeln können.

    • Kultur des Einspruchs (Institutionalisierter Zweifelsraum): Pastoraltheologie muss Räume schaffen, in denen Kritik, Skepsis und Widerspruch nicht als Mangel an Glauben oder Gemeinschaftssinn gelten, sondern als notwendige Korrektive zur Machtkontrolle begrüßt werden.

3. Disziplinierung pastoraler Macht: Abstinenz, Grenzen und externe Kontrolle

Entzauberung der Macht: Macht in der Kirche muss als existentielle und potenziell gefährliche Realität anerkannt und reflektiert werden – anstatt sie theologisch zu überhöhen (z. B. durch Deutungs- und Überlegenheitsgesten).

  • Geforderter Haltungswandel:

    • Abstinenzgebote als Barmherzigkeit und Schutz: Die Einhaltung professioneller Grenzen und Abstinenzregeln (körperlich, emotional und informational) schützt Anvertraute vor Übergriffen und schützt die Seelsorgenden vor eigener Überforderung.

    • Verpflichtende externe Instrumente: Professionelle Kompetenz bemisst sich auch an der Bereitschaft zur Selbstbegrenzung. Supervision, interdisziplinärer Austausch, klare Beschwerde- und Beratungswege sowie externe Kontrollmechanismen dürfen keine freiwilligen Optionen sein, sondern müssen zum Standard pastoralen Handelns werden.

Fazit

Die Entschlüsselung des „Undoing Professionalität“ holt den Missbrauch aus der Sphäre des „Unbegreiflichen“. Nur durch analytische Redlichkeit und das Verständnis der zugrundeliegenden Praxisformationen lassen sich wirksame Gegenstrukturen und Schutzkonzepte in der Kirche etablieren.

Der Übergang zum systemischen Machtmissbrauch: Von der sexuellen zur strukturellen Gewaltdynamik

Machtmissbrauch im kirchlichen Raum beschränkt sich nicht auf den Kontext sexualisierter Gewalt. Die von Christine Siegl herausgearbeiteten Mechanismen – das Ausnutzen von Asymmetrien, das Verwischen von Rollengrenzen, strategische Verunsicherung und das Erzeugen von Abhängigkeiten – zeigen sich in identischer Weise auch in administrativen, personalen und leitungsbezogenen Handlungsfeldern. Es handelt sich hierbei nicht um bloße „Zwischenmenschlichkeiten“ oder zufällige Konflikte, sondern um eine tief verankerte soziale Praxisformation, die auf allen Ebenen der Kirche greift.

1. Soft Power: Pseudo-Familiarität als Widerstandskiller

Was beim sexualisierten Missbrauch als „Doing Family“ oder „Doing Locker“ die notwendigen Schutzgrenzen untergräbt, fungiert in Leitungsbeziehungen als Instrument der Vereinnahmung.

  • Das großzügig angebotene „Du“ – sei es durch Führungspersonen auf der so genannten Mittleren Ebene gegenüber Haupt- und Ehrenamtlichen, sei es durch Pfarrpersonen gegenüber ihren Mitarbeitenden oder innerhalb von Kirchenvorständen – simuliert eine Hierarchiearmut, wo faktisch ein hartes Machtgefälle besteht.

  • Die so erzeugte Schein-Familiarität erschwert kritische Abgrenzung. Sachlicher oder dienstrechtlicher Widerspruch wird emotional blockiert, weil er als persönlicher Vertrauensbruch oder Störung des „guten Miteinanders“ umgedeutet wird. Professionelle Distanz wird als „unbrüderlich“ oder „ungeistlich“ entwertet.

2. Superiorisierung: Das Übergehen und Enge-Treiben durch Deutungshoheit

Theologische, rhetorische oder strukturelle Überlegenheit wird gezielt genutzt, um das Gegenüber zu verunsichern, Handlungsspielräume einzuschränken, eigene Agenden durchzudrücken und das Handeln der Leitungsebenen zu immunisieren.

  • Ein zentrales Beispiel ist das aktuell in fast allen Landeskirchen vorangetriebene Modell der „regio-lokalen“ Kirchen. Unter dem Deckmantel, Verwaltung effizienter zu gestalten, damit vor Ort angeblich mehr Raum für inhaltliche Arbeit bleibt, nutzen kirchenleitende Organe ihre Deutungshoheit, um bestehende Strukturen auszuhebeln. Obwohl Studien seit Jahren belegen, dass Kirchenbindung vor allem lokal vor Ort entsteht, wird eine Zentralisierung vorangetrieben. Die Höherverlagerung von Verwaltung garantiert jedoch keine Effizienz, sondern schafft Distanz und entmachtet die Kirchenvorstände. Wenn Entscheidungen über Vermögen, Immobilien, Grundbesitz und Personal - und letztendlich Vermögen, Immobilien, Grundbesitz und Personal selbst - sukzessive auf die höhere Ebene wandern, stehen die Gremien vor Ort faktisch vor vollendeten Tatsachen – ihr organisatorisches und finanzielles Mitbestimmungsrecht wird untergraben.

  • Derselbe Überlegenheitsgestus wird auf der Gemeindeebene von dominanten Akteuren genutzt, um Gegenüber systematisch in die Enge zu treiben: Sei es die Pfarrperson, die ehren- oder hauptamtliche Mitarbeitende durch theologische und rhetorische Deutungshoheit dominiert, oder seien es Gruppen im Kirchenvorstand, die Pfarrpersonen bei der kleinsten Differenz durch gezielte Reframe-Versuche, Gerüchte und Isolation mürbe machen.

3. Zugriffsmacht & Divide et Impera: Die Instrumentalisierung von Verfahren und Gremien

Beziehungssteuerung durch Isolation, das Schaffen von Privilegierten vs. Außenseitern und die gezielte Erzeugung von Überforderungs- oder Bedrohungsszenarien.

  • Die Waffe der „Ungedeihlichkeit“ - die Paragraphen §§ 79/80 PfDG.EKD werden in Kombination mit Soft Power immer wieder gezielt instrumentalisiert. Aus meiner Arbeit als Vorsitzender des Vereins "D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.V." kenne ich diese Praxis aus unzähligen Beratungsfällen. Immer wieder erleben wir, wie Leitungspersonen oder dominante Gruppierungen im Kirchenvorstand Gremien gezielt anstacheln, um kritische oder missliebige Pfarrpersonen systematisch aus dem Amt zu drängen. Die oft vielschichtigen, strukturellen oder interpersonalen Konflikte einer gesamten Gemeinde werden dabei isoliert und schuldhaft auf eine einzelne Person verlagert – die Ungedeihlichkeit wird so vom Schutzinstrument zur mobbingartigen Ausgrenzungswaffe.

  • Zersetzung des Kollegiums durch Divide et impera - durch die selektive Vergabe von Aufgaben, verdeckte Einzelgespräche und das Belohnen von Loyalisten wird das kollegiale Vertrauen nachhaltig zerstört. Aus Angst vor dienstrechtlichen Konsequenzen – oder schlicht, weil sie sich in einem solchen toxischen System nicht gemein machen wollen – ziehen sich Kollegen und Gremienmitglieder zurück. Das Ergebnis ist eine gelähmte Sprachlosigkeit, womit genau die für Missbrauchssysteme typische, künstliche „Konfliktarmut“ hergestellt ist.

Fazit: Auswege aus der systemischen Sackgasse

Die Analyse zeigt eindrücklich: Ob beim sexuellen, beim geistlichen oder beim administrativen Machtmissbrauch – die Mechanismen ähneln sich erschreckend. Sie gedeihen dort, wo Schein-Familiarität professionelle Grenzen verwischt, wo Macht theologisch verharmlost wird und wo Strukturentscheidungen die Basis entmachten. Der Weg aus dieser systemischen Sackgasse erfordert einen fundamentalen Kultur- und Strukturwandel.

1. Kulturwandel: Von toxischer Harmonie zu wertschätzender Streitkultur

  • Konflikt als Chancebegriff: Die weit verbreitete Haltung, sachlichen Widerspruch als „ungeistlich“ oder „gemeinschaftsstörend“ zu devaluieren, muss endgültig überwunden werden. Eine reife Kirche braucht Räume, in denen Zweifel, Kritik und abweichende Meinungen nicht bekämpft, sondern als wertvolles Korrektiv geschätzt werden.

  • Echte Wertschätzung statt Pseudo-Nähe: Wertschätzung zeigt sich nicht in einem schnellen, verordneten „Du“ oder kumpelhafter Vertrautheit, sondern im Bekenntnis zu Klarheit, Verbindlichkeit und Respekt vor der Würde und den Grenzen des Anderen.

2. Strukturwandel: Machtbegrenzung und Stärkung der Basis

  • Machtkritische Kontrolle etablieren: Wo Macht ausgeübt wird – sei es im Pfarramt, im Kirchenvorstand oder im Dekanat –, muss sie transparent und kontrollierbar sein. Unabhängige Beschwerde- und Mediationsstellen müssen Standard werden, damit dienstrechtliche Mittel wie die „Ungedeihlichkeit“ nicht als Instrumente politischer Zermürbung missbraucht werden können.

  • Das presbyterial-synodale Prinzip ernst nehmen: Wenn Menschen erleben, dass ihr Engagement vor Ort zählt und ihr Kirchenvorstand echte Gestaltungsmacht behält – statt durch Höherverlagerung von Ressourcen und Entscheidungen entmachtet zu werden –, entsteht echte Identifikation.

3. Gewinn an Ausstrahlungskraft und Attraktivität

Ein solcher Wandel ist kein bloßes „Reparaturprogramm“ zur Schadensbegrenzung, sondern die Voraussetzung für zukunftsfähige Kirche. Eine evangelische Kirche, die Macht dynamisch reflektiert, Grenzen schützt, Transparenz lebt und ein ehrlich wertschätzendes Miteinander pflegt, gewinnt ihre Glaubwürdigkeit zurück. Erst wenn die Kirche im Inneren vorlebt, was sie nach außen verkündet – Freiheit, Respekt, Gerechtigkeit und Schutz für die Schwachen –, wird sie auch für (potenzielle) Gemeindeglieder wieder zu einem Ort, an dem man wirklich beheimatet sein möchte.

