Freitag, 14. August 2026

Existenzielle Grundfragen des Pfarrberufs

Seit März d.J. taucht im "Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt" immer wieder die Diskussion um die Thesen von Prof. Dr. Werner Thiede zur so genannten "Liberalen Theologie" auf, die man allerdings nicht mit der Bewegung des letzten Jahrhunderts verwechseln darf. Von der Theologie eines Rudolf Bultmanns sind diese Stellungnahmen weit entfernt. 

In der aktuellen Printausgabe des Pfarrerblatts ist ein Kommentar von Pfarrer i.R. Christoph Lehmann zu lesen, der die Thesen von Hartmut Rosa heranzieht (Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums), um die "Liberale Theologie" der Gegenwart zu verteidigen. Dazu nehme ich in einem späteren Beitrag noch Stellung. 

Ich selbst habe mich mehrfach in die Diskussion eingeschaltet. Da die Onlinekommentare des Pfarrerblattes mit der Ausgabe 07/2026 verschwanden, verweise ich auf meine beiden Beiträge hier im Blog: 

Zusätzlich hatte ich im Mai einen weiteren Leserbrief an die Redaktion des Pfarrerblatts geschickt, der allerdings bis heute nicht veröffentlicht wurde. Deshalb gebe ich den Artikel einschließlich der Mail an den Chefredakteur Detlef Dieckmann hier an dieser Stelle wieder. 

---------- Forwarded message ---------
Von: Ralf Krüger
Date: Do., 21. Mai 2026 um 15:17 Uhr
Subject: Replik auf die heftige Auseinandersetzung Bangert/Thiede im aktuelle Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt.
To: Detlef Dieckmann


Lieber Herr Dieckmann,

wie Sie aus meinen bisherigen Beiträgen ersehen konnten, habe ich die aktuelle, inhaltlich tiefgehende Diskussion um den Disput zwischen den Herren Bangert und Thiede mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Vor diesem Hintergrund habe ich den beigefügten Beitrag verfasst. Es ist mein dringliches Anliegen, den gegenwärtigen Diskurs konsequent auf die theologische und kirchenrechtliche Sachebene zurückzuführen.

In meiner Wahrnehmung darf die theologische Auseinandersetzung um den „Katechismus der liberalen Theologie“ nicht isoliert von den aktuellen, administrativen Transformationsdebatten (wie den „Skizzen aus der Zukunft“ von Steffen Bauer) geführt werden. Beide Komplexe greifen untrennbar ineinander: Die theologische Nivellierung des Kerygmas korrespondiert symmetrisch mit den technokratischen Zentralisierungsbestrebungen der Kirchenleitungen. Es sind im Kern die theologisch bekenntnisorientierten und wertkonservativen Pfarrpersonen, die an dieser Schnittstelle sowohl gegen den inhaltlichen Substanzverlust als auch gegen die Aufhebung der parochialen Strukturen begründeten Einspruch einlegen. Diesen inneren Zusammenhang lege ich in meinem Text detailliert offen.

Mir ist bewusst, dass der Text einen beträchtlichen Umfang angenommen hat und über die Länge eines klassischen Leserbriefs hinausgeht. Da sich jedoch auch die Debatte selbst im Heft wie im Online-Forum thematisch und quantitativ massiv ausgeweitet hat, bedarf es einer entsprechend tiefgängigen und systematischen Analyse. Eine bloße Kommentierung von Teilaspekten würde der Tragweite der anstehenden Grundfragen für unseren Berufsstand nicht gerecht werden.

Ich bitte Sie daher darum, diesen Beitrag in seiner Gesamtheit als eigenständigen Diskussionsbeitrag in der nächsten Printausgabe des Deutschen Pfarrerblatts zu veröffentlichen. Nur so bleibt der direkte und dringliche Bezug zur jetzt stattfindenden Diskussion für die Leserschaft transparent und wirksam.

Für Rückfragen stehe ich Ihnen selbstverständlich jederzeit gerne zur Verfügung. Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und auf eine produktive Fortsetzung des Austauschs.

Ich grüße Sie herzlich.
Ralf Krüger, Pastor i.R.


