Ganz bestimmt nicht! Die Diskussion um den Status der Kirchengemeinden als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist bereits in vollem Gange. Während Kirchenfunktionäre diese Entwicklung schon weit vorangetrieben haben, ist das Thema an der Basis bisher nicht in dem erforderlichen Maß präsent. Das kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen: Die alltägliche Arbeit und die von Zeit zu Zeit immer wieder in den Raum gestellten “Erneuerungsprogramme” für eine “moderne Kirche” binden die Aufmerksamkeit so stark, dass für die Analyse dieser weitreichenden kirchenrechtlichen Weichenstellungen oft die nötigen Freiräume fehlen. Schon 2017 hatte ich den Artikel “Wie sich die hannoversche Landeskirche von ihren Kirchengemeinden distanzierte” von Andreas Dreyer gelesen und hier im Blog und im Gemeindebrief meiner Kirchengemeinde thematisiert, hatte weitere Artikel im überaus lesenswerten Buch “Kirche der Reformation?” von Gisela Kittel und Eberhard Mechels aufmerksam studiert und immer wieder für die Kirchengemeinde Artikel zum Thema “Quo vadis, ecclesica evangelica?” verfasst (sind hier im Blog wiedergegeben), aber erst jetzt im Ruhestand schreckten mich die Beiträge von Andreas Dreyer (Status der Kirchengemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts beibehalten; Link) und jetzt von Julia Koll (durchaus differenziert, in der Konsequenz aber klar: Status auf der Gemeindeebene zugunsten der Ebene des Kirchenkreises aufgeben; Link) im Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt auf. Sie machen unmissverständlich deutlich, dass hier von kirchenleitender Seite aus Fakten geschaffen werden sollen, die das Gesicht unserer Kirche dauerhaft verändern würden.
In den nachfolgenden Ausführungen werde ich mich immer wieder auf die Ausführungen von Julia Koll beziehen, die ich im Übrigen mit Interesse gelesen habe, auch wenn ich mit dem Vorschlag einer “transparochialen” Kirche nicht konform gehe. Ich schreibe diesen Beitrag als ein Pastor, der über fast drei Jahrzehnte seine Arbeit bewusst in einer Parochie gestaltete, dabei aber auch über diese Grenzen hinaus wirkte, wie die Redebeiträge im Rahmen meiner Verabschiedung deutlich machten.
Wie ist mein Text aufgebaut? Nach einer “Theologischen Rückbesinnung” bzw. “Vorbesinnung” folgt in Auseinandersetzung mit Julia Koll eine Analyse der Situation zu den Stichworten “Systemkollaps oder Profilverlust?”, “Transparochialität vs. Parochiale Beheimatung”, “Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie” und „Volkskirchen-Illusion und der Minderheitenstatus“. Den dritten großen Abschnitt überschreibe ich mit “Ressourcen radikal an die Basis zurückgeben”. Dies macht schon deutlich, dass ich für eine professionelle Parochie plädiere. Es geht mir um eine ganzheitliche Reform statt um selektivem Ressourcenmangel, um eine Reform von unten nach oben. Nicht die Struktur rettet die Kirche, sondern die Klarheit der Botschaft. Die Krise ist keine Strukturkrise, sondern eine Identitätskrise.
Julia Koll stellt zum Schluss ihres Artikels die Frage: “Wie können die Stakeholder des bisherigen parochialen Systems in die Prozesse eingebunden werden? Zu rechnen ist mit Widerständen vor allem bei denjenigen, die sich jahrzehntelang (ehrenamtlich) innerhalb dieses Systems engagiert und Verantwortung übernommen haben. Wie kann ihre oftmals intrinsische religiöse Motivation und hohe Kirchenbindung wertgeschätzt und ihr organisationales Bewusstsein geweckt werden?”
