Sonntag, 1. März 2026

Anpassungsfalle - Relevanz - Wirkung

Vom nachplappernden Papagei zum prophetischen Pirol: Warum die Kirche den Mut zur Abweichung braucht 

Die aktuelle Debatte im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt (02/2026) wirft eine radikale Frage auf: Verliert die Kirche ihre Relevanz nicht durch zu wenig, sondern durch zu viel Anpassung? Während kirchliche Thinktanks versuchen, die „DNA der Kirche“ durch die Übernahme ökonomischer Management-Strukturen zu retten, plädiert ein Autorenteam um Eberhard Blanke für eine Rückbesinnung auf die religiöse Autonomie. 

In diesem Beitrag analysiere ich diese „Anpassungsfalle“ – von politischen Predigten bis hin zu transparochialen Strukturreformen – und erkläre, warum echte Wirkung nur durch eine konsequente „nüchterne Äquidistanz“ und die Vernetzung derer entstehen kann, die sich dem Mainstream widersetzen.

Kurz zusammengefasst: 

Eberhard Blanke, Stephan Feldmann, Fabian Gartmann, Gundolf Holfert, Georg Raatz, Frank Uhlhorn, Wie die Kirchen Gehör finden könnten - Abweichung als Schlüssel zur Relevanz 

In ihrem Artikel analysieren die Autoren die schwindende Relevanz der Kirche. Ihre zentrale These: Die Kirche verliert ihre gesellschaftliche Stimme nicht durch mangelnde Anpassung, sondern durch eine „doppelte Säkularisierung“, bei der sie sowohl ihre Umwelt als auch ihre eigene Kommunikation zunehmend weltlich gestaltet.

Die Hauptargumente des Aufsatzes sind:

  • Die Anpassungsfalle: Wenn kirchliche Vertreter sich in öffentlichen Diskursen nur noch an gängige politische oder wirtschaftliche Jargons angleichen, verlieren sie ihre genuin religiöse Position und werden zum „nachplappernden Papagei“.

  • Abweichung als Schlüssel: Relevanz entsteht laut den Autoren nicht durch Angleichung, sondern durch den Mut zur Abweichung. Die Kirche müsse sich wieder auf ihren spezifischen „Code“ von Immanenz und Transzendenz besinnen.

  • Beobachtung zweiter Ordnung: Statt in politische Kämpfe einzusteigen, sollte die Religion eine Position der „nüchternen Äquidistanz“ einnehmen. Von dort aus kann sie gesellschaftliche Bereiche (wie die Politik) beobachten und deren Relativität und Grenzen aufzeigen.

    • Am Beispiel einer "politischen" Predigt über das Verhalten der beiden Schwestern Marta und Maria machen die Autoren deutlich, wie der Prediger den Raum der Theologie mit dem Raum der Politik vertauscht, dabei Gottesdienstteilnehmer, die eine andere Meinung vertreten, vor den Kopf stößt und für die anderen keine Denkanstöße bereithält. 

  • Strukturelle Kopplung statt Kausalität: Die Autoren verwerfen die Idee, dass die Kirche die Gesellschaft direkt steuern kann. Wirkung entfaltet religiöse Rede nur dann, wenn sie als „Irritation“ in anderen Systemen (Politik, Recht, Wirtschaft) fungiert und dort aufgrund ihrer Eigenständigkeit Resonanz auslöst.

Das Ziel der Autoren ist die Transformation der Kirche von einem imitierenden „Papagei“ hin zu einem „prophetischen Pirol“, der mit seiner eigenen religiösen Melodie überrascht und zum Nachdenken anregt.

Mein Kommentar

Dieser Artikel legt den Finger punktgenau in die Wunde einer „resonanzverliebten“ Kirche, die Gefahr läuft, im gesellschaftlichen Vielerlei als bloßer „nachplappernder Papagei“ unterzugehen. Die Analyse der Autoren, dass Relevanz nicht durch Angleichung an weltliche Diskurse, sondern durch die konsequente Kultivierung der eigenen religiösen Melodie entsteht, ist eine notwendige Befreiung aus der „Anpassungsfalle“, in die die evangelische Kirche offensichtlich getappt ist. 

Zwei Aspekte des Aufsatzes haben mich angesprochen. 

Wenn die Autoren auf das Konzept der “strukturellen Kopplung” verweisen, dann machen sie deutlich, dass nicht der Absender einer Botschaft die Wirkung kontrolliert, sondern das Empfängersystem reguliert, welchen Sinn es in welcher Weise verarbeitet. Dieser Ansatz geht davon aus, dass jedes System (z. B. Wirtschaft, Recht oder Religion) operativ geschlossen ist. Systeme können sich nicht gegenseitig „instruieren“ oder direkt steuern, sie können sich aber durch “wechselseitige Irritation” anregen. 

Um das Beispiel der “politischen Predigt” über Marta und Maria aufzunehmen: Je mehr der Prediger versucht hätte, im biblischen Kontext deutlich zu machen, was Marias “Hören” auf Gottes Wort bedeutet, desto eher wäre die Predigt als theologische Aussage wahrgenommen worden, die bei den Zuhörern eine Nachdenken hätte auslösen können, ohne die Moral zu bemühen - dies und das ist politisch korrekt. Eine theologische Kommunikation findet also nur dann als Irritation Anschluss, wenn sie vom Empfänger überhaupt als spezifisch religiös identifiziert werden kann. 

Der zweite wichtige Aspekt des Textes ist in meinen Augen die Forderung nach einer nüchternen Äquidistanz. In der gesellschaftlichen und politischen Diskussion beschreibt dieser Begriff das Prinzip, zu verschiedenen Positionen, Parteien oder Akteuren (den gleichen) Abstand zu wahren. Es handelt sich um ein Konzept der Unparteilichkeit, das aber nicht mit “Neutralität” gleichzusetzen ist. Es geht sozusagen um eine religiöse Fremdbeobachtung der anderen Systeme. Wenn die Kirche beispielsweise im Blick auf Politik aufhört, in politischer Münze zu zahlen, und stattdessen die Bedingtheit gesellschaftlicher Verhältnisse im Lichte der Transzendenz markiert, bietet sie einen Mehrwert, den nur sie leisten kann. 

Die fatale Tendenz zur Angleichung zeigt sich jedoch nicht nur in der Sprache, sondern massiv auch in der aktuellen Diskussion um die Strukturreformen. Wenn Akteure wie Julia Koll (Stichwort “transparochiale Kirche”) oder Steffen Bauer (“Die DNA der Kirche wird gerade auf den Kopf gestellt”) das Ende der klassischen Parochie proklamieren und stattdessen trans- oder auch postparochiale Großraumstrukturen mit gabenorientierter Arbeitsteilung fordern, versuchen kirchliche Thinktanks im Grunde nur, Management-Modelle aus der Wirtschaft zu übernehmen. Auch hier wäre eine nüchterne Äquidistanz angebracht. Wenn die Kirchenleitung sich in diesen Sphären bewegt, begeht sie auf organisatorischer Ebene denselben „Kategorienfehler“, den die Autoren für die Predigt beschreiben. Sie “dilettiert” dann in fremden Funktionssystemen (hier: der Wirtschaft), anstatt eine eigene, religiös begründete Organisationsform zu bewahren und zu entwickeln. 

Den starken systemtheoretischen Ansatz des Aufsatzes verknüpfe ich mit der Anregung, dass sich Akteure, die diesen Weg der Abweichung bereits mutig gehen – weg von der beschriebenen Selbsterklärung durch Anpassung –, untereinander stärker vernetzen müssen. Das Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt könnte eine entscheidende Rolle spielen. Eine stärkere Kooperation derjenigen, die sich der doppelten Säkularisierung widersetzen, könnte diese notwendigen Impulse in die Funktionssysteme unserer Gesellschaft hinein potenzieren. 

Es ist an der Zeit, dass die eigene Melodie der Kirche nicht nur als Einzelstimme, sondern als vielstimmiger, aber kategorial eigenständiger Chor von prophetischen Pirolen wahrgenommen wird.

Zwischen Anerkennung und Überforderung

Warum wir das Geschöpf-Sein neu lernen müssen

Muss ich mich ständig selbst optimieren, um wertvoll zu sein? Gottfried Adam schlägt im aktuellen Pfarrerblatt eine Brücke von Luthers Rechtfertigungslehre zur modernen Anerkennungsphilosophie. Doch reicht das aus? Ein Kommentar über die Last, ‚sein zu wollen wie Gott‘, und die befreiende Grenze unseres Geschöpf-Seins.

Kurz zusammengefasst: 

Gottfried Adam, „Rechtfertigung – Leben aus der Gabe der Anerkennung“

In seinem Aufsatz im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 02/2026 stellt der Religionspädagoge Gottfried Adam die Frage, wie die reformatorische Rechtfertigungslehre heute noch verstanden werden kann. Sein Befund: Zentrale Begriffe wie „Gerechtigkeit Gottes“ sind heute oft missverständlich besetzt – wir assoziieren damit meist Selbstrechtfertigung oder moralische Leistung.

Adam schlägt daher eine „Übersetzung“ in die Sprache der Anerkennung vor. Die wesentlichen Schritte seines Arguments sind:

  • Vom Kampf zur Gabe: Während die Sozialphilosophie (z. B. Axel Honneth) Anerkennung oft als einen mühsamen sozialen „Kampf“ beschreibt, führt Adam mit Paul Ricœur die Logik der Gabe ein.

  • Christus als Gabe: Er knüpft an Martin Luther an, für den Christus zuerst „Gabe und Geschenk“ (donum) ist, bevor er zum Vorbild (exemplum) wird. Rechtfertigung bedeutet: Ich empfange meine Identität als Geschenk, noch bevor ich etwas geleistet habe.

  • Die Antwort der Dankbarkeit: Wer sich bedingungslos anerkannt weiß, muss nicht mehr um seinen Wert kämpfen. Die Antwort darauf ist keine „Gegenleistung“, sondern freie Dankbarkeit, die sich dem Nächsten zuwendet.

Adams Fazit: Die Rechtfertigung ist das „letztgültige Anerkanntsein durch Gott“. Sie befreit den Menschen vom Zwang zur Selbstdarstellung und Leistungsoptimierung.

Mein Kommentar

Gottfried Adam gelingt in seinem Beitrag eine beeindruckende „Übersetzungsleistung“. Indem er die reformatorische Rechtfertigungsbotschaft mit den modernen Diskursen über Anerkennung (Honneth) und die Logik der Gabe (Ricœur) verknüpft, macht er das Sola Fide in einer Welt verstehbar, die unter dem Diktat der Selbstrechtfertigung und permanenten Selbstoptimierung zu ersticken droht. Besonders die Profilierung des „Empfangens“ als Akt der Freiheit ist ein starker homiletischer Impuls. 

Doch scheint mir ein entscheidender Punkt für die theologische Tragfähigkeit dieses Ansatzes noch eine stärkere Akzentuierung zu benötigen: Die Radikalität der menschlichen Konstitution als Simul iustus et peccator

Adams Rückgriff auf die „vorgreifende Anerkennung“ bleibt dort ein rein psychologisches oder sozialphilosophisches Phänomen, wo wir die Tiefe unserer „Gefangenschaft“ (Luther) unterschätzen. Adam erwähnt zwar den biblischen Sündenfall, die Trennung des Menschen von Gott, geht aber auf diesen aus meiner Sicht entscheidenden Punkt nicht weiter ein. Der Kern des Sündenfalls liegt nicht in der Übertretung eines moralischen Einzelgebots („Esst nicht davon!“). Die eigentliche Katastrophe ist die Verlockung der Schlange: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ 

Heute erleben wir massiv die „Spätfolgen“ dieser Verheißung. Gott ist in weiten Teilen unserer Gesellschaft in die absolute Vergessenheit geraten. Das Fatale daran: Wenn Gott als Bezugspunkt verschwindet, nimmt der Mensch selbst Gottes Stelle ein, wie es die Schlange ihm eingeflüstert hat. Der Mensch ist nun gezwungen, sein eigener Schöpfer, Richter und Erlöser zu sein. 

Der allgegenwärtige Optimierungs- und Leistungsdruck ist die logische Konsequenz dieser Selbst-Vergottung: Wer „wie Gott“ sein will, muss auch perfekt sein. Und genau da scheitert die Menschheit im Augenblick - und auch in der Vergangenheit - auf allen Ebenen. 

Der populärwissenschaftliche Autor Hoimar von Ditfurth, die Älteren werden sich vielleicht an ihn erinnern, sieht in der „Erbsünde jene unserer kardinalen Schwächen, auf die auch die evolutionäre Betrachtung des heutigen Menschen uns hat stoßen lassen: unsere prinzipielle, aus unserer ‚Natur‘ entspringende Unfähigkeit, das, was wir als richtig erkannt haben, auch zu tun“. Nichts anderes schreibt Paulus im Brief an die Römer: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19) 

Damit ist der Sündenfall kein moralisches Versagen, sondern die tragische Trennung von Gott, in der der Mensch versucht, wie Gott zu sein. Meines Erachtens wird Adams Gedankengang erst dann vollends fruchtbar, wenn wir diese Trennung ernst nehmen. Wir brauchen Gott nicht als ergänzendes „Extra“, sondern als die einzige Instanz, die außerhalb unseres geschlossenen Systems von Leistung und Gegenleistung steht. 

