Dienstag, 30. Juni 2026

Wie ein Hengst in der Schlacht ...

Transformation der Kirche? Was ist das Ziel?

Wer in den vergangenen Monaten aufmerksam das Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt gelesen hat, dem bietet sich ein Bild wie von Perlen an einer Schnur. Systematisch und mit beachtlicher Regelmäßigkeit erscheinen dort Aufsätze, die sich unter dem großen Stichwort der „regio-lokalen Kirche“ oder einer betont „liberalen Theologie“ subsummieren lassen. Es wirkt fast wie ein konzertierter, unaufhaltsamer Fahrplan.

Man lese nur die Titel der Befürworter und Vordenker dieses Kurses: Julia Koll schrieb über die „Transparochiale Kirche – Voraussetzungen und Verheißungen“, während Kurt Bangert bereits im vergangenen Jahr (6/2025) mit seinen „40 Thesen zur Reform des Christentums“ die Botschaft Jesu wieder zur Botschaft der Kirche machen wollte und nun im Frühjahr 2026 einen „Katechismus für ein liberales Christentum“ vorlegte. Markus Beile ging der Frage nach, warum immer mehr Menschen die Kirche verlassen, und schlägt vor, dass die Kirche eine neue Form religiöser Anschauung und Praxis entwickeln muss, die Religion als anthropologisches Phänomen versteht und die Welt als unbegreifliches Wunder deutet. Im März legte Steffen Bauer nach („Transformation proaktiv gestalten“), flankiert von Christiane Quincke und ihrem „Weg zu einer postparochialen Kirche in Pforzheim“. Im Mai schließlich zeichnete Bauer seine „Skizzen aus der Zukunft – Kirche im Jahr 2040“, während Detlef Dieckmann das Interview mit der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst überschrieb: „Veränderung ist uns als Kirche wesentlich.“

Zwar gab es in den Heften durchaus gewichtige Gegenpositionen. Doch diese wirkten im Vergleich eher wie vereinzelte Fundstücke, wie solitäre Glanzstücke, die jeweils für sich stehen mussten: Seien es Mareile Lasoggas biblische Orientierungshilfen („Nüchtern werden“), Christoph Bergners Analyse „Der Verlust der Nähe“ oder Andreas Dreyers dringende Warnung, warum der Körperschaftsstatus eben kein Adiaphoron – keine Nebensache – ist („Werft Euer Vertrauen nicht weg…“). Auch das Plädoyer von Autoren um Frank Uhlhorn („Wie die Kirchen Gehör finden könnten“), Christian Möllers „Plädoyer für eine verlässliche Kirche der kurzen Wege“, Werner Thiedes Replik auf Bangert („Die theologischen Tricks der liberalen Theologie“), Frank Weyens „Ohnmacht aus Willkür“ oder jüngst Martin Schucks Mahnung zur geplanten Transformation in der Pfalz („Die Stärkung der Gemeinden wäre ein mutiges Signal“) zeigten: Der Widerstand ist theologisch und strukturell fundiert begründet.

Wie ein Hengst in der Schlacht ...

Doch im realen Fahrplan der Landeskirchen scheint diese Kritik kein Gehör zu finden. Angesichts dieser starren Entschlossenheit der Kirchenleitungen, bei der scheinbar keine kritische Position den Kurs korrigieren darf, kommt mir - vielleicht etwas vermessen und überzogen - das Prophetenwort aus Jeremia 8,4–7 in den Sinn:

„Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am Trug, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“

Bild: Leonardo da Vinci:
A rearing horse, and heads of horses, a lion and a man
(ca. 1503–1504). Royal Collection Trust / Wikimedia Commons.
Das Werk ist weltweit und in den USA gemeinfrei (Public Domain).
Ausführlicher Bildnachweis noch einmal am Ende des Beitrags.

Man fragt sich unwillkürlich: Was ist das eigentliche Ziel dieses Prozesses, der die Ebenen oberhalb der Kirchengemeinde vor Ort derart stärken will? Meinen die Verantwortlichen wirklich, mit zentralisierter Strukturpolitik und dem Abbau der Parochie Menschen an die Kirche binden zu können?

Dabei geht es mir keineswegs um ein starres Festhalten am Status quo. Ich sehe die unbedingte Notwendigkeit von Veränderungen in unserer Kirche durchaus und akzeptiere, dass wir vor gewaltigen Anpassungen stehen. Was ich jedoch strikt ablehne, ist die Stringenz und die absolute Alternativlosigkeit, mit denen das Konzept einer "regio-lokalen Kirche" von oben durchgepeitscht wird, ohne Raum für andere, organische Wege zu lassen.

Dan Peter über die württembergische Landeskirche

Exakt auf dieser dogmatischen Linie der regio-lokalen Perspektive liegt auch der Beitrag von Dan Peter im aktuellen Pfarrerblatt (Ausgabe 6/2026) unter dem Titel »Gebt Rechenschaft von der Hoffnung, die in euch ist« (1. Petrus 3,15) – Die Evangelische Landeskirche in Württemberg als eine "Kirche im Umbau zur Herberge der Mündigkeit".

Peter zeichnet darin das Bild einer proaktiven Landeskirche, die dem spürbaren Rückgang von Mitgliedern, Finanzen und Pfarrpersonen nicht mit Zukunftsangst, sondern mit „Hoffnung“ begegnen will. Der Weg dorthin führt über radikale Transformationsprozesse: die Stärkung regio-lokaler Zusammenarbeit, das Zusammenlegen von Kirchengemeinden und Bezirken sowie die Reduzierung der Prälaturen. Konkret untermauert wird dies durch den Pfarrplan 2030 zur Verteilung der Pfarrstellen, das neue Controlling-Instrument der „Jahresplanung im Pfarrdienst“ (JAP) zur Leistungstransparenz und den Immobilienprozess „OIKOS“, der kirchliche Gebäude auf den Prüfstand stellt. Flankiert wird all dies von einer „Digitalen Roadmap“ samt KI-Expertise, Sinnfluencer-Netzwerken und einer Agende für ein digitales Abendmahl. Das erklärte Ziel: die Transformation zu einer modernen „Herberge der Mündigkeit“ mitten im Alltag der Menschen.

Soweit die kirchenoffizielle Darstellung. Zeit, einen genaueren Blick auf diese Verheißungen zu werfen. Der Kommentar ist auch in der Onlineausgabe des Pfarrerblatts zu lesen.


Wasser in den württembergischen Wein gießen

Ein Kommentar zu den Reformverheißungen in Württemberg – und dem Systemfehler der gesamten EKD

Wenn man den Bericht von Dan Peter über den Zustand der Evangelischen Landeskirche in Württemberg liest, könnte man fast ins Schwärmen geraten. Da ist von einer „Kirche im Umbau zur Herberge der Mündigkeit“ die Rede, von „Transformationsprozessen“, einer „Digitalen Roadmap“ samt KI-Expertise und von „Sinnfluencern“, die das Evangelium ins Netz tragen. Alles verpackt in das biblische Motto: „Gebt Rechenschaft von der Hoffnung, die in euch ist“. Es riecht nach Aufbruch, nach edlem, gereiftem Wein. Doch wer an der Basis arbeitet, dem kann der Geschmack schnell vergehen. Es ist Zeit, ein wenig Wasser in diesen württembergischen Wein zu gießen – wohlwissend, dass dieser Wein mittlerweile in fast allen Landeskirchen der EKD ausgeschenkt wird.

Das Zauberwort: regio-lokal ...

Denn das, was Dan Peter für Württemberg beschreibt, ist kein regionaler Sonderweg. Es ist das Standard-Drehbuch des aktuellen kirchlichen „Transformationsprozesses“ bundesweit. Was meinen massiven Widerstand hervorruft, ist die absolute Alternativlosigkeit und Ausschließlichkeit, mit der das „regio-lokal“ ausgerichtete Konzept mittlerweile durch die kirchenpolitischen Lande gepeitscht wird. Hier im Artikel ist es „die“ württembergische Landeskirche, im Heft 05/2026 „schaute“ Steffen Bauer visionär sogar schon auf die Zukunft der Kirche im Jahr 2040. Kooperation und Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg? Natürlich, das ist sinnvoll und absolut vorstellbar – allerdings nur auf Augenhöhe und in Freiheit! Stattdessen erlebe ich einen von oben verordneten Zwang, der allzu oft mit einer künstlich herbeigeführten Verknappung von Ressourcen begründet wird, um Fakten zu schaffen. In persönlichen Zweiergesprächen nicken viele bei dieser Kritik, doch in der offiziellen, öffentlichen Diskussion vermisse ich diesen Einspruch schmerzlich.

Im kirchenrechtlichen Klartext bedeutet „regio-lokal“ letztendlich die schleichende Entmachtung der Ortsgemeinde. Wenn Gemeinden ihren Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts verlieren und zu bloßen Anhängseln einer zentral verwalteten Großregion werden, stirbt die Identität vor Ort. Kirche lebte bisher davon, dass man sich kannte. Künftig kennt man vor allem die nächste Verwaltungsebene. 

JAP ...

Besonders bitter schmeckt die Verheißung der „Jahresplanung im Pfarrdienst“ (JAP). Was als „Unterstützung und Transparenz“ angepriesen wird, kann sich ganz schnell als eiskaltes Controlling aus der Betriebswirtschaft entpuppen. Am Ende des Jahres steht die Pfarrperson wie ein weisungsgebundener Projektmanager vor dem Dekan oder Superintendenten und muss Rechenschaft ablegen: Ziele erreicht? Vorgaben eingehalten? Dass der Pfarrberuf über Jahre hinweg durch ausufernde Bürokratie und den Verlust von echter Gestaltungsmacht vor Ort systematisch abgewertet wurde, verschweigt das kirchenleitende Narrativ elegant. Der Nachwuchsmangel wird wie ein unverschuldetes Wetterphänomen beklagt, anstatt die hausgemachten strukturellen Fehler zu benennen.

Digital ...

Als moderner Trostpreis wird die Digitalisierung ins Feld geführt. Die württembergische Landeskirche ist sogar stolz darauf, als einzige eine eigene Agende für ein digital gefeiertes Abendmahl erarbeitet zu haben. Gefeiert werden soll das dann wohl mit den kircheneigenen „Sinnfluencern“. Doch die Annahme, man könne den realen Beziehungsabbruch in der Fläche durch Klicks und Bildschirmsakramente kompensieren, ist eine gefährliche Illusion. Digitale Reichweite schafft keine verbindliche Gemeinschaft, weder im Netz noch vor Ort.

Verwaltung ...

Dass die kirchliche Verwaltung dringend modernisierungsbedürftig ist, kann nicht bestritten werden. Den Württembergern ist zu wünschen, dass sie dabei mehr Erfolg haben als andere Landeskirchen, die im bürokratischen Chaos versunken sind.

Oikos - Keimzelle des Glaubens oder Abwicklung?

Eine ganz schmerzhafte Wunde schlägt der Immobilienprozess, der in Württemberg unter dem Namen „OIKOS“ firmiert. Man muss sich die theologische Absurdität auf der Zunge zergehen lassen: Im griechischen Urtext des Neuen Testaments beschreibt der Oikos das „Haus“ – jene vertraute, beziehungsstarke Hausgemeinschaft, die die Keimzelle der ersten christlichen Gemeinden bildete. Wenn es in der Apostelgeschichte heißt, dass ein Gläubiger sich und sein ganzes „Haus“ taufen ließ, stand dort der “Oikos”. Ausgerechnet diesen Begriff, der für das lebendige Wachstum intimer Gemeinschaft vor Ort steht, wählt die Kirchenbürokratie nun als Namen für ein Excel-gesteuertes Abwicklungsprogramm.

Mit „vergleichbaren Kriterien“ wird errechnet, welche Gebäude weichen müssen. Verkauf, Abriss, Umwidmung. Betroffen sind nicht nur Gemeindehäuser, sondern zunehmend die Kirchen selbst. Das trifft das Herz einer Gemeinde. Eine Kirche ist kein bloßer Zweckbau, keine Immobilie, die man nach Auslastung bewertet. Eine Kirche, in der Gottesdienst gefeiert wird, ist ein sichtbares, steinernes Zeichen für den christlichen Glauben im Dorf oder im Quartier. Dass Generationen von Gemeindegliedern für ihre Kirche - auch für Gemeindehaus, Kita und was sonst noch gebaut wurde - gespendet, geschuftet und gebetet haben, das zählt im kirchenleitenden Denken offensichtlich wenig. Die Botschaft an die Menschen ist fatal: Eure Gaben waren nett, aber sie waren eben nur auf Zeit angelegt.

