Ein weiteres Wort zur Lage ...
Es bereitet mir im Ruhestand schon eine gewisse Freude, endlich die Muße zu finden, mich intensiv mit den Entwicklungen in der evangelischen Kirche auseinanderzusetzen. In der aktiven Dienstzeit fehlte dafür leider oft die nötige Zeit. Doch was ich bei dieser Beschäftigung beobachte, stimmt mich besorgt; vieles hat sich verändert – und leider nicht zum Guten.
Strukturkrise
Auf der einen Seite stehen die fatalen kirchenpolitischen Weichenstellungen, die letztlich auf eine Entmachtung der Gemeinden hinauslaufen. Das Ziel scheint zu sein, den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts zugunsten diffuser Groß-Einheiten auf Kirchenkreisebene aufzugeben. Zu dieser strukturellen Fehlentwicklung habe ich bereits in meinem Beitrag „Anker der Freiheit“ ausführlich Stellung bezogen.
Theologische Krise
Doch die Krise sitzt tiefer. Parallel zu diesen strukturellen Veränderungen erleben wir eine inhaltliche Anpassung, mit der die Kirche krampfhaft versucht, den Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu halten. Man plappert nach, was in politischen Parteien, NGOs oder anderen „progressiven“ Kreisen gerade en vogue ist. Dabei wird völlig übersehen, dass sich die Kirche damit selbst überflüssig macht. Frei nach dem Motto: Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.
Eine besonders fatale Rolle spielt hierbei die sogenannte „liberale Theologie“, wie sie beispielsweise Kurt Bangert in seinen „40 Thesen“ (DPfBl 01/2026) und in seinem „Katechismus“ (DPfBl 01/2026) propagiert. Es ist Werner Thiede zu danken, dass er dieser Entwicklung in seinem aktuellen Beitrag "Die theologischen Tricks der liberalen Theologie" im Deutschen Pfarrerblatt (Ausgabe 3/2026) so deutlich und fundiert widerspricht. Er demaskiert darin die rhetorischen Kniffe, mit denen der christliche Glaube schleichend entleert wird.
Im Folgenden möchte ich Thiedes Position kurz darstellen - es lohnt sich aber, den Aufsatz im Original zu lesen - , bevor ich meinen eigenen Kommentar dazu abgebe:
Werner Thiedes Replik auf den „liberalen Katechismus“
In der aktuellen Ausgabe des Deutschen Pfarrerblatts (3/2026) unterzieht der Theologe Werner Thiede das Gedankengut der „Liberalen Theologie“ einer scharfen und notwendigen Analyse. Anlass ist der „Katechismus der liberalen Theologie“ von Kurt Bangert, den Thiede als ein Paradebeispiel für theologische Verschleierungstaktiken entlarvt.
Thiedes Kernvorwurf: Unter dem Deckmantel vertrauter kirchlicher Vokabeln wird der christliche Glaube in seinem Wesen ausgehöhlt und durch ein weltanschauliches Paradigma ersetzt, das außerhalb der kirchlichen Bekenntnisgrundlagen steht.
Thiede identifiziert dabei drei zentrale „Tricks“ der liberalen Strömung:
1. Die Umdefinition Gottes zum „Ganzen der Wirklichkeit“
Anstatt Gott als das gegenüberstehende, handelnde Gegenüber zu bekennen, definiert die liberale Theologie ihn als „unverfügbaren Grund religiöser Erfahrung“ oder gar als das „Ganze der Wirklichkeit“. Thiede kritisiert diesen spirituellen Monismus scharf: Wer Gott mit der Welt identifiziert, integriert zwangsläufig auch das Böse in den Gottesbegriff und verabschiedet sich von der biblischen Selbstoffenbarung. Die Trinität verkommt dabei zu einem inhaltsleeren „Wortgeklingel“, das den lebendigen Gott eher verbirgt als erschließt.
2. Die Aushöhlung der Christologie
Ein weiterer Trick besteht darin, christologische Begriffe beizubehalten, sie aber innerlich zu entleeren. Jesus wird vom Erlöser zum bloßen „Sozialrevolutionär“ oder „Märtyrer“ herabgestuft. Thiede betont dagegen: Wer den Sühnetod am Kreuz und die leibliche Auferstehung Jesu preisgibt, verliert das Fundament der protestantischen Rechtfertigungslehre. Eine Kirche, die Christus nicht mehr als „Herrn und Gott“ anbetet, gleicht einem „Schiff ohne Kompass“.
