Donnerstag, 20. August 2026

Undoing Professionalität ...

„Undoing Professionalität“, Soft Power, Zugriffsmacht und Superiorisierung 

Grundmuster kirchlichen Handelns

Mit großem Interesse habe ich den Aufsatz von Christine Siegl, „Un-/Doing Professionalität: Zum Missbrauch im kirchlichen Kontext“ (Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe 8/2026), gelesen. Siegl untersucht sexualisierte Gewalt im Gemeindekontext aus einer praxistheoretischen sowie pastoraltheologischen Perspektive und zeigt eindrücklich: Missbrauch ist selten bloß individuelles Fehlverhalten, sondern eine stabile, erlernte soziale Praxisformation.

Auch wenn ich versuche, Siegls Gedankengang hier nachzuzeichnen, die eigene Lektüre des Artikels lohnt sich auf jeden Fall!

Siegls zentrales Analytikon ist dabei das „Undoing Professionalität“ – ein schleichender Prozess, bei dem professionelle Rollengrenzen, Distanznormen und Schutzstrukturen im pastoralen Alltag schrittweise aufgeweicht oder außer Kraft gesetzt werden, um Grenzverletzungen überhaupt erst zu ermöglichen.

So zutreffend Siegls Analysen für das Feld sexualisierter Gewalt sind, so sehr lohnt es sich, den Blick zu weiten. In der evangelischen Kirche existiert neben der sexualisierten Gewalt auch ein systemischer Machtmissbrauch, der primär der Durchsetzung von Eigeninteressen und dem Erhalt von Einfluss dient. Liest man Siegls Thesen mit diesem erweiterten Fokus, zeigen sich frappierende strukturelle Parallelen.

Gleichwohl gilt es, Differenzierung zu wahren. Dass sich die von Siegl beschriebenen Handlungsmuster in vielen Kirchengemeinden und Leitungsstrukturen beobachten lassen, macht aus einer Pfarrperson oder Leitungskraft, die solche Muster (oft unbewusst) reproduziert, keineswegs automatisch eine/n potenzielle/n Täter/in im Sinne sexualisierter Gewalt. Es offenbart jedoch den Nährboden für institutionellen Machtmissbrauch, dem wir uns ebenbürtig stellen müssen.

Die drei Säulen des Missbrauchssystems

Auf Grundlage von Betroffenenberichten rekonstruiert die Autorin das Zusammenspiel verschiedener Macht- und Praxisformen.

1. Soft Power (Routinen des „Guten“)

Wirkt subtil über kirchliche Idealvorstellungen wie Gemeinschaft, Vertrauen und Konsens.

  • Organisation von Nähe („Doing Family“): Verschwimmen von Amt, Person und privaten Beziehungen.

    • Siegls Beispiel: Das Verschwimmen zeigt sich, wenn ein Pfarrer zu einer Betroffenen sagt: „Wenn du möchtest, bin ich ab jetzt dein Vater“, oder die Jugendliche ihn im Tagebuch „Papi“ nennt. Auch das Einladen zum Du in gemütlicher Runde im „offenen Pfarrhaus“ erzeugt eine unkritische, quasi-familiäre Atmosphäre.

  • Eventisierung & Informalisierung („Doing Locker“): Ungezwungene Atmosphären senken Schamgrenzen.

    • Siegls Beispiel: Bei Aktionen wie Jungscharvorbereitungen, Rüstzeiten oder Freizeitaktivitäten herrscht stets eine entspannte, heitere Stimmung. Unter einem „Gestus der Jovialität“ werden Alkoholkonsum betrieben, sexualisierte Sprache verharmlost und Widerstand als „bürgerlich“ oder „verklemmt“ abgewertet.

  • Herstellung von Konfliktarmut: Sachlicher Widerspruch oder Warnsignale von Außenstehenden werden als Störung der „geistlichen Harmonie“ abgewehrt.

    • Siegls Beispiel: Wenn Außenstehende (Bystander) Bedenken äußern, wird Kritik mit Sätzen abgeblockt wie: „Wir wollen doch alle das Beste für die Jugendlichen“ oder „Lasst uns das im Gebet klären“.

  • Asymmetrische Emotionalität: Erzeugung von Vertrauen durch Sonderaufmerksamkeit, persönliche Enthüllungen und die Vortäuschung von Harmlosigkeit.

    • Siegls Beispiel: Der Pfarrer bittet eine 16-Jährige abends ins Wohnzimmer und erzählt ihr ungefragt Details über seine ehelichen Probleme und den unerfüllten Kinderwunsch. Die Betroffene fühlt sich dadurch einerseits geehrt, ist aber völlig überfordert. Ein weiteres Muster ist die Mitleidstour („Der arme Pfarrer, der es bei seiner Frau nicht gut hat“).

2. Zugriffsmacht (Zielgerichtete Kontrolle)

Nutzt die spezifischen Handlungsspielräume des kirchlichen Raums gezielt aus.

  • Strategische Zuwendung: Gezielte Kontaktaufnahme zu besonders vulnerablen Personen.