Doing Professionalität



Freitag, 14. August 2026

Existenzielle Grundfragen des Pfarrberufs

Seit März d.J. taucht im "Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt" immer wieder die Diskussion um die Thesen von Prof. Dr. Werner Thiede zur so genannten "Liberalen Theologie" auf, die man allerdings nicht mit der Bewegung des letzten Jahrhunderts verwechseln darf. Von der Theologie eines Rudolf Bultmanns sind diese Stellungnahmen weit entfernt. 

In der aktuellen Printausgabe des Pfarrerblatts ist ein Kommentar von Pfarrer i.R. Christoph Lehmann zu lesen, der die Thesen von Hartmut Rosa heranzieht (Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums), um die "Liberale Theologie" der Gegenwart zu verteidigen. Dazu nehme ich in einem späteren Beitrag noch Stellung. 

Ich selbst habe mich mehrfach in die Diskussion eingeschaltet. Da die Onlinekommentare des Pfarrerblattes mit der Ausgabe 07/2026 verschwanden, verweise ich auf meine beiden Beiträge hier im Blog: 

Zusätzlich hatte ich im Mai einen weiteren Leserbrief an die Redaktion des Pfarrerblatts geschickt, der allerdings bis heute nicht veröffentlicht wurde. Deshalb gebe ich den Artikel einschließlich der Mail an den Chefredakteur Detlef Dieckmann hier an dieser Stelle wieder. 

---------- Forwarded message ---------
Von: Ralf Krüger
Date: Do., 21. Mai 2026 um 15:17 Uhr
Subject: Replik auf die heftige Auseinandersetzung Bangert/Thiede im aktuelle Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt.
To: Detlef Dieckmann


Lieber Herr Dieckmann,

wie Sie aus meinen bisherigen Beiträgen ersehen konnten, habe ich die aktuelle, inhaltlich tiefgehende Diskussion um den Disput zwischen den Herren Bangert und Thiede mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Vor diesem Hintergrund habe ich den beigefügten Beitrag verfasst. Es ist mein dringliches Anliegen, den gegenwärtigen Diskurs konsequent auf die theologische und kirchenrechtliche Sachebene zurückzuführen.

In meiner Wahrnehmung darf die theologische Auseinandersetzung um den „Katechismus der liberalen Theologie“ nicht isoliert von den aktuellen, administrativen Transformationsdebatten (wie den „Skizzen aus der Zukunft“ von Steffen Bauer) geführt werden. Beide Komplexe greifen untrennbar ineinander: Die theologische Nivellierung des Kerygmas korrespondiert symmetrisch mit den technokratischen Zentralisierungsbestrebungen der Kirchenleitungen. Es sind im Kern die theologisch bekenntnisorientierten und wertkonservativen Pfarrpersonen, die an dieser Schnittstelle sowohl gegen den inhaltlichen Substanzverlust als auch gegen die Aufhebung der parochialen Strukturen begründeten Einspruch einlegen. Diesen inneren Zusammenhang lege ich in meinem Text detailliert offen.

Mir ist bewusst, dass der Text einen beträchtlichen Umfang angenommen hat und über die Länge eines klassischen Leserbriefs hinausgeht. Da sich jedoch auch die Debatte selbst im Heft wie im Online-Forum thematisch und quantitativ massiv ausgeweitet hat, bedarf es einer entsprechend tiefgängigen und systematischen Analyse. Eine bloße Kommentierung von Teilaspekten würde der Tragweite der anstehenden Grundfragen für unseren Berufsstand nicht gerecht werden.

Ich bitte Sie daher darum, diesen Beitrag in seiner Gesamtheit als eigenständigen Diskussionsbeitrag in der nächsten Printausgabe des Deutschen Pfarrerblatts zu veröffentlichen. Nur so bleibt der direkte und dringliche Bezug zur jetzt stattfindenden Diskussion für die Leserschaft transparent und wirksam.

Für Rückfragen stehe ich Ihnen selbstverständlich jederzeit gerne zur Verfügung. Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und auf eine produktive Fortsetzung des Austauschs.

Ich grüße Sie herzlich.
Ralf Krüger, Pastor i.R.


Bekenntnis und Parochie

Warum die theologische Debatte an die strukturelle Substanz geht

Die im Deutschen Pfarrerinnnen- und Pfarrerblatt entbrannte Diskussion um Kurt Bangerts „Katechismus der liberalen Theologie“ und die Replik von Werner Thiede hat die Gemüter tief bewegt. Sie zeigt, dass es um existenzielle Grundfragen unseres Berufsstandes und der Zukunft unserer Kirche geht. Umso dringlicher erscheint es, den Diskurs von wechselseitigen Polemiken zu befreien und auf die theologische sowie kirchenrechtliche Sachebene zurückzuführen.

Wo Werner Thiede im März-Heft pointiert von „theologischen Tricks“ sprach, um die Sollbruchstellen des liberalen Entwurfs aufzuzeigen, greift die Gegenseite in den jüngsten Leserbriefen allzu oft zu einer spiegelbildlichen Polemik: Wer am klassischen Kerygma festhält, wird pauschal als „gestrig“, „orthodox verengt“ oder „unzeitgemäß“ markiert. Beide Vorwürfe verstellen den Blick auf den Kern. Es geht in dieser Debatte nicht um Motive, Befindlichkeiten oder Generationenkonflikte, sondern um eine nüchterne Bestandsaufnahme der theologischen und strukturellen Substanz.

Die entscheidende Schwachstelle der aktuellen liberalen Entwürfe liegt in meinen Augen nicht primär in ihrer historisch-kritischen Exegese, sondern in ihrer soziologischen und existenziellen Ohnmacht in der kirchlichen Praxis. Wenn die leibliche Auferstehung Jesu zur bloßen Chiffre für die Weiterleitung ethischer Ideen dekonstruiert und Gott zu einer immanenten Dimension gelungener Weltbeziehungen nivelliert wird, verliert das Evangelium sein Proprium. Eine Kirche, die sich im Kern auf einen sozialkritischen, empathischen oder gar politisch anschlussfähigen Appell reduziert, macht sich selbst überflüssig. Ethik, Barmherzigkeit und Systemkritik bieten NGOs, Gewerkschaften oder philosophische Strömungen im Zweifel lauter, spezialisierter und wirksamer an. Wer das Kerygma – das Kreuz als Ort der Versöhnung und die Auferstehung als realen Sieg Gottes über die Mächte von Sünde und Tod – räumt, macht die Kirche zu einer bloßen Kopie der Welt. Die Menschen aber, das zeigt leider die politische Erfahrung, bleiben im Zweifelsfall beim Original.

Es ist die Nagelprobe der Kasualpraxis: Was sagt die liberale Theologie am Grab eines Kindes, eines verunglückten jungen Vaters oder einer jungen Mutter den Hinterbliebenen? Ein bloß metaphorischer Trost, der den Tod nicht als real besiegten Feind, sondern als natürlichen Schlusspunkt einer moralischen Existenz deutet, lässt den leidenden Menschen in der existenziellen Katastrophe schlicht verhungern. Wenn Kurt Bangert in seinem Katechismus Gott als ‚Urgrund des Universums‘ beschreibt und die christliche Hoffnung darauf reduziert, das Leben trage sich trotz allem zu einem ‚sinnvollen Ende‘, kehrt sich der Zuspruch des Evangeliums in sein Gegenteil um. Ein Gott, der nur noch als immanente Kraftquelle in uns fungiert, damit wir durch ‚eigene Tatkraft‘ das Gute herbeiführen, ist im Leid kein Tröster. Er ist ein moralischer Gesetzgeber, der die Last der Bewältigung wieder vollends dem traumatisierten Individuum aufbürdet. Wo die klassische Theologie im Angesicht des deus absconditus – des im Leid verborgenen und unbegreiflichen Gottes – die Flucht zum gekreuzigten und auferstandenen Christus anbietet, bleibt bei Bangert nur der Appell zur resilienten Selbsthilfe.

Dieser Befund der Verflachung, aus pastoraler Sicht beschrieben, korrespondiert auf akademischer Ebene präzise mit der scharfen Analyse von Katarína Kristinová, die sie nach der Verkürzung in der Printausgabe DtPfrBl 04/2026 noch einmal online stellte. Sie entlarvt die moderne liberale Reformbewegung und Papiere wie das Göttinger Manifest als theologische „Mogelpackung“, die das geschichtsträchtige, reflexive Erbe der klassischen liberalen Schule (von Schleiermacher bis Bultmann) nicht etwa fortsetzt, sondern konterkariert. Was sich heute progressiv als „liberale Theologie“ präsentiere, so Kristinová, erweise sich bei näherem Hinsehen allzu oft als eine reflexionsfreie Unbedarftheit, die mangelnde dogmatische Tiefe hinter einem unverbindlichen, pluralistisch verbrämten „Wortgeklingel“ verstecke. Die intellektuelle Redlichkeit weiche hier einer Harmoniesucht, die tiefe ideologische Gräben bloß kaschiert.

Handfeste parochiale Erfahrung

Gegen das Pauschalverdikt des „Gestrigen“ spricht im Übrigen die handfeste parochiale Erfahrung: Eine wertkonservative, bekenntnisorientierte Haltung treibt die Menschen eben gerade nicht aus der Kirche. Natürlich verzeichnen auch profiliert-traditionelle Gemeinden Austritte – niemand lebt in einer konfessionellen Käseglocke. Doch der differenzierte Blick über den Tellerrand der eigenen Kirchturmsspitze, auch über Deutschland und Europa hinaus, zeigt ein klares Bild: Wo Kirche mutig und erkennbar theologisch Position bezieht, dort erfährt sie auch verlässlichen Zuspruch. Dabei wird wertkonservativen Pfarrpersonen und Theologen reflexhaft und fälschlicherweise unterstellt, sie klammerten sich unkritisch an überkommene Sprachmuster des Gestern. Das Gegenteil ist der Fall. Es gehört im Kern zur ureigenen Profession des Pfarrberufs – so wie ich ihn verstehe –, die zeitgebundenen systematisch-theologischen Formulierungen des Dogmas immer wieder neu so zu durchdenken und darzulegen, dass sie in der modernen Lebenswelt einen echten, existentiellen Widerhall finden. Eine solche Verkündigung hat nicht den triumphalistischen Anspruch, jeden Menschen sofort zu missionieren oder dogmatisch zu vereinnahmen. Sie will vielmehr intellektuell und geistlich redliche Anstöße geben, die das eigene Denken der Hörer anregen und Räume für eine echte Begegnung mit dem Evangelium eröffnen.