Von oben nach unten ...

Das Grundproblem ist und bleibt in meinen Augen: Die Kirche baut um – aber sie baut von oben nach unten. Wenn aus der ursprünglichen, biblischen Vision des Oikos am Ende nur eine zentralverwaltete Filialkirche im geordneten Rückzug wird, hilft auch das schönste theologische Etikett der Hoffnung nicht mehr. Dieser Wein schmeckt sauer.

Bildnachweis zum oben eingefügten Bild

  • Künstler: Leonardo da Vinci (1452–1519)
  • Titel: A rearing horse, and heads of horses, a lion and a man (Recto, RCIN 912326)
  • Quelle: Wikimedia Commons / Royal Collection
  • Lizenzstatus: Gemeinfrei / Public Domain. Das Urheberrecht für dieses Werk ist weltweit abgelaufen (Schutzfrist mehr als 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers). Das Werk erfüllt zudem die Kriterien für die United States Public Domain.

Donnerstag, 21. Mai 2026

Noch einmal: Ecclesia evangelica, quo vadis?

Über Transformation, Rückbau und Mut zur Gemeinde

„Ecclesia evangelica, quo vadis?“ – diese Frage habe ich hier im Blog bereits des Öfteren gestellt. Doch die Diskussion um die Zukunft und die „Transformation“ unserer Kirche ebbt nicht ab; im Gegenteil, sie gewinnt an Schärfe. Die aktuelle Ausgabe des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts bietet den Vordenkern dieses Wandels nun eine prominente Plattform, die eine eingehende Auseinandersetzung geradezu herausfordert.

In den Beiträgen dieser Ausgabe prallen Welten aufeinander. Da ist Steffen Bauer, der als Koryphäe der „Transformation by Design“ gilt und in seinen Skizzen für das Jahr 2040 einen prophetischen Blick in die Zukunft wirft. Da ist das Interview von Chefredakteur Detlef Dieckmann mit der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst, in dem sie das Bild einer Kirche zeichnet, für die Veränderung zum Wesenskern gehört und die mehr oder weniger genau dem entspricht, was Bauer designt. Und da ist Martin Schuck, der aus derselben Landeskirche einen ganz anderen Blick auf die Dinge wirft: Was für die eine Fortschritt ist, ist für ihn nichts weniger als der bewusste Rückbau der evangelischen Kirche. Seine Forderung nach einer Stärkung der Gemeinden steht dabei als mutiges, notwendiges Gegenprogramm im Raum.

In diesem Blogbeitrag möchte ich diese unterschiedlichen Positionen beleuchten. In den eingefügten Übersichtskästen habe ich mit bemüht, die Argumentationen der Autoren zusammenzufassen. Daran schließen sich dann meine Kommentare an.

Ein besonderes Augenmerk gilt Steffen Bauers „Transformation by Design“. Die Debatte um sein Konzept hat mich nicht nur zu einer Glosse angeregt, sondern auch zu einem intensiven Austausch in der Kommentarspalte des Pfarrerblatts geführt. Als dort der Wunsch laut wurde, endlich konkrete Möglichkeiten statt bloßer Bedenken zu hören, konnte ich nicht widerstehen: Ich habe den Blick auf die Gemeindearbeit in Meppen gelenkt – als ein Beispiel dafür, wie Kirche vor Ort gelingen kann. 

Ich lade Sie ein: Machen Sie sich selbst ein Bild. Lesen Sie die Originaltexte im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt und verfolgen Sie die Diskussion. Das gilt insbesondere für die Kommentare zu Steffen Bauers Artikel, die ich hier nicht mehr einfüge, weil das den Rahmen sprengen würde. 

Meine Zusammenfassungen und Gedanken hier im Blog sollen Ihnen dabei als Kompass dienen, um sich in diesem komplexen Reformprozess zu orientieren.

Steffen Bauer, Skizzen aus der Zukunft - Kirche im Jahr 2040

KI-generiert

Okay, wenn ich mit der Glosse zu Steffen Bauers anfange, ist das nicht ganz fair, aber ich habe von Bauer schon manches gelesen, bei dem ich mit dem Hintergrund meiner Gemeindeerfahrung nur den Kopf schütteln kann. 

Transformation by Design oder per Algorithmus? 

Als Julia Koll in der Januarausgabe dieser seriösen Publikationsreihe zum ersten Mal die “Glaskugel” in den Händen von Steffen Bauer erwähnte, unkte mancher, dieses “Werkzeug” gehöre doch wohl nicht zum theologischen Repertoire. Doch Steffen Bauer hat uns jetzt eines Besseren belehrt. Mit prophetischem Eifer blickt er auf das Jahr 2040 und sieht die Freiburger Studie im Zeitraffer wahr werden. In schillernden Farben ersteht vor uns die fluide Großgemeinde, ohne Kirchenkreis oder Dekanat, ohne Landeskirche, im Durchschnitt 25.000 Mitglieder stark und bei Problemen beraten von der EKD. Ein „Angebot“ folgt auf das nächste – alles nach Plan, alles „Transformation by Design“. Man fragt sich unwillkürlich: Ist das die Rettung der verlorenen Relevanz der Kirche oder doch eher eine „Transformation to Disaster“? 

Das Design der leeren Hüllen?

Bauers Vision besticht durch radikale Struktur-Logik: Wo heute noch mühsam verwaltet wird, sieht er 2040 nur noch vernetzte Großräume und „fluide kirchliche Präsenz“. Besonders pikant: Bauer beruft sich in seinen Anmerkungen ausgerechnet auf den dialektischen Theologen Karl Barth. Man wagt kaum darüber nachzudenken, was der Altmeister der „Kirchlichen Dogmatik“ zu diesem Entwurf sagen würde. Dass das „ganz Andere“ Gottes nun ausgerechnet in der perfekten Optimierung kirchlicher Change-Management-Prozesse Gestalt annimmt, hätte Barth wohl mit einem sehr dialektischen – und vermutlich sehr lauten – „Nein!“ quittiert. Während Bauer das Gehäuse der Kirche perfekt durchdesignt, bleibt die Frage nach der „Software“, dem eigentlichen Inhalt, seltsam unterbelichtet. Die Organisation scheint hier wichtiger zu werden als die Botschaft. 

Die Rettung aus der Cloud – und dem Schaukasten

Hier setzt Eberhard Steinborn mit seinen Kommentaren an und füllt Bauers Struktur-Hüllen mit digitalem Leben. Da die bisherige kirchliche Sprache ohnehin als „theologische Fremdsprache“ wahrgenommen wird, soll die KI die Bibel reaktivieren. Sein Rezept: KI-gestützte Problembearbeitung bzw. …

  • Bibel per Prompt: Für jedes psychologische Alltagsproblem findet die KI die passende biblische Lösungsoption einschließlich Bibelvers.

  • Wissensriesen werden aktiv: Ein digitaler Fundus im Netz soll die Kluft zwischen theoretischem Wissen und praktischer Realisierung schließen. 

  • Gegen die künstliche Intimität: Die KI soll mit der Botschaft der Liebe „gefüttert“ werden, um Menschen aus ihrer „süchtig machenden Vereinzelung“ zu befreien. 

Besonders charmant ist Steinborns Sinn für Medialität. Die so mühsam vom Algorithmus errechneten Problemlösungen sollen anschließend „medienwirksam in den Schaukästen angekündigt“ werden. Man sieht es förmlich vor sich: Während die Welt in „künstlicher Intimität“ versinkt und Bauer fluide Pop-up-Räume designt, liefert der bewährte Schaukasten neben der Kirchentür den analogen Screenshot der göttlichen KI-Logik. Ein beruhigendes Bild – High-Tech-Exegese trifft auf die Ästhetik von ausgeblichenem Fotopapier und Reißzwecken oder - ganz modern - Haftmagneten. 

Fazit: 

Während Bauer die Leinwand für das strukturelle „Design“ 2040 grundiert, liefert Steinborn die Prompts für den göttlichen Algorithmus gleich mit. Wenn „Transformation by Design“ bedeutet, dass wir die biblische Deutungshoheit an eine KI delegieren, damit diese mundgerechte Häppchen für den Schaukasten produziert, haben wir in 14 Jahren vielleicht hocheffiziente Angebote. Ob dabei allerdings noch der Heilige Geist weht – der ja fährt, wohin er will – oder nur ein sehr gut trainiertes Sprachmodell die Predigt übernimmt, die vielleicht gar keiner der 25.000 Mitglieder hören will, das bleibt die spannendste Frage beim Blick in Bauers Glaskugel.

Was will Bauer denn sagen?

Ich versuche mal, so unvoreingenommen wie möglich zu sein. Es gilt aber auch hier meine Aufforderung: Machen sie sich selbst ein Bild, lesen Sie den Aufsatz im Original. 

Wenn Steffen Bauer eine Zukunftsvision für die evangelische Kirche im Jahr 2040 entwirft, dann versteht er seine Ausführungen nicht als starre Prognose, sondern als „vorläufige Zielpunkte“, die Struktur, Kultur und Steuerung der Kirche radikal neu denken wollen.

Die theologischen und strukturellen Kernthesen:

  • Rückbesinnung auf den Gemeindebegriff: Bauer knüpft explizit an Karl Barth an und betont, dass „Gemeinde“ eine konkrete Zusammenkunft von Menschen ist. Kirche soll sich von einer flächendeckenden Institution zu einem lebendigen Netzwerk wandeln, das sich dort formiert, wo Menschen zusammenkommen.

  • Transformation by Design: Der Autor plädiert für eine bewusste, gestaltete Transformation. Die Kirche der Zukunft soll „fluid“ und hochgradig vernetzt sein. Er identifiziert dabei „Elefanten im Raum“ – zentrale Strukturprobleme –, die bisher kaum offen adressiert wurden, aber für eine Zukunftsfähigkeit zwingend gelöst werden müssen.

  • Wandel der Steuerung: Bauer skizziert einen Weg weg von der klassischen, hierarchisch-territorialen Struktur hin zu flexiblen, sozialräumlichen Organisationsformen. Die Steuerung soll sich an der Wirksamkeit vor Ort orientieren, wobei er die „theologische Vergewisserung“ als notwendigen Kompass für alle Veränderungsprozesse betrachtet.

  • Mut zur Veränderung: Der Aufsatz ist als Weckruf zu verstehen, der die Kirche auffordert, sich von liebgewonnenen, aber nicht mehr wirksamen administrativen Altlasten zu lösen und den Gestaltungsprozess aktiv in die Hand zu nehmen, statt den Niedergang lediglich zu verwalten.

Bauer versteht seinen Ansatz als provokantes Gegenüber zu einer eher bewahrenden Parochial-Theologie. Er fordert dazu auf, radikal neu zu konstruieren, um Kirche in einer säkularisierten Gesellschaft wieder als „Gemeinde“ erfahrbar zu machen.

Meine Kritik

Den allgemeinen Ausführungen von Bauer auf den ersten Seiten seines Aufsatzes kann ich ja ansatzweise noch folgen. Wenn er aber dann die "regio-lokale Kirche" im Jahr 2040 beschreibt, so sagt meine heutige Erfahrung, dass dies nicht gelingen wird.

1. Das Identifikations-Paradox: Größe vs. Bindung

Zitat: ... Von diesen Regionalgemeinden gibt es in Deutschland im Jahr 2040 dann etwa 400 mit durchschnittlich 25.000 Gemeindemitgliedern (die Größe wird stark variieren), die, wo möglich, in ihrem Zuschnitt den 400 kreisfreien Städten bzw. Landkreisen in Deutschland entsprechen.

Anmerkung: Deutschland hat aktuell 83.500.000 Einwohner. Rein rechnerisch kommen dann auf die 400 kreisfreien Städten bzw. Landkreisen 208.750 Einwohner.