Erst wenn der Mensch seine prinzipielle Unfähigkeit zur Selbsterlösung erkennt, wird die „Gabe der Anerkennung“ als befreiende Rechtfertigung erfahrbar. Rechtfertigung bedeutet dann, dass Gott uns wieder in das rechte Verhältnis zu sich setzt – nicht als kleine Götter, sondern als geliebte Geschöpfe. Der Mensch darf wieder Mensch sein. Er muss nicht mehr perfekt sein, weil er definitiv von Gott „anerkannt“ ist. 

Erst diese radikale Entlastung vom Zwang zur „Gottgleichheit“ macht den Weg frei für das, was Gottfried Adam als „Leben aus der Gabe“ beschreibt.

Allmacht als Wesen oder als Wunsch?

Ist Christus nicht auferstanden, ist unser Glaube umsonst ...

Gaza, Ukraine, das Schweigen Gottes: Kann man heute noch guten Gewissens vom 'allmächtigen Vater' sprechen? In meinem neuen Blogbeitrag setze ich mich mit Werner H. Ritters radikalem Vorstoß auseinander. Warum die Auferweckung Jesu die Grenze jeder Dekonstruktion ist und warum wir die Allmacht gerade im Angesicht des Todes brauchen, lesen Sie hier.

Kurz zusammengefasst: 

Werner H. Ritter "Allmacht Gottes - Dekonstruktion und Rekonstruktion eines umstrittenen Begriffs - ein Versuch

In seinem Aufsatz im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 02/2026 setzt sich der Theologe Werner H. Ritter kritisch mit einem zentralen christlichen Gottesattribut auseinander. Angesichts der gegenwärtigen Weltlage (Ukraine, Gaza) und historischer Katastrophen stellt Ritter die Frage, ob die Rede von einem „allmächtigen Gott“ heute noch theologisch redlich verantwortet werden kann.

Die Kernthesen des Aufsatzes:

  • Die Dekonstruktion: Ritter argumentiert, dass die Behauptung, Gott „sitze im Regimente“, angesichts des realen Leids und der Macht von Tyrannen kontrafaktisch sei. Wer Gott weiterhin als allmächtig bezeichne, betreibe eine „theologische Unehrlichkeit“, die das Grauen der Welt ausblende oder mit „Kirchensprech“ kaschiere.

  • Abschied vom „Summum Bonum“: Er kritisiert die Vorstellung Gottes als das rein gute Höchste Gut (summum bonum). Diese Vorstellung blende das Leiden in und an der Welt aus und schaffe keinerlei Linderung.

  • Vom Faktum zur Imagination: Als Rekonstruktion schlägt Ritter vor, Allmacht nicht mehr als Tatsachenbeschreibung zu verstehen. Sie sei vielmehr ein „Entwurf von Wirklichkeit“ oder eine „Imagination“, die über das faktisch Gegebene hinausgeht (ein Surplus). Allmacht ist für ihn ein „Suchbegriff“, keine gesicherte Erkenntnis.

  • Verbales Abrüsten: Ritter fordert eine „postheroische“ Theologie. Da der Ausgang der Geschichte offen sei und Gott oft als schweigend erfahren werde, solle man den Allmachtsbegriff nur noch vorsichtig tastend und demütig verwenden – primär als Ausdruck persönlicher Hoffnung, nicht als dogmatisches „Basta-Argument“.

Ritters Fazit lautet: Die ungebrochene Rede von Gottes Allmacht ist ein untauglicher Beschwichtigungsversuch. Ob ein Gläubiger den Begriff im Gebet noch verwendet, müsse letztlich jeder im Rahmen seines eigenen „Frömmigkeitsskripts“ selbst entscheiden.

Mein Kommentar

Werner H. Ritter unternimmt in seinem Aufsatz zur “Allmacht Gottes” den Versuch einer radikalen Flurbereinigung. Sein Ruf nach „theologischer Ehrlichkeit“ und „verbalem Abrüsten“ angesichts der Katastrophen von Gaza bis in die Ukraine ist ein Impuls, der zunächst sinnvoll erscheint. Wer hat nicht schon am Grab gestanden und mit der „Allmacht Gottes“ gerungen? Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich Ritters Dekonstruktion als eine Verzeichnung, die das Herzstück des christlichen Bekenntnisses zugunsten einer subjektiven Welterfahrung preisgibt. 

1. Das Missverständnis der Allmacht als „Kausal-Maschine“ 

Ritter unterstellt der traditionellen Dogmatik ein mechanistisches Verständnis von Allmacht - Gott als die Super-Ursache, die per Knopfdruck Weltgeschichte steuert. Doch die kirchliche Tradition war nie so naiv. Allmacht bedeutet im biblischen Sinne nicht Determinismus, sondern Möglichkeit. Wenn wir im Apostolikum den „allmächtigen Vater“ bekennen, dann tun wir das im Bewusstsein der Schöpfung und der Auferweckung Jesu. Ritters Vorwurf, dieses Reden sei „kontrafaktisch“, verkennt den Charakter des Glaubens: Glaube orientiert sich nicht an der Empirie der Weltläufe, sondern am Handeln Gottes, das die Weltläufe transzendiert. 

2. Getsemani: Allmacht ohne Automatismus

Die biblischen Zeugen - von den Propheten bis zu den Evangelisten - kannten das Leid und die Ohnmachtsbildnisse ihrer Zeit nur zu gut. Dennoch hielten sie an der Allmacht fest. Warum? Weil Allmacht die Voraussetzung für das Gebet ist. Jesu Ringen in Getsemani („Alles ist dir möglich“, Mk 14,36) zeigt: Das Bekenntnis zur Macht Gottes ist die Basis, um sich seinem Willen überhaupt anheimgeben zu können. 

Entscheidend ist dabei: Gottes Allmacht zeigt sich nicht darin, dass er Jesus - und damit letztlich sich selbst - den Kreuzestod erspart. Sie erweist sich vielmehr im schöpferischen Akt der Auferweckung Jesu von den Toten. Hier liegt das eigentliche Fundament des christlichen Glaubens. Wer einen Toten zum ewigen Leben erweckt, der hat wahrlich „alle Macht im Himmel und auf Erden“. Dies ist kein theoretisches Konstrukt, das ist vielmehr die reale, erzählbare Erfahrung der Osterzeugen. Ohne diese Tat Gottes wäre unser Glaube, wie Paulus in 1. Kor 15 pointiert, schlicht „umsonst“. Ohne Allmacht wird Gott zum bloßen Mit-Leidenden, zu einem tragischen Helden der Ohnmacht, der uns zwar versteht, aber nicht retten kann. 

3. Das Zeugnis der Märtyrer: Schauen statt Rechnen 

Von dieser österlichen Macht her gewinnt auch das Zeugnis der Märtyrer seine eigentliche Tiefe. Ritter macht die eigene Welterfahrung zum Richter über das Gottesprädikat und konstatiert fast buchhalterisch, dass der Ruf nach dem Allmächtigen geschichtlich keine Rettung „geleistet“ habe. Doch wer so argumentiert, verkennt die Perspektive derer, die „in extremis“ standen und beteten. 

Das Zeugnis eines Stephanus (Apg 7) macht deutlich: Die Macht Gottes erweist sich nicht im Ausbleiben der Steine, sondern in der Eröffnung des Himmels angesichts der Hinrichtung. Die Märtyrer haben nicht auf einen „Rettungsautomatismus“ für ihr biologisches Leben gesetzt, sondern sie haben im Vertrauen auf den Auferwecker ihr Leben in Gottes Hand gelegt. Sie haben nicht „Hoffnung gespielt“, sondern die Herrlichkeit Gottes bereits geschaut. Ritter missachtet diese existentielle Dimension, wenn er das Schweigen Gottes am Schafott als Beweis für die Hinfälligkeit des Allmachtsbegriffs wertet. 

Fazit: Die Auferstehung als Grenze der Dekonstruktion 

Ritters Forderung, die Allmacht als „kausale Übermacht“ zu verabschieden, erscheint auf den ersten Blick und angesichts der gegenwärtigen Erfahrungen mit dem Leid logisch und angemessen, aber sie führt in eine theologische Sackgasse. Wenn wir die Rede von der Allmacht in den Bereich der bloßen „Imagination“ oder „Option“ verschieben, verlieren wir den Boden der christlichen Hoffnung. Wir müssen das Schweigen Gottes aushalten, ohne ihm die Fähigkeit zum Handeln abzusprechen. Anstatt „verbal abzurüsten“, sollten wir lieber „theologisch aufrüsten“: Nicht im Sinne von Vollmundigkeit, sondern im Sinne einer tiefen Verankerung in der Theologia Crucis. Ritters „postheroische“ Theologie mag zwar intellektuell weniger Anstoß erregen, aber sie droht, den Menschen in der Not genau das zu nehmen, was sie trägt: Den Gott, dem kein Ding unmöglich ist.

Montag, 23. Februar 2026

Wenn die Kirche sich selbst abschafft ...

Am 18. Februar veröffentlichte das Sonntagsblatt - 360° evangelisch - den Beitrag von Ralf Frisch: “Warum es der Kirche nichts nützt, sich selbst zu säkularisieren” (Link zum Artikel). Absolut lesenswert! Auf seiner Internetseite stellt sich Ralf Frisch so vor: “Ich bin Professor für Systematische Theologie und Philosophie. Zu Deutsch: ich beschäftige mich mit den Grund- und Gegenwartsfragen des christlichen Glaubens und mit den Grund- und Grenzfragen des menschlichen Daseins.” (https://ralffrisch.de/) Sein Aufsatz im Sonntagsblatt hat mich so fasziniert, dass ich die aus meiner Sicht wesentlichen Gedanken hier aufnehme und meine Gedanken hinzufüge. 

Ich empfehle dringend, den Artikel im Original zu lesen (Link s.o.)!

Die Flucht nach vorn – doch in welche Richtung?

Ralf Frisch schildert eine Podiumsdiskussion, die symptomatisch für die aktuelle Lage der evangelischen Kirche zu sein scheint. Eine Pastorin fordert dort die radikale Öffnung: Die Grenze zwischen Kirche und Nicht-Kirche solle fallen. Für Fisch ginge unter diesen Umständen das Christentum in einer „säkularen humanistischen Menschheitsreligion“ auf.

Frisch beobachtet diesen Trend zur Entgrenzung mit großer Skepsis und analysiert messerscharf:

  • “Tugend” aus der Not: Die drohende Bedeutungslosigkeit der Volkskirche wird durch eine rhetorische Flucht nach vorn kompensiert. Man verkauft das Schwinden des Profils als Fortschritt.

  • Glaubwürdigkeitsverlust: Wer als kirchliche Gehaltsempfängerin die Auflösung der eigenen Institution predigt, wirkt auf Frisch wie ein Gast im „Grandhotel Abgrund“ – man genießt den Status quo, während man das Ende moderiert.

  • Heimatlosigkeit: Frisch gesteht sich sogar den radikalen Gedanken eines Kirchenaustritts ein, da er in der aktuellen Form der Institution die „Kirche Jesu Christi“ kaum noch wiedererkennt. Solche Gedanken könnten sich, so Frisch, von einer evangelischen Pfarrperson öffentlich ausgesprochen, schnell als existenzgefährdende Sätze erweisen.

Mein Kommentar: „Existenzgefährdenden Sätze”

Besonders bezeichnend ist Frischs Hinweis auf die „existenzgefährdenden Sätze“. Es ist ein erschreckender Befund. Eine Pfarrperson, die das Profil und die Identität ihrer Kirche schützen will, gerade deshalb am gegenwärtigen Erscheinungsbild leidet und dies auch öffentlich macht, muss unter Umständen mit disziplinarischen Konsequenzen rechnen. Ob dies im Einzelfall bis zum Verlust der Existenzgrundlage führt, sei dahingestellt; doch als Vorsitzender des Vereins „D.A.V.I.D. – gegen Mobbing in der evangelischen Kirche“ erfahre ich regelmäßig von Handlungsweisen kirchenleitender Personen, die ich zuvor schlicht nicht für möglich gehalten hätte.

Dabei geht es hier – wie bei Frisch – um die geistliche Integrität: die Erkenntnis, dass die gegenwärtig sichtbare Institution kaum noch mit der Kirche Jesu Christi zur Deckung zu bringen ist, die wir eigentlich erwarten.