Administrativen Zentralisierungsbestrebungen

Die theologische Nivellierung steht in einem verhängnisvollen, fast symmetrischen Gleichschritt mit den aktuellen administrativen Zentralisierungsbestrebungen, wie sie im DtPfrBl 05/2026 zum wiederholten Mal von Steffen Bauer in seinen „Skizzen aus der Zukunft“ für das Jahr 2040 gezeichnet werden. Gerade diese Kombination aus inhaltlicher und technokratischer Diskussion fordert die theologisch bekenntnisorientierten und wertkonservativen Pfarrpersonen heraus; diese Debatte zwingt uns förmlich dazu, auf dem Hintergrund jahre- und jahrzehntelanger erfolgreicher Arbeit in der Parochie leidenschaftlich Einspruch einzulegen und uns dezidiert einzumischen.

Schaut man allein auf die Publikationen des laufenden Jahres, so wird deutlich, wie konsequent diese Transformations-Linie redaktionell verfolgt wird: Bereits im Januar entwarf Julia Koll die „Transparochiale Kirche“, während Markus Beile als liberaler Theologe den Ursachen für den Kirchenaustritt mit einem Verzicht auf jeden Offenbarungsanspruch der christlichen Religion begegnen will. Gott wird bei ihm zur “Ausdrucksform für das Gefühl einer größeren Wirklichkeit, in der Menschen sich unendlich geborgen und aufgehoben" fühlen. Im DtPfrBl 03/2026 forderte Steffen Bauer, die „Transformation proaktiv zu gestalten“, flankiert von Christiane Quinckes Plädoyer für eine „postparochiale Kirche in Pforzheim“. Nach der April-Diskussion um Werner Thiedes Aufsatz folgten in der aktuellen Ausgabe DtPfrBl 05/2026 schließlich Bauers „Skizzen“ und das Interview mit Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst unter dem bezeichnenden Titel: „Veränderung ist uns als Kirche wesentlich.“

Fortsetzung einer verfehlten Kontinuität

Diese Zusammenschau macht offenkundig: Wir erleben hier die ungebremste Fortsetzung einer verfehlten Kontinuität. Seit dem EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ im Jahr 2006 jagt die administrative Ebene einem hochglanzbroschierten Reformmodell nach dem anderen hinterher – von Erprobungsräumen und Leuchttürmen bis hin zu Eventkirchen und Change-Management. Der Versuch, kirchliche Relevanz durch Top-down-Strukturen und einen immer größeren Einfluss der EKD-Ebene zu erzeugen, ist empirisch krachend gescheitert. Das messbare Ergebnis im Jahr 2026 ist ein historischer Tiefstand an Mitgliedern und gesellschaftlicher Bindungskraft. Wer trotz dieses kontinuierlichen Scheiterns stur auf derselben Zentralisierungsschiene weiterfährt, handelt nicht reformorientiert, sondern doktrinär.

Dabei gilt ein kirchenrechtliches Axiom: Wenn das spezifisch evangelisch-biblische Gemeinde- und Bekenntnisprofil vor Ort verblasst, schwindet auch die Legitimation für den Erhalt der Kirchengemeinde als eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR). Unter dem Banner der „Transformation“ wird derzeit die Auflösung der Ortsgemeinde zugunsten „regio-lokaler Kirchen“ betrieben, die sich nach Vorschlag von Steffen Bauer an den rund 400 kreisfreien Städten und Landkreisen orientieren und circa 25.000 Mitglieder umfassen sollen.

Hier offenbart sich eine eklatante Lebensfremde gegenüber der realen soziologischen Dynamik. Eine solche künstliche Großstruktur verkennt, dass administrative Verwaltungsgrenzen keine geistliche Heimat stiften. In einer Gesamtbevölkerung von rechnerisch 200.000 bis 250.000 Einwohnern eines Landkreises - von den größeren Städten ganz zu schweigen - verlieren sich 25.000 verstreute Kirchenmitglieder schlicht in der Masse. Wo soll hier eine Identifikation, wo Beheimatung im kleineren, verlässlichen Kreis erfolgen? Schon die heutige Erfahrung mit den bestehenden Kirchenkreisen zeigt, dass diese Verwaltungsebene keine identitätsstiftende Kraft besitzt und den parochial-lebensweltlichen Aufgaben kaum gerecht werden kann. Auch die von Bauer beschriebene „Diakonie im Sozialraum“ geht an der sozialen Wirklichkeit vorbei. In der Wahrnehmung der Menschen vor Ort ist die institutionelle Diakonie längst weitgehend von der verfassungsmäßigen Kirche entkoppelt und wird als ein Wohlfahrtsanbieter unter vielen – wie das DRK, der ASB oder die Johanniter – wahrgenommen.

Wenn die Ortsgemeinde jedoch ihre Immobilien, ihre Finanzen, ihre hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre KdöR-Rechte an die angestrebten Großregionen abgeben muss, wird die demokratische Basis entmündigt. Die verfassungsmäßige Leitungskompetenz der Kirchenvorstände schrumpft dann zur Farce – sie dürfen allenfalls noch über das Keks-Sortiment des Seniorennachmittags entscheiden (Reinhard Bingener in der FAZ im Anschluss an ein Positionspapier aus der braunschweigischen Kirche). Mehr noch: Dem reformatorischen Verständnis vom freien, ordinierten Pfarramt – das allein an Schrift, Bekenntnis und Gewissen gebunden ist – wird der Boden entzogen. Pfarrpersonen mutieren in diesem technokratischen Gefüge zu weisungsgebundenen Managern und Befehlsempfängern einer übergeordneten Konzernebene.

„Kultur der Ermöglichung?“

Wenn Bauer und mit ihm die Kritiker von Werner Thiede in diesem Kontext eine „Kultur der Ermöglichung“ anpreisen, wird diese Vokabel vonseiten der Befürworter der Parochie und der traditionellen Theologie zu Recht mit tiefster Skepsis betrachtet. Es steht zu befürchten, dass diese vermeintliche Offenheit als kirchenpolitischer Euphemismus genutzt wird, um die theologische und strukturelle Tiefendimension zu umgehen. Denn die Positionen der Kirchenleitungen folgen mittlerweile fast unhinterfragt den Paradigmen einer strukturfunktionalen, transparochialen Konzeptkirche. Echte Ermöglichung würde das Gegenteil bedeuten: die Ortsgemeinde als KdöR radikal zu stärken, die Kirchensteuermittel konsequent dort einzusetzen, wo Gemeinde real gelebt wird, und Kirchenämter konsequent auf die dienende Begleitung der Parochien auszurichten.

Zwar werden vereinzelte Positionen für die Stärkung der Parochie im Pfarrerblatt durchaus benannt – dass sie jedoch im kirchenpolitischen Mainstream so wenig Widerhall finden, ist zutiefst bezeichnend. Erinnert sei an Andreas Dreyer, der im Dezember betonte, warum der Körperschaftsstatus kein Adiaphoron ist, oder an das Autorenkollektiv um Eberhard Blanke im Februar, das die „Abweichung als Schlüssel zur Relevanz“ beschrieb. Auch Christian Möllers Plädoyer für eine „verlässliche Kirche der kurzen Wege“ (März) und Martin Schucks aktuelle Mahnung im Mai, die Stärkung der Gemeinden wäre ein mutiges Signal zur Transformation, verhallen ungehört im Transformationsrausch der Leitungen.

„Trauer und Ärger?“

Das macht die dringend notwendige Diskussion nicht einfacher. Erschwerend kommt hinzu, dass kritische Positionen in den offiziellen Statements und Editorials reflexhaft als bloßer Ausdruck von „Trauer und Ärger“ über den strukturellen Wandel und den Verlust alter Gewissheiten geframed werden. Das ist eine unzulässige Psychologisierung des theologischen Gegenübers. Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung auf Augenhöhe erfolgt allzu oft eine empathisch verpackte Infantilisierung: Indem die Moderation der Debatte die sachliche Kritik als rein emotionale Bewältigungsprobleme einer vermeintlich abgelösten Generation deutet („Elder-Speak“ / Ageism), entzieht sie sich dem harten Argument.

Dieses Überhören gewichtiger Stimmen führt soziologisch und theologisch zu einem paradoxen Eigentor, das uns direkt zum Ausgangspunkt der inhaltlich-theologischen Debatte zurückbringt: Weil die Volkskirche ihr spezifisch christliches Profil räumt, treibt sie suchende Menschen – und gerade auch Jugendliche, die im Konfirmandenunterricht nach existenzieller Wahrheit statt nach einer weiteren Lektion über allgemeine Werte suchen – direkt in die Arme fundamentalistischer oder evangelikaler Gruppierungen. Die liberale Theologie erzeugt durch die von ihr mitbetriebene religiöse Blutarmut genau das Vakuum, das fundamentalistische Prediger bereitwillig füllen.