Ganz kurz dazu ein Zitat aus Wikipedia, wo die Stakeholder-Theorie beschrieben wird (Hervorhebung von mir): "Die Theorie bietet ein umfassendes und ethisch reflektiertes Rahmenwerk für die Unternehmensführung, das über die reine Gewinnmaximierung hinausgeht. Sie fordert eine bewusste Einbindung vielfältiger Interessen und macht auf komplexe Wechselwirkungen zwischen Unternehmen und Gesellschaft aufmerksam."
Dann will ich mal ganz bewusst als ein solcher "Stakeholder" versuchen, meine Gedanken zu entfalten.
Theologische Rückbesinnung
Was mir in der ganzen Debatte zu kurz kommt, insbesondere, wenn es darum geht, den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts von Seiten der Kirchengemeinde aufzugeben, ist die Besinnung auf die Wurzeln der lutherischen Kirche, auf die Grundlagen, auf das Fundament.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es bei den von kirchenleitender Seite angedachten Reformen in erster Linie darum geht, den tatsächlich vorhandenen Mangel zu verwalten. Die Kirche wird als eine Organisation begriffen, die sich an schwindende Ressourcen (Personal, Geld, Gebäude) anpassen muss. Der Fokus liegt auf Effizienz und „Ressourcenklugheit“ (Julia Koll). Der Reformhebel ist die Struktur, die auf Top-Down umgestellt werden soll, umgestellt wird. Man glaubt, durch die Verlagerung von Kompetenzen und Rechten (Körperschaftsstatus) auf die mittlere Ebene (Kirchenkreis) Handlungsspielräume zurückzugewinnen. Wenn man von einer Ekklesiologie reden will, dann ist es eine funktionale. Dabei wird die Kirche über ihre „Praktiken“ definiert. Anstatt „alles für alle“ (Parochie) anzubieten, soll Kirche „kuratiert“ auftreten – also Schwerpunkte setzen (Energiepunkte), die auch professioneller vermarktet werden können.
Der angedachten Top-Down-Struktur setze ich ein Bottom-Up entgegen. Die Kraft der Kirche kommt von der Basis. Bindung entsteht durch Vertrauen zu Personen vor Ort (Pfarrpersonen durch die geschichtliche Entwicklung in besonderer Weise, allerdings schaffen auch alle anderen Mitarbeitenden Kirchenbindung) und der Kontinuität an den Wendepunkten des Lebens (Kasualien).
Als Ausgangspunkt meiner Überlegungen nehme ich mein Ordinationsversprechen:
Ich werde das Evangelium predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer ev.-luth. Kirche bezeugt ist, ich werde die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit wahren und mich in allen Dingen so verhalten, wie es meinem Auftrage entspricht.
Ich werde weiterhin die Kinder begleiten, die Jugendlichen zur Konfirmation führen, den Paaren, die im Glauben Gottes Segen für den gemeinsamen Weg erbitten, diesen zusprechen und ich werde Sterbenden mit dem Trost des Wortes Gottes zur Seite stehen.
Dieses Versprechen ist nicht nur „lokale Praxis“, sondern darin sehe ich den Daseinszweck der ganzen Kirche. Dies ist gut lutherisches Verständnis, wonach Kirche dort ist, wo das Wort rein gepredigt und die Sakramente gestiftet werden (CA VII):
Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.
Dieser Vorgang braucht einen konkreten Raum und eine verlässliche Gemeinschaft - für mich ist das die Parochie. Und in der Bibel heißt es dann Matthäi am Letzten:
Christus spricht: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Systemkollaps oder Profilverlust?
Julia Koll diagnostiziert zutreffend eine „tiefgreifende Unklarheit der Kirche über sich selbst“. Sie beschreibt die Kirche als ein hybrides Gebilde, in dem organisationale Anteile und Merkmale einer Bewegung gleichermaßen stärker werden, während der gesellschaftliche Status erodiert. Diese Sichtweise fasse ich unter dem Stichwort “Systemkollaps” zusammen. Dem halte ich entgegen, dass die in der Tat bestehende „tiefgreifende Unklarheit der Kirchen über sich selbst“ auf den Verlust des evangelischen Profils und Propriums zurückzuführen ist.