Bauer operiert mit Einheiten (25.000 Kirchenmitglieder bei 200.000+ Einwohnern), die für eine „Kirche mittendrin“ viel zu abstrakt sind. Eine „regio-lokale Kirche“ kann in dieser Größenordnung keine Heimat bieten.

  • Argument: Identifikation benötigt eine überschaubare, menschliche Skalierbarkeit. Ein Verwaltungsbezirk – und nichts anderes wäre Bauers „regio-lokale Kirche“ – kann keine „Gemeinde“ im Sinne einer geistlichen Heimat sein, da die Anonymität der Masse jede persönliche Bindung erstickt.
  • Die Erfahrung ist ernüchternd: Je größer die Organisation, desto weiter entfernt sie sich von den Menschen. Eine Leitungsebene, die für abstrakte Sozialräume zuständig ist, verliert zwangsläufig den Blick für die konkrete Not vor Ort, da sie in der administrativen Koordination der Großstrukturen gefangen bleibt. Eine Identifikation findet hier heute schon nicht statt – warum sollte sich das durch eine Umbenennung ändern?

2. Die Illusion der „Kultur der Ermöglichung“

Bauer propagiert für 2040 eine Kultur der Ermöglichung, die im Heute, wo sie am dringendsten nötig wäre, durch zentralistische Kontrolle blockiert wird.

  • Argument: Es ist ein klassischer „Design“-Fehler, zu glauben, man könne eine lebendige Kultur verordnen. Die Strukturreformen, die wir aktuell erleben (Zusammenlegungen, Großdekanate), erzeugen das genaue Gegenteil: Eine „Kultur der Verwaltung“, in der Energie für den Erhalt des Apparats statt für die Mission vor Ort verbraucht wird. Dass Bauer die EKD als „kleinen Überbau“ rettet, ist zudem ein Realitätsverlust, da die EKD in der Wahrnehmung der Basis eher als „fernes Symbol der Kirchensteuer“ denn als beratender Partner auftritt.

3. Diakonie und Kirche: Entkopplung statt Synergie

Die Diakonie ist heute schon ein Dienstleister unter vielen (neben ASB, DRK etc.). Viele sehen die Verbindung zur Kirche schon heute nicht mehr.

  • Argument: Die Vision, dass eine „regio-lokale Kirche“ durch sozialräumliches Agieren wieder Identität stiftet, verkennt, dass das diakonische Profil heute schon austauschbar ist. Wenn Kirche keine geistliche Identität mehr vermittelt (die sich von anderen karitativen Trägern unterscheidet), verliert sie im Sozialraum ihren Alleinstellungsanspruch. Das „Design“ ignoriert, dass das Fundament – die Verkündigung – bei Bauer gegenüber der administrativen Strukturierung ins Hintertreffen gerät.

4. Dienstleistungs- und abgestimmte Fachzentren auf EKD-Ebene

Sorry, aber dieser Ansatz ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. 

  • Argument: Bauers Vision einer EKD als „kleiner, aber wichtiger Überbau“ ist zudem realitätsfern. Auf Gemeindeebene findet keine Identifikation mit der EKD statt; sie wird als fernes, bürokratisches Gebilde wahrgenommen. Wer auf diesen „Überbau“ setzt, ohne das Fundament – die lebendige Ortsgemeinde – zu stärken, baut auf Sand. Wir brauchen keine neuen Meta-Ebenen, sondern das Primat der Verkündigung vor der Struktur. 

Kultur der Ermöglichung

Wenn Bauer die Kultur der Ermöglichung für das Jahr 2040 anpreist, warum dann nicht auch jetzt schon. 

  • Die Ortsgemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts.

  • Fast alle Kirchensteuermittel werden hier eingesetzt.

  • Kirchenämter konzentrieren sich auf die Begleitung der Gemeinden. 

  • Aus Drittmitteln finanzierte Einrichtungen müssen sich ganz aus Drittmitteln finanzieren, ansonsten werden sie aufgegeben.

Schaun wir mal, was daraus wird.


Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst (Protestantische Kirche in der Pfalz) im Interview mit Detlef Dieckmann 

»Veränderung ist uns als Kirche wesentlich.«

Die Thesen von Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst im Überblick

  • Paradigmenwechsel im Pfarrberuf: Durch gesellschaftliche Umbrüche (Pandemie, Kriege, Digitalisierung) ist der christliche Glaube keine Selbstverständlichkeit mehr. Das traditionelle Rollenverständnis von Pfarrpersonen muss sich grundlegend wandeln. 

  • Befreiung zur Kernkompetenz: Hauptamtliche Pfarrerinnen und Pfarrer müssen konsequent von Verwaltungs- und Geschäftsführungsaufgaben entlastet werden, um wieder Zeit für ihre „genuinen Professionalitäten“ zu haben: Seelsorge, Verkündigung und Kasualien. 

  • Strukturreform durch Zentralisierung: Um ein drohendes Defizit von 60 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren aufzufangen, geben die Ortsgemeinden ihren Status als Körperschaften öffentlichen Rechts (KdöR) auf. Die Verwaltung wird auf vier Großdekanate und die Landeskirche gebündelt. 

  • Arbeit in Multiprofessionellen Teams: Die Gestaltung vor Ort erfolgt künftig in regionalen „Regio-Teams“ (Pfarrberuf und andere Professionen) mit verbindlichen Geschäftsverteilungsplänen, während die ehrenamtlichen Presbyterien weiterhin die geistliche Leitungskompetenz behalten. 

  • Kulturwandel bei sexualisierter Gewalt: Die Aufarbeitung (ForuM-Studie) erfordert den Abschied von reflexartigem Institutionenschutz und Bagatellisierung hin zu einer konsequenten Perspektive an der Seite der Betroffenen. 

  • Zukunft durch Aufbruchsgeist: Kirche darf sich nicht im „Besitzstandsdenken“, in Strukturdebatten oder der Sorge um Macht und Kontrolle verlieren. Sie muss sich agil und digital an den realen Bedürfnissen der Menschen orientieren („Was willst du, dass ich dir tue?“). 

Mein Kommentar

Die Zähmung der Profession: - Warum der Pfälzer Reformprozess an der Realität “vorbeiglaubt” - Einspruch, Frau Kirchenpräsidentin Wüst!

Das von Detlef Dieckmann geführte Interview mit der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst legt die tiefen tektonischen Verwerfungen offen, die die aktuellen Transformationsprozesse in unseren Landeskirchen durchziehen. Es ist das Dokument einer kirchenleitenden Vision, die Entlastung verspricht, aber Entmachtung bringt , und die im Gewand der theologischen Vorwärtsverteidigung eine soziologische Deprofessionalisierung des Pfarrberufs betreibt. 

Das Märchen von der „reinen“ Spiritualität

Kirchenpräsidentin Wüst begründet den radikalen Entzug des Körperschaftsstatus der Ortsgemeinden und die Übertragung der Verwaltung auf Großdekanate mit dem pastoralen Wunsch nach Befreiung von administrativer Last. Pfarrpersonen, so die Erzählung, sollen in „Regio-Teams“ wieder das tun, wozu sie „spezifisch qualifiziert“ sind: Verkündigung, Seelsorge, Kasualien. 

Das klingt verlockend, ist aber eine professionstheoretische Sackgasse. Der Pfarrberuf stand historisch stets in einer Reihe mit den klassischen freien Professionen wie Medizin und Jura. Das konstituierende Merkmal einer Profession ist ihre fundamentale Autonomie – die Freiheit von administrativen Weisungen von oben, fundiert durch eine akademische Ausbildung und die Bindung an die Grundlagen des Standes (im Pfarrberuf Bibel, Bekenntnis und Gewissen). 

Wer nun das Management der Ressourcen – das Wissen um Finanzen, Immobilien und das unmittelbare Arbeitsumfeld – als „lästiges Anhängsel“ diffamiert , übersieht eine Grundregel aktiver Gestaltung: Wer seine Ressourcen nicht aktiv kennt und verwaltet, kann auch nicht aktiv gestalten. Wenn das Management in Großbehörden zentralisiert wird, mutiert der Pfarrer vor Ort vom autonomen Leiter zum weisungsgebundenen „Spiritualitätsdienstleister“. Dass jüngeren Kolleginnen und Kollegen diese ökonomische und juristische Steuerungskompetenz im Studium und Vikariat oft nicht mehr als integraler Bestandteil ihrer Gestaltungsmacht vermittelt wird, ist kein Argument für die Reform, sondern ein Offenbarungseid der Ausbildung.

Die Erosion der synodalen Kontrolle

Diese administrative Entmachtung der Parochie hat fatale Folgen für das demokratische Gefüge unserer Kirche. Synoden sind formal der Souverän. In der Praxis leiden sie ohnehin unter einer massiven Asymmetrie: Ehrenamtliche Synodale, die nur wenige Male im Jahr tagen, stehen einer spezialisierten, hauptamtlichen Kirchenverwaltung gegenüber. 

Nach meiner Erfahrung waren es bisher vor allem die gestandenen, akademisch ausgebildeten Pfarrpersonen in den Synoden, die aufgrund ihrer Doppelrolle – als theologische Fachkräfte und administrative Leiter vor Ort – der Kirchenleitung und den Finanzdezernaten auf Augenhöhe Paroli bieten konnten. Wenn diese Gruppe nun in harmonisierende „Regio-Teams“ mit bürokratischen Geschäftsverteilungsplänen eingebunden und vom harten Datenwissen der Verwaltung abgeschnitten wird, bricht dem kirchlichen Parlamentarismus die kritische Speerspitze weg. Die Synoden laufen Gefahr, zu symbolischen Akklamationsgremien zu verkommen. Christoph Bergner hat das in seinem Aufsatz “Der Verlust der Nähe - Wie die Kirche den Bezug zu sich selbst und zu ihren Mitgliedern verlor" sehr treffend beschrieben (vgl. Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 10/2025). Die ehrenamtlichen Presbyterinnen und Presbyter werden den zentralisierten Verwaltungsapparaten der Dekanate künftig noch wehrloser ausgeliefert sein. 

Sachkritik ist keine Psychologie 

Gegen diesen radikalen Umbau regt sich berechtigter Widerstand. Doch wie reagiert die Kirchenleitung auf den fachlichen Einspruch? Mit einer grassierenden Psychologisierung der Debatte. Wenn Kirchenpräsidentin Wüst im Interview betont, sie habe zwar „Verständnis für Trauer, Empörung, auch Streit“, erteile aber „reinem Beharrungsvermögen und der Sorge um Macht“ eine Absage, bedient sie ein durchsichtiges Manöver zur Diskursverweigerung. 

Es ist an der Zeit, eines unmissverständlich klarzustellen: Auch jene Gruppe von Pfarrpersonen, die oft vorschnell als „die Alten“ etikettiert wird, stellt Reformen angesichts sinkender Mitgliederzahlen und Finanzen nicht grundsätzlich infrage. Wenn wir allerdings die schillernden, oft substanzlosen Visionen einer rein digitalisierten oder künstlich fusionierten Patchwork-Kirche kritisieren , dann verbitten wir uns die Etikettierung unseres Widerspruchs als Unfähigkeit zum „Loslassen“. 

Mein Widerstand speist sich nicht aus nostalgischer Verklärung, sondern aus der jahrzehntelangen Erfahrung einer gelingenden, lebensnahen Praxis in der Parochie. Die Ortsgemeinde ist kein defizitäres Auslaufmodell, das man zugunsten steriler Großstrukturen abwickeln muss. Sie ist und bleibt der entscheidende, analoge und greifbare Ort, an dem Menschen im Alltag einer realen Hoffnung begegnen. Man muss uns Gemeinden – Haupt- und Ehrenamtliche – dort nur arbeiten und gestalten lassen, anstatt uns im Namen einer vermeintlichen Effizienz administrativ zu entmündigen. 

Veränderung ist der protestantischen Kirche in der Tat wesentlich. Aber sie gelingt nur durch die Stärkung der theologischen Profession an der Basis, nicht durch ihre Zähmung von oben.


