Samstag, 11. April 2026

Die Demaskierung der Beliebigkeit

Ein weiteres Wort zur Lage ...

Es bereitet mir im Ruhestand schon eine gewisse Freude, endlich die Muße zu finden, mich intensiv mit den Entwicklungen in der evangelischen Kirche auseinanderzusetzen. In der aktiven Dienstzeit fehlte dafür leider oft die nötige Zeit. Doch was ich bei dieser Beschäftigung beobachte, stimmt mich besorgt; vieles hat sich verändert – und leider nicht zum Guten.

Strukturkrise

Auf der einen Seite stehen die fatalen kirchenpolitischen Weichenstellungen, die letztlich auf eine Entmachtung der Gemeinden hinauslaufen. Das Ziel scheint zu sein, den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts zugunsten diffuser Groß-Einheiten auf Kirchenkreisebene aufzugeben. Zu dieser strukturellen Fehlentwicklung habe ich bereits in meinem Beitrag Anker der Freiheit ausführlich Stellung bezogen.

Theologische Krise

Doch die Krise sitzt tiefer. Parallel zu diesen strukturellen Veränderungen erleben wir eine inhaltliche Anpassung, mit der die Kirche krampfhaft versucht, den Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu halten. Man plappert nach, was in politischen Parteien, NGOs oder anderen „progressiven“ Kreisen gerade en vogue ist. Dabei wird völlig übersehen, dass sich die Kirche damit selbst überflüssig macht. Frei nach dem Motto: Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

Eine besonders fatale Rolle spielt hierbei die sogenannte „liberale Theologie“, wie sie beispielsweise Kurt Bangert in seinen „40 Thesen“ (DPfBl 01/2026) und in seinem „Katechismus“ (DPfBl 01/2026) propagiert. Es ist Werner Thiede zu danken, dass er dieser Entwicklung in seinem aktuellen Beitrag "Die theologischen Tricks der liberalen Theologie" im Deutschen Pfarrerblatt (Ausgabe 3/2026) so deutlich und fundiert widerspricht. Er demaskiert darin die rhetorischen Kniffe, mit denen der christliche Glaube schleichend entleert wird.

Im Folgenden möchte ich Thiedes Position kurz darstellen - es lohnt sich aber, den Aufsatz im Original zu lesen - , bevor ich meinen eigenen Kommentar dazu abgebe:

Werner Thiedes Replik auf den „liberalen Katechismus“

In der aktuellen Ausgabe des Deutschen Pfarrerblatts (3/2026) unterzieht der Theologe Werner Thiede das Gedankengut der „Liberalen Theologie“ einer scharfen und notwendigen Analyse. Anlass ist der „Katechismus der liberalen Theologie“ von Kurt Bangert, den Thiede als ein Paradebeispiel für theologische Verschleierungstaktiken entlarvt. 

Thiedes Kernvorwurf: Unter dem Deckmantel vertrauter kirchlicher Vokabeln wird der christliche Glaube in seinem Wesen ausgehöhlt und durch ein weltanschauliches Paradigma ersetzt, das außerhalb der kirchlichen Bekenntnisgrundlagen steht.

Thiede identifiziert dabei drei zentrale „Tricks“ der liberalen Strömung:

1. Die Umdefinition Gottes zum „Ganzen der Wirklichkeit“

Anstatt Gott als das gegenüberstehende, handelnde Gegenüber zu bekennen, definiert die liberale Theologie ihn als „unverfügbaren Grund religiöser Erfahrung“ oder gar als das „Ganze der Wirklichkeit“. Thiede kritisiert diesen spirituellen Monismus scharf: Wer Gott mit der Welt identifiziert, integriert zwangsläufig auch das Böse in den Gottesbegriff und verabschiedet sich von der biblischen Selbstoffenbarung. Die Trinität verkommt dabei zu einem inhaltsleeren „Wortgeklingel“, das den lebendigen Gott eher verbirgt als erschließt.

2. Die Aushöhlung der Christologie

Ein weiterer Trick besteht darin, christologische Begriffe beizubehalten, sie aber innerlich zu entleeren. Jesus wird vom Erlöser zum bloßen „Sozialrevolutionär“ oder „Märtyrer“ herabgestuft. Thiede betont dagegen: Wer den Sühnetod am Kreuz und die leibliche Auferstehung Jesu preisgibt, verliert das Fundament der protestantischen Rechtfertigungslehre. Eine Kirche, die Christus nicht mehr als „Herrn und Gott“ anbetet, gleicht einem „Schiff ohne Kompass“.

3. Das Herabdimmen der Hoffnung

Schließlich kritisiert Thiede die „Entmythologisierung“ der Eschatologie. Wenn die christliche Hoffnung auf ein vages „religiöses Hoffen“ oder einen „Wechsel der Sinnfelder“ reduziert wird, beraubt man den Glauben seiner Kraft im Angesicht des Todes. Thiede fordert stattdessen, die biblische Apokalyptik und die Hoffnung auf eine reale Vollendung der Schöpfung wieder ernst zu nehmen.

Fazit: Ein Ruf zur Klarheit

Thiedes Fazit ist unmissverständlich: Die liberale Theologie betreibt keine Reform, sondern eine Transformation des Glaubens in ein kirchenfernes Religionsinstitut. Er ruft Pfarrerinnen und Pfarrer dazu auf, sich wieder an ihre Ordinationsversprechen und die Grundbekenntnisse der Kirche zu erinnern. Wer den „orthodoxen“ Kern des Christentums – von der Trinität bis zur Auferstehung – aufgibt, steht am Ende vor einer „falschen Kirche“, die ihrem eigentlichen Auftrag nicht mehr gerecht wird.

Quelle: Thiede, Werner: Die theologischen Tricks der liberalen Theologie. Antwort auf Kurt Bangert, in: Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe 3/2026.


Mein Kommentar: Reformation oder Liquidation?

online als Beitrag im Pfarrerblatt zu lesen, dort ohne Überschriften und Querverweis

Werner Thiede ist für seine klare Analyse der „theologischen Tricks“ der liberalen Theologie zu danken. Angeregt durch seine Replik habe ich mich mit Kurt Bangerts „40 Thesen“ (DPfB 6/2025) und seinem „Katechismus“ (DPfB 1/2026) befasst. 

55 Thesen zu wenig – und keine Theologie

Bangert bemüht explizit das Erbe der Reformation des 16. Jahrhunderts, um seinem Vorstoß historische Relevanz zu verleihen. Doch der Vergleich mit Martin Luther offenbart vor allem eines: Es fehlen nicht nur 55 Thesen zum großen Vorbild, es fehlt vor allem die Theologie. Während die Reformation eine Wiederentdeckung der Souveränität Gottes war, wirkt Bangerts Entwurf wie eine feindliche Übernahme des Christentums durch einen flachen Rationalismus. Thiede entlarvt zu Recht die Tricks, mit denen zentrale Begriffe wie Auferstehung oder Reich Gottes zu bloßen Metaphern umgedeutet werden. 

Bultmann ohne Vertikale: Die Methode ohne das Kerygma

Bangert beruft sich massiv auf die historisch-kritische Methode, bleibt dabei aber weit hinter dem methodischen Vorbild Rudolf Bultmann zurück. Bultmanns Anliegen der „Entmythologisierung“ war es nie, den Glauben abzuschaffen, sondern ihn für den modernen Menschen existentiell verstehbar zu machen. Bei Bultmann bricht Gott von außen (vertikal) in das Leben des Menschen ein und fordert ihn zur Umkehr heraus. Bangert hingegen kappt diese vertikale Ebene vollständig. Er nutzt zwar Bultmanns historisch-kritisches Besteck, lässt aber das eigentliche Kerygma – den lebendigen Anspruch Gottes an das Ich – links liegen. Wo Bultmann die existentielle Erschütterung des Sünders vor Gott sucht, bietet Bangert lediglich ein humanistisches Wohlfühl- und Bildungsprogramm. Er reicht an die theologische Tiefe Bultmanns in keiner Weise heran. 

Im Theologiestudium nicht aufgepasst

Besonders entlarvend ist im “Katechismus” Bangerts Bemühen der Astronomie, um die biblische Sprache vom „Himmel“ zu entmythologisieren. Sein “Argument”, es gäbe kein physikalisches „Oben“, in das man auffahren könne, ist theologisch schlicht naiv. Das erinnert an die sowjetische Propaganda, die Juri Gagarin den Satz in den Mund legte, er habe im Weltall Gott nicht gesehen. Logisch! Ein anderer Satz, der Gagarin auch zugeschrieben wird, trifft es weit besser: Wer als Kosmonaut ins All fliegt, kann nicht anders, als Gott im Herzen und im Kopf zu haben. Der „Himmel“ ist kein astronomischer Ort, sondern eine Wirklichkeit Gottes, die unsere Sinne übersteigt. Wer dies mit Hinweis auf die Astronomie wegwischt, hat im Theologiestudium schlicht nicht aufgepasst. 

Die Hybris des Szientismus

Wenn Bangert dann in seinen Thesen “argumentiert”, Naturgesetze könnten nicht durchbrochen werden, weshalb theologische Dogmen fallen müssten, dann setzt er die methodischen Grenzen der Naturwissenschaft unzulässig mit der Gesamtwirklichkeit gleich. Moderne Naturwissenschaftler wissen sehr wohl, dass ihre Experimente nicht die gesamte Wirklichkeit abbilden, sondern nur das Messbare. Die Abwesenheit eines naturwissenschaftlichen Beweises für das Wirken Gottes ist kein Beweis gegen Gott. Genau deshalb heißt es „Ich glaube“ und nicht „Ich weiß“. Bangert betreibt hier einen naiven Szientismus. 

Das Kreuz als Treue Gottes und der Ruf zur Versöhnung

(vgl. dazu meinen Beitrag "Wenn Gerechtigkeit die Türen zum Paradies öffnetim Blog "Predigten nachgedacht")

Ein besonderes Defizit zeigt sich in Bangerts Umgang mit dem Kreuz, das er in den “40 Thesen” einseitig als archaisches Strafgericht eines zornigen Gottes missversteht. Doch eine biblisch fundierte Theologie liest das Kreuz genau entgegengesetzt: als den Ort, an dem Gott dem Menschen unter extremsten Bedingungen die Treue hält. Nicht Gott fordert ein Opfer, um seinen Zorn zu stillen – Gott selbst wird in Christus zum Opfer der menschlichen Hybris. Er erträgt die militärische Gewalt Roms und die religiöse Selbstgerechtigkeit des Hohenrates, ohne die Gemeinschaft mit uns aufzukündigen. Damit wird deutlich: Nicht Gott muss versöhnt werden, sondern der Mensch! Paulus bringt dies in 2. Korinther 5,20 auf den Punkt: „So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Nicht Gott hat ein Problem mit uns Menschen, wir Menschen haben ein Problem mit Gott, indem wir uns in unserer Autonomie (Gen 3) von ihm abkehren. 

Hier schließt sich der Kreis zu Bultmanns Kerygma: Das Wort vom Kreuz ist kein dogmatisches Lehrstück über ein göttliches Rechtsgeschäft, sondern ein Ruf, der den Menschen „vertikal“ in seiner Existenz trifft. Es ist das Angebot eines „neuen Seins“, das dort beginnt, wo der Mensch seine Feindschaft gegen Gott aufgibt und sich beschenken lässt. Bei Bangert hingegen verkommt das Kreuz zu einem missglückten historischen Ereignis, dem er jede existentielle Sprengkraft nimmt. 

Das Fundament der Auferstehung

Eng damit verknüpft ist die Frage der Auferstehung. Bangert deutet sie als bloßes Symbol für die Fortdauer einer Botschaft um. Doch ohne die Auferstehung – wie auch immer sie für die Jünger in dieser Welt konkret erfahrbar wurde – ist der christliche Glaube umsonst und leer. Hier geht der Glaube substanziell über das hinaus, was innerweltlich experimentell nachweisbar ist. Er gründet auf einem Handeln Gottes, das die Grenzen unserer Naturgesetze nicht ignoriert, aber transzendiert. 