- Systemkollaps
- Das bisherige parochiale System bindet enorme Ressourcen, ohne den Prozess der Entkirchlichung abpuffern zu können.
- Es gibt ein „Nebeneinander vergleichbarer, nicht miteinander abgestimmter Angebote“, das Bemühen, überall die Vollversorgung, das ganze Programm zu bieten.
- Die Fixierung auf eine Bindungsform, die rein „lokal - dauerhaft - analog“ funktioniert, ist ein Hindernis auf dem Weg der Entwicklung.
- Die Ortsgemeinde im klassischen Sinne zu stärken bedeutet, Verwaltungsstrukturen und Gebäude mühsam zu erhalten.
- Bisherige Regionalisierungen sind lediglich eine „Strategie der Dehnung“, die nun an ihre Grenzen stoßen.
- Profilverlust
- Der Grund für die Entkirchlichung liegt m.E. nicht primär in der Struktur, sondern im Verlust des theologischen „Propriums“. Eine Kirche, die in ihren Verlautbarungen und in der Verkündigung mehr oder weniger nur gesellschaftspolitische Positionen von NGOs oder Parteien wiederholt - so wird Kirche oftmals auch und gerade von engagierten Gemeindegliedern wahrgenommen -, verliert ihre Daseinsberechtigung gegenüber den Kirchensteuerzahlern.
- Es ist die Frage, was Julia Koll und andere unter “Vollversorgung” und das “ganze Programm” verstehen. Wenn wir auch hier vom Profil und vom Proprium her denken, können wir das Ordinationsversprechen von Pfarrerinnen und Pfarrern zu Beginn des Berufslebens fruchtbar machen:
- das Evangelium predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis der ev.-luth. Kirche bezeugt ist - die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwalten - das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit wahren - sich in allen Dingen so verhalten, wie es dem Auftrage entspricht - Kinder begleiten - Jugendlichen zur Konfirmation führen - Paaren, die im Glauben Gottes Segen für den gemeinsamen Weg erbitten, diesen zusprechen - Sterbenden mit dem Trost des Wortes Gottes zur Seite stehen
- Natürlich gibt es in unserer Gemeinde auch weitere Angebote und Gruppen, die über die im Ordinationsversprechen genannten Aspekte hinausgehen. Die werden dann aber eigenständig organisiert und geleitet. Die Pfarrperson und auch andere Mitarbeitende werden ein- bis zweimal im Jahr eingeladen.
- „lokal - dauerhaft - analog”
- selbstverständlich gibt es auch in der Parochie fließende Grenzen
- lokal ist die Regel, schließt aber einen Wechsel bzw. die Wahrnehmung von Angeboten in anderen Gemeinden nicht aus
- dauerhaft ist auch schon in der parochialen Situation nicht mehr die Regel; Menschen engagieren sich für eine Zeit, um sich dann auch wieder zurückzuziehen, sie nehmen ein Angebot wahr, sind aber nicht ständig in der Gemeinde anzutreffen und fühlen sich trotzdem verbunden
- analog - auch parochiale Gemeinde arbeiten und kommunizieren mittlerweile digital und haben ihre digitalen Auftritte, wenn auch nicht auf allen Kanälen - muss das sein?
- Verwaltung gehört zu einer Ortsgemeinde. Das Profil erschöpft sich aber nicht darin. Gut funktionierende Kirchenämter könnten die Gemeinden vor Ort unterstützen, entlasten und fördern.
- In der Tat stoßen die bisherigen Formen an ihre Grenzen, was aber nicht ausschließlich an der Parochie festgemacht werden kann. Regionalisierung oder „Ambidextrie“ (Nebeneinander von Routine und Experiment [Julia Koll]) haben ihren zeitlichen Preis, die verschiedenen Zukunftsprogramme von EKD und Landeskirchen tun das Ihre, damit sich Pfarrpersonen und andere kirchliche Mitarbeitende nicht über zu viel Zeit und zu wenig Arbeit beklagen müssen.