    • Siegls Beispiel: Der Pfarrer sucht gezielt das Gespräch mit Jugendlichen, denen es zu Hause schlecht geht oder die sich in Notlagen/Trauersituationen befinden („der erste Erwachsene, der merkte, dass es mir zu Hause nicht gut ging“).

  • Schrittweise Annäherung: Graduelle Verschiebung von Grenzen (Eins-zu-eins-Situationen, Isolation).

    • Siegls Beispiel: Beim Filmabend legt der Pfarrer seine Hand auf den Oberschenkel der Jugendlichen, zieht sich mit ihr in die Küche zurück und fragt schleichend: „Darf ich Dich noch mal in den Arm nehmen?“ – „Darf ich Dich mal küssen?“, um Verwirrung zu stiften. Unter dem Deckmantel einer „progressiven Aufklärung“ wird behauptet, Schamgrenzen seien bloß prüde.

  • Relationale Steuerung: Aufbau totaler Abhängigkeit durch Erwartung von Loyalität, Wechsel von Nähe und Kälte sowie erzwungene Geheimhaltung.

    • Siegls Beispiele: Durch kostenlosen Nachhilfeunterricht fühlt sich ein Jugendlicher zur Gegengabe verpflichtet (Loyalität). Der Pfarrer stößt die Betroffene plötzlich von sich ab und sagt: „Es kann auch sein, dass der Teufel unsere Beziehung wollte!“ (Kälte). Der Pfarrer droht Jahre später: „Wenn du redest, verliere ich meinen Beruf“ oder zwingt das Mädchen, heimlich durch den Keller zu kommen, sich in der Waschküche komplett auszuziehen und nackt durchs Haus zu gehen (Geheimhaltung & Demütigung).

3. Superiorisierung / Überlegenheitsgestus (Backgroundphänomen)

Bildet den Hintergrund, auf dem Soft Power und Zugriffsmacht aufbauen.

  • Wissens- und Deutungshierarchie: Die rhetorische und theologische Kompetenz der Pfarrperson wird genutzt, um Grenzüberschreitungen geistlich/theologisch zu rechtfertigen.

    • Siegls Beispiel: Ein Pfarrer erklärt dem Opfer, Gott würde ihr durch ihn seine Liebe zeigen. Ein anderer rechtfertigt Übergriffe direkt theologisch mit der Aussage, Gott habe ihm gesagt, er solle sie „zur Frau machen“. 

  • Epistemische Gewalt: Durch Lügen, Manipulation und Scheinargumente wird das Urteilsvermögen der Betroffenen verunsichert und das System gegen äußere Kritik immunisiert.

    • Siegls Beispiel: Wenn Kritik aufkommt, rechtfertigt sich ein Täter mit Verweisen auf die Bibel. Auch Könige wie Salomo oder David hätten sich in seinem Alter junge Mädchen ins Bett geholt, um sich daran zu wärmen. Vor Gericht wird dreist gelogen, man sei wegen Potenzproblemen gar nicht zu Taten fähig. 

Pastoraltheologische Konsequenzen: Umbau pastoraler Professionalität

Die Befunde zum strukturellen Missbrauchssystem erfordern ein fundamentales Umdenken in der Pastoraltheologie. Christine Siegl fordert, Machtdynamiken nicht länger theologisch zu verklären oder zu ignorieren, sondern pastorale Professionalität durch klare Kriterien, Selbstbegrenzung und strukturelle Kontrolle neu zu konturieren.

1. Entkopplung von Amt und Person: Von naiver Nähe zu reflexiver Distanz

Kritik am romantischen Amtsverständnis: Die verbreitete Idealvorstellung einer nahtlosen Einheit von Person, Glaube und Amt führt häufig zu einer Verwischung von professionellen und privaten Grenzen („Doing Family“). Diese romantisierte Einheit dient Tätern als Schutzschild und erschwert Kritik.

  • Geforderter Haltungswandel:

    • Reflexiv-selektive Authentizität: Seelsorgerinnen und Seelsorger müssen nicht ihre gesamte Persönlichkeit, ihr Privatleben oder eigene Notlagen in die Seelsorge einbringen. Die Wahrung der eigenen Intimsphäre ist Voraussetzung, um auch die der Anvertrauten zu schützen.

    • Rollenklarheit und funktionale Abgrenzung: Die pastorale Rolle erfordert klare funktionale Grenzen. Nähe darf nicht unhinterfragt als theologischer Grundwert inszeniert werden; emotionale Nahverhältnisse und familiäre Inszenierungen im pastoralen Raum müssen kritisch hinterfragt und unterbrochen werden.

2. Dekonstruktion von „Vertrauen“: Von der moralischen Pflicht zur reflexiven Praxis

Kritik am blind geforderten Vertrauen: Ein klerikales oder kirchliches Missverständnis nutzt „Vertrauen“ oft als moralische Forderung oder Harmoniegebot. Dadurch werden Zweifel entwertet und Kritik als „störend“ oder „ungläubig“ diffamiert.

  • Geforderter Haltungswandel:

    • Strukturell kontrolliertes Vertrauen: Vertrauen darf nicht vorausgesetzt oder eingefordert werden, sondern muss sich in einem geschützten Rahmen entwickeln können.