Die Unsichtbarkeit der Kirche

Am Ende beschreibt Bangert ein Christentum, das restlos in der Welt aufgeht. Damit macht er die Kirche unsichtbar. Sie unterscheidet sich in nichts mehr von säkularen NGOs oder humanistischen Organisationen. Hier droht genau jene „Selbstsäkularisierung“, vor der auch Ralf Frisch warnt: Eine Kirche, die Gott „kaputt-therapiert“ und ihn zu einer Chiffre für zwischenmenschliche Liebe degradiert, macht sich selbst überflüssig. Wenn das Evangelium nur noch das sagt, was ohnehin im Ethikunterricht konsensfähig ist, verliert es sein „Salz“. Ohne die reale Begegnung mit dem Auferstandenen, ohne die Hoffnung auf eine Wirklichkeit jenseits unserer empirischen Welt, gibt es keinen christlichen Glauben. 

Fazit

Von einer „neuen Reformation“ kann bei Bangert nicht im Entferntesten die Rede sein. Was er betreibt, ist die lautlose Abwicklung des christlichen Glaubens. Einen ethischen Humanismus findet man auch bei weltanschaulichen Organisationen – dafür braucht es keinen Heiland, kein Kreuz und keine Kirche. Dieser „Etikettenschwindel“ mag den Zeitgeist bedienen, er bietet den Menschen aber keinen Halt im Angesicht von Schuld und Tod. 

Werner Thiedes Aufsatz ist die notwendige theologische Notbremse. Es ist Zeit, dass wir uns wieder auf das Ordinationsversprechen und den realen Gott besinnen, statt uns im Rauch metaphorischer Nebelkerzen zu verirren.


Friedrich Gehrings „Jesus-Zentrismus“

In der Debatte um Kurt Bangerts liberale Theologie meldete sich auch Friedrich Gehring zu Wort. Er plädiert für eine „Rückbesinnung auf Jesus“, die jedoch faktisch eine radikale Reduktion auf sozialethische Fragen darstellt. 

Meine Antwort an ihn verdeutlicht, warum ein Christentum ohne die reale Dimension von Kreuz und Auferstehung seine Existenzberechtigung verliert. Im Anschluss daran stelle ich noch einmal kurz Friedrich Gehrings Position dar, die im Original im Pfarrerblatt nachgelesen werden kann. 

Meine Antwort an Friedrich Gehring: Original oder Kopie?

wurde bisher (11.04.26) noch nicht als Kommentar im Pfarrerblatt angenommen

Lieber Herr Gehring,

als konservativer Pfarrer (Anm: dieser Gruppe hatte Friedrich Gehring in seinem Kommentar einen "Ratschlag" zum Konfirmandenunterricht gegeben) kann man übrigens auch die Jugendlichen im Konfirmandenunterricht mit Themen, die sich an Bibel und Bekenntnis orientieren, sehr gut ansprechen. „Endlich lerne ich mal etwas über meinen eigenen Glauben“, das war ein Statement eines Jugendlichen, der keinesfalls angepasst war und auch nicht aus einem christlich geprägten Elternhaus kam. „In der Schule geht es ja immer nur um andere Religionen oder um Werte und Normen“, fügte er hinzu. Das aber nur nebenbei; es zeigt mir jedoch, dass junge Menschen eine Sehnsucht nach dem spezifisch Christlichen haben, das über allgemeine Ethik hinausgeht.

Eigentlich will ich auf die Punkte eingehen, die Sie in Ihrem Kommentar hervorhoben. Sie zeichnen das Bild eines Jesus, der als radikaler Kritiker von Macht, Mammon und Ausbeutung auftritt. Vieles von dem, was Sie zur sozialen Gerechtigkeit, zur Kritik am Neoliberalismus oder zur Solidarität am Arbeitsmarkt schreiben, ist bedenkenswert und führt zweifellos in wichtige politische Debatten.

Doch hier drängt sich mir eine entscheidende Frage auf: Wenn wir Jesus – wie Sie es vorschlagen – primär als den „hochmodernen“ Sozialreformer und Systemkritiker verstehen, was unterscheidet ihn dann noch von den großen moralischen Instanzen der Geschichte? Ihr Jesus rückt in eine Reihe mit Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela. Das sind ohne Frage beeindruckende Vorbilder, die teilweise sogar – wie Gandhi – aus der Bergpredigt schöpften. Aber sie alle bleiben letztlich menschliche Größen der Vergangenheit.

Indem Sie die Auferstehung als reales Handeln Gottes an uns Menschen relativieren oder für Ihr eigenes Ende sogar ausschließen, berauben Sie Christus seiner einzigartigen Stellung als Erlöser. Ein Jesus, der nur noch in der „Viertagewoche bei VW“ oder in „heilsamen Berührungen“ gegenwärtig ist, bleibt ein innerweltliches Phänomen. Er bietet zwar ein ethisches Vorbild, aber er ist nicht mehr der „Auferstandene Herr“, der die Macht des Todes und der Sünde – jene menschliche Hybris aus Genesis 3 – tatsächlich gebrochen hat.

Was Sie als Rückbesinnung auf Jesus beschreiben, wirkt auf mich wie die Preisgabe des Kerygmas, von dem Bultmann sprach. Ohne die „vertikale“ Dimension, ohne das Eingreifen Gottes, das über das hinausgeht, was innerweltlich nachweisbar ist, bleibt nur ein religiös verbrämter Humanismus übrig.

Ein solcher Ansatz läuft für mich am Ende auf eine „unsichtbare Kirche“ hinaus. Wir sehen dieses Phänomen ja auch in der Politik: Wenn Parteien versuchen, die Inhalte anderer Parteien zu kopieren, um deren Wähler abzujagen, lassen sich die Bürger nicht beeindrucken. Sie bleiben beim „Original“ und laufen nicht zur „Kopie“ über. Warum sollte ein moderner Mensch zur Kirche kommen, wenn er dort nur das hört, was er bei NGOs wie Attac, bei Gewerkschaften oder in humanistischen Vereinen fundierter und politisch wirksamer findet?

Wenn die Kirche ihre Bekenntnisgrundlage – das Kreuz als Ort der Versöhnung und die Auferstehung als Sieg über den Tod – räumt, macht sie sich selbst überflüssig. Sie wird zu einer Kopie der Welt, die das Original des Evangeliums verloren hat.

Mit freundlichen Grüßen, Ralf Krüger


Zusammenfassung der Position von Friedrich Gehring: „Jesus-Zentrismus“

Friedrich Gehring plädiert für eine radikale Rückbesinnung auf den historischen Jesus und dessen ursprüngliche Botschaft vom Reich Gottes, die er konsequent gegen spätere kirchliche Dogmatisierungen ausspielt.

Kernpunkte seiner Argumentation:

  • Sozialkritik als Kern der Botschaft: Für Gehring ist das Christentum primär eine ethisch-politische Bewegung. Er liest die Evangelien als hochaktuelle Kritik an modernen Phänomenen: Der „Mammon“ wird mit dem Neoliberalismus gleichgesetzt, die Tempelreinigung mit Konzernkritik und die Gleichnisse mit modernen Arbeitsmarktmodellen (z. B. Kurzarbeit).

  • Ablehnung der Sühneopfertheologie: Er lehnt die Vorstellung ab, dass Jesu Tod ein Sühneopfer für Sünden sei. Dies sei eine „archaische Verschüttung“, die im Widerspruch zum Bild eines barmherzigen Gottes stehe. Schuldbewältigung solle durch Umkehr und Vergebung statt durch Opferrituale geschehen.

  • Kritik an Paulus und der Trinitätslehre: Gehring geht hinter die Reformation, die konstantinische Wende und sogar hinter Paulus zurück. Er wirft Paulus vor, das Christentum durch die „Verjenseitigung“ der Auferstehung an das römische Machtgefüge angepasst und damit Jesu weltveränderndes Potenzial neutralisiert zu haben.

  • Metaphorische Auferstehung: Ähnlich wie Bangert sieht Gehring in Jesus den „gegenwärtigen Herrn“, lehnt aber eine reale Auferstehung von den Toten am Jüngsten Tag für sich ab.

  • Praxisorientierung: Kirche gewinnt für ihn Relevanz durch Nähe, Heilung („Healing Touch“) und die Bearbeitung konkreter Lebensprobleme (z. B. Krieg und Tod im Unterricht), statt durch das Festhalten an „nachjesuanischen Bekenntnisinhalten“.

Fazit: Gehrings Position ist ein ethisch motivierter Reduktionismus. Er reduziert das Christentum auf die (sozial-)ethischen Impulse Jesu und entsorgt das dogmatische Gerüst der Kirche (Trinität, Sühnetod, reale Auferstehung) als geschichtlich bedingte Fehlentwicklungen.

Dienstag, 7. April 2026

Wenn die Augen „gehalten“ sind

Ostern habe ich eine bemerkenswerte Predigt unserer Prädikantin Petra Heidemann zum Emmaus-Text (Lukas 24) gehört. Die Predigt ist in meinem Blog "Predigten nachgedacht" veröffentlicht. Im biblischen Text wird ein Moment beschrieben, der mich heute mehr denn je an den Zustand unserer Kirche erinnert: Die Jünger sind so in ihrer Trauer und ihrem Schmerz gefangen, dass ihre Augen „gehalten“ werden. Sie gehen zwar vorwärts, aber ihre Herzen treten auf der Stelle, so drückte es Petra Heidemann aus.

Feuerwerk statt brennender Herzen?

Gegenwärtig erlebt die Kirche massive „Transformationsbestrebungen“. Da ist die Rede von „transparochialen“ Strukturen und multiprofessionellen Teams, die ein „Feuerwerk“ kirchlicher Aktionen nach dem anderen zünden sollen (Julia Koll; vgl. dazu in diesem Blog: Anker der Freiheit [22.03.26]). Zuerst stellt sich die Frage: Woher soll das Personal für diese Mammutprojekte kommen? Weder Pfarrpersonen noch Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker oder Diakoninnen und Diakone oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter stehen Schlange, um in der "trans-" oder "postparochialen" Kirche mitzuarbeiten. Und viel wichtiger ist dann die Frage: Brennt das Herz noch, wenn Theologie zur Sprache kommt? 

Wenn Steffen Bauer davon spricht, dass die „DNA der Kirche auf den Kopf gestellt wird“, müssen wir kritisch fragen: Was ist diese DNA eigentlich? (vgl. auch meinen Aufsatz zu Julia Koll und den Beitrag "Transformation oder De-Konstruktion?" [16.03.26])

  • Besteht sie aus Strukturreformen und Eventmanagement?

  • Oder ist sie die Verkündigung der Versöhnung mit Gott? 

In der Predigt von Petra Heidemann heißt es treffend, dass Jesus den Jüngern die Schrift öffnete, angefangen bei Mose und den Propheten. Die Kirche von heute scheint sich stattdessen im „Managersprech“ zu versuchen. Man hantiert mit Begriffen, von denen man oft wenig versteht, und verliert dabei die biblische Botschaft – den Kern unserer Existenz – aus den Augen.

Die Gefahr der Selbstsäkularisierung

Die Predigt betont, dass Jesus das Brot brach und erst dann die Augen der Jünger geöffnet wurden. Heute erleben wir oft das Gegenteil: Eine Art „Selbstsäkularisierung“.

  • "Theologen" wie Kurt Bangert fordern eine Reform des Christentums, bei der am Ende von klassischer christlicher Theologie kaum noch etwas übrig bleibt. (vgl. seine Aufsätze im Deuten Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt)

  • Wenn die Botschaft Jesu nur noch als moralischer Appell oder liberales Lebensmodell verstanden wird, fehlt das, was die Predigt als „Grundlage unseres Glaubens“ bezeichnet: Die Erlösung durch das Kreuz und die Hoffnung der Auferstehung.