Das sind und bleiben für mich die Essentials, die in jedem Pfarramt zu leisten sind. Das kann keine Überforderung sein, und das ist auch kein “Nebeneinander vergleichbarer, nicht miteinander abgestimmter Angebote“. Bei einem solchen Einsatz erleben Menschen etwas, das die Kirche von allen anderen Organisationen unterscheidet. In einer chaotischen Welt können Menschen eine „geistliche Beheimatung” finden, die ihrem Leben Sinn gibt.
Transparochialität vs. Parochiale Beheimatung
Die Diskussion um die “postparochiale Kirche” lasse ich bewusst aus, weil die die Krise und den Gegensatz nur noch weiter verschärft. Julia Koll schlägt den Übergang zu einer „transparochialen Kirche“ vor, in der nicht mehr die “kleinteilige Ortsgemeinde”, sondern ein größerer Handlungsraum wie der Kirchenkreis der organisatorische Dreh- und Angelpunkt ist. Auch wenn die Autorin davon spricht, dass es “in einer … Übergangssituation ausgesprochen unklug [wäre], gelingende Formen kirchlichen Lebens abzuschaffen”, so steht im Verlauf des Prozesses, spätestens am Ende, zwingend der Statuswechsel der Kirchengemeinden an.
Um die transparochiale Kirche mit Leben zu füllen, beschreibt Julia Koll die Vision der Kuration, also die Auswahl, Bewertung, Strukturierung und Präsentation von Inhalten oder Objekten, um sie für ein Publikum aufzubereiten. An die Stelle einer flächendeckenden „Vollversorgung“ tritt bei ihr eine „kuratierte und exemplarische Praxis“. Dies bedeutet für sie die gezielte Stärkung von „Energiepunkten“ (Highlights) und ein bewusstes Lassen von wenig nachgefragten „Lowlights“. Weitere Anmerkungen zur Gestaltung der “kuratierten Praxis” folgen unten im Abschnitt "Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie".
Dem ist zunächst entgegenzuhalten, dass Highlights auch in parochial geführten Gemeinden gesetzt und von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kirchenbindung wahrgenommen werden können. Das setzt eine funktionierende Öffentlichkeitsarbeit und eine gewisse Vernetzung der Parochien in einer Region voraus, die aber durchaus leistbar ist. Wer „Lowlights” mitschleppt, sollte nach der Selbstorganisation fragen.
Die angesprochene Verlagerung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts weg von den Kirchengemeinden hin zum Kirchenkreis bedeutet einerseits, dass Kirchenvorstände in ihren Entscheidungskompetenzen erheblich eingeschränkt werden, andererseits eine Enteignung, wenn Gebäude, Grundstücke und gar das Vermögen an die nächste Ebene übergehen Was Kirchenleitungen als „Entlastung“ verkaufen, wird später an der Basis als massiver „Kontrollverlust“ erlebt werden.
In einem ersten Übergangszeitraum wird man diese Entrechtung kaschieren können - und die Kirchenleitungen tun gut daran, nicht sofort zu zeigen, wer jetzt Herr im Hause ist - aber spätestens dann, wenn Grundstücke und Immobilien anders verwertet werden, als es sich Menschen vor Ort vorstellen können, wird es zu massiven Konflikten kommen. Hinzu kommt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Kirchenkreis mit seinen derzeit vorhandenen Personalressourcen überhaupt in der Lage ist, die Bewirtschaftung und Unterhaltung von Gebäuden und Grundstücken sicherzustellen. Wenn dann auch noch die bisher auf Gemeindeebene angestellten Personen zur Kirchenkreisebene wechseln müssen, wird das Chaos perfekt werden.
Die Erfahrungen bisheriger Zentralisierungen - in den zurückliegenden Jahren bei den Kindertagesstätten - haben für die Kirchenvorstände zwar eine Arbeitsentlastung gebracht, die inhaltliche Arbeit aber nicht zwingend gefördert, weil mit der Übertragung der Trägerschaft auch eine Kontaktfläche zur Einrichtung verschwand. Wenn man noch weiter zurückgehen will, kommt die Gemeindeschwester in den Blick, die an vielen Orten integraler Bestandteil des Gemeindelebens war. Heute ist oftmals den Klienten - manchmal auch Gemeindegliedern und sogar Mitarbeitenden - nicht mehr bewusst, dass Diakonie oder Caritas kirchliche Einrichtungen sind.