    • Kultur des Einspruchs (Institutionalisierter Zweifelsraum): Pastoraltheologie muss Räume schaffen, in denen Kritik, Skepsis und Widerspruch nicht als Mangel an Glauben oder Gemeinschaftssinn gelten, sondern als notwendige Korrektive zur Machtkontrolle begrüßt werden.

3. Disziplinierung pastoraler Macht: Abstinenz, Grenzen und externe Kontrolle

Entzauberung der Macht: Macht in der Kirche muss als existentielle und potenziell gefährliche Realität anerkannt und reflektiert werden – anstatt sie theologisch zu überhöhen (z. B. durch Deutungs- und Überlegenheitsgesten).

  • Geforderter Haltungswandel:

    • Abstinenzgebote als Barmherzigkeit und Schutz: Die Einhaltung professioneller Grenzen und Abstinenzregeln (körperlich, emotional und informational) schützt Anvertraute vor Übergriffen und schützt die Seelsorgenden vor eigener Überforderung.

    • Verpflichtende externe Instrumente: Professionelle Kompetenz bemisst sich auch an der Bereitschaft zur Selbstbegrenzung. Supervision, interdisziplinärer Austausch, klare Beschwerde- und Beratungswege sowie externe Kontrollmechanismen dürfen keine freiwilligen Optionen sein, sondern müssen zum Standard pastoralen Handelns werden.

Fazit

Die Entschlüsselung des „Undoing Professionalität“ holt den Missbrauch aus der Sphäre des „Unbegreiflichen“. Nur durch analytische Redlichkeit und das Verständnis der zugrundeliegenden Praxisformationen lassen sich wirksame Gegenstrukturen und Schutzkonzepte in der Kirche etablieren.

Der Übergang zum systemischen Machtmissbrauch: Von der sexuellen zur strukturellen Gewaltdynamik

Machtmissbrauch im kirchlichen Raum beschränkt sich nicht auf den Kontext sexualisierter Gewalt. Die von Christine Siegl herausgearbeiteten Mechanismen – das Ausnutzen von Asymmetrien, das Verwischen von Rollengrenzen, strategische Verunsicherung und das Erzeugen von Abhängigkeiten – zeigen sich in identischer Weise auch in administrativen, personalen und leitungsbezogenen Handlungsfeldern. Es handelt sich hierbei nicht um bloße „Zwischenmenschlichkeiten“ oder zufällige Konflikte, sondern um eine tief verankerte soziale Praxisformation, die auf allen Ebenen der Kirche greift.

1. Soft Power: Pseudo-Familiarität als Widerstandskiller

Was beim sexualisierten Missbrauch als „Doing Family“ oder „Doing Locker“ die notwendigen Schutzgrenzen untergräbt, fungiert in Leitungsbeziehungen als Instrument der Vereinnahmung.

  • Das großzügig angebotene „Du“ – sei es durch Führungspersonen auf der so genannten Mittleren Ebene gegenüber Haupt- und Ehrenamtlichen, sei es durch Pfarrpersonen gegenüber ihren Mitarbeitenden oder innerhalb von Kirchenvorständen – simuliert eine Hierarchiearmut, wo faktisch ein hartes Machtgefälle besteht.

  • Die so erzeugte Schein-Familiarität erschwert kritische Abgrenzung. Sachlicher oder dienstrechtlicher Widerspruch wird emotional blockiert, weil er als persönlicher Vertrauensbruch oder Störung des „guten Miteinanders“ umgedeutet wird. Professionelle Distanz wird als „unbrüderlich“ oder „ungeistlich“ entwertet.

2. Superiorisierung: Das Übergehen und Enge-Treiben durch Deutungshoheit

Theologische, rhetorische oder strukturelle Überlegenheit wird gezielt genutzt, um das Gegenüber zu verunsichern, Handlungsspielräume einzuschränken, eigene Agenden durchzudrücken und das Handeln der Leitungsebenen zu immunisieren.

  • Ein zentrales Beispiel ist das aktuell in fast allen Landeskirchen vorangetriebene Modell der „regio-lokalen“ Kirchen. Unter dem Deckmantel, Verwaltung effizienter zu gestalten, damit vor Ort angeblich mehr Raum für inhaltliche Arbeit bleibt, nutzen kirchenleitende Organe ihre Deutungshoheit, um bestehende Strukturen auszuhebeln. Obwohl Studien seit Jahren belegen, dass Kirchenbindung vor allem lokal vor Ort entsteht, wird eine Zentralisierung vorangetrieben. Die Höherverlagerung von Verwaltung garantiert jedoch keine Effizienz, sondern schafft Distanz und entmachtet die Kirchenvorstände. Wenn Entscheidungen über Vermögen, Immobilien, Grundbesitz und Personal - und letztendlich Vermögen, Immobilien, Grundbesitz und Personal selbst - sukzessive auf die höhere Ebene wandern, stehen die Gremien vor Ort faktisch vor vollendeten Tatsachen – ihr organisatorisches und finanzielles Mitbestimmungsrecht wird untergraben.