Martin Schuck zur geplanten "Transformation" der Evangelischen Kirche der Pfalz

Die Stärkung der Gemeinden wäre ein mutiges Signal

Die Position von Martin Schuck im Überblick 

In seinem Aufsatz setzt sich Dr. Martin Schuck kritisch mit der geplanten Strukturreform („Transformation“) der Evangelischen Kirche der Pfalz auseinander. Seine Argumentation basiert auf drei Kernsäulen: 

  • Zentralisierung statt presbyterial-synodaler Tradition: Die Reform bricht radikal mit dem protestantischen Grundprinzip, wonach sich die Kirche von den Gemeinden her nach oben aufbaut. Indem den Kirchengemeinden der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts entzogen wird, verlagern sich alle wesentlichen rechtlichen Entscheidungen und Vermögenswerte auf eine anonyme, hierarchische Großregionalebene. 

  • De-facto-Abschaffung des Gemeindepfarramts und Entmachtung des Ehrenamts: Durch das Aufgehen in „Regio-Gemeinden“ mit gemischt-professionellen Teams verliert der Pfarrberuf seine pastorale und rechtliche Eigenständigkeit. Pfarrer werden dem Dekan als direktem Dienstvorgesetzten unterstellt und zur flexiblen Verteilungsmasse. Gleichzeitig werden die Presbyterien zu reinen Beratungsorganen degradiert – ein „Festausschuss mit Taschengeld“, der das Ehrenamt völlig entwertet. 

  • Der Alternativvorschlag (Rückbau der mittleren Ebene): Schuck plädiert dafür, bei sinkenden Mitgliederzahlen nicht die Basis zu schwächen, sondern die künstlich aufgeblähte Bürokratie zurückzufahren. Konkret fordert er, nicht den Gemeinden, sondern den Dekanaten den Körperschaftsstatus zu entziehen. Das Dekansamt soll aus den Reihen des Pfarrkonvents wieder zu einer niedrigschwelligen, ehrenamtlichen Funktion (Kreisoberpfarrer mit Aufwandsentschädigung) zurückgestuft werden. Das Fazit des Autors: Der Weg in die Zukunft darf für die EKD nicht im phantasielosen Gleichschritt der Zentralisierung liegen. Das theologische Gebot der Stunde lautet: Reformation statt Transformation.

Mein Kommentar

Transformation oder Deformation? - Warum wir das Gemeindepfarramt gegen den neuen Klerikalismus verteidigen müssen.

Die Analyse von Martin Schuck legt den Finger in eine tiefe, systemische Wunde. Was sich derzeit in der pfälzischen Landeskirche abspielt, ist keineswegs ein isoliertes, regionales Experiment, sondern ein gefährlicher Testlauf für die gesamte EKD. Unter dem Deckmantel des Sparens und der Demografie droht eine Strukturreform, die das protestantische Kernprinzip – den Aufbau der Kirche von unten nach oben – im Kern erschüttert. Zwei miteinander verflochtene Entwicklungen sind dabei besonders besorgniserregend. 

1. Die Entprofessionalisierung des Pfarrberufs

Die geplante Einführung von „Regio-Gemeinden“ mit „gemischt professionellen Teams“ bedeutet de facto das Ende des rechtlich und pastoral selbstständigen Gemeindepfarramts. Bisher war das evangelische Pfarramt ein Beruf mit einer klaren, geschützten Profession. In ihrer theologischen und seelsorgerlichen Amtsführung konnten sich Pfarrerinnen und Pfarrer als eine Art „Freiberufler“ verstehen, die allein an die Heilige Schrift und ihr Gewissen gebunden waren, allerdings finanziell und wirtschaftlich abgesichert durch das feste Gehalt. 

Wenn nun jedoch Dekane und Superintendenten vom reinen Organ der Dienstaufsicht zum direkten „Dienstvorgesetzten“ mit umfassender Weisungsbefugnis aufgewertet werden, bricht diese grundlegende Freiheit weg. Aus theologisch eigenverantwortlichen Persönlichkeiten, die an ihre konkrete Gemeinde gewiesen sind, werden weisungsgebundene Rädchen in einer regionalen Verteilungsmasse. Das schadet der pastoralen Identität und zerstört das Vertrauensverhältnis vor Ort. 

2. Die Degradierung des Ehrenamts zum „Festausschuss“ 

Die angedachte hierarchische Struktur funktioniert, wenn das traditionell vertrauensvolle Verhältnis zwischen Pfarramt und Kirchenvorstand ausgehöhlt wird. Genau das ist die Konsequenz der Zentralisierung. Wenn den Kirchengemeinden der Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts entzogen wird, verlieren die Presbyterien ihre eigentliche Leitungskompetenz und ihr Budgetrecht. 

Eine Presbyterin hat es in Schucks Artikel brillant auf den Punkt gebracht: Die neuen Gemeinderäte verkümmern zu einem „Festausschuss mit Taschengeld“. 

Diese systematische Entmachtung entwertet das evangelische Ehrenamt völlig und macht die Mitarbeit in der Gemeindeleitung absolut unattraktiv. Eine lebendige Kirche lebt jedoch nicht von zentral verwalteten Großregionen, sondern von der Identifikation der Menschen vor Ort. 

Fazit: Den Rückbau der Machtstrukturen wagen! 

Schucks Alternativvorschlag ist daher so mutig wie zwingend notwendig: Nicht die Großstrukturen, Dekanate und Kirchenkreise, sind zu stärken, sondern die Kirchengemeinden mit dem Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. 

In den letzten Jahrzehnten hat sich in der evangelischen Kirche, offensichtlich in allen Landeskirchen, eine bürokratische Zwischeninstanz etabliert, die sich – insbesondere durch die Abkoppelung des Dekans bzw. Superintendenten vom konkreten Gemeindepfarramt – eine unkontrollierbare Machtstruktur geschaffen hat. Wir brauchen eine Rückkehr zum Dekan als niedrigschwellige, ehrenamtliche Funktion aus den Reihen des Konvents. 

Letztendlich werden wir uns entscheiden müssen: Wollen wir eine durchorganisierte Konsistorialkirche - wobei ich hinter "organisiert" noch ein großes Fragezeichen setze - mit quasi-bischöflichen Zügen, die ihre eigenen Wurzeln kappt? Oder haben wir den Mut, die Gemeinden vor Ort strukturell und rechtlich zu stärken? Es ist Zeit für eine Besinnung auf unsere eigentliche Tradition. Der Leitgedanke für die Zukunft der EKD darf nicht „Transformation“ in die Bedeutungslosigkeit heißen, sondern „Reformation“ zurück zur Basis.

Sonntag, 17. Mai 2026

Sorry, ich muss meinem Ärger mal Luft verschaffen ...

Von der Demütigung erfolgreicher Arbeit

Okay, bin ich zwar nicht, könnte ich aber sein,
wenn ich die neuesten Trends zur "Transformation"
im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt lese.
Das Bild ist KI-generiert.

In der April-Ausgabe (4/2026) des Deutschen Pfarrerblatts rief Chefredakteur Detlef Dieckmann in seinem Editorial zu einer neuen „Diskussionskultur auf Augenhöhe“ auf. Doch blickt man auf die Art und Weise, wie er die aktuellen Debatten um die Kirchenentwicklung strukturiert, zeigt sich ein tief sitzendes Problem im kirchlichen Diskurs.

Dieckmann teilt die Diskutanten zur Zukunft der parochiale Struktur grob in zwei Lager: Auf der einen Seite sieht er die aktiven Pfarrpersonen, die unter der Last des bestehenden Systems leiden und verständlicherweise nach neuen, entlastenden Arbeitsformen suchen. Auf der anderen Seite verortet er vor allem ältere und bereits pensionierte Kolleginnen und Kollegen. Deren Beharren auf den bestehenden parochialen Strukturen deutet er jedoch nicht als strukturelles oder theologisches Argument, sondern framed es primär als emotionales Phänomen: Sie reagierten auf den Wandel mit „Trauer und Ärger“, weil sie sich nach dem Fortbestand jener Welten sehnten, in denen sie selbst engagiert gearbeitet haben. Zwar bezeichnet er diese Gruppe wohlwollend als „kritische Mahner:innen“, schlägt jedoch vor, dass die Reformer diese „Trauer“ schlicht stärker „berücksichtigen“ sollten.

Diese empathisch verpackte Kategorisierung ist jedoch eine unzulässige Psychologisierung, die im kirchlichen Raum Methode hat. Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung auf Augenhöhe findet eine emotionale Infantilisierung statt: Sachliche und theologische Einwände gegen aktuelle Weichenstellungen werden zu persönlichen Bewältigungsproblemen einer abgelösten Generation umgedeutet. Zudem verstärkt sich der Eindruck einer Hierarchisierung im Heft, wenn fundierte Kritik oft in den hinteren Teil verbannt wird, während technokratische Zukunftsvisionen prominenten Raum erhalten.

Gegen diese systematische Abwertung und Entwertung gelungener parochialer Arbeit der vergangenen Jahrzehnte habe ich mich in einem Leserbrief gewandt, den ich dem Chefredakteur auch persönlich per Mail zukommen ließ. Denn wir brauchen keine therapeutische Zuwendung, sondern eine Rückkehr zur theologischen Substanz.

Lesen Sie im Folgenden meinen Kommentar: 

Sorry, ich muss meinem Ärger mal Luft verschaffen – aber nicht, weil ich ein psychologisches Problem mit dem Älterwerden oder mit dem Loslassen habe, wie Chefredakteur Detlef Dieckmann in seinem Editorial suggeriert. Mein Ärger ist sachlich begründet. Er ist die Reaktion auf eine unzulässige Psychologisierung, die im kirchlichen Raum zum beliebten Stilmittel geworden ist: Kritik an den gegenwärtigen theologischen und vor allem strukturellen Weichenstellungen wird als ‚Trauer und Ärger‘ pensionierter Pfarrer geframed, um sich der inhaltlichen Auseinandersetzung zu entziehen.

Es geht hier nicht um Befindlichkeiten. Wenn Kurt Bangert die Auferstehung Jesu zur psychologischen Trauerbewältigung der Jünger erklärt, dann verlassen wir den Boden der biblischen Theologie. Das ist kein Gefühl, das ist ein Befund. Und wenn Steffen Bauer die ‚DNA der Kirche auf den Kopf stellen‘ will, verkennt er, dass der gegenwärtige Zustand zu einem ganz großen Teil ein selbstgemachtes Problem ist. Seit ‚Kirche der Freiheit‘ jagen wir einem Reform-Modell nach dem anderen hinterher: Leuchttürme, Erprobungsräume, Eventkirchen. Doch Hand aufs Herz: Welches dieser hochglanzbroschierten Programme hat den Abwärtstrend auch nur verlangsamt? Von einem Stopp, gar “Wachsen gegen den Trend”, will ich gar nicht reden. Vielleicht liegt eine der Ursachen für die Überlastung von Pfarrpersonen im aktiven Dienst auch in diesen immer wieder gescheiterten Reformansätzen, die jedem deutlich vor Augen halten, dass es mit der Kirche nur noch bergab geht.

Wir pensionierten Pfarrpersonen schauen auf Jahrzehnte der Arbeit zurück. Wir wissen: Kirchenbindung entsteht durch Präsenz vor Ort und verlässliche Beziehungen. Jede KMU bestätigt dies. Und ja, ich wage es, dieses Wort zu nutzen: Unsere Arbeit war auch erfolgreich. Ich weiß, das klingt in kirchlichen Ohren nach Hochmut, wo doch Demut angesagt ist. Aber wissen Sie, was wirklich demütigend ist? Es ist die systematische Abwertung erfolgreicher Gemeindearbeit über Jahrzehnte hinweg (Julia Koll, Uta Pohl-Patalong, Steffen Bauer u.a.). Statt die parochiale Stärke zu stützen, wird sie als ‚Überlastung‘ oder ‚ineffizient‘ diskreditiert, um den Rückzug aus der Fläche - der natürlich nicht angestrebt wird; wir warten mal ab - zu rechtfertigen. Wenn die DNA der Kirche derart auf den Kopf gestellt wird, ist es kein Wunder, dass am Ende nur Profillosigkeit übrig bleibt.

Ich ärgere mich nicht über den Wandel. Ich ärgere mich über die Entwertung gelungener Arbeit und darüber, dass man uns statt Argumenten nur ein mitleidiges ‚Seufz, wir verstehen deine Gefühle‘ entgegenbringt. Echte Wertschätzung würde bedeuten, die sachlichen Einwände der ‚Mahner‘ ernst zu nehmen, statt sie mitleidig wegzulächeln. Wir brauchen keine therapeutische Zuwendung, sondern eine Rückkehr zur theologischen Substanz und den Mut, das, was vor Ort tatsächlich gelingt, nicht länger kaputtzureden.

