Sonntag, 1. März 2026

Anpassungsfalle - Relevanz - Wirkung

Vom nachplappernden Papagei zum prophetischen Pirol: Warum die Kirche den Mut zur Abweichung braucht 

Die aktuelle Debatte im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt (02/2026) wirft eine radikale Frage auf: Verliert die Kirche ihre Relevanz nicht durch zu wenig, sondern durch zu viel Anpassung? Während kirchliche Thinktanks versuchen, die „DNA der Kirche“ durch die Übernahme ökonomischer Management-Strukturen zu retten, plädiert ein Autorenteam um Eberhard Blanke für eine Rückbesinnung auf die religiöse Autonomie. 

In diesem Beitrag analysiere ich diese „Anpassungsfalle“ – von politischen Predigten bis hin zu transparochialen Strukturreformen – und erkläre, warum echte Wirkung nur durch eine konsequente „nüchterne Äquidistanz“ und die Vernetzung derer entstehen kann, die sich dem Mainstream widersetzen.

Kurz zusammengefasst: 

Eberhard Blanke, Stephan Feldmann, Fabian Gartmann, Gundolf Holfert, Georg Raatz, Frank Uhlhorn, Wie die Kirchen Gehör finden könnten - Abweichung als Schlüssel zur Relevanz 

In ihrem Artikel analysieren die Autoren die schwindende Relevanz der Kirche. Ihre zentrale These: Die Kirche verliert ihre gesellschaftliche Stimme nicht durch mangelnde Anpassung, sondern durch eine „doppelte Säkularisierung“, bei der sie sowohl ihre Umwelt als auch ihre eigene Kommunikation zunehmend weltlich gestaltet.

Die Hauptargumente des Aufsatzes sind:

  • Die Anpassungsfalle: Wenn kirchliche Vertreter sich in öffentlichen Diskursen nur noch an gängige politische oder wirtschaftliche Jargons angleichen, verlieren sie ihre genuin religiöse Position und werden zum „nachplappernden Papagei“.

  • Abweichung als Schlüssel: Relevanz entsteht laut den Autoren nicht durch Angleichung, sondern durch den Mut zur Abweichung. Die Kirche müsse sich wieder auf ihren spezifischen „Code“ von Immanenz und Transzendenz besinnen.

  • Beobachtung zweiter Ordnung: Statt in politische Kämpfe einzusteigen, sollte die Religion eine Position der „nüchternen Äquidistanz“ einnehmen. Von dort aus kann sie gesellschaftliche Bereiche (wie die Politik) beobachten und deren Relativität und Grenzen aufzeigen.

    • Am Beispiel einer "politischen" Predigt über das Verhalten der beiden Schwestern Marta und Maria machen die Autoren deutlich, wie der Prediger den Raum der Theologie mit dem Raum der Politik vertauscht, dabei Gottesdienstteilnehmer, die eine andere Meinung vertreten, vor den Kopf stößt und für die anderen keine Denkanstöße bereithält. 

  • Strukturelle Kopplung statt Kausalität: Die Autoren verwerfen die Idee, dass die Kirche die Gesellschaft direkt steuern kann. Wirkung entfaltet religiöse Rede nur dann, wenn sie als „Irritation“ in anderen Systemen (Politik, Recht, Wirtschaft) fungiert und dort aufgrund ihrer Eigenständigkeit Resonanz auslöst.

Das Ziel der Autoren ist die Transformation der Kirche von einem imitierenden „Papagei“ hin zu einem „prophetischen Pirol“, der mit seiner eigenen religiösen Melodie überrascht und zum Nachdenken anregt.

Mein Kommentar

Dieser Artikel legt den Finger punktgenau in die Wunde einer „resonanzverliebten“ Kirche, die Gefahr läuft, im gesellschaftlichen Vielerlei als bloßer „nachplappernder Papagei“ unterzugehen. Die Analyse der Autoren, dass Relevanz nicht durch Angleichung an weltliche Diskurse, sondern durch die konsequente Kultivierung der eigenen religiösen Melodie entsteht, ist eine notwendige Befreiung aus der „Anpassungsfalle“, in die die evangelische Kirche offensichtlich getappt ist. 

