Montag, 23. Februar 2026

Wenn die Kirche sich selbst abschafft ...

Am 18. Februar veröffentlichte das Sonntagsblatt - 360° evangelisch - den Beitrag von Ralf Frisch: “Warum es der Kirche nichts nützt, sich selbst zu säkularisieren” (Link zum Artikel). Absolut lesenswert! Auf seiner Internetseite stellt sich Ralf Frisch so vor: “Ich bin Professor für Systematische Theologie und Philosophie. Zu Deutsch: ich beschäftige mich mit den Grund- und Gegenwartsfragen des christlichen Glaubens und mit den Grund- und Grenzfragen des menschlichen Daseins.” (https://ralffrisch.de/) Sein Aufsatz im Sonntagsblatt hat mich so fasziniert, dass ich die aus meiner Sicht wesentlichen Gedanken hier aufnehme und meine Gedanken hinzufüge. 

Ich empfehle dringend, den Artikel im Original zu lesen (Link s.o.)!

Die Flucht nach vorn – doch in welche Richtung?

Ralf Frisch schildert eine Podiumsdiskussion, die symptomatisch für die aktuelle Lage der evangelischen Kirche zu sein scheint. Eine Pastorin fordert dort die radikale Öffnung: Die Grenze zwischen Kirche und Nicht-Kirche solle fallen. Für Fisch ginge unter diesen Umständen das Christentum in einer „säkularen humanistischen Menschheitsreligion“ auf.

Frisch beobachtet diesen Trend zur Entgrenzung mit großer Skepsis und analysiert messerscharf:

  • “Tugend” aus der Not: Die drohende Bedeutungslosigkeit der Volkskirche wird durch eine rhetorische Flucht nach vorn kompensiert. Man verkauft das Schwinden des Profils als Fortschritt.

  • Glaubwürdigkeitsverlust: Wer als kirchliche Gehaltsempfängerin die Auflösung der eigenen Institution predigt, wirkt auf Frisch wie ein Gast im „Grandhotel Abgrund“ – man genießt den Status quo, während man das Ende moderiert.

  • Heimatlosigkeit: Frisch gesteht sich sogar den radikalen Gedanken eines Kirchenaustritts ein, da er in der aktuellen Form der Institution die „Kirche Jesu Christi“ kaum noch wiedererkennt. Solche Gedanken könnten sich, so Frisch, von einer evangelischen Pfarrperson öffentlich ausgesprochen, schnell als existenzgefährdende Sätze erweisen.

Mein Kommentar: „Existenzgefährdenden Sätze”

Besonders bezeichnend ist Frischs Hinweis auf die „existenzgefährdenden Sätze“. Es ist ein erschreckender Befund. Eine Pfarrperson, die das Profil und die Identität ihrer Kirche schützen will, gerade deshalb am gegenwärtigen Erscheinungsbild leidet und dies auch öffentlich macht, muss unter Umständen mit disziplinarischen Konsequenzen rechnen. Ob dies im Einzelfall bis zum Verlust der Existenzgrundlage führt, sei dahingestellt; doch als Vorsitzender des Vereins „D.A.V.I.D. – gegen Mobbing in der evangelischen Kirche“ erfahre ich regelmäßig von Handlungsweisen kirchenleitender Personen, die ich zuvor schlicht nicht für möglich gehalten hätte.

Dabei geht es hier – wie bei Frisch – um die geistliche Integrität: die Erkenntnis, dass die gegenwärtig sichtbare Institution kaum noch mit der Kirche Jesu Christi zur Deckung zu bringen ist, die wir eigentlich erwarten.

Hier zeigt sich ein tiefes Paradox: Während die „Entgrenzung“ und die Verschmelzung der Kirche mit der öffentlichen Meinung in kirchenleitenden Gremien und Thinktanks oft als prophetisch gefeiert werden, führt die Sorge um den theologischen Kern in die Selbstzensur. Wer den Ausverkauf christlicher Inhalte kritisiert, steht unter Druck, während diejenigen, die die Auflösung der Kirche betreiben, Applaus ernten. Die Toleranz der „Entgrenzer“ scheint offensichtlich nur in eine Richtung zu gelten.