  • Derselbe Überlegenheitsgestus wird auf der Gemeindeebene von dominanten Akteuren genutzt, um Gegenüber systematisch in die Enge zu treiben: Sei es die Pfarrperson, die ehren- oder hauptamtliche Mitarbeitende durch theologische und rhetorische Deutungshoheit dominiert, oder seien es Gruppen im Kirchenvorstand, die Pfarrpersonen bei der kleinsten Differenz durch gezielte Reframe-Versuche, Gerüchte und Isolation mürbe machen.

3. Zugriffsmacht & Divide et Impera: Die Instrumentalisierung von Verfahren und Gremien

Beziehungssteuerung durch Isolation, das Schaffen von Privilegierten vs. Außenseitern und die gezielte Erzeugung von Überforderungs- oder Bedrohungsszenarien.

  • Die Waffe der „Ungedeihlichkeit“ - die Paragraphen §§ 79/80 PfDG.EKD werden in Kombination mit Soft Power immer wieder gezielt instrumentalisiert. Aus meiner Arbeit als Vorsitzender des Vereins "D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.V." kenne ich diese Praxis aus unzähligen Beratungsfällen. Immer wieder erleben wir, wie Leitungspersonen oder dominante Gruppierungen im Kirchenvorstand Gremien gezielt anstacheln, um kritische oder missliebige Pfarrpersonen systematisch aus dem Amt zu drängen. Die oft vielschichtigen, strukturellen oder interpersonalen Konflikte einer gesamten Gemeinde werden dabei isoliert und schuldhaft auf eine einzelne Person verlagert – die Ungedeihlichkeit wird so vom Schutzinstrument zur mobbingartigen Ausgrenzungswaffe.

  • Zersetzung des Kollegiums durch Divide et impera - durch die selektive Vergabe von Aufgaben, verdeckte Einzelgespräche und das Belohnen von Loyalisten wird das kollegiale Vertrauen nachhaltig zerstört. Aus Angst vor dienstrechtlichen Konsequenzen – oder schlicht, weil sie sich in einem solchen toxischen System nicht gemein machen wollen – ziehen sich Kollegen und Gremienmitglieder zurück. Das Ergebnis ist eine gelähmte Sprachlosigkeit, womit genau die für Missbrauchssysteme typische, künstliche „Konfliktarmut“ hergestellt ist.

Fazit: Auswege aus der systemischen Sackgasse

Die Analyse zeigt eindrücklich: Ob beim sexuellen, beim geistlichen oder beim administrativen Machtmissbrauch – die Mechanismen ähneln sich erschreckend. Sie gedeihen dort, wo Schein-Familiarität professionelle Grenzen verwischt, wo Macht theologisch verharmlost wird und wo Strukturentscheidungen die Basis entmachten. Der Weg aus dieser systemischen Sackgasse erfordert einen fundamentalen Kultur- und Strukturwandel.

1. Kulturwandel: Von toxischer Harmonie zu wertschätzender Streitkultur

  • Konflikt als Chancebegriff: Die weit verbreitete Haltung, sachlichen Widerspruch als „ungeistlich“ oder „gemeinschaftsstörend“ zu devaluieren, muss endgültig überwunden werden. Eine reife Kirche braucht Räume, in denen Zweifel, Kritik und abweichende Meinungen nicht bekämpft, sondern als wertvolles Korrektiv geschätzt werden.

  • Echte Wertschätzung statt Pseudo-Nähe: Wertschätzung zeigt sich nicht in einem schnellen, verordneten „Du“ oder kumpelhafter Vertrautheit, sondern im Bekenntnis zu Klarheit, Verbindlichkeit und Respekt vor der Würde und den Grenzen des Anderen.

2. Strukturwandel: Machtbegrenzung und Stärkung der Basis

  • Machtkritische Kontrolle etablieren: Wo Macht ausgeübt wird – sei es im Pfarramt, im Kirchenvorstand oder im Dekanat –, muss sie transparent und kontrollierbar sein. Unabhängige Beschwerde- und Mediationsstellen müssen Standard werden, damit dienstrechtliche Mittel wie die „Ungedeihlichkeit“ nicht als Instrumente politischer Zermürbung missbraucht werden können.

  • Das presbyterial-synodale Prinzip ernst nehmen: Wenn Menschen erleben, dass ihr Engagement vor Ort zählt und ihr Kirchenvorstand echte Gestaltungsmacht behält – statt durch Höherverlagerung von Ressourcen und Entscheidungen entmachtet zu werden –, entsteht echte Identifikation.

3. Gewinn an Ausstrahlungskraft und Attraktivität

Ein solcher Wandel ist kein bloßes „Reparaturprogramm“ zur Schadensbegrenzung, sondern die Voraussetzung für zukunftsfähige Kirche. Eine evangelische Kirche, die Macht dynamisch reflektiert, Grenzen schützt, Transparenz lebt und ein ehrlich wertschätzendes Miteinander pflegt, gewinnt ihre Glaubwürdigkeit zurück. Erst wenn die Kirche im Inneren vorlebt, was sie nach außen verkündet – Freiheit, Respekt, Gerechtigkeit und Schutz für die Schwachen –, wird sie auch für (potenzielle) Gemeindeglieder wieder zu einem Ort, an dem man wirklich beheimatet sein möchte.