Hier zeigt sich ein tiefes Paradox: Während die „Entgrenzung“ und die Verschmelzung der Kirche mit der öffentlichen Meinung in kirchenleitenden Gremien und Thinktanks oft als prophetisch gefeiert werden, führt die Sorge um den theologischen Kern in die Selbstzensur. Wer den Ausverkauf christlicher Inhalte kritisiert, steht unter Druck, während diejenigen, die die Auflösung der Kirche betreiben, Applaus ernten. Die Toleranz der „Entgrenzer“ scheint offensichtlich nur in eine Richtung zu gelten.

Frisch: Selbstsäkularisierung wird Ende der Kirche beschleunigen

Ralf Frisch radikalisiert in diesem Abschnitt seine Kritik: Er sieht die evangelische Kirche in einer Vorwärtsflucht, die er als „theologische Suizidierung“ bezeichnet. Anstatt das eigene geistliche Erbe zu pflegen, flüchten sich Funktionäre und Fakultäten in die Rolle von interreligiösen Moderatoren oder Kulturwissenschaftlern.

Die Kernthesen dieses Abschnitts:

  • Das Paradox der Prophetie: Wer die Kirche durch Selbstsäkularisierung auflöst, gilt heute oft als „visionär“. Wer hingegen an den gekappten geistlichen Wurzeln leidet und dies auch benennt, wird schnell als „ewiggestrig“ oder gar als „Nestbeschmutzer“ abgestempelt.

  • Gottlose Zukunftspapiere: Frisch weist darauf hin, dass selbst in Papieren theologischer Fakultäten das Wort „Gott“ teils gar nicht mehr vorkommt – aus Angst, im akademischen Wettbewerb als nicht anschlussfähig zu gelten.

  • Die falsche Prognose: Gegen das Credo, das Christentum müsse säkular werden, um zu überleben, setzt Frisch die Gegenthese: Die Flucht in die Beliebigkeit wird das Ende der Institution nicht verzögern, sondern beschleunigen.

Mein Kommentar: Die Suche nach Substanz und Profil

Meine eigenen Erfahrungen decken sich in hohem Maße mit den Beobachtungen von Ralf Frisch. In meiner aktiven Dienstzeit wurde dies besonders in zwei Bereichen deutlich:

  • Wissenserosion und Offenheit: Jugendliche im Konfirmandenunterricht sind keineswegs desinteressiert, sondern sehr wohl ansprechbar auf biblische Inhalte. Da sie in der Schule oft nur noch vergleichende Religionskunde ohne eigenes Fundament erfahren, fehlt ihnen die Basis. Wenn man ihnen aber die christliche Botschaft als eigenständiges Profil anbietet, stößt dies auf offene Ohren.

  • Rituelle Entfremdung: Der Trend zu weltlichen Rednern bei Beerdigungen und Trauungen oder gar „weltlichen Taufen“ (so widersprüchlich dieser Begriff auch sein mag) zeigt, dass die Kirche ihre Kompetenz für die Deutung der großen Lebensübergänge verliert. Das geschieht oft deshalb, weil sie ihre eigene Botschaft nicht mehr mutig und erkennbar genug vertritt.

Ich stimme Frisch zu: Die Rettung liegt nicht in der Flucht in die Rolle des „interreligiösen Trainers“. Wir brauchen eine zeitgemäße, dialogbereite Theologie, die sich traut, wieder von Gott zu sprechen.

Das zeigt sich besonders im Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft, etwa beim Thema Schöpfung. Im Konfirmandenunterricht taucht das Thema regelmäßig auf. Hier müssen beide Seiten ihre Grenzen anerkennen:

  • Die Theologie bietet nicht die „bessere“ Erklärung als die Naturwissenschaften. Es geht der Theologie nicht um das empirische „Wie“ der Weltentstehung, sondern darum, Gott als Ursprung mitzudenken. Dieses Denken kann und darf die Theologie der Wissenschaft allerdings nicht aufzwingen.

  • Die Naturwissenschaft wiederum erklärt Gesetzmäßigkeiten auf Basis von Experimenten und Messungen. Sie überschreitet ihre Kompetenz, wenn sie versucht, mit dieser Methode die Nicht-Existenz Gottes „beweisen“ zu wollen.

Ein echter Dialog ist nur möglich, wenn die Theologie ihr transzendentes Rückgrat behält. Wenn die Kirche nur noch das sagt, was ohnehin allgemeiner Konsens ist, macht sie sich selbst überflüssig.

Frisch: Moderner Protestantismus in der Sackgasse

Zwischen muslimischer Vitalität und christlicher „Vaselineverkündigung“

In diesem Abschnitt führt Ralf Frisch die Analyse in den Bereich der gesellschaftlichen Realität und der Religionsbegegnung. Er spart dabei nicht mit harten Begriffen und zeichnet das Bild einer Kirche, die vor lauter Toleranz ihre eigene Identität verloren hat.

Die zentralen Punkte der Analyse:

  • Identität vs. Belanglosigkeit: Während Frisch bei Muslimen eine starke, identitätsstiftende Kraft des Glaubens wahrnimmt, biete der moderne Protestantismus oft nur noch eine „Vaselineverkündigung“ – anschlussfähige, aber belanglose Binsenweisheiten.

  • Die Sackgasse des Liberalismus: Weder Sozialmoralismus noch ein rein individuelles „Selbstbestimmungschristentum“ führen laut Frisch zu einer belastbaren Kirchenbindung. Im Gegenteil, so Frisch, die Kirche mache sich durch ihre Anpassung an den Zeitgeist unsichtbar.

  • Das interreligiöse Missverständnis: Frisch warnt vor einer „interreligiösen Romantik“. Das Beispiel der „99 Namen Allahs“ in einem franziskanischen Magazin dient ihm als Beleg für eine Kirche, die ihr eigenes Bekenntnis leichtfertig durch ein vages „Weltethos“ ersetzt.

  • Die Gefahr der Blauäugigkeit: Frisch befürchtet, dass die Kirche die Realität eines “religionspolitischen Kulturkampfes” unterschätzt. Wer nur noch auf “Menschheitsmoral” setzt, verkenne, dass andere religiöse Mentalitäten durchaus hegemoniale Ansprüche verfolgen.

Mein Kommentar: Selbstbewusstsein statt Ressentiment

Die Beobachtungen von Frisch decken sich mit meinen Erlebnissen vor Ort. Wenn ich sehe, wie diszipliniert und überzeugt junge Männer in der Moschee beten, beeindruckt mich diese Ernsthaftigkeit durchaus. Das Problem ist nicht die Stärke des muslimischen Glaubens an sich, sondern die theologische Sprachlosigkeit auf christlicher Seite.

Christen haben dem muslimischen Selbstbewusstsein oft nichts Eigenes entgegenzusetzen – nicht, weil sie tolerant sein wollen, sondern weil sie verlernt haben, ihren eigenen Glauben fundiert und mutig zu bekennen. Es geht mir nicht um eine Abwertung des Islam, sondern um ein Plädoyer für ein selbstbewusstes Christentum, das dialogfähig ist, gerade weil es ein eigenes Profil hat. Wenn wir unseren Glauben nur noch als „humanistische Grundierung“ verstehen, werden wir in einer multireligiösen Welt schlichtweg übersehen.

Frisch: Wo wird der christliche Glaube überleben?

Ralf Frisch stellt uns in seinem Aufsatz vor eine radikale Bestandsaufnahme. Er benennt drei Symptome, die vor allem die Situation nördlich der Alpen und speziell in Deutschland kennzeichnen und die bisherige Gestalt von Kirche infrage stellen:

  • Der akademische Nachwuchsmangel: Die Zahl der Theologiestudierenden sinkt in allen Konfessionen drastisch.

  • Das Ende politischer Privilegien: Die Staatskirchenverträge stehen auf wackeligen Beinen; ihr Fortbestand scheint langfristig nur noch bei unwahrscheinlichen politischen Mehrheiten gesichert.

  • Die Erosion der Lehre: Die Universitätstheologie droht zu einer bloßen „Schwundstufentheologie“ zu verkommen.

Angesichts dieser „Verdünnisierung“ des Christlichen stellt sich die existenzielle Frage: Wie und wo wird der Glaube diesen Epochenbruch des 21. Jahrhunderts überleben? Wenn die alten Narrative der Aufklärung sterben, wo bleibt dann das Evangelium präsent?

Spuren des Bewahrens – aber keine fertigen Lösungen

Frisch geht verschiedene Optionen durch, die wie Speichermedien einer verbleichenden Kultur wirken:

  • Als bloße historische Erinnerung an Vergangenes.
  • In freikirchlichen Nischen und Ausbildungsstätten.
  • Im sakramentalen Ritus oder im kulturellen Welterbe der Kathedralen und Klöster.
  • In der Ästhetik, also in Musik und Kunst, die sich dem Zeitgeist widersetzen.
  • In der spirituellen Innerlichkeit als reine Privatsache oder gar „inkognito“ als vage soziale Substanz unserer Gesellschaft.

Doch letztlich wird deutlich: Keine dieser Optionen ist für Frisch eine vollwertige Lösung. Sie beschreiben zwar Spuren des Bewahrens, aber sie allein können keinen christlichen Glauben retten, der sprachfähig bleibt und anderen Menschen die biblische Botschaft aktiv erschließt.

Die Gefahr des politischen Missbrauchs: Der „transatlantische Flashback“

Besonders brisant wird es, wenn man den Blick über den Ozean richtet. Frisch thematisiert das Erstarken eines politisch-theologischen Narrativs, wie wir es in den USA bei J.D. Vance oder Marco Rubio erleben. Hier wird das Christentum zur Ideologie umgeformt, um eine „westliche Zivilisation“ zu retten – durchaus unter Berufung auf biblische Motive (etwa den „Aufhalter“ aus 2. Thess 2).

Frisch warnt hier vor einem gefährlichen „Flashback“ für uns in Europa: Wer heute noch starke Überzeugungen einer rettenden, göttlichen Transzendenz vertritt, wird allzu leicht als „rechts“, konservativ oder ewiggestrig stigmatisiert. Es entsteht der Eindruck, als sei ein systematisch-dogmatisch klares Christentum zwangsläufig mit den dunklen, fundamentalistischen Geistern der Vergangenheit assoziiert.

Mein Fazit: Glaube zwischen den Fronten

Am Ende dieses Abschnitts bleibt die Frage nach dem „Wo“ des Überlebens bewusst offen. Eines aber wird klar: Der Glaube steht unter Beschuss von zwei Seiten. Er kann von der „rechten“, vermeintlich konservativen Seite politisch instrumentalisiert werden, aber er kann ebenso von der „linken“, progressiven Seite durch Selbstsäkularisierung entleert werden.

Beide Wege führen weg von der eigentlichen Substanz. Die Herausforderung für uns bleibt, einen Ort für den Glauben zu finden (oder zu schaffen), der sich nicht parteipolitisch vereinnahmen lässt, sondern seine Kraft aus der biblischen Botschaft selbst bezieht.

Frisch: Das Oben-Ohne-Christentum

Zum Ende seines Artikels stellt Ralf Frisch eine fast schon existenzielle Diagnose: Wenn die Kirche den „Himmel“ – also die Transzendenz und die göttliche Spannung – streicht, bleibt ein spiritueller Kahlschlag zurück. Dieses „Oben-Ohne-Christentum“ (Theodor W. Adorno) erzeugt eine Leere, die laut Frisch zwangsläufig mit Nihilismus oder neuen Absolutismen gefüllt wird.

Die zentralen Schlussgedanken:

  • Die Bonhoeffer-Frage: Wie sollen Menschen die Spannungen dieser Welt aushalten, wenn sie den Bezug zum „Heiland“ und zum Jenseits verlieren? Ohne den Zusammenhalt zwischen Himmel und Erde erodiert letztlich auch der Zusammenhalt unter den Menschen.

  • Die missionarische Chance der Diaspora: Um die totale Säkularisierung zu beschreiben, erzählt Ralf Frisch eine fast schon tragikomische Begebenheit: In einer weitgehend entkirchlichten Region Deutschlands wurde er nach seinem Beruf gefragt. Auf seine Antwort, er sei „Pfarrer“, reagierte das Gegenüber mit ehrlichem Mitgefühl: „Fahrer sind Sie? Oje, das ist aber ein anstrengender, schlecht bezahlter Job. Tag und Nacht auf dem LKW unterwegs! Allen Respekt.“

    Dieser Mensch hatte das Wort „Pfarrer“ in seinem Leben tatsächlich noch nie gehört.

    Was auf den ersten Blick wie ein sprachliches Missverständnis wirkt, offenbart den tiefen Epochenbruch: Das christliche Vokabular und die damit verbundenen Lebensentwürfe sind aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden. Doch Frisch sieht in dieser Tabula rasa eine paradoxe, fast missionarische Chance:

    Wenn das Christentum und seine Botschaft völlig fremd geworden sind, verlieren sie auch den Ballast des „schon tausendmal Gehörten“. Sie können wieder „faszinierend neu strahlen“ – aber nur unter einer Bedingung: Wir dürfen uns nicht in die Komfortzone stressfreier Unkenntlichkeit flüchten, indem wir uns bis zur Ununterscheidbarkeit anpassen. Wir brauchen stattdessen den Mut zur „sperrigen Kenntlichkeit“. Wir müssen als Christen wieder erkennbar sein, gerade weil unsere Botschaft quer zu den Gängigkeiten des Zeitgeistes steht.