Bekenntnis und Parochie

Warum die theologische Debatte an die strukturelle Substanz geht

Die im Deutschen Pfarrerinnnen- und Pfarrerblatt entbrannte Diskussion um Kurt Bangerts „Katechismus der liberalen Theologie“ und die Replik von Werner Thiede hat die Gemüter tief bewegt. Sie zeigt, dass es um existenzielle Grundfragen unseres Berufsstandes und der Zukunft unserer Kirche geht. Umso dringlicher erscheint es, den Diskurs von wechselseitigen Polemiken zu befreien und auf die theologische sowie kirchenrechtliche Sachebene zurückzuführen.

Wo Werner Thiede im März-Heft pointiert von „theologischen Tricks“ sprach, um die Sollbruchstellen des liberalen Entwurfs aufzuzeigen, greift die Gegenseite in den jüngsten Leserbriefen allzu oft zu einer spiegelbildlichen Polemik: Wer am klassischen Kerygma festhält, wird pauschal als „gestrig“, „orthodox verengt“ oder „unzeitgemäß“ markiert. Beide Vorwürfe verstellen den Blick auf den Kern. Es geht in dieser Debatte nicht um Motive, Befindlichkeiten oder Generationenkonflikte, sondern um eine nüchterne Bestandsaufnahme der theologischen und strukturellen Substanz.

Die entscheidende Schwachstelle der aktuellen liberalen Entwürfe liegt in meinen Augen nicht primär in ihrer historisch-kritischen Exegese, sondern in ihrer soziologischen und existenziellen Ohnmacht in der kirchlichen Praxis. Wenn die leibliche Auferstehung Jesu zur bloßen Chiffre für die Weiterleitung ethischer Ideen dekonstruiert und Gott zu einer immanenten Dimension gelungener Weltbeziehungen nivelliert wird, verliert das Evangelium sein Proprium. Eine Kirche, die sich im Kern auf einen sozialkritischen, empathischen oder gar politisch anschlussfähigen Appell reduziert, macht sich selbst überflüssig. Ethik, Barmherzigkeit und Systemkritik bieten NGOs, Gewerkschaften oder philosophische Strömungen im Zweifel lauter, spezialisierter und wirksamer an. Wer das Kerygma – das Kreuz als Ort der Versöhnung und die Auferstehung als realen Sieg Gottes über die Mächte von Sünde und Tod – räumt, macht die Kirche zu einer bloßen Kopie der Welt. Die Menschen aber, das zeigt leider die politische Erfahrung, bleiben im Zweifelsfall beim Original.

Es ist die Nagelprobe der Kasualpraxis: Was sagt die liberale Theologie am Grab eines Kindes, eines verunglückten jungen Vaters oder einer jungen Mutter den Hinterbliebenen? Ein bloß metaphorischer Trost, der den Tod nicht als real besiegten Feind, sondern als natürlichen Schlusspunkt einer moralischen Existenz deutet, lässt den leidenden Menschen in der existenziellen Katastrophe schlicht verhungern. Wenn Kurt Bangert in seinem Katechismus Gott als ‚Urgrund des Universums‘ beschreibt und die christliche Hoffnung darauf reduziert, das Leben trage sich trotz allem zu einem ‚sinnvollen Ende‘, kehrt sich der Zuspruch des Evangeliums in sein Gegenteil um. Ein Gott, der nur noch als immanente Kraftquelle in uns fungiert, damit wir durch ‚eigene Tatkraft‘ das Gute herbeiführen, ist im Leid kein Tröster. Er ist ein moralischer Gesetzgeber, der die Last der Bewältigung wieder vollends dem traumatisierten Individuum aufbürdet. Wo die klassische Theologie im Angesicht des deus absconditus – des im Leid verborgenen und unbegreiflichen Gottes – die Flucht zum gekreuzigten und auferstandenen Christus anbietet, bleibt bei Bangert nur der Appell zur resilienten Selbsthilfe.