Kirche wächst von unten nach oben

Wenn das Netzwerk um das „Göttinger Manifest“ und die Schriftleitung des Pfarrerblattes so großen Wert auf „Pluralität“, „Weite“ und „Diskurs auf Augenhöhe“ legen, dann darf dieser Pluralismus keine Einbahnstraße sein. Ein ehrlicher und zukunftsfähiger Weg wäre ein echter „theologischer Föderalismus“: Gebt den Kirchengemeinden die volle theologische und strukturelle Autonomie zurück, ihr Profil selbst zu bestimmen. Lasst Gemeinden und Pfarrpersonen sich nach diesem Muster frei finden, und behindert wertkonservative, bekenntnisorientierte Gemeinden nicht länger systematisch durch administrative Zwangsstrukturen. Auf einem solchen freien Markt der geistlichen Konzepte würde sich ohne kirchenpolitische Steuerung von oben sehr schnell zeigen, welche Theologie in der Praxis tatsächlich die Kraft hat, Gemeinde zu bauen und Menschen in den Krisen des Lebens echten Halt zu geben.

Dienstag, 30. Juni 2026

Wie ein Hengst in der Schlacht ...

Transformation der Kirche? Was ist das Ziel?

Wer in den vergangenen Monaten aufmerksam das Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt gelesen hat, dem bietet sich ein Bild wie von Perlen an einer Schnur. Systematisch und mit beachtlicher Regelmäßigkeit erscheinen dort Aufsätze, die sich unter dem großen Stichwort der „regio-lokalen Kirche“ oder einer betont „liberalen Theologie“ subsummieren lassen. Es wirkt fast wie ein konzertierter, unaufhaltsamer Fahrplan.

Man lese nur die Titel der Befürworter und Vordenker dieses Kurses: Julia Koll schrieb über die „Transparochiale Kirche – Voraussetzungen und Verheißungen“, während Kurt Bangert bereits im vergangenen Jahr (6/2025) mit seinen „40 Thesen zur Reform des Christentums“ die Botschaft Jesu wieder zur Botschaft der Kirche machen wollte und nun im Frühjahr 2026 einen „Katechismus für ein liberales Christentum“ vorlegte. Markus Beile ging der Frage nach, warum immer mehr Menschen die Kirche verlassen, und schlägt vor, dass die Kirche eine neue Form religiöser Anschauung und Praxis entwickeln muss, die Religion als anthropologisches Phänomen versteht und die Welt als unbegreifliches Wunder deutet. Im März legte Steffen Bauer nach („Transformation proaktiv gestalten“), flankiert von Christiane Quincke und ihrem „Weg zu einer postparochialen Kirche in Pforzheim“. Im Mai schließlich zeichnete Bauer seine „Skizzen aus der Zukunft – Kirche im Jahr 2040“, während Detlef Dieckmann das Interview mit der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst überschrieb: „Veränderung ist uns als Kirche wesentlich.“

Zwar gab es in den Heften durchaus gewichtige Gegenpositionen. Doch diese wirkten im Vergleich eher wie vereinzelte Fundstücke, wie solitäre Glanzstücke, die jeweils für sich stehen mussten: Seien es Mareile Lasoggas biblische Orientierungshilfen („Nüchtern werden“), Christoph Bergners Analyse „Der Verlust der Nähe“ oder Andreas Dreyers dringende Warnung, warum der Körperschaftsstatus eben kein Adiaphoron – keine Nebensache – ist („Werft Euer Vertrauen nicht weg…“). Auch das Plädoyer von Autoren um Frank Uhlhorn („Wie die Kirchen Gehör finden könnten“), Christian Möllers „Plädoyer für eine verlässliche Kirche der kurzen Wege“, Werner Thiedes Replik auf Bangert („Die theologischen Tricks der liberalen Theologie“), Frank Weyens „Ohnmacht aus Willkür“ oder jüngst Martin Schucks Mahnung zur geplanten Transformation in der Pfalz („Die Stärkung der Gemeinden wäre ein mutiges Signal“) zeigten: Der Widerstand ist theologisch und strukturell fundiert begründet.

Wie ein Hengst in der Schlacht ...

Doch im realen Fahrplan der Landeskirchen scheint diese Kritik kein Gehör zu finden. Angesichts dieser starren Entschlossenheit der Kirchenleitungen, bei der scheinbar keine kritische Position den Kurs korrigieren darf, kommt mir - vielleicht etwas vermessen und überzogen - das Prophetenwort aus Jeremia 8,4–7 in den Sinn:

„Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am Trug, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“

Bild: Leonardo da Vinci:
A rearing horse, and heads of horses, a lion and a man
(ca. 1503–1504). Royal Collection Trust / Wikimedia Commons.
Das Werk ist weltweit und in den USA gemeinfrei (Public Domain).
Ausführlicher Bildnachweis noch einmal am Ende des Beitrags.

Man fragt sich unwillkürlich: Was ist das eigentliche Ziel dieses Prozesses, der die Ebenen oberhalb der Kirchengemeinde vor Ort derart stärken will? Meinen die Verantwortlichen wirklich, mit zentralisierter Strukturpolitik und dem Abbau der Parochie Menschen an die Kirche binden zu können?

Dabei geht es mir keineswegs um ein starres Festhalten am Status quo. Ich sehe die unbedingte Notwendigkeit von Veränderungen in unserer Kirche durchaus und akzeptiere, dass wir vor gewaltigen Anpassungen stehen. Was ich jedoch strikt ablehne, ist die Stringenz und die absolute Alternativlosigkeit, mit denen das Konzept einer "regio-lokalen Kirche" von oben durchgepeitscht wird, ohne Raum für andere, organische Wege zu lassen.

Dan Peter über die württembergische Landeskirche

Exakt auf dieser dogmatischen Linie der regio-lokalen Perspektive liegt auch der Beitrag von Dan Peter im aktuellen Pfarrerblatt (Ausgabe 6/2026) unter dem Titel »Gebt Rechenschaft von der Hoffnung, die in euch ist« (1. Petrus 3,15) – Die Evangelische Landeskirche in Württemberg als eine "Kirche im Umbau zur Herberge der Mündigkeit".

Peter zeichnet darin das Bild einer proaktiven Landeskirche, die dem spürbaren Rückgang von Mitgliedern, Finanzen und Pfarrpersonen nicht mit Zukunftsangst, sondern mit „Hoffnung“ begegnen will. Der Weg dorthin führt über radikale Transformationsprozesse: die Stärkung regio-lokaler Zusammenarbeit, das Zusammenlegen von Kirchengemeinden und Bezirken sowie die Reduzierung der Prälaturen. Konkret untermauert wird dies durch den Pfarrplan 2030 zur Verteilung der Pfarrstellen, das neue Controlling-Instrument der „Jahresplanung im Pfarrdienst“ (JAP) zur Leistungstransparenz und den Immobilienprozess „OIKOS“, der kirchliche Gebäude auf den Prüfstand stellt. Flankiert wird all dies von einer „Digitalen Roadmap“ samt KI-Expertise, Sinnfluencer-Netzwerken und einer Agende für ein digitales Abendmahl. Das erklärte Ziel: die Transformation zu einer modernen „Herberge der Mündigkeit“ mitten im Alltag der Menschen.

Soweit die kirchenoffizielle Darstellung. Zeit, einen genaueren Blick auf diese Verheißungen zu werfen. Der Kommentar ist auch in der Onlineausgabe des Pfarrerblatts zu lesen.


Wasser in den württembergischen Wein gießen

Ein Kommentar zu den Reformverheißungen in Württemberg – und dem Systemfehler der gesamten EKD

Wenn man den Bericht von Dan Peter über den Zustand der Evangelischen Landeskirche in Württemberg liest, könnte man fast ins Schwärmen geraten. Da ist von einer „Kirche im Umbau zur Herberge der Mündigkeit“ die Rede, von „Transformationsprozessen“, einer „Digitalen Roadmap“ samt KI-Expertise und von „Sinnfluencern“, die das Evangelium ins Netz tragen. Alles verpackt in das biblische Motto: „Gebt Rechenschaft von der Hoffnung, die in euch ist“. Es riecht nach Aufbruch, nach edlem, gereiftem Wein. Doch wer an der Basis arbeitet, dem kann der Geschmack schnell vergehen. Es ist Zeit, ein wenig Wasser in diesen württembergischen Wein zu gießen – wohlwissend, dass dieser Wein mittlerweile in fast allen Landeskirchen der EKD ausgeschenkt wird.

Das Zauberwort: regio-lokal ...

Denn das, was Dan Peter für Württemberg beschreibt, ist kein regionaler Sonderweg. Es ist das Standard-Drehbuch des aktuellen kirchlichen „Transformationsprozesses“ bundesweit. Was meinen massiven Widerstand hervorruft, ist die absolute Alternativlosigkeit und Ausschließlichkeit, mit der das „regio-lokal“ ausgerichtete Konzept mittlerweile durch die kirchenpolitischen Lande gepeitscht wird. Hier im Artikel ist es „die“ württembergische Landeskirche, im Heft 05/2026 „schaute“ Steffen Bauer visionär sogar schon auf die Zukunft der Kirche im Jahr 2040. Kooperation und Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg? Natürlich, das ist sinnvoll und absolut vorstellbar – allerdings nur auf Augenhöhe und in Freiheit! Stattdessen erlebe ich einen von oben verordneten Zwang, der allzu oft mit einer künstlich herbeigeführten Verknappung von Ressourcen begründet wird, um Fakten zu schaffen. In persönlichen Zweiergesprächen nicken viele bei dieser Kritik, doch in der offiziellen, öffentlichen Diskussion vermisse ich diesen Einspruch schmerzlich.

Im kirchenrechtlichen Klartext bedeutet „regio-lokal“ letztendlich die schleichende Entmachtung der Ortsgemeinde. Wenn Gemeinden ihren Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts verlieren und zu bloßen Anhängseln einer zentral verwalteten Großregion werden, stirbt die Identität vor Ort. Kirche lebte bisher davon, dass man sich kannte. Künftig kennt man vor allem die nächste Verwaltungsebene. 

JAP ...