Sonntag, 10. Mai 2026

Reformation oder Liquidation?

Unter der Überschrift "Reformation oder Liquidation?" hatte ich bereits am 24. März einen Kommentar zu Werner Thiedes Artikel "Die theologischen Tricks der liberalen Theologie" in der Online-Ausgabe Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts 03/2026 eingestellt. Schon dort kann man eine ausführliche Diskussion zu Thiedes Gedanken verfolgen. Am 11. April erschien mein zweiter Online-Kommentar, die Antwort auf Friedrich Gehring. Am gleichen Tag habe ich die Diskussion hier im Blog unter dem Titel "Die Demaskierung der Beliebigkeit" veröffentlicht. 

In der gedruckten Ausgabe des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts 04/2026 ging die Diskussion  mit Leserbriefen weiter. Meine Position dazu ist im Folgenden nachzulesen, noch einmal unter der Überschrift "Reformation oder Liquidation". Da ich dieses Mal auf die gedruckten Texte reagierte, ging der Text per Mail an die Redaktion des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts. Ob er veröffentlicht wird, wird sich zeigen. 

Im Anschluss an meinen Kommentar gebe ich hier noch die exponierte Position von Dr. Katarína Kristinová zur "liberalen Theologie" wieder. Da ihr Beitrag in der Printausgabe sehr verkürzt dargestellt wurde, stellte sie den vollständigen Text noch einmal online ein. Dort ist er in Gänze nachzulesen. 

Ein Plädoyer für einen post-kritischen Realismus

Dass Werner Thiede mit seinem Aufsatz über die „theologischen Tricks“ der liberalen Theologie einen Nerv getroffen hat, steht außer Frage. Die lebhafte Debatte – 13 Online-Kommentare und sechs Beiträge in der Druckausgabe – zeugt von der Tiefe des Risses, der durch unsere Kirche geht. Bemerkenswert ist dabei die rhetorische Schärfe der Gegenwehr: Wenn Joachim Kunstmann den Begriff „Trick“ als polemische Unterstellung markiert, so antwortet er mit gleicher Münze, indem er Thiedes Position pauschal als „traditionsverkrustet“ abqualifiziert. Wer hier die „Polemik“ gepachtet hat, bleibt Ansichtssache; in der Sache selbst jedoch offenbart sich eine tiefe methodische Kluft.

Die Vertreter der neuen liberalen Theologie – in diesem Zusammenhang namentlich Bangert, Kunstmann, Gehring und Beile – propagieren eine „Offenheit“ der permanenten Suche und deklarieren Dogmen zu rein zeithistorischen Konstrukten. Doch dabei bleibt eine entscheidende Leerstelle. Wenn theologische Aussagen nur noch an der „Deutung des Lebens heute“ gemessen werden, fehlen die Kriterien, mit denen der Wahrheitsgehalt dieser Aussage noch überprüft werden kann. Dies kulminiert in der fünften These des „Göttinger Manifests“ von 2024, die fordert, Glaubenslehren (wie das Apostolicum) aufzugeben, sollten sie der subjektiven Bedürfnisbefriedigung nicht mehr dienen. Das ist kein bloßer liberaler Diskurs; das ist die Kapitulation der Theologie vor dem Diktat der Nützlichkeit. An die Stelle des Kerygmas tritt die Selbstbespiegelung des modernen Individuums.

Demgegenüber halte ich fest – ganz bestimmt zusammen mit Werner Thiede, Katarina Kristinová und jenen Kommentatoren, die sich zustimmend geäußert haben –, dass es theologische Kernbestände gibt, die nicht verhandelbar sind, weil sie das Fundament unseres Glaubens bilden. Ich beschreibe damit eine Haltung, die in der internationalen Forschung (etwa bei N.T. Wright oder Alister McGrath) als „post-kritischer Realismus“ bekannt ist: Eine Theologie, die die Erkenntnisse der Moderne ernst nimmt, ohne die Realität der göttlichen Offenbarung an den Zeitgeist zu verlieren. Drei Säulen stehen hierbei wirksam gegen den Sog einer theologischen Liquidation.

1. Gott der Schöpfer: Die Unterscheidung zwischen „Dass“ und „Wie“

Diese kategoriale Unterscheidung entschärft einen der hartnäckigsten Scheinkonflikte der Moderne. Während die Naturwissenschaften das „Wie“ der Weltentstehung beschreiben, antwortet der Glaube auf das „Dass“ – auf den Ermöglichungsgrund und Sinn der Existenz. In der pastoralen Praxis, etwa im Konfirmandenunterricht, entlastet dies ungemein. Ich muss Jugendlichen die Bibel nicht als naturwissenschaftliches Lehrbuch präsentieren, sondern kann sie als Zeugnis einer Wirklichkeit erschließen, die tiefer reicht als alles Messbare. Natürlich begegnen mir dabei regelmäßig Zweifel, die sich auf ein szientistisches Weltbild berufen. Solche Anfragen gestehe ich als legitime Sichtweisen zu – wohl wissend und dies auch so benennend, dass sie für die Frage nach dem Urgrund des Seins letztlich ebenso wenig eine „mathematische Beweiskraft“ beanspruchen können wie die Glaubensaussage von Gott, dem Schöpfer. Wer Gott jedoch nicht als eine bloße innerweltliche Kraft, sondern als den Grund begreift, der alles erst möglich macht, entgeht der Falle des „Lückenbüßer-Gottes“, der mit jeder neuen wissenschaftlichen Entdeckung ein Stück weiter aus der Welt zurückweichen muss. 

2. Gott der Sohn: Die Auferstehung als Realereignis

Hier markiert der post-kritische Realismus die entscheidende Zäsur zur liberalen Theologie. Während Letztere die Auferstehung oft auf ein rein subjektives Symbol für einen „Neuanfang der Jünger“ reduziert, halte ich an ihr als dem Ereignis fest, das die Weltgeschichte real aufspaltet. Der Glaube an den Sieg über den Tod fußt nicht auf einer nachträglichen Mythenbildung, sondern auf der existentiellen Wucht der Begegnungen mit dem Auferstandenen und dem daraus resultierenden, alles verändernden Zeugnis: „Wir haben den Herrn gesehen!“

Dabei ist dieser Glaube keineswegs naiv; er stellt sich der historischen Anfrage. Schon Matthäus benennt die bereits in der Urchristenheit geführte Debatte um den möglichen Diebstahl des Leichnams Jesu (Mt 28) – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Christenheit den Zweifel von Beginn an ernst nahm. Die Möglichkeit eines Betrugs oder einer bloßen Halluzination lässt sich nicht mit einem autoritären „Das musst du glauben“ beiseiteschieben.

Das Entscheidende ist der radikale Wandel der Zeugen. Die Jünger waren nach dem “Scheitern” ihres Herrn in Angst erstarrt und in den Verstecken des Zweifels. Doch diese gebrochene Gruppe wandelte sich innerhalb kürzester Zeit zur Keimzelle einer weltweiten Bewegung. Sie bezeugten eine Begegnung, die ihre gesamte Lebenswirklichkeit aus den Angeln gehoben hatte. 

Wer heute die Auferstehung zur Metapher degradiert, löst das Christentum in eine bloße Ethik-Lehre auf. Als Realereignis jedoch bleibt sie der „Fels“, auf dem eine Gemeinde stehen kann – ein Fels, der nicht aus unseren Wünschen geschmiedet ist, sondern aus der Erfahrung einer Wirklichkeit, die uns vorausgeht.

3. Gott Heiliger Geist: Die erfahrbare Bewegung

Der Heilige Geist ist die dynamische Kraft, die dort wirkt, wo der Funke des Glaubens überspringt. Das macht den Glauben erfahrungsbezogen und verhindert, dass Theologie in reiner Theorie erstarrt. Er ist die Brücke von der historischen Vergangenheit des Ersten und des Zweiten Testaments in das konkrete „Heute“.

In meiner langjährigen Tätigkeit als Pfarrer habe ich die Erfahrung gemacht, dass genau diese Position – abseits akademischer Grabenkämpfe – in allen Gruppen meiner Gemeinde Zustimmung fand. Ob bei Jugendlichen, Erwachsenen oder Senioren, die Rückmeldung lautete oft: „Das ist interessant, so haben wir es noch nie gesehen.“ Die Menschen suchen nicht nach einer weiteren Soziologie-Vorlesung in der Kirche, sondern nach einer tragfähigen Hoffnung.

Wenn wir diese drei Säulen als unverhandelbar definieren, setzen wir den Maßstab für eine echte Reformation. Wenn die Kirche ihre Botschaft daran misst, ob sie noch von diesem Gott spricht, erübrigen sich viele der „fluiden Angebote“. Eine solche Theologie lässt sowohl die liberale Beliebigkeit als auch den fundamentalistischen Buchstabenunverstand hinter sich. Reformation bedeutet heute nicht Anpassung an den Zeitgeist, sondern die Rückbesinnung auf eine Hoffnung, die das Leben erst wahrhaft deutbar macht.

Zusammenfassung des Leserbriefs von Dr. theol. Katarína Kristinová

Wenn gute Absichten an theologischer Inkompetenz scheitern

In ihrer ungekürzten Reaktion auf einen Artikel von Werner Thiede im Deutschen Pfarrerblatt (DtPfrBl) setzt sich Dr. Katarína Kristinová kritisch mit einer selbsternannten liberalen kirchlichen Reformbewegung auseinander. Sie spricht den Akteuren zwar aufrichtige Reformabsichten und ein ehrliches Leiden an der aktuellen Situation der Kirche nicht ab, sieht das Problem jedoch an einer ganz anderen Stelle: in einer fundamentalen theologischen Inkompetenz.

Die Hauptkritikpunkte im Überblick:

  • Mangelndes Fachwissen: Am Beispiel des „Göttinger Manifests“ der Bewegung zeigt sie auf, dass es sich bei deren Positionen um einen „theologischen Schnellschuss“ handelt, dem es an Reflexion und Wissen fehlt.

  • Antiwissenschaftliche Haltung: Innerhalb des Netzwerks herrscht ein starker Affekt gegen akademische Theologie und Dogmatik, die pauschal als lebensfern abgetan werden.

  • Beliebigkeit statt Pluralismus: Die scheinbare Einigkeit der Bewegung basiert laut Kristinová auf einem „frommen Subjektivismus“ und der bewussten Verweigerung theologischer Grundsatzdiskussionen, um tiefe ideologische Gräben zu kaschieren.

  • Falsches Label: Die Gruppierung inszeniere sich als „geistige Avantgarde“ und schmücke sich mit dem Begriff der „liberalen Theologie“, nur weil es progressiv klingt. Mit der eigentlichen, reflexiven Tiefe dieser theologischen Schule habe die Bewegung jedoch nichts zu tun – sie konterkariere deren Erbe vielmehr.

Als Fazit kann man zusammenfassen: Die Reformpläne und das Auftreten der Bewegung sind für Kristinová eine „Mogelpackung“, die auf einem massiven Selbstmissverständnis beruht.

Ich empfehle, den Text von Dr. theol. Katarína Kristinová im Original als Kommentar zu Werner Thiedes Artikel "Die theologischen Tricks der liberalen Theologie" im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt nachzulesen!

Donnerstag, 30. April 2026

Kirchenreform oder "Kekskasse"

Der schleichende Entmachtung der Kirche vor Ort

Die evangelische Kirche in Deutschland befindet sich in einem Transformationsprozess, der weit über bloße Sparmaßnahmen hinausgeht. Unter dem Druck massiv sinkender Mitgliederzahlen und schwindender Finanzkraft rütteln immer mehr Landeskirchen an einem der sichersten Pfeiler der protestantischen Geschichte: der rechtlichen und organisatorischen Eigenständigkeit der Ortsgemeinde.

Was derzeit in mehreren Gliedkirchen der EKD diskutiert und in Vorreiter-Regionen wie Braunschweig oder der Pfalz bereits exekutiert wird, ist ein Paradigmenwechsel. Das Ziel ist die sogenannte „regio-lokale“ Kirche. In diesem Modell sollen die klassischen Kirchengemeinden ihren Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts verlieren und in größere, zentral gesteuerte Einheiten überführt werden.

