Ist Christus nicht auferstanden, ist unser Glaube umsonst ...
Gaza, Ukraine, das Schweigen Gottes: Kann man heute noch guten Gewissens vom 'allmächtigen Vater' sprechen? In meinem neuen Blogbeitrag setze ich mich mit Werner H. Ritters radikalem Vorstoß auseinander. Warum die Auferweckung Jesu die Grenze jeder Dekonstruktion ist und warum wir die Allmacht gerade im Angesicht des Todes brauchen, lesen Sie hier.
Kurz zusammengefasst: In seinem Aufsatz im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 02/2026 setzt sich der Theologe Werner H. Ritter kritisch mit einem zentralen christlichen Gottesattribut auseinander. Angesichts der gegenwärtigen Weltlage (Ukraine, Gaza) und historischer Katastrophen stellt Ritter die Frage, ob die Rede von einem „allmächtigen Gott“ heute noch theologisch redlich verantwortet werden kann. Die Kernthesen des Aufsatzes:
Ritters Fazit lautet: Die ungebrochene Rede von Gottes Allmacht ist ein untauglicher Beschwichtigungsversuch. Ob ein Gläubiger den Begriff im Gebet noch verwendet, müsse letztlich jeder im Rahmen seines eigenen „Frömmigkeitsskripts“ selbst entscheiden. |
Mein Kommentar
Werner H. Ritter unternimmt in seinem Aufsatz zur “Allmacht Gottes” den Versuch einer radikalen Flurbereinigung. Sein Ruf nach „theologischer Ehrlichkeit“ und „verbalem Abrüsten“ angesichts der Katastrophen von Gaza bis in die Ukraine ist ein Impuls, der zunächst sinnvoll erscheint. Wer hat nicht schon am Grab gestanden und mit der „Allmacht Gottes“ gerungen? Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich Ritters Dekonstruktion als eine Verzeichnung, die das Herzstück des christlichen Bekenntnisses zugunsten einer subjektiven Welterfahrung preisgibt.
1. Das Missverständnis der Allmacht als „Kausal-Maschine“
Ritter unterstellt der traditionellen Dogmatik ein mechanistisches Verständnis von Allmacht - Gott als die Super-Ursache, die per Knopfdruck Weltgeschichte steuert. Doch die kirchliche Tradition war nie so naiv. Allmacht bedeutet im biblischen Sinne nicht Determinismus, sondern Möglichkeit. Wenn wir im Apostolikum den „allmächtigen Vater“ bekennen, dann tun wir das im Bewusstsein der Schöpfung und der Auferweckung Jesu. Ritters Vorwurf, dieses Reden sei „kontrafaktisch“, verkennt den Charakter des Glaubens: Glaube orientiert sich nicht an der Empirie der Weltläufe, sondern am Handeln Gottes, das die Weltläufe transzendiert.
2. Getsemani: Allmacht ohne Automatismus
Die biblischen Zeugen - von den Propheten bis zu den Evangelisten - kannten das Leid und die Ohnmachtsbildnisse ihrer Zeit nur zu gut. Dennoch hielten sie an der Allmacht fest. Warum? Weil Allmacht die Voraussetzung für das Gebet ist. Jesu Ringen in Getsemani („Alles ist dir möglich“, Mk 14,36) zeigt: Das Bekenntnis zur Macht Gottes ist die Basis, um sich seinem Willen überhaupt anheimgeben zu können.
Entscheidend ist dabei: Gottes Allmacht zeigt sich nicht darin, dass er Jesus - und damit letztlich sich selbst - den Kreuzestod erspart. Sie erweist sich vielmehr im schöpferischen Akt der Auferweckung Jesu von den Toten. Hier liegt das eigentliche Fundament des christlichen Glaubens. Wer einen Toten zum ewigen Leben erweckt, der hat wahrlich „alle Macht im Himmel und auf Erden“. Dies ist kein theoretisches Konstrukt, das ist vielmehr die reale, erzählbare Erfahrung der Osterzeugen. Ohne diese Tat Gottes wäre unser Glaube, wie Paulus in 1. Kor 15 pointiert, schlicht „umsonst“. Ohne Allmacht wird Gott zum bloßen Mit-Leidenden, zu einem tragischen Helden der Ohnmacht, der uns zwar versteht, aber nicht retten kann.
3. Das Zeugnis der Märtyrer: Schauen statt Rechnen
Von dieser österlichen Macht her gewinnt auch das Zeugnis der Märtyrer seine eigentliche Tiefe. Ritter macht die eigene Welterfahrung zum Richter über das Gottesprädikat und konstatiert fast buchhalterisch, dass der Ruf nach dem Allmächtigen geschichtlich keine Rettung „geleistet“ habe. Doch wer so argumentiert, verkennt die Perspektive derer, die „in extremis“ standen und beteten.
Das Zeugnis eines Stephanus (Apg 7) macht deutlich: Die Macht Gottes erweist sich nicht im Ausbleiben der Steine, sondern in der Eröffnung des Himmels angesichts der Hinrichtung. Die Märtyrer haben nicht auf einen „Rettungsautomatismus“ für ihr biologisches Leben gesetzt, sondern sie haben im Vertrauen auf den Auferwecker ihr Leben in Gottes Hand gelegt. Sie haben nicht „Hoffnung gespielt“, sondern die Herrlichkeit Gottes bereits geschaut. Ritter missachtet diese existentielle Dimension, wenn er das Schweigen Gottes am Schafott als Beweis für die Hinfälligkeit des Allmachtsbegriffs wertet.
Fazit: Die Auferstehung als Grenze der Dekonstruktion
Ritters Forderung, die Allmacht als „kausale Übermacht“ zu verabschieden, erscheint auf den ersten Blick und angesichts der gegenwärtigen Erfahrungen mit dem Leid logisch und angemessen, aber sie führt in eine theologische Sackgasse. Wenn wir die Rede von der Allmacht in den Bereich der bloßen „Imagination“ oder „Option“ verschieben, verlieren wir den Boden der christlichen Hoffnung. Wir müssen das Schweigen Gottes aushalten, ohne ihm die Fähigkeit zum Handeln abzusprechen. Anstatt „verbal abzurüsten“, sollten wir lieber „theologisch aufrüsten“: Nicht im Sinne von Vollmundigkeit, sondern im Sinne einer tiefen Verankerung in der Theologia Crucis. Ritters „postheroische“ Theologie mag zwar intellektuell weniger Anstoß erregen, aber sie droht, den Menschen in der Not genau das zu nehmen, was sie trägt: Den Gott, dem kein Ding unmöglich ist.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen