Donnerstag, 15. Januar 2026

Reform-Erschöpfung?

Nachdem ich mich in der letzten Zeit intensiv mit den Plänen zur Umstrukturierung der Kirchengemeinden – weg von Körperschaften des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.) hin zu Körperschaften kirchlichen Rechts (K.d.k.R.) – beschäftigt habe, drängt sich eine größere Frage auf: In welchem Kontext stehen diese Überlegungen zur lokalen Basis der Kirche eigentlich? 

Die „Papierflut aus Hannover“ und das Verstummen der Basis

Um das zu verstehen, habe ich mich auf eine Internetrecherche begeben, denn die Vielzahl der Impulse, Denkschriften und Reformpapiere, die die EKD seit den frühen 2000er Jahren produziert hat, kann man beim besten Willen nicht mehr alle „auf dem Schirm“ haben. Was sich dabei offenbart, ist eine wahre Papierflut aus Hannover, die in seltsamem Kontrast zur realen Erosion des kirchlichen Lebens vor Ort steht.

1. Der Sündenfall: "Kirche der Freiheit" (2006)

Der Startschuss für die moderne Reform-Ära war das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ im Jahr 2006. Es war der massive Versuch, die Kirche mit betriebswirtschaftlicher Logik zu retten. Plötzlich war die Rede von „Leuchttürmen“, „Wachstumskernen“ und „Profilschärfung“.

Rückblickend muss man konstatieren: Dieses Papier war der Einzug des Management-Sprechs in die Sakristei. Während in Hannover über effiziente Strukturen und Marktanteile philosophiert wurde, begann an der Basis ein Prozess der Entfremdung. Man versuchte, geistliches Wachstum durch administrative Professionalisierung zu erzwingen – ein Ansatz, der die ehrenamtliche Substanz oft eher gelähmt als beflügelt hat. Die heutige Abwicklung des K.d.ö.R.-Status der Gemeinden ist im Grunde die finale Exekution dieser damaligen Logik: Effizienz geht vor Beheimatung.

Aus dem Jahr 2016 gibt es auf den Seiten von "Deutschlandfunk Kultur" einen interessanten Beitrag, der auf  »Zehn Jahre Impulspapier „Kirche der Freiheit“« zurückschaut und fragt: "Mit viel Pathos falsche Ziele gesetzt?"

2. Die Kirche als „NGO mit Glockengeläut“: Nachhaltigkeit (2018)

Ein weiterer Meilenstein war die „Umkehr zur Nachhaltigkeit“ (2018) und die verstärkte Positionierung zu Klimafragen. Natürlich sind dies drängende ethische Themen. Doch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung geschah etwas Problematisches: Die Kirche wurde zum Juniorpartner säkularer Bewegungen.

Wenn kirchliche Impulse sich in moralischen Appellen erschöpfen, die man eins zu eins auch bei Greenpeace oder politischen Parteien lesen kann, verliert die Kirche ihr spezifisch theologisches Profil. Man generiert vielleicht kurzfristig öffentliches Wohlwollen in bestimmten Milieus, doch der Preis ist hoch: Das Proprium, die Verkündigung des Evangeliums und die Zusage der Erlösung, tritt hinter den aktivistischen Imperativ zurück. Gesellschaftlich spürbar ist die Kirche hier oft nur noch als eine weitere NGO – eine mit Glockengeläut, aber ohne echtes Alleinstellungsmerkmal.

3. Von 11 zu 12: Die Leitsätze als Autotherapie (2020)

Besonders bezeichnend für die interne Dynamik war der Prozess um die Schrift „Hinaus ins Weite – Kirche auf gutem Grund“. Dass man zunächst 11 Leitsätze präsentierte, die aufgrund ihrer vagen und fast esoterisch anmutenden Sprache scharf kritisiert und teilweise verspottet wurden, nur um sie dann eilig auf 12 Leitsätze zu erweitern, spricht Bände. - Einem meiner Gesprächspartner fiel zu den 11 Leitsätzen ein: "Beim Karneval in Köln gibt's den Elferrat".