In der kirchenamtlichen Logik wird dieser Schritt als Befreiung von Verwaltungsballast und als Weg zu mehr „Professionalität“ verkauft.

Doch für die Menschen vor Ort bedeutet es oft das Gegenteil: Den Entzug der Hoheit über Gebäude, Finanzen und Personal. Es geht um die Frage, ob die Kirche der Zukunft eine lebendige Gemeinschaft von unten bleibt oder sich in eine zentral verwaltete Dienstleistungsagentur verwandelt, in der die Basis nur noch über die sprichwörtliche „Kekskasse“ entscheiden darf.

Die Kekskasse - KI-Bild Gemini

Zwei hervorragende Artikel in der F.A.Z. und ein Video

Reinhard Bingener (politischer Korrespondent der F.A.Z.; studierter Theologe) hat diese spannungsgeladene Situation für die Frankfurter Allgemeine Zeitung in zwei wegweisenden Artikeln analysiert. Bevor ich diese Entwicklungen aus meiner Perspektive als Pfarrer kommentiere, finden Sie hier eine Zusammenfassung seiner Analysen, die das Ausmaß dieses Umbruchs verdeutlichen.

„In den Ortsgemeinden formiert sich Widerstand“ 

(siehe Reinhard Bingener - 06.04.2026 - F.A.Z.)

In diesem ausführlichen Hintergrundbericht beleuchtet Bingener die praktischen Auswirkungen der geplanten Strukturreformen am Beispiel der Landeskirche Braunschweig.

  • Der Kern der Reform: Mehrere Landeskirchen verfolgen die Strategie, den Ortsgemeinden ihren Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts zu entziehen. Diese sollen zugunsten von „Großgemeinden“ oder „Regionalkirchengemeinden“ ihre Selbstständigkeit verlieren.
  • Folgen für die Basis: Ortsgemeinden wären künftig nicht mehr Eigentümer ihrer Gebäude, besäßen kein eigenes Vermögen mehr und dürften kein eigenes Personal (z. B. Küster oder Pfarramtssekretärinnen) mehr anstellen. Alles wanderte auf eine nächsthöhere Ebene, von wo aus der neue Gebilde verwaltet würde.
  • Die „Kekskasse“: Bingener zitiert ein Papier der Landeskirche Braunschweig, das den Gemeinden lediglich ein Konto mit begrenztem Rahmen für „Bastelmaterial, Kerzen und Knabbereien“ zugesteht – ein Begriff, der zum Symbol für die gefühlte Entmachtung geworden ist.
  • Der Widerstand: Der Artikel lässt Kritiker wie den Landwirtschaftskammerpräsidenten Gerhard Schwetje zu Wort kommen, die vor einer „Umkehr der Demokratie“ und einem „Akt der Enteignung“ warnen. Es wird die Sorge geäußert, dass Ehrenamtliche sich frustriert zurückziehen, wenn sie vor Ort nichts mehr entscheiden können.
  • Reaktion der Kirchenleitung: Die Führung verteidigt den Schritt als notwendige Reaktion auf sinkende Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen, um professionellere Verwaltungsstrukturen zu schaffen.

„Ja zum Kirchturmdenken“ 

(siehe Reinhard Bingener - 20.04.2026 - F.A.Z)

14 Tage nach dem ersten Artikel erschien in der überregionalen F.A.Z. ein weiterer Beitrag von Reinhard Bingener. In diesem kommentierenden Beitrag setzt sich Autor kritisch mit der strategischen Ausrichtung der Reformen auseinander.

  • Das „regio-lokale“ Konzept: Das Ziel der Kirchenleitungen ist eine Verschmelzung der Ebenen zu einer „regio-lokalen“ Kirche, in der Ressourcen zentral gebündelt werden.
  • Theologische Kritik: Bingener erinnert daran, dass Ortsgemeinden nach reformatorischer Lehre keine „Franchisenehmer“ der Verwaltung sind, sondern der Kirchenleitung logisch vorgeordnet.
  • Motivationsverlust: Er warnt davor, dass die regionale Steuerung die Motivation der Ehrenamtlichen zerstört, da Menschen sich primär in ihrem unmittelbaren Nahbereich engagieren. Wenn man vor Ort nur noch über „Vollkornkekse“ entscheiden darf, raube das jede Gestaltungslust.
  • Gefahr der „Funktionärskirche“: Der Artikel warnt vor einem weiteren Schritt hin zu einer Bürokratie, in der Entscheidungen nach „binnenkirchlicher Geschmeidigkeit“ statt nach der Lebensrealität der Menschen getroffen werden.
  • Gegenvorschlag: Statt Kollektivierung plädiert der Autor für mehr Selbstständigkeit der Gemeinden, verbunden mit einer radikalen Verschlankung der kirchenleitenden Ebenen auf das absolut Nötigste.

Mein Kommentar: 

Wie die evangelische Kirche ihr Rückgrat bricht

Es ist Zeit, Widerstand zu leisten

Während draußen die Welt komplexer, unübersichtlicher und in manchen Ecken schlichtweg kälter wird, hat sich die kirchliche Führung in ihren Verwaltungsburgen verbarrikadiert, um dort – paradoxerweise nicht mit der Dynamik moderner Unternehmen, sondern mit den hierarchischen Steuerungsmustern des letzten Jahrtausends – die eigene Abwicklung zu „optimieren“. Statt auf die eigenverantwortliche Innovationskraft von Profis und Ehrenamtlichen an der Basis zu setzen, wird ein Führungsverständnis exekutiert, das lebendige Gemeinden zu bloßen Vollzugsstellen degradiert und den mündigen Mitarbeiter zum weisungsgebundenen Rädchen im Getriebe einer zentralistischen Planwirtschaft macht.

Enteignung und Entmachtung

Die Strategie ist bestechend simpel: Man nehme den Kirchengemeinden den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts und drücke ihnen das Etikett einer „Körperschaft kirchlichen Rechts“ auf. Was juristisch wie eine bloße Formalität daherkommt, ist in der Praxis nichts weniger als eine beispiellose Enteignung und Entmachtung. Wer Gebäude, Vermögen und Personalentscheidungen auf die nächste, meist anonyme Ebene verschiebt, beraubt die Gemeinde ihrer Identität.

„Kekskasse“

Die ehrenamtlichen Kirchenvorsteher – jene Menschen, die vor Ort noch das Rückgrat der Kirche bilden – dürfen sich künftig als Verwalter einer „Kekskasse“ betätigen. Es ist ein fast schon komischer Zynismus, wenn man glaubt, mit der Verfügungsgewalt über die Keksbestände für den Kirchenkaffee ließe sich noch eine Gemeinde leiten. Wer ernsthaft erwartet, dass sich Ehrenamtliche für dieses Ausmaß an Bedeutungslosigkeit begeistern lassen, der hat das Ehrenamt nie verstanden.

Pastor als Befehlsempfänger

Besonders absurd mutet die Haltung gegenüber dem Pfarrberuf an. Die Transformation des Pastors zum Befehlsempfänger einer mittleren Ebene ist ein kulturpolitischer Offenbarungseid. Der Pfarrberuf ist eine Profession – theologisch fundiert, akademisch anspruchsvoll, vergleichbar mit den Heilberufen oder der Jurisprudenz. Dass ausgerechnet kirchliche Leitungsinstanzen versuchen, die professionelle Autonomie ihrer Geistlichen zu schleifen, zeugt von einem fatalen Misstrauen in die eigene Basis.

Hilflose Synoden

Dass diese Reformen in Synoden dennoch oft mit 90-prozentigen Mehrheiten durchgewunken werden, sollte niemanden täuschen. Es ist kein Zeichen überwältigender Zustimmung, sondern ein Zeugnis der Hilflosigkeit. Die Synoden sind längst keine Orte lebendiger kirchenpolitischer Debatte mehr; es fehlen Parteien, es fehlen erkennbare Alternativen. Viele Synodale, die zwischen einer hochkomplexen Materie und dem Diktat der Kirchenleitung stehen, haben längst kapituliert: „Die da oben werden schon wissen, was sie vortragen.“ So entsteht ein fataler Kreislauf: Die Synodalen entfernen sich von ihren Ortsgemeinden, deren Interessen sie eigentlich vertreten sollten, und werden zu Erfüllungsgehilfen einer Administration, die den Bezug zur Basis längst verloren hat.

Operation am offenen Herzen

Die evangelische Kirche vollzieht hier eine Operation am offenen Herzen, bei der sie – in der Hoffnung auf eine bessere „Anschlussfähigkeit“ an den gesellschaftlichen Mainstream – ihre eigenen Wurzeln kappt. Man orientiert sich an NGOs, kopiert politische Diskurse und wundert sich dann über die eigene Unsichtbarkeit. Doch wer das Original sucht, wird nicht zur Kopie greifen.

Diese „Reformen“ sind keine Rettungsmaßnahmen; sie sind der Versuch, eine Kirche ohne Christen zu verwalten. Man spart sich zu Tode, während man die wenigen, die noch da sind, mit bürokratischer Übergriffigkeit in die Flucht schlägt. Es wäre an der Zeit, das „Kirchturmdenken“, das man so verächtlich macht, endlich wertzuschätzen. Denn der Kirchturm ist das, was bleibt, wenn die Verwaltungsstruktur in sich zusammenbricht. Es ist das Symbol einer Institution, die noch etwas zu sagen hat – sofern sie nicht vorher ihren eigenen Geist weg-optimiert hat.


Reinhard Bingener (FAZ): Ja zum Kirchturmdenken! - Ein Brennpunktgespräch mit Malte Krüger und Martin Wendte

Himmel und Hashtag - der eva-Podcast

Der lohnenswerte Beitrag bei YouTube wird mit diesem Link aufgerufen. 

Samstag, 11. April 2026

Die Demaskierung der Beliebigkeit

Ein weiteres Wort zur Lage ...

Es bereitet mir im Ruhestand schon eine gewisse Freude, endlich die Muße zu finden, mich intensiv mit den Entwicklungen in der evangelischen Kirche auseinanderzusetzen. In der aktiven Dienstzeit fehlte dafür leider oft die nötige Zeit. Doch was ich bei dieser Beschäftigung beobachte, stimmt mich besorgt; vieles hat sich verändert – und leider nicht zum Guten.

Strukturkrise

Auf der einen Seite stehen die fatalen kirchenpolitischen Weichenstellungen, die letztlich auf eine Entmachtung der Gemeinden hinauslaufen. Das Ziel scheint zu sein, den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts zugunsten diffuser Groß-Einheiten auf Kirchenkreisebene aufzugeben. Zu dieser strukturellen Fehlentwicklung habe ich bereits in meinem Beitrag Anker der Freiheit ausführlich Stellung bezogen.

Theologische Krise

Doch die Krise sitzt tiefer. Parallel zu diesen strukturellen Veränderungen erleben wir eine inhaltliche Anpassung, mit der die Kirche krampfhaft versucht, den Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu halten. Man plappert nach, was in politischen Parteien, NGOs oder anderen „progressiven“ Kreisen gerade en vogue ist. Dabei wird völlig übersehen, dass sich die Kirche damit selbst überflüssig macht. Frei nach dem Motto: Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

Eine besonders fatale Rolle spielt hierbei die sogenannte „liberale Theologie“, wie sie beispielsweise Kurt Bangert in seinen „40 Thesen“ (DPfBl 01/2026) und in seinem „Katechismus“ (DPfBl 01/2026) propagiert. Es ist Werner Thiede zu danken, dass er dieser Entwicklung in seinem aktuellen Beitrag "Die theologischen Tricks der liberalen Theologie" im Deutschen Pfarrerblatt (Ausgabe 3/2026) so deutlich und fundiert widerspricht. Er demaskiert darin die rhetorischen Kniffe, mit denen der christliche Glaube schleichend entleert wird.

