Sonntag, 17. Mai 2026

Sorry, ich muss meinem Ärger mal Luft verschaffen ...

Von der Demütigung erfolgreicher Arbeit

In der April-Ausgabe (4/2026) des Deutschen Pfarrerblatts rief Chefredakteur Detlef Dieckmann in seinem Editorial zu einer neuen „Diskussionskultur auf Augenhöhe“ auf. Doch blickt man auf die Art und Weise, wie er die aktuellen Debatten um die Kirchenentwicklung strukturiert, zeigt sich ein tief sitzendes Problem im kirchlichen Diskurs.

Dieckmann teilt die Diskutanten zur Zukunft der parochiale Struktur grob in zwei Lager: Auf der einen Seite sieht er die aktiven Pfarrpersonen, die unter der Last des bestehenden Systems leiden und verständlicherweise nach neuen, entlastenden Arbeitsformen suchen. Auf der anderen Seite verortet er vor allem ältere und bereits pensionierte Kolleginnen und Kollegen. Deren Beharren auf den bestehenden parochialen Strukturen deutet er jedoch nicht als strukturelles oder theologisches Argument, sondern framed es primär als emotionales Phänomen: Sie reagierten auf den Wandel mit „Trauer und Ärger“, weil sie sich nach dem Fortbestand jener Welten sehnten, in denen sie selbst engagiert gearbeitet haben. Zwar bezeichnet er diese Gruppe wohlwollend als „kritische Mahner:innen“, schlägt jedoch vor, dass die Reformer diese „Trauer“ schlicht stärker „berücksichtigen“ sollten.

Diese empathisch verpackte Kategorisierung ist jedoch eine unzulässige Psychologisierung, die im kirchlichen Raum Methode hat. Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung auf Augenhöhe findet eine emotionale Infantilisierung statt: Sachliche und theologische Einwände gegen aktuelle Weichenstellungen werden zu persönlichen Bewältigungsproblemen einer abgelösten Generation umgedeutet. Zudem verstärkt sich der Eindruck einer Hierarchisierung im Heft, wenn fundierte Kritik oft in den hinteren Teil verbannt wird, während technokratische Zukunftsvisionen prominenten Raum erhalten.

Gegen diese systematische Abwertung und Entwertung gelungener parochialer Arbeit der vergangenen Jahrzehnte habe ich mich in einem Leserbrief gewandt, den ich dem Chefredakteur auch persönlich per Mail zukommen ließ. Denn wir brauchen keine therapeutische Zuwendung, sondern eine Rückkehr zur theologischen Substanz.

Lesen Sie im Folgenden meinen Kommentar: 

Sorry, ich muss meinem Ärger mal Luft verschaffen – aber nicht, weil ich ein psychologisches Problem mit dem Älterwerden oder mit dem Loslassen habe, wie Chefredakteur Detlef Dieckmann in seinem Editorial suggeriert. Mein Ärger ist sachlich begründet. Er ist die Reaktion auf eine unzulässige Psychologisierung, die im kirchlichen Raum zum beliebten Stilmittel geworden ist: Kritik an den gegenwärtigen theologischen und vor allem strukturellen Weichenstellungen wird als ‚Trauer und Ärger‘ pensionierter Pfarrer geframed, um sich der inhaltlichen Auseinandersetzung zu entziehen.

Es geht hier nicht um Befindlichkeiten. Wenn Kurt Bangert die Auferstehung Jesu zur psychologischen Trauerbewältigung der Jünger erklärt, dann verlassen wir den Boden der biblischen Theologie. Das ist kein Gefühl, das ist ein Befund. Und wenn Steffen Bauer die ‚DNA der Kirche auf den Kopf stellen‘ will, verkennt er, dass der gegenwärtige Zustand zu einem ganz großen Teil ein selbstgemachtes Problem ist. Seit ‚Kirche der Freiheit‘ jagen wir einem Reform-Modell nach dem anderen hinterher: Leuchttürme, Erprobungsräume, Eventkirchen. Doch Hand aufs Herz: Welches dieser hochglanzbroschierten Programme hat den Abwärtstrend auch nur verlangsamt? Von einem Stopp, gar “Wachsen gegen den Trend”, will ich gar nicht reden. Vielleicht liegt eine der Ursachen für die Überlastung von Pfarrpersonen im aktiven Dienst auch in diesen immer wieder gescheiterten Reformansätzen, die jedem deutlich vor Augen halten, dass es mit der Kirche nur noch bergab geht.