Besonders bitter schmeckt die Verheißung der „Jahresplanung im Pfarrdienst“ (JAP). Was als „Unterstützung und Transparenz“ angepriesen wird, kann sich ganz schnell als eiskaltes Controlling aus der Betriebswirtschaft entpuppen. Am Ende des Jahres steht die Pfarrperson wie ein weisungsgebundener Projektmanager vor dem Dekan oder Superintendenten und muss Rechenschaft ablegen: Ziele erreicht? Vorgaben eingehalten? Dass der Pfarrberuf über Jahre hinweg durch ausufernde Bürokratie und den Verlust von echter Gestaltungsmacht vor Ort systematisch abgewertet wurde, verschweigt das kirchenleitende Narrativ elegant. Der Nachwuchsmangel wird wie ein unverschuldetes Wetterphänomen beklagt, anstatt die hausgemachten strukturellen Fehler zu benennen.

Digital ...

Als moderner Trostpreis wird die Digitalisierung ins Feld geführt. Die württembergische Landeskirche ist sogar stolz darauf, als einzige eine eigene Agende für ein digital gefeiertes Abendmahl erarbeitet zu haben. Gefeiert werden soll das dann wohl mit den kircheneigenen „Sinnfluencern“. Doch die Annahme, man könne den realen Beziehungsabbruch in der Fläche durch Klicks und Bildschirmsakramente kompensieren, ist eine gefährliche Illusion. Digitale Reichweite schafft keine verbindliche Gemeinschaft, weder im Netz noch vor Ort.

Verwaltung ...

Dass die kirchliche Verwaltung dringend modernisierungsbedürftig ist, kann nicht bestritten werden. Den Württembergern ist zu wünschen, dass sie dabei mehr Erfolg haben als andere Landeskirchen, die im bürokratischen Chaos versunken sind.

Oikos - Keimzelle des Glaubens oder Abwicklung?

Eine ganz schmerzhafte Wunde schlägt der Immobilienprozess, der in Württemberg unter dem Namen „OIKOS“ firmiert. Man muss sich die theologische Absurdität auf der Zunge zergehen lassen: Im griechischen Urtext des Neuen Testaments beschreibt der Oikos das „Haus“ – jene vertraute, beziehungsstarke Hausgemeinschaft, die die Keimzelle der ersten christlichen Gemeinden bildete. Wenn es in der Apostelgeschichte heißt, dass ein Gläubiger sich und sein ganzes „Haus“ taufen ließ, stand dort der “Oikos”. Ausgerechnet diesen Begriff, der für das lebendige Wachstum intimer Gemeinschaft vor Ort steht, wählt die Kirchenbürokratie nun als Namen für ein Excel-gesteuertes Abwicklungsprogramm.

Mit „vergleichbaren Kriterien“ wird errechnet, welche Gebäude weichen müssen. Verkauf, Abriss, Umwidmung. Betroffen sind nicht nur Gemeindehäuser, sondern zunehmend die Kirchen selbst. Das trifft das Herz einer Gemeinde. Eine Kirche ist kein bloßer Zweckbau, keine Immobilie, die man nach Auslastung bewertet. Eine Kirche, in der Gottesdienst gefeiert wird, ist ein sichtbares, steinernes Zeichen für den christlichen Glauben im Dorf oder im Quartier. Dass Generationen von Gemeindegliedern für ihre Kirche - auch für Gemeindehaus, Kita und was sonst noch gebaut wurde - gespendet, geschuftet und gebetet haben, das zählt im kirchenleitenden Denken offensichtlich wenig. Die Botschaft an die Menschen ist fatal: Eure Gaben waren nett, aber sie waren eben nur auf Zeit angelegt.

Von oben nach unten ...

Das Grundproblem ist und bleibt in meinen Augen: Die Kirche baut um – aber sie baut von oben nach unten. Wenn aus der ursprünglichen, biblischen Vision des Oikos am Ende nur eine zentralverwaltete Filialkirche im geordneten Rückzug wird, hilft auch das schönste theologische Etikett der Hoffnung nicht mehr. Dieser Wein schmeckt sauer.

Bildnachweis zum oben eingefügten Bild

  • Künstler: Leonardo da Vinci (1452–1519)
  • Titel: A rearing horse, and heads of horses, a lion and a man (Recto, RCIN 912326)
  • Quelle: Wikimedia Commons / Royal Collection
  • Lizenzstatus: Gemeinfrei / Public Domain. Das Urheberrecht für dieses Werk ist weltweit abgelaufen (Schutzfrist mehr als 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers). Das Werk erfüllt zudem die Kriterien für die United States Public Domain.

Donnerstag, 21. Mai 2026

Noch einmal: Ecclesia evangelica, quo vadis?

Über Transformation, Rückbau und Mut zur Gemeinde

„Ecclesia evangelica, quo vadis?“ – diese Frage habe ich hier im Blog bereits des Öfteren gestellt. Doch die Diskussion um die Zukunft und die „Transformation“ unserer Kirche ebbt nicht ab; im Gegenteil, sie gewinnt an Schärfe. Die aktuelle Ausgabe des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts bietet den Vordenkern dieses Wandels nun eine prominente Plattform, die eine eingehende Auseinandersetzung geradezu herausfordert.

In den Beiträgen dieser Ausgabe prallen Welten aufeinander. Da ist Steffen Bauer, der als Koryphäe der „Transformation by Design“ gilt und in seinen Skizzen für das Jahr 2040 einen prophetischen Blick in die Zukunft wirft. Da ist das Interview von Chefredakteur Detlef Dieckmann mit der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst, in dem sie das Bild einer Kirche zeichnet, für die Veränderung zum Wesenskern gehört und die mehr oder weniger genau dem entspricht, was Bauer designt. Und da ist Martin Schuck, der aus derselben Landeskirche einen ganz anderen Blick auf die Dinge wirft: Was für die eine Fortschritt ist, ist für ihn nichts weniger als der bewusste Rückbau der evangelischen Kirche. Seine Forderung nach einer Stärkung der Gemeinden steht dabei als mutiges, notwendiges Gegenprogramm im Raum.

In diesem Blogbeitrag möchte ich diese unterschiedlichen Positionen beleuchten. In den eingefügten Übersichtskästen habe ich mit bemüht, die Argumentationen der Autoren zusammenzufassen. Daran schließen sich dann meine Kommentare an.

Ein besonderes Augenmerk gilt Steffen Bauers „Transformation by Design“. Die Debatte um sein Konzept hat mich nicht nur zu einer Glosse angeregt, sondern auch zu einem intensiven Austausch in der Kommentarspalte des Pfarrerblatts geführt. Als dort der Wunsch laut wurde, endlich konkrete Möglichkeiten statt bloßer Bedenken zu hören, konnte ich nicht widerstehen: Ich habe den Blick auf die Gemeindearbeit in Meppen gelenkt – als ein Beispiel dafür, wie Kirche vor Ort gelingen kann. 

Ich lade Sie ein: Machen Sie sich selbst ein Bild. Lesen Sie die Originaltexte im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt und verfolgen Sie die Diskussion. Das gilt insbesondere für die Kommentare zu Steffen Bauers Artikel, die ich hier nicht mehr einfüge, weil das den Rahmen sprengen würde. 

Meine Zusammenfassungen und Gedanken hier im Blog sollen Ihnen dabei als Kompass dienen, um sich in diesem komplexen Reformprozess zu orientieren.

Steffen Bauer, Skizzen aus der Zukunft - Kirche im Jahr 2040

KI-generiert

Okay, wenn ich mit der Glosse zu Steffen Bauers anfange, ist das nicht ganz fair, aber ich habe von Bauer schon manches gelesen, bei dem ich mit dem Hintergrund meiner Gemeindeerfahrung nur den Kopf schütteln kann. 

Transformation by Design oder per Algorithmus? 

Als Julia Koll in der Januarausgabe dieser seriösen Publikationsreihe zum ersten Mal die “Glaskugel” in den Händen von Steffen Bauer erwähnte, unkte mancher, dieses “Werkzeug” gehöre doch wohl nicht zum theologischen Repertoire. Doch Steffen Bauer hat uns jetzt eines Besseren belehrt. Mit prophetischem Eifer blickt er auf das Jahr 2040 und sieht die Freiburger Studie im Zeitraffer wahr werden. In schillernden Farben ersteht vor uns die fluide Großgemeinde, ohne Kirchenkreis oder Dekanat, ohne Landeskirche, im Durchschnitt 25.000 Mitglieder stark und bei Problemen beraten von der EKD. Ein „Angebot“ folgt auf das nächste – alles nach Plan, alles „Transformation by Design“. Man fragt sich unwillkürlich: Ist das die Rettung der verlorenen Relevanz der Kirche oder doch eher eine „Transformation to Disaster“? 

Das Design der leeren Hüllen?

Bauers Vision besticht durch radikale Struktur-Logik: Wo heute noch mühsam verwaltet wird, sieht er 2040 nur noch vernetzte Großräume und „fluide kirchliche Präsenz“. Besonders pikant: Bauer beruft sich in seinen Anmerkungen ausgerechnet auf den dialektischen Theologen Karl Barth. Man wagt kaum darüber nachzudenken, was der Altmeister der „Kirchlichen Dogmatik“ zu diesem Entwurf sagen würde. Dass das „ganz Andere“ Gottes nun ausgerechnet in der perfekten Optimierung kirchlicher Change-Management-Prozesse Gestalt annimmt, hätte Barth wohl mit einem sehr dialektischen – und vermutlich sehr lauten – „Nein!“ quittiert. Während Bauer das Gehäuse der Kirche perfekt durchdesignt, bleibt die Frage nach der „Software“, dem eigentlichen Inhalt, seltsam unterbelichtet. Die Organisation scheint hier wichtiger zu werden als die Botschaft. 

Die Rettung aus der Cloud – und dem Schaukasten

Hier setzt Eberhard Steinborn mit seinen Kommentaren an und füllt Bauers Struktur-Hüllen mit digitalem Leben. Da die bisherige kirchliche Sprache ohnehin als „theologische Fremdsprache“ wahrgenommen wird, soll die KI die Bibel reaktivieren. Sein Rezept: KI-gestützte Problembearbeitung bzw. …

  • Bibel per Prompt: Für jedes psychologische Alltagsproblem findet die KI die passende biblische Lösungsoption einschließlich Bibelvers.

