zuerst erschienen in der Sprachrohrausgabe 224 (April bis Mai 2022)
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Es ist schon einige Zeit her, dass ich hier im Sprachrohr (Gemeindebrief der Ev.-luth. Gustav-Adolf-Kirche zu Meppen) die Frage aufgeworfen habe, wohin die Evangelische Kirche eigentlich treibt. Jetzt stellt sich die Frage wieder. In der ersten Märzhälfte veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die neuesten Mitglieder- bzw. Austrittszahlen. Sie tat dies nicht wie üblich in Koordination mit der Katholischen Kirche, die die Zahlen erst - wie auch in den vergangenen Jahren - im Sommer bekannt geben wird. Vielleicht wollte man verhindern, in einem Abwärtsstrudel mitgerissen zu werden.
Unzufriedenheit mit der Institution Kirche
2021 wurden 280.000 Austritte aus der Evangelischen Kirche in Deutschland registriert. Dieser Wert wurde bisher nur in den Jahren 1992 (knapp 360.000) und 1995 (knapp 300.000) übertroffen (1). Bemerkenswert ist, dass 51,9% der 55.521 Personen, die sich bei einer Umfrage auf der sicherlich kirchenkritischen Seite kirchenaustritt.de beteiligten, für das Jahr 2021 als Austrittsgrund "Unzufriedenheit mit der Institution Kirche" angaben. Da bei dieser Frage nicht zwischen den Konfessionen unterschieden wird, kann es natürlich sein, dass das Votum ehemaliger Katholiken diesen Wert nach oben treibt. Wegen der Kirchensteuer traten 30,9% der Befragten aus. Bis 2020 wurden die Kirchensteuern immer als erster Grund für den Kirchenaustritt angeführt (vgl. die eingefügte Grafik, die auf Zahlen der Internetseite kirchenaustritt.de zurückgreift (2)).
Gott und der Kirchenaustritt
Die EKD-Ratsvorsitzende Bischöfin Annette Kurschuss meint im Blick auf die neueste Entwicklung, man werde "sinkende Mitgliederzahlen und anhaltend hohe Austrittszahlen nicht als gottgegeben hinnehmen". (3)
Dieser Satz irritiert mich zugegebenermaßen. Nähme ich die Formulierung wortwörtlich, so hieße das, die Austrittszahlen wären "von Gott gegeben", die Bischöfin wolle das aber nicht hinnehmen. Das wollte Frau Kurschuss sicherlich nicht sagen, aber "schicksalhaft", "unvermeidbar", "zwingend" oder "zwangsläufig" wären sicherlich die besseren Begriffe gewesen.
Abbruch des Glaubens
Das Sozialwissenschaftliche Institut (SI) der EKD (4) nannte neben anderen auf den ersten drei Positionen diese Austrittsgründe:
- Kaum religiöse Orientierung in der Familie
- Positive Berührungspunkte mit Kirche im Jugendalter, aber Bedeutungsverlust der Kirche beim Eintritt ins Erwachsenenalter
- Zunehmende Zweifel durch Verfehlungen der Kirche und mangelnde Differenzierung zwischen den Kirchen
Profil der evangelischen Kirche
Schon seit einiger Zeit frage ich nach dem Profil der Evangelischen Kirche. Wie nehmen uns Menschen wahr? Was unterscheidet uns von anderen öffentlichen Organisationen? Was bewegt Menschen, Mitglied einer Evangelischen Landeskirche zu werden oder zu bleiben? Letztendlich: Wie reden wir von Gott?
Das Sozialwissenschaftliche Institut stellte in der ausführlichen Dokumentation zu den Austrittsgründen fest, dass die Evangelische Kirche in der Öffentlichkeit "nur sehr verschwommen wahrgenommen" werde und in den "vergangenen Jahren so gut wie nicht in Erscheinung trat". (5)
Kirchenreformen
Offensichtlich ist man in den Evangelischen Kirchen auf der Suche nach einem Profil. Auf allen kirchlichen Ebenen werden Reformprozesse angestoßen, und der Umbau der Evangelischen Kirche, mit welchem Ziel eigentlich, soll vorangetrieben werden. (6) Ob die 2020 von der EKD verabschiedeten „Zwölf Leitsätze" zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche "Hinaus ins Weite - Kirche auf gutem Grund" noch eine Rolle spielen, lässt sich nicht erkennen. In der Hannoverschen Landeskirche gibt es dann auch gleich zwei Prozesse, die die Kirche in eine erfolgreiche Zukunft führen sollen: "Wir reiten die Welle" und "Zukunftsprozess".