Diese Leitsätze wirken wie eine Form der kircheninternen Autotherapie. Man versichert sich gegenseitig einer „aufgeschlossenen Zukunft“, während man gleichzeitig die rechtlichen und finanziellen Grundlagen der Ortsgemeinden beschneidet. Es ist eine Sprache der „Blase“, die gesellschaftlich kaum noch Resonanz findet. Die „Weite“, von der hier die Rede ist, wird an der Basis oft als die Leere wahrgenommen, die entsteht, wenn Pfarrhäuser verkauft und Gemeinden zu administrativen Serviceeinheiten degradiert werden.

4. Das Paradox der Reform-Erschöpfung

Die Internetrecherche fördert noch viel mehr zu Tage: Denkschriften zum Frieden, zur Wirtschaft, zur Familie. Doch das bittere Fazit lautet: Je mehr Papier in Hannover produziert wird, desto weniger kommt „unten“ an. Es gibt einen massiven Transmissionsverlust.

Während die Kirchenleitung meint, durch ständige Neu-Positionierung gesellschaftliche Relevanz zu sichern, bricht die wichtigste Ressource weg: die lokale Bindung. Die Freiburger Studie (2019) hat es schwarz auf weiß belegt: Der Kirchenaustritt ist ein Verhaltensproblem, das durch mangelnde Relevanz und schwindende Kontakte ausgelöst wird. Wenn die Kirche aber den Weg der Zentralisierung geht, zerstört sie genau die Kontaktflächen, die sie eigentlich bräuchte.

Fazit: Ende der Landeskirchen durch Über-Administration?

Die „Papierflut aus Hannover“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns in einer tiefen Identitätskrise befinden. Die schleichende Umwandlung der Gemeinden in „Serviceeinheiten“ verkennt, dass Menschen keine Dienstleistung suchen, sondern eine geistliche Heimat. Wenn die Kirche weiter den Weg der Zentralisierung – von oben nach unten – geht, dann ist das nicht nur ein Paradigmenwechsel, sondern der Anfang vom Ende der Landeskirchen als Volkskirche.

Die Basis wird die Kosten dieser Zentralisierung am Ende nicht tragen – sie wird schlicht wegbrechen. Was wir bräuchten, wäre keine neue Denkschrift, sondern eine radikale Besinnung auf die Kernaufgaben vor Ort: Wort und Sakrament, verankert in einer rechtlich und finanziell souveränen Gemeinde. Alles andere ist das Verwalten eines Niedergangs auf sehr teurem Papier.

Was denken Sie? Erreichen Sie die Impulse aus Hannover noch in Ihrem Gemeindialltag, oder nehmen Sie eher eine „Reform-Erschöpfung“ wahr? Diskutieren Sie mit in den Kommentaren!

Mittwoch, 14. Januar 2026

Offener Brief

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Vorsitzender im Verein "D.A.V.I.D. - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche" habe ich zusammen mit Pfarrer em. Dr. Hans-Gerd Krabbe (stellv. Vorsitzender) den nachfolgenden Brief an die Pfarrvereine, Pfarrvertretungen, Pastorenausschüsse der zwanzig EKD-Gliedkirchen verschickt. 

Es geht um den Körperschaftsstatus der Kirchengemeinden im Raum der EKD

Bezug:  Der Artikel von Andreas Dreyer in: ›Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt‹, 12/2025, 687-689 (vgl. die beiden letzten Blogbeiträge)


Sehr geehrte Mitglieder in den Vorständen der Pfarrvereine, Pfarrvertretungen, Pastorenausschüsse,

den o.a. Artikel von Pastor Andreas Dreyer (Landesbergen) verstehen die beiden Vorsitzenden des Vereins DAVID - gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.v. Pastor i.R. Ralf Krüger (Vors.) und Pfarrer em. Dr. Hans-Gerd Krabbe (stellv. Vors.) in Absprache mit den anderen Vorstandsmitgliedern als Weckruf, dem sich niemand entziehen sollte. Dreyer deutet einschneidende Konsequenzen an, wenn seitens der Landeskirchen der vom Staat gewährte Status als ›Körperschaft des öffent-lichen Rechts‹ (›KdöR‹) für die Kirchengemeinden aufgegeben wird und stattdessen der neue Status als ›Körperschaft des kirchlichen Rechts‹ (KdkR‹) eingeführt werden soll. Davor lässt sich nur eindringlich warnen!