Dieser Befund der Verflachung, aus pastoraler Sicht beschrieben, korrespondiert auf akademischer Ebene präzise mit der scharfen Analyse von Katarína Kristinová, die sie nach der Verkürzung in der Printausgabe DtPfrBl 04/2026 noch einmal online stellte. Sie entlarvt die moderne liberale Reformbewegung und Papiere wie das Göttinger Manifest als theologische „Mogelpackung“, die das geschichtsträchtige, reflexive Erbe der klassischen liberalen Schule (von Schleiermacher bis Bultmann) nicht etwa fortsetzt, sondern konterkariert. Was sich heute progressiv als „liberale Theologie“ präsentiere, so Kristinová, erweise sich bei näherem Hinsehen allzu oft als eine reflexionsfreie Unbedarftheit, die mangelnde dogmatische Tiefe hinter einem unverbindlichen, pluralistisch verbrämten „Wortgeklingel“ verstecke. Die intellektuelle Redlichkeit weiche hier einer Harmoniesucht, die tiefe ideologische Gräben bloß kaschiert.

Handfeste parochiale Erfahrung

Gegen das Pauschalverdikt des „Gestrigen“ spricht im Übrigen die handfeste parochiale Erfahrung: Eine wertkonservative, bekenntnisorientierte Haltung treibt die Menschen eben gerade nicht aus der Kirche. Natürlich verzeichnen auch profiliert-traditionelle Gemeinden Austritte – niemand lebt in einer konfessionellen Käseglocke. Doch der differenzierte Blick über den Tellerrand der eigenen Kirchturmsspitze, auch über Deutschland und Europa hinaus, zeigt ein klares Bild: Wo Kirche mutig und erkennbar theologisch Position bezieht, dort erfährt sie auch verlässlichen Zuspruch. Dabei wird wertkonservativen Pfarrpersonen und Theologen reflexhaft und fälschlicherweise unterstellt, sie klammerten sich unkritisch an überkommene Sprachmuster des Gestern. Das Gegenteil ist der Fall. Es gehört im Kern zur ureigenen Profession des Pfarrberufs – so wie ich ihn verstehe –, die zeitgebundenen systematisch-theologischen Formulierungen des Dogmas immer wieder neu so zu durchdenken und darzulegen, dass sie in der modernen Lebenswelt einen echten, existentiellen Widerhall finden. Eine solche Verkündigung hat nicht den triumphalistischen Anspruch, jeden Menschen sofort zu missionieren oder dogmatisch zu vereinnahmen. Sie will vielmehr intellektuell und geistlich redliche Anstöße geben, die das eigene Denken der Hörer anregen und Räume für eine echte Begegnung mit dem Evangelium eröffnen.

Administrativen Zentralisierungsbestrebungen

Die theologische Nivellierung steht in einem verhängnisvollen, fast symmetrischen Gleichschritt mit den aktuellen administrativen Zentralisierungsbestrebungen, wie sie im DtPfrBl 05/2026 zum wiederholten Mal von Steffen Bauer in seinen „Skizzen aus der Zukunft“ für das Jahr 2040 gezeichnet werden. Gerade diese Kombination aus inhaltlicher und technokratischer Diskussion fordert die theologisch bekenntnisorientierten und wertkonservativen Pfarrpersonen heraus; diese Debatte zwingt uns förmlich dazu, auf dem Hintergrund jahre- und jahrzehntelanger erfolgreicher Arbeit in der Parochie leidenschaftlich Einspruch einzulegen und uns dezidiert einzumischen.

Schaut man allein auf die Publikationen des laufenden Jahres, so wird deutlich, wie konsequent diese Transformations-Linie redaktionell verfolgt wird: Bereits im Januar entwarf Julia Koll die „Transparochiale Kirche“, während Markus Beile als liberaler Theologe den Ursachen für den Kirchenaustritt mit einem Verzicht auf jeden Offenbarungsanspruch der christlichen Religion begegnen will. Gott wird bei ihm zur “Ausdrucksform für das Gefühl einer größeren Wirklichkeit, in der Menschen sich unendlich geborgen und aufgehoben" fühlen. Im DtPfrBl 03/2026 forderte Steffen Bauer, die „Transformation proaktiv zu gestalten“, flankiert von Christiane Quinckes Plädoyer für eine „postparochiale Kirche in Pforzheim“. Nach der April-Diskussion um Werner Thiedes Aufsatz folgten in der aktuellen Ausgabe DtPfrBl 05/2026 schließlich Bauers „Skizzen“ und das Interview mit Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst unter dem bezeichnenden Titel: „Veränderung ist uns als Kirche wesentlich.“