Im Folgenden möchte ich Thiedes Position kurz darstellen - es lohnt sich aber, den Aufsatz im Original zu lesen - , bevor ich meinen eigenen Kommentar dazu abgebe:

Werner Thiedes Replik auf den „liberalen Katechismus“

In der aktuellen Ausgabe des Deutschen Pfarrerblatts (3/2026) unterzieht der Theologe Werner Thiede das Gedankengut der „Liberalen Theologie“ einer scharfen und notwendigen Analyse. Anlass ist der „Katechismus der liberalen Theologie“ von Kurt Bangert, den Thiede als ein Paradebeispiel für theologische Verschleierungstaktiken entlarvt. 

Thiedes Kernvorwurf: Unter dem Deckmantel vertrauter kirchlicher Vokabeln wird der christliche Glaube in seinem Wesen ausgehöhlt und durch ein weltanschauliches Paradigma ersetzt, das außerhalb der kirchlichen Bekenntnisgrundlagen steht.

Thiede identifiziert dabei drei zentrale „Tricks“ der liberalen Strömung:

1. Die Umdefinition Gottes zum „Ganzen der Wirklichkeit“

Anstatt Gott als das gegenüberstehende, handelnde Gegenüber zu bekennen, definiert die liberale Theologie ihn als „unverfügbaren Grund religiöser Erfahrung“ oder gar als das „Ganze der Wirklichkeit“. Thiede kritisiert diesen spirituellen Monismus scharf: Wer Gott mit der Welt identifiziert, integriert zwangsläufig auch das Böse in den Gottesbegriff und verabschiedet sich von der biblischen Selbstoffenbarung. Die Trinität verkommt dabei zu einem inhaltsleeren „Wortgeklingel“, das den lebendigen Gott eher verbirgt als erschließt.

2. Die Aushöhlung der Christologie

Ein weiterer Trick besteht darin, christologische Begriffe beizubehalten, sie aber innerlich zu entleeren. Jesus wird vom Erlöser zum bloßen „Sozialrevolutionär“ oder „Märtyrer“ herabgestuft. Thiede betont dagegen: Wer den Sühnetod am Kreuz und die leibliche Auferstehung Jesu preisgibt, verliert das Fundament der protestantischen Rechtfertigungslehre. Eine Kirche, die Christus nicht mehr als „Herrn und Gott“ anbetet, gleicht einem „Schiff ohne Kompass“.

3. Das Herabdimmen der Hoffnung

Schließlich kritisiert Thiede die „Entmythologisierung“ der Eschatologie. Wenn die christliche Hoffnung auf ein vages „religiöses Hoffen“ oder einen „Wechsel der Sinnfelder“ reduziert wird, beraubt man den Glauben seiner Kraft im Angesicht des Todes. Thiede fordert stattdessen, die biblische Apokalyptik und die Hoffnung auf eine reale Vollendung der Schöpfung wieder ernst zu nehmen.

Fazit: Ein Ruf zur Klarheit

Thiedes Fazit ist unmissverständlich: Die liberale Theologie betreibt keine Reform, sondern eine Transformation des Glaubens in ein kirchenfernes Religionsinstitut. Er ruft Pfarrerinnen und Pfarrer dazu auf, sich wieder an ihre Ordinationsversprechen und die Grundbekenntnisse der Kirche zu erinnern. Wer den „orthodoxen“ Kern des Christentums – von der Trinität bis zur Auferstehung – aufgibt, steht am Ende vor einer „falschen Kirche“, die ihrem eigentlichen Auftrag nicht mehr gerecht wird.

Quelle: Thiede, Werner: Die theologischen Tricks der liberalen Theologie. Antwort auf Kurt Bangert, in: Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe 3/2026.


Mein Kommentar: Reformation oder Liquidation?

online als Beitrag im Pfarrerblatt zu lesen, dort ohne Überschriften und Querverweis

Werner Thiede ist für seine klare Analyse der „theologischen Tricks“ der liberalen Theologie zu danken. Angeregt durch seine Replik habe ich mich mit Kurt Bangerts „40 Thesen“ (DPfB 6/2025) und seinem „Katechismus“ (DPfB 1/2026) befasst. 

55 Thesen zu wenig – und keine Theologie

Bangert bemüht explizit das Erbe der Reformation des 16. Jahrhunderts, um seinem Vorstoß historische Relevanz zu verleihen. Doch der Vergleich mit Martin Luther offenbart vor allem eines: Es fehlen nicht nur 55 Thesen zum großen Vorbild, es fehlt vor allem die Theologie. Während die Reformation eine Wiederentdeckung der Souveränität Gottes war, wirkt Bangerts Entwurf wie eine feindliche Übernahme des Christentums durch einen flachen Rationalismus. Thiede entlarvt zu Recht die Tricks, mit denen zentrale Begriffe wie Auferstehung oder Reich Gottes zu bloßen Metaphern umgedeutet werden. 

Bultmann ohne Vertikale: Die Methode ohne das Kerygma

Bangert beruft sich massiv auf die historisch-kritische Methode, bleibt dabei aber weit hinter dem methodischen Vorbild Rudolf Bultmann zurück. Bultmanns Anliegen der „Entmythologisierung“ war es nie, den Glauben abzuschaffen, sondern ihn für den modernen Menschen existentiell verstehbar zu machen. Bei Bultmann bricht Gott von außen (vertikal) in das Leben des Menschen ein und fordert ihn zur Umkehr heraus. Bangert hingegen kappt diese vertikale Ebene vollständig. Er nutzt zwar Bultmanns historisch-kritisches Besteck, lässt aber das eigentliche Kerygma – den lebendigen Anspruch Gottes an das Ich – links liegen. Wo Bultmann die existentielle Erschütterung des Sünders vor Gott sucht, bietet Bangert lediglich ein humanistisches Wohlfühl- und Bildungsprogramm. Er reicht an die theologische Tiefe Bultmanns in keiner Weise heran. 

Im Theologiestudium nicht aufgepasst

Besonders entlarvend ist im “Katechismus” Bangerts Bemühen der Astronomie, um die biblische Sprache vom „Himmel“ zu entmythologisieren. Sein “Argument”, es gäbe kein physikalisches „Oben“, in das man auffahren könne, ist theologisch schlicht naiv. Das erinnert an die sowjetische Propaganda, die Juri Gagarin den Satz in den Mund legte, er habe im Weltall Gott nicht gesehen. Logisch! Ein anderer Satz, der Gagarin auch zugeschrieben wird, trifft es weit besser: Wer als Kosmonaut ins All fliegt, kann nicht anders, als Gott im Herzen und im Kopf zu haben. Der „Himmel“ ist kein astronomischer Ort, sondern eine Wirklichkeit Gottes, die unsere Sinne übersteigt. Wer dies mit Hinweis auf die Astronomie wegwischt, hat im Theologiestudium schlicht nicht aufgepasst. 

Die Hybris des Szientismus

Wenn Bangert dann in seinen Thesen “argumentiert”, Naturgesetze könnten nicht durchbrochen werden, weshalb theologische Dogmen fallen müssten, dann setzt er die methodischen Grenzen der Naturwissenschaft unzulässig mit der Gesamtwirklichkeit gleich. Moderne Naturwissenschaftler wissen sehr wohl, dass ihre Experimente nicht die gesamte Wirklichkeit abbilden, sondern nur das Messbare. Die Abwesenheit eines naturwissenschaftlichen Beweises für das Wirken Gottes ist kein Beweis gegen Gott. Genau deshalb heißt es „Ich glaube“ und nicht „Ich weiß“. Bangert betreibt hier einen naiven Szientismus. 

Das Kreuz als Treue Gottes und der Ruf zur Versöhnung

(vgl. dazu meinen Beitrag "Wenn Gerechtigkeit die Türen zum Paradies öffnetim Blog "Predigten nachgedacht")

Ein besonderes Defizit zeigt sich in Bangerts Umgang mit dem Kreuz, das er in den “40 Thesen” einseitig als archaisches Strafgericht eines zornigen Gottes missversteht. Doch eine biblisch fundierte Theologie liest das Kreuz genau entgegengesetzt: als den Ort, an dem Gott dem Menschen unter extremsten Bedingungen die Treue hält. Nicht Gott fordert ein Opfer, um seinen Zorn zu stillen – Gott selbst wird in Christus zum Opfer der menschlichen Hybris. Er erträgt die militärische Gewalt Roms und die religiöse Selbstgerechtigkeit des Hohenrates, ohne die Gemeinschaft mit uns aufzukündigen. Damit wird deutlich: Nicht Gott muss versöhnt werden, sondern der Mensch! Paulus bringt dies in 2. Korinther 5,20 auf den Punkt: „So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Nicht Gott hat ein Problem mit uns Menschen, wir Menschen haben ein Problem mit Gott, indem wir uns in unserer Autonomie (Gen 3) von ihm abkehren. 

Hier schließt sich der Kreis zu Bultmanns Kerygma: Das Wort vom Kreuz ist kein dogmatisches Lehrstück über ein göttliches Rechtsgeschäft, sondern ein Ruf, der den Menschen „vertikal“ in seiner Existenz trifft. Es ist das Angebot eines „neuen Seins“, das dort beginnt, wo der Mensch seine Feindschaft gegen Gott aufgibt und sich beschenken lässt. Bei Bangert hingegen verkommt das Kreuz zu einem missglückten historischen Ereignis, dem er jede existentielle Sprengkraft nimmt. 

Das Fundament der Auferstehung

Eng damit verknüpft ist die Frage der Auferstehung. Bangert deutet sie als bloßes Symbol für die Fortdauer einer Botschaft um. Doch ohne die Auferstehung – wie auch immer sie für die Jünger in dieser Welt konkret erfahrbar wurde – ist der christliche Glaube umsonst und leer. Hier geht der Glaube substanziell über das hinaus, was innerweltlich experimentell nachweisbar ist. Er gründet auf einem Handeln Gottes, das die Grenzen unserer Naturgesetze nicht ignoriert, aber transzendiert. 

Die Unsichtbarkeit der Kirche

Am Ende beschreibt Bangert ein Christentum, das restlos in der Welt aufgeht. Damit macht er die Kirche unsichtbar. Sie unterscheidet sich in nichts mehr von säkularen NGOs oder humanistischen Organisationen. Hier droht genau jene „Selbstsäkularisierung“, vor der auch Ralf Frisch warnt: Eine Kirche, die Gott „kaputt-therapiert“ und ihn zu einer Chiffre für zwischenmenschliche Liebe degradiert, macht sich selbst überflüssig. Wenn das Evangelium nur noch das sagt, was ohnehin im Ethikunterricht konsensfähig ist, verliert es sein „Salz“. Ohne die reale Begegnung mit dem Auferstandenen, ohne die Hoffnung auf eine Wirklichkeit jenseits unserer empirischen Welt, gibt es keinen christlichen Glauben. 

Fazit

Von einer „neuen Reformation“ kann bei Bangert nicht im Entferntesten die Rede sein. Was er betreibt, ist die lautlose Abwicklung des christlichen Glaubens. Einen ethischen Humanismus findet man auch bei weltanschaulichen Organisationen – dafür braucht es keinen Heiland, kein Kreuz und keine Kirche. Dieser „Etikettenschwindel“ mag den Zeitgeist bedienen, er bietet den Menschen aber keinen Halt im Angesicht von Schuld und Tod. 

Werner Thiedes Aufsatz ist die notwendige theologische Notbremse. Es ist Zeit, dass wir uns wieder auf das Ordinationsversprechen und den realen Gott besinnen, statt uns im Rauch metaphorischer Nebelkerzen zu verirren.


Friedrich Gehrings „Jesus-Zentrismus“

In der Debatte um Kurt Bangerts liberale Theologie meldete sich auch Friedrich Gehring zu Wort. Er plädiert für eine „Rückbesinnung auf Jesus“, die jedoch faktisch eine radikale Reduktion auf sozialethische Fragen darstellt. 

Meine Antwort an ihn verdeutlicht, warum ein Christentum ohne die reale Dimension von Kreuz und Auferstehung seine Existenzberechtigung verliert. Im Anschluss daran stelle ich noch einmal kurz Friedrich Gehrings Position dar, die im Original im Pfarrerblatt nachgelesen werden kann. 