Wir pensionierten Pfarrpersonen schauen auf Jahrzehnte der Arbeit zurück. Wir wissen: Kirchenbindung entsteht durch Präsenz vor Ort und verlässliche Beziehungen. Jede KMU bestätigt dies. Und ja, ich wage es, dieses Wort zu nutzen: Unsere Arbeit war auch erfolgreich. Ich weiß, das klingt in kirchlichen Ohren nach Hochmut, wo doch Demut angesagt ist. Aber wissen Sie, was wirklich demütigend ist? Es ist die systematische Abwertung erfolgreicher Gemeindearbeit über Jahrzehnte hinweg (Julia Koll, Uta Pohl-Patalong, Steffen Bauer u.a.). Statt die parochiale Stärke zu stützen, wird sie als ‚Überlastung‘ oder ‚ineffizient‘ diskreditiert, um den Rückzug aus der Fläche - der natürlich nicht angestrebt wird; wir warten mal ab - zu rechtfertigen. Wenn die DNA der Kirche derart auf den Kopf gestellt wird, ist es kein Wunder, dass am Ende nur Profillosigkeit übrig bleibt.

Ich ärgere mich nicht über den Wandel. Ich ärgere mich über die Entwertung gelungener Arbeit und darüber, dass man uns statt Argumenten nur ein mitleidiges ‚Seufz, wir verstehen deine Gefühle‘ entgegenbringt. Echte Wertschätzung würde bedeuten, die sachlichen Einwände der ‚Mahner‘ ernst zu nehmen, statt sie mitleidig wegzulächeln. Wir brauchen keine therapeutische Zuwendung, sondern eine Rückkehr zur theologischen Substanz und den Mut, das, was vor Ort tatsächlich gelingt, nicht länger kaputtzureden.

Sonntag, 10. Mai 2026

Reformation oder Liquidation?

Unter der Überschrift "Reformation oder Liquidation?" hatte ich bereits am 24. März einen Kommentar zu Werner Thiedes Artikel "Die theologischen Tricks der liberalen Theologie" in der Online-Ausgabe Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts 03/2026 eingestellt. Schon dort kann man eine ausführliche Diskussion zu Thiedes Gedanken verfolgen. Am 11. April erschien mein zweiter Online-Kommentar, die Antwort auf Friedrich Gehring. Am gleichen Tag habe ich die Diskussion hier im Blog unter dem Titel "Die Demaskierung der Beliebigkeit" veröffentlicht. 

In der gedruckten Ausgabe des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts 04/2026 ging die Diskussion  mit Leserbriefen weiter. Meine Position dazu ist im Folgenden nachzulesen, noch einmal unter der Überschrift "Reformation oder Liquidation". Da ich dieses Mal auf die gedruckten Texte reagierte, ging der Text per Mail an die Redaktion des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts. Ob er veröffentlicht wird, wird sich zeigen. 

Im Anschluss an meinen Kommentar gebe ich hier noch die exponierte Position von Dr. Katarína Kristinová zur "liberalen Theologie" wieder. Da ihr Beitrag in der Printausgabe sehr verkürzt dargestellt wurde, stellte sie den vollständigen Text noch einmal online ein. Dort ist er in Gänze nachzulesen. 

Ein Plädoyer für einen post-kritischen Realismus

Dass Werner Thiede mit seinem Aufsatz über die „theologischen Tricks“ der liberalen Theologie einen Nerv getroffen hat, steht außer Frage. Die lebhafte Debatte – 13 Online-Kommentare und sechs Beiträge in der Druckausgabe – zeugt von der Tiefe des Risses, der durch unsere Kirche geht. Bemerkenswert ist dabei die rhetorische Schärfe der Gegenwehr: Wenn Joachim Kunstmann den Begriff „Trick“ als polemische Unterstellung markiert, so antwortet er mit gleicher Münze, indem er Thiedes Position pauschal als „traditionsverkrustet“ abqualifiziert. Wer hier die „Polemik“ gepachtet hat, bleibt Ansichtssache; in der Sache selbst jedoch offenbart sich eine tiefe methodische Kluft.