Frisch: Selbstsäkularisierung wird Ende der Kirche beschleunigen

Ralf Frisch radikalisiert in diesem Abschnitt seine Kritik: Er sieht die evangelische Kirche in einer Vorwärtsflucht, die er als „theologische Suizidierung“ bezeichnet. Anstatt das eigene geistliche Erbe zu pflegen, flüchten sich Funktionäre und Fakultäten in die Rolle von interreligiösen Moderatoren oder Kulturwissenschaftlern.

Die Kernthesen dieses Abschnitts:

  • Das Paradox der Prophetie: Wer die Kirche durch Selbstsäkularisierung auflöst, gilt heute oft als „visionär“. Wer hingegen an den gekappten geistlichen Wurzeln leidet und dies auch benennt, wird schnell als „ewiggestrig“ oder gar als „Nestbeschmutzer“ abgestempelt.

  • Gottlose Zukunftspapiere: Frisch weist darauf hin, dass selbst in Papieren theologischer Fakultäten das Wort „Gott“ teils gar nicht mehr vorkommt – aus Angst, im akademischen Wettbewerb als nicht anschlussfähig zu gelten.

  • Die falsche Prognose: Gegen das Credo, das Christentum müsse säkular werden, um zu überleben, setzt Frisch die Gegenthese: Die Flucht in die Beliebigkeit wird das Ende der Institution nicht verzögern, sondern beschleunigen.

Mein Kommentar: Die Suche nach Substanz und Profil

Meine eigenen Erfahrungen decken sich in hohem Maße mit den Beobachtungen von Ralf Frisch. In meiner aktiven Dienstzeit wurde dies besonders in zwei Bereichen deutlich:

  • Wissenserosion und Offenheit: Jugendliche im Konfirmandenunterricht sind keineswegs desinteressiert, sondern sehr wohl ansprechbar auf biblische Inhalte. Da sie in der Schule oft nur noch vergleichende Religionskunde ohne eigenes Fundament erfahren, fehlt ihnen die Basis. Wenn man ihnen aber die christliche Botschaft als eigenständiges Profil anbietet, stößt dies auf offene Ohren.

  • Rituelle Entfremdung: Der Trend zu weltlichen Rednern bei Beerdigungen und Trauungen oder gar „weltlichen Taufen“ (so widersprüchlich dieser Begriff auch sein mag) zeigt, dass die Kirche ihre Kompetenz für die Deutung der großen Lebensübergänge verliert. Das geschieht oft deshalb, weil sie ihre eigene Botschaft nicht mehr mutig und erkennbar genug vertritt.

Ich stimme Frisch zu: Die Rettung liegt nicht in der Flucht in die Rolle des „interreligiösen Trainers“. Wir brauchen eine zeitgemäße, dialogbereite Theologie, die sich traut, wieder von Gott zu sprechen.

Das zeigt sich besonders im Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft, etwa beim Thema Schöpfung. Im Konfirmandenunterricht taucht das Thema regelmäßig auf. Hier müssen beide Seiten ihre Grenzen anerkennen:

  • Die Theologie bietet nicht die „bessere“ Erklärung als die Naturwissenschaften. Es geht der Theologie nicht um das empirische „Wie“ der Weltentstehung, sondern darum, Gott als Ursprung mitzudenken. Dieses Denken kann und darf die Theologie der Wissenschaft allerdings nicht aufzwingen.

  • Die Naturwissenschaft wiederum erklärt Gesetzmäßigkeiten auf Basis von Experimenten und Messungen. Sie überschreitet ihre Kompetenz, wenn sie versucht, mit dieser Methode die Nicht-Existenz Gottes „beweisen“ zu wollen.

Ein echter Dialog ist nur möglich, wenn die Theologie ihr transzendentes Rückgrat behält. Wenn die Kirche nur noch das sagt, was ohnehin allgemeiner Konsens ist, macht sie sich selbst überflüssig.

Frisch: Moderner Protestantismus in der Sackgasse

Zwischen muslimischer Vitalität und christlicher „Vaselineverkündigung“

In diesem Abschnitt führt Ralf Frisch die Analyse in den Bereich der gesellschaftlichen Realität und der Religionsbegegnung. Er spart dabei nicht mit harten Begriffen und zeichnet das Bild einer Kirche, die vor lauter Toleranz ihre eigene Identität verloren hat.