So gab es Petra Heidemann Ostern der Gottesdienstgemeinde mit auf den Weg: „Es ist die Grundlage unseres Glaubensbekenntnisses: Jesu Kreuzigung für unser Versagen [...] und seine Auferstehung als Christus, damit auch wir die Dunkelheit des Todes durchschreiten.“ 

Zurück zum Osterlicht

Durch das Schweigen über den Kern des Evangeliums überlassen wir den Interpretationsraum der Bibel den Fundamentalisten und „Bibelinfluencern“. Wenn ein Donald Trump Gott für nationale Machtansprüche instrumentalisiert, braucht es mehr als nur „kirchliche Aktionen“. Es braucht theologischen Tiefgang, wie man ihn bei Autoren wie Ralf Frisch oder Werner Thiede findet.

Wir müssen aufhören, nur auf unsere „eigenen Füße“ zu schauen – also auf unsere schwindenden Mitgliederzahlen und maroden Strukturen. Die Predigt erinnert uns:

  • Ostern ist Hoffnung, wo keiner mehr zu hoffen wagt.

  • Das Ziel ist nicht die perfekte Organisation, sondern das „Osterlicht“, das uns im Alltag begleitet.

Warum die Sehnsucht nach Tiefe siegen wird

Die Resonanz auf Petra Heidemanns Gedanken beim anschließenden Kirchenkaffee zeigt eines deutlich: Die Menschen haben genug von „kirchlichen Feuerwerken“, die zwar kurz hell aufleuchten, aber keine nachhaltige Wärme spenden. Sie suchen nach einer Botschaft, die sie „bis ins Tiefste versteht“.

  • Substanz statt Struktur: Während in kirchlichen Strategiepapieren über „trans-" oder "postparochiale Teams“ philosophiert wird, zeigt die Emmaus-Geschichte, dass Heilung dort geschieht, wo die „Schrift geöffnet“ wird.

  • Die wahre DNA: Wenn wir die Versöhnung mit Gott als Zentrum verlieren, verlieren wir unsere Identität. Die Predigt erinnert uns daran, dass Jesu Kreuzigung für unser Versagen und seine Auferstehung die „Grundlage unseres Glaubensbekenntnisses“ sind – nicht unsere organisatorische Agilität.

  • Vom Tunnel zum Licht: Die Welt braucht keine Kirche, die sich im „Managersprech“ verliert, sondern eine, die den „Abgrund zum Tunnel“ macht, an dessen Ende das Osterlicht strahlt.

Es ist tröstlich zu wissen, dass die Botschaft von der Auferstehung – so „wenig fröhlich“ sie für die Betroffenen zunächst auch war – am Ende die Kraft hat, die „Augen weit aufzumachen“. Genau das wird der Moment, in dem die Kirche aufhört, ängstlich auf ihre eigenen Füße zu schauen, und wieder lernt, das Licht auszustrahlen, das sie eigentlich trägt .

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja! 

Das ist keine Management-Strategie, sondern eine lebensverändernde Wahrheit.

Sonntag, 22. März 2026

Anker der Freiheit

Der heutige Sonntag in der Passionszeit, an dem ich dieses Dokument veröffentliche, trägt den Namen JudikaDieser Name leitet sich vom lateinischen Vers Psalm 43,1 ab: 

Judica me, Deus, et discerne causam meam de gente non sancta
a viro doloso et iniquo salva me.

Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten! 

Bewusst veröffentliche ich unter diesem "Motto" die nachfolgende Replik auf den Artikel von Julia Koll, Transparochiale Kirche, im Deutschen Pfarrerinnen und Pfarrerblatt 01/2026. 

Mit diesem Link kann der Artikel als pdf-Datei aufgerufen werden. 


Die Parochie als Körperschaft öffentlichen Rechts - Fundament gegen die strukturelle Entfremdung

Wer heute die kirchenoffiziellen Debatten zur Zukunft unserer Kirche verfolgt, wähnt sich oft nicht in einem Raum theologischer Reflexion, sondern in der Strategieabteilung eines kriselnden mittelständischen Konzerns. Unter dem technokratischen Schlagwort "Transformation" – prominent platziert von Julia Koll im Pfarrerinnen und Pfarrerblatt 01/2026 als ein Entwurf für eine "transparochiale Kirche" (1) – wird derzeit ein Szenario entworfen, das die gewachsene Ortsgemeinde nicht mehr als Fundament, sondern als Ressourcen verschlingerndes Auslaufmodell markiert.

Es ist ein Diskurs der "schleichenden Abwicklung", der hier geführt wird. Während die kirchliche Basis unter dem Diktat des Fachkräftemangels und einer erdrückenden Reform- und Verwaltungslast ächzt, entzünden kirchenleitende Thinktanks ein "Feuerwerk" an neuen Optionen und vernetzten Strukturen. Doch der Blick in die "Glaskugel", den Julia Koll unter Berufung auf Protagonisten wie Steffen Bauer wagt (2), verlässt zunehmend den Boden der Rationalität. Es wird eine kirchliche Zukunft in schillernden Farben gemalt, für die schlichtweg das Personal fehlt – ein "Placebo-Effekt", der den massiven Abwärtstrend der letzten Jahrzehnte weder stoppen noch verlangsamen konnte.

Besonders besorgniserregend ist dabei die Leichtigkeit, mit der zentrale theologische Kerngehalte zugunsten einer vagen "Resonanzkultur" (3) geopfert werden. Wenn "Kirche als Glaubensgemeinschaft" unter Verweis auf soziologische Studien als "umstritten" gilt (4), führt sie sich selbst ad absurdum. Wenn das Sakrament der Taufe zum spontanen "Wohlfühl-Event" (5) ohne Unterweisung und Umkehr herabgestuft wird, ist nicht mehr von evangelischer Freiheit, sondern von "billiger Gnade" (Dietrich Bonhoeffer) zu sprechen.

Dieser Artikel versteht sich als Einspruch. Er ist eine Entgegnung auf die zunehmende Entfremdung zwischen einer Reform-Elite, die sich in Governance-Strukturen und Stakeholder-Analysen verliert, und einer parochialen Wirklichkeit, die trotz systematischer Abwertung und finanzieller Auszehrung noch immer der Ort ist, an dem Kirche für die Menschen konkret inkludierend erfahrbar bleibt als Ort, wo alle Milieus und Generationen willkommen sind. Es ist Zeit, die rhetorischen Nebelkerzen der "Transparochialität" und anderer Begriffe aus dem aktuellen "Kirchensprech" beiseite zu schieben und zu fragen: Was bleibt vom Evangelium übrig, wenn wir die Orte aufgeben, an denen sich Kirche ereignet und auferbaut? 

Das Ressourcen-Narrativ: Von der Last der Verwaltung und der Mär vom "Parochial-Privileg"

Julia Koll schließt sich einer Diagnose an, die in kirchenleitenden Kreisen mittlerweile fast sakrosankten Status genießt: Das parochiale System binde zu viele personelle und finanzielle Ressourcen, ohne den Prozess der Entkirchlichung wirksam abzupuffern. Es ist die Rede von einer "Kleinteiligkeit" (6), die offensichtlich nicht mehr in eine Zeit passt, in der nur noch in großen Dimensionen gedacht wird. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Argumentation als eine perfide Umkehr von Ursache und Wirkung.

Besonders entlarvend ist die Abwertung der parochialen Struktur als "kirchenrechtlich privilegiert". Hier wird ein Kampfbegriff verwendet, um bewährte Strukturen zu delegitimieren. Wenn die ortsgemeindliche Struktur mit ihrem Fokus auf persönlichem Kontakt als "elitär" oder "altmodisch" – anknüpfend an die Gemeindebewegung im späten 19. Jh. – und als theologisch "aufgeladener" Gemeindebegriff verspottet wird, dann verkennt dies den eigentlichen Kern kirchlichen Lebens (7). Ein Idealbild kirchlicher Praxis ist nicht deshalb verdächtig, weil es alt ist, sondern es ist deshalb beständig, weil es die Beziehungsdichte garantiert, die anonyme Großstrukturen niemals leisten können. Kirche lebt von Beziehungen zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen untereinander. Gemeinde vor Ort als "communio sanctorum" bildet ein Netzwerk wechselseitigen Glaubens, Liebens, Lobens, Helfens und Hoffens.

Wenn Kirche von ihrem theologischen Profil her gedacht wird, dann stößt man unweigerlich auf Artikel 7 der Confessio Augustana (8) und auf das davon abgeleitete Ordinationsversprechen. Das Evangelium rein zu predigen, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, Seelsorge zu üben und Menschen an den Wendepunkten ihres Lebens – von der Taufe bis zum Grab – mit Gottes Wort zu begleiten: Das sind keine verhandelbaren “Angebote” in einem religiösen Supermarkt. Es sind die Essentials. (9)

Ein Pfarramt, das sich auf diese Kernaufgaben konzentriert, ist keine Überforderung, sondern eine Befreiung. In einer chaotischen, digitalen Welt bietet gerade die parochiale Verlässlichkeit eine “geistliche Verankerung”. In diesem Punkt unterscheidet sich die Kirche radikal von allen anderen gesellschaftlichen Organisationen, hier ist das Proprium zu suchen. Eine Kirche, die in ihren Kanzelworten nur noch die Positionen von Parteien oder NGOs spiegelt, macht sich selbst überflüssig (10). Die Menschen zahlen ihre Kirchensteuer nicht für soziologische Analysen, sondern für die Vergewisserung des Heils. Die Entkirchlichung ist daher kein strukturelles Problem einer angeblich veralteten Parochie, sondern die Quittung für einen jahrelangen Profilverlust. 

Wenn jetzt eingewendet wird, diese Sicht sei rückständig und pastorenzentriert, so ist dagegenzuhalten: Starke Pfarrpersonen und Gemeinden können miteinander und auch mit dem Kirchenkreis kooperieren - allerdings auf Augenhöhe! Selbstbewusste Gemeinden und Pfarrpersonen können mit kirchlichen Vorgaben lockerer umgehen, wenn die Wünsche von Gemeindegliedern - beispielsweise bei Kasualien - damit nicht ganz konform gehen, aber immer noch mit der biblischen Botschaft und dem evangelischen Bekenntnis vereinbar sind. Gestandene Pfarrpersonen haben überhaupt kein Problem damit, wenn Gemeindeglieder darum bitten, dass eine andere Person sie bei einem familiären Anlass begleitet. Und last, but not least: Pfarrpersonen, die in ihrer Parochie verwurzelt sind und leben, die arbeiten selbstverständlich mit ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern zusammen und gewähren jedem den Freiraum, der der gemeinsamen Arbeit zuträglich ist. Die Liste ließe sich fortsetzen!

Zudem muss kritisch gefragt werden, ob der Ressourcenmangel nicht auch durch die massive Ausdifferenzierung funktionaler Dienste und durch die Ausdehnung der Verwaltung mitverursacht wurde. Es ist eine bittere Ironie: Während man die Arbeit in der Fläche als "überholt" betrachtet, haben all die kostspieligen Strukturprozesse der letzten Jahrzehnte – von der "Kirche der Freiheit" bis zu aktuellen "Zukunftsprozessen" in der Hannoverschen Landeskirche – den Abwärtstrend nicht einmal verlangsamen können. Wer der Parochie das Versagen vorwirft, verschweigt das offensichtliche Scheitern der zentralistischen Reformmodelle, die zwar Beteiligung suggerieren, aber oft nur einen "Placebo-Effekt" ohne jede Überzeugungskraft entfalten. (11)

Die Farce der Entlastung: Von der Enteignung zur institutionellen Entfremdung

Wenn Julia Koll unter dem Banner der Transparochialität ein "Feuerwerk" neuer Optionen entfacht – von spezialisierten Segensnetzwerken über Online-Exerzitien bis hin zu multiprofessionellen Teams in Sozialräumen –, dann stellt sich jenseits der wohlklingenden Rhetorik eine ernüchternde Frage: Woher soll das Personal für diese kühnen Entwürfe kommen? Es ist eine bemerkenswerte Form der Realitätsverweigerung, solche Szenarien zu entwerfen, während der Fachkräftemangel längst nicht mehr nur das Pfarramt, sondern Kirchenmusiker, Diakone und Sozialarbeiter gleichermaßen erfasst. Wer in "multiprofessionellen Teams" flächendeckend arbeiten will, muss erst einmal Menschen finden, die bereit sind, sich in diese immer komplexer werdenden Strukturen zu begeben.