Zwei Aspekte des Aufsatzes haben mich angesprochen. 

Wenn die Autoren auf das Konzept der “strukturellen Kopplung” verweisen, dann machen sie deutlich, dass nicht der Absender einer Botschaft die Wirkung kontrolliert, sondern das Empfängersystem reguliert, welchen Sinn es in welcher Weise verarbeitet. Dieser Ansatz geht davon aus, dass jedes System (z. B. Wirtschaft, Recht oder Religion) operativ geschlossen ist. Systeme können sich nicht gegenseitig „instruieren“ oder direkt steuern, sie können sich aber durch “wechselseitige Irritation” anregen. 

Um das Beispiel der “politischen Predigt” über Marta und Maria aufzunehmen: Je mehr der Prediger versucht hätte, im biblischen Kontext deutlich zu machen, was Marias “Hören” auf Gottes Wort bedeutet, desto eher wäre die Predigt als theologische Aussage wahrgenommen worden, die bei den Zuhörern eine Nachdenken hätte auslösen können, ohne die Moral zu bemühen - dies und das ist politisch korrekt. Eine theologische Kommunikation findet also nur dann als Irritation Anschluss, wenn sie vom Empfänger überhaupt als spezifisch religiös identifiziert werden kann. 

Der zweite wichtige Aspekt des Textes ist in meinen Augen die Forderung nach einer nüchternen Äquidistanz. In der gesellschaftlichen und politischen Diskussion beschreibt dieser Begriff das Prinzip, zu verschiedenen Positionen, Parteien oder Akteuren (den gleichen) Abstand zu wahren. Es handelt sich um ein Konzept der Unparteilichkeit, das aber nicht mit “Neutralität” gleichzusetzen ist. Es geht sozusagen um eine religiöse Fremdbeobachtung der anderen Systeme. Wenn die Kirche beispielsweise im Blick auf Politik aufhört, in politischer Münze zu zahlen, und stattdessen die Bedingtheit gesellschaftlicher Verhältnisse im Lichte der Transzendenz markiert, bietet sie einen Mehrwert, den nur sie leisten kann. 

Die fatale Tendenz zur Angleichung zeigt sich jedoch nicht nur in der Sprache, sondern massiv auch in der aktuellen Diskussion um die Strukturreformen. Wenn Akteure wie Julia Koll (Stichwort “transparochiale Kirche”) oder Steffen Bauer (“Die DNA der Kirche wird gerade auf den Kopf gestellt”) das Ende der klassischen Parochie proklamieren und stattdessen trans- oder auch postparochiale Großraumstrukturen mit gabenorientierter Arbeitsteilung fordern, versuchen kirchliche Thinktanks im Grunde nur, Management-Modelle aus der Wirtschaft zu übernehmen. Auch hier wäre eine nüchterne Äquidistanz angebracht. Wenn die Kirchenleitung sich in diesen Sphären bewegt, begeht sie auf organisatorischer Ebene denselben „Kategorienfehler“, den die Autoren für die Predigt beschreiben. Sie “dilettiert” dann in fremden Funktionssystemen (hier: der Wirtschaft), anstatt eine eigene, religiös begründete Organisationsform zu bewahren und zu entwickeln. 

Den starken systemtheoretischen Ansatz des Aufsatzes verknüpfe ich mit der Anregung, dass sich Akteure, die diesen Weg der Abweichung bereits mutig gehen – weg von der beschriebenen Selbsterklärung durch Anpassung –, untereinander stärker vernetzen müssen. Das Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt könnte eine entscheidende Rolle spielen. Eine stärkere Kooperation derjenigen, die sich der doppelten Säkularisierung widersetzen, könnte diese notwendigen Impulse in die Funktionssysteme unserer Gesellschaft hinein potenzieren. 

Es ist an der Zeit, dass die eigene Melodie der Kirche nicht nur als Einzelstimme, sondern als vielstimmiger, aber kategorial eigenständiger Chor von prophetischen Pirolen wahrgenommen wird.

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