3. Das Herabdimmen der Hoffnung
Schließlich kritisiert Thiede die „Entmythologisierung“ der Eschatologie. Wenn die christliche Hoffnung auf ein vages „religiöses Hoffen“ oder einen „Wechsel der Sinnfelder“ reduziert wird, beraubt man den Glauben seiner Kraft im Angesicht des Todes. Thiede fordert stattdessen, die biblische Apokalyptik und die Hoffnung auf eine reale Vollendung der Schöpfung wieder ernst zu nehmen.
Fazit: Ein Ruf zur Klarheit
Thiedes Fazit ist unmissverständlich: Die liberale Theologie betreibt keine Reform, sondern eine Transformation des Glaubens in ein kirchenfernes Religionsinstitut. Er ruft Pfarrerinnen und Pfarrer dazu auf, sich wieder an ihre Ordinationsversprechen und die Grundbekenntnisse der Kirche zu erinnern. Wer den „orthodoxen“ Kern des Christentums – von der Trinität bis zur Auferstehung – aufgibt, steht am Ende vor einer „falschen Kirche“, die ihrem eigentlichen Auftrag nicht mehr gerecht wird.
Quelle: Thiede, Werner: Die theologischen Tricks der liberalen Theologie. Antwort auf Kurt Bangert, in: Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe 3/2026.
Mein Kommentar: Reformation oder Liquidation?
online als Beitrag im Pfarrerblatt zu lesen, dort ohne Überschriften und Querverweis
Werner Thiede ist für seine klare Analyse der „theologischen Tricks“ der liberalen Theologie zu danken. Angeregt durch seine Replik habe ich mich mit Kurt Bangerts „40 Thesen“ (DPfB 6/2025) und seinem „Katechismus“ (DPfB 1/2026) befasst.
55 Thesen zu wenig – und keine Theologie
Bangert bemüht explizit das Erbe der Reformation des 16. Jahrhunderts, um seinem Vorstoß historische Relevanz zu verleihen. Doch der Vergleich mit Martin Luther offenbart vor allem eines: Es fehlen nicht nur 55 Thesen zum großen Vorbild, es fehlt vor allem die Theologie. Während die Reformation eine Wiederentdeckung der Souveränität Gottes war, wirkt Bangerts Entwurf wie eine feindliche Übernahme des Christentums durch einen flachen Rationalismus. Thiede entlarvt zu Recht die Tricks, mit denen zentrale Begriffe wie Auferstehung oder Reich Gottes zu bloßen Metaphern umgedeutet werden.
Bultmann ohne Vertikale: Die Methode ohne das Kerygma
Bangert beruft sich massiv auf die historisch-kritische Methode, bleibt dabei aber weit hinter dem methodischen Vorbild Rudolf Bultmann zurück. Bultmanns Anliegen der „Entmythologisierung“ war es nie, den Glauben abzuschaffen, sondern ihn für den modernen Menschen existentiell verstehbar zu machen. Bei Bultmann bricht Gott von außen (vertikal) in das Leben des Menschen ein und fordert ihn zur Umkehr heraus. Bangert hingegen kappt diese vertikale Ebene vollständig. Er nutzt zwar Bultmanns historisch-kritisches Besteck, lässt aber das eigentliche Kerygma – den lebendigen Anspruch Gottes an das Ich – links liegen. Wo Bultmann die existentielle Erschütterung des Sünders vor Gott sucht, bietet Bangert lediglich ein humanistisches Wohlfühl- und Bildungsprogramm. Er reicht an die theologische Tiefe Bultmanns in keiner Weise heran.