Doch die Reformstrategen lassen sich von solchen profanen Hindernissen kaum bremsen. Stattdessen wird die "Enteignung" und "Entmündigung" der Gemeinden vorangetrieben, indem Julia Koll den schon in der Vergangenheit vorgebrachten Vorschlag aufwärmt, die Kirchenkreise als unterste Ebene der Körperschaft öffentlichen Rechts zu definieren (12). Im Sammelband von Gisela Kittel und Eberhard Mechels (Hg.), "Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr" (13) kann man in vielen Beiträgen nachlesen, dass diese "Idee" schon seit den ersten Reformbeiträgen im EKD-Papier "Kirche der Freiheit" durch die Diskussion um die Zukunft der Kirche wabert. Dankenswerterweise nahmen zuletzt verschiedene Autorinnen und Autoren mit ihren Aufsätzen im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt dieses Thema auf.

Was in kirchenleitenden Papieren euphemistisch als "Entlastung von Verwaltungsaufgaben" verkauft wird, entpuppt sich bei ehrlicher Betrachtung als eine beispiellose Entrechtung und Enteignung der Basis. Das Aktenstück 89_A der 26. Hannoverschen Landessynode vom 11. September 2024 gibt tatsächlich einen genauen Überblick. Hier die wichtigsten Punkte, die in der Hannoverschen Landeskirche in den nächsten Jahren von Kirchengemeinden und Kirchenkreisen zur Erprobung anstehen (14)

  • Kirchengemeinden übertragen ihr Eigentum an Grundstücken und Gebäuden an den Kirchenkreis, aber auch die damit verbundenen Pflichten (z.B. Verkehrssicherungspflichten auf Gehwegen usw., Haftung für Personen und Sachschäden bei Unwettern). 

Was für eine Organisation bürdet sich der Kirchenkreis damit auf? Sparmaßnahmen?

  • Kirchengemeinden als Körperschaften des kirchlichen Rechts können nicht mehr Anstellungsträger von Personal sein. Dieses wird ihnen ganz oder teilweise vom Kirchenkreis zugewiesen. Diesem Personal gegenüber sollen die Kirchengemeinden weisungsberechtigt bleiben. 

Konflikte sind vorprogrammiert.

  • Kirchengemeinden als Körperschaften des kirchlichen Rechts haben keinen eigenen Haushalt mehr und müssen keine Haushaltsabschlüsse mehr aufstellen. Für ihre kirchliche Arbeit erhalten sie ein zurückgestuftes Budget.

Wenn neben diesen Punkten ausführlich aufgezählt wird, was die "Ortskirchengemeinden" - letztendlich ein bloßen Euphemismus für eine unselbstständige Filiale - auch in Zukunft weiterhin alles entscheiden können, dann fragt sich der aufmerksame Leser, warum der Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts nicht beibehalten wird.

Die Dringlichkeit dieser Frage verstärkt sich, wenn man den Impuls von Prof. Dr. Michael Germann, Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, zur Kenntnis nimmt. Germann betonte in seinem Vortrag für die synodale Arbeitsgruppe als zentralen Gesichtspunkt, "dass der Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts ein großes erhaltenswertes Gut sei, das größtmögliche Entfaltungsfreiheit biete. Dieser Status sei ein Ausdruck bürgerlicher Freiheit - insofern auch ein kirchlicher Beitrag zur Demokratiebildung - und wichtig für die Selbstbestimmung der Zukunft." (15)

Ist es bezeichnend … - nein, es ist keine Frage, es muss als Aussage formuliert werden: Es ist bezeichnend, dass die profunde und kenntnisreiche Aussage eines durch sein Forschungsgebiet ausgewiesenen Experten in der weiteren Entwicklung offensichtlich kaum eine Rolle spielte. Ob die Synode mit dem Beschluss zur Erprobung Prof. Dr. Emanuel V. Towfigh (16) folgte, der die Bahá’í-Gemeinde in Deutschland vertritt, ist nicht ganz wahrscheinlich. Die 6.000 Mitglieder zählende Bahá’í-Gemeinde ist auf der obersten Ebene eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die über Deutschland verteilten örtlichen Gemeinden arbeiten mit Vollmachten. Diese Struktur lässt sich schwerlich auf die 2.000.000 Mitglieder zählende Landeskirche Hannovers übertragen. 

Eher entsprach wohl der Vortrag von Prof. Dr. Hermelink der Position der Synode. "Ausgangspunkt", so wird Hermelink zitiert, "sei die verlorene Einheit der ‘Parochie’ mit abgegrenztem Territorium, einer Kirche, einem Pfarrer, mit der Zuständigkeit für die Kausalien. Die Gegenwart sei gekennzeichnet durch organisatorische Pluralisierung, immer neue Erprobungen und Experimente, Personalisierung und Teambildung, Lokalisierung und gleichzeitiger De-Territorialisierung. (17)" Das lag und liegt doch ganz und gar auf der Linie der "Kirchenreformer".

Es ist nicht so, dass Kirchengemeinden keine Erfahrungen mit Zentralisierungen haben. Man nehme aus den zurückliegenden Jahren die Übertragung der Kita-Trägerschaften: Ja, es gab eine formale Arbeitsentlastung für die Kirchenvorstände. Aber der Preis ist hoch: Die inhaltliche Arbeit wurde nicht zwingend gefördert, stattdessen verschwand eine vitale Kontaktfläche zwischen Gemeinde und Einrichtung. Wir wiederholen hier Fehler der Vergangenheit. Erinnert sei an die Gemeindeschwester, die einst integraler Bestandteil des Gemeindelebens war. Heute ist vielen Klienten und sogar Mitarbeitenden in den professionalisierten Großstrukturen von Diakonie und Caritas oft gar nicht mehr bewusst, dass sie es mit kirchlichen Einrichtungen zu tun haben.

Die transparochiale Vision droht diesen Prozess der unsichtbaren Kirche zu vollenden. Wenn die Gemeinde vor Ort nicht mehr den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts besitzt, kaum noch über die Verwendung der Finanzmittel entscheidet, kein Eigentum mehr verwaltet und kein eigenes Personal mehr führt, verliert sie ihre Sichtbarkeit und Wirksamkeit im Sozialraum. Am Ende steht eine Kirche, die - angeblich - über optimierte Governance-Strukturen verfügt, aber die Verbindung zu den Menschen und den Orten, an denen sie lebt, endgültig verloren hat.

Viel schwerwiegender als die ökonomische Fehlkalkulation wiegen dabei die geistlichen und menschlichen Flurschäden. Am Fallbeispiel der Gemeinde Manker-Temnitztal im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin (18) zeigt sich die ganze Härte kirchenleitender Disziplinierung: Wer Mitspracherechte einforderte und den Zentralisierungsdruck kritisierte, sah sich gezielten Diskreditierungen, Dienstaufsichtsbeschwerden und zermürbenden Disziplinarverfahren ausgesetzt. Wenn eine Kirchenleitung beginnt, kritische Gemeinden und ihre Pfarrer mit dem Instrumentarium der "Ungedeihlichkeit" zu überziehen, hat sie den Boden reformatorischer Werte verlassen. Das Resultat solcher "Transformation by Design" (19) sind Proteste, Rücktritte engagierter Ehrenamtlicher und letztlich Kirchenaustritte aus tiefer Verbitterung. Eine Kirche, die so agiert, wird zur "Anti-Kirche" (20), die ihre eigenen Wurzeln kappt, während sie in der Glaskugel von einer transparochialen Zukunft träumt.

Die theologische Entkernung: Sakramente als Wellness-Event und das Ende des traditionellen Pfarramts

Der aktuelle Diskurs um den strukturellen Umbau der Kirche zur sogenannten "Transparochialität" erweist sich bei näherer Betrachtung als weit mehr denn ein bloßes Organisationsprojekt. Vielmehr steht das theologische Fundament der Reformation selbst zur Disposition. Wo die "Transformation" nach dem Entwurf von Julia Koll, Steffen Bauer u.a. zur Leitmaxime erhoben wird, droht die Kirche den Boden des Evangeliums (vgl. Mt. 18,20)  zu verlassen und sich in den Bereich einer "Glaskugel-Theologie" zu verflüchtigen.

Ein prägnantes Beispiel für diesen geistlichen Substanzverlust findet sich in der Praxis von Tauffesten, wie sie Bauer als Modell einer neuen kirchlichen Wirklichkeit feiert (21). Wenn erwachsene Menschen spontan und ohne vorhergehende inhaltliche Vorbereitung am Rheinufer getauft werden, mag dies als niedrigschwelliger Erfolg erscheinen, stellt jedoch theologisch die Vermittlung einer "billigen Gnade" im Sinne Bonhoeffers dar.

Nach Römer 6 ist die Taufe eben kein psychologisches Wellness-Event zur Bestätigung des Hier und Jetzt, sondern ein radikaler Identitätswechsel - das mit-Christus-Begraben-und-Auferweckt-Sein. Wer die Taufe auf ein bloßes "Resonanzerlebnis" reduziert, entzieht dem Sakrament seinen tiefen Sinn und handelt zudem ethisch fragwürdig. Es grenzt an Manipulation, wenn Menschen in einem Moment vager Begeisterung vorschnell gebunden werden, während grundlegende Glaubensinhalte sowie kirchen- und steuerrechtliche Verpflichtungen möglicherweise unerwähnt bleiben oder nicht ausreichend bedacht werden. Die "Pfingstbegeisterung" (22) droht so bei der ersten Steuererklärung in bittere Enttäuschung umzuschlagen.

Parallel zur Sakramentsvergessenheit vollzieht sich eine systematische Entprofessionalisierung des Pfarramts. Das klassische Modell des Pfarrers, der das Wort Gottes verkündigt, die Sakramente reicht und den Menschen als fundierter Seelsorger begegnet (23), wird zunehmend als innovationshemmendes Auslaufmodell diskreditiert. Dabei betonen die EKD-Mitgliedschaftsstudien seit Jahren eindeutig die zentrale Stellung des Pfarrers als "Pastor loci". Er ist erster Ansprechpartner, Vertrauensperson, Kommunikationswirt, Bezugsperson. Wer den Ortspfarrer kennt, tritt nicht so schnell aus der Kirche aus. Bauer plädiert stattdessen für einen Rollenwechsel: Weg vom "solistischen" Einzelkämpfer, hin zum "Ermöglicher" und Moderator in multiprofessionellen Teams. "Wenn Menschen Gotteserfahrungen mitbringen, müssen wir sie machen lassen", so Bauer. (24)

Kritiker mahnen, dass mit dieser Entwicklung die theologische Kernkompetenz verloren geht. Die akademische Ausbildung von Pfarrpersonen dient nicht dem Elitarismus, sondern der fundierten Auslegung des Evangeliums. Prof. Dr. Anne Käfer, Systematische Theologie in Münster, drückte es im Interview mit Wilfried Behr im Hannoverschen Pfarrvereinsblatt so aus: Pfarrerinnen und Pfarrer "müssen unbedingt ihren Glauben für sich selbst reflektiert haben, um dann dazu in der Lage zu sein, davon zu anderen zu sprechen, so dass diese dazu fähig werden, wiederum ihren Glauben zu reflektieren, seien es Drittklässler:innen oder 70jährige Senior:innen. Das ist ungemein herausfordernd. Es geht eben um alles." (25) Ohne eine klare, theologisch fundierte Leitung droht die Gemeinde in eine vage, rein subjektive Religiosität abzugleiten. Werden Pfarrerinnen und Pfarrer zum bloßen Eventmanager degradiert, schwindet die spezifisch theologische Deutungskraft im Alltag. Die aber ist in unserer Gesellschaft nach wie vor erwartet und gefragt

Steffen Bauer beruft sich in seiner Argumentation auf Martin Luther, der den "einfachen Menschen" zuspräche: "Ihr seid bevollmächtigt, über die Lehre der Kirche zu entscheiden." Das, so sagt es Bauer, fände er großartig. Er kritisiert, dass heutzutage in der Ortsgemeinde ein "bestimmtes Bildungslevel" von Nöten sei, um "in Kirche, Glauben, Theologie" mitreden zu können. Bauer dann weiter: Luther traute "Kirche der Menschen" seinen Bauern zu! Er sprach ihnen ganz biblisch zu, "ihr seid das königliche Priestertum!" (26)

Entweder hat Steffen Bauer Luther nicht verstanden - oder er reißt die Sätze bewusst aus dem Zusammenhang. Luther ging es in seiner Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation" (1520) primär um den unmittelbaren Zugang zur Gnade Gottes. Er wandte sich gegen die römische Hierarchie. Er wollte die geistliche Mauer zwischen Klerus und Laien niederreißen. Jeder ist "geistlichen Standes". 