Multiprofessionalität vs. Pfarramtliche Autonomie
Wenn Julia Koll im Raum der transparochialen Kirche eine „kuratierte und exemplarische Praxis“ etablieren will, dann setzt sie auf ein erweitertes Spektrum verschiedener Professionen (vom Sozialarbeiter bis zum Kulturmanager), die in Teams zusammenarbeiten. Julia Koll sieht in der Spezialisierung die Chance, dass Profis ihre Kernkompetenz im Zusammenspiel miteinander einbringen können, ohne in der kleinteiligen Verwaltung einer Einzelgemeinde zu „versacken“. Unter dem Stichwort “transparochial vernetzt” entfacht sie in ihrem Artikel geradezu ein Feuerwerk der neuen Möglichkeiten.
Zunächst einmal stellt sich die ganz dringende Frage: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Personalmangel gibt es nicht nur im Pfarrberuf. Auch Kirchenmusiker*innen, Diakon*innen, Sozialarbeiter*innen stehen nicht Schlange, um in den "multiprofessionellen Teams” flächendeckend mitarbeiten zu können. Der Versuch, Menschen außerhalb der kirchlichen Anstellungsträgerschaft zur Mitarbeit oder Zusammenarbeit zu gewinnen, ist lobenswert und sicher auch notwendig, kostet aber auch zusätzliche Ressourcen.
Gleichzeitig treibt mich die Sorge um, dass das spezifische Profil des Pfarrberufs verwässert wird, dass es hier zu einer De-Professionalisierung kommt. Indirekt weist Julia Koll auch auf diese Gefahr hin, wenn sie unter dem Punkt “Einsichten und offene Fragen” die “zukünftigen Organisationsformen” anspricht und die Frage nach “Leitung, repräsentativer Partizipation und Macht in einer transparochialen Kirche” aufwirft. Und auch das fragt Julia Koll: “Wer trifft künftig Entscheidungen? Wer steuert das neuere, größere Kirchengebilde?”
Die von Julia Koll zitierten Aussagen von Christoph Goos - „Ordinierte und geschäftsführende Personen leiten gemeinsam auf Augenhöhe, unterstützt von einem Kirchenamt, beraten und begleitet von einem auch ehrenamtlich besetzten Aufsichtsrat, der die Satzungen der Körperschaft beschließt und damit die großen Linien des kirchlichen Lebens vorgibt.“ bzw. Antje Hieronimus - “... »buntere Bilder von Synode«; ihr Leitbild bleibt eine Kirchenkreisversammlung, in der jedoch nicht nur Ortsgemeinden, sondern die verschiedensten kirchlichen Orte repräsentiert sind” … - können mich nicht überzeugen. Nach diesen Vorstellungen werden Pfarrpersonen letztendlich zu Weisungsempfängern der Leitung.
Die „Volkskirchen-Illusion“ und der Minderheitenstatus
Ein weiterer Konfliktpunkt ist das zugrunde liegende Bild von Kirche in der Gesellschaft. Julia Koll orientiert sich aus organisationslogischer Sicht an einem Modell, das von einer Vielfalt fluider Bindungsformen (analog, digital, punktuell) ausgeht und darauf mit einer Vielfalt kirchlicher Praktiken reagiert. Dabei setzen sie und andere Reformer voraus, dass Menschen auf die Organisation Kirche zugehen, um Angebote zu nutzen oder Ideen zu verwirklichen. Ist das nicht das Bild einer steuerungsfähigen Volkskirche, wenn auch unter veränderten Bedingungen? Was aber ist, wenn das “Kirchenvolk” die Angebote nicht annimmt bzw. wenn Kirchensteuerzahler nicht bereit sind, diese Angebote auf Dauer zu finanzieren?