Doing Professionalität



Freitag, 14. August 2026

Existenzielle Grundfragen des Pfarrberufs

Seit März d.J. taucht im "Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt" immer wieder die Diskussion um die Thesen von Prof. Dr. Werner Thiede zur so genannten "Liberalen Theologie" auf, die man allerdings nicht mit der Bewegung des letzten Jahrhunderts verwechseln darf. Von der Theologie eines Rudolf Bultmanns sind diese Stellungnahmen weit entfernt. 

In der aktuellen Printausgabe des Pfarrerblatts ist ein Kommentar von Pfarrer i.R. Christoph Lehmann zu lesen, der die Thesen von Hartmut Rosa heranzieht (Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums), um die "Liberale Theologie" der Gegenwart zu verteidigen. Dazu nehme ich in einem späteren Beitrag noch Stellung. 

Ich selbst habe mich mehrfach in die Diskussion eingeschaltet. Da die Onlinekommentare des Pfarrerblattes mit der Ausgabe 07/2026 verschwanden, verweise ich auf meine beiden Beiträge hier im Blog: 

Zusätzlich hatte ich im Mai einen weiteren Leserbrief an die Redaktion des Pfarrerblatts geschickt, der allerdings bis heute nicht veröffentlicht wurde. Deshalb gebe ich den Artikel einschließlich der Mail an den Chefredakteur Detlef Dieckmann hier an dieser Stelle wieder. 

---------- Forwarded message ---------
Von: Ralf Krüger
Date: Do., 21. Mai 2026 um 15:17 Uhr
Subject: Replik auf die heftige Auseinandersetzung Bangert/Thiede im aktuelle Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt.
To: Detlef Dieckmann


Lieber Herr Dieckmann,

wie Sie aus meinen bisherigen Beiträgen ersehen konnten, habe ich die aktuelle, inhaltlich tiefgehende Diskussion um den Disput zwischen den Herren Bangert und Thiede mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Vor diesem Hintergrund habe ich den beigefügten Beitrag verfasst. Es ist mein dringliches Anliegen, den gegenwärtigen Diskurs konsequent auf die theologische und kirchenrechtliche Sachebene zurückzuführen.

In meiner Wahrnehmung darf die theologische Auseinandersetzung um den „Katechismus der liberalen Theologie“ nicht isoliert von den aktuellen, administrativen Transformationsdebatten (wie den „Skizzen aus der Zukunft“ von Steffen Bauer) geführt werden. Beide Komplexe greifen untrennbar ineinander: Die theologische Nivellierung des Kerygmas korrespondiert symmetrisch mit den technokratischen Zentralisierungsbestrebungen der Kirchenleitungen. Es sind im Kern die theologisch bekenntnisorientierten und wertkonservativen Pfarrpersonen, die an dieser Schnittstelle sowohl gegen den inhaltlichen Substanzverlust als auch gegen die Aufhebung der parochialen Strukturen begründeten Einspruch einlegen. Diesen inneren Zusammenhang lege ich in meinem Text detailliert offen.

Mir ist bewusst, dass der Text einen beträchtlichen Umfang angenommen hat und über die Länge eines klassischen Leserbriefs hinausgeht. Da sich jedoch auch die Debatte selbst im Heft wie im Online-Forum thematisch und quantitativ massiv ausgeweitet hat, bedarf es einer entsprechend tiefgängigen und systematischen Analyse. Eine bloße Kommentierung von Teilaspekten würde der Tragweite der anstehenden Grundfragen für unseren Berufsstand nicht gerecht werden.

Ich bitte Sie daher darum, diesen Beitrag in seiner Gesamtheit als eigenständigen Diskussionsbeitrag in der nächsten Printausgabe des Deutschen Pfarrerblatts zu veröffentlichen. Nur so bleibt der direkte und dringliche Bezug zur jetzt stattfindenden Diskussion für die Leserschaft transparent und wirksam.

Für Rückfragen stehe ich Ihnen selbstverständlich jederzeit gerne zur Verfügung. Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und auf eine produktive Fortsetzung des Austauschs.

Ich grüße Sie herzlich.
Ralf Krüger, Pastor i.R.


Bekenntnis und Parochie

Warum die theologische Debatte an die strukturelle Substanz geht

Die im Deutschen Pfarrerinnnen- und Pfarrerblatt entbrannte Diskussion um Kurt Bangerts „Katechismus der liberalen Theologie“ und die Replik von Werner Thiede hat die Gemüter tief bewegt. Sie zeigt, dass es um existenzielle Grundfragen unseres Berufsstandes und der Zukunft unserer Kirche geht. Umso dringlicher erscheint es, den Diskurs von wechselseitigen Polemiken zu befreien und auf die theologische sowie kirchenrechtliche Sachebene zurückzuführen.

Wo Werner Thiede im März-Heft pointiert von „theologischen Tricks“ sprach, um die Sollbruchstellen des liberalen Entwurfs aufzuzeigen, greift die Gegenseite in den jüngsten Leserbriefen allzu oft zu einer spiegelbildlichen Polemik: Wer am klassischen Kerygma festhält, wird pauschal als „gestrig“, „orthodox verengt“ oder „unzeitgemäß“ markiert. Beide Vorwürfe verstellen den Blick auf den Kern. Es geht in dieser Debatte nicht um Motive, Befindlichkeiten oder Generationenkonflikte, sondern um eine nüchterne Bestandsaufnahme der theologischen und strukturellen Substanz.