Das bedeutete im Umkehrschluss aber nun gerade nicht, dass jeder nach "Herzenslust" das Wort Gottes auslegen könne. Im Gegenteil, Luther war erschüttert über den Bildungsnotstand, den er bei den Visitationen vorfand. In seinen Katechismen sah er kein Herrschaftswissen, sondern ein Befreiungswissen. Nur wer die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser kennt, kann seinen Glauben gegenüber Irrtümern verteidigen. Das "öffentliche Amt der Wortverkündigung" (Pfarrer) blieb für Luther essenziell. Nicht jeder soll willkürlich lehren, sondern derjenige, der ordnungsgemäß berufen und ausgebildet ist. (27)

In diesem Sinn ist festzuhalten, dass die Merkmale des Pfarrberufes mit Profession, die hochschulische Ausbildung, die Ordination und die Expertenautonomie keine elitären Privilegien sind, sondern die Sicherung dafür, dass das "Ja" der Menschen vor Gott ein informiertes und ernsthaftes Ja bleibt. Wer das Pfarramt auf eine rein moderierende Funktion reduziert, verliert die kritische Instanz, die berufen ist, die bleibende Wahrheit des Evangeliums gegen die Kurzatmigkeit zeitgeistiger Gefühle zu behaupten. Eine Kirche, die ihre DNA so radikal ändert, mag sich für eine weitere Generation als soziale Organisation retten – sie verliert aber das, was sie im Kern ausmacht: die Wahrheit des Evangeliums, die weit über das bloße Gefühl hinausgeht. (28)

Die Governance-Illusion: Machtverschiebungen und die Entfremdung von der Basis

Zum Abschluss ihrer Überlegungen benennt Julia Koll eine Reihe "offener Fragen" zu Leitung, Partizipation und Macht in einer transparochialen Kirche (29). Doch die von ihr skizzierten Lösungsansätze – etwa die Orientierung an Strukturen von Nonprofit-Organisationen mit Aufsichtsräten oder "buntere Bilder von Synoden" – verschleiern das eigentliche strukturelle Dilemma. Wir erleben derzeit keine Demokratisierung, sondern eine schleichende Verschiebung der Entscheidungsgewalt weg von der presbyterial-synodalen Basis hin zu hochzentralisierten Apparaten mit einer Hierarchie, die ein "top-down-Durchregieren" ermöglicht..

In den neuen, großräumigen Gebilden ist das von Koll angestrebte Gleichgewicht zwischen "gemeinsam Verabredetem" und "kirchlichem Wildwuchs" (30) eine reine Illusion. Tatsächlich führt die Regionalisierung zu einer Dominanz der hauptamtlichen Verwaltung und der ephoralen Leitung. Diese verfügen über einen Wissens- und Organisationsvorsprung, dem das Milieu der Ehrenamtlichen kaum noch etwas entgegenzusetzen hat. Während in der Politik Parteien zur Willensbildung beitragen, stehen an der kirchlichen Basis einzelne Vertreter oft isoliert gut vernetzten Strategen gegenüber, die ihre Reformagenda mit professioneller Rhetorik durchsetzen. (31)

Besonders kritisch ist die Frage der "Stakeholder" (32) – also derjenigen, die das System durch ihr Engagement und ihre Kirchensteuer tragen. Koll sorgt sich um die "intrinsische Motivation" derer, die sich jahrzehntelang parochial engagiert haben, und möchte ihr "organisationales Bewusstsein" wecken. Doch das klingt wie eine pädagogische Herablassung gegenüber den "Shareholdern" der Kirche, den Gemeindegliedern. Was passiert, wenn diese, die steuerzahlenden Gemeindeglieder die Entwicklung schlicht nicht mehr mittragen und austreten, weil sie ihre geistliche Verwurzelung in den anonymen Großstrukturen nicht mehr wiederfinden? Wenn das finanzielle Fundament an der Basis wegbricht, kollabieren auch die transparochialen Luftschlösser.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass sich kirchenleitende Thinktanks in einer Blase bewegen. In einer Art kollektivem Rausch meint man, in der "Glaskugel" eine schillernde Zukunft wahrzunehmen, während man den Kontakt zur Lebenswirklichkeit der Gemeinden längst verloren hat. Die von oben eingeleiteten Prozesse entfalten keine Überzeugungskraft, weil sie das Beharrungsvermögen der Basis als bloßes Hindernis statt als Ausdruck einer tiefen Verwurzelung begreifen. Eine Kirchenreform, die gegen die Menschen an der Basis geführt wird, ist zum Scheitern verurteilt – sie ist keine Erneuerung, sondern eine Form der Selbstaufgabe.

Fazit: Plädoyer für eine geerdete Kirche – Wider die transparochiale Entfremdung

Die von Julia Koll und anderen Reformern propagierte "Transformation" - wie auch immer die dann weiter ausgemalt wird - erweist sich bei näherer Analyse nicht als der rettende Anker in stürmischer See, sondern als ein riskantes Manöver, das die Substanz der Kirche zu opfern droht, um ihre äußere Hülle zu modernisieren. Wenn wir die Ergebnisse unserer Untersuchung zusammenführen, zeigt sich ein Bild der tiefgreifenden Unklarheit der Kirchen über sich selbst. Es ist das Bild einer Institution, die im Begriff ist, ihre wertvollste Ressource – die unmittelbare, beziehungsorientierte Gegenwart vor Ort – für ein technokratisches Organisationsmodell preiszugeben.

Wir müssen konstatieren:

  • Die strukturelle Sackgasse: Das Narrativ vom "Zusammenbruch" des parochialen Systems ist eine Provokation, die durch den absichtlichen Entzug von Ressourcen und die Abwertung der Basis erst Realität wird. Die Verlagerung der Entscheidungsgewalt auf die Kirchenkreisebene schafft keine Synergien, sondern zementiert die Herrschaft der Apparate und entmachtet das Ehrenamt.

  • Die personelle Illusion: Das "Feuerwerk" an neuen Optionen, das in kirchenleitenden Thinktanks entzündet wird, ignoriert den eklatanten Fachkräftemangel, der nicht nur Pfarrer, sondern alle kirchlichen Berufe betrifft. Es werden Angebote entworfen, für die schlicht die Menschen fehlen, die sie mit Leben füllen können und vor allem wollen.

  • Der geistliche Ausverkauf: Die Reduktion von Sakramenten wie der Taufe auf "niederschwellige Events" und die Degradierung des Pfarramts zum bloßen "Ermöglicher" höhlen den Kern des Evangeliums aus. Eine Kirche, die ihre Identität als Glaubensgemeinschaft selbst als "umstritten" bezeichnet, verliert ihre Existenzberechtigung und nicht zuletzt ihre Attraktivität.

Die Warnsignale aus der Praxis, wie der Konflikt in Manker-Temnitztal im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin, dürfen nicht länger als bloßes "Beharrungsvermögen konservativer Kräfte" abgetan werden. Sie sind der Ausdruck einer tiefen Entfremdung von reformatorischen Werten und ein Protest gegen eine "Anti-Kirche", die ihre eigenen Wurzeln kappt.

Es ist an der Zeit, die "Glaskugel" beiseite zu legen und sich wieder der Realität zuzuwenden. Eine zukunftsfähige Kirche braucht keine transparochialen oder wie auch immer gearteten Luftschlösser, sondern eine mutige Stärkung der Parochie. Wir brauchen keine "NGO mit Glockengeläut", sondern lebendige Gemeinden, die als Schutzräume der Wahrheit und Orte der Beziehungsdichte erfahrbar bleiben. Der Erfolg künftiger Reformen wird sich nicht an der Komplexität ihrer Governance-Strukturen messen lassen, sondern daran, ob sie den Menschen an der Basis wieder das Gefühl geben, dass sie – und ihr Glaube – das eigentliche Fundament dieser Kirche sind.

Statt die Parochie abzuwickeln, sollten wir sie entlasten: durch echte Verwaltungsreformen, durch eine Rückbesinnung auf das geistliche Amt und durch den Mut, wieder Kirche "vor Ort" zu sein – auch wenn das bedeutet, sich gegen den zentralistischen Zeitgeist zu stellen. Nur so wird die Kirche von Gott her eine Zukunft haben, die diesen Namen verdient.



Anmerkungen

(1) Julia Koll, Transparochiale Kirche, Voraussetzungen und Verheißungen, in Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt (DPfBl), 01/2026 - gelesen und zitiert in der Onlineversion - https://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/aktuelle-beitraege?tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Baction%5D=show&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Bcontroller%5D=Item&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5BitemId%5D=6106&cHash=9a03f732ffb4db99 zurück

(2) Julia Koll, a.a.O. "Der akademische Diskurs meidet an diesem Punkt die Konkretion … Steffen Bauer dagegen wagt einen Blick in die Glaskugel und hofft einerseits auf eine Stärkung der "regio-lokalen Kirche"…" zurück

(3) vgl. dazu Steffen Bauer im Interview: "Die DNA der Kirche wird gerade auf den Kopf gestellt." am 27. November 2023 - https://www.jesus.de/glauben-leben/die-dna-der-kirche-wird-gerade-auf-den-kopf-gestellt/ zurück

(4) Julia Koll, a.a.O. "Aus der jüngsten VI. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ist zu lernen, dass es gewisse Erwartungen an einen beherzten kirchlichen Einsatz fürs Gemeinwohl im Geiste der Nächstenliebe gibt, und zwar von Konfessionslosen ebenso wie von Kirchenmitgliedern. Die Kirche als religiöse Organisation oder gar als Glaubensgemeinschaft dagegen ist umstritten." zurück

(5) vgl. Steffen Bauer a.a.O. zurück

(6) Julia Koll a.a.O. zurück

(7) Julia Koll a.a.O. "Sie (die parochialen Organisationsform) ist mit ihrem Fokus auf persönlichem Kontakt und geselligen Formen bis heute ein praktischer Ausdruck eines seit der Gemeindebewegung im späten 19. Jh. gültigen Idealbilds kirchlicher Praxis und wird dabei zumeist eng verbunden mit einem auch theologisch aufgeladenen Gemeindebegriff." zurück

(8) Artikel 7: Von der Kirche - "Es wird auch gelehrt, daß allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muß, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, daß das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden." (https://www.ekd.de/Augsburger-Bekenntnis-13454.htm) zurück

(9) vgl. Frank Weyen, Das evangelische Pfarramt –  Aspekte des Pfarrberufes im Wechsel der (Ge-)Zeiten, Hannoversches Pfarrvereinsblatt 2/2024, S. 15: "Wir sind als Profession: Behüter:innen  • der Institution,  • des Wortlautes und des Inhaltes der Heiligen Schrift,  • der theologischen Lehre der Kirche,  • der Bekenntnisse und Gesetze der Kirche sowie  • der Sakramente •in Verantwortung vor Gott und der Kirche und • für die Menschen, zu denen wir durch Jesus Christus gesandt sind. Mehr braucht es für unsere Profession eigentlich nicht. Und das alles macht auch unsere Identität als Pfarrpersonen aus." zurück

vgl. Frank Weyen, Profession in der Krise - Das Pfarramt ? eine überkomplexe Herausforderung, in DPfBl 11/2019 - gelesen in der Onlineversion - https://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv?tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Baction%5D=show&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Bcontroller%5D=Item&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5BitemId%5D=4851&cHash=acc5feb0ebfe199f462263f6d8848019