Gemeinden vor Ort hingegen können sich aus meiner Sicht oft besser mit einem Minderheitenstatus anfreunden, wenn sie eine geistige Heimat bieten, die Menschen in seelischer Not trägt. Die personale Kontinuität, die Begleitung von Familien über Generationen an den Eckpunkten des Lebens ist in meinen Augen durch funktionale Dienste nicht ersetzbar.
Fazit der bisherigen Diskussion
Während der Artikel von Julia Koll eine intellektuelle Antwort auf den Ressourcenmangel durch eine radikale Neuorganisation auf der mittleren Ebene sucht , warnt die pastorale Praxis vor einem irreparablen Vertrauensbruch. Ein Neuanfang kann nur gelingen, wenn das System nicht nur verwaltet wird, sondern die Verwaltung wieder zum „Dienstleister“ für die Gemeinden wird, damit diese ihre eigentliche Aufgabe der „geistlichen Beheimatung“ wahrnehmen können. Aber auch dafür müssen finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung stehen.
Ressourcen radikal an die Basis zurückgeben
Plädoyer für eine professionelle Parochie
In der aktuellen Debatte um die Kirchenreform prallen zwei grundlegend verschiedene Logiken aufeinander: Die forcierte Neuorganisation auf transparochialer oder auch postparochialer Ebene auf der einen und die theologische Rückbesinnung an der Basis auf der anderen Seite. Mein Standpunkt versteht sich dabei als Korrektiv zur Theorie, die ihr Heil in einem größeren Handlungsfeld sieht. Ich setze die „Verheißung“ der Transparochialität gegen die „Realität“ einer Basis, die sich durch Strukturreformen eher im Stich gelassen als unterstützt fühlt.
Dabei ist mir bewusst: Die von mir beschriebene Vision braucht einen langen Atem. Die von Julia Koll analysierte Krise und die Defizite sind real und drängend. Es stellt sich jedoch die kritische Frage, ob eine Kirchenleitung, die offensichtlich seit Jahren das Ziel verfolgt, den Körperschaftsstatus der Gemeinden umzuwandeln, überhaupt bereit ist, diesen eingeschlagenen Weg der Zentralisierung noch einmal grundlegend zu überdenken.
Ganzheitliche Reform statt selektivem Ressourcenmangel
Ressourcenmangel ist kein exklusives Problem der parochialen Ebene. Eine ehrliche Reform muss ebenso die funktionalen Dienste und die stetig wachsenden Verwaltungsebenen in den Blick nehmen. Auf allen Ebenen muss sich die Kirche wieder auf ihr eigentliches „Proprium“ konzentrieren, sie muss zu einer geistlichen Heimat werden, die Menschen in seelischer Not trägt und den Eckpunkten des Lebens einen Sinn verleiht, der über das Materielle hinausgeht. Die Kirche muss sich daher radikal auf ihre Kernaufgaben konzentrieren: Verkündigung, Seelsorge und die Begleitung von Menschen in allen Lebensphasen. Insbesondere die Begeisterung von Kindern und Jugendlichen ist entscheidend – so gewinnt man Familien und engagierte Ehrenamtliche, die Kirche auch in Zeiten vakanter Pfarrstellen tragen können.
Verwaltung als Dienstleister, nicht als Hemmschuh
Julia Koll argumentiert, dass diese Kernaufgaben in der herkömmlichen Parochie nicht mehr leistbar seien, weil Gebäude, Verwaltung und Gremien die Energie auffressen. Doch dies sind keine genuin parochialen Aufgaben. Der Problemdruck entsteht vielmehr dort, wo Kirchenämter ihre Aufgaben nicht bewältigen (können) und den Gemeinden nicht zuarbeiten. Da Gemeinden gesetzlich an diese Ämter gebunden sind, bleibt ihnen eine effektivere Eigenverwaltung verwehrt.