  • Wissensriesen werden aktiv: Ein digitaler Fundus im Netz soll die Kluft zwischen theoretischem Wissen und praktischer Realisierung schließen. 

  • Gegen die künstliche Intimität: Die KI soll mit der Botschaft der Liebe „gefüttert“ werden, um Menschen aus ihrer „süchtig machenden Vereinzelung“ zu befreien. 

Besonders charmant ist Steinborns Sinn für Medialität. Die so mühsam vom Algorithmus errechneten Problemlösungen sollen anschließend „medienwirksam in den Schaukästen angekündigt“ werden. Man sieht es förmlich vor sich: Während die Welt in „künstlicher Intimität“ versinkt und Bauer fluide Pop-up-Räume designt, liefert der bewährte Schaukasten neben der Kirchentür den analogen Screenshot der göttlichen KI-Logik. Ein beruhigendes Bild – High-Tech-Exegese trifft auf die Ästhetik von ausgeblichenem Fotopapier und Reißzwecken oder - ganz modern - Haftmagneten. 

Fazit: 

Während Bauer die Leinwand für das strukturelle „Design“ 2040 grundiert, liefert Steinborn die Prompts für den göttlichen Algorithmus gleich mit. Wenn „Transformation by Design“ bedeutet, dass wir die biblische Deutungshoheit an eine KI delegieren, damit diese mundgerechte Häppchen für den Schaukasten produziert, haben wir in 14 Jahren vielleicht hocheffiziente Angebote. Ob dabei allerdings noch der Heilige Geist weht – der ja fährt, wohin er will – oder nur ein sehr gut trainiertes Sprachmodell die Predigt übernimmt, die vielleicht gar keiner der 25.000 Mitglieder hören will, das bleibt die spannendste Frage beim Blick in Bauers Glaskugel.

Was will Bauer denn sagen?

Ich versuche mal, so unvoreingenommen wie möglich zu sein. Es gilt aber auch hier meine Aufforderung: Machen sie sich selbst ein Bild, lesen Sie den Aufsatz im Original. 

Wenn Steffen Bauer eine Zukunftsvision für die evangelische Kirche im Jahr 2040 entwirft, dann versteht er seine Ausführungen nicht als starre Prognose, sondern als „vorläufige Zielpunkte“, die Struktur, Kultur und Steuerung der Kirche radikal neu denken wollen.

Die theologischen und strukturellen Kernthesen:

  • Rückbesinnung auf den Gemeindebegriff: Bauer knüpft explizit an Karl Barth an und betont, dass „Gemeinde“ eine konkrete Zusammenkunft von Menschen ist. Kirche soll sich von einer flächendeckenden Institution zu einem lebendigen Netzwerk wandeln, das sich dort formiert, wo Menschen zusammenkommen.

  • Transformation by Design: Der Autor plädiert für eine bewusste, gestaltete Transformation. Die Kirche der Zukunft soll „fluid“ und hochgradig vernetzt sein. Er identifiziert dabei „Elefanten im Raum“ – zentrale Strukturprobleme –, die bisher kaum offen adressiert wurden, aber für eine Zukunftsfähigkeit zwingend gelöst werden müssen.

  • Wandel der Steuerung: Bauer skizziert einen Weg weg von der klassischen, hierarchisch-territorialen Struktur hin zu flexiblen, sozialräumlichen Organisationsformen. Die Steuerung soll sich an der Wirksamkeit vor Ort orientieren, wobei er die „theologische Vergewisserung“ als notwendigen Kompass für alle Veränderungsprozesse betrachtet.

  • Mut zur Veränderung: Der Aufsatz ist als Weckruf zu verstehen, der die Kirche auffordert, sich von liebgewonnenen, aber nicht mehr wirksamen administrativen Altlasten zu lösen und den Gestaltungsprozess aktiv in die Hand zu nehmen, statt den Niedergang lediglich zu verwalten.

Bauer versteht seinen Ansatz als provokantes Gegenüber zu einer eher bewahrenden Parochial-Theologie. Er fordert dazu auf, radikal neu zu konstruieren, um Kirche in einer säkularisierten Gesellschaft wieder als „Gemeinde“ erfahrbar zu machen.

Meine Kritik

Den allgemeinen Ausführungen von Bauer auf den ersten Seiten seines Aufsatzes kann ich ja ansatzweise noch folgen. Wenn er aber dann die "regio-lokale Kirche" im Jahr 2040 beschreibt, so sagt meine heutige Erfahrung, dass dies nicht gelingen wird.

1. Das Identifikations-Paradox: Größe vs. Bindung

Zitat: ... Von diesen Regionalgemeinden gibt es in Deutschland im Jahr 2040 dann etwa 400 mit durchschnittlich 25.000 Gemeindemitgliedern (die Größe wird stark variieren), die, wo möglich, in ihrem Zuschnitt den 400 kreisfreien Städten bzw. Landkreisen in Deutschland entsprechen.

Anmerkung: Deutschland hat aktuell 83.500.000 Einwohner. Rein rechnerisch kommen dann auf die 400 kreisfreien Städten bzw. Landkreisen 208.750 Einwohner.

Bauer operiert mit Einheiten (25.000 Kirchenmitglieder bei 200.000+ Einwohnern), die für eine „Kirche mittendrin“ viel zu abstrakt sind. Eine „regio-lokale Kirche“ kann in dieser Größenordnung keine Heimat bieten.

  • Argument: Identifikation benötigt eine überschaubare, menschliche Skalierbarkeit. Ein Verwaltungsbezirk – und nichts anderes wäre Bauers „regio-lokale Kirche“ – kann keine „Gemeinde“ im Sinne einer geistlichen Heimat sein, da die Anonymität der Masse jede persönliche Bindung erstickt.
  • Die Erfahrung ist ernüchternd: Je größer die Organisation, desto weiter entfernt sie sich von den Menschen. Eine Leitungsebene, die für abstrakte Sozialräume zuständig ist, verliert zwangsläufig den Blick für die konkrete Not vor Ort, da sie in der administrativen Koordination der Großstrukturen gefangen bleibt. Eine Identifikation findet hier heute schon nicht statt – warum sollte sich das durch eine Umbenennung ändern?

2. Die Illusion der „Kultur der Ermöglichung“

Bauer propagiert für 2040 eine Kultur der Ermöglichung, die im Heute, wo sie am dringendsten nötig wäre, durch zentralistische Kontrolle blockiert wird.

  • Argument: Es ist ein klassischer „Design“-Fehler, zu glauben, man könne eine lebendige Kultur verordnen. Die Strukturreformen, die wir aktuell erleben (Zusammenlegungen, Großdekanate), erzeugen das genaue Gegenteil: Eine „Kultur der Verwaltung“, in der Energie für den Erhalt des Apparats statt für die Mission vor Ort verbraucht wird. Dass Bauer die EKD als „kleinen Überbau“ rettet, ist zudem ein Realitätsverlust, da die EKD in der Wahrnehmung der Basis eher als „fernes Symbol der Kirchensteuer“ denn als beratender Partner auftritt.

3. Diakonie und Kirche: Entkopplung statt Synergie

Die Diakonie ist heute schon ein Dienstleister unter vielen (neben ASB, DRK etc.). Viele sehen die Verbindung zur Kirche schon heute nicht mehr.

  • Argument: Die Vision, dass eine „regio-lokale Kirche“ durch sozialräumliches Agieren wieder Identität stiftet, verkennt, dass das diakonische Profil heute schon austauschbar ist. Wenn Kirche keine geistliche Identität mehr vermittelt (die sich von anderen karitativen Trägern unterscheidet), verliert sie im Sozialraum ihren Alleinstellungsanspruch. Das „Design“ ignoriert, dass das Fundament – die Verkündigung – bei Bauer gegenüber der administrativen Strukturierung ins Hintertreffen gerät.

4. Dienstleistungs- und abgestimmte Fachzentren auf EKD-Ebene

Sorry, aber dieser Ansatz ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. 

  • Argument: Bauers Vision einer EKD als „kleiner, aber wichtiger Überbau“ ist zudem realitätsfern. Auf Gemeindeebene findet keine Identifikation mit der EKD statt; sie wird als fernes, bürokratisches Gebilde wahrgenommen. Wer auf diesen „Überbau“ setzt, ohne das Fundament – die lebendige Ortsgemeinde – zu stärken, baut auf Sand. Wir brauchen keine neuen Meta-Ebenen, sondern das Primat der Verkündigung vor der Struktur. 

Kultur der Ermöglichung

Wenn Bauer die Kultur der Ermöglichung für das Jahr 2040 anpreist, warum dann nicht auch jetzt schon. 

  • Die Ortsgemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts.

  • Fast alle Kirchensteuermittel werden hier eingesetzt.

  • Kirchenämter konzentrieren sich auf die Begleitung der Gemeinden. 

  • Aus Drittmitteln finanzierte Einrichtungen müssen sich ganz aus Drittmitteln finanzieren, ansonsten werden sie aufgegeben.

Schaun wir mal, was daraus wird.


Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst (Protestantische Kirche in der Pfalz) im Interview mit Detlef Dieckmann 

»Veränderung ist uns als Kirche wesentlich.«

Die Thesen von Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst im Überblick

  • Paradigmenwechsel im Pfarrberuf: Durch gesellschaftliche Umbrüche (Pandemie, Kriege, Digitalisierung) ist der christliche Glaube keine Selbstverständlichkeit mehr. Das traditionelle Rollenverständnis von Pfarrpersonen muss sich grundlegend wandeln. 

  • Befreiung zur Kernkompetenz: Hauptamtliche Pfarrerinnen und Pfarrer müssen konsequent von Verwaltungs- und Geschäftsführungsaufgaben entlastet werden, um wieder Zeit für ihre „genuinen Professionalitäten“ zu haben: Seelsorge, Verkündigung und Kasualien. 