Mein Fazit: Vom Mut zur Sperrigkeit

Ich schließe mich Ralf Frisch an: Wir brauchen den Mut, uns aus der Komfortzone der Belanglosigkeit herauszubewegen. Das „Oben-Ohne-Christentum“ macht auch mir Angst, weil es den Menschen die Hoffnung raubt, die über das Irdische hinausgeht.

In meinem eigenen Blog „Predigten nachgedacht“ versuche ich genau das: Im Rückblick auf Jahrzehnte der Verkündigung zu prüfen, was uns die Botschaft der Sonntage heute noch zu sagen hat. Es geht darum, die „Spannung zwischen Himmel und Erde“ wieder spürbar zu machen, die in der modernen kirchlichen Verwaltung leider oft verloren gegangen ist.

Am Ende steht eine Erkenntnis, die so schlicht wie tief ist: Wir können die Kirche nicht durch kluge Strukturen retten. Wir müssen darauf vertrauen, dass Gott seiner Christenheit den Weg weist. Es liegt nicht allein an unserem Wollen, sondern an Seinem Segen. Wir sind vielleicht nur noch wenige „Letztverbliebene“, aber wir tragen eine Botschaft, die zu wertvoll ist, um sie in Anpassung zu ersticken.

„Fahren Sie in Gottes Namen weiter“

Zum Schluss seines Artikels erzählt Ralf Frisch eine wunderbare Anekdote, die zeigt, was passiert, wenn die „Vertikale“ des Glaubens unvermittelt in die „Horizontale“ unseres durchgetakteten Alltags einbricht. Es geht um eine verbotene Autofahrt zu einer Kapelle, eine Begegnung mit einem Bauern auf einem Traktor und ein Wort, das in unserer modernen Welt offensichtlich exotischer wirkt als jede andere Erklärung: „Beten.“

Frisch beschreibt dieses Bekenntnis als etwas, das quer zu allen Salonfähigkeiten steht – eine Art geistliche „Geisterfahrt“, die manche für verrückt halten mögen, die aber vielleicht genau der Weg ist, den wir als Christen heute gehen müssen.

Wie genau diese Begegnung ausging und warum Frisch am Ende tatsächlich „in Gottes Namen“ weiterfahren durfte, sollten Sie unbedingt selbst nachlesen. Es lohnt sich, diesen klugen und scharfzüngigen Text in voller Länge im Sonntagsblatt zu genießen.


[Hier geht es zum vollständigen Artikel von Ralf Frisch]

Dienstag, 3. Februar 2026

Die verwaltete Erschöpfung

Warum die „transparochiale“ Wende die Basis im Stich lässt ...

Ausführlich habe ich mich in der letzten Zeit mit den Maßnahmen beschäftigt, die von Seiten der kirchenleitenden Ebenen angestrebt werden, um dem immer deutlicher spürbar werdenden Abwärtstrend in der Kirche entgegenzuwirken. Besonders die beiden Artikel mit den gegensätzlichen Positionen von Andreas Dreyer und Julia Koll in den letzten Ausgaben des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts (vgl. den vorhergehenden Blogbeitrag “Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?”) waren Anregung genug, nach weiteren Positionen zu forschen. 

Hier nur eine Auswahl der Dokumente:

  • Allen voran: Gisela Kittel/Eberhard Mechels (Hg.), Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen 2016
  • AKTENSTÜCK NR. 98 DER 23. LANDESSYNODE, 23. Mai 2005
  • Zukunft gescheitert? Die Landeskirche Hannovers ringt um ihren Erneuerungsprozess - 14. Mai 2023 · Rundblick - Politikjournal für Niedersachsen - Kultur (https://rundblick-niedersachsen.de/zukunft-gescheitert-die-landeskirche-hannovers-ringt-um-ihren-erneuerungsprozess; abgerufen 02.02.2025)
  • AKTENSTÜCK NR. 89 A DER 26. LANDESSYNODE, 11. September 2024
  • AKTENSTÜCK NR. 104 C DER 26. LANDESSYNODE, 4. November 2025

Was in den kirchenleitenden Verlautbarungen zunächst nach einer innovativen Ausweitung kirchlichen Handelns klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen – wie auch im aktuellen Artikel von Julia Koll – als die theoretische Untermauerung einer schleichenden Entmachtung der Kirchengemeinde vor Ort.

Die „Selbsterfüllende Prophezeiung“ der Krise

Das Narrativ der Kirchenleitungen ist beinahe überall gleich: Die traditionelle Arbeit in den Gemeinden „fresse“ zu viele Ressourcen und erreiche immer weniger Menschen. Die logische Konsequenz sei daher die Verlagerung von Verantwortung und Finanzen auf die „nächste Ebene“, den Kirchenkreis.

Diese Abwertung der Arbeit vor Ort findet sich leider immer wieder. 2006 gab die EKD das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ heraus. Dieses Dokument gilt als der „Urtext“ der aktuellen Reformformentwicklung. Kritiker wie die Bochumer Theologieprofessorin Isolde Karle (beispielsweise in „Kirche der Freiheit? Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Impulspapier des Rates der EKD“ in der Zeitschrift Evangelische Theologie) werfen dem Papier vor:

  • Betriebswirtschaftliche Sprache: Begriffe wie „Taufquote“, „Benchmarking“ und „Qualitätsmanagement“ wurden eingeführt. Dies habe den Pfarrberuf von einer geistlichen Berufung zu einer messbaren Management-Aufgabe herabgestuft.
  • Abwertung der Fläche: Das Papier propagiere „Leuchttürme“ (Profilkirchen) und nähme dabei die „pastorale Unterversorgung“ in der Fläche (Ortsgemeinden) bewusst in Kauf.
  • Qualitätszweifel: Es werde unterstellt, dass die Qualität von Amtshandlungen (Taufen, Trauungen) oft unzureichend sei und erst durch zentrale Standards „professionalisiert“ werden müsse.

Die Pfarrvereine warnten regelmäßig davor, dass die Kirchenleitungen durch die ständige Strukturreform die „psychische Widerstandskraft“ der Geistlichen untergrabe. 

Andreas Kahnt, ehem. Vorsitzender des Pfarrverbandes, schrieb dazu: „Wir sind keine Filialleiter eines religiösen Konzerns, sondern Seelsorger. Die ständige Rede von 'Effizienz' und 'Output' verkennt, dass das Wesen der Kirche dort liegt, wo zwei oder drei im Namen Christi zusammenkommen – und nicht dort, wo die Taufquote stimmt.“ (Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe 11/2012; unter dem Titel der Berichterstattung zum Pfarrertag) 

Ähnlich drückte es Andreas Dreyer aus: „Die permanente Reformeuphorie der Kirchenleitungen korrespondiert mit einer tiefen Erschöpfung an der Basis. Wer Gemeinden fusioniert und Stellen streicht, darf sich nicht wundern, wenn das Bild des Pfarrers in der Öffentlichkeit nur noch als das eines 'Mangelverwalters' erscheint.“ (An der Belastungsgrenze, in: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 3, 2014)

In meinen Augen erleben wir hier eine „Self-fulfilling Prophecy“. Wenn die Kirchenleitungen über Jahre hinweg das Bild zeichnen, dass die Arbeit vor Ort „nicht mehr läuft“ und die Parochie ein Auslaufmodell sei, dann sickert dieses Gift der Demotivation bis in die Kirchenvorstände und zu den Pfarrpersonen und letztendlich auch zu den Gemeindegliedern durch. Es entsteht eine Depressionsspirale. Wenn man Menschen ständig sagt, sie seien Teil eines sterbenden Systems, werden sie irgendwann aufhören, für dessen Erhalt zu kämpfen, ja, sie werden sich abwenden.

Die von mir - und vielen anderen - so erlebte Abwertung der jahrelangen und durchaus auch erfolgreichen Arbeit vor Ort war der Antrieb, mich noch einmal mit der Materie auseinanderzusetzen. Alle Zitate und Positionen der Kritiker zeigen überdeutlich, dass die von Julia Koll und anderen geforderte „ressourcenkluge Gestaltung“ (bei Koll die Transparochialität) keine neue Idee ist, sondern die Fortsetzung eines 20 Jahre alten Fehlers. Die "Reformideen" zünden nicht, sie halten den Abwärtstrend nicht auf, sie zeigen keine Wirkung, die in die Breite geht und die Basis erreicht.

Die Gegenargumentation hat immer das gleich Ziel: Wer die Parochie aufgibt, gibt die soziale Form der Kirche auf, die Menschen am effektivsten erreicht.

Ehrenamt braucht Wertschätzung, keine Verwaltung

Wir wissen, dass das ehrenamtliche Engagement überall gesellschaftlich immer schwieriger zu mobilisieren ist. Doch anstatt die verbleibenden Kräfte zu stärken, fühlen sich viele Ehrenamtliche durch die „Top-Down-Reformen“ schlichtweg nicht mehr wertgeschätzt. Wer möchte schon seine Freizeit opfern, um als „Mangelverwalter“ in einem System zu fungieren, das die eigene Gemeinde zur bloßen „Verwaltungseinheit“ des Kirchenkreises degradiert?

Kirche der Reformation? ...

... ein lesenswertes Buch, hrsg. von Gisela Kittel und Eberhard Mechels

Zum Reformationsjahr 2017 gaben Gisela Kittel und Eberhard Mechels die 2. Auflage ihres Buches heraus “Kirche der Reformation? - Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr”. Kittel und Mechels versammeln in diesem Band gewichtige Stimmen, die den Reformeifer der EKD hinterfragen. Statt einer Anpassung an moderne Management-Strukturen fordern die Beiträge eine theologische Tiefenschärfe, die den Namen 'Reformation' verdient. Auch jetzt kann ich wieder nur feststellen: Ein unverzichtbares Werk für alle, die sich nicht mit strukturellen Antworten auf geistliche Fragen zufriedengeben wollen.

Alle Autoren analysierten bereits frühzeitig die Gefahren (s. oben die Kritik von Isolde Karle und anderen), die wir heute in verschärfter Form erleben. Besonders hervorzuheben sind dabei:

  • Die Erosion der Ortsgemeinde: Die Autoren warnten schon damals vor einer „Entparochialisierung“. Was einst als Flexibilisierung verkauft wurde, führt heute oft zum faktischen Statusverlust der Kirchengemeinde als primärem Ort kirchlichen Lebens.
  • Ökonomisierung vs. Theologie: Der im Buch beschriebene Vorrang von Management-Logiken gegenüber ekklesiologischen Grundsätzen lässt sich heute in den (oft alternativlos präsentierten) Strukturfusionen eins zu eins wiederfinden.
  • Der Status des Pfarramts: Auch die Veränderung des pastoralen Dienstes hin zum „Funktions- und Regionalmanagement“ wurde hier bereits in den Anfängen kritisch beleuchtet.

Erneuerung von unten

Um zu verdeutlichen, was die Autoren schon zum Reformationsjahr sagen wollten, greife ich auf den Artikel von Herbert Dieckmann zurück, “Plädoyer für eine kirchliche Erneuerung von unten”; ich hätte auch andere Artikel nehmen können. 

Kurz zur Einordnung der Person: Herbert Dieckmann war von 1970 bis 2005 aktiv im kirchlichen Dienst der Hannoverschen Landeskirche als Gemeinde- und Schulpfarrer und im kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Er war Mitglied und Vorsitzender der Pfarrvertretung und danach Rechtsberater im Hannoverschen Pfarrverein. Zusammengefasst: Ein Kenner der Materie.

Dieckmanns Argumentation kann so zusammengefasst werden:

1. Kritik an der "Fortschrittsideologie" der Kirchenleitung

Dieckmann wirft der Kirchenleitung vor, eine überholte Fortschrittsideologie des 19. Jahrhunderts zu reaktivieren. Unter dem Deckmantel der "Reform" gehe es primär um eine Neuverteilung von Finanzmitteln zulasten der Ortsgemeinden und zugunsten von bürokratischen Funktionsstellen (z. B. Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit). Unterstützt werde dies durch eine "clevere Beratungsindustrie" (wie McKinsey), die erfolgreiche Gemeindearbeit systematisch schlechtrede.

2. Verzerrtes Bild der Pfarrerschaft vs. Realität

Dieckmann kritisiert die gezielte Abwertung des Pfarrerbildes durch die EKD. Diese unterstelle der Pfarrerschaft eine "mentale Orientierungskrise" und mangelnde Professionalität.

Der pensionierte Pfarrer führt dagegen die EKD-eigenen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU V im Jahr 2012) an. Diese belege, dass 92% der Kirchenmitglieder den Kontakt zu ihren Ortspastoren als "gut" oder "sehr gut" bewerteten. Pastorinnen und Pastoren rangierten im gesellschaftlichen Ansehen auf Platz zwei direkt hinter Ärzten.