Im Theologiestudium nicht aufgepasst
Besonders entlarvend ist im “Katechismus” Bangerts Bemühen der Astronomie, um die biblische Sprache vom „Himmel“ zu entmythologisieren. Sein “Argument”, es gäbe kein physikalisches „Oben“, in das man auffahren könne, ist theologisch schlicht naiv. Das erinnert an die sowjetische Propaganda, die Juri Gagarin den Satz in den Mund legte, er habe im Weltall Gott nicht gesehen. Logisch! Ein anderer Satz, der Gagarin auch zugeschrieben wird, trifft es weit besser: Wer als Kosmonaut ins All fliegt, kann nicht anders, als Gott im Herzen und im Kopf zu haben. Der „Himmel“ ist kein astronomischer Ort, sondern eine Wirklichkeit Gottes, die unsere Sinne übersteigt. Wer dies mit Hinweis auf die Astronomie wegwischt, hat im Theologiestudium schlicht nicht aufgepasst.
Die Hybris des Szientismus
Wenn Bangert dann in seinen Thesen “argumentiert”, Naturgesetze könnten nicht durchbrochen werden, weshalb theologische Dogmen fallen müssten, dann setzt er die methodischen Grenzen der Naturwissenschaft unzulässig mit der Gesamtwirklichkeit gleich. Moderne Naturwissenschaftler wissen sehr wohl, dass ihre Experimente nicht die gesamte Wirklichkeit abbilden, sondern nur das Messbare. Die Abwesenheit eines naturwissenschaftlichen Beweises für das Wirken Gottes ist kein Beweis gegen Gott. Genau deshalb heißt es „Ich glaube“ und nicht „Ich weiß“. Bangert betreibt hier einen naiven Szientismus.
Das Kreuz als Treue Gottes und der Ruf zur Versöhnung
Ein besonderes Defizit zeigt sich in Bangerts Umgang mit dem Kreuz, das er in den “40 Thesen” einseitig als archaisches Strafgericht eines zornigen Gottes missversteht. Doch eine biblisch fundierte Theologie liest das Kreuz genau entgegengesetzt: als den Ort, an dem Gott dem Menschen unter extremsten Bedingungen die Treue hält. Nicht Gott fordert ein Opfer, um seinen Zorn zu stillen – Gott selbst wird in Christus zum Opfer der menschlichen Hybris. Er erträgt die militärische Gewalt Roms und die religiöse Selbstgerechtigkeit des Hohenrates, ohne die Gemeinschaft mit uns aufzukündigen. Damit wird deutlich: Nicht Gott muss versöhnt werden, sondern der Mensch! Paulus bringt dies in 2. Korinther 5,20 auf den Punkt: „So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Nicht Gott hat ein Problem mit uns Menschen, wir Menschen haben ein Problem mit Gott, indem wir uns in unserer Autonomie (Gen 3) von ihm abkehren.
Hier schließt sich der Kreis zu Bultmanns Kerygma: Das Wort vom Kreuz ist kein dogmatisches Lehrstück über ein göttliches Rechtsgeschäft, sondern ein Ruf, der den Menschen „vertikal“ in seiner Existenz trifft. Es ist das Angebot eines „neuen Seins“, das dort beginnt, wo der Mensch seine Feindschaft gegen Gott aufgibt und sich beschenken lässt. Bei Bangert hingegen verkommt das Kreuz zu einem missglückten historischen Ereignis, dem er jede existentielle Sprengkraft nimmt.
Das Fundament der Auferstehung
Eng damit verknüpft ist die Frage der Auferstehung. Bangert deutet sie als bloßes Symbol für die Fortdauer einer Botschaft um. Doch ohne die Auferstehung – wie auch immer sie für die Jünger in dieser Welt konkret erfahrbar wurde – ist der christliche Glaube umsonst und leer. Hier geht der Glaube substanziell über das hinaus, was innerweltlich experimentell nachweisbar ist. Er gründet auf einem Handeln Gottes, das die Grenzen unserer Naturgesetze nicht ignoriert, aber transzendiert.
Die Unsichtbarkeit der Kirche
Am Ende beschreibt Bangert ein Christentum, das restlos in der Welt aufgeht. Damit macht er die Kirche unsichtbar. Sie unterscheidet sich in nichts mehr von säkularen NGOs oder humanistischen Organisationen. Hier droht genau jene „Selbstsäkularisierung“, vor der auch Ralf Frisch warnt: Eine Kirche, die Gott „kaputt-therapiert“ und ihn zu einer Chiffre für zwischenmenschliche Liebe degradiert, macht sich selbst überflüssig. Wenn das Evangelium nur noch das sagt, was ohnehin im Ethikunterricht konsensfähig ist, verliert es sein „Salz“. Ohne die reale Begegnung mit dem Auferstandenen, ohne die Hoffnung auf eine Wirklichkeit jenseits unserer empirischen Welt, gibt es keinen christlichen Glauben.
