Dienstag, 16. Dezember 2025

Der Preis der Zentralisierung

Warum der Körperschaftsstatus ein Identitätsanker ist!

Ich habe im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt den Artikel von Andreas Dreyer zum Thema "Körperschaftsstatus der Ortsgemeinde" gelesen - hier verlinkt. Still und leise - sicherlich nicht heimlich, aber von der Pfarrerschaft (und von Kirchenvorständen) überhaupt nicht aufgenommen und reflektiert - scheint das Thema schon ziemlich weit gediehen zu sein. Die Dokumente aus der Pfalz deuten darauf hin. Da werden andere Landeskirchen kaum zurückstehen. 

Andreas Dreyer vertritt die These: Der Körperschaftsstatus des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.) ist kein Adiaphoron, kein theologisch gleichgültiger Randaspekt. Er ist der Anker, der die historische und rechtliche Partnerschaft zwischen Kirche und Rechtsstaat sichert. In Zeiten, in denen Landeskirchen wie die Evangelische Kirche der Pfalz planen, diesen Status auf Gemeindeebene zugunsten einer zentralisierten Verwaltung aufzugeben, muss jedoch klar und offen über den hohen Preis dieser administrativen Rettungsversuche gesprochen werden.

1. Die Entmachtung der Ortsgemeinde

Die Zentralisierung der Verwaltung und die Überführung der Kirchengemeinden in Körperschaften kirchlichen Rechts (K.d.k.R.) ist keine Entlastung, sondern eine Entmachtung. 

Wenn das, was ich bisher recherchiert habe - Verlust der Vermögenshoheit und Verlust der Anstellungshoheit -, zutrifft, dann müssen aber überall die Alarmglocken schrillen!

  • Verlust der Vermögenshoheit: Mit dem K.d.ö.R.-Status gibt die Kirchengemeinde ihr Eigentum an den übergeordneten Kirchenbezirk ab. Damit verliert das lokale Presbyterium die Kontrolle über Kirchen, Pfarrhäuser und Gemeindehäuser. Das größte Risiko besteht darin, dass die Entscheidung über die Entwidmung oder Veräußerung von Immobilien nicht mehr dort getroffen wird, wo die Gemeinde lebt, sondern auf einer fernen Verwaltungsebene, die primär nach ökonomischer Effizienz entscheidet.

  • Verlust der Anstellungshoheit: Die Kirchengemeinde verliert das Recht zur eigenständigen Besetzung von Pfarrstellen (Wahlrecht) und die Arbeitgeberfunktion für Küster, Sekretäre und Hausmeister. Diese Mitarbeitenden werden zu Ressourcen der Bezirksverwaltung, was die Identifikation und die Bindung an die lokale Gemeinde massiv schwächt.

Dieser Schritt mag kurzfristig im Plan und auf dem Papier den Verwaltungsaufwand reduzieren (die Hauptbegründung der Reformer), er erzeugt aber eine praktische Komplexität an der Schnittstelle: Ehrenamtliche Kontrolle über und Engagement für die eigenen Immobilien weicht langwierigen zentralen Genehmigungsprozessen. 

Ich habe keine Phantasie, wie ein Kirchenbezirk ohne zusätzliches Personal diese Aufgaben managen will. Und die Bindung, die Personal vor Ort erreichen kann, die erreicht Personal auf der Bezirksebene niemals!

2. Das Problem des Profilverlusts wird verschärft

Die eigentliche Schwachstelle des Systems liegt jedoch tiefer: in dem von vielen Gemeindegliedern und Pfarrern empfundenen theologischen Profilverlust der Landeskirchen und Kirchenkreise.

Wie Dreyer betont, soll der K.d.ö.R.-Status das partnerschaftliche Vertrauen in den Rechtsstaat sichern. Doch dieses Vertrauen wird nur dann von innen heraus gestärkt, wenn die Kirche selbst glaubhaft ihren theologischen Auftrag (Verkündigung des Evangeliums, Darreichung der Sakramente gemäß der biblischen Botschaft und dem Bekenntnis) erfüllt.

Wenn die übergeordnete Körperschaft, die nun alle Fäden in der Hand hält, selbst kein klar wahrnehmbares theologisches Profil mehr ausstrahlt, sondern vor allem als Manager der Schrumpfung auftritt, wird die Zentralisierung das Problem nur verschärfen:

  • Identifikationsvakuum: Die Gemeindeglieder sehen in der neuen, großen Verwaltungseinheit keinen geistlichen Leiter, sondern eine anonyme Instanz.

  • Uniformität: Die theologische Vielfalt der Gemeinden und die Freiheit in der Gestaltung des lokalen Lebens droht einer standardisierten, verwalteten Grundversorgung zu weichen.

3. Die notwendige Gegensteuerung: Konzentration auf den Kern

Der K.d.ö.R.-Status muss, um zukunftsfähig zu bleiben, nicht nur verteidigt, sondern durch eine radikale Fokussierung der Kirchenämter auf ihre Kernaufgaben gestärkt werden.

Die Kirchenämter (Kirchenkreise/Bezirke), die ihre hoheitlichen Privilegien behalten, müssen sich von Aufgaben trennen, die das theologische Profil verschleiern:

  • Entflechtung von Diakonie und Verwaltung: Die Verwaltung diakonischer (Groß)betriebe (Altenheime, Krankenhäuser etc.) muss organisatorisch und finanziell vollständig ausgelagert werden. Diese diakonischen Einrichtungen, so wichtig sie sind, müssen ihre Finanzierung vollständig über Drittmittel (Kassen, staatliche Förderungen, Spenden) absichern.

  • Fokus auf Begleitung: Die Kirchenämter müssen sich auf ihre originären Aufgaben konzentrieren: die geistliche und seelsorgerliche Begleitung der Kirchengemeinden und die qualifizierte fachliche Unterstützung in jenen Bereichen (Bau, Finanzen, Personal), in denen lokale, ehrenamtliche Gremien überfordert sind.

Fazit: Die Aufgabe des K.d.ö.R.-Status der Gemeinden ist keine theologisch gleichgültige, sondern eine existenzielle Entscheidung. Sie entmachtet die lokale Kirche und schafft eine überforderte Zentralverwaltung. Bevor die Kirche diesen Schritt geht, muss sie das Vertrauen in die Fähigkeit und das theologische Profil der zentralen Leitungsebenen wiederherstellen. Nur wenn die Kirchenämter beweisen, dass sie mehr als nur Verwalter sind, kann die Zentralisierung funktionieren. Andernfalls wird der gewonnene administrative Vorteil mit dem Verlust der lebendigen Identität der Ortsgemeinden bezahlt.

Dienstag, 9. Dezember 2025

Kirche und Relevanz

Relevante Kirche?

Ich sag's doch: Als Pensionär hat man Zeit zum Lesen. Es ist wieder das "Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt", aus dem ich den Artikel von Eckehard Möllers "Was ist relevant?" aufnehme. Eckehard Möller, Vorsitzender im Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer, hatte diese Gedanken ursprünglich im Ramen der Mitgliederversammlung 2025 in Karlsruhe in seinem Geschäftsbericht vorgetragen.

Kurzzusammenfassung

Eckehard Möllers Artikel "Was ist relevant? – Veränderungen für Kirche und Pfarrberuf in einer sich wandelnden Gesellschaft" befasst sich mit den tiefgreifenden Veränderungen und Krisenerscheinungen der evangelischen Kirche in Deutschland. Er stellt die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz, insbesondere nachdem die Kirche während der Corona-Pandemie nicht als "systemrelevant" eingestuft wurde. Möller beschreibt ein Gefühl der Vergeblichkeit im Pfarrberuf, ausgelöst durch den kontinuierlichen Rückgang von Gemeindegliederzahlen, kirchlichen Handlungen (Taufen, Trauungen) und damit verbundenen Einnahmen. Er konstatiert, dass die überkommenen Strukturen der Volkskirche in der heutigen, sich wandelnden Gesellschaft kaum noch Relevanz besitzen. Zentrale Themen der Kirchenreform, die er anspricht, sind die Verlustängste und die Diskussion um das Dienstrecht der Pfarrerinnen und Pfarrer – insbesondere die mögliche Umstellung vom öffentlich-rechtlichen auf ein privatrechtliches Anstellungsverhältnis für Neueinstellungen. Er erörtert ferner die Frage nach der Körperschaftsform der Gemeinden und die Notwendigkeit von multiprofessionellen Teams sowie klaren Arbeitszeitregelungen, um die wachsende Überforderung der Geistlichen zu adressieren. Zusammenfassend fordert Möller einen offenen und angstfreien Dialog über diese tiefgreifenden Reformen, um die Rückgewinnung von Relevanz in Kirche und Gesellschaft zu ermöglichen, auch wenn dies das Aufgeben tradierter Privilegien bedeuten kann.

Einleitung zur Profession

Bevor ich auf Eckehard Möllers Ausführungen eingehe, ist es mir wichtig, meinen Ausgangspunkt zu klären: Ich betrachte den Pfarrberuf als einen Beruf mit Profession – vergleichbar mit den klassischen akademischen Berufen in der Medizin oder der Rechtswissenschaft. Ich habe mich in meinen 36 Dienstjahren stets als eine Art Freiberufler mit festem Gehalt verstanden, das mich und meine Familie absicherte. Dieses feste Fundament erlaubte es mir, den Beruf im vollen Sinne der Profession auszuüben: mit wissenschaftlich fundierter Kompetenz, hoher Autonomie und einer klaren ethischen Verantwortung für das Gemeinwohl. Ein solcher anspruchsvoller Beruf lässt sich nicht auf starre Arbeitszeiten reduzieren. Es gehörte zu meinem professionellen Selbstverständnis, dass es Wochen mit mehr als 40 Stunden gab – dafür aber auch die Freiheit und die Flexibilität, in anderen Zeiten Freiräume für mich und meine Familie zu schaffen. Die Gemeinde akzeptierte das. Das Streben nach einer solchen selbstgesteuerten Work-Life-Balance ist somit keine Privilegienforderung, sondern ein wesentliches Kennzeichen der Professionalität in einem Amt, das sich nicht an der Stechuhr, sondern an der komplexen Lebensrealität der Menschen orientiert. Auf dieser Grundlage möchte ich nun auf Möllers Artikel reagieren.

Die lokale Profession als Fundament kirchlicher Systemrelevanz


Relevanzverlust

Eckehard Möllers Artikel beschreibt präzise die strukturelle und finanzielle Krise der evangelischen Kirche – das Gefühl der Vergeblichkeit, den schmerzhaften Verlust der Systemrelevanz und die Diskussion um die nötigen Strukturreformen. Dies ist die notwendige Realität der Kirchenleitungen. Doch die eigentliche Krise der Kirche ist in meinen Augen eine Krise der Profession selbst, da sie an ihren Kernmerkmalen rüttelt: 

Zunächst die Erosion des gesellschaftlichen Mandats: Möller benennt die Kränkung, dass die Kirche in der Pandemie nicht als systemrelevant eingestuft wurde und ihre Rolle als moralische Instanz längst ausgespielt habe. Dies ist der schmerzhafteste Ausdruck, dass die Gesellschaft die geleistete Fachlichkeit nicht mehr als existenzielle Notwendigkeit anerkennt. 

Zweitens wird die Autonomie des Pfarrberufs bedroht: Das aktuell diskutierte Wechsel des Dienstverhältnisses vom öffentlich-rechtlichen Status zu privatrechtlichen Anstellungen stellt die Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit des Pfarrers fundamental in Frage. Bei einer Reduzierung auf ein Angestelltenverhältnis droht die Degradierung der Pfarrperson zu einem hochregulierten, austauschbaren Funktionserfüller, deren Freiheit der Verkündigung letztlich eingeschränkt wird. 

Und drittens führt die von Möller beschriebene Vergeblichkeit – die sinkenden Zahlen und die Überforderung durch die überkommenen Volkskirchenstrukturen – zu einer Verbitterung im Amt. Pfarrer werden zu Notfallmanagern und administrativen Verwaltern, was zu einem Auseinanderdriften von akademischer Qualifikation und der tatsächlichen Tätigkeit führt und die Fähigkeit zur reflektierten Seelsorge aushöhlt.