Die Vertreter der neuen liberalen Theologie – in diesem Zusammenhang namentlich Bangert, Kunstmann, Gehring und Beile – propagieren eine „Offenheit“ der permanenten Suche und deklarieren Dogmen zu rein zeithistorischen Konstrukten. Doch dabei bleibt eine entscheidende Leerstelle. Wenn theologische Aussagen nur noch an der „Deutung des Lebens heute“ gemessen werden, fehlen die Kriterien, mit denen der Wahrheitsgehalt dieser Aussage noch überprüft werden kann. Dies kulminiert in der fünften These des „Göttinger Manifests“ von 2024, die fordert, Glaubenslehren (wie das Apostolicum) aufzugeben, sollten sie der subjektiven Bedürfnisbefriedigung nicht mehr dienen. Das ist kein bloßer liberaler Diskurs; das ist die Kapitulation der Theologie vor dem Diktat der Nützlichkeit. An die Stelle des Kerygmas tritt die Selbstbespiegelung des modernen Individuums.

Demgegenüber halte ich fest – ganz bestimmt zusammen mit Werner Thiede, Katarina Kristinová und jenen Kommentatoren, die sich zustimmend geäußert haben –, dass es theologische Kernbestände gibt, die nicht verhandelbar sind, weil sie das Fundament unseres Glaubens bilden. Ich beschreibe damit eine Haltung, die in der internationalen Forschung (etwa bei N.T. Wright oder Alister McGrath) als „post-kritischer Realismus“ bekannt ist: Eine Theologie, die die Erkenntnisse der Moderne ernst nimmt, ohne die Realität der göttlichen Offenbarung an den Zeitgeist zu verlieren. Drei Säulen stehen hierbei wirksam gegen den Sog einer theologischen Liquidation.

1. Gott der Schöpfer: Die Unterscheidung zwischen „Dass“ und „Wie“

Diese kategoriale Unterscheidung entschärft einen der hartnäckigsten Scheinkonflikte der Moderne. Während die Naturwissenschaften das „Wie“ der Weltentstehung beschreiben, antwortet der Glaube auf das „Dass“ – auf den Ermöglichungsgrund und Sinn der Existenz. In der pastoralen Praxis, etwa im Konfirmandenunterricht, entlastet dies ungemein. Ich muss Jugendlichen die Bibel nicht als naturwissenschaftliches Lehrbuch präsentieren, sondern kann sie als Zeugnis einer Wirklichkeit erschließen, die tiefer reicht als alles Messbare. Natürlich begegnen mir dabei regelmäßig Zweifel, die sich auf ein szientistisches Weltbild berufen. Solche Anfragen gestehe ich als legitime Sichtweisen zu – wohl wissend und dies auch so benennend, dass sie für die Frage nach dem Urgrund des Seins letztlich ebenso wenig eine „mathematische Beweiskraft“ beanspruchen können wie die Glaubensaussage von Gott, dem Schöpfer. Wer Gott jedoch nicht als eine bloße innerweltliche Kraft, sondern als den Grund begreift, der alles erst möglich macht, entgeht der Falle des „Lückenbüßer-Gottes“, der mit jeder neuen wissenschaftlichen Entdeckung ein Stück weiter aus der Welt zurückweichen muss. 

2. Gott der Sohn: Die Auferstehung als Realereignis

Hier markiert der post-kritische Realismus die entscheidende Zäsur zur liberalen Theologie. Während Letztere die Auferstehung oft auf ein rein subjektives Symbol für einen „Neuanfang der Jünger“ reduziert, halte ich an ihr als dem Ereignis fest, das die Weltgeschichte real aufspaltet. Der Glaube an den Sieg über den Tod fußt nicht auf einer nachträglichen Mythenbildung, sondern auf der existentiellen Wucht der Begegnungen mit dem Auferstandenen und dem daraus resultierenden, alles verändernden Zeugnis: „Wir haben den Herrn gesehen!“

Dabei ist dieser Glaube keineswegs naiv; er stellt sich der historischen Anfrage. Schon Matthäus benennt die bereits in der Urchristenheit geführte Debatte um den möglichen Diebstahl des Leichnams Jesu (Mt 28) – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Christenheit den Zweifel von Beginn an ernst nahm. Die Möglichkeit eines Betrugs oder einer bloßen Halluzination lässt sich nicht mit einem autoritären „Das musst du glauben“ beiseiteschieben.

Das Entscheidende ist der radikale Wandel der Zeugen. Die Jünger waren nach dem “Scheitern” ihres Herrn in Angst erstarrt und in den Verstecken des Zweifels. Doch diese gebrochene Gruppe wandelte sich innerhalb kürzester Zeit zur Keimzelle einer weltweiten Bewegung. Sie bezeugten eine Begegnung, die ihre gesamte Lebenswirklichkeit aus den Angeln gehoben hatte. 