Eine Entscheidung, wie sie nun in der Protestantischen Kirche der Pfalz getroffen wurde, bringt ›das Schifflein Kirche‹ erheblich ins Wanken und fördert »die Selbstsäkularisierung der Kirche« (Wolfgang Huber) in eine ekklesiologisch bedenkliche Entwicklung auf allen Ebenen! Dreyer: »der Körperschaftsstatus der Gemeinden und der auf Kirche wie Staat bezogene Subsidaritätsgedanke sollten als unverhandelbar angesehen werden …« (688). 

Wir schreiben diesen Brief aus großer Sorge um die Zukunft der Kirche und die Kirche der Zukunft, wenn denn die institutionalisierte Kirche von oben nach unten hierarchisch durchregiert werden soll / wenn die Kirchengemeinden ihre Eigenständigkeit in wesentlichen Inhalten verlieren / wenn Fragen nach Personal, Immobilien, Finanzen andernorts entschieden und den Kirchengemeinden vorgesetzt werden. Wer wird sich unter diesen Vorzeichen noch für den Pfarrberuf entscheiden, wer das Ehrenamt eines Kirchengemeinderates übernehmen?

Wir bitten Sie in den Pfarrvereinen, Pfarrvertretungen, Pastorenausschüssen darum, sich der Sache anzunehmen und Stellung zu beziehen: in Ihrer jeweiligen Landeskirche, in öffentlichen Verlautbarungen. Es scheint höchste Zeit zu sein!

Mit freundlichen Grüßen!

gezeichnet mit unseren beiden Unterschriften

Montag, 12. Januar 2026

Der Anfang vom Ende?

Warum die Zentralisierung der Landeskirchen in die Sackgasse führt


Ein Debattenbeitrag zur Entmachtung der Kirchengemeinden und dem Verlust des theologischen Profils

Der Artikel von Andreas Dreyer zum Thema "Körperschaftsstatus der Ortsgemeinde" im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt (12/2025; vgl. auch meinen vorhergehenden Beitrag hier im Blog) ist von einem Kollegen kommentiert worden, der sich "Reform Freund" nennt. Übrigens auch die Kommentare von Johannes Oesch, Barbara Phieler, Martin Mattheis und Susanne Seehaus sprechen eine eindeutige Sprache und sind lesenswert.

Bezugnehmend auf den Kommentar von "Reform Freund" ergänze ich meine bereits geäußerten Überlegungen um einen entscheidenden Aspekt: Die Verantwortung der Kirchenleitung. "Reform Freund" hat zwar speziell die Evangelische Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche) im Blick, jedoch lassen sich seine Überlegungen auf fast alle Landeskirchen übertragen, die oft nur noch das vollziehen, was auf EKD-Ebene vorgegeben wird.

1. Das Leitungsproblem: Repräsentation statt Substanz

Der massive Vertrauensverlust der Kirche ist in meinen Augen ein Problem der Leitungsebene, auch wenn auf Gemeindeebene gewiss nicht immer alles reibungslos läuft. Die Kirchenleitungen versuchen beharrlich, die Institution nach wie vor als maßgeblichen gesellschaftlichen „Player“ zu positionieren. Sie verkennen dabei, dass diese Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung längst verloren gegangen ist.

Während man meint, durch Präsenz in weltlichen Gremien und öffentliche Statements Wohlwollen zu generieren, setzt an der Basis eine Entfremdung ein, die nicht primär strukturell, sondern inhaltlich begründet ist: Wenn engagierte Gemeindeglieder erklären, dass die Kirche ihnen nichts mehr zu sagen hat, dann bezieht sich das auf schwindende oder gar nicht mehr vorhandene theologische Inhalte.