Mein Gegenvorschlag lautet: Kirchenämter müssen zu reinen Dienstleister für die Gemeinden werden. Nicht die Gemeinde dient dem System (etwa durch die Abgabe von Kita-Trägerschaften an den Kirchenkreis, wodurch der Bezug vor Ort verloren geht), sondern das System muss die Gemeinde so frei halten, dass diese wieder „Geistliche Beheimatung“ bieten kann. Die Verwaltung von Einrichtungen, die über Drittmittel finanziert werden, darf nicht zu Lasten der Parochie gehen, weder personell noch finanziell. Treue Gemeindeglieder werden es auf Dauer nicht akzeptieren, dass Kirchensteuermittel im Verwaltungsapparat versickern, während die Kirchengemeinde vor Ort an Bedeutung verliert. Die Bindung erfolgt vor Ort, und das Geld wird letztendlich vor Ort eingeworben.
Proaktive Personalplanung und Schutz der Profession
Der gegenwärtigen Personalnot könnte mit einem rotierenden System begegnet werden. Anstatt Stellen beim Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge einfach auslaufen zu lassen und darauf zu hoffen, dass sie irgendwann wieder besetzt werden (können), schlage ich einen aktiven Personalpool vor, bei dem sich Pfarrpersonen anmelden, die sich mit dem Gedanken tragen, in absehbarer Zeit die Pfarrstelle zu wechseln. Diese Anmeldungen sollten bis zur aktiven Bewerbung nur dem Personaldezernat bekannt sein, das durch einen qualifizierten Abgleich die Kompetenzen der potentiellen Bewerber und Wünsche der vakanten Gemeinden abgleicht und so gezielt den Kontakt zwischen beiden Seiten herstellt.
In der Ausbildung müssen die jungen Leute darauf vorbereitet werden, dass es sich beim Pfarrberuf um einen Beruf mit Profession handelt. Es ist also kein Beruf wie jeder andere, es ist ein Beruf, der höchst spezialisierte, ethisch verpflichtete Expertenautonomie im Dienst am Menschen fordert. Die Kernmerkmale sind und bleiben: Hochschulische Ausbildung, Autonomie und Selbstregulierung, eigenverantwortliches Handeln und Standesorganisationen, Berufsethik, Vertrauensverhältnis und Gemeinwohlorientierung.
Vor Ort müssen sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Unter dem Blickwinkel Work-Life-Balance wird schon einiges getan. Hier sind Pfarrpersonen aber auch selbst gefordert, ihren Arbeitsbereich so zu organisieren, dass die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Sicherlich kein leichtes Unternehmen, aber wenn es gelingt und erlebbar wird, erhöht dies nicht nur die Arbeitszufriedenheit und nimmt den Druck vom Einzelnen, junge Menschen könnten wieder ermutigt werden, diesen Beruf zu ergreifen.
Schwieriger wird es, wenn es um den Schutz von Pfarrpersonen im Konfliktfall mit dem Kirchenvorstand und in der Folge dann mit der Kirchenleitung geht - manchmal ist es auch umgekehrt: Konflikt mit der Kirchenleitung, in die der Kirchenvorstand hineingezogen wird (Pfarrdienstrecht der EKD §§ 79/80, vgl. das Zitat nach diesem Absatz). Mit diesen "Fällen" haben wir es oft in unserem Verein "D.A.V.I.D. - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche" zu tun, dessen Vorsitzender ich bin. Wir machen die Erfahrung, dass betroffene Pfarrpersonen der Situation oft schutzlos gegenüberstehen. Wenn Kirchenvorstände es darauf anlegen, müssen sie gar nicht darlegen, warum sie die Zusammenarbeit nicht mehr fortsetzen wollen, sie müssen einfach nur behaupten, das Vertrauensverhältnis sei zerstört. Kirchenleitungen folgen dieser "Argumentation" nur allzu oft. Die Pfarrpersonen und ihre Familien (!!!) müssen im günstigsten Fall die Pfarrstelle wechseln, werden möglicherweise bei gekürzten Bezügen in den Wartestand versetzt, im ungünstigsten Fall nach einer bestimmten Zeit im Wartestand auch in den Ruhestand. Da die Verantwortung für dieses Verfahren nicht immer im Verhalten der Pfarrperson zu suchen ist - so steht es sogar in den entsprechenden Gesetzen - rät mancher unter den gegenwärtigen Bedingungen jungen Menschen geradezu ab, den Pfarrberuf zu ergreifen und im Konfliktfall dieser Willkür hilflos ausgeliefert zu sein.