Gelebte Relevanz auf der Mikroebene

Gerade weil Möller diese strukturellen Krisen so klar benennt, muss der Blick nun scharf auf das Gegenargument gerichtet werden – die gelebte Relevanz auf der Mikroebene. Mein 29-jähriger Dienst in der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde hat mir gezeigt, dass die Kirche sehr wohl systemrelevant ist – in der Nachbarschaft, in der Stadt, im Landkreis. Der Bürgermeister sprach mir beim Abschied aus der Seele, als er sagte: "Sie haben fortwährend gezeigt, wie Kirche lebendig bleiben kann: indem sie nah bei den Menschen ist. Indem sie nicht nur sonntags im Gottesdienst wirkt, sondern mitten im Alltag." Er unterstrich die Präsenz an allen entscheidenden Lebenspunkten als entscheidenden Beitrag dazu, dass sich Menschen zu Hause fühlen konnten. Die Sozialdezernentin des Landkreises betonte zudem, dass ich nicht nur ein engagierter Interessenvertreter für die Kirchengemeinde, sondern auch für das Wohl des Einzelnen und die Menschen mit Fluchterfahrung war: "Sie waren niemals bequem und haben sich niemals in eine Komfortzone zurückgezogen." Sie hob meine Fähigkeit hervor, ein feines Gespür für die Rechtslage zu haben, aber nie nachzulassen, eine Lösung zu finden – genau die komplexe Aufgabe, die eine Profession kennzeichnet. Diese lokalen, überparteilichen und zutiefst menschlichen Dienstleistungen sind der Beweis dafür, dass die Profession des Pfarrers und die lokale Kirchengemeinde sehr wohl systemrelevant auf Mikroebene sind.

Inkompetenz der kirchenleitenden Ebenen

Umso irritierender wirkt die Inkompetenz der kirchenleitenden Ebenen, die Möller beispielhaft durch den absurden Ratschlag belegt: "Ihr müsst mehr taufen!" Diese quantitative Anweisung behandelt das Sakrament als simples Marketingziel, ignoriert die theologische Tiefe der Überzeugung und demonstriert einen Mangel an Realitätsblick für die seelsorgerische Arbeit. Ein solcher Ratschlag untergräbt das Vertrauen in die Leitung und beschleunigt die Entfremdung der Basis. 

Körperschaftsform

Die Verlockung, die Möller bei der Umstellung der Körperschaftsform beschreibt – die Gemeinden könnten sich auf ihre ureigensten Aufgaben wie Seelsorge und Verkündigung zurückziehen, befreit vom "Ballast, den Besitz mit sich bringt" – ist daher kritisch zu hinterfragen. Die materielle Verankerung ist nicht nur Ballast, sondern die Basis für die soziale Relevanz, die in meiner Gemeinde so gelobt wurde. Wer die Institution Kirchengemeinde nicht hält, verliert den Zugriff auf die Menschen. 

Das fordert schon ein hohes Maß an Präsenz vor Ort. Dabei will ich die berechtigte Forderung (junger) Kolleginnen und Kollegen nach einer Work-Life-Balance nicht ausblenden. Sie ist ein notwendiger Schutz der professionellen Leistungsfähigkeit. Jedoch wird dieser Ausgleich nicht mit Verweis auf feste Dienstzeiten erreicht. Dieser Ausgleich kann sinnvoll nur durch die eigene Autonomie und Selbstführung erreicht werden. Dieser Ausgleich, so zeigt es meine Erfahrung, wird von der Gemeinde akzeptiert, wenn die professionelle Qualität stimmt.

Kirche vor Ort ist durch nichts zu ersetzen

Der Pfarrverband und die Pfarrvertretungen müssen sich angesichts dieser Entwicklungen mit aller Entschiedenheit für eine Kirche vor Ort einsetzen, die in ihrer Autonomie und in ihrem Anspruch als Profession gestärkt wird. Dieses Engagement ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit für die Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern eine Frage der finanziellen Überlebensfähigkeit der gesamten Kirche. Die Kirchengemeinden vor Ort sind das Fundament – auch finanziell – der gesamten EKD. Bricht dieses Fundament, die einzige Quelle realer, spürbarer Relevanz und Glaubwürdigkeit, durch strukturellen Kahlschlag und kirchenleitende Entfremdung weiter weg, werden in der Folge auch die Finanzen weiter erodieren. Dann können EKD und Landeskirchen sehen, wie sie sich und ihre zentralen Vorhaben ohne die Basis finanzieren können. Die lokale Profession ist die einzige Antwort auf die Krise der Relevanz.

Montag, 8. Dezember 2025

Ecclesia evangelica, quo vadis? - 9. Teil

Gedanken zu Christoph Bergners Aufsatz "Der Verlust der Nähe - Wie die Kirche den Bezug zu sich selbst und zu ihren Mitgliedern verlor" im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt Oktober 2025 - hier anklicken. 

Er kann's nicht lassen!

Vorab: Als ich in meinem Predigtblog zum Reformationstag 2025 einen den Beitrag "Nachgedacht: Nüchternheit, Dialektik und der Gewinn einer neuen Mitte" veröffentlichte, kam prompt von einem Kollegen und einer Kirchenvorsteherin unabhängig voneinander eine Reminiszenz an Heinz Rühmann in seiner Rolle als Pfarrer Braun, jetzt eben bezogen auf mich: Er kann's nicht lassen!

Das stimmt offensichtlich, denn ich will auch hier diesen Blog wieder eröffnen. Und auch jetzt geht es um die Frage, wohin die evangelische Kirche driftet. 

Christoph Bergner: Der Verlust der Nähe ...

In der Ausgabe 2025/10 des “Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt” fand ich den eingangs erwähnten Artikel von Christoph Bergner. Dieser Artikel hat es in sich. Aktuell finden sich in der Onlineausgabe des Blattes 52 zustimmende Kommentare von ca. 20 Personen. Weil die von Bergner beschriebenen Tendenzen sich auch in der Hannoverschen Landeskirche abzeichnen, wurden die nachfolgenden Zeilen dankenswerterweise im Sprachrohr der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde (Ausgabe 239) veröffentlicht. 

Anmerkung vorab: Der nachfolgende Text ist eine Zusammenfassung des langen Artikels von Christoph Bergner, der sich allerdings zu lesen lohnt! Eigentlich müsste deshalb hier an vielen Stellen der Konjunktiv verwendet werden. Um der besseren Lesbarkeit willen – und weil Bergners Ausführungen sich mit meinen Erfahrungen decken –, gebe ich die Überlegungen des Pfarrers im Indikativ wieder. 

Eine scharfe Analyse von Pfarrer i.R. Dr. Christoph Bergner

Die Evangelische Kirche steckt in einer tiefen Krise. Doch statt die Ursachen zu beheben, bewirken die laufenden Reformen das Gegenteil: Sie führen zu einem Verlust der Nähe zur Kirchenbasis und den Mitgliedern. Dr. Christoph Bergner, langjähriger Synodaler und Kenner der kirchlichen Finanzen, kritisiert in einem aktuellen Beitrag scharf, dass die Kirchenleitungen die Gemeinden vor Ort systematisch entwerten und entrechten zugunsten der zentralen Verwaltung.

1. Die Gemeinde wird zur "Filiale" degradiert

Die Reformen verfolgen eine zentrale Logik: Die Kirchenleitung muss die Kontrolle behalten, um Strukturveränderungen schnell durchsetzen zu können. Das geschieht auf Kosten der Selbstständigkeit der Gemeinden:

Entzug von Mitteln: Es ist das erklärte Ziel, möglichst viele finanzielle Mittel auf der Ebene der Gesamtkirche zu behalten. Dadurch fehlt den Kirchengemeinden die finanzielle Ausstattung, um eigenständig über Projekte, Personal oder die Gestaltung ihres Gemeindelebens zu entscheiden.

Abbau von Personal: Folgerichtig lässt die Kirchenleitung kaum noch Personal direkt auf Gemeindeebene zu. Stellen werden gestrichen, Gemeindepfarrstellen können nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung gestellt werden. Die Gemeinde wird abhängig von zentral gesteuerten Ressourcen.

Die bittere Folge: Die lebendige Kirchengemeinde vor Ort wird zu einer "Filiale" degradiert, die von der Kirchenleitung mit begrenzten Mitteln und Personal verwaltet wird – aber nicht mehr selbstbestimmt agiert.

2. Der Gottesdienst wird zur "Synergie"

Auch die Kernaufgaben der Kirche werden der Effizienz untergeordnet:

Der Pastor als Manager: Der Pfarrberuf wird systematisch entwertet. Pfarrer sollen heute in erster Linie Manager, Pädagogen und Psychologen sein – oft ohne ausreichende Ausbildung. Pastorale Kernaufgaben wie Gottesdienst, Seelsorge und Unterricht werden durch Kennzahlen und Effizienzvorgaben ersetzt.

Gestrichene Gottesdienste: Um "Synergieeffekte" zu erzielen, werden aufwendige Pläne für ständig wechselnde Gottesdienstorte und -zeiten entwickelt. Dies führt zum Ausfall von Gottesdiensten und macht es den Gemeindegliedern unnötig schwer, überhaupt zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Die Kette der Entwertung: Die Kirchenverwaltung setzt ihre eigenen Pläne über die Bedürfnisse der Menschen. Die Kirche wird zu einem Unternehmen, das sich selbst optimiert, während sie ihren geistlichen Auftrag verliert.

3. Versagen der Verwaltung und fehlende Kontrolle

Bergner kritisiert, dass die angestrebte "moderne, effiziente Verwaltung" gescheitert ist.

Ineffizienz: Trotz aller Reformen sind Kirchenverwaltungen mit sich selbst überfordert. Es fehlen teils seit Jahren Haushaltsabschlüsse / Bilanzen, und Kontrollmechanismen haben versagt. Die Reformen haben keine Einsparungen gebracht, sondern lediglich Mittel von unten nach oben umgeschichtet – Verlierer sind die Gemeinden.

Die Synode ist machtlos: Die Synodalen (Kirchenparlamentarier) können der Dominanz der Verwaltung oft nichts entgegensetzen, weil zu komplexe Vorlagen in zu kurzer Zeit behandelt werden müssen. Die Verwaltung hat die Informationshoheit und kontrolliert die Debatte.

Meine Kommentare zum Artikel


Synode

Ich habe mir mal ein paar Gedanken gemacht, wie Entscheidungen in den evangelischen Kirchenparlamenten, in den Synoden, eigentlich zustande kommen. Vor Augen habe ich da in erste Linie die Gremien auf der Kirchenkreis- bzw. Dekanatsebene. Ich vermute aber, dass es auf der landeskirchlichen Ebene nicht anders aussieht. 

Formal sind die Synoden das gesetzgebende und haushaltsführende Organ der Kirche und sollen die demokratische Legitimation durch eine breite Vertretung von Laien sichern. In der Praxis kollidiert dieser hohe Anspruch jedoch mit den realen Bedingungen ehrenamtlicher und teilzeitlicher Arbeit. Das Dilemma könnte man so beschreiben: Wenn Ehrenamt auf Verwaltung trifft. Ich fasse die Probleme des kirchlichen Parlamentarismus aus meiner Sicht zusammen: 

1. Die Erosion der Kontrollfunktion: Die Synoden tagen nur wenige Male im Jahr. Obwohl ihnen komplexe Gesetzes- und Haushaltsentwürfe zugestellt werden, ist die fehlende Lese- und Einarbeitungszeit der ehrenamtlichen Synodalen – ein Ausdruck des Spannungsfelds zwischen Ehrenamt und Hauptberuf – ein Dauerproblem. 

2. Die Machtlücke zur Kirchenleitung und -verwaltung: Die Schwäche des Ehrenamts wird dadurch verschärft, dass selbst viele Pfarrpersonen die juristischen und ökonomischen Details der Kirchenverwaltung nicht durchdringen. Dies schafft eine asymmetrische Informations- und Machtverteilung zugunsten der Kirchenleitung und -verwaltung. Die hauptamtlichen Strukturen (Finanzabteilungen, Rechtsdezernate) werden so zum faktischen Souverän der Kirche. Ihnen fehlt ein qualifizierter Gegenpart im Parlament, der die Vorlagen kritisch prüft, eigene Alternativen entwickelt und die Verwaltung wirksam kontrolliert. 

3. Die fehlende parteipolitische Bündelung: Anders als politische Parlamente, in denen Parteien und Fraktionen die unterschiedlichen Interessen professionell bündeln, um Handlungsfähigkeit zu garantieren, fehlt den Synoden diese organisatorische Disziplin. Die Synodalen agieren oft als isolierte Einzelakteure. Dies verhindert die Bildung stabiler thematischer Blöcke und erschwert die kollektive Willensbildung, was die Zersplitterung der Entscheidungsfindung weiter verstärkt. 