Die zentralen Punkte der Analyse:

  • Identität vs. Belanglosigkeit: Während Frisch bei Muslimen eine starke, identitätsstiftende Kraft des Glaubens wahrnimmt, biete der moderne Protestantismus oft nur noch eine „Vaselineverkündigung“ – anschlussfähige, aber belanglose Binsenweisheiten.

  • Die Sackgasse des Liberalismus: Weder Sozialmoralismus noch ein rein individuelles „Selbstbestimmungschristentum“ führen laut Frisch zu einer belastbaren Kirchenbindung. Im Gegenteil, so Frisch, die Kirche mache sich durch ihre Anpassung an den Zeitgeist unsichtbar.

  • Das interreligiöse Missverständnis: Frisch warnt vor einer „interreligiösen Romantik“. Das Beispiel der „99 Namen Allahs“ in einem franziskanischen Magazin dient ihm als Beleg für eine Kirche, die ihr eigenes Bekenntnis leichtfertig durch ein vages „Weltethos“ ersetzt.

  • Die Gefahr der Blauäugigkeit: Frisch befürchtet, dass die Kirche die Realität eines “religionspolitischen Kulturkampfes” unterschätzt. Wer nur noch auf “Menschheitsmoral” setzt, verkenne, dass andere religiöse Mentalitäten durchaus hegemoniale Ansprüche verfolgen.

Mein Kommentar: Selbstbewusstsein statt Ressentiment

Die Beobachtungen von Frisch decken sich mit meinen Erlebnissen vor Ort. Wenn ich sehe, wie diszipliniert und überzeugt junge Männer in der Moschee beten, beeindruckt mich diese Ernsthaftigkeit durchaus. Das Problem ist nicht die Stärke des muslimischen Glaubens an sich, sondern die theologische Sprachlosigkeit auf christlicher Seite.

Christen haben dem muslimischen Selbstbewusstsein oft nichts Eigenes entgegenzusetzen – nicht, weil sie tolerant sein wollen, sondern weil sie verlernt haben, ihren eigenen Glauben fundiert und mutig zu bekennen. Es geht mir nicht um eine Abwertung des Islam, sondern um ein Plädoyer für ein selbstbewusstes Christentum, das dialogfähig ist, gerade weil es ein eigenes Profil hat. Wenn wir unseren Glauben nur noch als „humanistische Grundierung“ verstehen, werden wir in einer multireligiösen Welt schlichtweg übersehen.

Frisch: Wo wird der christliche Glaube überleben?

Ralf Frisch stellt uns in seinem Aufsatz vor eine radikale Bestandsaufnahme. Er benennt drei Symptome, die vor allem die Situation nördlich der Alpen und speziell in Deutschland kennzeichnen und die bisherige Gestalt von Kirche infrage stellen:

  • Der akademische Nachwuchsmangel: Die Zahl der Theologiestudierenden sinkt in allen Konfessionen drastisch.

  • Das Ende politischer Privilegien: Die Staatskirchenverträge stehen auf wackeligen Beinen; ihr Fortbestand scheint langfristig nur noch bei unwahrscheinlichen politischen Mehrheiten gesichert.

  • Die Erosion der Lehre: Die Universitätstheologie droht zu einer bloßen „Schwundstufentheologie“ zu verkommen.

Angesichts dieser „Verdünnisierung“ des Christlichen stellt sich die existenzielle Frage: Wie und wo wird der Glaube diesen Epochenbruch des 21. Jahrhunderts überleben? Wenn die alten Narrative der Aufklärung sterben, wo bleibt dann das Evangelium präsent?

Spuren des Bewahrens – aber keine fertigen Lösungen

Frisch geht verschiedene Optionen durch, die wie Speichermedien einer verbleichenden Kultur wirken:

  • Als bloße historische Erinnerung an Vergangenes.
  • In freikirchlichen Nischen und Ausbildungsstätten.
  • Im sakramentalen Ritus oder im kulturellen Welterbe der Kathedralen und Klöster.
  • In der Ästhetik, also in Musik und Kunst, die sich dem Zeitgeist widersetzen.
  • In der spirituellen Innerlichkeit als reine Privatsache oder gar „inkognito“ als vage soziale Substanz unserer Gesellschaft.