Die entscheidende Schwachstelle der aktuellen liberalen Entwürfe liegt in meinen Augen nicht primär in ihrer historisch-kritischen Exegese, sondern in ihrer soziologischen und existenziellen Ohnmacht in der kirchlichen Praxis. Wenn die leibliche Auferstehung Jesu zur bloßen Chiffre für die Weiterleitung ethischer Ideen dekonstruiert und Gott zu einer immanenten Dimension gelungener Weltbeziehungen nivelliert wird, verliert das Evangelium sein Proprium. Eine Kirche, die sich im Kern auf einen sozialkritischen, empathischen oder gar politisch anschlussfähigen Appell reduziert, macht sich selbst überflüssig. Ethik, Barmherzigkeit und Systemkritik bieten NGOs, Gewerkschaften oder philosophische Strömungen im Zweifel lauter, spezialisierter und wirksamer an. Wer das Kerygma – das Kreuz als Ort der Versöhnung und die Auferstehung als realen Sieg Gottes über die Mächte von Sünde und Tod – räumt, macht die Kirche zu einer bloßen Kopie der Welt. Die Menschen aber, das zeigt leider die politische Erfahrung, bleiben im Zweifelsfall beim Original.

Es ist die Nagelprobe der Kasualpraxis: Was sagt die liberale Theologie am Grab eines Kindes, eines verunglückten jungen Vaters oder einer jungen Mutter den Hinterbliebenen? Ein bloß metaphorischer Trost, der den Tod nicht als real besiegten Feind, sondern als natürlichen Schlusspunkt einer moralischen Existenz deutet, lässt den leidenden Menschen in der existenziellen Katastrophe schlicht verhungern. Wenn Kurt Bangert in seinem Katechismus Gott als ‚Urgrund des Universums‘ beschreibt und die christliche Hoffnung darauf reduziert, das Leben trage sich trotz allem zu einem ‚sinnvollen Ende‘, kehrt sich der Zuspruch des Evangeliums in sein Gegenteil um. Ein Gott, der nur noch als immanente Kraftquelle in uns fungiert, damit wir durch ‚eigene Tatkraft‘ das Gute herbeiführen, ist im Leid kein Tröster. Er ist ein moralischer Gesetzgeber, der die Last der Bewältigung wieder vollends dem traumatisierten Individuum aufbürdet. Wo die klassische Theologie im Angesicht des deus absconditus – des im Leid verborgenen und unbegreiflichen Gottes – die Flucht zum gekreuzigten und auferstandenen Christus anbietet, bleibt bei Bangert nur der Appell zur resilienten Selbsthilfe.

Dieser Befund der Verflachung, aus pastoraler Sicht beschrieben, korrespondiert auf akademischer Ebene präzise mit der scharfen Analyse von Katarína Kristinová, die sie nach der Verkürzung in der Printausgabe DtPfrBl 04/2026 noch einmal online stellte. Sie entlarvt die moderne liberale Reformbewegung und Papiere wie das Göttinger Manifest als theologische „Mogelpackung“, die das geschichtsträchtige, reflexive Erbe der klassischen liberalen Schule (von Schleiermacher bis Bultmann) nicht etwa fortsetzt, sondern konterkariert. Was sich heute progressiv als „liberale Theologie“ präsentiere, so Kristinová, erweise sich bei näherem Hinsehen allzu oft als eine reflexionsfreie Unbedarftheit, die mangelnde dogmatische Tiefe hinter einem unverbindlichen, pluralistisch verbrämten „Wortgeklingel“ verstecke. Die intellektuelle Redlichkeit weiche hier einer Harmoniesucht, die tiefe ideologische Gräben bloß kaschiert.

Handfeste parochiale Erfahrung

Gegen das Pauschalverdikt des „Gestrigen“ spricht im Übrigen die handfeste parochiale Erfahrung: Eine wertkonservative, bekenntnisorientierte Haltung treibt die Menschen eben gerade nicht aus der Kirche. Natürlich verzeichnen auch profiliert-traditionelle Gemeinden Austritte – niemand lebt in einer konfessionellen Käseglocke. Doch der differenzierte Blick über den Tellerrand der eigenen Kirchturmsspitze, auch über Deutschland und Europa hinaus, zeigt ein klares Bild: Wo Kirche mutig und erkennbar theologisch Position bezieht, dort erfährt sie auch verlässlichen Zuspruch. Dabei wird wertkonservativen Pfarrpersonen und Theologen reflexhaft und fälschlicherweise unterstellt, sie klammerten sich unkritisch an überkommene Sprachmuster des Gestern. Das Gegenteil ist der Fall. Es gehört im Kern zur ureigenen Profession des Pfarrberufs – so wie ich ihn verstehe –, die zeitgebundenen systematisch-theologischen Formulierungen des Dogmas immer wieder neu so zu durchdenken und darzulegen, dass sie in der modernen Lebenswelt einen echten, existentiellen Widerhall finden. Eine solche Verkündigung hat nicht den triumphalistischen Anspruch, jeden Menschen sofort zu missionieren oder dogmatisch zu vereinnahmen. Sie will vielmehr intellektuell und geistlich redliche Anstöße geben, die das eigene Denken der Hörer anregen und Räume für eine echte Begegnung mit dem Evangelium eröffnen.