Zusammenfassend halte ich fest: Die kirchlichen Synoden laufen Gefahr, zu symbolischen Akklamationsgremien zu verkommen. Das demokratische Ideal der Synodalität wird durch das Fehlen professioneller Organisation und die Informationshoheit der Kirchenleitung und -verwaltung entwertet. Um die Funktionsfähigkeit und die Legitimation ihrer Kirchenparlamente zu sichern, müssten Wege gefunden werden, um die ehrenamtliche Kontrolle personell und strukturell zu stärken.

Machtmissbrauch auf leitender Ebene

Die Passage über die Aussage einer Dekanin/Superintendentin habe ich mal mit den Augen eines Vorstandsmitglieds im Verein “D.A.V.I.D. - gegen Mobbing in der Evangelischen Kirche” gelesen. Es ging um die Zusammenlegung von Gottesdiensten, bei der eine Pfarrerin nicht mitmachen wollte. Bergner schreibt dann: “Die Dekanin/Superintendentin wies sie mit den Worten zurecht, dass auch in ländlichen Teilen des Dekanats/der Superintendentur noch Verwendung für die resistente Kollegin bestünde.” 

Gut, diese Aussage wird man in diesem Kontext nicht eindeutig als Mobbing im rechtlichen oder psychologischen Sinne einordnen, aber sie erfüllt eindeutig Merkmale von autoritärem und respektlosem Führungsverhalten oder verbaler Aggression. Eine solche Aussage ist höchst problematisch und liegt im Grenzbereich unethischen Verhaltens. 

Die Zurechtweisung findet in einer kollegialen Runde statt. Dies ist eine Form der öffentlichen Bloßstellung und der Herabwürdigung der Kollegin. Die Dekanin/Superintendentin verwendet den Begriff "resistent" bewusst abwertend. Sie unterstellt damit der Pfarrerin Starrsinn, Unwilligkeit zur Kooperation und eine persönliche Abwehrhaltung gegenüber notwendigen Strukturveränderungen. Die Vorgesetzte greift die berufliche Integrität der Pfarrerin an. Der Satz, "dass auch in ländlichen Teilen ... noch Verwendung für die resistente Kollegin bestünde", muss als latente Drohung mit einer Zwangsversetzung oder Abwertung interpretiert werden. Er impliziert: "Wenn du dich nicht anpasst, können wir dich in einen weniger attraktiven, ländlichen Bereich abschieben." Es entwertet die bisherige Arbeit und die Person selbst (Verwendung wie ein Objekt). 

Als Fazit kann man nur festhalten: Die Aussage der Dekanin/Superintendentin ist ein Beispiel für einen Missbrauch von Autorität und unangemessenen Umgang mit berechtigtem Widerstand gegen unpopuläre Entscheidungen. Sie erfüllt die Kriterien für eine einzelne, aggressive Handlung (im Sinne einer Bossing-Aktion, da die Handlung von einer Vorgesetzten ausgeht). Sie signalisiert ein feindseliges Arbeitsklima, in dem kritische Stimmen nicht auf sachlicher Ebene, sondern durch persönliche Angriffe und autoritäre Machtdemonstration unterdrückt werden. 

Wenn so etwas in der Öffentlichkeit thematisiert wird - und es sollte thematisiert werden, weil ein solches Verhalten einer kirchenleitenden Person unwürdig ist, aber leider von anderen Kollegen auch erlebt wird - wenn dies thematisiert wird, müssen wir uns nicht wundern, wenn gerade engagierte Kirchenglieder der Kirche den Rücken kehren und Jugendliche, die durchaus das Zeug zum Pfarrberuf hätten, lieber in anderen Arbeitsfeldern aktiv werden.

Donnerstag, 31. Juli 2025

Ökumenischer Pfingstgottesdienst 2025 - Windthorstplatz Meppen

Vorerst schließen will ich diese Reihe mit der Predigt, die ich beim ökumenischen Pfingstgottesdienst 2025 auf dem Windthorstplatz in Meppen gehalten habe. Seit ca. 20 Jahren gestalten alle christlichen Kirchengemeinden Meppens am Pfingstmontag einen gemeinsamen Gottesdienst. Das Vorbereitungsteam hatte den Gottesdienst unter den Titel "Aufbrauch" gestellt. 

Aufbruch ...

Aufbruch - in vier Gemeinden gibt es Veränderungen bei den Pfarrstellen - Günter Bültel geht nach Papenburg, Franz Bernhard Lanvermeyer kommt nach Meppen. Pater Benny geht nach Rhauderfehn, Pater Johny bleibt. Gert Veldmann hat als pensionierter Pastor die reformierte Kirchengemeinde 3 Jahre betreut, jetzt werden Gespräche über eine Neubesetzung geführt. Ich selbst gehe zum September in den Ruhestand. Die Kollegen aus den Nachbargemeinden übernehmen erst einmal den pfarramtlichen Dienst. Das wird der Aufbruch hier in Meppen sein. 

Alle Kirchen stehen vor gravierenden Veränderungen

Dann schoss mir durch den Kopf, dass unsere Kirchen insgesamt vor gravierenden Veränderungen stehen. Dass ihr in der katholischen Kirche mit Papst Leo sehr schnell ein neues Oberhaupt bekommen habt, darf nicht unerwähnt bleiben. Interessant dürfte es für die Katholiken in Deutschland auch sein, wie es mit dem "Synodalen Weg" weitergeht. Als Stichworte werden genannt: „Macht und Gewaltenteilung“ - „Leben in gelingenden Beziehungent“ - „Priesterliche Existenz heute“ - „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“. 

Diese Themen sprechen mich als evangelischen Pastor natürlich an. Jedoch, was ihr diskutiert, haben wir in der evangelischen Kirche vielfach schon umgesetzt, aber auch die evangelischen Kirchen stehen vor immensen Problemen. 

Mit den Feiern zum Reformationsjubiläum 2017 hatten wir die volle Aufmerksamkeit der Medien und auch Zuspruch von den Menschen. Danach ist die evangelische Kirche - zumindest die lutherische - implodiert. Sie war nicht in der Lage, auch nur noch einen der reformatorischen Höhepunkte, die es auch nach dem Thesenanschlag von 1517 zu Hauf gab - die evangelische Kirche war nicht in der Lage, auch nur einen dieser Höhepunkte angemessen zu würdigen. Und auch keines der bisher gestarteten Zukunftsprogramme hat die Abwärtsspirale verlangsamen, geschweige denn aufhalten können. Das Ganze geht natürlich an den kleineren Kirchen wie der Baptistischen und der Neuapostolischen nicht spurlos vorüber. Das fällt mir zum Stichwort “Aufbruch” im Blick auf unsere Kirchen ein. 

Pfingsten und Aufbruch

Was sagt eigentlich die Botschaft des Pfingstfestes zum Aufbruch? In der Pfingstpredigt des Petrus können wir es lesen: “Ihr Männer von Israel,... ihr habt Jesus von Nazareth … durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht. 24 Den hat Gott auferweckt …, des sind wir Zeugen. … ”

... den hat Gott auferweckt ...

Petrus setzt beim Zentrum des christlichen Glaubens an: Jesus Christus, auferstanden von den Toten. Und das ist keine fixe Idee, das ist die Realität, die die Jünger erlebt haben: “Des sind wir Zeugen!”

An dieser grundlegenden Botschaft führt auch heute für unsere Kirchen und Gemeinden kein Aufbruch vorbei. Hier liegt das Fundament all unserer Bemühungen, unserer Pläne und Zukunftsszenarien. Mit der Auferweckung seines Sohnes hat Gott dem Tod die Macht genommen. All das, was wir jetzt als bedrohliches Chaos und Defizit erleben - Krieg, wirtschaftliche und politische Konflikte, schwindende Finanzen und Ressourcen gerade in den Kirchen und was Ihnen sonst noch einfällt - all das muss nicht das letzte Wort behalten. Gott hat Jesus vom Tode auferweckt zum Leben, des sind wir Zeugen!

Was sollen wir tun?

In der Apostelgeschichte heißt es: “Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? …” Die Antwort des Petrus ist so kurz wie prägnant: “Tut Buße, lasst euch taufen zur Vergebung eurer Sünden, so empfangt ihr die Gabe des Heiligen Geistes.” Das ist doch genau die Botschaft, die wir eben auch im Evangelium gehört haben: “Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen ...” 

Heiliger Geist - Sünde - Vergebung

Damit sind drei Stichworte genannt, die - so mein Empfinden - in unserer Kirchen heute kaum noch eine Rolle spielen: Es geht um den Heiligen Geist und um die Sünde und um die Vergebung. Beginnen wir mit der Sünde.

Sünde

Im biblischen Kontext bezieht sich "Sünde" nicht primär auf einzelne moralische Verfehlungen im Sinne einer Straftat oder der Verfehlung eines einzelnen - so haben wir es leider in unsern Kirchen über Jahrzehnte und Jahrhunderte interpretiert bzw. auch propagiert. So wie ich Sünde verstehe, ist dies ein tiefer liegender Zustand oder eine Haltung, die den Menschen von Gott und von seiner eigentlichen Bestimmung trennt. Die Bibel beschreibt dies im mythischen Bild des Sündenfalls. “Ihr werdet sein wie Gott!”

Im Kern ist Sünde der Bruch der Beziehung zu Gott. Der hatte dem Menschen das ganze Paradies gegeben - bis auf die beiden Bäume im Garten! Esst nicht davon! Alles andere dürft ihr gebrauchen. Aber das ist Adam und Eva nicht genug. Sie hören auf die Einflüsterung der Schlange, des Versuchers: Ihr könnt sein wie Gott, ihr könnt alles haben! Sünde ist somit der Ausdruck einer Weigerung, sich auf die Liebe Gottes einzulassen und diese Liebe in die Welt zu tragen. Es ist die Entscheidung für das Ich - auch das kollektive Ich, für den Egoismus - statt für das Wir.

Heiliger Geist

Das zu erkennen, ist der erste Schritt. Dazu brauchen wir aber den Heiligen Geist - das ist der zweite Punkt, den wir wieder neu in den Blick nehmen müssen. Menschlich gesehen machen wir es wie Adam, als Gott ihn zur Rede stellt: "Warum hast du das getan?” Die Antwort schlägt dem Fass den Boden aus: “Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.” Hätte Gott uns doch … Nein: “Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, das war sehr gut!” Es ist mit uns Menschen wie bei Kindern, die bei Eltern und Erwachsenen die Grenzen austesten. Wir testen Gott gegenüber unsere Grenzen aus. Es ist die Neigung, der Verführung Raum zu geben - wir können selbst Gott sein. Kinder werden irgendwann erwachsen. 

Vergebung

“Denen ihr die Sünden erlasst …” sagt Jesus, "Lasst euch taufen zur Vergebung der Sünden …” so sagt es Petrus. Vergebung - das ist der dritte Punkt - Vergebung ist … das Angebot Gottes, die durch Sünde entstandene Trennung zu überwinden und eine neue, heilvolle Gemeinschaft zu ermöglichen. Es geht nicht darum, dass Gott etwas "durchgehen lässt", sondern dass er aktiv auf den Menschen zugeht, um die Wunden der Sünde zu heilen. Paulus: So bitten wir nun an Christi statt - lasst euch versöhnen mit Gott! Nehmt das Geschenk der Vergebung an. 

Vergebung ist der Grundstein für einen Neuanfang - auch im menschlichen Miteinander. Vergebung ermöglicht es dem Menschen, sich von vergangenen Fehlern zu lösen und einen neuen Weg einzuschlagen, einen Weg, der von Liebe, Gerechtigkeit und Frieden geprägt ist. Vergebung ist ein transformativer Prozess, der das Herz und den Geist erneuert und den Menschen befähigt, in Übereinstimmung mit Gottes Willen zu leben.

Rückkehr zu den Wurzeln

Das ist in Kürze zusammengefasst die Botschaft unseres christlichen Glaubens: “Tut Buße, lasst euch taufen zur Vergebung eurer Sünden, empfangt die Gabe des Heiligen Geistes.” Wenn unsere Kirchen wieder zu diesem Kern der christlichen Botschaft zurückkehren, wenn wir diese Botschaft glaubhaft verkünden und leben, als begnadigte Sünder, wenn wir diese Botschaft leben in Liebe zu Gott und den Menschen, wenn wir dem Geist Gottes die Kraft der Veränderung zutrauen, dann können unsere Kirchen vielleicht aufbrechen. 

Aufbruch

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen - wünschen wir, die wir die Pfarrstellen wechseln oder in den Ruhestand gehen und auch die, die bleiben - wir wünschen Ihnen einen gesegneten pfingstlichen Aufbruch, einen Aufbruch, der von Gottes Geist begleitet und geführt wird, gegründet auf dem Fundament Jesus Christus.

Auch wenn sich kirchliche Strategen noch so viele und schöne und schillernde Zukunftsprogramme ausdenken, Paulus hat recht, wenn er sagt: Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, Jesus Christus, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Ecclesia evangelica, quo vadis? Gedanken zur Auswertung der 6. KMU

zuerst erschienen in der Sprachrohrausgabe 236 (März bis Mai 2025)

Ecclesia evangelica, quo vadis?
Evangelische Kirche, wohin gehst du?

Ursprünglich hatte ich einen Artikel zur 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung  (KMU) “Wie hältst Du’s mit der Kirche?” (1) schreiben wollen. Aber dieses Unternehmen erwies sich dann doch als zu komplex. Deshalb stelle ich hier drei Texte zusammen, die alle einen Aspekt der Untersuchung beleuchten. Bei dem ersten Text handelt es sich um einen Kommentar, den ich zu einem Artikel im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt verfasst habe: “Muss sich alles ändern?” von Eckehard Möller. Der zweite Artikel ist das leicht überarbeitete Grußwort, das ich zum 70. Kirchweihjubiläum der Bethlehemkirchengemeinde vortrug. Im dritten Artikel beziehe ich mich auf einen Aufsatz zum  Thema “Theologie”, den ich jetzt aktuell gefunden habe. 

Du Ecki, ich trete aus der Kirche aus - Teil 1

"Du, Ecki, was ich Dir noch sagen wollte: Ich trete übrigens nächsten Monat aus der Kirche aus. Nimm es auf keinen Fall persönlich! Aber warum soll ich für eine Institution zahlen, die ich ja doch kaum nutze." - Diese Zeilen konnte man letztens in einem Aufsatz von Eckehard Möller im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt (Ausgabe 12/2024 [2]) lesen. 

Nun folgt mein Kommentar. 

4 Kirchen - 5 Pfarrpersonen - 1 Gottesdienst am Sonntag

In einem westfälischen Verbund mehrerer bisher selbstständiger Kirchengemeinden gibt es 5 Pfarrpersonen und 4 Kirchen. Weil ein weiterer Pfarrbezirk hinzukommt, wird sonntags jeweils nur ein Gottesdienst angeboten, sodass in einer Kirche ein Gottesdienst im Monat stattfindet. Nachdem die EKD 2019 den Sinn und die Durchführung des Sonntagsgottesdienstes ergebnisoffen diskutieren wollte, nahm der Hannoversche Landesbischof 2023 das Thema wieder auf. Als Ergebnis der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung geben die Autoren die Parole aus, Kirche solle sich auf Aktivitäten im Bereich sozialen und solidarischen Handelns konzentrieren, weil Religion nicht mehr gefragt sei (vgl. dazu den hervorragenden Artikel von Isolde Karle, Religion am Ende?, Pfarrerblatt 11/2024 [3]). 

Kirche vor Ort - marginalisiert und kaputtgespart?

Mitarbeitende vor Ort haben permanent das Gefühl, dass die Kirchengemeinden marginalisiert und kaputtgespart werden. Zu Recht weist "Ecki" darauf hin, dass Gemeindeglieder sich bisher mit ihrer Kirchengemeinde verbunden wussten, wenn sie "ihre oder auch nur irgendeine Pfarrperson persönlich kannten". Die Frage in der aktuellen KMU "Hatten Sie in den letzten zwölf Monaten Kontakt zu kirchlichen Einrichtungen?“ bejahen immerhin noch 46% der Befragten evangelischer Konfession. 

Kirche vor Ort - DAS Kontaktfeld!

Als Ort der Begegnung erreichen nur die eigene Kirchengemeinde (38%) und Kirchengebäude oder Orte der Stille (19%) zweistellige Prozentwerte. Alle anderen Optionen - Seelsorge in einer Klinik oder einem Seniorenheim (3%); kirchliche Bildungseinrichtung (4%); Einrichtung der Caritas oder Diakonie (8%); kirchlicher Kindergarten (7%) - sind weit abgeschlagen. (4)

Auch bei der Frage nach der Kontaktperson erzielen die Mitarbeitenden vor Ort hohe Werte: Pfarrperson (42%), Sekretär/in (25%), Kirchenmusiker/in (22%). Die Begegnung mit Mitarbeitenden "in der Jugend-, Familien-, Senioren- oder Sozialarbeit" (31%) lässt sich nicht differenzieren, weil verschiedene Arbeitsfelder zusammengefasst wurden. (5)

Konsequenzen

Wenn Kirchenleitungen nicht endlich begreifen, dass die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche und damit zusammenhängend die Entrichtung der Kirchensteuer auf der Verbundenheit mit der Ortsgemeinde fußt, wenn Pastorinnen und Pastoren, Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, Pfarrvertretungen und Pfarrvereine nicht vehement auf diesen Umstand hinweisen, wenn das Pfarrerblatt nicht konsequent die Linie verfolgt, die Arbeit vor Ort in den Vordergrund zu stellen, dann muss es "Ecki" - und auch wir anderen - irgendwann doch persönlich nehmen, wenn Menschen mit Kirche nichts mehr anfangen können und austreten.

Theologie

Ach ja, das darf nicht vergessen werden: Die evangelische Kirche sollte sich endlich wieder mit der Theologie beschäftigen und das verständlich und zeitgemäß in die Öffentlichkeit bringen. Das ist dann aber ein neues Thema. (vgl. den dritten Aufsatz).

Anmerkungen

(1) https://kmu.ekd.de/ Fragebogen der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung 

https://kmu.ekd.de/fileadmin/user_upload/kirchenmitgliedschaftsuntersuchung/PDF/Anhang_Fragebogen_der_6._KMU.pdf

Tabellen-Anhang mit Grundauszählungen

https://kmu.ekd.de/fileadmin/user_upload/kirchenmitgliedschaftsuntersuchung/PDF/Anhang_Tabellen_Grundauszählungen_der_6._KMU.pdf

(2) Eckehard Möller, Muss sich alles ändern?? Notwendige Wandlungen in bewegten Zeiten - zu finden über https://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt - Archiv - Suche nach dem Autor

(3) Isolde Karle, Religion am Ende? Praktisch-theologische Anmerkungen zur sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung - zu finden über https://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt - Archiv - Suche nach der Autorin

(4) Frage 111. Kirchliche Einrichtungen, zu denen in den letzten 12 Monaten Kontakte bestanden

(5) Frage 98. Bekanntheit der örtlichen Pfarrperson (Evangelische Kirchenmitglieder)

Grüße zum 70. Geburtstag - Teil 2

Das Grußwort als Sprecher der Ökumenischen Pfarrkonferenz zum 70. Kirchweihjubiläum der Bethlehem-Kirche (leicht überarbeitet)

Das Fundament

“Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Christus Jesus!” (1. Kor 3,11) Das ist das Fundament, auf dem 70 Jahre lang hier in der Bethlehemkirche Gottesdienst gefeiert wurde. Es ist eine große Verbundenheit der lutherischen Bewohner Esterfelds mit ihrer Kirchengemeinde zu spüren. Das schlägt sich auch im Gottesdienstbesuch nieder. 

Fast als Bestätigung schreibt Isolde Karle (1), eine scharfsinnige und manchmal auch scharfzüngige Professorin für Praktische Theologie an der Bochumer Universität, in ihrem Aufsatz "Religion am Ende?”: “Nach wie vor realisiert sich für etwa zwei Drittel der Kirchenmitglieder die Verbundenheit zur Kirche über die lokale Gemeinde. Alle anderen Organisationseinheiten der Kirche folgen mit großem Abstand. … Die Bedeutung lokaler Strukturen sollte die Kirche deshalb auch in Zeiten von Fusionen und Einsparungen nicht geringschätzen.”

Das deckt sich mit den Ergebnissen früherer Umfragen, die deutlich machen, dass die Austrittswilligkeit deutlich sinkt, wenn die Ortsgemeinden und das Personal nur ansatzweise bekannt sind (vgl. dazu meinen Kommentar zum Artikel von Eckhard Möller). Leider wurde diese Erkenntnis in der Vergangenheit bei allen Zukunftsplanungen konsequent ignoriert.

Soziales versus religiöses Handeln

Damit verlassen wir für einen Moment die Gemeinde-Ebene und schauen auf die Entwicklung der Kirche insgesamt. So sehen diejenigen, die die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung auswerten, die Zukunft der Kirche vornehmlich “im Bereich sozialen und solidarischen Handelns”. „Eine Steigerung ihrer Attraktivität kann die Kirche in der aktuellen Lage nicht über rein religiöse Aktivitäten gewinnen. ‚Heiliges‘ wird nicht erwartet, die Nachfrage nach Religion ist gering. Ein religiöser Fokus kann zudem zu einer Distanzierung der Mehrheit der säkularen und distanzierten Kirchenmitglieder führen, weil sie an solche Ausdrucksformen schwer anschließen können.” (2)

Wie haben die Autoren der Studie ermittelt, dass Religion die Menschen nicht mehr anspricht? Dazu diente u.a. diese Frage: „Glauben Sie, dass sich Gott in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat?“ (3) Hinter dieser Frage verbirgt sich eine theologische Richtigkeit, die aber in den Glaubensempfindungen der Gemeindeglieder, wie ich sie erlebe, nur noch sehr bedingt vorkommt. Noch steiler wird es bei Fragen in der Rubrik “Religiöse Wirksamkeitserfahrungen”; - ein Beispiel: „Ich habe schon die Erfahrung gemacht, dass dunkle Mächte auf mein Leben einwirken“. (4) Wer so fragt, muss sich nicht wundern, wenn das Ergebnis lautet: Religion ist auf dem Rückzug. 

Vielleicht hätte man fragen können: Was haben Sie bei der letzten Hochzeit, Taufe, Beerdigung erlebt, die Sie in der Kirche mitgefeiert haben? Oder wie war die Konfirmationsfeier, die Kommunionsfeier, zu der Sie eingeladen waren? Wie war es beim ökumenischen Pfingstgottesdienst? Wie war es beim Motorradgottesdienst?

Die Theologin Isolde Karle hält fest: “Selbst wenn Religion nicht mehr besonders nachgefragt würde, kann die Konsequenz der Kirche nicht darin bestehen, fürderhin von Religion Abstand zu nehmen. Das Christentum ist eine Schriftreligion wie das Judentum. Das Judentum hat nie danach gefragt, welche Resonanz es erfährt, sondern war und blieb in Diaspora und Verfolgung Schriftauslegungsreligion. Anders gäbe es das Judentum längst nicht mehr.[ …] Das kirchliche Christentum sollte von dieser mutigen Konsequenz lernen. […] Ohne eine ansprechende religiöse Kommunikation hat die Kirche keine Zukunft. In der Corona-Krise war es nicht zuletzt ein Problem, dass die Kirche nicht religiös auf die Krise zu reagieren wusste.”

Gottes Wort und Sakrament

Vielleicht sollten wir uns erinnern, was Kirche ausmacht. Im Augsburger Bekenntnis von 1530, das nach wie vor Gültigkeit hat und auf das hin Pastorinnen und Pastoren, aber auch Bischöfinnen und Bischöfe verpflichtet werden, heißt es in Artikel 7: “Es wird gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.” Damit wären wir wieder beim Eingangsvotum: “Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Christus Jesus!” (1. Kor 3,11)

Zusammenarbeit vor Ort

Dass es neben dem Einsatz in der eigenen Gemeinde auch eine Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg und in der Region geben muss, steht, denke ich, für keinen in Frage. Es könnte sicherlich mehr passieren, als es im Augenblick der Fall ist. Aber unser Licht unter den Scheffel stellen müssen wir auch nicht. Ich erinnere an die gemeinsamen lutherischen Gottesdienste zum Buß- und Bettag abwechselnd in der Bethlehem- und in der Gustav-Adolf-Kirche. Zum Neujahrstag treffen sich Lutheraner, Reformierte, Baptisten und Gemeindeglieder aus der Neuapostolischen Kirche in einer Kirche zu einem gemeinsamen Gottesdienst. Himmelfahrt feiern Lutheraner und Reformierte zusammen. Und Pfingsten sind wir Christen alle gemeinsam auf dem Marktplatz. 

Ich werde es in den letzten Monaten meines Dienstes wohl nicht mehr erleben, dass es weiterführende Aktivitäten gibt. Ich wünsche es Euch schon, dass Ihr weiter zusammenrückt. 