Doch letztlich wird deutlich: Keine dieser Optionen ist für Frisch eine vollwertige Lösung. Sie beschreiben zwar Spuren des Bewahrens, aber sie allein können keinen christlichen Glauben retten, der sprachfähig bleibt und anderen Menschen die biblische Botschaft aktiv erschließt.

Die Gefahr des politischen Missbrauchs: Der „transatlantische Flashback“

Besonders brisant wird es, wenn man den Blick über den Ozean richtet. Frisch thematisiert das Erstarken eines politisch-theologischen Narrativs, wie wir es in den USA bei J.D. Vance oder Marco Rubio erleben. Hier wird das Christentum zur Ideologie umgeformt, um eine „westliche Zivilisation“ zu retten – durchaus unter Berufung auf biblische Motive (etwa den „Aufhalter“ aus 2. Thess 2).

Frisch warnt hier vor einem gefährlichen „Flashback“ für uns in Europa: Wer heute noch starke Überzeugungen einer rettenden, göttlichen Transzendenz vertritt, wird allzu leicht als „rechts“, konservativ oder ewiggestrig stigmatisiert. Es entsteht der Eindruck, als sei ein systematisch-dogmatisch klares Christentum zwangsläufig mit den dunklen, fundamentalistischen Geistern der Vergangenheit assoziiert.

Mein Fazit: Glaube zwischen den Fronten

Am Ende dieses Abschnitts bleibt die Frage nach dem „Wo“ des Überlebens bewusst offen. Eines aber wird klar: Der Glaube steht unter Beschuss von zwei Seiten. Er kann von der „rechten“, vermeintlich konservativen Seite politisch instrumentalisiert werden, aber er kann ebenso von der „linken“, progressiven Seite durch Selbstsäkularisierung entleert werden.

Beide Wege führen weg von der eigentlichen Substanz. Die Herausforderung für uns bleibt, einen Ort für den Glauben zu finden (oder zu schaffen), der sich nicht parteipolitisch vereinnahmen lässt, sondern seine Kraft aus der biblischen Botschaft selbst bezieht.

Frisch: Das Oben-Ohne-Christentum

Zum Ende seines Artikels stellt Ralf Frisch eine fast schon existenzielle Diagnose: Wenn die Kirche den „Himmel“ – also die Transzendenz und die göttliche Spannung – streicht, bleibt ein spiritueller Kahlschlag zurück. Dieses „Oben-Ohne-Christentum“ (Theodor W. Adorno) erzeugt eine Leere, die laut Frisch zwangsläufig mit Nihilismus oder neuen Absolutismen gefüllt wird.

Die zentralen Schlussgedanken:

  • Die Bonhoeffer-Frage: Wie sollen Menschen die Spannungen dieser Welt aushalten, wenn sie den Bezug zum „Heiland“ und zum Jenseits verlieren? Ohne den Zusammenhalt zwischen Himmel und Erde erodiert letztlich auch der Zusammenhalt unter den Menschen.

  • Die missionarische Chance der Diaspora: Um die totale Säkularisierung zu beschreiben, erzählt Ralf Frisch eine fast schon tragikomische Begebenheit: In einer weitgehend entkirchlichten Region Deutschlands wurde er nach seinem Beruf gefragt. Auf seine Antwort, er sei „Pfarrer“, reagierte das Gegenüber mit ehrlichem Mitgefühl: „Fahrer sind Sie? Oje, das ist aber ein anstrengender, schlecht bezahlter Job. Tag und Nacht auf dem LKW unterwegs! Allen Respekt.“

    Dieser Mensch hatte das Wort „Pfarrer“ in seinem Leben tatsächlich noch nie gehört.