Anmerkung Krüger: Zur neuesten KMU VI (Herbst 2022) schrieb ich im Blogbeitrag “Ecclesia evangelica, quo vadis? Gedanken zur Auswertung der 6. KMU”: 

Kirche vor Ort - DAS Kontaktfeld!

Als Ort der Begegnung erreichen nur die eigene Kirchengemeinde (38%) und Kirchengebäude oder Orte der Stille (19%) zweistellige Prozentwerte. Alle anderen Optionen - Seelsorge in einer Klinik oder einem Seniorenheim (3%); kirchliche Bildungseinrichtung (4%); Einrichtung der Caritas oder Diakonie (8%); kirchlicher Kindergarten (7%) - sind weit abgeschlagen.

Auch bei der Frage nach der Kontaktperson erzielen die Mitarbeitenden vor Ort hohe Werte: Pfarrperson (42%), Sekretär/in (25%), Kirchenmusiker/in (22%). Die Begegnung mit Mitarbeitenden "in der Jugend-, Familien-, Senioren- oder Sozialarbeit" (31%) lässt sich nicht differenzieren, weil verschiedene Arbeitsfelder zusammengefasst wurden.

3. Die Unverzichtbarkeit der Ortsgemeinde

Entgegen der Behauptung, die Ortsgemeinde sei ein "Auslaufmodell", betont Dieckmann deren Reichweite:

  • Vier-Säulen-Modell: Die Ortsgemeinde bestehe aus der Gottesdienst-, Gruppen-, Veranstaltungs- und Amtshandlungs-Gemeinde.
  • Alleinstellungsmerkmal: Nur die Ortsgemeinde erreiche durch Taufen, Trauungen und Beerdigungen 100% der Kirchenmitglieder, auch die Distanzierten. Sondergemeinden (z. B. City-Kirchen) seien hingegen oft "milieuverengt".
  • Beziehungsnetzwerk: In einer gesichtslosen Mediengesellschaft biete nur die Gemeinde vor Ort verlässliche, persönliche Beziehungen.

4. Wirtschaftliche Fehlentwicklung

Dieckmann belegt mit Zahlen (Anmerkung Krüger: gültig zur Zeit der Abfassung des Aufsatzes; deshalb müssten die Zahlen heute natürlich angepasst werden, aber an der von Dieckmann herausgearbeiteten Aussage wird sich wohl kaum etwas verändern) aus der Hannoverschen Landeskirche eine massive Fehlsteuerung.

Dieckmann betrachtet die Zahl der Gemeindepfarrstellen zwischen 1954 und 2015, In diesem Zeitraum, so Dieckmann, sank die Zahl um 14% von 1.358 auf 1.170 Stellen. Die Zahl der sonstigen Mitarbeiter und Kirchenbeamten nahm nach den Berechnungen von Dieckmann um 434% zu (5.000 zu 21.700), bei den Vollzeitstellen wäre es sogar ein Anstieg um 763% gewesen (1.700 zu 12.970).

Anmerkung Krüger: Die Googlerecherche ergibt, dass es Anfang der 2000er Jahre noch rund 1.300 Pfarrstellen gab; das Aktenstück 98 aus dem Jahr 2005 sah eine Reduktion der Pfarrstellen um 10% vor. Die Entwicklung ist seit 2015 leider schon viel weiter. Zu den gestrichenen Pfarrstellen kommen in Zukunft verstärkt die vakanten Pfarrstellen, für die es ganz offensichtlich kein aktive Management auf Seiten der Personalplanung gibt. 

Dieckmann rechnet vor (2015), dass 2.000 Gemeindeglieder ihre Pfarrstelle problemlos selbst finanzieren könnten (396.000 € - basierend auf 198 € pro Kopf) und dennoch Überschüsse für die Landeskirche erwirtschafteten (314.700 €, nach Abzug der Planungssumme für eine Pfarrstelle zum Zeitpunkt der Berechnung). 

5. Forderungen für eine echte Reform

  • Priorität für die Basis: Die Organisation Kirche muss sich wieder als Dienstleister für die Ortsgemeinden verstehen.
  • Erhalt von Pfarrstellen: Gemeindepfarrstellen müssen unbedingt erhalten bleiben, da sie das "Kapital an Vertrauen und Sympathie" repräsentieren.
  • Betriebswirtschaftliche Vernunft: Statt teurer Stabsstellen sollte die Kirche auf Transparenz, Sparsamkeit und eine echte Kosten-Nutzen-Analyse ihrer "Hobby-Projekte" setzen.

Dieckmann schließt mit dem Appell, sich auf die "Selbstwirksamkeit des Wortes Gottes" zu verlassen, anstatt die Kirche als rein menschliches Organisationswerk misszuverstehen. Er betont: Die Kirche lebt von der Gemeinde her. 

Wenn wir diese bewährten Bottom-Up-Strukturen nicht nutzen und stattdessen durch bürokratische Überbau-Netzwerke ersetzen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Zurück zur aktuellen Diskussion: Das Profil im Quartier

Eine echte Erneuerung braucht keine Flucht in die Abstraktion des Kirchenkreises, sondern eine radikale Besinnung auf das, was uns ausmacht. Unser Auftrag im Quartier - und diesen im gegenwärtigen “Kirchensprech” sehr oft gebrauchten  Begriff verwende ich jetzt ganz bewusst - unser Auftrag im Quartier ist klar umrissen:

  • Verkündigung und Seelsorge
  • Unterricht und Bildung
  • Kasualien (die Begleitung an den Knotenpunkten des Lebens - Taufe - Konfirmation - Hochzeit - Beerdigung)

Das ist unser Profil, das uns von allen anderen “Anbietern” unterscheidet! Und ja, dazu gehören auch unsere Gebäude. Ein Gemeindehaus ist kein „Ressourcenfresser“, sondern ein Gemeinwohl-Anker. Es muss - wie neuerdings auch offiziell gefordert - ein offener Raum für das Quartier sein – auch für externe Gruppen und Angebote, notfalls gegen ein Entgelt –, solange es dem kirchlichen Auftrag nicht widerspricht.  

Unsere Kirchen sind und bleiben der Ort, wo sich die Gemeinde Jesu Christi am Sonntag - dem Tag, an dem wir die Auferstehung unseres Herrn und Heilands feiern - zum Gottesdienst versammelt. Über die Uhrzeit kann man hier und da diskutieren, aber es muss immer berücksichtigt werden, dass Pastorinnen und Pastoren oft auch eine Familie haben - oder Freunde -, wo die gemeinsame Zeit durch einen unterschiedlichen Arbeitsrhythmus ein sehr kostbares Gut ist.

Projekte, die über dieses Kernprofil hinausgehen, müssen unterstützt werden, dürfen aber nicht die Existenz der Basisarbeit gefährden. Bewusst nehme ich eine Forderung aus dem synodalen Aktenstück 98 in seiner Endfassung von 2005 auf und spreche auch von einer Priorisierung des Kernbestands: Aufgaben, die nicht zum Kernbestand gehören oder keine finanzielle Eigenständigkeit erreichen, müssen wegfallen oder über Drittmittel/Spenden finanziert werden. 

Die Illusion der Entlastung: Das Aktenstück 89 A

Oft wird behauptet, der Wechsel im Körperschaftsstatus (weg vom öffentlichen Recht hin zu einer rein kirchlichen Körperschaft) würde die Verwaltung vereinfachen. Das Aktenstück 89 A aus dem Jahr 2025 der Hannoverschen Landeskirche entlarvt dies als Illusion. Eine Änderung des Status führt nicht zwingend zu weniger Arbeit, aber sie führt zwingend zu weniger Rechten und weniger Autonomie für die Gemeinden.

Körperschaft des öffentlichen Rechts - Schutzschild für die Selbstbestimmung der Gemeinde

Im Aktenstück 89 A werden drei Experten gehört, deren Ansätze unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Nur Prof. Dr. Michael Germann (Staatskirchenrecht) nimmt die Gemeinde als Trägerin bürgerlicher Freiheit ernst. Er warnt davor, den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) leichtfertig aufzugeben. Für ihn ist dieser Status kein bürokratischer Ballast, sondern ein Schutzschild für die Selbstbestimmung der Gemeinde.

Das Trugbild vom "Kirchlichen Verein"

Oft wird das Bild der Kirche als "Verein" bemüht, so auch von Prof. Dr. Jan Hermelink. Er spricht von "Teams" und "Netzwerken". Das klingt modern und "hemdsärmelig", ist aber gefährlich ungenau.

  • Der Denkfehler: Ein echter Verein besitzt sein Vereinsvermögen und sein Vereinsheim.
  • Die bittere Realität der Reform: In den Modellen der Landeskirche verliert die Gemeinde ihr Eigentum an den Kirchenkreis. Wer aber kein Grundbuch und kein Budgetrecht mehr hat, ist kein Verein – er ist eine Bittsteller-Filiale. Wenn die Kontrolle über Gebäude, Geld und Personal (die drei Säulen lokaler Macht) nach oben wandert, bleibt von der Gemeinde nur noch ein "spiritueller Debattierclub" übrig; zugegeben: ist ein bisschen despektierlich ausgedrückt.

Vollmachten sind kein Rechtsschutz

Auch das von Prof. Dr. Emanuel V. Towfigh angeführte Modell der Bahá’í-Gemeinde, die über "Vollmachten" arbeitet, taugt nicht als Vorbild für eine Landeskirche mit jahrhundertealter Tradition. Zum einen spricht Dr. v. Towfigh von einer Organisation mit runde 6.000 Mitglieder, denen eine Landeskirche mit gut 2.000.000 Mitgliedern gegenübersteht, zum anderen kann eine Vollmacht auch bei gegenteiliger Beteuerung von der Zentrale jederzeit einseitig zurückgezogen oder beschnitten werden. Das ist das Gegenteil von Autonomie; es ist Abhängigkeit auf Abruf.

Die Erprobung nutzen: Die Pyramide umdrehen

Anstatt die Gemeinden rechtlich zu entmachten, um eine vermeintliche "Verwaltungsvereinfachung" zu erreichen, müsste die vor der Synode festgesetzte Erprobungsphase genutzt werden, um die Hierarchie umzukehren:

  • Verwaltung als kompetenter Dienstleister: Die Kirchenämter müssen wieder Dienstleister der Gemeinden sein. Als ich in den 1990er Jahren meinen Dienst antrat, war es ein Miteinander. Die Gemeinden wurden beraten. Wenn Vorschriften einzuhalten waren, wurde geholfen.
  • Erhalt der Rechtspersönlichkeit: Nur eine Gemeinde mit eigenem Status ist ein Partner auf Augenhöhe.
  • Vertrauen statt Kontrolle: Reformen von oben haben uns bisher nur Mitgliederschwund und Frustration gebracht. Es ist Zeit, die Kraft wieder an die Basis zu geben – dorthin, wo Menschen tatsächlich Kirche (er)leben.

Schlussgedanke: Verantwortung braucht Substanz

Am Ende müssen wir uns fragen: Was bleibt von einer Kirchengemeinde übrig, wenn man ihr das rechtliche Fundament entzieht? Ein Verein ohne eigenes Haus und ohne Zugriff auf sein Vermögen ist in der Realität handlungsunfähig. Wenn wir die Kirche wieder ‚vom Kopf auf die Füße stellen‘ wollen, wie ich es fordere, dann müssen wir die Gemeinde stärken, statt sie zu entmündigen. 

  • Starke Gemeinden und Pfarrpersonen können miteinander und auch mit dem Kirchenkreis kooperieren - allerdings: auf Augenhöhe
  • Selbstbewusste Gemeinden und Pfarrpersonen können mit kirchlichen Vorgaben lockerer umgehen, wenn die Wünsche von Gemeindegliedern - beispielsweise bei Kasualien - damit nicht ganz konformgehen, aber immer noch mit der biblischen Botschaft und dem evangelischen Bekenntnis vereinbar sind. 
  • Gestandene Pfarrpersonen haben überhaupt kein Problem damit, wenn Gemeindeglieder darum bitten, dass eine andere Person sie bei einem familiären Anlass begleitet. 
  • Und last, but not least: Pfarrpersonen, die in ihrer Parochie verwurzelt sind und leben, die arbeiten selbstverständlich mit ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern zusammen und gewähren jedem den Freiraum, der der gemeinsamen Arbeit zuträglich ist. 
Die Liste lässt sich fortsetzen!

Deshalb haben Prof. Germann und Andreas Dreyer und viele andere mehr recht: Der Körperschaftsstatus ist kein bürokratisches Hindernis, sondern die Garantie für die Freiheit der Basis. Wahre Reformen messen sich nicht an der Zentralisierung von Macht auf der Ebene des Kirchenkreises, sondern daran, wie viel Freiheit und Gestaltungsmacht sie denen zurückgeben, die vor Ort das Gesicht der Kirche sind. Nur so hat die Gemeinde – und damit die Landeskirche – eine Zukunft.