Allein geht die Stimme einer einzelnen Kirchengemeinde im Sammelsurium gesellschaftlicher Stimmen und im Gewirr der stetig sich abwechselnden landeskirchlichen Zukunftsplanungen unter. Gemeinsam aber werdet Ihr stark sein.

Ich wünsche der Bethlehemkirche, ich wünsche allen anderen Gemeinden Gottes reichen Segen - das ist mein Geschenk zum Kirchweihtag. Eines ist und bleibt gewiss: Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Christus Jesus! (1. Kor 3,11)

Anmerkungen

(1) Isolde Karle, Religion am Ende? Praktisch-theologische Anmerkungen zur sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung - zu finden über https://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt - Archiv - Suche nach der Autorin

(2) Wie hältst Du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft Erste Ergebnisse der  6. Kirchenmitgliedschafsuntersuchung - Herausgegeben von der Evangelischen Kirche  in Deutschland (EKD, S. 66

(3) Frage 50. Typen des Glaubens an Gott und höhere Mächte 

(4) Frage 59. (l-o) Religiöse Wirksamkeitserfahrungen

Theologie, die von Kirche her und auf Kirche hin denkt - Teil 3

Bei der Beschäftigung mit der 6. Kirchenmitgliedschafsuntersuchung stieß ich auf einen Aufsatz von Ulrich Körtner und Jan-Heiner Tück (1) “Es braucht eine Theologie, die von Kirche her und auf Kirche hin denkt” (2). Die beiden Autoren setzen sich kritisch mit der Studie auseinander. Die Autoren halten fest: „Der epochale Säkularisierungsprozess lässt sich weder durch Aktionismus noch durch Schönfärberei aufhalten. Entschleunigung und vertieftes theologisches Nachdenken sind angesagt.“ 

Soziale Reichweite versus religiöse Reichweite

Wie Isolde Karle diskutieren die beiden Autoren die steile These, die aus der Befragung abgeleitet wurde, dass die “soziale Reichweite der Kirche heute wesentlich größer als ihre religiöse Reichweite” (3) sei. Auch wenn diese Aussage an dieser Stelle nicht ausdrücklich auf Diakonie und Caritas bezogen wird, so steht im Raum, dass Kirchenleitungen die diakonischen Angebote ausbauen wollen, in der Annahme, darüber Menschen - also Kirchensteuerzahler - für die Kirche gewinnen oder halten zu können. Körtner und Tück führen dazu aus: “Die Befragten schätzen zwar das soziale Engagement der Kirchen. Viele erkennen aber keinen Zusammenhang mehr mit den theologischen Grundlagen diakonischer Praxis ...” 

Kirche und Diakonie

Damit treffen Körtner und Tück den Nagel auf den Kopf. Ratsuchende - nach dem Ergebnis vom KMU 6 sind es im Durchschnitt allerdings nur knapp 8% der Befragten, die Kontakt zu Diakonie oder Caritas hatten - Ratsuchende aller Konfessionen und Religionen und auch Religions- und Konfessionslose nehmen das Angebot von Diakonie und Caritas gern an, verbinden dieses Angebot aber nicht zwingend mit den verfassten Kirchen. Wenn Körtner und Tück dann sagen, dass man in den Leitbildern dieser Einrichtungen zwar noch etwas liest von “einem christlichen Menschenbild, Menschenwürde und Menschenrechten”, dass aber “dezidiert biblisch-theologische Argumente” in den Hintergrund treten, dann will ich das nicht weiter kommentieren. Wer interessiert ist, kann im Internet die These überprüfen. 

Theologie

Körtner und Tück fordern: "Was wir brauchen, ist eine akademische, von Kirche her und auf Kirche hin denkende Theologie, die sich gleichwohl nicht auf binnenkirchliche Milieus verengt, sondern den wissenschaftlichen Austausch mit anderen universitären Disziplinen sucht." 

Wenn ich mich an mein Studium erinnere, dann hat es mir neue Welten erschlossen. Dabei meine ich nicht, was ich gelernt habe - da gibt es im Lauf der Zeit immer wieder neue Erkenntnisse -, vielmehr geht es darum, wie ich gelernt habe, mich kritisch mit den theologischen und gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen. Mancher Kommilitone klagte: “Das Studium macht meinen Glauben kaputt!” Dem kann ich bis heute nur entgegnen: “Nein, das Studium öffnet den Glaubenshorizont.” Ich muss verstehen, wie die biblischen Texte entstanden sind. Ich muss wissen, was sich in den einzelnen (kirchen)geschichtlichen Epochen ereignet hat. Ich muss theologische Zusammenhänge systematisch erfassen und darlegen können. 

Jede Predigt, jeder Konfirmandenunterricht, letztendlich auch jedes Gespräch setzt die Frage voraus: Was hat Gott mir, vor allem, was hat er meinem Gegenüber zu sagen? Wie kann ich beispielsweise Jugendlichen, die nur noch über ein marginales biblisches Wissen verfügen, die biblischen Geschichten näher bringen? Für Körtner und Tück entspricht dieser Gedanke dem “religionssoziologischen Befund, wonach Religiosität und Kirchenzugehörigkeit viel enger zusammengehören als bislang gedacht”. Wenn ich das biblische Fundament nicht mehr kenne, dann weiß ich auch nicht, warum ich Mitglied einer Kirche sein soll. 

Agenda der Kirchen

Leider verfolgen die Kirchen eine andere Agenda; auch das haben Körtner und Tück im Blick: Asyl, Migration und Klimaschutz - aktuell: Aufarbeitung des Missbrauchsskandals auch in der evangelischen Kirche - stehen ganz oben auf der Agenda der Kirchen. In Teilen können sie mit dieser Thematik Menschen ansprechen, aber die Kirchenaustrittswelle rollt davon unbeeindruckt weiter. Solange Gott nur noch eine unbestimmte Chiffre ist, ggf. ein “Moralverstärker”, lassen sich Menschen nicht länger beeindrucken. (ähnlich Körtner und Tück). 

Wenn die verfassten Kirchen theologisch nicht deutlich machen können, was ihr eigentliches Fundament ist, werden sie sich schneller auflösen als ihnen lieb ist. Allerdings bedeutet das nicht das Verschwinden der lutherischen Kirche. Das Augsburger Bekenntnis sagt klipp und klar, dass Kirche sich da ereignet, wo das Evangelium rein gepredigt wird. Es wird immer Menschen geben, die sich in diesem Sinn um das Verständnis des Evangeliums bemühen, wie es im Ersten und im Zweiten Testament der Heiligen Schrift bezeugt wird.

Anmerkungen

(1) Ulrich Körtner ist Ordinarius für Systematische Theologie (Reformierte Theologie) an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Jan-Heiner Tück ist Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät Universität Wien.

(2) https://www.katholisch.de/artikel/48917-es-braucht-eine-theologie-die-von-kirche-her-und-auf-kirche-hin-denkt

(3) Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaf Erste Ergebnisse der  6. Kirchenmitgliedschafsuntersuchung, Herausgegeben von der Evangelischen Kirche  in Deutschland (EKD, S. 93

Ecclesia evangelica, quo vadis? - 7. Teil

zuerst erschienen in der Sprachrohrausgabe 231 (Dezember 2023 bis Februar 2024)

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In der Rubrik “Moment mal” in der Meppener Tagespost hatte ich zum Reformationstag 2023 gefragt: "Quo vaditis, ecclesiae?" - Wohin geht Ihr Kirchen? Jetzt muss die Frage noch einmal zugespitzt lauten: "Wohin wendet sich die Evangelische Kirche?"

Sonntagsgottesdienst - ein “Auslaufmodell”?

Im September d.J. gab der Evangelische Pressedienst (epd) eine Meldung mit der Überschrift heraus: "Bischof Meister: 10-Uhr-Gottesdienst am Sonntag ist ein Auslaufmodell." Fast alle Medien, die das Thema aufgriffen, übernahmen diese Formulierung. 

Wortwörtlich hatte Ralf Meister, dem das Bischofsamt der Hannoverschen Landeskirche übertragen ist, nicht vom "Auslaufmodell" gesprochen. Allerdings hatte er erklärt: "Jesus ist doch nicht durch Galiläa gezogen und hat gesagt, sonntags um 10 Uhr müsst Ihr kommen und beten! Da sind wir schon weiter. Gemeinden, in denen der klassische Sonntagsgottesdienst gut besucht ist, werden ihn sicher weiter pflegen. Aber als flächendeckendes Modell löst sich das auf. Andere Erzählformen treten dazu oder auch an ihre Stelle. ..." 

Aus dem Urlaub schrieb ich Herrn Meister eine lange Mail, deren Inhalt ich hier teilweise aufnehme. Allerdings antwortete weder Herr Meister noch sein Büro. Auch die irritierende und reißerische Überschrift des epd wurde nicht korrigiert, obwohl auch andere Pastorinnen und Pastoren entsetzt waren, was der leitende Theologe der Hannoverschen Landeskirche da gesagt hat. 

Gottesdienst am Sonntag - eine Ideologie?

Mich irritiert, wie leichtfertig in der Evangelischen Kirche der Sonntagsgottesdienst zur Disposition gestellt wird. 2019 war schon einmal in der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) dieser Gedanke aufgekommen. Thies Gundlach, damals einer der Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, wurde im Deutschlandfunk so zitiert: "Der Sonntagsgottesdienst ist eine zentrale Veranstaltung, aber nicht die einzige zentrale Veranstaltung. Und das soll man in großer evangelischer Freiheit vor Ort reflektieren. Ich finde das auch so wichtig, dass wir jetzt nicht den Kollegen auf's Auge drücken, Ihr müsst unbedingt jeden Sonntag Gottesdienst machen, egal ob jemand kommt, egal wer das wichtig findet. Das ist eine Ideologie, die ich nicht teilen kann."

Für Ralf Meisters Versuch, diese Position zum Gottesdienst scheinbar biblisch zu unterfüttern - Jesus habe schließlich nicht gesagt, wir sollten sonntags um 10.00 Uhr Gottesdienst feiern - habe ich überhaupt kein Verständnis. Wenn wir auf die Bibel zurückgreifen, dann kann es nur heißen: "Jesus ging am Sabbat nach seiner Gewohnheit" - also regelmäßig - "zum Gottesdienst in die Synagoge." - "Jesus predigte das Wort Gottes mit Vollmacht, nicht wie die Pharisäer und Schriftgelehrten." Christen feiern am Sonntag, am Herrentag, Gottesdienst - ich mag es ja kaum schreiben, es ist so selbstverständlich - weil Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott, Gottes Sohn, am 1. Tag der Woche von den Toten auferweckt wurde. Und in den Zehn Geboten heißt es schließlich: Du sollst den Feiertag heiligen! 

Das Zentrum der evangelischen Kirchen wird aufs Spiel gesetzt

Sollten die evangelischen Kirchen der Ideologie der kirchenleitenden Personen folgen, dann wird diese Kirche ihr Zentrum verlieren. Die streitbare Berliner Theologin Dorothea Wendebourg erklärte schon 2019 im Blick auf die von Thies Gundlach geäußerte Meinung: “Es gibt keine Kirche als Gemeinschaft, wenn sie sich nicht definiert und aber eben auch vollzieht im regelmäßigen Zusammenkommen um Wort, Sakrament, Gebet. Der Laden fällt vollends auseinander, wenn wir das nicht mehr tun.” Und der Theologe Michael Meyer-Blanck hielt fest: “Der Gottesdienst am Sonntagvormittag ist eine gute Sitte. Jede und jeder kann sich darauf verlassen: Jetzt wird geläutet, gebetet und gepredigt - auch wenn ich selbst nicht hingehe. Ich habe aber jederzeit die Möglichkeit, dabei zu sein. Der Gottesdienst ist keine Vereinsversammlung für Kirchenmitglieder. Er ist öffentlich, regelmäßig, verlässlich. Es ist absurd, über die Abschaffung des regelmäßigen Sonntagsgottesdienstes nachzudenken.”

Hinzu kommt, dass sich die Evangelische Kirche aus der ökumenischen Gemeinschaft verabschiedet, wenn der Sonntagsgottesdienst, aus welchen Gründen auch immer, zur Disposition gestellt wird. Ich habe bisher nicht wahrgenommen, dass irgendeine andere christliche Denomination einen solchen Vorschlag auch nur ansatzweise gewagt hätte.