    Was auf den ersten Blick wie ein sprachliches Missverständnis wirkt, offenbart den tiefen Epochenbruch: Das christliche Vokabular und die damit verbundenen Lebensentwürfe sind aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden. Doch Frisch sieht in dieser Tabula rasa eine paradoxe, fast missionarische Chance:

    Wenn das Christentum und seine Botschaft völlig fremd geworden sind, verlieren sie auch den Ballast des „schon tausendmal Gehörten“. Sie können wieder „faszinierend neu strahlen“ – aber nur unter einer Bedingung: Wir dürfen uns nicht in die Komfortzone stressfreier Unkenntlichkeit flüchten, indem wir uns bis zur Ununterscheidbarkeit anpassen. Wir brauchen stattdessen den Mut zur „sperrigen Kenntlichkeit“. Wir müssen als Christen wieder erkennbar sein, gerade weil unsere Botschaft quer zu den Gängigkeiten des Zeitgeistes steht.

Mein Fazit: Vom Mut zur Sperrigkeit

Ich schließe mich Ralf Frisch an: Wir brauchen den Mut, uns aus der Komfortzone der Belanglosigkeit herauszubewegen. Das „Oben-Ohne-Christentum“ macht auch mir Angst, weil es den Menschen die Hoffnung raubt, die über das Irdische hinausgeht.

In meinem eigenen Blog „Predigten nachgedacht“ versuche ich genau das: Im Rückblick auf Jahrzehnte der Verkündigung zu prüfen, was uns die Botschaft der Sonntage heute noch zu sagen hat. Es geht darum, die „Spannung zwischen Himmel und Erde“ wieder spürbar zu machen, die in der modernen kirchlichen Verwaltung leider oft verloren gegangen ist.

Am Ende steht eine Erkenntnis, die so schlicht wie tief ist: Wir können die Kirche nicht durch kluge Strukturen retten. Wir müssen darauf vertrauen, dass Gott seiner Christenheit den Weg weist. Es liegt nicht allein an unserem Wollen, sondern an Seinem Segen. Wir sind vielleicht nur noch wenige „Letztverbliebene“, aber wir tragen eine Botschaft, die zu wertvoll ist, um sie in Anpassung zu ersticken.

„Fahren Sie in Gottes Namen weiter“

Zum Schluss seines Artikels erzählt Ralf Frisch eine wunderbare Anekdote, die zeigt, was passiert, wenn die „Vertikale“ des Glaubens unvermittelt in die „Horizontale“ unseres durchgetakteten Alltags einbricht. Es geht um eine verbotene Autofahrt zu einer Kapelle, eine Begegnung mit einem Bauern auf einem Traktor und ein Wort, das in unserer modernen Welt offensichtlich exotischer wirkt als jede andere Erklärung: „Beten.“

Frisch beschreibt dieses Bekenntnis als etwas, das quer zu allen Salonfähigkeiten steht – eine Art geistliche „Geisterfahrt“, die manche für verrückt halten mögen, die aber vielleicht genau der Weg ist, den wir als Christen heute gehen müssen.

Wie genau diese Begegnung ausging und warum Frisch am Ende tatsächlich „in Gottes Namen“ weiterfahren durfte, sollten Sie unbedingt selbst nachlesen. Es lohnt sich, diesen klugen und scharfzüngigen Text in voller Länge im Sonntagsblatt zu genießen.


[Hier geht es zum vollständigen Artikel von Ralf Frisch]

Dienstag, 3. Februar 2026

Die verwaltete Erschöpfung

Warum die „transparochiale“ Wende die Basis im Stich lässt ...

Ausführlich habe ich mich in der letzten Zeit mit den Maßnahmen beschäftigt, die von Seiten der kirchenleitenden Ebenen angestrebt werden, um dem immer deutlicher spürbar werdenden Abwärtstrend in der Kirche entgegenzuwirken. Besonders die beiden Artikel mit den gegensätzlichen Positionen von Andreas Dreyer und Julia Koll in den letzten Ausgaben des Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts (vgl. den vorhergehenden Blogbeitrag “Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?”) waren Anregung genug, nach weiteren Positionen zu forschen. 

