Donnerstag, 30. April 2026

Kirchenreform oder "Kekskasse"

Der schleichende Entmachtung der Kirche vor Ort

Die evangelische Kirche in Deutschland befindet sich in einem Transformationsprozess, der weit über bloße Sparmaßnahmen hinausgeht. Unter dem Druck massiv sinkender Mitgliederzahlen und schwindender Finanzkraft rütteln immer mehr Landeskirchen an einem der sichersten Pfeiler der protestantischen Geschichte: der rechtlichen und organisatorischen Eigenständigkeit der Ortsgemeinde.

Was derzeit in mehreren Gliedkirchen der EKD diskutiert und in Vorreiter-Regionen wie Braunschweig oder der Pfalz bereits exekutiert wird, ist ein Paradigmenwechsel. Das Ziel ist die sogenannte „regio-lokale“ Kirche. In diesem Modell sollen die klassischen Kirchengemeinden ihren Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts verlieren und in größere, zentral gesteuerte Einheiten überführt werden.

In der kirchenamtlichen Logik wird dieser Schritt als Befreiung von Verwaltungsballast und als Weg zu mehr „Professionalität“ verkauft.

Doch für die Menschen vor Ort bedeutet es oft das Gegenteil: Den Entzug der Hoheit über Gebäude, Finanzen und Personal. Es geht um die Frage, ob die Kirche der Zukunft eine lebendige Gemeinschaft von unten bleibt oder sich in eine zentral verwaltete Dienstleistungsagentur verwandelt, in der die Basis nur noch über die sprichwörtliche „Kekskasse“ entscheiden darf.

Die Kekskasse - KI-Bild Gemini

Zwei hervorragende Artikel in der F.A.Z. und ein Video

Reinhard Bingener (politischer Korrespondent der F.A.Z.; studierter Theologe) hat diese spannungsgeladene Situation für die Frankfurter Allgemeine Zeitung in zwei wegweisenden Artikeln analysiert. Bevor ich diese Entwicklungen aus meiner Perspektive als Pfarrer kommentiere, finden Sie hier eine Zusammenfassung seiner Analysen, die das Ausmaß dieses Umbruchs verdeutlichen.

„In den Ortsgemeinden formiert sich Widerstand“ 

(siehe Reinhard Bingener - 06.04.2026 - F.A.Z.)

In diesem ausführlichen Hintergrundbericht beleuchtet Bingener die praktischen Auswirkungen der geplanten Strukturreformen am Beispiel der Landeskirche Braunschweig.

  • Der Kern der Reform: Mehrere Landeskirchen verfolgen die Strategie, den Ortsgemeinden ihren Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts zu entziehen. Diese sollen zugunsten von „Großgemeinden“ oder „Regionalkirchengemeinden“ ihre Selbstständigkeit verlieren.
  • Folgen für die Basis: Ortsgemeinden wären künftig nicht mehr Eigentümer ihrer Gebäude, besäßen kein eigenes Vermögen mehr und dürften kein eigenes Personal (z. B. Küster oder Pfarramtssekretärinnen) mehr anstellen. Alles wanderte auf eine nächsthöhere Ebene, von wo aus der neue Gebilde verwaltet würde.
  • Die „Kekskasse“: Bingener zitiert ein Papier der Landeskirche Braunschweig, das den Gemeinden lediglich ein Konto mit begrenztem Rahmen für „Bastelmaterial, Kerzen und Knabbereien“ zugesteht – ein Begriff, der zum Symbol für die gefühlte Entmachtung geworden ist.
  • Der Widerstand: Der Artikel lässt Kritiker wie den Landwirtschaftskammerpräsidenten Gerhard Schwetje zu Wort kommen, die vor einer „Umkehr der Demokratie“ und einem „Akt der Enteignung“ warnen. Es wird die Sorge geäußert, dass Ehrenamtliche sich frustriert zurückziehen, wenn sie vor Ort nichts mehr entscheiden können.
  • Reaktion der Kirchenleitung: Die Führung verteidigt den Schritt als notwendige Reaktion auf sinkende Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen, um professionellere Verwaltungsstrukturen zu schaffen.

„Ja zum Kirchturmdenken“ 

(siehe Reinhard Bingener - 20.04.2026 - F.A.Z)

14 Tage nach dem ersten Artikel erschien in der überregionalen F.A.Z. ein weiterer Beitrag von Reinhard Bingener. In diesem kommentierenden Beitrag setzt sich Autor kritisch mit der strategischen Ausrichtung der Reformen auseinander.

  • Das „regio-lokale“ Konzept: Das Ziel der Kirchenleitungen ist eine Verschmelzung der Ebenen zu einer „regio-lokalen“ Kirche, in der Ressourcen zentral gebündelt werden.
  • Theologische Kritik: Bingener erinnert daran, dass Ortsgemeinden nach reformatorischer Lehre keine „Franchisenehmer“ der Verwaltung sind, sondern der Kirchenleitung logisch vorgeordnet.
  • Motivationsverlust: Er warnt davor, dass die regionale Steuerung die Motivation der Ehrenamtlichen zerstört, da Menschen sich primär in ihrem unmittelbaren Nahbereich engagieren. Wenn man vor Ort nur noch über „Vollkornkekse“ entscheiden darf, raube das jede Gestaltungslust.
  • Gefahr der „Funktionärskirche“: Der Artikel warnt vor einem weiteren Schritt hin zu einer Bürokratie, in der Entscheidungen nach „binnenkirchlicher Geschmeidigkeit“ statt nach der Lebensrealität der Menschen getroffen werden.
  • Gegenvorschlag: Statt Kollektivierung plädiert der Autor für mehr Selbstständigkeit der Gemeinden, verbunden mit einer radikalen Verschlankung der kirchenleitenden Ebenen auf das absolut Nötigste.