Fazit
Von einer „neuen Reformation“ kann bei Bangert nicht im Entferntesten die Rede sein. Was er betreibt, ist die lautlose Abwicklung des christlichen Glaubens. Einen ethischen Humanismus findet man auch bei weltanschaulichen Organisationen – dafür braucht es keinen Heiland, kein Kreuz und keine Kirche. Dieser „Etikettenschwindel“ mag den Zeitgeist bedienen, er bietet den Menschen aber keinen Halt im Angesicht von Schuld und Tod.
Werner Thiedes Aufsatz ist die notwendige theologische Notbremse. Es ist Zeit, dass wir uns wieder auf das Ordinationsversprechen und den realen Gott besinnen, statt uns im Rauch metaphorischer Nebelkerzen zu verirren.
Friedrich Gehrings „Jesus-Zentrismus“
In der Debatte um Kurt Bangerts liberale Theologie meldete sich auch Friedrich Gehring zu Wort. Er plädiert für eine „Rückbesinnung auf Jesus“, die jedoch faktisch eine radikale Reduktion auf sozialethische Fragen darstellt.
Meine Antwort an ihn verdeutlicht, warum ein Christentum ohne die reale Dimension von Kreuz und Auferstehung seine Existenzberechtigung verliert. Im Anschluss daran stelle ich noch einmal kurz Friedrich Gehrings Position dar, die im Original im Pfarrerblatt nachgelesen werden kann.
Meine Antwort an Friedrich Gehring: Original oder Kopie?
wurde bisher (11.04.26) noch nicht als Kommentar im Pfarrerblatt angenommen
Lieber Herr Gehring,
als konservativer Pfarrer (Anm: dieser Gruppe hatte Friedrich Gehring in seinem Kommentar einen "Ratschlag" zum Konfirmandenunterricht gegeben) kann man übrigens auch die Jugendlichen im Konfirmandenunterricht mit Themen, die sich an Bibel und Bekenntnis orientieren, sehr gut ansprechen. „Endlich lerne ich mal etwas über meinen eigenen Glauben“, das war ein Statement eines Jugendlichen, der keinesfalls angepasst war und auch nicht aus einem christlich geprägten Elternhaus kam. „In der Schule geht es ja immer nur um andere Religionen oder um Werte und Normen“, fügte er hinzu. Das aber nur nebenbei; es zeigt mir jedoch, dass junge Menschen eine Sehnsucht nach dem spezifisch Christlichen haben, das über allgemeine Ethik hinausgeht.
Eigentlich will ich auf die Punkte eingehen, die Sie in Ihrem Kommentar hervorhoben. Sie zeichnen das Bild eines Jesus, der als radikaler Kritiker von Macht, Mammon und Ausbeutung auftritt. Vieles von dem, was Sie zur sozialen Gerechtigkeit, zur Kritik am Neoliberalismus oder zur Solidarität am Arbeitsmarkt schreiben, ist bedenkenswert und führt zweifellos in wichtige politische Debatten.
Doch hier drängt sich mir eine entscheidende Frage auf: Wenn wir Jesus – wie Sie es vorschlagen – primär als den „hochmodernen“ Sozialreformer und Systemkritiker verstehen, was unterscheidet ihn dann noch von den großen moralischen Instanzen der Geschichte? Ihr Jesus rückt in eine Reihe mit Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela. Das sind ohne Frage beeindruckende Vorbilder, die teilweise sogar – wie Gandhi – aus der Bergpredigt schöpften. Aber sie alle bleiben letztlich menschliche Größen der Vergangenheit.