Hier nur eine Auswahl der Dokumente:

  • Allen voran: Gisela Kittel/Eberhard Mechels (Hg.), Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen 2016
  • AKTENSTÜCK NR. 98 DER 23. LANDESSYNODE, 23. Mai 2005
  • Zukunft gescheitert? Die Landeskirche Hannovers ringt um ihren Erneuerungsprozess - 14. Mai 2023 · Rundblick - Politikjournal für Niedersachsen - Kultur (https://rundblick-niedersachsen.de/zukunft-gescheitert-die-landeskirche-hannovers-ringt-um-ihren-erneuerungsprozess; abgerufen 02.02.2025)
  • AKTENSTÜCK NR. 89 A DER 26. LANDESSYNODE, 11. September 2024
  • AKTENSTÜCK NR. 104 C DER 26. LANDESSYNODE, 4. November 2025

Was in den kirchenleitenden Verlautbarungen zunächst nach einer innovativen Ausweitung kirchlichen Handelns klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen – wie auch im aktuellen Artikel von Julia Koll – als die theoretische Untermauerung einer schleichenden Entmachtung der Kirchengemeinde vor Ort.

Die „Selbsterfüllende Prophezeiung“ der Krise

Das Narrativ der Kirchenleitungen ist beinahe überall gleich: Die traditionelle Arbeit in den Gemeinden „fresse“ zu viele Ressourcen und erreiche immer weniger Menschen. Die logische Konsequenz sei daher die Verlagerung von Verantwortung und Finanzen auf die „nächste Ebene“, den Kirchenkreis.

Diese Abwertung der Arbeit vor Ort findet sich leider immer wieder. 2006 gab die EKD das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ heraus. Dieses Dokument gilt als der „Urtext“ der aktuellen Reformformentwicklung. Kritiker wie die Bochumer Theologieprofessorin Isolde Karle (beispielsweise in „Kirche der Freiheit? Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Impulspapier des Rates der EKD“ in der Zeitschrift Evangelische Theologie) werfen dem Papier vor:

  • Betriebswirtschaftliche Sprache: Begriffe wie „Taufquote“, „Benchmarking“ und „Qualitätsmanagement“ wurden eingeführt. Dies habe den Pfarrberuf von einer geistlichen Berufung zu einer messbaren Management-Aufgabe herabgestuft.
  • Abwertung der Fläche: Das Papier propagiere „Leuchttürme“ (Profilkirchen) und nähme dabei die „pastorale Unterversorgung“ in der Fläche (Ortsgemeinden) bewusst in Kauf.
  • Qualitätszweifel: Es werde unterstellt, dass die Qualität von Amtshandlungen (Taufen, Trauungen) oft unzureichend sei und erst durch zentrale Standards „professionalisiert“ werden müsse.

Die Pfarrvereine warnten regelmäßig davor, dass die Kirchenleitungen durch die ständige Strukturreform die „psychische Widerstandskraft“ der Geistlichen untergrabe. 

Andreas Kahnt, ehem. Vorsitzender des Pfarrverbandes, schrieb dazu: „Wir sind keine Filialleiter eines religiösen Konzerns, sondern Seelsorger. Die ständige Rede von 'Effizienz' und 'Output' verkennt, dass das Wesen der Kirche dort liegt, wo zwei oder drei im Namen Christi zusammenkommen – und nicht dort, wo die Taufquote stimmt.“ (Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe 11/2012; unter dem Titel der Berichterstattung zum Pfarrertag) 

Ähnlich drückte es Andreas Dreyer aus: „Die permanente Reformeuphorie der Kirchenleitungen korrespondiert mit einer tiefen Erschöpfung an der Basis. Wer Gemeinden fusioniert und Stellen streicht, darf sich nicht wundern, wenn das Bild des Pfarrers in der Öffentlichkeit nur noch als das eines 'Mangelverwalters' erscheint.“ (An der Belastungsgrenze, in: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 3, 2014)

In meinen Augen erleben wir hier eine „Self-fulfilling Prophecy“. Wenn die Kirchenleitungen über Jahre hinweg das Bild zeichnen, dass die Arbeit vor Ort „nicht mehr läuft“ und die Parochie ein Auslaufmodell sei, dann sickert dieses Gift der Demotivation bis in die Kirchenvorstände und zu den Pfarrpersonen und letztendlich auch zu den Gemeindegliedern durch. Es entsteht eine Depressionsspirale. Wenn man Menschen ständig sagt, sie seien Teil eines sterbenden Systems, werden sie irgendwann aufhören, für dessen Erhalt zu kämpfen, ja, sie werden sich abwenden.