  • Strukturreform durch Zentralisierung: Um ein drohendes Defizit von 60 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren aufzufangen, geben die Ortsgemeinden ihren Status als Körperschaften öffentlichen Rechts (KdöR) auf. Die Verwaltung wird auf vier Großdekanate und die Landeskirche gebündelt. 

  • Arbeit in Multiprofessionellen Teams: Die Gestaltung vor Ort erfolgt künftig in regionalen „Regio-Teams“ (Pfarrberuf und andere Professionen) mit verbindlichen Geschäftsverteilungsplänen, während die ehrenamtlichen Presbyterien weiterhin die geistliche Leitungskompetenz behalten. 

  • Kulturwandel bei sexualisierter Gewalt: Die Aufarbeitung (ForuM-Studie) erfordert den Abschied von reflexartigem Institutionenschutz und Bagatellisierung hin zu einer konsequenten Perspektive an der Seite der Betroffenen. 

  • Zukunft durch Aufbruchsgeist: Kirche darf sich nicht im „Besitzstandsdenken“, in Strukturdebatten oder der Sorge um Macht und Kontrolle verlieren. Sie muss sich agil und digital an den realen Bedürfnissen der Menschen orientieren („Was willst du, dass ich dir tue?“). 

Mein Kommentar

Die Zähmung der Profession: - Warum der Pfälzer Reformprozess an der Realität “vorbeiglaubt” - Einspruch, Frau Kirchenpräsidentin Wüst!

Das von Detlef Dieckmann geführte Interview mit der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst legt die tiefen tektonischen Verwerfungen offen, die die aktuellen Transformationsprozesse in unseren Landeskirchen durchziehen. Es ist das Dokument einer kirchenleitenden Vision, die Entlastung verspricht, aber Entmachtung bringt , und die im Gewand der theologischen Vorwärtsverteidigung eine soziologische Deprofessionalisierung des Pfarrberufs betreibt. 

Das Märchen von der „reinen“ Spiritualität

Kirchenpräsidentin Wüst begründet den radikalen Entzug des Körperschaftsstatus der Ortsgemeinden und die Übertragung der Verwaltung auf Großdekanate mit dem pastoralen Wunsch nach Befreiung von administrativer Last. Pfarrpersonen, so die Erzählung, sollen in „Regio-Teams“ wieder das tun, wozu sie „spezifisch qualifiziert“ sind: Verkündigung, Seelsorge, Kasualien. 

Das klingt verlockend, ist aber eine professionstheoretische Sackgasse. Der Pfarrberuf stand historisch stets in einer Reihe mit den klassischen freien Professionen wie Medizin und Jura. Das konstituierende Merkmal einer Profession ist ihre fundamentale Autonomie – die Freiheit von administrativen Weisungen von oben, fundiert durch eine akademische Ausbildung und die Bindung an die Grundlagen des Standes (im Pfarrberuf Bibel, Bekenntnis und Gewissen). 

Wer nun das Management der Ressourcen – das Wissen um Finanzen, Immobilien und das unmittelbare Arbeitsumfeld – als „lästiges Anhängsel“ diffamiert , übersieht eine Grundregel aktiver Gestaltung: Wer seine Ressourcen nicht aktiv kennt und verwaltet, kann auch nicht aktiv gestalten. Wenn das Management in Großbehörden zentralisiert wird, mutiert der Pfarrer vor Ort vom autonomen Leiter zum weisungsgebundenen „Spiritualitätsdienstleister“. Dass jüngeren Kolleginnen und Kollegen diese ökonomische und juristische Steuerungskompetenz im Studium und Vikariat oft nicht mehr als integraler Bestandteil ihrer Gestaltungsmacht vermittelt wird, ist kein Argument für die Reform, sondern ein Offenbarungseid der Ausbildung.

Die Erosion der synodalen Kontrolle

Diese administrative Entmachtung der Parochie hat fatale Folgen für das demokratische Gefüge unserer Kirche. Synoden sind formal der Souverän. In der Praxis leiden sie ohnehin unter einer massiven Asymmetrie: Ehrenamtliche Synodale, die nur wenige Male im Jahr tagen, stehen einer spezialisierten, hauptamtlichen Kirchenverwaltung gegenüber. 

Nach meiner Erfahrung waren es bisher vor allem die gestandenen, akademisch ausgebildeten Pfarrpersonen in den Synoden, die aufgrund ihrer Doppelrolle – als theologische Fachkräfte und administrative Leiter vor Ort – der Kirchenleitung und den Finanzdezernaten auf Augenhöhe Paroli bieten konnten. Wenn diese Gruppe nun in harmonisierende „Regio-Teams“ mit bürokratischen Geschäftsverteilungsplänen eingebunden und vom harten Datenwissen der Verwaltung abgeschnitten wird, bricht dem kirchlichen Parlamentarismus die kritische Speerspitze weg. Die Synoden laufen Gefahr, zu symbolischen Akklamationsgremien zu verkommen. Christoph Bergner hat das in seinem Aufsatz “Der Verlust der Nähe - Wie die Kirche den Bezug zu sich selbst und zu ihren Mitgliedern verlor" sehr treffend beschrieben (vgl. Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 10/2025). Die ehrenamtlichen Presbyterinnen und Presbyter werden den zentralisierten Verwaltungsapparaten der Dekanate künftig noch wehrloser ausgeliefert sein. 

Sachkritik ist keine Psychologie 

Gegen diesen radikalen Umbau regt sich berechtigter Widerstand. Doch wie reagiert die Kirchenleitung auf den fachlichen Einspruch? Mit einer grassierenden Psychologisierung der Debatte. Wenn Kirchenpräsidentin Wüst im Interview betont, sie habe zwar „Verständnis für Trauer, Empörung, auch Streit“, erteile aber „reinem Beharrungsvermögen und der Sorge um Macht“ eine Absage, bedient sie ein durchsichtiges Manöver zur Diskursverweigerung. 

Es ist an der Zeit, eines unmissverständlich klarzustellen: Auch jene Gruppe von Pfarrpersonen, die oft vorschnell als „die Alten“ etikettiert wird, stellt Reformen angesichts sinkender Mitgliederzahlen und Finanzen nicht grundsätzlich infrage. Wenn wir allerdings die schillernden, oft substanzlosen Visionen einer rein digitalisierten oder künstlich fusionierten Patchwork-Kirche kritisieren , dann verbitten wir uns die Etikettierung unseres Widerspruchs als Unfähigkeit zum „Loslassen“. 

Mein Widerstand speist sich nicht aus nostalgischer Verklärung, sondern aus der jahrzehntelangen Erfahrung einer gelingenden, lebensnahen Praxis in der Parochie. Die Ortsgemeinde ist kein defizitäres Auslaufmodell, das man zugunsten steriler Großstrukturen abwickeln muss. Sie ist und bleibt der entscheidende, analoge und greifbare Ort, an dem Menschen im Alltag einer realen Hoffnung begegnen. Man muss uns Gemeinden – Haupt- und Ehrenamtliche – dort nur arbeiten und gestalten lassen, anstatt uns im Namen einer vermeintlichen Effizienz administrativ zu entmündigen. 

Veränderung ist der protestantischen Kirche in der Tat wesentlich. Aber sie gelingt nur durch die Stärkung der theologischen Profession an der Basis, nicht durch ihre Zähmung von oben.


Martin Schuck zur geplanten "Transformation" der Evangelischen Kirche der Pfalz

Die Stärkung der Gemeinden wäre ein mutiges Signal

Die Position von Martin Schuck im Überblick 

In seinem Aufsatz setzt sich Dr. Martin Schuck kritisch mit der geplanten Strukturreform („Transformation“) der Evangelischen Kirche der Pfalz auseinander. Seine Argumentation basiert auf drei Kernsäulen: 

  • Zentralisierung statt presbyterial-synodaler Tradition: Die Reform bricht radikal mit dem protestantischen Grundprinzip, wonach sich die Kirche von den Gemeinden her nach oben aufbaut. Indem den Kirchengemeinden der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts entzogen wird, verlagern sich alle wesentlichen rechtlichen Entscheidungen und Vermögenswerte auf eine anonyme, hierarchische Großregionalebene. 

  • De-facto-Abschaffung des Gemeindepfarramts und Entmachtung des Ehrenamts: Durch das Aufgehen in „Regio-Gemeinden“ mit gemischt-professionellen Teams verliert der Pfarrberuf seine pastorale und rechtliche Eigenständigkeit. Pfarrer werden dem Dekan als direktem Dienstvorgesetzten unterstellt und zur flexiblen Verteilungsmasse. Gleichzeitig werden die Presbyterien zu reinen Beratungsorganen degradiert – ein „Festausschuss mit Taschengeld“, der das Ehrenamt völlig entwertet. 

  • Der Alternativvorschlag (Rückbau der mittleren Ebene): Schuck plädiert dafür, bei sinkenden Mitgliederzahlen nicht die Basis zu schwächen, sondern die künstlich aufgeblähte Bürokratie zurückzufahren. Konkret fordert er, nicht den Gemeinden, sondern den Dekanaten den Körperschaftsstatus zu entziehen. Das Dekansamt soll aus den Reihen des Pfarrkonvents wieder zu einer niedrigschwelligen, ehrenamtlichen Funktion (Kreisoberpfarrer mit Aufwandsentschädigung) zurückgestuft werden. Das Fazit des Autors: Der Weg in die Zukunft darf für die EKD nicht im phantasielosen Gleichschritt der Zentralisierung liegen. Das theologische Gebot der Stunde lautet: Reformation statt Transformation.

Mein Kommentar

Transformation oder Deformation? - Warum wir das Gemeindepfarramt gegen den neuen Klerikalismus verteidigen müssen.

Die Analyse von Martin Schuck legt den Finger in eine tiefe, systemische Wunde. Was sich derzeit in der pfälzischen Landeskirche abspielt, ist keineswegs ein isoliertes, regionales Experiment, sondern ein gefährlicher Testlauf für die gesamte EKD. Unter dem Deckmantel des Sparens und der Demografie droht eine Strukturreform, die das protestantische Kernprinzip – den Aufbau der Kirche von unten nach oben – im Kern erschüttert. Zwei miteinander verflochtene Entwicklungen sind dabei besonders besorgniserregend. 