Wer heute die Auferstehung zur Metapher degradiert, löst das Christentum in eine bloße Ethik-Lehre auf. Als Realereignis jedoch bleibt sie der „Fels“, auf dem eine Gemeinde stehen kann – ein Fels, der nicht aus unseren Wünschen geschmiedet ist, sondern aus der Erfahrung einer Wirklichkeit, die uns vorausgeht.

3. Gott Heiliger Geist: Die erfahrbare Bewegung

Der Heilige Geist ist die dynamische Kraft, die dort wirkt, wo der Funke des Glaubens überspringt. Das macht den Glauben erfahrungsbezogen und verhindert, dass Theologie in reiner Theorie erstarrt. Er ist die Brücke von der historischen Vergangenheit des Ersten und des Zweiten Testaments in das konkrete „Heute“.

In meiner langjährigen Tätigkeit als Pfarrer habe ich die Erfahrung gemacht, dass genau diese Position – abseits akademischer Grabenkämpfe – in allen Gruppen meiner Gemeinde Zustimmung fand. Ob bei Jugendlichen, Erwachsenen oder Senioren, die Rückmeldung lautete oft: „Das ist interessant, so haben wir es noch nie gesehen.“ Die Menschen suchen nicht nach einer weiteren Soziologie-Vorlesung in der Kirche, sondern nach einer tragfähigen Hoffnung.

Wenn wir diese drei Säulen als unverhandelbar definieren, setzen wir den Maßstab für eine echte Reformation. Wenn die Kirche ihre Botschaft daran misst, ob sie noch von diesem Gott spricht, erübrigen sich viele der „fluiden Angebote“. Eine solche Theologie lässt sowohl die liberale Beliebigkeit als auch den fundamentalistischen Buchstabenunverstand hinter sich. Reformation bedeutet heute nicht Anpassung an den Zeitgeist, sondern die Rückbesinnung auf eine Hoffnung, die das Leben erst wahrhaft deutbar macht.

Zusammenfassung des Leserbriefs von Dr. theol. Katarína Kristinová

Wenn gute Absichten an theologischer Inkompetenz scheitern

In ihrer ungekürzten Reaktion auf einen Artikel von Werner Thiede im Deutschen Pfarrerblatt (DtPfrBl) setzt sich Dr. Katarína Kristinová kritisch mit einer selbsternannten liberalen kirchlichen Reformbewegung auseinander. Sie spricht den Akteuren zwar aufrichtige Reformabsichten und ein ehrliches Leiden an der aktuellen Situation der Kirche nicht ab, sieht das Problem jedoch an einer ganz anderen Stelle: in einer fundamentalen theologischen Inkompetenz.

Die Hauptkritikpunkte im Überblick:

  • Mangelndes Fachwissen: Am Beispiel des „Göttinger Manifests“ der Bewegung zeigt sie auf, dass es sich bei deren Positionen um einen „theologischen Schnellschuss“ handelt, dem es an Reflexion und Wissen fehlt.

  • Antiwissenschaftliche Haltung: Innerhalb des Netzwerks herrscht ein starker Affekt gegen akademische Theologie und Dogmatik, die pauschal als lebensfern abgetan werden.

  • Beliebigkeit statt Pluralismus: Die scheinbare Einigkeit der Bewegung basiert laut Kristinová auf einem „frommen Subjektivismus“ und der bewussten Verweigerung theologischer Grundsatzdiskussionen, um tiefe ideologische Gräben zu kaschieren.

  • Falsches Label: Die Gruppierung inszeniere sich als „geistige Avantgarde“ und schmücke sich mit dem Begriff der „liberalen Theologie“, nur weil es progressiv klingt. Mit der eigentlichen, reflexiven Tiefe dieser theologischen Schule habe die Bewegung jedoch nichts zu tun – sie konterkariere deren Erbe vielmehr.

Als Fazit kann man zusammenfassen: Die Reformpläne und das Auftreten der Bewegung sind für Kristinová eine „Mogelpackung“, die auf einem massiven Selbstmissverständnis beruht.

Ich empfehle, den Text von Dr. theol. Katarína Kristinová im Original als Kommentar zu Werner Thiedes Artikel "Die theologischen Tricks der liberalen Theologie" im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt nachzulesen!