Warum die Zentralisierung der Landeskirchen in die Sackgasse führt
Ein Debattenbeitrag zur Entmachtung der Kirchengemeinden und dem Verlust des theologischen Profils
Der Artikel von Andreas Dreyer zum Thema "Körperschaftsstatus der Ortsgemeinde" im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt (12/2025; vgl. auch meinen vorhergehenden Beitrag hier im Blog) ist von einem Kollegen kommentiert worden, der sich "Reform Freund" nennt. Übrigens auch die Kommentare von Johannes Oesch, Barbara Phieler, Martin Mattheis und Susanne Seehaus sprechen eine eindeutige Sprache und sind lesenswert.
Bezugnehmend auf den Kommentar von "Reform Freund" ergänze ich meine bereits geäußerten Überlegungen um einen entscheidenden Aspekt: Die Verantwortung der Kirchenleitung. "Reform Freund" hat zwar speziell die Evangelische Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche) im Blick, jedoch lassen sich seine Überlegungen auf fast alle Landeskirchen übertragen, die oft nur noch das vollziehen, was auf EKD-Ebene vorgegeben wird.
1. Das Leitungsproblem: Repräsentation statt Substanz
Der massive Vertrauensverlust der Kirche ist in meinen Augen ein Problem der Leitungsebene, auch wenn auf Gemeindeebene gewiss nicht immer alles reibungslos läuft. Die Kirchenleitungen versuchen beharrlich, die Institution nach wie vor als maßgeblichen gesellschaftlichen „Player“ zu positionieren. Sie verkennen dabei, dass diese Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung längst verloren gegangen ist.
Während man meint, durch Präsenz in weltlichen Gremien und öffentliche Statements Wohlwollen zu generieren, setzt an der Basis eine Entfremdung ein, die nicht primär strukturell, sondern inhaltlich begründet ist: Wenn engagierte Gemeindeglieder erklären, dass die Kirche ihnen nichts mehr zu sagen hat, dann bezieht sich das auf schwindende oder gar nicht mehr vorhandene theologische Inhalte.
2. Das Paradox der Professionalisierung
Das zusätzliche Engagement in öffentlichen Arbeitsfeldern bindet enorme Arbeitskraft in den Verwaltungen der Kirchenkreise und Dekanate, die dann bei der Unterstützung der lokalen Kirchenvorstände fehlt. Es ist ein administrativer Offenbarungseid, dass Jahresabschlüsse in einer angeblich professionalisierten Zentralverwaltung jahrelang auf sich warten lassen.
Hier zeigt sich nach den Ausführungen von "Reform Freund" ein Paradox: Während zentrale Vergabestellen und komplexe Softwareprojekte Ressourcen binden, wird die Kirche vor Ort als ansprechbarer Akteur im Sozialraum unsichtbar. Die „Professionalisierung“ der Zentrale frisst die Handlungsfähigkeit der Basis.
3. Die gefährliche Risikokonzentration: Ein neues Haftungsszenario
Ein völlig unterschätzter Aspekt dieser Zentralisierung ist das massive Haftungsrisiko. Bisher wirkten die rechtlich selbstständigen Kirchengemeinden (K.d.ö.R.) als Puffer; finanzielle Fehlentscheidungen oder Baurisiken blieben lokal begrenzt.
Mit der Übertragung des Körperschaftsstatus und des Vermögens auf die Bezirks- oder Landeskirchenebene entsteht eine gefährliche Risikokonzentration. Ein einziger strategischer Fehler in der Zentrale – sei es bei Immobilienprojekten oder IT-Großinvestitionen – gefährdet nun den gesamten Bestand und das Vermögen aller zugeordneten Gemeinden. Wir schaffen uns ein „Too big to fail“-Szenario auf kirchlicher Ebene.
4. Das Schweigen der Pfarrerschaft
Dass Pfarrerinnen und Pfarrer zu diesem Prozess des schleichenden Identitätsverlusts und der riskanten Machtkonzentration oft so wenig zu sagen wissen, ist besorgniserregend; auch aus den Pfarrvertretungen und Pfarrvereinen könnte wesentlich deutlicher Gegenwehr kommen gegen die "Entberuflichung" des Pfarrberufs zum bloßen "Regionalversorger". Die Diskussionen der Landessynoden dringen kaum bis in die Gemeinden vor, während dort die Umwandlung in bloße "Serviceeinheiten" voranschreitet.
5. "Serviceeinheiten" vs. Geistliche Beheimatung
Die Leitung verkennt allerdings, dass dieser "Service" längst von freien Rednern und Event-Agenturen angeboten wird. Freie Bestattungen und Trauungen sind gang und gäbe. Diesem Wettbewerb kann die Kirche nicht mit eigenen Agenturen begegnen.
Der kirchliche Mehrwert liegt woanders:
- In der Beheimatung in einer geistlichen Tradition und Gemeinschaft.
- In Kasualien, die das lutherische Bekenntnis und die christliche Botschaft wieder erkennbar in den Mittelpunkt stellen.
- In der Verlässlichkeit einer lokalen Kirchengemeinde als Subjekt kirchlichen Handelns.
Fazit: Die Basis wird nicht mehr tragen
Wenn die Kirche den Weg der Zentralisierung von oben nach unten weitergeht, ist das mehr als ein Paradigmenwechsel – es ist in meinen Augen der Anfang vom Ende der Landeskirchen. Das Prinzip der Subsidiarität und das Priestertum aller Gläubigen werden administrativ ausgehöhlt.
Die Hoffnung der Leitung, dass die Basis die Kosten dieser Zentralisierung tragen wird, ist eine Illusion. Die Menschen werden nicht für eine bürokratische Hülle zahlen, zu der sie keinen Bezug mehr haben; sie werden schlicht austreten.
Eine Kirche, die demokratisch, subsidiär und reformatorisch aus der Krise gehen will, muss Mut zur Selbstbegrenzung der Leitungsebene zeigen. Alles andere ist reine Machtpolitik, deren Zeche am Ende die geistliche Substanz der Kirche zahlt.
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