1. Die Entprofessionalisierung des Pfarrberufs

Die geplante Einführung von „Regio-Gemeinden“ mit „gemischt professionellen Teams“ bedeutet de facto das Ende des rechtlich und pastoral selbstständigen Gemeindepfarramts. Bisher war das evangelische Pfarramt ein Beruf mit einer klaren, geschützten Profession. In ihrer theologischen und seelsorgerlichen Amtsführung konnten sich Pfarrerinnen und Pfarrer als eine Art „Freiberufler“ verstehen, die allein an die Heilige Schrift und ihr Gewissen gebunden waren, allerdings finanziell und wirtschaftlich abgesichert durch das feste Gehalt. 

Wenn nun jedoch Dekane und Superintendenten vom reinen Organ der Dienstaufsicht zum direkten „Dienstvorgesetzten“ mit umfassender Weisungsbefugnis aufgewertet werden, bricht diese grundlegende Freiheit weg. Aus theologisch eigenverantwortlichen Persönlichkeiten, die an ihre konkrete Gemeinde gewiesen sind, werden weisungsgebundene Rädchen in einer regionalen Verteilungsmasse. Das schadet der pastoralen Identität und zerstört das Vertrauensverhältnis vor Ort. 

2. Die Degradierung des Ehrenamts zum „Festausschuss“ 

Die angedachte hierarchische Struktur funktioniert, wenn das traditionell vertrauensvolle Verhältnis zwischen Pfarramt und Kirchenvorstand ausgehöhlt wird. Genau das ist die Konsequenz der Zentralisierung. Wenn den Kirchengemeinden der Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts entzogen wird, verlieren die Presbyterien ihre eigentliche Leitungskompetenz und ihr Budgetrecht. 

Eine Presbyterin hat es in Schucks Artikel brillant auf den Punkt gebracht: Die neuen Gemeinderäte verkümmern zu einem „Festausschuss mit Taschengeld“. 

Diese systematische Entmachtung entwertet das evangelische Ehrenamt völlig und macht die Mitarbeit in der Gemeindeleitung absolut unattraktiv. Eine lebendige Kirche lebt jedoch nicht von zentral verwalteten Großregionen, sondern von der Identifikation der Menschen vor Ort. 

Fazit: Den Rückbau der Machtstrukturen wagen! 

Schucks Alternativvorschlag ist daher so mutig wie zwingend notwendig: Nicht die Großstrukturen, Dekanate und Kirchenkreise, sind zu stärken, sondern die Kirchengemeinden mit dem Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. 

In den letzten Jahrzehnten hat sich in der evangelischen Kirche, offensichtlich in allen Landeskirchen, eine bürokratische Zwischeninstanz etabliert, die sich – insbesondere durch die Abkoppelung des Dekans bzw. Superintendenten vom konkreten Gemeindepfarramt – eine unkontrollierbare Machtstruktur geschaffen hat. Wir brauchen eine Rückkehr zum Dekan als niedrigschwellige, ehrenamtliche Funktion aus den Reihen des Konvents. 

Letztendlich werden wir uns entscheiden müssen: Wollen wir eine durchorganisierte Konsistorialkirche - wobei ich hinter "organisiert" noch ein großes Fragezeichen setze - mit quasi-bischöflichen Zügen, die ihre eigenen Wurzeln kappt? Oder haben wir den Mut, die Gemeinden vor Ort strukturell und rechtlich zu stärken? Es ist Zeit für eine Besinnung auf unsere eigentliche Tradition. Der Leitgedanke für die Zukunft der EKD darf nicht „Transformation“ in die Bedeutungslosigkeit heißen, sondern „Reformation“ zurück zur Basis.

Sonntag, 17. Mai 2026

Sorry, ich muss meinem Ärger mal Luft verschaffen ...

Von der Demütigung erfolgreicher Arbeit

Okay, bin ich zwar nicht, könnte ich aber sein,
wenn ich die neuesten Trends zur "Transformation"
im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt lese.
Das Bild ist KI-generiert.

In der April-Ausgabe (4/2026) des Deutschen Pfarrerblatts rief Chefredakteur Detlef Dieckmann in seinem Editorial zu einer neuen „Diskussionskultur auf Augenhöhe“ auf. Doch blickt man auf die Art und Weise, wie er die aktuellen Debatten um die Kirchenentwicklung strukturiert, zeigt sich ein tief sitzendes Problem im kirchlichen Diskurs.

Dieckmann teilt die Diskutanten zur Zukunft der parochiale Struktur grob in zwei Lager: Auf der einen Seite sieht er die aktiven Pfarrpersonen, die unter der Last des bestehenden Systems leiden und verständlicherweise nach neuen, entlastenden Arbeitsformen suchen. Auf der anderen Seite verortet er vor allem ältere und bereits pensionierte Kolleginnen und Kollegen. Deren Beharren auf den bestehenden parochialen Strukturen deutet er jedoch nicht als strukturelles oder theologisches Argument, sondern framed es primär als emotionales Phänomen: Sie reagierten auf den Wandel mit „Trauer und Ärger“, weil sie sich nach dem Fortbestand jener Welten sehnten, in denen sie selbst engagiert gearbeitet haben. Zwar bezeichnet er diese Gruppe wohlwollend als „kritische Mahner:innen“, schlägt jedoch vor, dass die Reformer diese „Trauer“ schlicht stärker „berücksichtigen“ sollten.

Diese empathisch verpackte Kategorisierung ist jedoch eine unzulässige Psychologisierung, die im kirchlichen Raum Methode hat. Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung auf Augenhöhe findet eine emotionale Infantilisierung statt: Sachliche und theologische Einwände gegen aktuelle Weichenstellungen werden zu persönlichen Bewältigungsproblemen einer abgelösten Generation umgedeutet. Zudem verstärkt sich der Eindruck einer Hierarchisierung im Heft, wenn fundierte Kritik oft in den hinteren Teil verbannt wird, während technokratische Zukunftsvisionen prominenten Raum erhalten.

Gegen diese systematische Abwertung und Entwertung gelungener parochialer Arbeit der vergangenen Jahrzehnte habe ich mich in einem Leserbrief gewandt, den ich dem Chefredakteur auch persönlich per Mail zukommen ließ. Denn wir brauchen keine therapeutische Zuwendung, sondern eine Rückkehr zur theologischen Substanz.

Lesen Sie im Folgenden meinen Kommentar: 

Sorry, ich muss meinem Ärger mal Luft verschaffen – aber nicht, weil ich ein psychologisches Problem mit dem Älterwerden oder mit dem Loslassen habe, wie Chefredakteur Detlef Dieckmann in seinem Editorial suggeriert. Mein Ärger ist sachlich begründet. Er ist die Reaktion auf eine unzulässige Psychologisierung, die im kirchlichen Raum zum beliebten Stilmittel geworden ist: Kritik an den gegenwärtigen theologischen und vor allem strukturellen Weichenstellungen wird als ‚Trauer und Ärger‘ pensionierter Pfarrer geframed, um sich der inhaltlichen Auseinandersetzung zu entziehen.

Es geht hier nicht um Befindlichkeiten. Wenn Kurt Bangert die Auferstehung Jesu zur psychologischen Trauerbewältigung der Jünger erklärt, dann verlassen wir den Boden der biblischen Theologie. Das ist kein Gefühl, das ist ein Befund. Und wenn Steffen Bauer die ‚DNA der Kirche auf den Kopf stellen‘ will, verkennt er, dass der gegenwärtige Zustand zu einem ganz großen Teil ein selbstgemachtes Problem ist. Seit ‚Kirche der Freiheit‘ jagen wir einem Reform-Modell nach dem anderen hinterher: Leuchttürme, Erprobungsräume, Eventkirchen. Doch Hand aufs Herz: Welches dieser hochglanzbroschierten Programme hat den Abwärtstrend auch nur verlangsamt? Von einem Stopp, gar “Wachsen gegen den Trend”, will ich gar nicht reden. Vielleicht liegt eine der Ursachen für die Überlastung von Pfarrpersonen im aktiven Dienst auch in diesen immer wieder gescheiterten Reformansätzen, die jedem deutlich vor Augen halten, dass es mit der Kirche nur noch bergab geht.

Wir pensionierten Pfarrpersonen schauen auf Jahrzehnte der Arbeit zurück. Wir wissen: Kirchenbindung entsteht durch Präsenz vor Ort und verlässliche Beziehungen. Jede KMU bestätigt dies. Und ja, ich wage es, dieses Wort zu nutzen: Unsere Arbeit war auch erfolgreich. Ich weiß, das klingt in kirchlichen Ohren nach Hochmut, wo doch Demut angesagt ist. Aber wissen Sie, was wirklich demütigend ist? Es ist die systematische Abwertung erfolgreicher Gemeindearbeit über Jahrzehnte hinweg (Julia Koll, Uta Pohl-Patalong, Steffen Bauer u.a.). Statt die parochiale Stärke zu stützen, wird sie als ‚Überlastung‘ oder ‚ineffizient‘ diskreditiert, um den Rückzug aus der Fläche - der natürlich nicht angestrebt wird; wir warten mal ab - zu rechtfertigen. Wenn die DNA der Kirche derart auf den Kopf gestellt wird, ist es kein Wunder, dass am Ende nur Profillosigkeit übrig bleibt.

Ich ärgere mich nicht über den Wandel. Ich ärgere mich über die Entwertung gelungener Arbeit und darüber, dass man uns statt Argumenten nur ein mitleidiges ‚Seufz, wir verstehen deine Gefühle‘ entgegenbringt. Echte Wertschätzung würde bedeuten, die sachlichen Einwände der ‚Mahner‘ ernst zu nehmen, statt sie mitleidig wegzulächeln. Wir brauchen keine therapeutische Zuwendung, sondern eine Rückkehr zur theologischen Substanz und den Mut, das, was vor Ort tatsächlich gelingt, nicht länger kaputtzureden.