§ 79 Versetzung
( 2 ) 1 Pfarrerinnen und Pfarrer können um der Unabhängigkeit der Verkündigung willen nur versetzt werden, ... wenn ein besonderes kirchliches Interesse an der Versetzung besteht. 2 Ein besonderes kirchliches Interesse liegt insbesondere vor, wenn ...
5. in ihrer bisherigen Stelle oder ihrem bisherigen Auftrag eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes gemäß § 80 Absatz 1 und 2 festgestellt wird ...
§ 80 Versetzungsvoraussetzungen und -verfahren
( 1 ) 1 Eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes im Sinne des § 79 Absatz 2 Satz 2 Nummer 5 liegt vor, wenn die Erfüllung der dienstlichen oder der gemeindlichen Aufgaben nicht mehr gewährleistet ist. 2 Das ist insbesondere der Fall, wenn das Verhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und nicht unbeträchtlichen Teilen der Gemeinde zerrüttet ist oder das Vertrauensverhältnis zwischen der Pfarrerin oder dem Pfarrer und dem Vertretungsorgan der Gemeinde zerstört ist und nicht erkennbar ist, dass das Vertretungsorgan rechtsmissbräuchlich handelt. 3 Die Gründe für die nachhaltige Störung müssen nicht im Verhalten oder in der Person der Pfarrerin oder des Pfarrers liegen.
( 2 ) 1 Zur Feststellung der Voraussetzungen des Absatzes 1 werden die erforderlichen Erhebungen durchgeführt. 2 Der Beginn der Erhebungen wird der Pfarrerin oder dem Pfarrer mitgeteilt. 3 Sofern nicht ausnahmsweise etwas anderes angeordnet wird, nehmen Pfarrerinnen und Pfarrer für die Dauer der Erhebungen den Dienst in der ihnen übertragenen Stelle oder in dem ihnen übertragenen Auftrag nicht wahr. 4 Während dieser Zeit soll eine angemessene Aufgabe übertragen werden.
Fazit: Souveränität in Verbundenheit
Unter diesen Voraussetzungen - einer Rückbesinnung auf das theologische Proprium, einer dienenden Verwaltung und einer Wertschätzung der Profession - sehe ich kein Problem darin, die parochiale Ordnung und damit den Status der Kirchengemeinden als Körperschaften des öffentlichen Rechts beizubehalten. Davon unberührt ist die zwingende Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit und des regen Austauschs unter benachbarten Gemeinden in einer Region. Kooperation braucht jedoch keine Enteignung, sondern starke, souveräne Partner an der Basis. Dann kann ich mir auf Formen wie das von Julia Koll als Beispiel genannte “Pforzheimer Modell” vorstellen, das aber nicht zwangsläufig auf alle Bereiche der evangelischen Kirche übertragen werden muss.
Wenn die Kirche wieder zukunftsfähig werden will, muss sich viel verändern – an der Basis, aber zwingend auch auf den Ebenen der Kirchenleitung!
Zum Schluss gefragt:
Kann die Kirche sich vom Relevanzverlust erholen, indem die Organisation modernisiert und flexibilisiert wird? Oder geht es eher um die theologische Substanz, die wieder in den Mittelpunkt rückt? Ist die Parochie tatsächlich ein „Ressourcenfresser“ oder nicht eher der „Lebensnerv“ der Kirche?
Wenn die eine oder der andere Gedanken zum Thema beitragen möchte, herzlich gerne! Meine Mailadresse findet sich im Impressum. Außerdem habe ich einen gmail.com-Account, wo vor dem @ ganz einfach pastor.ralf.krueger steht.
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