Donnerstag, 31. Juli 2025

Ecclesia evangelica, quo vadis? - 7. Teil

zuerst erschienen in der Sprachrohrausgabe 231 (Dezember 2023 bis Februar 2024)

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In der Rubrik “Moment mal” in der Meppener Tagespost hatte ich zum Reformationstag 2023 gefragt: "Quo vaditis, ecclesiae?" - Wohin geht Ihr Kirchen? Jetzt muss die Frage noch einmal zugespitzt lauten: "Wohin wendet sich die Evangelische Kirche?"

Sonntagsgottesdienst - ein “Auslaufmodell”?

Im September d.J. gab der Evangelische Pressedienst (epd) eine Meldung mit der Überschrift heraus: "Bischof Meister: 10-Uhr-Gottesdienst am Sonntag ist ein Auslaufmodell." Fast alle Medien, die das Thema aufgriffen, übernahmen diese Formulierung. 

Wortwörtlich hatte Ralf Meister, dem das Bischofsamt der Hannoverschen Landeskirche übertragen ist, nicht vom "Auslaufmodell" gesprochen. Allerdings hatte er erklärt: "Jesus ist doch nicht durch Galiläa gezogen und hat gesagt, sonntags um 10 Uhr müsst Ihr kommen und beten! Da sind wir schon weiter. Gemeinden, in denen der klassische Sonntagsgottesdienst gut besucht ist, werden ihn sicher weiter pflegen. Aber als flächendeckendes Modell löst sich das auf. Andere Erzählformen treten dazu oder auch an ihre Stelle. ..." 

Aus dem Urlaub schrieb ich Herrn Meister eine lange Mail, deren Inhalt ich hier teilweise aufnehme. Allerdings antwortete weder Herr Meister noch sein Büro. Auch die irritierende und reißerische Überschrift des epd wurde nicht korrigiert, obwohl auch andere Pastorinnen und Pastoren entsetzt waren, was der leitende Theologe der Hannoverschen Landeskirche da gesagt hat. 

Gottesdienst am Sonntag - eine Ideologie?

Mich irritiert, wie leichtfertig in der Evangelischen Kirche der Sonntagsgottesdienst zur Disposition gestellt wird. 2019 war schon einmal in der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) dieser Gedanke aufgekommen. Thies Gundlach, damals einer der Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, wurde im Deutschlandfunk so zitiert: "Der Sonntagsgottesdienst ist eine zentrale Veranstaltung, aber nicht die einzige zentrale Veranstaltung. Und das soll man in großer evangelischer Freiheit vor Ort reflektieren. Ich finde das auch so wichtig, dass wir jetzt nicht den Kollegen auf's Auge drücken, Ihr müsst unbedingt jeden Sonntag Gottesdienst machen, egal ob jemand kommt, egal wer das wichtig findet. Das ist eine Ideologie, die ich nicht teilen kann."

Für Ralf Meisters Versuch, diese Position zum Gottesdienst scheinbar biblisch zu unterfüttern - Jesus habe schließlich nicht gesagt, wir sollten sonntags um 10.00 Uhr Gottesdienst feiern - habe ich überhaupt kein Verständnis. Wenn wir auf die Bibel zurückgreifen, dann kann es nur heißen: "Jesus ging am Sabbat nach seiner Gewohnheit" - also regelmäßig - "zum Gottesdienst in die Synagoge." - "Jesus predigte das Wort Gottes mit Vollmacht, nicht wie die Pharisäer und Schriftgelehrten." Christen feiern am Sonntag, am Herrentag, Gottesdienst - ich mag es ja kaum schreiben, es ist so selbstverständlich - weil Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott, Gottes Sohn, am 1. Tag der Woche von den Toten auferweckt wurde. Und in den Zehn Geboten heißt es schließlich: Du sollst den Feiertag heiligen! 

Das Zentrum der evangelischen Kirchen wird aufs Spiel gesetzt

Sollten die evangelischen Kirchen der Ideologie der kirchenleitenden Personen folgen, dann wird diese Kirche ihr Zentrum verlieren. Die streitbare Berliner Theologin Dorothea Wendebourg erklärte schon 2019 im Blick auf die von Thies Gundlach geäußerte Meinung: “Es gibt keine Kirche als Gemeinschaft, wenn sie sich nicht definiert und aber eben auch vollzieht im regelmäßigen Zusammenkommen um Wort, Sakrament, Gebet. Der Laden fällt vollends auseinander, wenn wir das nicht mehr tun.” Und der Theologe Michael Meyer-Blanck hielt fest: “Der Gottesdienst am Sonntagvormittag ist eine gute Sitte. Jede und jeder kann sich darauf verlassen: Jetzt wird geläutet, gebetet und gepredigt - auch wenn ich selbst nicht hingehe. Ich habe aber jederzeit die Möglichkeit, dabei zu sein. Der Gottesdienst ist keine Vereinsversammlung für Kirchenmitglieder. Er ist öffentlich, regelmäßig, verlässlich. Es ist absurd, über die Abschaffung des regelmäßigen Sonntagsgottesdienstes nachzudenken.”