Administrativen Zentralisierungsbestrebungen

Die theologische Nivellierung steht in einem verhängnisvollen, fast symmetrischen Gleichschritt mit den aktuellen administrativen Zentralisierungsbestrebungen, wie sie im DtPfrBl 05/2026 zum wiederholten Mal von Steffen Bauer in seinen „Skizzen aus der Zukunft“ für das Jahr 2040 gezeichnet werden. Gerade diese Kombination aus inhaltlicher und technokratischer Diskussion fordert die theologisch bekenntnisorientierten und wertkonservativen Pfarrpersonen heraus; diese Debatte zwingt uns förmlich dazu, auf dem Hintergrund jahre- und jahrzehntelanger erfolgreicher Arbeit in der Parochie leidenschaftlich Einspruch einzulegen und uns dezidiert einzumischen.

Schaut man allein auf die Publikationen des laufenden Jahres, so wird deutlich, wie konsequent diese Transformations-Linie redaktionell verfolgt wird: Bereits im Januar entwarf Julia Koll die „Transparochiale Kirche“, während Markus Beile als liberaler Theologe den Ursachen für den Kirchenaustritt mit einem Verzicht auf jeden Offenbarungsanspruch der christlichen Religion begegnen will. Gott wird bei ihm zur “Ausdrucksform für das Gefühl einer größeren Wirklichkeit, in der Menschen sich unendlich geborgen und aufgehoben" fühlen. Im DtPfrBl 03/2026 forderte Steffen Bauer, die „Transformation proaktiv zu gestalten“, flankiert von Christiane Quinckes Plädoyer für eine „postparochiale Kirche in Pforzheim“. Nach der April-Diskussion um Werner Thiedes Aufsatz folgten in der aktuellen Ausgabe DtPfrBl 05/2026 schließlich Bauers „Skizzen“ und das Interview mit Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst unter dem bezeichnenden Titel: „Veränderung ist uns als Kirche wesentlich.“

Fortsetzung einer verfehlten Kontinuität

Diese Zusammenschau macht offenkundig: Wir erleben hier die ungebremste Fortsetzung einer verfehlten Kontinuität. Seit dem EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ im Jahr 2006 jagt die administrative Ebene einem hochglanzbroschierten Reformmodell nach dem anderen hinterher – von Erprobungsräumen und Leuchttürmen bis hin zu Eventkirchen und Change-Management. Der Versuch, kirchliche Relevanz durch Top-down-Strukturen und einen immer größeren Einfluss der EKD-Ebene zu erzeugen, ist empirisch krachend gescheitert. Das messbare Ergebnis im Jahr 2026 ist ein historischer Tiefstand an Mitgliedern und gesellschaftlicher Bindungskraft. Wer trotz dieses kontinuierlichen Scheiterns stur auf derselben Zentralisierungsschiene weiterfährt, handelt nicht reformorientiert, sondern doktrinär.

Dabei gilt ein kirchenrechtliches Axiom: Wenn das spezifisch evangelisch-biblische Gemeinde- und Bekenntnisprofil vor Ort verblasst, schwindet auch die Legitimation für den Erhalt der Kirchengemeinde als eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR). Unter dem Banner der „Transformation“ wird derzeit die Auflösung der Ortsgemeinde zugunsten „regio-lokaler Kirchen“ betrieben, die sich nach Vorschlag von Steffen Bauer an den rund 400 kreisfreien Städten und Landkreisen orientieren und circa 25.000 Mitglieder umfassen sollen.

Hier offenbart sich eine eklatante Lebensfremde gegenüber der realen soziologischen Dynamik. Eine solche künstliche Großstruktur verkennt, dass administrative Verwaltungsgrenzen keine geistliche Heimat stiften. In einer Gesamtbevölkerung von rechnerisch 200.000 bis 250.000 Einwohnern eines Landkreises - von den größeren Städten ganz zu schweigen - verlieren sich 25.000 verstreute Kirchenmitglieder schlicht in der Masse. Wo soll hier eine Identifikation, wo Beheimatung im kleineren, verlässlichen Kreis erfolgen? Schon die heutige Erfahrung mit den bestehenden Kirchenkreisen zeigt, dass diese Verwaltungsebene keine identitätsstiftende Kraft besitzt und den parochial-lebensweltlichen Aufgaben kaum gerecht werden kann. Auch die von Bauer beschriebene „Diakonie im Sozialraum“ geht an der sozialen Wirklichkeit vorbei. In der Wahrnehmung der Menschen vor Ort ist die institutionelle Diakonie längst weitgehend von der verfassungsmäßigen Kirche entkoppelt und wird als ein Wohlfahrtsanbieter unter vielen – wie das DRK, der ASB oder die Johanniter – wahrgenommen.

