Dienstag, 7. April 2026

Wenn die Augen „gehalten“ sind

Ostern habe ich eine bemerkenswerte Predigt unserer Prädikantin Petra Heidemann zum Emmaus-Text (Lukas 24) gehört. Die Predigt ist in meinem Blog "Predigten nachgedacht" veröffentlicht. Im biblischen Text wird ein Moment beschrieben, der mich heute mehr denn je an den Zustand unserer Kirche erinnert: Die Jünger sind so in ihrer Trauer und ihrem Schmerz gefangen, dass ihre Augen „gehalten“ werden. Sie gehen zwar vorwärts, aber ihre Herzen treten auf der Stelle, so drückte es Petra Heidemann aus.

Feuerwerk statt brennender Herzen?

Gegenwärtig erlebt die Kirche massive „Transformationsbestrebungen“. Da ist die Rede von „transparochialen“ Strukturen und multiprofessionellen Teams, die ein „Feuerwerk“ kirchlicher Aktionen nach dem anderen zünden sollen (Julia Koll; vgl. dazu in diesem Blog: Anker der Freiheit [22.03.26]). Zuerst stellt sich die Frage: Woher soll das Personal für diese Mammutprojekte kommen? Weder Pfarrpersonen noch Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker oder Diakoninnen und Diakone oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter stehen Schlange, um in der "trans-" oder "postparochialen" Kirche mitzuarbeiten. Und viel wichtiger ist dann die Frage: Brennt das Herz noch, wenn Theologie zur Sprache kommt? 

Wenn Steffen Bauer davon spricht, dass die „DNA der Kirche auf den Kopf gestellt wird“, müssen wir kritisch fragen: Was ist diese DNA eigentlich? (vgl. auch meinen Aufsatz zu Julia Koll und den Beitrag "Transformation oder De-Konstruktion?" [16.03.26])

  • Besteht sie aus Strukturreformen und Eventmanagement?

  • Oder ist sie die Verkündigung der Versöhnung mit Gott? 

In der Predigt von Petra Heidemann heißt es treffend, dass Jesus den Jüngern die Schrift öffnete, angefangen bei Mose und den Propheten. Die Kirche von heute scheint sich stattdessen im „Managersprech“ zu versuchen. Man hantiert mit Begriffen, von denen man oft wenig versteht, und verliert dabei die biblische Botschaft – den Kern unserer Existenz – aus den Augen.

Die Gefahr der Selbstsäkularisierung

Die Predigt betont, dass Jesus das Brot brach und erst dann die Augen der Jünger geöffnet wurden. Heute erleben wir oft das Gegenteil: Eine Art „Selbstsäkularisierung“.

  • "Theologen" wie Kurt Bangert fordern eine Reform des Christentums, bei der am Ende von klassischer christlicher Theologie kaum noch etwas übrig bleibt. (vgl. seine Aufsätze im Deuten Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt)

  • Wenn die Botschaft Jesu nur noch als moralischer Appell oder liberales Lebensmodell verstanden wird, fehlt das, was die Predigt als „Grundlage unseres Glaubens“ bezeichnet: Die Erlösung durch das Kreuz und die Hoffnung der Auferstehung.

So gab es Petra Heidemann Ostern der Gottesdienstgemeinde mit auf den Weg: „Es ist die Grundlage unseres Glaubensbekenntnisses: Jesu Kreuzigung für unser Versagen [...] und seine Auferstehung als Christus, damit auch wir die Dunkelheit des Todes durchschreiten.“ 

Zurück zum Osterlicht

Durch das Schweigen über den Kern des Evangeliums überlassen wir den Interpretationsraum der Bibel den Fundamentalisten und „Bibelinfluencern“. Wenn ein Donald Trump Gott für nationale Machtansprüche instrumentalisiert, braucht es mehr als nur „kirchliche Aktionen“. Es braucht theologischen Tiefgang, wie man ihn bei Autoren wie Ralf Frisch oder Werner Thiede findet.

Wir müssen aufhören, nur auf unsere „eigenen Füße“ zu schauen – also auf unsere schwindenden Mitgliederzahlen und maroden Strukturen. Die Predigt erinnert uns:

  • Ostern ist Hoffnung, wo keiner mehr zu hoffen wagt.

  • Das Ziel ist nicht die perfekte Organisation, sondern das „Osterlicht“, das uns im Alltag begleitet.

Warum die Sehnsucht nach Tiefe siegen wird

Die Resonanz auf Petra Heidemanns Gedanken beim anschließenden Kirchenkaffee zeigt eines deutlich: Die Menschen haben genug von „kirchlichen Feuerwerken“, die zwar kurz hell aufleuchten, aber keine nachhaltige Wärme spenden. Sie suchen nach einer Botschaft, die sie „bis ins Tiefste versteht“.

  • Substanz statt Struktur: Während in kirchlichen Strategiepapieren über „trans-" oder "postparochiale Teams“ philosophiert wird, zeigt die Emmaus-Geschichte, dass Heilung dort geschieht, wo die „Schrift geöffnet“ wird.

  • Die wahre DNA: Wenn wir die Versöhnung mit Gott als Zentrum verlieren, verlieren wir unsere Identität. Die Predigt erinnert uns daran, dass Jesu Kreuzigung für unser Versagen und seine Auferstehung die „Grundlage unseres Glaubensbekenntnisses“ sind – nicht unsere organisatorische Agilität.

  • Vom Tunnel zum Licht: Die Welt braucht keine Kirche, die sich im „Managersprech“ verliert, sondern eine, die den „Abgrund zum Tunnel“ macht, an dessen Ende das Osterlicht strahlt.

Es ist tröstlich zu wissen, dass die Botschaft von der Auferstehung – so „wenig fröhlich“ sie für die Betroffenen zunächst auch war – am Ende die Kraft hat, die „Augen weit aufzumachen“. Genau das wird der Moment, in dem die Kirche aufhört, ängstlich auf ihre eigenen Füße zu schauen, und wieder lernt, das Licht auszustrahlen, das sie eigentlich trägt .

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja! 

Das ist keine Management-Strategie, sondern eine lebensverändernde Wahrheit.

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