Ansprechende Gottesdienste

In meiner Mail an Herrn Meister schrieb ich: “Für einen ansprechenden Gottesdienst brauchen wir engagierte und gut ausgebildete Musiker, die ansprechend musizieren und die die Gottesdienstteilnehmer zum Gesang motivieren. Wir brauchen Ehren- und Hauptamtliche, die kompetent (biblische) Texte vortragen. Und schließlich brauchen wir Theologen, die "biblisch predigen" (Altbischof Hirschler). Nach dem Gottesdienst sollte es die Möglichkeit zur Kommunikation geben.”

Nach diesem Konzept versuchen wir, unsere Gottesdienste zu gestalten. Im zuverlässigen Wechsel feiern wir Abendmahlsgottesdienste und “normale”, Gottesdienste mit kleinen und großen Leuten und musikalisch geprägte. Freitags treffen sich insbesondere die Konfirmanden und etliche Eltern zum sogenannten “Friedensgebet”. Zielgruppenorientierte Gottesdienste (z.B. Motorradgottesdienste, Partnerschaftsgottesdienste, Tauferinnerungsgottesdienste) als Sonntagsgottesdienste, alternative Formen wie Dialogpredigten, Liedpredigten u.v.m. runden das Bild ab. Nach jedem Sonntagsgottesdienst gibt der “Kirchenkaffee” Gelegenheit zum kommunikativen Austausch.   

Dank- und Tankstelle für die Seele

Natürlich könnte auch bei unserem Konzept die Zahl der Gottesdienstbesucher höher ausfallen. Deswegen allerdings den Sonntagsgottesdienst zur Disposition zu stellen, käme niemandem in den Sinn. Denn für alle, die sich auf den Weg machen, ob regelmäßig oder (nur) zu besonderen Anlässen, für all diese Menschen ist bleibt der Gottesdienst, wie es unsere Prädikantin Petra Heidemann treffend ausdrückte, eine Dank- und Tankstelle für die Seele. Und vor allem, wenn sie kommen, kommen die Menschen gern. 

Kirche muss deshalb mehr sein als andere karitative Einrichtungen anbieten, wie gut und professionell auch immer KiTas, Pflegeeinrichtungen, Beratungsstellen für soziale Hilfen etc. auch arbeiten. Häufig werden diese Einrichtungen nicht anders wahrgenommen als staatliche Einrichtungen. Den Unterschied macht die zentrale Verwurzelung in der gottesdienstlichen Verkündigung und in der Darreichung der Sakramente. Zu diesem Rahmen gehört auch die Musik, denn sie ist eine Sprache, die keine Worte braucht, um Menschen aller Kulturen direkt zu erreichen und um Inhalte zu transferieren, die nicht in Worte gefasst werden können.

Kirche muss auch mehr sein als ein traditionell-festliches Beiwerk für Familienfeiern. Wenn wir uns anlässlich einer Taufe, einer Konfirmation, einer Trauung und auch anlässlich einer Beerdigung zu einem Gottesdienst treffen, dann ist dies der Ort des menschlichen und des Miteinanders mit Gott. “Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.”

Nicht zuletzt bietet Kirche den geschützten Raum des Zusammenkommens, um im seelsorgerlichen Gespräch alles auf den Tisch zu legen, was die Seele bedrückt. Wir dürfen fest darauf vertrauen, dass Gott uns immer wieder eine neue Chance geben will. So hat es Jesus ja selbst gesagt: “Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.” (Mt 11,28)

Ecclesia evangelica, quo vadis? (September bis November 2022)

zuerst erschienen in der Sprachrohrausgabe 226 (September bis November 2022)

Wenn ich auf die beiden vorhergehenden Posts und auf die Länge dieses Artikels schaue, dann muss 2022 so einiges losgewesen sein. 

Ecclesia evangelica, quo vadis

Bisher habe ich die Frage nach dem Weg der Evangelischen Kirche immer sehr kritisch gestellt und Schwachstellen aufgezeigt, die es in meinen Augen zuhauf gibt. Letztens stieß ich auf einen Abschnitt aus dem 1. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth. Das, was der Apostel hier im 14. Kapitel sagt, kann in meinen Augen ein Weg sein, der unsere Evangelisch-lutherische Kirche aus der Krise führen könnte. Es ist die Rückbesinnung auf die Wurzeln christlichen Glaubens.

Gottes Gaben

In Korinth herrschte ein Wettstreit unter den Christen: Wer hat die größten Gaben Gottes empfangen? Oder man könnte auch fragen: Wer ist der Frömmste, wer lebt seinen Glauben authentisch? Paulus zählt auf, welche Gaben Gottes er in der Gemeinde erkennt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann gab er die Kraft, Wunder zu tun, dann Gaben, gesund zu machen, zu helfen, zu leiten und mancherlei Zungenrede." (1 Kor 12,28)

Zungenrede ...

Während Paulus den Akzent offensichtlich auf Apostel, Propheten und Lehrer legt, haben die Korinther ein Faible für die Zungenrede. Was hat es damit auf sich? Im Online-Lexikon Wikipedia findet man folgende Erklärung: "Unter Zungenrede bzw. in Zungen reden [...] oder Sprachengebet versteht man unverständliches Sprechen, insbesondere im Gebet. [...] Die heutige Pfingstbewegung sieht in der Zungenrede eine Gebetsform, die die besondere Unmittelbarkeit des Betens zu Gott betont." (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Zungenrede)

Der Apostel Paulus kann solch einer Hochschätzung nicht folgen. Allerdings verschweigt er auch nicht, dass die Zungenrede eine Gabe des Heiligen Geistes ist. Sie hat dann in den Augen des Apostels folgenden Sinn:

Wer in Zungen redet,

  • der redet für Gott
  • der redet im Geist von Geheimnissen
  • der erbaut sich selbst

Die Zungenrede bedarf des verständigen Übersetzens, was wiederum eine Gabe des Geistes ist. (1 Kor 14,2.4.5)

... oder prophetische Rede?

Der Zungenrede setzt Paulus die prophetische Rede gegenüber und beschreibt auch gleich deren Wirkung. “Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung." (1 Kor 14,3; Fettdruck Krüger)

Das prophetische Amt

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Propheten des Ersten Testaments. Prophet konnte man nicht aus eigenem Antrieb werden, zum Propheten wurde man von Gott berufen, manches Mal auch ausdrücklich gegen den eigenen Willen. “Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Gott der HERR redet, wer sollte nicht Prophet werden?" (Amos 3,8)

Wenn es darum geht, was “prophetische Rede” inhaltlich bedeutet, greife ich sinngemäß auf Formulierungen zurück, die ich bei Wikipedia gefunden habe und die in meinen Augen den Sachverhalt trefflich beschreiben:

Propheten, deren Sprüche gesammelt und später verschriftet wurden, traten etwa ab 750 v. Chr. auf. Sie richteten ihre Botschaften an das ganze Gottesvolk, auch wenn sie Einzelpersonen anreden. Die ersten Propheten hatten fast ausschließlich Unheil zu verkünden, nämlich den unvermeidlichen, von Gott beschlossenen Untergang Israels, das seine Aufgabe als Volk Gottes verleugnet und darum sein Existenzrecht verspielt habe. Später sahen die Propheten aber nach dem Untergang einen völligen Neuanfang Gottes mit seinem Volk heraufziehen. Dabei setzten alle Propheten voraus, dass Israel seine Aufgabe als Volk Gottes kannte, nämlich eine gerechte Gesellschaftsordnung zu schaffen und zu bewahren habe. Diesem Auftrag wird Israel nicht gerecht. Stattdessen erlebten die Propheten Ausbeutung und Enteignung der ehemals freien Landbevölkerung durch Großgrundbesitzer und auch durch den Königshof.

(vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Prophetie#Judentum und https://de.wikipedia.org/wiki/Prophetie_im_Tanach)

Der prophetische Auftrag

Damit sind schon an dieser Stelle die Begriffe genannt, die sich unmittelbar auf die Gegenwart beziehen lassen: eine gerechte Gesellschaftsordnung schaffen und bewahren, nicht aus sich selbst heraus, sondern vor dem Hintergrund des Ersten Gebots oder, wie es das Schma Jisrael" so eindrücklich sagt: „Höre, Israel, (hebräisch: schma jisrael, daher der Name - Anm. Krüger) der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, Deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner Kraft." (5 Mose 6,4f.)

Ausbeutung und Enteignung menschlicher und natürlicher Ressourcen lassen sich mit dem Glauben an den Gott Israels, den Vater Jesu Christi, nicht vereinbaren. Diese Botschaft zieht sich durch die ganze Bibel.

Man wird jetzt die Propheten der ersten Christengemeinden nicht direkt mit den Propheten des Ersten Testaments gleichsetzen können, aber auch sie haben für ihre Predigt in Anspruch genommen, das Wort Gottes als unbedingten Anspruch gemäß dem Ersten Gebot zu verkünden.

Kennzeichen christlicher Kirchen heute

Mit welchem Anspruch treten die christlichen Kirchen heute auf? Kritisch merke ich an, dass es in jeder kirchlichen Verlautbarung zwar heißt, das Evangelium werde gepredigt, aber das wichtigste Argument scheint dennoch vorrangig das Geld zu sein. “Wer soll, wer kann das bezahlen?" Unter vielen Beschlussvorlagen des Kirchenkreistags, der neuerdings “Kirchenkreissynode" heißt, findet sich die Notiz: “Finanzielle Auswirkungen...", aber es wird nicht gefragt und diskutiert, welche Auswirkungen solche Beschlüsse auf die Gemeinde Jesu Christi haben, auf die christliche Gemeinde vor Ort.

Zungenrede verwirrt

Zurück zu dem, was im Korintherbrief steht. “Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; [... ] Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?" (1 Kor 14,4.23)

Kirchliche Gemeindeaufbauprogramme

Wir reden nun nicht in Zungen wie die Korinther, sodass damit Außenstehende verwirrt und abgeschreckt würden, aber der Grundtenor insbesondere der evangelischen Kirche hier im Westen ist vielstimmig. Er könnte vielleicht harmonischer klingen, wenn es nicht wetteifernd darum ginge, das eigene Konzept als das Non plus Ultra herauszustellen und immer wieder eine neue Idee hinauszuposaunen.

Ich nenne nur ein paar Aspekte aus dem deutschsprachigen Raum, die mir im Lauf meines Berufslebens schon untergekommen sind, die den gegenwärtigen Mitgliederschwund aber auch nicht aufhalten konnten: 

  • missionarischer Gemeindeaufbau, projektorientierter Gemeindeaufbau,
  • früher orientierte man sich am Gemeinwesen, heute am Sozialraum,
  • Alpha-Kurse, Hauskreise wurden gefordert,
  • dann kam die Kirche der Freiheit" mit ihren Leuchttürmen und die Parole wurde ausgegeben: “Wachsen gegen den Trend" … Das Einzige, was gewachsen ist, sind die Austrittszahlen.
  • 2020 legte die EKD das Papier vor “Kirche auf gutem Grund …” aus den “Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche", an denen das hochrangig besetzte Z-Team jahrelang gearbeitet hatte - Z steht hier für Zukunft -, aus diesen elf Sätzen wurden in kürzester Zeit “Zwölf Leitsätze". 
  • Da in Corona-Zeiten manche Taufe verschoben wurde, sollen Familien aktiv angesprochen und niedrigschwellige Angebote - was auch immer das heißt - für Kinder und Erwachsene gemacht werden. Es sollen möglichst viele Menschen getauft werden, damit die Mitgliederzahlen stabil bleiben.
  • Die Hannoversche Landeskirche versucht, dem Mitgliederschwund besonders effektiv mit zwei Programmen zu begegnen - 
    • das eine entwickelt die Zukunft prozessgemäß (demgemäß heißt es „Zukunftsprozess"),
    • das andere "schiebt die Welle" (es heißt tatsächlich "Die Welle").

Ob Außenstehende - und Insider - immer erkennen, dass hier das Evangelium verkündigt werden soll, das wage ich zu bezweifeln. Die Redakteurin Stefanie Witte (NOZ) besuchte in Osnabrück eine Gesprächsrunde über die Zukunft der Evangelisch-lutherischen Kirche und berichtete in der Meppener Tagespost Anfang August von ihrer Teilnahme. Ihr Fazit war vernichtend: "Nach der Veranstaltung hatte ich nicht das Gefühl, dass die Protestanten [...] ihrem Ziel, nämlich am Bild einer Kirche der Zukunft zu arbeiten, näher gekommen sind." (Meppener Tagespost 04.08.2022, Seite 2)

Prophetische Rede wird argumentativ

"Wer prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde", so erklärt es Paulus im Brief an die Korinther. Wenn [...] alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist." (1 Kor 14,4.24 f.; Fettdruck Krüger)

Paulus beschreibt hier noch einmal die Kraft der prophetischen Rede. Sie dient, wie oben verdeutlicht, der Erbauung und Ermahnung und Tröstung. Jetzt kommt noch hinzu: Das prophetische Wort prüft und überführt und legt Fehlentwicklungen offen - so, wie es die Propheten des Ersten Testament machten. Sie klagten religiöse, aber auch soziale und wirtschaftliche Missstände im Namen Gottes an.