Meine Antwort an Friedrich Gehring: Original oder Kopie?

wurde bisher (11.04.26) noch nicht als Kommentar im Pfarrerblatt angenommen

Lieber Herr Gehring,

als konservativer Pfarrer (Anm: dieser Gruppe hatte Friedrich Gehring in seinem Kommentar einen "Ratschlag" zum Konfirmandenunterricht gegeben) kann man übrigens auch die Jugendlichen im Konfirmandenunterricht mit Themen, die sich an Bibel und Bekenntnis orientieren, sehr gut ansprechen. „Endlich lerne ich mal etwas über meinen eigenen Glauben“, das war ein Statement eines Jugendlichen, der keinesfalls angepasst war und auch nicht aus einem christlich geprägten Elternhaus kam. „In der Schule geht es ja immer nur um andere Religionen oder um Werte und Normen“, fügte er hinzu. Das aber nur nebenbei; es zeigt mir jedoch, dass junge Menschen eine Sehnsucht nach dem spezifisch Christlichen haben, das über allgemeine Ethik hinausgeht.

Eigentlich will ich auf die Punkte eingehen, die Sie in Ihrem Kommentar hervorhoben. Sie zeichnen das Bild eines Jesus, der als radikaler Kritiker von Macht, Mammon und Ausbeutung auftritt. Vieles von dem, was Sie zur sozialen Gerechtigkeit, zur Kritik am Neoliberalismus oder zur Solidarität am Arbeitsmarkt schreiben, ist bedenkenswert und führt zweifellos in wichtige politische Debatten.

Doch hier drängt sich mir eine entscheidende Frage auf: Wenn wir Jesus – wie Sie es vorschlagen – primär als den „hochmodernen“ Sozialreformer und Systemkritiker verstehen, was unterscheidet ihn dann noch von den großen moralischen Instanzen der Geschichte? Ihr Jesus rückt in eine Reihe mit Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela. Das sind ohne Frage beeindruckende Vorbilder, die teilweise sogar – wie Gandhi – aus der Bergpredigt schöpften. Aber sie alle bleiben letztlich menschliche Größen der Vergangenheit.

Indem Sie die Auferstehung als reales Handeln Gottes an uns Menschen relativieren oder für Ihr eigenes Ende sogar ausschließen, berauben Sie Christus seiner einzigartigen Stellung als Erlöser. Ein Jesus, der nur noch in der „Viertagewoche bei VW“ oder in „heilsamen Berührungen“ gegenwärtig ist, bleibt ein innerweltliches Phänomen. Er bietet zwar ein ethisches Vorbild, aber er ist nicht mehr der „Auferstandene Herr“, der die Macht des Todes und der Sünde – jene menschliche Hybris aus Genesis 3 – tatsächlich gebrochen hat.

Was Sie als Rückbesinnung auf Jesus beschreiben, wirkt auf mich wie die Preisgabe des Kerygmas, von dem Bultmann sprach. Ohne die „vertikale“ Dimension, ohne das Eingreifen Gottes, das über das hinausgeht, was innerweltlich nachweisbar ist, bleibt nur ein religiös verbrämter Humanismus übrig.

Ein solcher Ansatz läuft für mich am Ende auf eine „unsichtbare Kirche“ hinaus. Wir sehen dieses Phänomen ja auch in der Politik: Wenn Parteien versuchen, die Inhalte anderer Parteien zu kopieren, um deren Wähler abzujagen, lassen sich die Bürger nicht beeindrucken. Sie bleiben beim „Original“ und laufen nicht zur „Kopie“ über. Warum sollte ein moderner Mensch zur Kirche kommen, wenn er dort nur das hört, was er bei NGOs wie Attac, bei Gewerkschaften oder in humanistischen Vereinen fundierter und politisch wirksamer findet?

Wenn die Kirche ihre Bekenntnisgrundlage – das Kreuz als Ort der Versöhnung und die Auferstehung als Sieg über den Tod – räumt, macht sie sich selbst überflüssig. Sie wird zu einer Kopie der Welt, die das Original des Evangeliums verloren hat.

Mit freundlichen Grüßen, Ralf Krüger


Zusammenfassung der Position von Friedrich Gehring: „Jesus-Zentrismus“

Friedrich Gehring plädiert für eine radikale Rückbesinnung auf den historischen Jesus und dessen ursprüngliche Botschaft vom Reich Gottes, die er konsequent gegen spätere kirchliche Dogmatisierungen ausspielt.

Kernpunkte seiner Argumentation:

  • Sozialkritik als Kern der Botschaft: Für Gehring ist das Christentum primär eine ethisch-politische Bewegung. Er liest die Evangelien als hochaktuelle Kritik an modernen Phänomenen: Der „Mammon“ wird mit dem Neoliberalismus gleichgesetzt, die Tempelreinigung mit Konzernkritik und die Gleichnisse mit modernen Arbeitsmarktmodellen (z. B. Kurzarbeit).

  • Ablehnung der Sühneopfertheologie: Er lehnt die Vorstellung ab, dass Jesu Tod ein Sühneopfer für Sünden sei. Dies sei eine „archaische Verschüttung“, die im Widerspruch zum Bild eines barmherzigen Gottes stehe. Schuldbewältigung solle durch Umkehr und Vergebung statt durch Opferrituale geschehen.

  • Kritik an Paulus und der Trinitätslehre: Gehring geht hinter die Reformation, die konstantinische Wende und sogar hinter Paulus zurück. Er wirft Paulus vor, das Christentum durch die „Verjenseitigung“ der Auferstehung an das römische Machtgefüge angepasst und damit Jesu weltveränderndes Potenzial neutralisiert zu haben.

  • Metaphorische Auferstehung: Ähnlich wie Bangert sieht Gehring in Jesus den „gegenwärtigen Herrn“, lehnt aber eine reale Auferstehung von den Toten am Jüngsten Tag für sich ab.

  • Praxisorientierung: Kirche gewinnt für ihn Relevanz durch Nähe, Heilung („Healing Touch“) und die Bearbeitung konkreter Lebensprobleme (z. B. Krieg und Tod im Unterricht), statt durch das Festhalten an „nachjesuanischen Bekenntnisinhalten“.

Fazit: Gehrings Position ist ein ethisch motivierter Reduktionismus. Er reduziert das Christentum auf die (sozial-)ethischen Impulse Jesu und entsorgt das dogmatische Gerüst der Kirche (Trinität, Sühnetod, reale Auferstehung) als geschichtlich bedingte Fehlentwicklungen.

Dienstag, 7. April 2026

Wenn die Augen „gehalten“ sind

Ostern habe ich eine bemerkenswerte Predigt unserer Prädikantin Petra Heidemann zum Emmaus-Text (Lukas 24) gehört. Die Predigt ist in meinem Blog "Predigten nachgedacht" veröffentlicht. Im biblischen Text wird ein Moment beschrieben, der mich heute mehr denn je an den Zustand unserer Kirche erinnert: Die Jünger sind so in ihrer Trauer und ihrem Schmerz gefangen, dass ihre Augen „gehalten“ werden. Sie gehen zwar vorwärts, aber ihre Herzen treten auf der Stelle, so drückte es Petra Heidemann aus.

Feuerwerk statt brennender Herzen?

Gegenwärtig erlebt die Kirche massive „Transformationsbestrebungen“. Da ist die Rede von „transparochialen“ Strukturen und multiprofessionellen Teams, die ein „Feuerwerk“ kirchlicher Aktionen nach dem anderen zünden sollen (Julia Koll; vgl. dazu in diesem Blog: Anker der Freiheit [22.03.26]). Zuerst stellt sich die Frage: Woher soll das Personal für diese Mammutprojekte kommen? Weder Pfarrpersonen noch Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker oder Diakoninnen und Diakone oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter stehen Schlange, um in der "trans-" oder "postparochialen" Kirche mitzuarbeiten. Und viel wichtiger ist dann die Frage: Brennt das Herz noch, wenn Theologie zur Sprache kommt? 

Wenn Steffen Bauer davon spricht, dass die „DNA der Kirche auf den Kopf gestellt wird“, müssen wir kritisch fragen: Was ist diese DNA eigentlich? (vgl. auch meinen Aufsatz zu Julia Koll und den Beitrag "Transformation oder De-Konstruktion?" [16.03.26])

  • Besteht sie aus Strukturreformen und Eventmanagement?

  • Oder ist sie die Verkündigung der Versöhnung mit Gott? 

In der Predigt von Petra Heidemann heißt es treffend, dass Jesus den Jüngern die Schrift öffnete, angefangen bei Mose und den Propheten. Die Kirche von heute scheint sich stattdessen im „Managersprech“ zu versuchen. Man hantiert mit Begriffen, von denen man oft wenig versteht, und verliert dabei die biblische Botschaft – den Kern unserer Existenz – aus den Augen.

Die Gefahr der Selbstsäkularisierung

Die Predigt betont, dass Jesus das Brot brach und erst dann die Augen der Jünger geöffnet wurden. Heute erleben wir oft das Gegenteil: Eine Art „Selbstsäkularisierung“.

  • "Theologen" wie Kurt Bangert fordern eine Reform des Christentums, bei der am Ende von klassischer christlicher Theologie kaum noch etwas übrig bleibt. (vgl. seine Aufsätze im Deuten Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt)

  • Wenn die Botschaft Jesu nur noch als moralischer Appell oder liberales Lebensmodell verstanden wird, fehlt das, was die Predigt als „Grundlage unseres Glaubens“ bezeichnet: Die Erlösung durch das Kreuz und die Hoffnung der Auferstehung.

So gab es Petra Heidemann Ostern der Gottesdienstgemeinde mit auf den Weg: „Es ist die Grundlage unseres Glaubensbekenntnisses: Jesu Kreuzigung für unser Versagen [...] und seine Auferstehung als Christus, damit auch wir die Dunkelheit des Todes durchschreiten.“ 

Zurück zum Osterlicht

Durch das Schweigen über den Kern des Evangeliums überlassen wir den Interpretationsraum der Bibel den Fundamentalisten und „Bibelinfluencern“. Wenn ein Donald Trump Gott für nationale Machtansprüche instrumentalisiert, braucht es mehr als nur „kirchliche Aktionen“. Es braucht theologischen Tiefgang, wie man ihn bei Autoren wie Ralf Frisch oder Werner Thiede findet.

Wir müssen aufhören, nur auf unsere „eigenen Füße“ zu schauen – also auf unsere schwindenden Mitgliederzahlen und maroden Strukturen. Die Predigt erinnert uns:

  • Ostern ist Hoffnung, wo keiner mehr zu hoffen wagt.

  • Das Ziel ist nicht die perfekte Organisation, sondern das „Osterlicht“, das uns im Alltag begleitet.

Warum die Sehnsucht nach Tiefe siegen wird

Die Resonanz auf Petra Heidemanns Gedanken beim anschließenden Kirchenkaffee zeigt eines deutlich: Die Menschen haben genug von „kirchlichen Feuerwerken“, die zwar kurz hell aufleuchten, aber keine nachhaltige Wärme spenden. Sie suchen nach einer Botschaft, die sie „bis ins Tiefste versteht“.

  • Substanz statt Struktur: Während in kirchlichen Strategiepapieren über „trans-" oder "postparochiale Teams“ philosophiert wird, zeigt die Emmaus-Geschichte, dass Heilung dort geschieht, wo die „Schrift geöffnet“ wird.

  • Die wahre DNA: Wenn wir die Versöhnung mit Gott als Zentrum verlieren, verlieren wir unsere Identität. Die Predigt erinnert uns daran, dass Jesu Kreuzigung für unser Versagen und seine Auferstehung die „Grundlage unseres Glaubensbekenntnisses“ sind – nicht unsere organisatorische Agilität.

  • Vom Tunnel zum Licht: Die Welt braucht keine Kirche, die sich im „Managersprech“ verliert, sondern eine, die den „Abgrund zum Tunnel“ macht, an dessen Ende das Osterlicht strahlt.

Es ist tröstlich zu wissen, dass die Botschaft von der Auferstehung – so „wenig fröhlich“ sie für die Betroffenen zunächst auch war – am Ende die Kraft hat, die „Augen weit aufzumachen“. Genau das wird der Moment, in dem die Kirche aufhört, ängstlich auf ihre eigenen Füße zu schauen, und wieder lernt, das Licht auszustrahlen, das sie eigentlich trägt .

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja! 

Das ist keine Management-Strategie, sondern eine lebensverändernde Wahrheit.