Hinzu kommt, dass sich die Evangelische Kirche aus der ökumenischen Gemeinschaft verabschiedet, wenn der Sonntagsgottesdienst, aus welchen Gründen auch immer, zur Disposition gestellt wird. Ich habe bisher nicht wahrgenommen, dass irgendeine andere christliche Denomination einen solchen Vorschlag auch nur ansatzweise gewagt hätte.

Ansprechende Gottesdienste

In meiner Mail an Herrn Meister schrieb ich: “Für einen ansprechenden Gottesdienst brauchen wir engagierte und gut ausgebildete Musiker, die ansprechend musizieren und die die Gottesdienstteilnehmer zum Gesang motivieren. Wir brauchen Ehren- und Hauptamtliche, die kompetent (biblische) Texte vortragen. Und schließlich brauchen wir Theologen, die "biblisch predigen" (Altbischof Hirschler). Nach dem Gottesdienst sollte es die Möglichkeit zur Kommunikation geben.”

Nach diesem Konzept versuchen wir, unsere Gottesdienste zu gestalten. Im zuverlässigen Wechsel feiern wir Abendmahlsgottesdienste und “normale”, Gottesdienste mit kleinen und großen Leuten und musikalisch geprägte. Freitags treffen sich insbesondere die Konfirmanden und etliche Eltern zum sogenannten “Friedensgebet”. Zielgruppenorientierte Gottesdienste (z.B. Motorradgottesdienste, Partnerschaftsgottesdienste, Tauferinnerungsgottesdienste) als Sonntagsgottesdienste, alternative Formen wie Dialogpredigten, Liedpredigten u.v.m. runden das Bild ab. Nach jedem Sonntagsgottesdienst gibt der “Kirchenkaffee” Gelegenheit zum kommunikativen Austausch.   

Dank- und Tankstelle für die Seele

Natürlich könnte auch bei unserem Konzept die Zahl der Gottesdienstbesucher höher ausfallen. Deswegen allerdings den Sonntagsgottesdienst zur Disposition zu stellen, käme niemandem in den Sinn. Denn für alle, die sich auf den Weg machen, ob regelmäßig oder (nur) zu besonderen Anlässen, für all diese Menschen ist bleibt der Gottesdienst, wie es unsere Prädikantin Petra Heidemann treffend ausdrückte, eine Dank- und Tankstelle für die Seele. Und vor allem, wenn sie kommen, kommen die Menschen gern. 

Kirche muss deshalb mehr sein als andere karitative Einrichtungen anbieten, wie gut und professionell auch immer KiTas, Pflegeeinrichtungen, Beratungsstellen für soziale Hilfen etc. auch arbeiten. Häufig werden diese Einrichtungen nicht anders wahrgenommen als staatliche Einrichtungen. Den Unterschied macht die zentrale Verwurzelung in der gottesdienstlichen Verkündigung und in der Darreichung der Sakramente. Zu diesem Rahmen gehört auch die Musik, denn sie ist eine Sprache, die keine Worte braucht, um Menschen aller Kulturen direkt zu erreichen und um Inhalte zu transferieren, die nicht in Worte gefasst werden können.

Kirche muss auch mehr sein als ein traditionell-festliches Beiwerk für Familienfeiern. Wenn wir uns anlässlich einer Taufe, einer Konfirmation, einer Trauung und auch anlässlich einer Beerdigung zu einem Gottesdienst treffen, dann ist dies der Ort des menschlichen und des Miteinanders mit Gott. “Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.”

Nicht zuletzt bietet Kirche den geschützten Raum des Zusammenkommens, um im seelsorgerlichen Gespräch alles auf den Tisch zu legen, was die Seele bedrückt. Wir dürfen fest darauf vertrauen, dass Gott uns immer wieder eine neue Chance geben will. So hat es Jesus ja selbst gesagt: “Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.” (Mt 11,28)

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