Fortsetzung einer verfehlten Kontinuität

Diese Zusammenschau macht offenkundig: Wir erleben hier die ungebremste Fortsetzung einer verfehlten Kontinuität. Seit dem EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ im Jahr 2006 jagt die administrative Ebene einem hochglanzbroschierten Reformmodell nach dem anderen hinterher – von Erprobungsräumen und Leuchttürmen bis hin zu Eventkirchen und Change-Management. Der Versuch, kirchliche Relevanz durch Top-down-Strukturen und einen immer größeren Einfluss der EKD-Ebene zu erzeugen, ist empirisch krachend gescheitert. Das messbare Ergebnis im Jahr 2026 ist ein historischer Tiefstand an Mitgliedern und gesellschaftlicher Bindungskraft. Wer trotz dieses kontinuierlichen Scheiterns stur auf derselben Zentralisierungsschiene weiterfährt, handelt nicht reformorientiert, sondern doktrinär.

Dabei gilt ein kirchenrechtliches Axiom: Wenn das spezifisch evangelisch-biblische Gemeinde- und Bekenntnisprofil vor Ort verblasst, schwindet auch die Legitimation für den Erhalt der Kirchengemeinde als eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR). Unter dem Banner der „Transformation“ wird derzeit die Auflösung der Ortsgemeinde zugunsten „regio-lokaler Kirchen“ betrieben, die sich nach Vorschlag von Steffen Bauer an den rund 400 kreisfreien Städten und Landkreisen orientieren und circa 25.000 Mitglieder umfassen sollen.

Hier offenbart sich eine eklatante Lebensfremde gegenüber der realen soziologischen Dynamik. Eine solche künstliche Großstruktur verkennt, dass administrative Verwaltungsgrenzen keine geistliche Heimat stiften. In einer Gesamtbevölkerung von rechnerisch 200.000 bis 250.000 Einwohnern eines Landkreises - von den größeren Städten ganz zu schweigen - verlieren sich 25.000 verstreute Kirchenmitglieder schlicht in der Masse. Wo soll hier eine Identifikation, wo Beheimatung im kleineren, verlässlichen Kreis erfolgen? Schon die heutige Erfahrung mit den bestehenden Kirchenkreisen zeigt, dass diese Verwaltungsebene keine identitätsstiftende Kraft besitzt und den parochial-lebensweltlichen Aufgaben kaum gerecht werden kann. Auch die von Bauer beschriebene „Diakonie im Sozialraum“ geht an der sozialen Wirklichkeit vorbei. In der Wahrnehmung der Menschen vor Ort ist die institutionelle Diakonie längst weitgehend von der verfassungsmäßigen Kirche entkoppelt und wird als ein Wohlfahrtsanbieter unter vielen – wie das DRK, der ASB oder die Johanniter – wahrgenommen.

Wenn die Ortsgemeinde jedoch ihre Immobilien, ihre Finanzen, ihre hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre KdöR-Rechte an die angestrebten Großregionen abgeben muss, wird die demokratische Basis entmündigt. Die verfassungsmäßige Leitungskompetenz der Kirchenvorstände schrumpft dann zur Farce – sie dürfen allenfalls noch über das Keks-Sortiment des Seniorennachmittags entscheiden (Reinhard Bingener in der FAZ im Anschluss an ein Positionspapier aus der braunschweigischen Kirche). Mehr noch: Dem reformatorischen Verständnis vom freien, ordinierten Pfarramt – das allein an Schrift, Bekenntnis und Gewissen gebunden ist – wird der Boden entzogen. Pfarrpersonen mutieren in diesem technokratischen Gefüge zu weisungsgebundenen Managern und Befehlsempfängern einer übergeordneten Konzernebene.