P.S. Ich empfehle jedem – ob im Pfarramt oder im Ehrenamt – die Lektüre des Bandes „Kirche der Reformation?“ von Gisela Kittel und Eberhard Mechels - soweit schon oder noch vorhanden. Es ist Zeit, das Schweigen zu brechen. Wir müssen für die Parochie kämpfen, nicht aus Nostalgie, sondern weil sie der einzige Ort ist, an dem Kirche für die Menschen wirklich erfahrbar bleibt.


P.P.S. Personalmangel im Pfarrberuf - ja, den gibt es natürlich und der wird sich weiter verstärken, wenn jetzt die geburtenstarken Jahrgänge in die Pension gehen - Lösungsansatz s. den vorherigen Blog "Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?"

Mittwoch, 21. Januar 2026

Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?

Ganz bestimmt nicht! Die Diskussion um den Status der Kirchengemeinden als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist bereits in vollem Gange. Während Kirchenfunktionäre diese Entwicklung schon weit vorangetrieben haben, ist das Thema an der Basis bisher nicht in dem erforderlichen Maß präsent. Das kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen: Die alltägliche Arbeit und die von Zeit zu Zeit immer wieder in den Raum gestellten “Erneuerungsprogramme” für eine “moderne Kirche” binden die Aufmerksamkeit so stark, dass für die Analyse dieser weitreichenden kirchenrechtlichen Weichenstellungen oft die nötigen Freiräume fehlen. Schon 2017 hatte ich den Artikel “Wie sich die hannoversche Landeskirche von ihren Kirchengemeinden distanzierte” von Andreas Dreyer gelesen und hier im Blog und im Gemeindebrief meiner Kirchengemeinde thematisiert, hatte weitere Artikel im überaus lesenswerten Buch “Kirche der Reformation?” von Gisela Kittel und Eberhard Mechels aufmerksam studiert und immer wieder für die Kirchengemeinde Artikel zum Thema “Quo vadis, ecclesica evangelica?” verfasst (sind hier im Blog wiedergegeben), aber erst jetzt im Ruhestand schreckten mich die Beiträge von Andreas Dreyer (Status der Kirchengemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts beibehalten; Link) und jetzt von Julia Koll (durchaus differenziert, in der Konsequenz aber klar: Status auf der Gemeindeebene zugunsten der Ebene des Kirchenkreises aufgeben; Link) im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt  auf. Sie machen unmissverständlich deutlich, dass hier von kirchenleitender Seite aus Fakten geschaffen werden sollen, die das Gesicht unserer Kirche dauerhaft verändern würden.

In den nachfolgenden Ausführungen werde ich mich immer wieder auf die Ausführungen von Julia Koll beziehen, die ich im Übrigen mit Interesse gelesen habe, auch wenn ich mit dem Vorschlag einer “transparochialen” Kirche nicht konform gehe. Ich schreibe diesen Beitrag als ein Pastor, der über fast drei Jahrzehnte seine Arbeit bewusst in einer Parochie gestaltete, dabei aber auch über diese Grenzen hinaus wirkte, wie die Redebeiträge im Rahmen meiner Verabschiedung deutlich machten. 

Wie ist mein Text aufgebaut? Nach einer “Theologischen Rückbesinnung” bzw. “Vorbesinnung” folgt in Auseinandersetzung mit Julia Koll eine Analyse der Situation zu den Stichworten “Systemkollaps oder Profilverlust?”, “Transparochialität vs. Parochiale Beheimatung”, “Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie” und „Volkskirchen-Illusion und der Minderheitenstatus“. Den dritten großen Abschnitt überschreibe ich mit “Ressourcen radikal an die Basis zurückgeben”. Dies macht schon deutlich, dass ich für eine professionelle Parochie plädiere. Es geht mir um eine ganzheitliche Reform statt um selektivem Ressourcenmangel, um eine Reform von unten nach oben. Nicht die Struktur rettet die Kirche, sondern die Klarheit der Botschaft. Die Krise ist keine Strukturkrise, sondern eine Identitätskrise.

Julia Koll stellt zum Schluss ihres Artikels die Frage: “Wie können die Stakeholder des bisherigen parochialen Systems in die Prozesse eingebunden werden? Zu rechnen ist mit Widerständen vor allem bei denjenigen, die sich jahrzehntelang (ehrenamtlich) innerhalb dieses Systems engagiert und Verantwortung übernommen haben. Wie kann ihre oftmals intrinsische religiöse Motivation und hohe Kirchenbindung wertgeschätzt und ihr organisationales Bewusstsein geweckt werden?” 

Ganz kurz dazu ein Zitat aus Wikipedia, wo die Stakeholder-Theorie beschrieben wird (Hervorhebung von mir): "Die Theorie bietet ein umfassendes und ethisch reflektiertes Rahmenwerk für die Unternehmensführung, das über die reine Gewinnmaximierung hinausgeht. Sie fordert eine bewusste Einbindung vielfältiger Interessen und macht auf komplexe Wechselwirkungen zwischen Unternehmen und Gesellschaft aufmerksam." 

Dann will ich mal ganz bewusst als ein solcher "Stakeholder" versuchen, meine Gedanken zu entfalten.

Theologische Rückbesinnung

Was mir in der ganzen Debatte zu kurz kommt, insbesondere, wenn es darum geht, den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts von Seiten der Kirchengemeinde aufzugeben, ist die Besinnung auf die Wurzeln der lutherischen Kirche, auf die Grundlagen, auf das Fundament. 

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es bei den von kirchenleitender Seite angedachten Reformen in erster Linie darum geht, den tatsächlich vorhandenen Mangel zu verwalten. Die Kirche wird als eine Organisation begriffen, die sich an schwindende Ressourcen (Personal, Geld, Gebäude) anpassen muss. Der Fokus liegt auf Effizienz und „Ressourcenklugheit“ (Julia Koll). Der Reformhebel ist die Struktur, die auf Top-Down umgestellt werden soll, umgestellt wird. Man glaubt, durch die Verlagerung von Kompetenzen und Rechten (Körperschaftsstatus) auf die mittlere Ebene (Kirchenkreis) Handlungsspielräume zurückzugewinnen. Wenn man von einer Ekklesiologie reden will, dann ist es eine funktionale. Dabei wird die Kirche über ihre „Praktiken“ definiert. Anstatt „alles für alle“ (Parochie) anzubieten, soll Kirche „kuratiert“ auftreten – also Schwerpunkte setzen (Energiepunkte), die auch professioneller vermarktet werden können.

Der angedachten Top-Down-Struktur setze ich ein Bottom-Up entgegen. Die Kraft der Kirche kommt von der Basis. Bindung entsteht durch Vertrauen zu Personen vor Ort (Pfarrpersonen durch die geschichtliche Entwicklung in besonderer Weise, allerdings schaffen auch alle anderen Mitarbeitenden Kirchenbindung) und der Kontinuität an den Wendepunkten des Lebens (Kasualien).

Als Ausgangspunkt meiner Überlegungen nehme ich mein Ordinationsversprechen: 

Ich werde das Evangelium predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer ev.-luth. Kirche bezeugt ist, ich werde die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit wahren und mich in allen Dingen so verhalten, wie es meinem Auftrage entspricht. 

Ich werde weiterhin die Kinder begleiten, die Jugendlichen zur Konfirmation führen, den Paaren, die im Glauben Gottes Segen für den gemeinsamen Weg erbitten, diesen zusprechen und ich werde Sterbenden mit dem Trost des Wortes Gottes zur Seite stehen.

Dieses Versprechen ist nicht nur „lokale Praxis“, sondern darin sehe ich den Daseinszweck der ganzen Kirche. Dies ist gut lutherisches Verständnis, wonach Kirche dort ist, wo das Wort rein gepredigt und die Sakramente gestiftet werden (CA VII):

Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.

Dieser Vorgang braucht einen konkreten Raum und eine verlässliche Gemeinschaft - für mich ist das die Parochie. Und in der Bibel heißt es dann Matthäi am Letzten: 

Christus spricht: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Systemkollaps oder Profilverlust?

Julia Koll diagnostiziert zutreffend eine „tiefgreifende Unklarheit der Kirche über sich selbst“. Sie beschreibt die Kirche als ein hybrides Gebilde, in dem organisationale Anteile und Merkmale einer Bewegung gleichermaßen stärker werden, während der gesellschaftliche Status erodiert. Diese Sichtweise fasse ich unter dem Stichwort “Systemkollaps” zusammen. Dem halte ich entgegen, dass die in der Tat bestehende „tiefgreifende Unklarheit der Kirchen über sich selbst“ auf den Verlust des evangelischen Profils und Propriums zurückzuführen ist. 

  • Systemkollaps

    • Das bisherige parochiale System bindet enorme Ressourcen, ohne den Prozess der Entkirchlichung abpuffern zu können. 
    • Es gibt ein „Nebeneinander vergleichbarer, nicht miteinander abgestimmter Angebote“, das Bemühen, überall die Vollversorgung, das ganze Programm zu bieten. 
    • Die Fixierung auf eine Bindungsform, die rein „lokal - dauerhaft - analog“ funktioniert, ist ein Hindernis auf dem Weg der Entwicklung. 
    • Die Ortsgemeinde im klassischen Sinne zu stärken bedeutet, Verwaltungsstrukturen und Gebäude mühsam zu erhalten.
    • Bisherige Regionalisierungen sind lediglich eine „Strategie der Dehnung“, die nun an ihre Grenzen stoßen.

  • Profilverlust 

    • Der Grund für die Entkirchlichung liegt m.E. nicht primär in der Struktur, sondern im Verlust des theologischen „Propriums“. Eine Kirche, die in ihren Verlautbarungen und in der Verkündigung mehr oder weniger nur gesellschaftspolitische Positionen von NGOs oder Parteien wiederholt - so wird Kirche oftmals auch und gerade von engagierten Gemeindegliedern wahrgenommen -, verliert ihre Daseinsberechtigung gegenüber den Kirchensteuerzahlern. 
    • Es ist die Frage, was Julia Koll und andere unter “Vollversorgung” und das “ganze Programm” verstehen. Wenn wir auch hier vom Profil und vom Proprium her denken, können wir das Ordinationsversprechen von Pfarrerinnen und Pfarrern zu Beginn des Berufslebens fruchtbar machen:
      • das Evangelium predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis der ev.-luth. Kirche bezeugt ist - die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwalten - das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit wahren - sich in allen Dingen so verhalten, wie es dem Auftrage entspricht - Kinder begleiten - Jugendlichen zur Konfirmation führen - Paaren, die im Glauben Gottes Segen für den gemeinsamen Weg erbitten, diesen zusprechen - Sterbenden mit dem Trost des Wortes Gottes zur Seite stehen
    Das sind und bleiben für mich die Essentials, die in jedem Pfarramt zu leisten sind. Das kann keine Überforderung sein, und das ist auch kein “Nebeneinander vergleichbarer, nicht miteinander abgestimmter Angebote“. Bei einem solchen Einsatz erleben Menschen etwas, das die Kirche von allen anderen Organisationen unterscheidet. In einer chaotischen Welt können Menschen eine „geistliche Beheimatung” finden, die ihrem Leben Sinn gibt.
    • Natürlich gibt es in unserer Gemeinde auch weitere Angebote und Gruppen, die über die im Ordinationsversprechen genannten Aspekte hinausgehen. Die werden dann aber eigenständig organisiert und geleitet. Die Pfarrperson und auch andere Mitarbeitende werden ein- bis zweimal im Jahr eingeladen. 
    • „lokal - dauerhaft - analog”
      • selbstverständlich gibt es auch in der Parochie fließende Grenzen
      • lokal ist die Regel, schließt aber einen Wechsel bzw. die Wahrnehmung von Angeboten in anderen Gemeinden nicht aus
      • dauerhaft ist auch schon in der parochialen Situation nicht mehr die Regel; Menschen engagieren sich für eine Zeit, um sich dann auch wieder zurückzuziehen, sie nehmen ein Angebot wahr, sind aber nicht ständig in der Gemeinde anzutreffen und fühlen sich trotzdem verbunden
      • analog - auch parochiale Gemeinde arbeiten und kommunizieren mittlerweile digital und haben ihre digitalen Auftritte, wenn auch nicht auf allen Kanälen - muss das sein?
    • Verwaltung gehört zu einer Ortsgemeinde. Das Profil erschöpft sich aber nicht darin. Gut funktionierende Kirchenämter könnten die Gemeinden vor Ort unterstützen, entlasten und fördern. 
    • In der Tat stoßen die bisherigen Formen an ihre Grenzen, was aber nicht ausschließlich an der Parochie festgemacht werden kann. Regionalisierung oder „Ambidextrie“ (Nebeneinander von Routine und Experiment [Julia Koll]) haben ihren zeitlichen Preis, die verschiedenen Zukunftsprogramme von EKD und Landeskirchen tun das Ihre, damit sich Pfarrpersonen und andere kirchliche Mitarbeitende nicht über zu viel Zeit und zu wenig Arbeit beklagen müssen. 

