Transformation der Kirche? Was ist das Ziel?
Wer in den vergangenen Monaten aufmerksam das Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt gelesen hat, dem bietet sich ein Bild wie von Perlen an einer Schnur. Systematisch und mit beachtlicher Regelmäßigkeit erscheinen dort Aufsätze, die sich unter dem großen Stichwort der „regio-lokalen Kirche“ oder einer betont „liberalen Theologie“ subsummieren lassen. Es wirkt fast wie ein konzertierter, unaufhaltsamer Fahrplan.
Man lese nur die Titel der Befürworter und Vordenker dieses Kurses: Julia Koll schrieb über die „Transparochiale Kirche – Voraussetzungen und Verheißungen“, während Kurt Bangert bereits im vergangenen Jahr (6/2025) mit seinen „40 Thesen zur Reform des Christentums“ die Botschaft Jesu wieder zur Botschaft der Kirche machen wollte und nun im Frühjahr 2026 einen „Katechismus für ein liberales Christentum“ vorlegte. Markus Beile ging der Frage nach, warum immer mehr Menschen die Kirche verlassen, und schlägt vor, dass die Kirche eine neue Form religiöser Anschauung und Praxis entwickeln muss, die Religion als anthropologisches Phänomen versteht und die Welt als unbegreifliches Wunder deutet. Im März legte Steffen Bauer nach („Transformation proaktiv gestalten“), flankiert von Christiane Quincke und ihrem „Weg zu einer postparochialen Kirche in Pforzheim“. Im Mai schließlich zeichnete Bauer seine „Skizzen aus der Zukunft – Kirche im Jahr 2040“, während Detlef Dieckmann das Interview mit der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst überschrieb: „Veränderung ist uns als Kirche wesentlich.“
Zwar gab es in den Heften durchaus gewichtige Gegenpositionen. Doch diese wirkten im Vergleich eher wie vereinzelte Fundstücke, wie solitäre Glanzstücke, die jeweils für sich stehen mussten: Seien es Mareile Lasoggas biblische Orientierungshilfen („Nüchtern werden“), Christoph Bergners Analyse „Der Verlust der Nähe“ oder Andreas Dreyers dringende Warnung, warum der Körperschaftsstatus eben kein Adiaphoron – keine Nebensache – ist („Werft Euer Vertrauen nicht weg…“). Auch das Plädoyer von Autoren um Frank Uhlhorn („Wie die Kirchen Gehör finden könnten“), Christian Möllers „Plädoyer für eine verlässliche Kirche der kurzen Wege“, Werner Thiedes Replik auf Bangert („Die theologischen Tricks der liberalen Theologie“), Frank Weyens „Ohnmacht aus Willkür“ oder jüngst Martin Schucks Mahnung zur geplanten Transformation in der Pfalz („Die Stärkung der Gemeinden wäre ein mutiges Signal“) zeigten: Der Widerstand ist theologisch und strukturell fundiert begründet.
Wie ein Hengst in der Schlacht ...
Doch im realen Fahrplan der Landeskirchen scheint diese Kritik kein Gehör zu finden. Angesichts dieser starren Entschlossenheit der Kirchenleitungen, bei der scheinbar keine kritische Position den Kurs korrigieren darf, kommt mir - vielleicht etwas vermessen und überzogen - das Prophetenwort aus Jeremia 8,4–7 in den Sinn:
„Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am Trug, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“
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| Bild: Leonardo da Vinci: A rearing horse, and heads of horses, a lion and a man (ca. 1503–1504). Royal Collection Trust / Wikimedia Commons. Das Werk ist weltweit und in den USA gemeinfrei (Public Domain). Ausführlicher Bildnachweis noch einmal am Ende des Beitrags. |
Man fragt sich unwillkürlich: Was ist das eigentliche Ziel dieses Prozesses, der die Ebenen oberhalb der Kirchengemeinde vor Ort derart stärken will? Meinen die Verantwortlichen wirklich, mit zentralisierter Strukturpolitik und dem Abbau der Parochie Menschen an die Kirche binden zu können?
Dabei geht es mir keineswegs um ein starres Festhalten am Status quo. Ich sehe die unbedingte Notwendigkeit von Veränderungen in unserer Kirche durchaus und akzeptiere, dass wir vor gewaltigen Anpassungen stehen. Was ich jedoch strikt ablehne, ist die Stringenz und die absolute Alternativlosigkeit, mit denen das Konzept einer "regio-lokalen Kirche" von oben durchgepeitscht wird, ohne Raum für andere, organische Wege zu lassen.