Mein Kommentar: 

Wie die evangelische Kirche ihr Rückgrat bricht

Es ist Zeit, Widerstand zu leisten

Während draußen die Welt komplexer, unübersichtlicher und in manchen Ecken schlichtweg kälter wird, hat sich die kirchliche Führung in ihren Verwaltungsburgen verbarrikadiert, um dort – paradoxerweise nicht mit der Dynamik moderner Unternehmen, sondern mit den hierarchischen Steuerungsmustern des letzten Jahrtausends – die eigene Abwicklung zu „optimieren“. Statt auf die eigenverantwortliche Innovationskraft von Profis und Ehrenamtlichen an der Basis zu setzen, wird ein Führungsverständnis exekutiert, das lebendige Gemeinden zu bloßen Vollzugsstellen degradiert und den mündigen Mitarbeiter zum weisungsgebundenen Rädchen im Getriebe einer zentralistischen Planwirtschaft macht.

Enteignung und Entmachtung

Die Strategie ist bestechend simpel: Man nehme den Kirchengemeinden den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts und drücke ihnen das Etikett einer „Körperschaft kirchlichen Rechts“ auf. Was juristisch wie eine bloße Formalität daherkommt, ist in der Praxis nichts weniger als eine beispiellose Enteignung und Entmachtung. Wer Gebäude, Vermögen und Personalentscheidungen auf die nächste, meist anonyme Ebene verschiebt, beraubt die Gemeinde ihrer Identität.

„Kekskasse“

Die ehrenamtlichen Kirchenvorsteher – jene Menschen, die vor Ort noch das Rückgrat der Kirche bilden – dürfen sich künftig als Verwalter einer „Kekskasse“ betätigen. Es ist ein fast schon komischer Zynismus, wenn man glaubt, mit der Verfügungsgewalt über die Keksbestände für den Kirchenkaffee ließe sich noch eine Gemeinde leiten. Wer ernsthaft erwartet, dass sich Ehrenamtliche für dieses Ausmaß an Bedeutungslosigkeit begeistern lassen, der hat das Ehrenamt nie verstanden.

Pastor als Befehlsempfänger

Besonders absurd mutet die Haltung gegenüber dem Pfarrberuf an. Die Transformation des Pastors zum Befehlsempfänger einer mittleren Ebene ist ein kulturpolitischer Offenbarungseid. Der Pfarrberuf ist eine Profession – theologisch fundiert, akademisch anspruchsvoll, vergleichbar mit den Heilberufen oder der Jurisprudenz. Dass ausgerechnet kirchliche Leitungsinstanzen versuchen, die professionelle Autonomie ihrer Geistlichen zu schleifen, zeugt von einem fatalen Misstrauen in die eigene Basis.

Hilflose Synoden

Dass diese Reformen in Synoden dennoch oft mit 90-prozentigen Mehrheiten durchgewunken werden, sollte niemanden täuschen. Es ist kein Zeichen überwältigender Zustimmung, sondern ein Zeugnis der Hilflosigkeit. Die Synoden sind längst keine Orte lebendiger kirchenpolitischer Debatte mehr; es fehlen Parteien, es fehlen erkennbare Alternativen. Viele Synodale, die zwischen einer hochkomplexen Materie und dem Diktat der Kirchenleitung stehen, haben längst kapituliert: „Die da oben werden schon wissen, was sie vortragen.“ So entsteht ein fataler Kreislauf: Die Synodalen entfernen sich von ihren Ortsgemeinden, deren Interessen sie eigentlich vertreten sollten, und werden zu Erfüllungsgehilfen einer Administration, die den Bezug zur Basis längst verloren hat.

Operation am offenen Herzen

Die evangelische Kirche vollzieht hier eine Operation am offenen Herzen, bei der sie – in der Hoffnung auf eine bessere „Anschlussfähigkeit“ an den gesellschaftlichen Mainstream – ihre eigenen Wurzeln kappt. Man orientiert sich an NGOs, kopiert politische Diskurse und wundert sich dann über die eigene Unsichtbarkeit. Doch wer das Original sucht, wird nicht zur Kopie greifen.

Diese „Reformen“ sind keine Rettungsmaßnahmen; sie sind der Versuch, eine Kirche ohne Christen zu verwalten. Man spart sich zu Tode, während man die wenigen, die noch da sind, mit bürokratischer Übergriffigkeit in die Flucht schlägt. Es wäre an der Zeit, das „Kirchturmdenken“, das man so verächtlich macht, endlich wertzuschätzen. Denn der Kirchturm ist das, was bleibt, wenn die Verwaltungsstruktur in sich zusammenbricht. Es ist das Symbol einer Institution, die noch etwas zu sagen hat – sofern sie nicht vorher ihren eigenen Geist weg-optimiert hat.


Reinhard Bingener (FAZ): Ja zum Kirchturmdenken! - Ein Brennpunktgespräch mit Malte Krüger und Martin Wendte

Himmel und Hashtag - der eva-Podcast

Der lohnenswerte Beitrag bei YouTube wird mit diesem Link aufgerufen. 

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