Indem Sie die Auferstehung als reales Handeln Gottes an uns Menschen relativieren oder für Ihr eigenes Ende sogar ausschließen, berauben Sie Christus seiner einzigartigen Stellung als Erlöser. Ein Jesus, der nur noch in der „Viertagewoche bei VW“ oder in „heilsamen Berührungen“ gegenwärtig ist, bleibt ein innerweltliches Phänomen. Er bietet zwar ein ethisches Vorbild, aber er ist nicht mehr der „Auferstandene Herr“, der die Macht des Todes und der Sünde – jene menschliche Hybris aus Genesis 3 – tatsächlich gebrochen hat.
Was Sie als Rückbesinnung auf Jesus beschreiben, wirkt auf mich wie die Preisgabe des Kerygmas, von dem Bultmann sprach. Ohne die „vertikale“ Dimension, ohne das Eingreifen Gottes, das über das hinausgeht, was innerweltlich nachweisbar ist, bleibt nur ein religiös verbrämter Humanismus übrig.
Ein solcher Ansatz läuft für mich am Ende auf eine „unsichtbare Kirche“ hinaus. Wir sehen dieses Phänomen ja auch in der Politik: Wenn Parteien versuchen, die Inhalte anderer Parteien zu kopieren, um deren Wähler abzujagen, lassen sich die Bürger nicht beeindrucken. Sie bleiben beim „Original“ und laufen nicht zur „Kopie“ über. Warum sollte ein moderner Mensch zur Kirche kommen, wenn er dort nur das hört, was er bei NGOs wie Attac, bei Gewerkschaften oder in humanistischen Vereinen fundierter und politisch wirksamer findet?
Wenn die Kirche ihre Bekenntnisgrundlage – das Kreuz als Ort der Versöhnung und die Auferstehung als Sieg über den Tod – räumt, macht sie sich selbst überflüssig. Sie wird zu einer Kopie der Welt, die das Original des Evangeliums verloren hat.
Mit freundlichen Grüßen, Ralf Krüger
Zusammenfassung der Position von Friedrich Gehring: „Jesus-Zentrismus“
Friedrich Gehring plädiert für eine radikale Rückbesinnung auf den historischen Jesus und dessen ursprüngliche Botschaft vom Reich Gottes, die er konsequent gegen spätere kirchliche Dogmatisierungen ausspielt.
Kernpunkte seiner Argumentation:
- Sozialkritik als Kern der Botschaft: Für Gehring ist das Christentum primär eine ethisch-politische Bewegung. Er liest die Evangelien als hochaktuelle Kritik an modernen Phänomenen: Der „Mammon“ wird mit dem Neoliberalismus gleichgesetzt, die Tempelreinigung mit Konzernkritik und die Gleichnisse mit modernen Arbeitsmarktmodellen (z. B. Kurzarbeit).
- Ablehnung der Sühneopfertheologie: Er lehnt die Vorstellung ab, dass Jesu Tod ein Sühneopfer für Sünden sei. Dies sei eine „archaische Verschüttung“, die im Widerspruch zum Bild eines barmherzigen Gottes stehe. Schuldbewältigung solle durch Umkehr und Vergebung statt durch Opferrituale geschehen.
- Kritik an Paulus und der Trinitätslehre: Gehring geht hinter die Reformation, die konstantinische Wende und sogar hinter Paulus zurück. Er wirft Paulus vor, das Christentum durch die „Verjenseitigung“ der Auferstehung an das römische Machtgefüge angepasst und damit Jesu weltveränderndes Potenzial neutralisiert zu haben.
- Metaphorische Auferstehung: Ähnlich wie Bangert sieht Gehring in Jesus den „gegenwärtigen Herrn“, lehnt aber eine reale Auferstehung von den Toten am Jüngsten Tag für sich ab.
- Praxisorientierung: Kirche gewinnt für ihn Relevanz durch Nähe, Heilung („Healing Touch“) und die Bearbeitung konkreter Lebensprobleme (z. B. Krieg und Tod im Unterricht), statt durch das Festhalten an „nachjesuanischen Bekenntnisinhalten“.
Fazit: Gehrings Position ist ein ethisch motivierter Reduktionismus. Er reduziert das Christentum auf die (sozial-)ethischen Impulse Jesu und entsorgt das dogmatische Gerüst der Kirche (Trinität, Sühnetod, reale Auferstehung) als geschichtlich bedingte Fehlentwicklungen.