Nachdem ich mich in der letzten Zeit intensiv mit den Plänen zur Umstrukturierung der Kirchengemeinden – weg von Körperschaften des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.) hin zu Körperschaften kirchlichen Rechts (K.d.k.R.) – beschäftigt habe, drängt sich eine größere Frage auf: In welchem Kontext stehen diese Überlegungen zur lokalen Basis der Kirche eigentlich?
Die „Papierflut aus Hannover“ und das Verstummen der Basis
Um das zu verstehen, habe ich mich auf eine Internetrecherche begeben, denn die Vielzahl der Impulse, Denkschriften und Reformpapiere, die die EKD seit den frühen 2000er Jahren produziert hat, kann man beim besten Willen nicht mehr alle „auf dem Schirm“ haben. Was sich dabei offenbart, ist eine wahre Papierflut aus Hannover, die in seltsamem Kontrast zur realen Erosion des kirchlichen Lebens vor Ort steht.
1. Der Sündenfall: "Kirche der Freiheit" (2006)
Der Startschuss für die moderne Reform-Ära war das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ im Jahr 2006. Es war der massive Versuch, die Kirche mit betriebswirtschaftlicher Logik zu retten. Plötzlich war die Rede von „Leuchttürmen“, „Wachstumskernen“ und „Profilschärfung“.
Rückblickend muss man konstatieren: Dieses Papier war der Einzug des Management-Sprechs in die Sakristei. Während in Hannover über effiziente Strukturen und Marktanteile philosophiert wurde, begann an der Basis ein Prozess der Entfremdung. Man versuchte, geistliches Wachstum durch administrative Professionalisierung zu erzwingen – ein Ansatz, der die ehrenamtliche Substanz oft eher gelähmt als beflügelt hat. Die heutige Abwicklung des K.d.ö.R.-Status der Gemeinden ist im Grunde die finale Exekution dieser damaligen Logik: Effizienz geht vor Beheimatung.
Aus dem Jahr 2016 gibt es auf den Seiten von "Deutschlandfunk Kultur" einen interessanten Beitrag, der auf »Zehn Jahre Impulspapier „Kirche der Freiheit“« zurückschaut und fragt: "Mit viel Pathos falsche Ziele gesetzt?"
2. Die Kirche als „NGO mit Glockengeläut“: Nachhaltigkeit (2018)
Ein weiterer Meilenstein war die „Umkehr zur Nachhaltigkeit“ (2018) und die verstärkte Positionierung zu Klimafragen. Natürlich sind dies drängende ethische Themen. Doch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung geschah etwas Problematisches: Die Kirche wurde zum Juniorpartner säkularer Bewegungen.
Wenn kirchliche Impulse sich in moralischen Appellen erschöpfen, die man eins zu eins auch bei Greenpeace oder politischen Parteien lesen kann, verliert die Kirche ihr spezifisch theologisches Profil. Man generiert vielleicht kurzfristig öffentliches Wohlwollen in bestimmten Milieus, doch der Preis ist hoch: Das Proprium, die Verkündigung des Evangeliums und die Zusage der Erlösung, tritt hinter den aktivistischen Imperativ zurück. Gesellschaftlich spürbar ist die Kirche hier oft nur noch als eine weitere NGO – eine mit Glockengeläut, aber ohne echtes Alleinstellungsmerkmal.
3. Von 11 zu 12: Die Leitsätze als Autotherapie (2020)
Besonders bezeichnend für die interne Dynamik war der Prozess um die Schrift „Hinaus ins Weite – Kirche auf gutem Grund“. Dass man zunächst 11 Leitsätze präsentierte, die aufgrund ihrer vagen und fast esoterisch anmutenden Sprache scharf kritisiert und teilweise verspottet wurden, nur um sie dann eilig auf 12 Leitsätze zu erweitern, spricht Bände. - Einem meiner Gesprächspartner fiel zu den 11 Leitsätzen ein: "Beim Karneval in Köln gibt's den Elferrat".
Diese Leitsätze wirken wie eine Form der kircheninternen Autotherapie. Man versichert sich gegenseitig einer „aufgeschlossenen Zukunft“, während man gleichzeitig die rechtlichen und finanziellen Grundlagen der Ortsgemeinden beschneidet. Es ist eine Sprache der „Blase“, die gesellschaftlich kaum noch Resonanz findet. Die „Weite“, von der hier die Rede ist, wird an der Basis oft als die Leere wahrgenommen, die entsteht, wenn Pfarrhäuser verkauft und Gemeinden zu administrativen Serviceeinheiten degradiert werden.
4. Das Paradox der Reform-Erschöpfung
Die Internetrecherche fördert noch viel mehr zu Tage: Denkschriften zum Frieden, zur Wirtschaft, zur Familie. Doch das bittere Fazit lautet: Je mehr Papier in Hannover produziert wird, desto weniger kommt „unten“ an. Es gibt einen massiven Transmissionsverlust.
Während die Kirchenleitung meint, durch ständige Neu-Positionierung gesellschaftliche Relevanz zu sichern, bricht die wichtigste Ressource weg: die lokale Bindung. Die Freiburger Studie (2019) hat es schwarz auf weiß belegt: Der Kirchenaustritt ist ein Verhaltensproblem, das durch mangelnde Relevanz und schwindende Kontakte ausgelöst wird. Wenn die Kirche aber den Weg der Zentralisierung geht, zerstört sie genau die Kontaktflächen, die sie eigentlich bräuchte.
Fazit: Ende der Landeskirchen durch Über-Administration?
Die „Papierflut aus Hannover“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns in einer tiefen Identitätskrise befinden. Die schleichende Umwandlung der Gemeinden in „Serviceeinheiten“ verkennt, dass Menschen keine Dienstleistung suchen, sondern eine geistliche Heimat. Wenn die Kirche weiter den Weg der Zentralisierung – von oben nach unten – geht, dann ist das nicht nur ein Paradigmenwechsel, sondern der Anfang vom Ende der Landeskirchen als Volkskirche.
Die Basis wird die Kosten dieser Zentralisierung am Ende nicht tragen – sie wird schlicht wegbrechen. Was wir bräuchten, wäre keine neue Denkschrift, sondern eine radikale Besinnung auf die Kernaufgaben vor Ort: Wort und Sakrament, verankert in einer rechtlich und finanziell souveränen Gemeinde. Alles andere ist das Verwalten eines Niedergangs auf sehr teurem Papier.
Was denken Sie? Erreichen Sie die Impulse aus Hannover noch in Ihrem Gemeindialltag, oder nehmen Sie eher eine „Reform-Erschöpfung“ wahr? Diskutieren Sie mit in den Kommentaren!