Confession Augustana - Artikel 7 - Von der Kirche
"Es wird ... gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. ..." 1530 gaben die lutherischen Reformatoren vor dem Kaiser und dem Reichstag in Augsburg dieses klare Bekenntnis, wie Lutherische Kirche zu verstehen ist: als "Versammlung aller Gläubigen", wo das "Evangelium ... gepredigt" und die "heiligen Sakramente ... gereicht werden". Bis heute ist dieses Bekenntnis in der Lutherischen Kirche gültig. Alle, die in der Kirche mitarbeiten, werden darauf verpflichtet. Das Bekenntnis ist auf den Seiten der EKD zu finden!?
Das Evangelium predigen...
Die "Predigt des Evangeliums" - wie auch das Spenden der Sakramente - geschieht im sonntäglichen Gottesdienst, der uns Woche für Woche an das Zentrum unseres Glaubens, an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten erinnert. Den Teilnehmenden wird die Liebe Gottes zugesprochen, aber es wird auch Gottes mahnendes Wort verkündet, das Leben an seinem Gebot auszurichten - im privaten Leben wie in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Wo diese Botschaft verachtet wurde, da kennt die Bibel - aber auch die Geschichte - warnende Beispiele, dass Menschen sich durch ihr egoistisches Handeln selbst zugrunde richteten.
Es wäre den Versuch wert, der Intention des Bekenntnisses von 1530 erneut Raum zu geben und dadurch ein eindeutiges Profil zu gewinnen, das die Evangelische Kirche von anderen - durchaus gesellschaftlich wichtigen - Organisationen und Institutionen unterscheidet. Auch schon 1.000 Jahre früher machte Benedikt von Nursia (480 bis 547) deutlich, wo er das Zentrum christlichen Lebens sah: "Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen." Veränderungen und Erneuerungen sind dabei wünschenswert. Optionen gibt es genug: Musik, Liedauswahl, Kommunikationsformen, Aktionen u.v.a.m.
So bleibt am Ende weiterhin die spannende Frage:
Ecclesia evangelica - quo vadis?
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Anmerkungen:
1 https://www.kirchenaustritt.de/nachrichten/evangelische-kirche-kirchenaustritte-auf-rekordniveau
2 vgl. dazu die Zahlen auf der Seite https://www.kirchenaustritt.de/nachrichten/umfrageergebnis2021
3 https://www.ekd.de/ekd-veroeffentlicht-mitgliederzahlen-2021-71959.htm
4 https://www.siekd.de/portfolio/kirchenaustritte/
5 https://www.siekd.de/wp-content/uploads/2022/03/2021_SI-Studie_Endewardt_Qualitative-Studie-zur-Ermittlung-der-Gruende-fuer-den-Austritt-aus-der-evangelischen-Kirche.pdf
6 Die Präses der EKD-Synode Anna-Nicole Heinrich: "Die Ergebnisse der Studie bestärken uns, umso unverzagter an unseren Reformen und dem Umbau der Kirche weiterzuarbeiten." - Verheißung oder Drohung, so fragt sich Henryk M Broder in der in der Onlineausgabe „Welt“ https://www.welt.de/debatte/kommentare/article237430309/Kirchenaustritte-EKD-sendet-das-fatale-Signal-es-gebe-Wichtigeres.html
7 https://www.ekd.de/Augsburger-Bekenntnis-Confessio-Augustana-13450.htm
8 Es ist höchst bedauerlich, dass von kirchenleitender Seite seit Jahren die Bedeutung dieses Kernstück christlichen Lebens heruntergespielt wird. So auch im aktuellen Aktenstück 25B der 26. Hannoverschen Synode: "Dem erfreulich guten Zuspruch zu Gottesdiensten, die zu besonderen Anlässen gefeiert oder in neuer Form gestaltet werden, steht eine zurückgehende Resonanz auf die herkömmlichen gottesdienstlichen und spirituellen Angebote der Kirche gegenüber. Deren Prägekraft in der Gesell- schaft nimmt ab." (https://www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/wir-ueber-uns/landessynode/Aktenstuecksammlungen/aktenstuecksammlung_26LS)

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