Wenn die Ortsgemeinde jedoch ihre Immobilien, ihre Finanzen, ihre hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre KdöR-Rechte an die angestrebten Großregionen abgeben muss, wird die demokratische Basis entmündigt. Die verfassungsmäßige Leitungskompetenz der Kirchenvorstände schrumpft dann zur Farce – sie dürfen allenfalls noch über das Keks-Sortiment des Seniorennachmittags entscheiden (Reinhard Bingener in der FAZ im Anschluss an ein Positionspapier aus der braunschweigischen Kirche). Mehr noch: Dem reformatorischen Verständnis vom freien, ordinierten Pfarramt – das allein an Schrift, Bekenntnis und Gewissen gebunden ist – wird der Boden entzogen. Pfarrpersonen mutieren in diesem technokratischen Gefüge zu weisungsgebundenen Managern und Befehlsempfängern einer übergeordneten Konzernebene.

„Kultur der Ermöglichung?“

Wenn Bauer und mit ihm die Kritiker von Werner Thiede in diesem Kontext eine „Kultur der Ermöglichung“ anpreisen, wird diese Vokabel vonseiten der Befürworter der Parochie und der traditionellen Theologie zu Recht mit tiefster Skepsis betrachtet. Es steht zu befürchten, dass diese vermeintliche Offenheit als kirchenpolitischer Euphemismus genutzt wird, um die theologische und strukturelle Tiefendimension zu umgehen. Denn die Positionen der Kirchenleitungen folgen mittlerweile fast unhinterfragt den Paradigmen einer strukturfunktionalen, transparochialen Konzeptkirche. Echte Ermöglichung würde das Gegenteil bedeuten: die Ortsgemeinde als KdöR radikal zu stärken, die Kirchensteuermittel konsequent dort einzusetzen, wo Gemeinde real gelebt wird, und Kirchenämter konsequent auf die dienende Begleitung der Parochien auszurichten.

Zwar werden vereinzelte Positionen für die Stärkung der Parochie im Pfarrerblatt durchaus benannt – dass sie jedoch im kirchenpolitischen Mainstream so wenig Widerhall finden, ist zutiefst bezeichnend. Erinnert sei an Andreas Dreyer, der im Dezember betonte, warum der Körperschaftsstatus kein Adiaphoron ist, oder an das Autorenkollektiv um Eberhard Blanke im Februar, das die „Abweichung als Schlüssel zur Relevanz“ beschrieb. Auch Christian Möllers Plädoyer für eine „verlässliche Kirche der kurzen Wege“ (März) und Martin Schucks aktuelle Mahnung im Mai, die Stärkung der Gemeinden wäre ein mutiges Signal zur Transformation, verhallen ungehört im Transformationsrausch der Leitungen.

„Trauer und Ärger?“

Das macht die dringend notwendige Diskussion nicht einfacher. Erschwerend kommt hinzu, dass kritische Positionen in den offiziellen Statements und Editorials reflexhaft als bloßer Ausdruck von „Trauer und Ärger“ über den strukturellen Wandel und den Verlust alter Gewissheiten geframed werden. Das ist eine unzulässige Psychologisierung des theologischen Gegenübers. Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung auf Augenhöhe erfolgt allzu oft eine empathisch verpackte Infantilisierung: Indem die Moderation der Debatte die sachliche Kritik als rein emotionale Bewältigungsprobleme einer vermeintlich abgelösten Generation deutet („Elder-Speak“ / Ageism), entzieht sie sich dem harten Argument.

Dieses Überhören gewichtiger Stimmen führt soziologisch und theologisch zu einem paradoxen Eigentor, das uns direkt zum Ausgangspunkt der inhaltlich-theologischen Debatte zurückbringt: Weil die Volkskirche ihr spezifisch christliches Profil räumt, treibt sie suchende Menschen – und gerade auch Jugendliche, die im Konfirmandenunterricht nach existenzieller Wahrheit statt nach einer weiteren Lektion über allgemeine Werte suchen – direkt in die Arme fundamentalistischer oder evangelikaler Gruppierungen. Die liberale Theologie erzeugt durch die von ihr mitbetriebene religiöse Blutarmut genau das Vakuum, das fundamentalistische Prediger bereitwillig füllen.

Kirche wächst von unten nach oben

Wenn das Netzwerk um das „Göttinger Manifest“ und die Schriftleitung des Pfarrerblattes so großen Wert auf „Pluralität“, „Weite“ und „Diskurs auf Augenhöhe“ legen, dann darf dieser Pluralismus keine Einbahnstraße sein. Ein ehrlicher und zukunftsfähiger Weg wäre ein echter „theologischer Föderalismus“: Gebt den Kirchengemeinden die volle theologische und strukturelle Autonomie zurück, ihr Profil selbst zu bestimmen. Lasst Gemeinden und Pfarrpersonen sich nach diesem Muster frei finden, und behindert wertkonservative, bekenntnisorientierte Gemeinden nicht länger systematisch durch administrative Zwangsstrukturen. Auf einem solchen freien Markt der geistlichen Konzepte würde sich ohne kirchenpolitische Steuerung von oben sehr schnell zeigen, welche Theologie in der Praxis tatsächlich die Kraft hat, Gemeinde zu bauen und Menschen in den Krisen des Lebens echten Halt zu geben.