(10) vgl. dazu Dr. Alexander Will in seinem Artikel "Mehr Gottesdienst statt Parteiversammlung" in der Nordwestzeitung (NWZ) vom 21.12.2025: "Weihnachten fällt auf: Kirchen verlieren spirituelle Bedeutung. Statt von Religion sind sie von Politik dominiert. Deswegen braucht es mehr Trennung von Staat und Kirche." - "Kirche verliert an Bindungskraft, weil sie ihre eigentliche Rolle nicht mehr ausfüllt. Damit aber stehen klerikale Ausflüge in die Tagespolitik von vornherein und immer mehr auf zweifelhafter Basis. Zum Zweiten sollte das Bröckeln der Anhängerschaft Kirchenstrategen aller Konfessionen vor Augen führen, dass galoppierende Politisierung ihre Institutionen nicht vor dem Sturz in die Irrelevanz retten wird." zurück

(11) "Kirche der Freiheit" (2006) proklamierte Leuchttürme statt Arbeit in der Fläche, Zusammenarbeit in der Region und Stärkung der mittleren Ebene. Im Blick auf den hannoverschen "Zukunftsprozess" berichtet das "Politikjournal für Niedersachsen" am 14.05.2023 von der Frühjahrssynode der Hannoverschen Synode und fragt: "Zukunft gescheitert? Die Landeskirche Hannovers ringt um ihren Erneuerungsprozess". Christine Rinne und Friedrich Selter aus dem "Koordinierungsrat" des landeskirchlichen Zukunftsprozesses werden mit dem Satz zitiert: "Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, den Prozess in seiner jetzigen Struktur zu beenden." Dem folgt die Synode zwar nicht, muss aber erkennen, dass die hochgesteckten Ziele für eine Beteiligung massiv verfehlt wurden. Geblieben ist der Ansatz: "Glauben ermöglichen". - Neben diesen beiden Punkten können noch die Stichworte genannt werden: Kirche als "NGO mit Glockengeläut": Nachhaltigkeit (2018) - 12 bzw. vorher 11 Leitsätze "Kirche auf gutem Grund" (2020) - Welle-Bewegung in der Hannoverschen Landeskirche. Der für dieses Jahr in Hannover angesetzte und im großen Stil geplante Kirchenvorstehertag musste mangels Anmeldungen abgesagt werden. zurück

(12) vgl. dazu auch Rainer Mainusch, Der rechtliche Rahmen einer Kirche im Transforationsprozess, in: ZevKR 65 (2020) Zwar hält der Juristischen Vize-Präsident Dr. Rainer Mainusch die Abschaffung des Parochialprinzips für unklug, Veränderungen im Parochialrecht seien aber durchaus angezeigt hinsichtlich Organisationsgewalt, Dienstherrenfähigkeit, Kirchensteuern (373f.) Er spricht von der bleibenden Bedeutung der "überkommenen" Parochialgemeinde (S. 376) und schlägt vor, dass künftig nicht mehr die Kirchengemeinden, sondern die Kirchenkreise als unterste Ebenen der Kirche als Körperschaft öffentlichen Rechts definiert werden. (S. 378f) zurück

(13) Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen, 22017 zurück

(14) Aktenstück 89_A der 26. Hannoverschen Landessynode vom 11. September 2024, S. 8-11 zurück

(15) a.a.O. S. 11 zurück

(16) a.a.O. S. 12f zurück

(17) a.a.O. S. 14 zurück

(18) Tobias Scheidacker, Das gescheiterte »Reformmodell« der EKBO im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin, in: Gisela Kittel, Eberhard Mechels (Hg.), Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen, 22016, S. 181-206 zurück

(19) Julia Koll, a.a.O., zitiert Steffen Bauer zurück

(20) Tobias Scheidacker S. 182 zurück

(21) Steffen Bauer, a.a.O. zurück

(22) Steffen Bauer, a.a.O. zurück

(23) vgl. Frank Weyen, Das evangelische Pfarramt zurück

(24) Steffen Bauer, a.a.O. zurück

Dass Menschen ihre Erfahrungen, Kenntnisse und Ideen in die Arbeit der Gemeinde eintragen, steht außer Frage. Aber wenn Bauer sagt: "Wir brauchen eine Haltung des ‘Ich lasse zu. Ich lasse andere machen. Ich lasse etwas zu, was meinem eigenen Kirchenverständnis, meinem Erfahrungshintergrund gar nicht entspricht.’ (a.a.O.), dann widerspricht der Verfasser dieser Zeilen. Kriterien des Zulassens sind und bleiben biblisches Zeugnis und evangelisches Bekenntnis. Bauer sagt: "Wir haben nichts zu verlieren." Und er verweist wieder auf Taufen "in der Öffentlichkeit, in Bädern, an Seen und Flüssen". Da kommen "ganz andere Menschen", es entsteht ein "ganz anderes Gemeinschaftsgefühl". Ist das das Ziel einer Kirchenreform?

(25) vgl. Interview mit Prof. Dr. Anne Käfer, Professorin für Systematische Theologie in Münster, Hannoversches Pfarrvereinsblatt 2/2024 S. 43 zurück

(26) Steffen Bauer, a.a.O. zurück

(27) Luther Deutsch, Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, hrsg. Kurt Aland, Göttingen 21981, S. 161 "Was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht jedem ziemt, solch Amt auszuüben." (Adelsschrift) zurück

(28) Dass zum Pfarrberuf auch Verwaltung gehört, darf nicht verschwiegen werden. Solange die Kirchenämter sich darauf konzentrieren konnten, die Kirchengemeinden und ihre Vorstände zu begleiten, war diese Verwaltung auch zu bewältigen. Erst in dem Moment, als verstärkt gemeindefremde Leistungen (Abrechnung beispielsweise für die Diakonischen Werke) und Instrumente (Doppik) dazu kamen und im Gegenzug nicht für Entlastung der Arbeitskräfte gesorgt wurde, wurde die Verwaltung im Pfarramt eine Belastung. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema sprengt aber den Rahmen dieses Aufsatzes. zurück

(29) Julia Koll, a.a.O. zurück

(30) a.a.O. zurück

(31) vgl. dazu auch Christoph Bergner, Der Verlust der Nähe - Wie die Kirche den Bezug zu sich selbst und zu ihren Mitgliedern verlor, in DPfBl 10/2025 - gelesen und zitiert in der Onlineversion https://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv?tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Baction%5D=show&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Bcontroller%5D=Item&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5BitemId%5D=6067&cHash=38791b4eccaeb9e638438cf6b2d46f7c Zusammenfassend kann man Bergners Position so beschreiben: Die kirchlichen Synoden laufen Gefahr, zu symbolischen Akklamationsgremien zu verkommen. Das demokratische Ideal der Synodalität wird durch das Fehlen professioneller Organisation und die Informationshoheit der Kirchenleitung und -verwaltung entwertet. Um die Funktionsfähigkeit und die Legitimation ihrer Kirchenparlamente zu sichern, müssten Wege gefunden werden, um die ehrenamtliche Kontrolle personell und strukturell zu stärken. zurück

(32) Julia Koll, a.a.O. zurück

Montag, 16. März 2026

Transformation oder De-Konstruktion?

Drei Wege für die Kirche von morgen

In der aktuellen Ausgabe des Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts (3/2026) treffen drei Positionen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie beschreiben das Ringen um die Zukunft der evangelischen Kirche zwischen Management-Logik, Event-Kultur und parochialer Treue. Für meine Leserinnen und Leser habe ich hier diese Ansätze und meine kritische Sicht darauf zusammengefasst. 

Wer die Aufsätze im Pfarrerblatt aufruft, findet dort meine ausführlichen Kommentare. 

1. Steffen Bauer: Die technokratische Weichenstellung

Steffen Bauer nähert sich der Krise als Systemanalytiker. Sein Fokus liegt auf der „Ressourcensteuerung“. Er plädiert für eine „Transformation by Design“: Weg von kleinen, selbstständigen Ortsgemeinden, hin zu großflächigen Regionalkirchen und Kirchenkreisen, die den rechtlichen Körperschaftsstatus übernehmen.

  • Sein Ziel: Effizienz durch Zentralisierung. Die Basis soll von Verwaltung entlastet werden, indem Immobilien und Finanzen auf höherer Ebene gesteuert werden.

  • Meine Kritik: Dieser betriebswirtschaftliche Duktus ist gefährlich. Die behauptete Überforderung der Kirchenvorstände wird oft herbeigeredet, um eine Zentralisierung zu legitimieren, die faktisch einer Enteignung der Basis gleichkommt. 

Neben Entscheidungsbefugnissen geben Kirchenvorstände auch Vermögen, Gebäude und Grundstücke an den Kirchenkreis ab, wenn sie sich darauf einlassen, den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts aufzugeben.

Wenn die lokale Haftung und Identifikation stirbt, führt das Design direkt ins Desaster. Meine Einschätzung: Transformation by Design leads to disaster.

2. Christiane Quincke: Die riskante Wette auf die Distanzierten

Dekanin Christiane Quincke beschreibt den Weg zur „postparochialen Kirche“ am Beispiel Pforzheims. Sie entzündet ein „Feuerwerk“ an Möglichkeiten: Eventmanagement, fluide Räume und eine radikale Orientierung an der kirchenfernen und auch nichtkirchlichen Bevölkerung.

  • Ihr Ziel: Eine Kirche, die sich aus den starren parochialen Grenzen löst und dort präsent ist, wo die Menschen sich unverbindlich bewegen.

  • Meine Kritik: Auch wenn die Dekanin meint, man habe neben Pforzheim mit den Gemeinden in Neuhausen und Tiefenbronn den ländlichen Raum im Blick (geschätzt auf der Basis der im Artikel genannten Zahlen ungefähr 10% der Gemeindeglieder), dürfte sich die Situation auf dem Land von den urbanen Möglichkeiten deutlich unterscheiden. 

Vor allem aber ist es eine Wette auf das Verhalten der Distanzierten. Man vergrämt womöglich hochverbundene Kirchenmitglieder, die das System auch finanziell tragen, in der Hoffnung, ein flüchtiges Publikum zu gewinnen. Wenn dieses Feuerwerk nicht zündet oder nach den ersten Effekten verpufft, bleibt eine entkernte Kirche zurück.

3. Christian Möller: Die verlässliche Kirche der kurzen Wege

Als Korrektiv zu den obigen Modellen steht der Aufsatz von Christian Möller. Er plädiert leidenschaftlich für die Parochie (Gemeinde vor Ort) als Lebenszelle. Er beruft sich auf Bonhoeffer und fordert eine Kirche, die den Menschen vor Ort die Treue hält – verlässlich, mündig und theologisch fundiert.

  • Sein Ziel: Eine Kirche, die durch Nähe und inhaltliche Tiefe überzeugt, statt durch administrative Größe oder Positionen, die man bei Parteien - z.Z. vornehmlich im linken Spektrum - oder bei NGOs findet. Er setzt auf das allgemeine Priestertum und die Beteiligung von Prädikanten auf Augenhöhe.

  • Meine Einschätzung: In Möllers Entwurf sehe ich das einzig tragfähige Zukunftsmodell: Eine Kirche der kurzen Wege, die ihre Bindungskraft aus der Qualität schöpft. Es geht um eine Gemeindearbeit, die sich traut, auf dem Fundament einer universitären Theologie zu stehen und gerade deshalb ganz ‚normale‘ Menschen anspricht – weil sie dort eine Botschaft hören, die sich vom medialen und gesellschaftlichen Einheitsbrei abhebt. Wenn diese inhaltliche Tiefe mit einer Gemeindekultur korrespondiert, in der Prädikanten, Lektoren und Kirchenvorstände nicht nur verwaltet, sondern als geschätzte Mitstreiter auf Augenhöhe gesehen werden, entsteht eine loyale Gemeinschaft, die kein ‚Design‘ und kein ‚Event‘ ersetzen kann.
Ich weiß natürlich auch, dass es bei der evangelischen Kirche einen Fachkräftemangel gibt, der sich in den nächsten Jahren verstärken wird. Aber das ist u.a. ein hausgemachtes Problem, das aus den kirchlichen Entwicklungen und "Entwicklungsprogrammen" der letzten Jahre und Jahrzehnte resultiert. 