Das ist sicherlich für manchen ein schmerzlicher Prozess, aber Paulus ist überzeugt davon, dass das mahnende prophetische Wort die Gemeinde erbaut und tröstet. Denn genau dieses Wort zeigt uns das Fundament unseres Glaubens, unseres Lebens: Jesus Christus, Gottes fleischgewordenes Wort! “Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Christus Jesus!" (1 Kor 3,11)

Somit ist christlicher Glaube auch argumentativ. Er begründet seine Position allerdings nicht von der fiskalischen oder politischen Seite her, vielmehr bleibt Gottes Wort, bezeugt in der Heiligen Schrift, Grundlage aller Äußerungen.

Biblisch begründete Positionen überlässt die Kirche Randgruppen

Dieses prophetische Reden vermisse ich in unserer liberalen Kirche. Biblische Begründungen für eine kirchliche Stellungnahme höre ich selten. Ich habe wohl wahrgenommen, dass kirchliche Würdenträger - natürlich - den Krieg Russlands gegen die Ukraine verurteilen, aber oft reihen sich diese Stellungnahmen in das ein, was politisch auch schon gesagt wurde. Vermisst habe ich in den vergangenen zwei Jahren theologische Beiträge zur Corona-Situation, obwohl es die zuhauf gegeben haben soll. Offensichtlich kamen sie in der Öffentlichkeit nicht an. Die Stimme der Kirche ist eine unter vielen geworden. Die Kirche kann und vielleicht will sie auch keine Exklusivität beanspruchen.

Biblisch begründete Positionen überlassen wir oft Sekten, Fundamentalisten und Evangelikalen - hier tatsächlich im negativen Wortsinn gebraucht. Welche Auswüchse dies nach sich ziehen kann, erleben wir in der Abtreibungsdebatte in Amerika, ebenso in der Kriegspropaganda des Moskauer Patriarchen. Bedenkenlos und schamlos wird Gottes Wort für die eigenen Zwecke missbraucht. Kritiker des christlichen Glaubens sehen sich bestätigt und verurteilen unsere Religion in Bausch und Bogen.

Wer prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde...

... so sagt es Paulus, durch Tröstung und Ermahnung, wie wir es zuerst gehört haben. Hinzu kommt, dass das prophetische Wort prüft, ggf. auch überführt und offenlegt, wo etwas im Argen liegt. Die so Angesprochenen werden nicht immer auf ihr Angesicht fallen und Gott anbeten, wie es Paulus im Brief an die Korinther schreibt, aber sie werden erkennen, dass Gott unter uns ist.

Despoten wie Wladimir Putin wird man mit diesem Ansatz nicht beeindrucken können. Aber dass mit solch einem Konzept Menschen guten Willens erreicht werden, dass die Kirchen wieder Strahlkraft entwickeln können, dass auf diesem Fundament Ideen entstehen, mit denen man dann die Welt und die Kirche neu gestalten kann, davon bin ich überzeugt. “Bemüht Euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!" (1 Kor 14,1)

1 Kor 14,1-6.23.24 Strebt nach der Liebe

(1) Bemüht Euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! (2) Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. (3) Wer aber prophetisch redet, der redet den Men- schen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.

(4) Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. (5) Ich wollte, dass Ihr alle in Zungen reden könntet; aber noch viel mehr, dass Ihr prophetisch reden könntet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, damit die Gemeinde dadurch erbaut werde.

(6) Nun aber, liebe Schwestern und Brüder, [...] (23) wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, Ihr seid von Sinnen?

(24) Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; (25) was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter Euch ist.

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In der Sprachrohrausgabe 226 kam auch Petra Heidemann, Prädikantin in der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde, zu Wort. Sie nahm den bereits erwähnten Artikel von Stefanie Witte auf und kommentierte ihn. 

Die beiden von ihr verfassten Gedichte sind hier mit ihrer freundlichen Genehmigung wiedergegeben.

"Warum der evangelischen Kirche Nachwuchs fehlt - und was sie dagegen tut"

So lautete die Überschrift eines Beitrags von Stefanie Witte in der Meppener Tagespost online am 05.08.2022

Um nicht nur nachvollziehen, sondern auch herausfinden zu können, wie kirchliche Institutionen mit Veränderungen umgehen, wie diese Mitglieder halten und gewinnen wollen, wie sie sich die Zukunft ihrer Kirche vorstellen, begab sich die Kolumnistin Stefanie Witte zu einem diesbezüglichen Treffen von rund 200 evangelischen Kirchenangestellten, also Pfarrern, Kirchenmusikern und Diakonen in Osnabrück.

Dort nahm sie an einer sog. "Open Space"-Veranstaltung teil, eine Methode, die sie nach dieser Erfahrung so charakterisiert: "Wenn man keine Lust mehr hat, in einem Stuhlkreis zu diskutieren, darf man gehen, Kaffee trinken und Kuchen essen. Dann ist man aber per definitionem genauso wertvoll wie die Leute, die sitzen bleiben, weil sich ja auch beim Kuchenessen kreative Ideen ergeben können."

Witte entschied sich zunächst für den Stuhlkreis "Nachwuchs finden", weil ihr dieser lebensbezogener erschien als so manch anderes der zwölf Angebote, z.B. "doppelt strategisch missionieren", "Verkündigung ohne Worte" oder "Kasualagentur". Allerdings schildert sie ihren Eindruck, hier tage "eher eine Arbeitnehmer-Selbsthilfegruppe als ein Kreis, der Nachwuchs finden möchte", denn das Gespräch sei bestimmt gewesen von Personalproblematik, wie Aufstiegschancen, Halbtagsstellen, unbezahlte Überstunden und Heranschaffen von digitalem Dienstequipment. Die Nachwuchsfrage sei nur dann in den Blickpunkt gerückt, als ein Pastor von einer Beerdigung berichtet habe, bei der ein Schüler gar nicht gewusst habe, was ein Pastor sei.

In einem weiteren besuchten Arbeitskreis sei es um "queere Themen gegangen, konkret über queersensible Konfi-Arbeit", hier habe man sich an der Frage des Umgangs mit einem homophoben Pastor festgebissen und daran, was kirchenrechtlich zu denken erlaubt sei.

Witte bezweifelt, dass dies Kernfragen seien, wenn es um die Zukunft der Kirche gehe. Jugendliche, die nicht wüssten, was ein Pastor sei, seien ein Alarmzeichen. Witte kann in dieser Tagung keinen Schritt vorwärts in Richtung Zukunftsbild sehen. Es gebe zwar eine Vielzahl von Gremien in der EKD, viele Gesprächskreise, Zukunftswerkstätten, Überlegungen, Pläne, allerdings sei ihr auch zu Ohren gekommen, dass viele Pfarrer "an solchen Prozessen bewusst schon gar nicht mehr teilnähmen, weil sich sowieso immer dieselben Kollegen mit denselben Botschaften hervortäten".

Witte resümiert, dass die Erkenntnisse dieser Veranstaltung nicht “sonderlich vielversprechend" seien, und konstatiert: "Eine Kirche, die sich gedanklich darauf einstellt, künftig als Dienstleister nur noch für die zwei, drei wesentlichen Anlässe im Leben buchbar zu sein - das erscheint mir nicht als tragfähiges Zukunftsszenario."

Zusammenfassung: Petra Heidemann 

Quelle: Meppener Tagespost online vom 05.08.2022

Kontrastprogramm

Man sollte
aufgeschlossener sein
und die Nachbarschaft pflegen, sagte sie,
warf einen Blick nach draußen und ließ die Jalousie herunter.

Man sollte
viel natürlicher leben, sagte er
und achtete darauf,
beim Jäten kein Un-Kraut zu übersehen.

Man sollte
zeitiger schlafen gehen, schrieb ich
nachts um halb zwei auf meinen Notizblock.

Man sollte
einfach netter sein;
dabei war ich
sogar auf mich selbst sauer.

Man sollte
sich bescheiden lernen, 
sagtest Du
und kauftest dabei die Großpackung als Super-Sonderangebot.

Man sollte,
jeder wollte,
wenn er könnte -
oder könnte,
wenn er wollte ?

Aber
dann müssten
wir
etwas tun
gegen unsere
chronische Konjunktivitis.

Petra Heidemann

Beschämend und aufrüttelnd

Kommentar zum Artikel der Meppener Tagespost

Das Thema "Beständig schwindende Zahl der Kirchenmitglieder", egal welcher Konfession, geistert inzwischen immer lauter durch die Medien, genau wie die Skandale kirchlicher Institutionen. Und wie bei so vielen an sich zum Himmel schreienden Zuständen und Bedrohungen und Entwicklungen in unserem Umfeld wie in unserer Welt - je häufiger davon die Rede ist, desto weniger hört man noch hin, man überhört die Meldungen, weil man sich diese inzwischen übergehört hat, zuckt die Achseln, da "man selbst ja doch nichts ändern" könne, gewöhnt sich allmählich daran.

Als ich nun aber über die Zeitungskolumne von Stefanie Witte stolperte, verschlug es mir erst einmal die Sprache - wer mich kennt, nicht für lange. Denn dieser Artikel schreit geradezu nach Kommentar, schreit vor allem nach Konsequenzen, und zwar nicht irgendwann, sondern schnellstmöglich. Witte legt genau den Finger in die Wunde und bringt ans Tages(post)licht, was da wenig effektiv in wohlklingenden Formulierungen "gelayoutet" vor sich hin schwelt, obwohl es längst lichterloh brennt.

Gebraucht wird nicht ein systemimmanentes pseudoaktives Herumbasteln an Scheinaktivitäten als uneffektive Politur, nicht die Beschäftigung mit Interna, mit dem institutionellen Selbst. Wer Menschen für sich gewinnen will, muss zu den Menschen gehen. So haben es übrigens die Propheten gehandhabt, so hat es Jesus unablässig gehandhabt, so haben es die Apostel unbeirrt gehandhabt. Und genau da gilt es, sich einzureihen.

Vor Ort bei den Menschen ist zu eruieren und anzusetzen, hier kann sich Kirche gespiegelt wahrnehmen, nicht im Burgturm einer verwalterischen, juristischen, finanzbestimmten Institution. Es braucht vielmehr einer flächendeckenden, die Menschen direkt ansprechenden Kontaktsuche. Politischer Wahlkampf macht es uns vor - Info-Stände und Befragungen dort, wo sich Menschen im öffentlichen Raum bewegen, motivierende Fragebögen an alle Haushalte mit der herzlichen Bitte um Rücklauf, da man nur dann für die Basis etwas verändern könne, wenn man der Basis zuhöre.

Und so wird Kirche erfahren, warum Menschen austreten oder gar nicht erst eintreten, welche Rolle Kirche im Alltag des Einzelnen spielt, wo die Enttäuschungen liegen, wo auf kirchliche Angebote eingegangen wird, wo man Kirche zu schätzen weiß, was man von Kirche überhaupt weiß, was man von Kirche erhofft und erwartet.

Kirche ist nur da Kirche, lebt nur da ihren Auftrag, wo sie “in persona" Kirche vor Ort ist, also ganz bei den Menschen - als Partner wahrnehmbar, spürbar, (be)greifbar, verlässlich, lebendig, aktuell. Nur dann ist sie glaubwürdig, nur dann hat sie ein tragfähiges Lebenskonzept zu bieten. Nur wenn sie sich hinterfragen lässt, wird sie auch wieder gefragt sein.

Kirche als Gesamtheit der Christen ist ein erhabener Begriff, aber abstrakt. Kirche vor Ort muss konkret sein, zum Anfassen.

Petra Heidemann

Lebendige Kirche

Zeichnung Petra Heidemann

Kirche als Institution ist notwendig, aber abstrakt. Kirche als Gesamtheit der Christen ist ein erhabener Begriff, aber abstrakt. Kirche vor Ort muss konkret sein, zum Anfassen. 

Kirche braucht also ein Bild, ein Profil, um gesehen zu werden, um Partner zu sein, um im Jetzt und Hier wahrnehmbar zu sein. Mit einem Baum als Bild ließe sich für das Wesen und den Auftrag der Kirche in allen drei Dimensionen etwas anfangen.