Transparochialität vs. Parochiale Beheimatung

Die Diskussion um die “postparochiale Kirche” lasse ich bewusst aus, weil die die Krise und den Gegensatz nur noch weiter verschärft. Julia Koll schlägt den Übergang zu einer „transparochialen Kirche“ vor, in der nicht mehr die “kleinteilige Ortsgemeinde”, sondern ein größerer Handlungsraum wie der Kirchenkreis der organisatorische Dreh- und Angelpunkt ist. Auch wenn die Autorin davon spricht, dass es “in einer … Übergangssituation ausgesprochen unklug [wäre], ­gelingende Formen kirchlichen Lebens abzuschaffen”, so steht im Verlauf des Prozesses, spätestens am Ende, zwingend der Statuswechsel der Kirchengemeinden an. 

Um die transparochiale Kirche mit Leben zu füllen, beschreibt Julia Koll die Vision der Kuration, also die Auswahl, Bewertung, Strukturierung und Präsentation von Inhalten oder Objekten, um sie für ein Publikum aufzubereiten. An die Stelle einer flächendeckenden „Vollversorgung“ tritt bei ihr eine „kuratierte und exemplarische Praxis“. Dies bedeutet für sie die gezielte Stärkung von „Energiepunkten“ (Highlights) und ein bewusstes Lassen von wenig nachgefragten „Lowlights“. Weitere Anmerkungen zur Gestaltung der “kuratierten Praxis” folgen unten im Abschnitt "Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie".

Dem ist zunächst entgegenzuhalten, dass Highlights auch in parochial geführten Gemeinden gesetzt und von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kirchenbindung wahrgenommen werden können. Das setzt eine funktionierende Öffentlichkeitsarbeit und eine gewisse Vernetzung der Parochien in einer Region voraus, die aber durchaus leistbar ist. Wer „Lowlights” mitschleppt, sollte nach der Selbstorganisation fragen.  

Die angesprochene Verlagerung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts weg von den Kirchengemeinden hin zum Kirchenkreis bedeutet einerseits, dass Kirchenvorstände in ihren Entscheidungskompetenzen erheblich eingeschränkt werden, andererseits eine Enteignung, wenn Gebäude, Grundstücke und gar das Vermögen an die nächste Ebene übergehen Was Kirchenleitungen als „Entlastung“ verkaufen, wird später an der Basis als massiver „Kontrollverlust“ erlebt werden. 

In einem ersten Übergangszeitraum wird man diese Entrechtung kaschieren können - und die Kirchenleitungen tun gut daran, nicht sofort zu zeigen, wer jetzt Herr im Hause ist - aber spätestens dann, wenn Grundstücke und Immobilien anders verwertet werden, als es sich Menschen vor Ort vorstellen können, wird es zu massiven Konflikten kommen. Hinzu kommt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Kirchenkreis mit seinen derzeit vorhandenen Personalressourcen überhaupt in der Lage ist, die Bewirtschaftung und Unterhaltung von Gebäuden und Grundstücken sicherzustellen. Wenn dann auch noch die bisher auf Gemeindeebene angestellten Personen zur Kirchenkreisebene wechseln müssen, wird das Chaos perfekt werden. 

Die Erfahrungen bisheriger Zentralisierungen - in den zurückliegenden Jahren bei den Kindertagesstätten - haben für die Kirchenvorstände zwar eine Arbeitsentlastung gebracht, die inhaltliche Arbeit aber nicht zwingend gefördert, weil mit der Übertragung der Trägerschaft auch eine Kontaktfläche zur Einrichtung verschwand. Wenn man noch weiter zurückgehen will, kommt die Gemeindeschwester in den Blick, die an vielen Orten integraler Bestandteil des Gemeindelebens war. Heute ist oftmals den Klienten - manchmal auch Gemeindegliedern und sogar Mitarbeitenden - nicht mehr bewusst, dass Diakonie oder Caritas kirchliche Einrichtungen sind.

Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie

Wenn Julia Koll im Raum der transparochialen Kirche eine „kuratierte und exemplarische Praxis“ etablieren will, dann setzt sie auf ein erweitertes Spektrum verschiedener Professionen (vom Sozialarbeiter bis zum Kulturmanager), die in Teams zusammenarbeiten. Julia Koll sieht in der Spezialisierung die Chance, dass Profis ihre Kernkompetenz im Zusammenspiel miteinander einbringen können, ohne in der kleinteiligen Verwaltung einer Einzelgemeinde zu „versacken“. Unter dem Stichwort “transparochial vernetzt” entfacht sie in ihrem Artikel geradezu ein Feuerwerk der neuen Möglichkeiten.

Zunächst einmal stellt sich die ganz dringende Frage: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Personalmangel gibt es nicht nur im Pfarrberuf. Auch Kirchenmusiker*innen, Diakon*innen, Sozialarbeiter*innen stehen nicht Schlange, um in den "multiprofessionellen Teams” flächendeckend mitarbeiten zu können. Der Versuch, Menschen außerhalb der kirchlichen Anstellungsträgerschaft zur Mitarbeit oder Zusammenarbeit zu gewinnen, ist lobenswert und sicher auch notwendig, kostet aber auch zusätzliche Ressourcen. 

Gleichzeitig treibt mich die Sorge um, dass das spezifische Profil des Pfarrberufs verwässert wird, dass es hier zu einer De-Professionalisierung kommt. Indirekt weist Julia Koll auch auf diese Gefahr hin, wenn sie unter dem Punkt “Einsichten und offene Fragen” die “zukünftigen Organisationsformen” anspricht und die Frage nach “Leitung, repräsentativer Partizipation und Macht in einer transparochialen Kirche” aufwirft. Und auch das fragt Julia Koll: “Wer trifft künftig Entscheidungen? Wer steuert das neuere, größere Kirchengebilde?” 

Die von Julia Koll zitierten Aussagen von Christoph Goos - „Ordinierte und geschäftsführende Personen leiten gemeinsam auf Augenhöhe, unterstützt von einem Kirchenamt, beraten und begleitet von einem auch ehrenamtlich besetzten Aufsichtsrat, der die Satzungen der Körperschaft beschließt und damit die großen Linien des kirchlichen Lebens vorgibt.“ bzw. Antje Hieronimus - “... »buntere Bilder von Synode«; ihr Leitbild bleibt eine Kirchenkreisversammlung, in der jedoch nicht nur Ortsgemeinden, sondern die verschiedensten kirchlichen Orte repräsentiert sind” … - können mich nicht überzeugen. Nach diesen Vorstellungen werden Pfarrpersonen letztendlich zu Weisungsempfängern der Leitung. 

Die „Volkskirchen-Illusion“ und der Minderheitenstatus

Ein weiterer Konfliktpunkt ist das zugrunde liegende Bild von Kirche in der Gesellschaft. Julia Koll orientiert sich aus organisationslogischer Sicht an einem Modell, das von einer Vielfalt fluider Bindungsformen (analog, digital, punktuell) ausgeht und darauf mit einer Vielfalt kirchlicher Praktiken reagiert. Dabei setzen sie und andere Reformer voraus, dass Menschen auf die Organisation Kirche zugehen, um Angebote zu nutzen oder Ideen zu verwirklichen. Ist das nicht das Bild einer steuerungsfähigen Volkskirche, wenn auch unter veränderten Bedingungen? Was aber ist, wenn das “Kirchenvolk” die Angebote nicht annimmt bzw. wenn Kirchensteuerzahler nicht bereit sind, diese Angebote auf Dauer zu finanzieren?

Gemeinden vor Ort hingegen können sich aus meiner Sicht oft besser mit einem Minderheitenstatus anfreunden, wenn sie eine geistige Heimat bieten, die Menschen in seelischer Not trägt. Die personale Kontinuität, die Begleitung von Familien über Generationen an den Eckpunkten des Lebens ist in meinen Augen durch funktionale Dienste nicht ersetzbar.

Fazit der bisherigen Diskussion

Während der Artikel von Julia Koll eine intellektuelle Antwort auf den Ressourcenmangel durch eine radikale Neuorganisation auf der mittleren Ebene sucht , warnt die pastorale Praxis vor einem irreparablen Vertrauensbruch. Ein Neuanfang kann nur gelingen, wenn das System nicht nur verwaltet wird, sondern die Verwaltung wieder zum „Dienstleister“ für die Gemeinden wird, damit diese ihre eigentliche Aufgabe der „geistlichen Beheimatung“ wahrnehmen können. Aber auch dafür müssen finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. 

Ressourcen radikal an die Basis zurückgeben

Plädoyer für eine professionelle Parochie

In der aktuellen Debatte um die Kirchenreform prallen zwei grundlegend verschiedene Logiken aufeinander: Die forcierte Neuorganisation auf transparochialer oder auch postparochialer Ebene auf der einen und die theologische Rückbesinnung an der Basis auf der anderen Seite. Mein Standpunkt versteht sich dabei als Korrektiv zur Theorie, die ihr Heil in einem größeren Handlungsfeld sieht. Ich setze die „Verheißung“ der Transparochialität gegen die „Realität“ einer Basis, die sich durch Strukturreformen eher im Stich gelassen als unterstützt fühlt.

Dabei ist mir bewusst: Die von mir beschriebene Vision braucht einen langen Atem. Die von Julia Koll analysierte Krise und die Defizite sind real und drängend. Es stellt sich jedoch die kritische Frage, ob eine Kirchenleitung, die offensichtlich seit Jahren das Ziel verfolgt, den Körperschaftsstatus der Gemeinden umzuwandeln, überhaupt bereit ist, diesen eingeschlagenen Weg der Zentralisierung noch einmal grundlegend zu überdenken.

Ganzheitliche Reform statt selektivem Ressourcenmangel

Ressourcenmangel ist kein exklusives Problem der parochialen Ebene. Eine ehrliche Reform muss ebenso die funktionalen Dienste und die stetig wachsenden Verwaltungsebenen in den Blick nehmen. Auf allen Ebenen muss sich die Kirche wieder auf ihr eigentliches „Proprium“ konzentrieren, sie muss zu einer geistlichen Heimat werden, die Menschen in seelischer Not trägt und den Eckpunkten des Lebens einen Sinn verleiht, der über das Materielle hinausgeht. Die Kirche muss sich daher radikal auf ihre Kernaufgaben konzentrieren: Verkündigung, Seelsorge und die Begleitung von Menschen in allen Lebensphasen. Insbesondere die Begeisterung von Kindern und Jugendlichen ist entscheidend – so gewinnt man Familien und engagierte Ehrenamtliche, die Kirche auch in Zeiten vakanter Pfarrstellen tragen können.

Verwaltung als Dienstleister, nicht als Hemmschuh

Julia Koll argumentiert, dass diese Kernaufgaben in der herkömmlichen Parochie nicht mehr leistbar seien, weil Gebäude, Verwaltung und Gremien die Energie auffressen. Doch dies sind keine genuin parochialen Aufgaben. Der Problemdruck entsteht vielmehr dort, wo Kirchenämter ihre Aufgaben nicht bewältigen (können) und den Gemeinden nicht zuarbeiten. Da Gemeinden gesetzlich an diese Ämter gebunden sind, bleibt ihnen eine effektivere Eigenverwaltung verwehrt.

Mein Gegenvorschlag lautet: Kirchenämter müssen zu reinen Dienstleister für die Gemeinden werden. Nicht die Gemeinde dient dem System (etwa durch die Abgabe von Kita-Trägerschaften an den Kirchenkreis, wodurch der Bezug vor Ort verloren geht), sondern das System muss die Gemeinde so frei halten, dass diese wieder „Geistliche Beheimatung“ bieten kann. Die Verwaltung von Einrichtungen, die über Drittmittel finanziert werden, darf nicht zu Lasten der Parochie gehen, weder personell noch finanziell. Treue Gemeindeglieder werden es auf Dauer nicht akzeptieren, dass Kirchensteuermittel im Verwaltungsapparat versickern, während die Kirchengemeinde vor Ort an Bedeutung verliert. Die Bindung erfolgt vor Ort, und das Geld wird letztendlich vor Ort eingeworben.

Proaktive Personalplanung und Schutz der Profession

Der gegenwärtigen Personalnot könnte mit einem rotierenden System begegnet werden. Anstatt Stellen beim Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge einfach auslaufen zu lassen und darauf zu hoffen, dass sie irgendwann wieder besetzt werden (können), schlage ich einen aktiven Personalpool vor, bei dem sich Pfarrpersonen anmelden, die sich mit dem Gedanken tragen, in absehbarer Zeit die Pfarrstelle zu wechseln. Diese Anmeldungen sollten bis zur aktiven Bewerbung nur dem Personaldezernat bekannt sein, das durch einen qualifizierten Abgleich die Kompetenzen der potentiellen Bewerber und Wünsche der vakanten Gemeinden abgleicht und so gezielt den Kontakt zwischen beiden Seiten herstellt. 