Ein persönliches Nachwort

Es ist bezeichnend, dass Möllers an der Parochie orientierter Text im Pfarrerblatt beinahe wie eine „Abschiedsvorlesung“ am Ende platziert wurde, während die Management-Szenarien den Vortritt erhielten.

Obwohl ich Möllers Vision teile, ziehe ich eine bittere Konsequenz: Ich bin nicht bereit, als Pfarrer im Ruhestand ein System durch meine Mitarbeit zu stützen, das meinen Berufsstand über Jahrzehnte abgewertet hat und nun die Parochie abwickelt. Wenn die evangelische Kirche ihre Bindungskraft durch Profillosigkeit oder Überdehnung der Grenzen verspielt und Gemeinden durch die Umwandlung des Körperschaftsstatus letztendlich enteignet, darf sie nicht erwarten, dass wir die daraus entstehenden Löcher stopfen.

Ich habe zugegebenermaßen keine Idee, wie der Übergang in ein alternatives Finanzierungssystem sich gestalten lässt, aber ich gehe davon aus, dass sich Gemeinden auf mittlere Sicht eigenständig finanzieren müssen - einschließlich Finanzierung einer Pfarrstelle. Dass dies möglich ist, zeigen die Freikirchen. Das wird letztendlich die wahre "Transformation" sein, die uns bevorsteht.

Sonntag, 1. März 2026

Anpassungsfalle - Relevanz - Wirkung

Vom nachplappernden Papagei zum prophetischen Pirol: Warum die Kirche den Mut zur Abweichung braucht 

Die aktuelle Debatte im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt (02/2026) wirft eine radikale Frage auf: Verliert die Kirche ihre Relevanz nicht durch zu wenig, sondern durch zu viel Anpassung? Während kirchliche Thinktanks versuchen, die „DNA der Kirche“ durch die Übernahme ökonomischer Management-Strukturen zu retten, plädiert ein Autorenteam um Eberhard Blanke für eine Rückbesinnung auf die religiöse Autonomie. 

In diesem Beitrag analysiere ich diese „Anpassungsfalle“ – von politischen Predigten bis hin zu transparochialen Strukturreformen – und erkläre, warum echte Wirkung nur durch eine konsequente „nüchterne Äquidistanz“ und die Vernetzung derer entstehen kann, die sich dem Mainstream widersetzen.

Kurz zusammengefasst: 

Eberhard Blanke, Stephan Feldmann, Fabian Gartmann, Gundolf Holfert, Georg Raatz, Frank Uhlhorn, Wie die Kirchen Gehör finden könnten - Abweichung als Schlüssel zur Relevanz 

In ihrem Artikel analysieren die Autoren die schwindende Relevanz der Kirche. Ihre zentrale These: Die Kirche verliert ihre gesellschaftliche Stimme nicht durch mangelnde Anpassung, sondern durch eine „doppelte Säkularisierung“, bei der sie sowohl ihre Umwelt als auch ihre eigene Kommunikation zunehmend weltlich gestaltet.

Die Hauptargumente des Aufsatzes sind:

  • Die Anpassungsfalle: Wenn kirchliche Vertreter sich in öffentlichen Diskursen nur noch an gängige politische oder wirtschaftliche Jargons angleichen, verlieren sie ihre genuin religiöse Position und werden zum „nachplappernden Papagei“.

  • Abweichung als Schlüssel: Relevanz entsteht laut den Autoren nicht durch Angleichung, sondern durch den Mut zur Abweichung. Die Kirche müsse sich wieder auf ihren spezifischen „Code“ von Immanenz und Transzendenz besinnen.

  • Beobachtung zweiter Ordnung: Statt in politische Kämpfe einzusteigen, sollte die Religion eine Position der „nüchternen Äquidistanz“ einnehmen. Von dort aus kann sie gesellschaftliche Bereiche (wie die Politik) beobachten und deren Relativität und Grenzen aufzeigen.

    • Am Beispiel einer "politischen" Predigt über das Verhalten der beiden Schwestern Marta und Maria machen die Autoren deutlich, wie der Prediger den Raum der Theologie mit dem Raum der Politik vertauscht, dabei Gottesdienstteilnehmer, die eine andere Meinung vertreten, vor den Kopf stößt und für die anderen keine Denkanstöße bereithält. 

  • Strukturelle Kopplung statt Kausalität: Die Autoren verwerfen die Idee, dass die Kirche die Gesellschaft direkt steuern kann. Wirkung entfaltet religiöse Rede nur dann, wenn sie als „Irritation“ in anderen Systemen (Politik, Recht, Wirtschaft) fungiert und dort aufgrund ihrer Eigenständigkeit Resonanz auslöst.

Das Ziel der Autoren ist die Transformation der Kirche von einem imitierenden „Papagei“ hin zu einem „prophetischen Pirol“, der mit seiner eigenen religiösen Melodie überrascht und zum Nachdenken anregt.

Mein Kommentar

Dieser Artikel legt den Finger punktgenau in die Wunde einer „resonanzverliebten“ Kirche, die Gefahr läuft, im gesellschaftlichen Vielerlei als bloßer „nachplappernder Papagei“ unterzugehen. Die Analyse der Autoren, dass Relevanz nicht durch Angleichung an weltliche Diskurse, sondern durch die konsequente Kultivierung der eigenen religiösen Melodie entsteht, ist eine notwendige Befreiung aus der „Anpassungsfalle“, in die die evangelische Kirche offensichtlich getappt ist. 

Zwei Aspekte des Aufsatzes haben mich angesprochen. 

Wenn die Autoren auf das Konzept der “strukturellen Kopplung” verweisen, dann machen sie deutlich, dass nicht der Absender einer Botschaft die Wirkung kontrolliert, sondern das Empfängersystem reguliert, welchen Sinn es in welcher Weise verarbeitet. Dieser Ansatz geht davon aus, dass jedes System (z. B. Wirtschaft, Recht oder Religion) operativ geschlossen ist. Systeme können sich nicht gegenseitig „instruieren“ oder direkt steuern, sie können sich aber durch “wechselseitige Irritation” anregen. 

Um das Beispiel der “politischen Predigt” über Marta und Maria aufzunehmen: Je mehr der Prediger versucht hätte, im biblischen Kontext deutlich zu machen, was Marias “Hören” auf Gottes Wort bedeutet, desto eher wäre die Predigt als theologische Aussage wahrgenommen worden, die bei den Zuhörern eine Nachdenken hätte auslösen können, ohne die Moral zu bemühen - dies und das ist politisch korrekt. Eine theologische Kommunikation findet also nur dann als Irritation Anschluss, wenn sie vom Empfänger überhaupt als spezifisch religiös identifiziert werden kann. 

Der zweite wichtige Aspekt des Textes ist in meinen Augen die Forderung nach einer nüchternen Äquidistanz. In der gesellschaftlichen und politischen Diskussion beschreibt dieser Begriff das Prinzip, zu verschiedenen Positionen, Parteien oder Akteuren (den gleichen) Abstand zu wahren. Es handelt sich um ein Konzept der Unparteilichkeit, das aber nicht mit “Neutralität” gleichzusetzen ist. Es geht sozusagen um eine religiöse Fremdbeobachtung der anderen Systeme. Wenn die Kirche beispielsweise im Blick auf Politik aufhört, in politischer Münze zu zahlen, und stattdessen die Bedingtheit gesellschaftlicher Verhältnisse im Lichte der Transzendenz markiert, bietet sie einen Mehrwert, den nur sie leisten kann. 

Die fatale Tendenz zur Angleichung zeigt sich jedoch nicht nur in der Sprache, sondern massiv auch in der aktuellen Diskussion um die Strukturreformen. Wenn Akteure wie Julia Koll (Stichwort “transparochiale Kirche”) oder Steffen Bauer (“Die DNA der Kirche wird gerade auf den Kopf gestellt”) das Ende der klassischen Parochie proklamieren und stattdessen trans- oder auch postparochiale Großraumstrukturen mit gabenorientierter Arbeitsteilung fordern, versuchen kirchliche Thinktanks im Grunde nur, Management-Modelle aus der Wirtschaft zu übernehmen. Auch hier wäre eine nüchterne Äquidistanz angebracht. Wenn die Kirchenleitung sich in diesen Sphären bewegt, begeht sie auf organisatorischer Ebene denselben „Kategorienfehler“, den die Autoren für die Predigt beschreiben. Sie “dilettiert” dann in fremden Funktionssystemen (hier: der Wirtschaft), anstatt eine eigene, religiös begründete Organisationsform zu bewahren und zu entwickeln. 

Den starken systemtheoretischen Ansatz des Aufsatzes verknüpfe ich mit der Anregung, dass sich Akteure, die diesen Weg der Abweichung bereits mutig gehen – weg von der beschriebenen Selbsterklärung durch Anpassung –, untereinander stärker vernetzen müssen. Das Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt könnte eine entscheidende Rolle spielen. Eine stärkere Kooperation derjenigen, die sich der doppelten Säkularisierung widersetzen, könnte diese notwendigen Impulse in die Funktionssysteme unserer Gesellschaft hinein potenzieren. 

Es ist an der Zeit, dass die eigene Melodie der Kirche nicht nur als Einzelstimme, sondern als vielstimmiger, aber kategorial eigenständiger Chor von prophetischen Pirolen wahrgenommen wird.

Zwischen Anerkennung und Überforderung

Warum wir das Geschöpf-Sein neu lernen müssen

Muss ich mich ständig selbst optimieren, um wertvoll zu sein? Gottfried Adam schlägt im aktuellen Pfarrerblatt eine Brücke von Luthers Rechtfertigungslehre zur modernen Anerkennungsphilosophie. Doch reicht das aus? Ein Kommentar über die Last, ‚sein zu wollen wie Gott‘, und die befreiende Grenze unseres Geschöpf-Seins.

Kurz zusammengefasst: 

Gottfried Adam, „Rechtfertigung – Leben aus der Gabe der Anerkennung“

In seinem Aufsatz im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 02/2026 stellt der Religionspädagoge Gottfried Adam die Frage, wie die reformatorische Rechtfertigungslehre heute noch verstanden werden kann. Sein Befund: Zentrale Begriffe wie „Gerechtigkeit Gottes“ sind heute oft missverständlich besetzt – wir assoziieren damit meist Selbstrechtfertigung oder moralische Leistung.

Adam schlägt daher eine „Übersetzung“ in die Sprache der Anerkennung vor. Die wesentlichen Schritte seines Arguments sind:

  • Vom Kampf zur Gabe: Während die Sozialphilosophie (z. B. Axel Honneth) Anerkennung oft als einen mühsamen sozialen „Kampf“ beschreibt, führt Adam mit Paul Ricœur die Logik der Gabe ein.

  • Christus als Gabe: Er knüpft an Martin Luther an, für den Christus zuerst „Gabe und Geschenk“ (donum) ist, bevor er zum Vorbild (exemplum) wird. Rechtfertigung bedeutet: Ich empfange meine Identität als Geschenk, noch bevor ich etwas geleistet habe.

  • Die Antwort der Dankbarkeit: Wer sich bedingungslos anerkannt weiß, muss nicht mehr um seinen Wert kämpfen. Die Antwort darauf ist keine „Gegenleistung“, sondern freie Dankbarkeit, die sich dem Nächsten zuwendet.

Adams Fazit: Die Rechtfertigung ist das „letztgültige Anerkanntsein durch Gott“. Sie befreit den Menschen vom Zwang zur Selbstdarstellung und Leistungsoptimierung.