Die Kirche als sturmerprobter Baum wurzelt fest im Alten Testament, ist bis heute Stimme der Propheten, die sich einmischen, in das, was da auch heute geschieht oder eben nicht geschieht. Daran muss Kirche sich messen.

Aus dieser Wurzel Jesse spross in Jesus der Stamm hervor, geradlinig nach oben weisend, der Träger alles Weiteren, im biblischen Bild der Weinstock. Jesus hat für einen Augenblick der Weltgeschichte exemplarisch vorgelebt, was ein Mensch sein sollte, als was ihn die Schöpfung gedacht hat. Er war ganz bei den Menschen, konkret, greifbar, angreifbar, stark und verletzlich, aber unumstößlich wie der Stamm des Kreuzes.

Aus dem Stamm entwickeln sich Geäst und Gezweig. Die Jünger, die Apostel, die Gemeinden nahmen ihre Aufgabe an, selbst unter lebensbedrohlichen Umständen. Und das Christentum blühte auf und trug Früchte und streute Samen.

An uns allen als Kirche ist es nun, dieses Bild zu verinnerlichen und dafür zu sorgen, dass die Saat aufgeht an jeder noch so kleinen Stelle.

An der Institution Kirche ist es, sich Wurzel, Stamm und Krone zu eigen und nach außen lebendig werden zu lassen, Altes und Neues Testament konkret werden zu lassen und darauf basierend ihren, Jesu Auftrag in unserem Alltag zu erfüllen.

Denn Jesu Glauben gründet sich im Alten Testament, sein Wirken konkretisiert dieses, und die, die ihm folgen, sollen ihn in die Welt tragen. Anders gesagt, so wie Wurzel, Stamm und Krone ein Ganzes sind, so Gott, Jesus Christus und Heiliger Geist. Das sei Anliegen der Kirche in allen Dimensionen.

Petra Heidemann

Quelle: Petra Heidemann, Zwischen-durch-Gedanken, Meppen 1983

Mittwoch, 30. Juli 2025

Ecclesia evangelica, quo vadis? (Juli bis September 2022)

zuerst erschienen in der Sprachrohrausgabe 225 (Juli bis September 2022)

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Quo vadis ecclesia evangelica?

Oder: Warum treten Protestanten aus der Evangelischen Kirche aus?

Diese interessante Frage stellte Hubert Wolf, katholischer Kirchenhistoriker an der Universität Münster, in einem kurzen Begleitvideo zur Sendung des Aspekte-Magazins ,,Wozu brauchen wir die Kirche?" vom 03. Juni 2022. (1) Es war schon interessant, dass sich die Sendung fast ausschließlich mit der katholischen Kirche beschäftigte. Die evangelische kam nur am Rande vor.

Die Kirchen stehen für Werte

Hubert Wolf erklärte, dass die Kirche - er meinte die katholische; ich nehme das aber selbstverständlich auch für unsere evangelische Kirche in Anspruch - für Werte stünde, die sich der Staat nicht selber schaffen kann. Diese Werte seien, so Wolf, von grundlegende Bedeutung und die Basis, auf die der Staat aufbaue.

Da Wolf keine Werte nennt, habe ich selber ein wenig überlegt und gesucht - Stichwort: Werte der Gesellschaft. Dr. Andreas Lenz, MdB, zählt "Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Gerechtigkeit, Sicherheit, Wertschätzung, Toleranz, Verantwortung oder Leistung" als Konstanten auf. (2)

Die weitere Internetrecherche ergibt, dass im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen im Jahr 1997 die "Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten" durch eine Initiative des Inter-Action Council veröffentlicht wurde. In 19 Artikeln wird menschenfreundliches Handeln genauer behandelt. (3)

Vier Jahre zuvor hatten sich im Herbst 1993 in Chicago Vertreter vieler verschiedener Religionen zum "Weltparlament der Religionen" getroffen. Initiator dieser Begegnung war der Theologe Hans Küng. In einer "Erklärung zum Weltethos" einigten sich die Religionsvertreter auf vier Weisungen (Du sollst nicht töten, stehlen, lügen und Unzucht treiben), die in den Leitsätzen formuliert wurden:

  • Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben,
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung,
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit, 
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau. (4)
Weitere interessante und wegweisende Artikel lassen sich schnell finden.

Wenn es so einfach ist, Werte zu beschreiben, denen doch im Grunde jeder zustimmen muss und die sich auch in der Bibel finden, also zumindest für Juden und Christen verbindlich sind, dann fragt man sich schon, warum es in der Welt dieses Chaos gibt, warum es so weit gekommen ist, dass eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes für die Welt nicht mehr reine Spekulation ist.

Das Dreifachgebot der Liebe

Jesus wurde einmal gefragt, was für ihn das wichtigste Gebot sei. Er antwortete im zweiten Teil so, wie wir es in den vorherigen Abschnitten sinngemäß auch lesen können: "Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst." Damit greift er auf einen Vers aus dem Ersten Testament zurück, den man so wortwörtlich im 3. Buch Mose Kapitel 19 Vers 18 findet. Hier endet der Satz mit der göttlichen Deklaration: "Ich bin der HERR!" Genau diese Aussage stellt Jesus der humanitären Forderung nach der Nächstenliebe als Gebot voran: "Höre, Israel" -, und ich ergänze: Höre, Christenheit, "der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all Deiner Kraft".

Auch diese Worte stammen nicht originär von Jesus. Sie sind als das „Schma Jisrael", als das Bekenntnis Israels im 5. Buch Mose Kapitel 6 Verse 4 - 5 zu finden.

Wenn die Kirchen für Werte stehen, die sich der Staat nicht selber schaffen kann, dann können diese Werte im christlichen Kontext nur im Sinn Jesu, und tatsächlich auch nur in der von ihm genannten Reihenfolge, verkündigt werden: Gott lieben und dann Deinen Nächsten wie Dich selbst! Die Liebe zu sich selbst und zum Nächsten kann sich selbstlos nur entfalten, wenn sie sich eingebettet weiß in die Liebe zu Gott und getragen durch Gottes Liebe.

Damit leben Christen in dem Bewusstsein,  dass sie ihr Leben nicht sich selbst oder dem Zufall verdanken. Vielmehr ist es der Wille Gottes, dass es jeden einzelnen Menschen gibt und dass er uns diese Welt als Lebensraum, den wir pfleglich nutzen dürfen, zur Verfügung gestellt hat.

Eigentlich müsste jeder vernunftbegabte Mensch den oben beschriebenen Werten, die das menschliche Miteinander ermöglichen, zustimmen. Denn wenn die für den anderen nicht gelten, ist ja auch die eigene Existenz gefährdet. Warum sollte der andere meine Rechte achten, wenn ich das umgekehrt nicht für nötig erachte? Trotzdem steht die ganze Welt vor Problemen, die kaum zu bewältigen sind.

Christlicher Auftrag

Christliche Verkündigung kann da auf ein anderes Fundament aufbauen: Jesus Christus! Einen anderen Grund kann niemand legen, so sagt es Paulus. Christus hat uns mit seinem Tod am Kreuz von Golgatha gezeigt, wohin ein gottloses Leben führt - Leben ohne Gott, wo nur die Macht und der eigene Wille zählt: In den Tod. Mit der Auferweckung Jesu von den Toten hat Gott gezeigt, dass er diesen Tod für seine Menschen nicht will.

Reform um der Reform willen ist nicht der Weg

Zurück zu der Frage von Hubert Wolf: "Warum treten Protestanten aus der Evangelischen Kirche aus?" Er verweist darauf, dass bei den Protestanten doch eigentlich alles zu finden ist, was katholische Reformer sich wünschen: Synodale Mitverantwortung, Bischofswahl, Frauen im Pfarramt, kein Zölibat und anderes mehr.

Wolf macht deutlich, dass jede Reform das Ziel haben muss, die Verkündigung des Evangelium zu ermöglichen, auf Jesus Christus hinzuweisen. Eine Reform um der Reform willen bringt keine Kirche auch nur einen Schritt weiter. Ob dieser Gedanke die "Reformer" in der Evangelischen Kirche leitet, das stelle ich nach meinen Beobachtungen und Erfahrungen bewusst in Frage.

Wie aber wollen die Kirchen sich in Zukunft aufstellen, um Menschen zu gewinnen? Ich gehe hier nur auf das ein, was ich in der Evangelischen Kirche wahrnehme.

Best Practice

Auf der einen Seite werden immer wieder Beispiele genannt, wo sich Kirchen oder kirchliche Mitarbeiter wunderbar in der Öffentlichkeit präsentieren können - "Best Practice" ist der moderne Begriff. Die Sendung "Aspekte" erzählt von der Hamburger Pastorin Josephine Teske, die ihr Leben mit Pfarramt und Kindern auf Instagram mit rund 35.000 Follower teilt. Sie feiert Andachten und ihre Kochkünste. "Was sie macht, macht Phine mit Leidenschaft: predigen, hadern und hoffen, trauern und tanzen", so ist es auf der Internetseite "Yeet" zu lesen.

Im "Stadt-Anzeiger West" vom 23.06.2022, Teil der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, kann man lesen, dass Landesbischof Ralf Meister die Gemeinde Johannes-der-Täufer in Wettbergen überschwänglich lobt: "Diese Kirche ist ein Vorbild". Die überaus erfolgreiche Gemeindearbeit geht auf das Engagement des ehemaligen Pastors Schwarz zurück, unter dessen Ägide u.a. der Kinderzirkus "Giovanni" gegründet wurde. Diese Arbeit konnte erfolgreich weitergeführt werden.

Ganz automatisch fragt man sich: Ist das die Zukunft der Kirche? Für einzelne Kirchengemeinde sicherlich. Wenn man Josephine Teske im Video zuhört, spürt man, dass Sie auf diese Weise gern ihren Glauben teilt. Arbeit mit Kindern wie in Wettbergen begeistert immer. Aber nicht jeder will sein (Privat)Leben in den sozialen Netzwerken öffentlich teilen. Und die Leitung eines Zirkus' gehört nicht zum allgemeine Ausbildungsprogramm der Kirchen.

Stellenabbau

Ich nehme in der Evangelischen Kirche noch einen anderen Trend wahr. Landauf, landab ist von der zwingenden Notwendigkeit zu finanziellen Einsparungen die Rede. Obwohl die Kirchensteuereinnahmen stetig gestiegen sind, klagt die Hannoversche Landeskirche seit Mitte der 1980er Jahre, dass das Geld weniger werde. Begründet wird dies mit der hohen Zahl der Kirchenaustritte.

Wenn gespart werden muss, kann dies am einfachsten im Personalbereich geschehen - wie auch sonst in der Wirtschaft üblich. Da wesentlich mehr Pastorinnen und Pastoren in den Ruhestand gehen als nachrücken - das Verhältnis lag zuletzt ungefähr bei 100:30 -, fällt es den Kirchenkreistagen, die seit kurzem Kirchenkreissynode heißen, nicht schwer, Pfarrstellen aufzugeben. Da die Arbeit nicht weniger wird, wird sie auf die noch vorhandenen Schultern verteilt. Das führt dann bei den Pfarrstelleninhabern zu Abgrenzversuchen, die wiederum die Gemeindeglieder zu spüren bekommen. Eine fatale Entwicklung.

Kirche vor Ort

Der einzige Weg aus dieser Krise ist in meinen Augen die Rückbesinnung auf den eigentlichen Auftrag der Kirche: Verkündigung des Evangeliums in der Kirchengemeinde vor Ort - mit allen Facetten, die möglich sind. Hier fühlen sich Menschen mit "ihrer" Kirche verbunden, Sie sind bereit, Kirchensteuern zu zahlen, und sie engagieren sich ehrenamtlich. So habe ich es bei meinem Besuch in meiner ersten Kirchengemeinde erlebt. Eine junge Mannschaft hatte ein wunderbares Gemeindefest organisiert. Allerdings werden Gemeindeglieder in Zukunft sehr genau beobachten, wofür die Kirchensteuer eingesetzt wird.

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Anmerkungen: 

1 https://mediathekviewweb.de/#query=Aspekte Mit diesem Link kann die ganze Sendung und das kürzere Begleitvideo aufgerufen werden.

2 https://www.andreas-lenz.info/blog/blog-werte/werte-unserer-gesellschaft-welche-werte-halten-uns-zusammen.html

3 https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenpflichten

4 https://de.wikipedia.org/wiki/Weltethos

5 https://yeet.evangelisch.de/personen/josephine-teske