Montag, 16. März 2026

Transformation oder De-Konstruktion?

Drei Wege für die Kirche von morgen

In der aktuellen Ausgabe des Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts (3/2026) treffen drei Positionen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie beschreiben das Ringen um die Zukunft der evangelischen Kirche zwischen Management-Logik, Event-Kultur und parochialer Treue. Für meine Leserinnen und Leser habe ich hier diese Ansätze und meine kritische Sicht darauf zusammengefasst. 

Wer die Aufsätze im Pfarrerblatt aufruft, findet dort meine ausführlichen Kommentare. 

1. Steffen Bauer: Die technokratische Weichenstellung

Steffen Bauer nähert sich der Krise als Systemanalytiker. Sein Fokus liegt auf der „Ressourcensteuerung“. Er plädiert für eine „Transformation by Design“: Weg von kleinen, selbstständigen Ortsgemeinden, hin zu großflächigen Regionalkirchen und Kirchenkreisen, die den rechtlichen Körperschaftsstatus übernehmen.

  • Sein Ziel: Effizienz durch Zentralisierung. Die Basis soll von Verwaltung entlastet werden, indem Immobilien und Finanzen auf höherer Ebene gesteuert werden.

  • Meine Kritik: Dieser betriebswirtschaftliche Duktus ist gefährlich. Die behauptete Überforderung der Kirchenvorstände wird oft herbeigeredet, um eine Zentralisierung zu legitimieren, die faktisch einer Enteignung der Basis gleichkommt. 

Neben Entscheidungsbefugnissen geben Kirchenvorstände auch Vermögen, Gebäude und Grundstücke an den Kirchenkreis ab, wenn sie sich darauf einlassen, den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts aufzugeben.

Wenn die lokale Haftung und Identifikation stirbt, führt das Design direkt ins Desaster. Meine Einschätzung: Transformation by Design leads to disaster.

2. Christiane Quincke: Die riskante Wette auf die Distanzierten

Dekanin Christiane Quincke beschreibt den Weg zur „postparochialen Kirche“ am Beispiel Pforzheims. Sie entzündet ein „Feuerwerk“ an Möglichkeiten: Eventmanagement, fluide Räume und eine radikale Orientierung an der kirchenfernen und auch nichtkirchlichen Bevölkerung.

  • Ihr Ziel: Eine Kirche, die sich aus den starren parochialen Grenzen löst und dort präsent ist, wo die Menschen sich unverbindlich bewegen.

  • Meine Kritik: Auch wenn die Dekanin meint, man habe neben Pforzheim mit den Gemeinden in Neuhausen und Tiefenbronn den ländlichen Raum im Blick (geschätzt auf der Basis der im Artikel genannten Zahlen ungefähr 10% der Gemeindeglieder), dürfte sich die Situation auf dem Land von den urbanen Möglichkeiten deutlich unterscheiden. 

Vor allem aber ist es eine Wette auf das Verhalten der Distanzierten. Man vergrämt womöglich hochverbundene Kirchenmitglieder, die das System auch finanziell tragen, in der Hoffnung, ein flüchtiges Publikum zu gewinnen. Wenn dieses Feuerwerk nicht zündet oder nach den ersten Effekten verpufft, bleibt eine entkernte Kirche zurück.

3. Christian Möller: Die verlässliche Kirche der kurzen Wege

Als Korrektiv zu den obigen Modellen steht der Aufsatz von Christian Möller. Er plädiert leidenschaftlich für die Parochie (Gemeinde vor Ort) als Lebenszelle. Er beruft sich auf Bonhoeffer und fordert eine Kirche, die den Menschen vor Ort die Treue hält – verlässlich, mündig und theologisch fundiert.

  • Sein Ziel: Eine Kirche, die durch Nähe und inhaltliche Tiefe überzeugt, statt durch administrative Größe oder Positionen, die man bei Parteien - z.Z. vornehmlich im linken Spektrum - oder bei NGOs findet. Er setzt auf das allgemeine Priestertum und die Beteiligung von Prädikanten auf Augenhöhe.

  • Meine Einschätzung: In Möllers Entwurf sehe ich das einzig tragfähige Zukunftsmodell: Eine Kirche der kurzen Wege, die ihre Bindungskraft aus der Qualität schöpft. Es geht um eine Gemeindearbeit, die sich traut, auf dem Fundament einer universitären Theologie zu stehen und gerade deshalb ganz ‚normale‘ Menschen anspricht – weil sie dort eine Botschaft hören, die sich vom medialen und gesellschaftlichen Einheitsbrei abhebt. Wenn diese inhaltliche Tiefe mit einer Gemeindekultur korrespondiert, in der Prädikanten, Lektoren und Kirchenvorstände nicht nur verwaltet, sondern als geschätzte Mitstreiter auf Augenhöhe gesehen werden, entsteht eine loyale Gemeinschaft, die kein ‚Design‘ und kein ‚Event‘ ersetzen kann.
Ich weiß natürlich auch, dass es bei der evangelischen Kirche einen Fachkräftemangel gibt, der sich in den nächsten Jahren verstärken wird. Aber das ist u.a. ein hausgemachtes Problem, das aus den kirchlichen Entwicklungen und "Entwicklungsprogrammen" der letzten Jahre und Jahrzehnte resultiert. 

Ein persönliches Nachwort

Es ist bezeichnend, dass Möllers an der Parochie orientierter Text im Pfarrerblatt beinahe wie eine „Abschiedsvorlesung“ am Ende platziert wurde, während die Management-Szenarien den Vortritt erhielten.

Obwohl ich Möllers Vision teile, ziehe ich eine bittere Konsequenz: Ich bin nicht bereit, als Pfarrer im Ruhestand ein System durch meine Mitarbeit zu stützen, das meinen Berufsstand über Jahrzehnte abgewertet hat und nun die Parochie abwickelt. Wenn die evangelische Kirche ihre Bindungskraft durch Profillosigkeit oder Überdehnung der Grenzen verspielt und Gemeinden durch die Umwandlung des Körperschaftsstatus letztendlich enteignet, darf sie nicht erwarten, dass wir die daraus entstehenden Löcher stopfen.

Ich habe zugegebenermaßen keine Idee, wie der Übergang in ein alternatives Finanzierungssystem sich gestalten lässt, aber ich gehe davon aus, dass sich Gemeinden auf mittlere Sicht eigenständig finanzieren müssen - einschließlich Finanzierung einer Pfarrstelle. Dass dies möglich ist, zeigen die Freikirchen. Das wird letztendlich die wahre "Transformation" sein, die uns bevorsteht.

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