„Kultur der Ermöglichung?“

Wenn Bauer und mit ihm die Kritiker von Werner Thiede in diesem Kontext eine „Kultur der Ermöglichung“ anpreisen, wird diese Vokabel vonseiten der Befürworter der Parochie und der traditionellen Theologie zu Recht mit tiefster Skepsis betrachtet. Es steht zu befürchten, dass diese vermeintliche Offenheit als kirchenpolitischer Euphemismus genutzt wird, um die theologische und strukturelle Tiefendimension zu umgehen. Denn die Positionen der Kirchenleitungen folgen mittlerweile fast unhinterfragt den Paradigmen einer strukturfunktionalen, transparochialen Konzeptkirche. Echte Ermöglichung würde das Gegenteil bedeuten: die Ortsgemeinde als KdöR radikal zu stärken, die Kirchensteuermittel konsequent dort einzusetzen, wo Gemeinde real gelebt wird, und Kirchenämter konsequent auf die dienende Begleitung der Parochien auszurichten.

Zwar werden vereinzelte Positionen für die Stärkung der Parochie im Pfarrerblatt durchaus benannt – dass sie jedoch im kirchenpolitischen Mainstream so wenig Widerhall finden, ist zutiefst bezeichnend. Erinnert sei an Andreas Dreyer, der im Dezember betonte, warum der Körperschaftsstatus kein Adiaphoron ist, oder an das Autorenkollektiv um Eberhard Blanke im Februar, das die „Abweichung als Schlüssel zur Relevanz“ beschrieb. Auch Christian Möllers Plädoyer für eine „verlässliche Kirche der kurzen Wege“ (März) und Martin Schucks aktuelle Mahnung im Mai, die Stärkung der Gemeinden wäre ein mutiges Signal zur Transformation, verhallen ungehört im Transformationsrausch der Leitungen.

„Trauer und Ärger?“

Das macht die dringend notwendige Diskussion nicht einfacher. Erschwerend kommt hinzu, dass kritische Positionen in den offiziellen Statements und Editorials reflexhaft als bloßer Ausdruck von „Trauer und Ärger“ über den strukturellen Wandel und den Verlust alter Gewissheiten geframed werden. Das ist eine unzulässige Psychologisierung des theologischen Gegenübers. Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung auf Augenhöhe erfolgt allzu oft eine empathisch verpackte Infantilisierung: Indem die Moderation der Debatte die sachliche Kritik als rein emotionale Bewältigungsprobleme einer vermeintlich abgelösten Generation deutet („Elder-Speak“ / Ageism), entzieht sie sich dem harten Argument.

Dieses Überhören gewichtiger Stimmen führt soziologisch und theologisch zu einem paradoxen Eigentor, das uns direkt zum Ausgangspunkt der inhaltlich-theologischen Debatte zurückbringt: Weil die Volkskirche ihr spezifisch christliches Profil räumt, treibt sie suchende Menschen – und gerade auch Jugendliche, die im Konfirmandenunterricht nach existenzieller Wahrheit statt nach einer weiteren Lektion über allgemeine Werte suchen – direkt in die Arme fundamentalistischer oder evangelikaler Gruppierungen. Die liberale Theologie erzeugt durch die von ihr mitbetriebene religiöse Blutarmut genau das Vakuum, das fundamentalistische Prediger bereitwillig füllen.

Kirche wächst von unten nach oben

Wenn das Netzwerk um das „Göttinger Manifest“ und die Schriftleitung des Pfarrerblattes so großen Wert auf „Pluralität“, „Weite“ und „Diskurs auf Augenhöhe“ legen, dann darf dieser Pluralismus keine Einbahnstraße sein. Ein ehrlicher und zukunftsfähiger Weg wäre ein echter „theologischer Föderalismus“: Gebt den Kirchengemeinden die volle theologische und strukturelle Autonomie zurück, ihr Profil selbst zu bestimmen. Lasst Gemeinden und Pfarrpersonen sich nach diesem Muster frei finden, und behindert wertkonservative, bekenntnisorientierte Gemeinden nicht länger systematisch durch administrative Zwangsstrukturen. Auf einem solchen freien Markt der geistlichen Konzepte würde sich ohne kirchenpolitische Steuerung von oben sehr schnell zeigen, welche Theologie in der Praxis tatsächlich die Kraft hat, Gemeinde zu bauen und Menschen in den Krisen des Lebens echten Halt zu geben.

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