Dan Peter über die württembergische Landeskirche
Exakt auf dieser dogmatischen Linie der regio-lokalen Perspektive liegt auch der Beitrag von Dan Peter im aktuellen Pfarrerblatt (Ausgabe 6/2026) unter dem Titel »Gebt Rechenschaft von der Hoffnung, die in euch ist« (1. Petrus 3,15) – Die Evangelische Landeskirche in Württemberg als eine "Kirche im Umbau zur Herberge der Mündigkeit".
Peter zeichnet darin das Bild einer proaktiven Landeskirche, die dem spürbaren Rückgang von Mitgliedern, Finanzen und Pfarrpersonen nicht mit Zukunftsangst, sondern mit „Hoffnung“ begegnen will. Der Weg dorthin führt über radikale Transformationsprozesse: die Stärkung regio-lokaler Zusammenarbeit, das Zusammenlegen von Kirchengemeinden und Bezirken sowie die Reduzierung der Prälaturen. Konkret untermauert wird dies durch den Pfarrplan 2030 zur Verteilung der Pfarrstellen, das neue Controlling-Instrument der „Jahresplanung im Pfarrdienst“ (JAP) zur Leistungstransparenz und den Immobilienprozess „OIKOS“, der kirchliche Gebäude auf den Prüfstand stellt. Flankiert wird all dies von einer „Digitalen Roadmap“ samt KI-Expertise, Sinnfluencer-Netzwerken und einer Agende für ein digitales Abendmahl. Das erklärte Ziel: die Transformation zu einer modernen „Herberge der Mündigkeit“ mitten im Alltag der Menschen.
Soweit die kirchenoffizielle Darstellung. Zeit, einen genaueren Blick auf diese Verheißungen zu werfen. Der Kommentar ist auch in der Onlineausgabe des Pfarrerblatts zu lesen.
Wasser in den württembergischen Wein gießenEin Kommentar zu den Reformverheißungen in Württemberg – und dem Systemfehler der gesamten EKD Wenn man den Bericht von Dan Peter über den Zustand der Evangelischen Landeskirche in Württemberg liest, könnte man fast ins Schwärmen geraten. Da ist von einer „Kirche im Umbau zur Herberge der Mündigkeit“ die Rede, von „Transformationsprozessen“, einer „Digitalen Roadmap“ samt KI-Expertise und von „Sinnfluencern“, die das Evangelium ins Netz tragen. Alles verpackt in das biblische Motto: „Gebt Rechenschaft von der Hoffnung, die in euch ist“. Es riecht nach Aufbruch, nach edlem, gereiftem Wein. Doch wer an der Basis arbeitet, dem kann der Geschmack schnell vergehen. Es ist Zeit, ein wenig Wasser in diesen württembergischen Wein zu gießen – wohlwissend, dass dieser Wein mittlerweile in fast allen Landeskirchen der EKD ausgeschenkt wird. Das Zauberwort: regio-lokal ...Denn das, was Dan Peter für Württemberg beschreibt, ist kein regionaler Sonderweg. Es ist das Standard-Drehbuch des aktuellen kirchlichen „Transformationsprozesses“ bundesweit. Was meinen massiven Widerstand hervorruft, ist die absolute Alternativlosigkeit und Ausschließlichkeit, mit der das „regio-lokal“ ausgerichtete Konzept mittlerweile durch die kirchenpolitischen Lande gepeitscht wird. Hier im Artikel ist es „die“ württembergische Landeskirche, im Heft 05/2026 „schaute“ Steffen Bauer visionär sogar schon auf die Zukunft der Kirche im Jahr 2040. Kooperation und Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg? Natürlich, das ist sinnvoll und absolut vorstellbar – allerdings nur auf Augenhöhe und in Freiheit! Stattdessen erlebe ich einen von oben verordneten Zwang, der allzu oft mit einer künstlich herbeigeführten Verknappung von Ressourcen begründet wird, um Fakten zu schaffen. In persönlichen Zweiergesprächen nicken viele bei dieser Kritik, doch in der offiziellen, öffentlichen Diskussion vermisse ich diesen Einspruch schmerzlich. Im kirchenrechtlichen Klartext bedeutet „regio-lokal“ letztendlich die schleichende Entmachtung der Ortsgemeinde. Wenn Gemeinden ihren Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts verlieren und zu bloßen Anhängseln einer zentral verwalteten Großregion werden, stirbt die Identität vor Ort. Kirche lebte bisher davon, dass man sich kannte. Künftig kennt man vor allem die nächste Verwaltungsebene. JAP ...Besonders bitter schmeckt die Verheißung