In der Ausbildung müssen die jungen Leute darauf vorbereitet werden, dass es sich beim Pfarrberuf um einen Beruf mit Profession handelt. Es ist also kein Beruf wie jeder andere, es ist ein Beruf, der höchst spezialisierte, ethisch verpflichtete Expertenautonomie im Dienst am Menschen fordert. Die Kernmerkmale sind und bleiben: Hochschulische Ausbildung, Autonomie und Selbstregulierung, eigenverantwortliches Handeln und Standesorganisationen, Berufsethik, Vertrauensverhältnis und Gemeinwohlorientierung. 

Vor Ort müssen sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Unter dem Blickwinkel Work-Life-Balance wird schon einiges getan. Hier sind Pfarrpersonen aber auch selbst gefordert, ihren Arbeitsbereich so zu organisieren, dass die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Sicherlich kein leichtes Unternehmen, aber wenn es gelingt und erlebbar wird, erhöht dies nicht nur die Arbeitszufriedenheit und nimmt den Druck vom Einzelnen, junge Menschen könnten wieder ermutigt werden, diesen Beruf zu ergreifen. 

Schwieriger wird es, wenn es um den Schutz von Pfarrpersonen im Konfliktfall mit dem Kirchenvorstand und in der Folge dann mit der Kirchenleitung geht - manchmal ist es auch umgekehrt: Konflikt mit der Kirchenleitung, in die der Kirchenvorstand hineingezogen wird (Pfarrdienstrecht der EKD §§ 79/80, vgl. das Zitat nach diesem Absatz). Mit diesen "Fällen" haben wir es oft in unserem Verein "D.A.V.I.D. - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche" zu tun, dessen Vorsitzender ich bin. Wir machen die Erfahrung, dass betroffene Pfarrpersonen der Situation oft schutzlos gegenüberstehen. Wenn Kirchenvorstände es darauf anlegen, müssen sie gar nicht darlegen, warum sie die Zusammenarbeit nicht mehr fortsetzen wollen, sie müssen einfach nur behaupten, das Vertrauensverhältnis sei zerstört. Kirchenleitungen folgen dieser "Argumentation" nur allzu oft. Die Pfarrpersonen und ihre Familien (!!!) müssen im günstigsten Fall die Pfarrstelle wechseln, werden möglicherweise bei gekürzten Bezügen in den Wartestand versetzt, im ungünstigsten Fall nach einer bestimmten Zeit im Wartestand auch in den Ruhestand. Da die Verantwortung für dieses Verfahren nicht immer im Verhalten der Pfarrperson zu suchen ist - so steht es sogar in den entsprechenden Gesetzen - rät mancher unter den gegenwärtigen Bedingungen jungen Menschen geradezu ab, den Pfarrberuf zu ergreifen und im Konfliktfall dieser Willkür hilflos ausgeliefert zu sein. 

§ 79 Versetzung

( 2 ) 1 Pfarrerinnen und Pfarrer können um der Unabhängigkeit der Verkündigung willen nur versetzt werden, ... wenn ein besonderes kirchliches Interesse an der Versetzung besteht. 2 Ein besonderes kirchliches Interesse liegt insbesondere vor, wenn ...

5. in ihrer bisherigen Stelle oder ihrem bisherigen Auftrag eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes gemäß § 80 Absatz 1 und 2 festgestellt wird ...

§ 80 Versetzungsvoraussetzungen und -verfahren

( 1 ) 1 Eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes im Sinne des § 79 Absatz 2 Satz 2 Nummer 5 liegt vor, wenn die Erfüllung der dienstlichen oder der gemeindlichen Aufgaben nicht mehr gewährleistet ist. 2 Das ist insbesondere der Fall, wenn das Verhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und nicht unbeträchtlichen Teilen der Gemeinde zerrüttet ist oder das Vertrauensverhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und dem Vertretungsorgan der Gemeinde zerstört ist und nicht erkennbar ist, dass das Vertretungsorgan rechtsmissbräuchlich handelt. 3 Die Gründe für die nachhaltige Störung müssen nicht im Verhalten oder in der Person der Pfarrerin oder des Pfarrers liegen.

( 2 ) 1 Zur Feststellung der Voraussetzungen des Absatzes 1 werden die erforderlichen Erhebungen durchgeführt. 2 Der Beginn der Erhebungen wird der Pfarrerin oder dem Pfarrer mitgeteilt. 3 Sofern nicht ausnahmsweise etwas anderes angeordnet wird, nehmen Pfarrerinnen und Pfarrer für die Dauer der Erhebungen den Dienst in der ihnen übertragenen Stelle oder in dem ihnen übertragenen Auftrag nicht wahr. 4 Während dieser Zeit soll eine angemessene Aufgabe übertragen werden.

Fazit: Souveränität in Verbundenheit

Unter diesen Voraussetzungen - einer Rückbesinnung auf das theologische Proprium, einer dienenden Verwaltung und einer Wertschätzung der Profession - sehe ich kein Problem darin, die parochiale Ordnung und damit den Status der Kirchengemeinden als Körperschaften des öffentlichen Rechts beizubehalten. Davon unberührt ist die zwingende Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit und des regen Austauschs unter benachbarten Gemeinden in einer Region. Kooperation braucht jedoch keine Enteignung, sondern starke, souveräne Partner an der Basis. Dann kann ich mir auf Formen wie das von Julia Koll als Beispiel genannte “Pforzheimer Modell” vorstellen, das aber nicht zwangsläufig auf alle Bereiche der evangelischen Kirche übertragen werden muss. 

Wenn die Kirche wieder zukunftsfähig werden will, muss sich viel verändern – an der Basis, aber zwingend auch auf den Ebenen der Kirchenleitung!

Zum Schluss gefragt: 

Kann die Kirche sich vom Relevanzverlust erholen, indem die Organisation modernisiert und flexibilisiert wird? Oder geht es eher um die theologische Substanz, die wieder in den Mittelpunkt rückt? Ist die Parochie tatsächlich ein „Ressourcenfresser“ oder nicht eher der „Lebensnerv“ der Kirche?


Wenn die eine oder der andere Gedanken zum Thema beitragen möchte, herzlich gerne! Meine Mailadresse findet sich im Impressum. Außerdem habe ich einen gmail.com-Account, wo vor dem @ ganz einfach pastor.ralf.krueger steht.

Donnerstag, 15. Januar 2026

Reform-Erschöpfung?

Nachdem ich mich in der letzten Zeit intensiv mit den Plänen zur Umstrukturierung der Kirchengemeinden – weg von Körperschaften des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.) hin zu Körperschaften kirchlichen Rechts (K.d.k.R.) – beschäftigt habe, drängt sich eine größere Frage auf: In welchem Kontext stehen diese Überlegungen zur lokalen Basis der Kirche eigentlich? 

Die „Papierflut aus Hannover“ und das Verstummen der Basis

Um das zu verstehen, habe ich mich auf eine Internetrecherche begeben, denn die Vielzahl der Impulse, Denkschriften und Reformpapiere, die die EKD seit den frühen 2000er Jahren produziert hat, kann man beim besten Willen nicht mehr alle „auf dem Schirm“ haben. Was sich dabei offenbart, ist eine wahre Papierflut aus Hannover, die in seltsamem Kontrast zur realen Erosion des kirchlichen Lebens vor Ort steht.

1. Der Sündenfall: "Kirche der Freiheit" (2006)

Der Startschuss für die moderne Reform-Ära war das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ im Jahr 2006. Es war der massive Versuch, die Kirche mit betriebswirtschaftlicher Logik zu retten. Plötzlich war die Rede von „Leuchttürmen“, „Wachstumskernen“ und „Profilschärfung“.

Rückblickend muss man konstatieren: Dieses Papier war der Einzug des Management-Sprechs in die Sakristei. Während in Hannover über effiziente Strukturen und Marktanteile philosophiert wurde, begann an der Basis ein Prozess der Entfremdung. Man versuchte, geistliches Wachstum durch administrative Professionalisierung zu erzwingen – ein Ansatz, der die ehrenamtliche Substanz oft eher gelähmt als beflügelt hat. Die heutige Abwicklung des K.d.ö.R.-Status der Gemeinden ist im Grunde die finale Exekution dieser damaligen Logik: Effizienz geht vor Beheimatung.

Aus dem Jahr 2016 gibt es auf den Seiten von "Deutschlandfunk Kultur" einen interessanten Beitrag, der auf  »Zehn Jahre Impulspapier „Kirche der Freiheit“« zurückschaut und fragt: "Mit viel Pathos falsche Ziele gesetzt?"

2. Die Kirche als „NGO mit Glockengeläut“: Nachhaltigkeit (2018)

Ein weiterer Meilenstein war die „Umkehr zur Nachhaltigkeit“ (2018) und die verstärkte Positionierung zu Klimafragen. Natürlich sind dies drängende ethische Themen. Doch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung geschah etwas Problematisches: Die Kirche wurde zum Juniorpartner säkularer Bewegungen.

Wenn kirchliche Impulse sich in moralischen Appellen erschöpfen, die man eins zu eins auch bei Greenpeace oder politischen Parteien lesen kann, verliert die Kirche ihr spezifisch theologisches Profil. Man generiert vielleicht kurzfristig öffentliches Wohlwollen in bestimmten Milieus, doch der Preis ist hoch: Das Proprium, die Verkündigung des Evangeliums und die Zusage der Erlösung, tritt hinter den aktivistischen Imperativ zurück. Gesellschaftlich spürbar ist die Kirche hier oft nur noch als eine weitere NGO – eine mit Glockengeläut, aber ohne echtes Alleinstellungsmerkmal.

3. Von 11 zu 12: Die Leitsätze als Autotherapie (2020)

Besonders bezeichnend für die interne Dynamik war der Prozess um die Schrift „Hinaus ins Weite – Kirche auf gutem Grund“. Dass man zunächst 11 Leitsätze präsentierte, die aufgrund ihrer vagen und fast esoterisch anmutenden Sprache scharf kritisiert und teilweise verspottet wurden, nur um sie dann eilig auf 12 Leitsätze zu erweitern, spricht Bände. - Einem meiner Gesprächspartner fiel zu den 11 Leitsätzen ein: "Beim Karneval in Köln gibt's den Elferrat".

Diese Leitsätze wirken wie eine Form der kircheninternen Autotherapie. Man versichert sich gegenseitig einer „aufgeschlossenen Zukunft“, während man gleichzeitig die rechtlichen und finanziellen Grundlagen der Ortsgemeinden beschneidet. Es ist eine Sprache der „Blase“, die gesellschaftlich kaum noch Resonanz findet. Die „Weite“, von der hier die Rede ist, wird an der Basis oft als die Leere wahrgenommen, die entsteht, wenn Pfarrhäuser verkauft und Gemeinden zu administrativen Serviceeinheiten degradiert werden.

4. Das Paradox der Reform-Erschöpfung

Die Internetrecherche fördert noch viel mehr zu Tage: Denkschriften zum Frieden, zur Wirtschaft, zur Familie. Doch das bittere Fazit lautet: Je mehr Papier in Hannover produziert wird, desto weniger kommt „unten“ an. Es gibt einen massiven Transmissionsverlust.

Während die Kirchenleitung meint, durch ständige Neu-Positionierung gesellschaftliche Relevanz zu sichern, bricht die wichtigste Ressource weg: die lokale Bindung. Die Freiburger Studie (2019) hat es schwarz auf weiß belegt: Der Kirchenaustritt ist ein Verhaltensproblem, das durch mangelnde Relevanz und schwindende Kontakte ausgelöst wird. Wenn die Kirche aber den Weg der Zentralisierung geht, zerstört sie genau die Kontaktflächen, die sie eigentlich bräuchte.

Fazit: Ende der Landeskirchen durch Über-Administration?

Die „Papierflut aus Hannover“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns in einer tiefen Identitätskrise befinden. Die schleichende Umwandlung der Gemeinden in „Serviceeinheiten“ verkennt, dass Menschen keine Dienstleistung suchen, sondern eine geistliche Heimat. Wenn die Kirche weiter den Weg der Zentralisierung – von oben nach unten – geht, dann ist das nicht nur ein Paradigmenwechsel, sondern der Anfang vom Ende der Landeskirchen als Volkskirche.

Die Basis wird die Kosten dieser Zentralisierung am Ende nicht tragen – sie wird schlicht wegbrechen. Was wir bräuchten, wäre keine neue Denkschrift, sondern eine radikale Besinnung auf die Kernaufgaben vor Ort: Wort und Sakrament, verankert in einer rechtlich und finanziell souveränen Gemeinde. Alles andere ist das Verwalten eines Niedergangs auf sehr teurem Papier.

Was denken Sie? Erreichen Sie die Impulse aus Hannover noch in Ihrem Gemeindialltag, oder nehmen Sie eher eine „Reform-Erschöpfung“ wahr? Diskutieren Sie mit in den Kommentaren!