2. Das Paradox der Professionalisierung

Das zusätzliche Engagement in öffentlichen Arbeitsfeldern bindet enorme Arbeitskraft in den Verwaltungen der Kirchenkreise und Dekanate, die dann bei der Unterstützung der lokalen Kirchenvorstände fehlt. Es ist ein administrativer Offenbarungseid, dass Jahresabschlüsse in einer angeblich professionalisierten Zentralverwaltung jahrelang auf sich warten lassen.

Hier zeigt sich nach den Ausführungen von "Reform Freund" ein Paradox: Während zentrale Vergabestellen und komplexe Softwareprojekte Ressourcen binden, wird die Kirche vor Ort als ansprechbarer Akteur im Sozialraum unsichtbar. Die „Professionalisierung“ der Zentrale frisst die Handlungsfähigkeit der Basis.

3. Die gefährliche Risikokonzentration: Ein neues Haftungsszenario

Ein völlig unterschätzter Aspekt dieser Zentralisierung ist das massive Haftungsrisiko. Bisher wirkten die rechtlich selbstständigen Kirchengemeinden (K.d.ö.R.) als Puffer; finanzielle Fehlentscheidungen oder Baurisiken blieben lokal begrenzt.

Mit der Übertragung des Körperschaftsstatus und des Vermögens auf die Bezirks- oder Landeskirchenebene entsteht eine gefährliche Risikokonzentration. Ein einziger strategischer Fehler in der Zentrale – sei es bei Immobilienprojekten oder IT-Großinvestitionen – gefährdet nun den gesamten Bestand und das Vermögen aller zugeordneten Gemeinden. Wir schaffen uns ein „Too big to fail“-Szenario auf kirchlicher Ebene.

4. Das Schweigen der Pfarrerschaft

Dass Pfarrerinnen und Pfarrer zu diesem Prozess des schleichenden Identitätsverlusts und der riskanten Machtkonzentration oft so wenig zu sagen wissen, ist besorgniserregend; auch aus den Pfarrvertretungen und Pfarrvereinen könnte wesentlich deutlicher Gegenwehr kommen gegen die "Entberuflichung" des Pfarrberufs zum bloßen "Regionalversorger". Die Diskussionen der Landessynoden dringen kaum bis in die Gemeinden vor, während dort die Umwandlung in bloße "Serviceeinheiten" voranschreitet.

5. "Serviceeinheiten" vs. Geistliche Beheimatung

Die Leitung verkennt allerdings, dass dieser "Service" längst von freien Rednern und Event-Agenturen angeboten wird. Freie Bestattungen und Trauungen sind gang und gäbe. Diesem Wettbewerb kann die Kirche nicht mit eigenen Agenturen begegnen.

Der kirchliche Mehrwert liegt woanders:

  • In der Beheimatung in einer geistlichen Tradition und Gemeinschaft.

  • In Kasualien, die das lutherische Bekenntnis und die christliche Botschaft wieder erkennbar in den Mittelpunkt stellen.

  • In der Verlässlichkeit einer lokalen Kirchengemeinde als Subjekt kirchlichen Handelns.

Fazit: Die Basis wird nicht mehr tragen

Wenn die Kirche den Weg der Zentralisierung von oben nach unten weitergeht, ist das mehr als ein Paradigmenwechsel – es ist in meinen Augen der Anfang vom Ende der Landeskirchen. Das Prinzip der Subsidiarität und das Priestertum aller Gläubigen werden administrativ ausgehöhlt.

Die Hoffnung der Leitung, dass die Basis die Kosten dieser Zentralisierung tragen wird, ist eine Illusion. Die Menschen werden nicht für eine bürokratische Hülle zahlen, zu der sie keinen Bezug mehr haben; sie werden schlicht austreten. 

Eine Kirche, die demokratisch, subsidiär und reformatorisch aus der Krise gehen will, muss Mut zur Selbstbegrenzung der Leitungsebene zeigen. Alles andere ist reine Machtpolitik, deren Zeche am Ende die geistliche Substanz der Kirche zahlt.