der „Jahresplanung im Pfarrdienst“ (JAP). Was als „Unterstützung und Transparenz“ angepriesen wird, kann sich ganz schnell als eiskaltes Controlling aus der Betriebswirtschaft entpuppen. Am Ende des Jahres steht die Pfarrperson wie ein weisungsgebundener Projektmanager vor dem Dekan oder Superintendenten und muss Rechenschaft ablegen: Ziele erreicht? Vorgaben eingehalten? Dass der Pfarrberuf über Jahre hinweg durch ausufernde Bürokratie und den Verlust von echter Gestaltungsmacht vor Ort systematisch abgewertet wurde, verschweigt das kirchenleitende Narrativ elegant. Der Nachwuchsmangel wird wie ein unverschuldetes Wetterphänomen beklagt, anstatt die hausgemachten strukturellen Fehler zu benennen. Digital ...Als moderner Trostpreis wird die Digitalisierung ins Feld geführt. Die württembergische Landeskirche ist sogar stolz darauf, als einzige eine eigene Agende für ein digital gefeiertes Abendmahl erarbeitet zu haben. Gefeiert werden soll das dann wohl mit den kircheneigenen „Sinnfluencern“. Doch die Annahme, man könne den realen Beziehungsabbruch in der Fläche durch Klicks und Bildschirmsakramente kompensieren, ist eine gefährliche Illusion. Digitale Reichweite schafft keine verbindliche Gemeinschaft, weder im Netz noch vor Ort. Verwaltung ...Dass die kirchliche Verwaltung dringend modernisierungsbedürftig ist, kann nicht bestritten werden. Den Württembergern ist zu wünschen, dass sie dabei mehr Erfolg haben als andere Landeskirchen, die im bürokratischen Chaos versunken sind. Oikos - Keimzelle des Glaubens oder Abwicklung?Eine ganz schmerzhafte Wunde schlägt der Immobilienprozess, der in Württemberg unter dem Namen „OIKOS“ firmiert. Man muss sich die theologische Absurdität auf der Zunge zergehen lassen: Im griechischen Urtext des Neuen Testaments beschreibt der Oikos das „Haus“ – jene vertraute, beziehungsstarke Hausgemeinschaft, die die Keimzelle der ersten christlichen Gemeinden bildete. Wenn es in der Apostelgeschichte heißt, dass ein Gläubiger sich und sein ganzes „Haus“ taufen ließ, stand dort der “Oikos”. Ausgerechnet diesen Begriff, der für das lebendige Wachstum intimer Gemeinschaft vor Ort steht, wählt die Kirchenbürokratie nun als Namen für ein Excel-gesteuertes Abwicklungsprogramm. Mit „vergleichbaren Kriterien“ wird errechnet, welche Gebäude weichen müssen. Verkauf, Abriss, Umwidmung. Betroffen sind nicht nur Gemeindehäuser, sondern zunehmend die Kirchen selbst. Das trifft das Herz einer Gemeinde. Eine Kirche ist kein bloßer Zweckbau, keine Immobilie, die man nach Auslastung bewertet. Eine Kirche, in der Gottesdienst gefeiert wird, ist ein sichtbares, steinernes Zeichen für den christlichen Glauben im Dorf oder im Quartier. Dass Generationen von Gemeindegliedern für ihre Kirche - auch für Gemeindehaus, Kita und was sonst noch gebaut wurde - gespendet, geschuftet und gebetet haben, das zählt im kirchenleitenden Denken offensichtlich wenig. Die Botschaft an die Menschen ist fatal: Eure Gaben waren nett, aber sie waren eben nur auf Zeit angelegt. Von oben nach unten ...Das Grundproblem ist und bleibt in meinen Augen: Die Kirche baut um – aber sie baut von oben nach unten. Wenn aus der ursprünglichen, biblischen Vision des Oikos am Ende nur eine zentralverwaltete Filialkirche im geordneten Rückzug wird, hilft auch das schönste theologische Etikett der Hoffnung nicht mehr. Dieser Wein schmeckt sauer. |
Bildnachweis zum oben eingefügten Bild
- Künstler: Leonardo da Vinci (1452–1519)
- Titel: A rearing horse, and heads of horses, a lion and a man (Recto, RCIN 912326)
- Quelle: Wikimedia Commons / Royal Collection
- Lizenzstatus: Gemeinfrei / Public Domain. Das Urheberrecht für dieses Werk ist weltweit abgelaufen (Schutzfrist mehr als 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers). Das Werk erfüllt zudem die Kriterien für die United States Public Domain.

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