Mein Kommentar

Gottfried Adam gelingt in seinem Beitrag eine beeindruckende „Übersetzungsleistung“. Indem er die reformatorische Rechtfertigungsbotschaft mit den modernen Diskursen über Anerkennung (Honneth) und die Logik der Gabe (Ricœur) verknüpft, macht er das Sola Fide in einer Welt verstehbar, die unter dem Diktat der Selbstrechtfertigung und permanenten Selbstoptimierung zu ersticken droht. Besonders die Profilierung des „Empfangens“ als Akt der Freiheit ist ein starker homiletischer Impuls. 

Doch scheint mir ein entscheidender Punkt für die theologische Tragfähigkeit dieses Ansatzes noch eine stärkere Akzentuierung zu benötigen: Die Radikalität der menschlichen Konstitution als Simul iustus et peccator

Adams Rückgriff auf die „vorgreifende Anerkennung“ bleibt dort ein rein psychologisches oder sozialphilosophisches Phänomen, wo wir die Tiefe unserer „Gefangenschaft“ (Luther) unterschätzen. Adam erwähnt zwar den biblischen Sündenfall, die Trennung des Menschen von Gott, geht aber auf diesen aus meiner Sicht entscheidenden Punkt nicht weiter ein. Der Kern des Sündenfalls liegt nicht in der Übertretung eines moralischen Einzelgebots („Esst nicht davon!“). Die eigentliche Katastrophe ist die Verlockung der Schlange: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ 

Heute erleben wir massiv die „Spätfolgen“ dieser Verheißung. Gott ist in weiten Teilen unserer Gesellschaft in die absolute Vergessenheit geraten. Das Fatale daran: Wenn Gott als Bezugspunkt verschwindet, nimmt der Mensch selbst Gottes Stelle ein, wie es die Schlange ihm eingeflüstert hat. Der Mensch ist nun gezwungen, sein eigener Schöpfer, Richter und Erlöser zu sein. 

Der allgegenwärtige Optimierungs- und Leistungsdruck ist die logische Konsequenz dieser Selbst-Vergottung: Wer „wie Gott“ sein will, muss auch perfekt sein. Und genau da scheitert die Menschheit im Augenblick - und auch in der Vergangenheit - auf allen Ebenen. 

Der populärwissenschaftliche Autor Hoimar von Ditfurth, die Älteren werden sich vielleicht an ihn erinnern, sieht in der „Erbsünde jene unserer kardinalen Schwächen, auf die auch die evolutionäre Betrachtung des heutigen Menschen uns hat stoßen lassen: unsere prinzipielle, aus unserer ‚Natur‘ entspringende Unfähigkeit, das, was wir als richtig erkannt haben, auch zu tun“. Nichts anderes schreibt Paulus im Brief an die Römer: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19) 

Damit ist der Sündenfall kein moralisches Versagen, sondern die tragische Trennung von Gott, in der der Mensch versucht, wie Gott zu sein. Meines Erachtens wird Adams Gedankengang erst dann vollends fruchtbar, wenn wir diese Trennung ernst nehmen. Wir brauchen Gott nicht als ergänzendes „Extra“, sondern als die einzige Instanz, die außerhalb unseres geschlossenen Systems von Leistung und Gegenleistung steht. 

Erst wenn der Mensch seine prinzipielle Unfähigkeit zur Selbsterlösung erkennt, wird die „Gabe der Anerkennung“ als befreiende Rechtfertigung erfahrbar. Rechtfertigung bedeutet dann, dass Gott uns wieder in das rechte Verhältnis zu sich setzt – nicht als kleine Götter, sondern als geliebte Geschöpfe. Der Mensch darf wieder Mensch sein. Er muss nicht mehr perfekt sein, weil er definitiv von Gott „anerkannt“ ist. 

Erst diese radikale Entlastung vom Zwang zur „Gottgleichheit“ macht den Weg frei für das, was Gottfried Adam als „Leben aus der Gabe“ beschreibt.

Allmacht als Wesen oder als Wunsch?

Ist Christus nicht auferstanden, ist unser Glaube umsonst ...

Gaza, Ukraine, das Schweigen Gottes: Kann man heute noch guten Gewissens vom 'allmächtigen Vater' sprechen? In meinem neuen Blogbeitrag setze ich mich mit Werner H. Ritters radikalem Vorstoß auseinander. Warum die Auferweckung Jesu die Grenze jeder Dekonstruktion ist und warum wir die Allmacht gerade im Angesicht des Todes brauchen, lesen Sie hier.

Kurz zusammengefasst: 

Werner H. Ritter "Allmacht Gottes - Dekonstruktion und Rekonstruktion eines umstrittenen Begriffs - ein Versuch

In seinem Aufsatz im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 02/2026 setzt sich der Theologe Werner H. Ritter kritisch mit einem zentralen christlichen Gottesattribut auseinander. Angesichts der gegenwärtigen Weltlage (Ukraine, Gaza) und historischer Katastrophen stellt Ritter die Frage, ob die Rede von einem „allmächtigen Gott“ heute noch theologisch redlich verantwortet werden kann.

Die Kernthesen des Aufsatzes:

  • Die Dekonstruktion: Ritter argumentiert, dass die Behauptung, Gott „sitze im Regimente“, angesichts des realen Leids und der Macht von Tyrannen kontrafaktisch sei. Wer Gott weiterhin als allmächtig bezeichne, betreibe eine „theologische Unehrlichkeit“, die das Grauen der Welt ausblende oder mit „Kirchensprech“ kaschiere.

  • Abschied vom „Summum Bonum“: Er kritisiert die Vorstellung Gottes als das rein gute Höchste Gut (summum bonum). Diese Vorstellung blende das Leiden in und an der Welt aus und schaffe keinerlei Linderung.

  • Vom Faktum zur Imagination: Als Rekonstruktion schlägt Ritter vor, Allmacht nicht mehr als Tatsachenbeschreibung zu verstehen. Sie sei vielmehr ein „Entwurf von Wirklichkeit“ oder eine „Imagination“, die über das faktisch Gegebene hinausgeht (ein Surplus). Allmacht ist für ihn ein „Suchbegriff“, keine gesicherte Erkenntnis.

  • Verbales Abrüsten: Ritter fordert eine „postheroische“ Theologie. Da der Ausgang der Geschichte offen sei und Gott oft als schweigend erfahren werde, solle man den Allmachtsbegriff nur noch vorsichtig tastend und demütig verwenden – primär als Ausdruck persönlicher Hoffnung, nicht als dogmatisches „Basta-Argument“.

Ritters Fazit lautet: Die ungebrochene Rede von Gottes Allmacht ist ein untauglicher Beschwichtigungsversuch. Ob ein Gläubiger den Begriff im Gebet noch verwendet, müsse letztlich jeder im Rahmen seines eigenen „Frömmigkeitsskripts“ selbst entscheiden.

Mein Kommentar

Werner H. Ritter unternimmt in seinem Aufsatz zur “Allmacht Gottes” den Versuch einer radikalen Flurbereinigung. Sein Ruf nach „theologischer Ehrlichkeit“ und „verbalem Abrüsten“ angesichts der Katastrophen von Gaza bis in die Ukraine ist ein Impuls, der zunächst sinnvoll erscheint. Wer hat nicht schon am Grab gestanden und mit der „Allmacht Gottes“ gerungen? Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich Ritters Dekonstruktion als eine Verzeichnung, die das Herzstück des christlichen Bekenntnisses zugunsten einer subjektiven Welterfahrung preisgibt. 

1. Das Missverständnis der Allmacht als „Kausal-Maschine“ 

Ritter unterstellt der traditionellen Dogmatik ein mechanistisches Verständnis von Allmacht - Gott als die Super-Ursache, die per Knopfdruck Weltgeschichte steuert. Doch die kirchliche Tradition war nie so naiv. Allmacht bedeutet im biblischen Sinne nicht Determinismus, sondern Möglichkeit. Wenn wir im Apostolikum den „allmächtigen Vater“ bekennen, dann tun wir das im Bewusstsein der Schöpfung und der Auferweckung Jesu. Ritters Vorwurf, dieses Reden sei „kontrafaktisch“, verkennt den Charakter des Glaubens: Glaube orientiert sich nicht an der Empirie der Weltläufe, sondern am Handeln Gottes, das die Weltläufe transzendiert. 

2. Getsemani: Allmacht ohne Automatismus

Die biblischen Zeugen - von den Propheten bis zu den Evangelisten - kannten das Leid und die Ohnmachtsbildnisse ihrer Zeit nur zu gut. Dennoch hielten sie an der Allmacht fest. Warum? Weil Allmacht die Voraussetzung für das Gebet ist. Jesu Ringen in Getsemani („Alles ist dir möglich“, Mk 14,36) zeigt: Das Bekenntnis zur Macht Gottes ist die Basis, um sich seinem Willen überhaupt anheimgeben zu können. 

Entscheidend ist dabei: Gottes Allmacht zeigt sich nicht darin, dass er Jesus - und damit letztlich sich selbst - den Kreuzestod erspart. Sie erweist sich vielmehr im schöpferischen Akt der Auferweckung Jesu von den Toten. Hier liegt das eigentliche Fundament des christlichen Glaubens. Wer einen Toten zum ewigen Leben erweckt, der hat wahrlich „alle Macht im Himmel und auf Erden“. Dies ist kein theoretisches Konstrukt, das ist vielmehr die reale, erzählbare Erfahrung der Osterzeugen. Ohne diese Tat Gottes wäre unser Glaube, wie Paulus in 1. Kor 15 pointiert, schlicht „umsonst“. Ohne Allmacht wird Gott zum bloßen Mit-Leidenden, zu einem tragischen Helden der Ohnmacht, der uns zwar versteht, aber nicht retten kann. 

3. Das Zeugnis der Märtyrer: Schauen statt Rechnen 

Von dieser österlichen Macht her gewinnt auch das Zeugnis der Märtyrer seine eigentliche Tiefe. Ritter macht die eigene Welterfahrung zum Richter über das Gottesprädikat und konstatiert fast buchhalterisch, dass der Ruf nach dem Allmächtigen geschichtlich keine Rettung „geleistet“ habe. Doch wer so argumentiert, verkennt die Perspektive derer, die „in extremis“ standen und beteten. 

Das Zeugnis eines Stephanus (Apg 7) macht deutlich: Die Macht Gottes erweist sich nicht im Ausbleiben der Steine, sondern in der Eröffnung des Himmels angesichts der Hinrichtung. Die Märtyrer haben nicht auf einen „Rettungsautomatismus“ für ihr biologisches Leben gesetzt, sondern sie haben im Vertrauen auf den Auferwecker ihr Leben in Gottes Hand gelegt. Sie haben nicht „Hoffnung gespielt“, sondern die Herrlichkeit Gottes bereits geschaut. Ritter missachtet diese existentielle Dimension, wenn er das Schweigen Gottes am Schafott als Beweis für die Hinfälligkeit des Allmachtsbegriffs wertet. 

Fazit: Die Auferstehung als Grenze der Dekonstruktion 

Ritters Forderung, die Allmacht als „kausale Übermacht“ zu verabschieden, erscheint auf den ersten Blick und angesichts der gegenwärtigen Erfahrungen mit dem Leid logisch und angemessen, aber sie führt in eine theologische Sackgasse. Wenn wir die Rede von der Allmacht in den Bereich der bloßen „Imagination“ oder „Option“ verschieben, verlieren wir den Boden der christlichen Hoffnung. Wir müssen das Schweigen Gottes aushalten, ohne ihm die Fähigkeit zum Handeln abzusprechen. Anstatt „verbal abzurüsten“, sollten wir lieber „theologisch aufrüsten“: Nicht im Sinne von Vollmundigkeit, sondern im Sinne einer tiefen Verankerung in der Theologia Crucis. Ritters „postheroische“ Theologie mag zwar intellektuell weniger Anstoß erregen, aber sie droht, den Menschen in der Not genau das zu nehmen, was sie trägt: Den Gott, dem kein Ding unmöglich ist.