Sonntag, 1. März 2026

Zwischen Anerkennung und Überforderung

Warum wir das Geschöpf-Sein neu lernen müssen

Muss ich mich ständig selbst optimieren, um wertvoll zu sein? Gottfried Adam schlägt im aktuellen Pfarrerblatt eine Brücke von Luthers Rechtfertigungslehre zur modernen Anerkennungsphilosophie. Doch reicht das aus? Ein Kommentar über die Last, ‚sein zu wollen wie Gott‘, und die befreiende Grenze unseres Geschöpf-Seins.

Kurz zusammengefasst: 

Gottfried Adam, „Rechtfertigung – Leben aus der Gabe der Anerkennung“

In seinem Aufsatz im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 02/2026 stellt der Religionspädagoge Gottfried Adam die Frage, wie die reformatorische Rechtfertigungslehre heute noch verstanden werden kann. Sein Befund: Zentrale Begriffe wie „Gerechtigkeit Gottes“ sind heute oft missverständlich besetzt – wir assoziieren damit meist Selbstrechtfertigung oder moralische Leistung.

Adam schlägt daher eine „Übersetzung“ in die Sprache der Anerkennung vor. Die wesentlichen Schritte seines Arguments sind:

  • Vom Kampf zur Gabe: Während die Sozialphilosophie (z. B. Axel Honneth) Anerkennung oft als einen mühsamen sozialen „Kampf“ beschreibt, führt Adam mit Paul Ricœur die Logik der Gabe ein.

  • Christus als Gabe: Er knüpft an Martin Luther an, für den Christus zuerst „Gabe und Geschenk“ (donum) ist, bevor er zum Vorbild (exemplum) wird. Rechtfertigung bedeutet: Ich empfange meine Identität als Geschenk, noch bevor ich etwas geleistet habe.

  • Die Antwort der Dankbarkeit: Wer sich bedingungslos anerkannt weiß, muss nicht mehr um seinen Wert kämpfen. Die Antwort darauf ist keine „Gegenleistung“, sondern freie Dankbarkeit, die sich dem Nächsten zuwendet.

Adams Fazit: Die Rechtfertigung ist das „letztgültige Anerkanntsein durch Gott“. Sie befreit den Menschen vom Zwang zur Selbstdarstellung und Leistungsoptimierung.

Mein Kommentar

Gottfried Adam gelingt in seinem Beitrag eine beeindruckende „Übersetzungsleistung“. Indem er die reformatorische Rechtfertigungsbotschaft mit den modernen Diskursen über Anerkennung (Honneth) und die Logik der Gabe (Ricœur) verknüpft, macht er das Sola Fide in einer Welt verstehbar, die unter dem Diktat der Selbstrechtfertigung und permanenten Selbstoptimierung zu ersticken droht. Besonders die Profilierung des „Empfangens“ als Akt der Freiheit ist ein starker homiletischer Impuls. 

Doch scheint mir ein entscheidender Punkt für die theologische Tragfähigkeit dieses Ansatzes noch eine stärkere Akzentuierung zu benötigen: Die Radikalität der menschlichen Konstitution als Simul iustus et peccator

Adams Rückgriff auf die „vorgreifende Anerkennung“ bleibt dort ein rein psychologisches oder sozialphilosophisches Phänomen, wo wir die Tiefe unserer „Gefangenschaft“ (Luther) unterschätzen. Adam erwähnt zwar den biblischen Sündenfall, die Trennung des Menschen von Gott, geht aber auf diesen aus meiner Sicht entscheidenden Punkt nicht weiter ein. Der Kern des Sündenfalls liegt nicht in der Übertretung eines moralischen Einzelgebots („Esst nicht davon!“). Die eigentliche Katastrophe ist die Verlockung der Schlange: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ 

Heute erleben wir massiv die „Spätfolgen“ dieser Verheißung. Gott ist in weiten Teilen unserer Gesellschaft in die absolute Vergessenheit geraten. Das Fatale daran: Wenn Gott als Bezugspunkt verschwindet, nimmt der Mensch selbst Gottes Stelle ein, wie es die Schlange ihm eingeflüstert hat. Der Mensch ist nun gezwungen, sein eigener Schöpfer, Richter und Erlöser zu sein. 

Der allgegenwärtige Optimierungs- und Leistungsdruck ist die logische Konsequenz dieser Selbst-Vergottung: Wer „wie Gott“ sein will, muss auch perfekt sein. Und genau da scheitert die Menschheit im Augenblick - und auch in der Vergangenheit - auf allen Ebenen. 

Der populärwissenschaftliche Autor Hoimar von Ditfurth, die Älteren werden sich vielleicht an ihn erinnern, sieht in der „Erbsünde jene unserer kardinalen Schwächen, auf die auch die evolutionäre Betrachtung des heutigen Menschen uns hat stoßen lassen: unsere prinzipielle, aus unserer ‚Natur‘ entspringende Unfähigkeit, das, was wir als richtig erkannt haben, auch zu tun“. Nichts anderes schreibt Paulus im Brief an die Römer: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19) 

Damit ist der Sündenfall kein moralisches Versagen, sondern die tragische Trennung von Gott, in der der Mensch versucht, wie Gott zu sein. Meines Erachtens wird Adams Gedankengang erst dann vollends fruchtbar, wenn wir diese Trennung ernst nehmen. Wir brauchen Gott nicht als ergänzendes „Extra“, sondern als die einzige Instanz, die außerhalb unseres geschlossenen Systems von Leistung und Gegenleistung steht. 

Erst wenn der Mensch seine prinzipielle Unfähigkeit zur Selbsterlösung erkennt, wird die „Gabe der Anerkennung“ als befreiende Rechtfertigung erfahrbar. Rechtfertigung bedeutet dann, dass Gott uns wieder in das rechte Verhältnis zu sich setzt – nicht als kleine Götter, sondern als geliebte Geschöpfe. Der Mensch darf wieder Mensch sein. Er muss nicht mehr perfekt sein, weil er definitiv von Gott „anerkannt“ ist. 

Erst diese radikale Entlastung vom Zwang zur „Gottgleichheit“ macht den Weg frei für das, was Gottfried Adam als „Leben aus der Gabe“ beschreibt.

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