Die von mir - und vielen anderen - so erlebte Abwertung der jahrelangen und durchaus auch erfolgreichen Arbeit vor Ort war der Antrieb, mich noch einmal mit der Materie auseinanderzusetzen. Alle Zitate und Positionen der Kritiker zeigen überdeutlich, dass die von Julia Koll und anderen geforderte „ressourcenkluge Gestaltung“ (bei Koll die Transparochialität) keine neue Idee ist, sondern die Fortsetzung eines 20 Jahre alten Fehlers. Die "Reformideen" zünden nicht, sie halten den Abwärtstrend nicht auf, sie zeigen keine Wirkung, die in die Breite geht und die Basis erreicht.

Die Gegenargumentation hat immer das gleich Ziel: Wer die Parochie aufgibt, gibt die soziale Form der Kirche auf, die Menschen am effektivsten erreicht.

Ehrenamt braucht Wertschätzung, keine Verwaltung

Wir wissen, dass das ehrenamtliche Engagement überall gesellschaftlich immer schwieriger zu mobilisieren ist. Doch anstatt die verbleibenden Kräfte zu stärken, fühlen sich viele Ehrenamtliche durch die „Top-Down-Reformen“ schlichtweg nicht mehr wertgeschätzt. Wer möchte schon seine Freizeit opfern, um als „Mangelverwalter“ in einem System zu fungieren, das die eigene Gemeinde zur bloßen „Verwaltungseinheit“ des Kirchenkreises degradiert?

Kirche der Reformation? ...

... ein lesenswertes Buch, hrsg. von Gisela Kittel und Eberhard Mechels

Zum Reformationsjahr 2017 gaben Gisela Kittel und Eberhard Mechels die 2. Auflage ihres Buches heraus “Kirche der Reformation? - Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr”. Kittel und Mechels versammeln in diesem Band gewichtige Stimmen, die den Reformeifer der EKD hinterfragen. Statt einer Anpassung an moderne Management-Strukturen fordern die Beiträge eine theologische Tiefenschärfe, die den Namen 'Reformation' verdient. Auch jetzt kann ich wieder nur feststellen: Ein unverzichtbares Werk für alle, die sich nicht mit strukturellen Antworten auf geistliche Fragen zufriedengeben wollen.

Alle Autoren analysierten bereits frühzeitig die Gefahren (s. oben die Kritik von Isolde Karle und anderen), die wir heute in verschärfter Form erleben. Besonders hervorzuheben sind dabei:

  • Die Erosion der Ortsgemeinde: Die Autoren warnten schon damals vor einer „Entparochialisierung“. Was einst als Flexibilisierung verkauft wurde, führt heute oft zum faktischen Statusverlust der Kirchengemeinde als primärem Ort kirchlichen Lebens.
  • Ökonomisierung vs. Theologie: Der im Buch beschriebene Vorrang von Management-Logiken gegenüber ekklesiologischen Grundsätzen lässt sich heute in den (oft alternativlos präsentierten) Strukturfusionen eins zu eins wiederfinden.
  • Der Status des Pfarramts: Auch die Veränderung des pastoralen Dienstes hin zum „Funktions- und Regionalmanagement“ wurde hier bereits in den Anfängen kritisch beleuchtet.

Erneuerung von unten

Um zu verdeutlichen, was die Autoren schon zum Reformationsjahr sagen wollten, greife ich auf den Artikel von Herbert Dieckmann zurück, “Plädoyer für eine kirchliche Erneuerung von unten”; ich hätte auch andere Artikel nehmen können. 

Kurz zur Einordnung der Person: Herbert Dieckmann war von 1970 bis 2005 aktiv im kirchlichen Dienst der Hannoverschen Landeskirche als Gemeinde- und Schulpfarrer und im kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Er war Mitglied und Vorsitzender der Pfarrvertretung und danach Rechtsberater im Hannoverschen Pfarrverein. Zusammengefasst: Ein Kenner der Materie.

Dieckmanns Argumentation kann so zusammengefasst werden:

1. Kritik an der "Fortschrittsideologie" der Kirchenleitung

Dieckmann wirft der Kirchenleitung vor, eine überholte Fortschrittsideologie des 19. Jahrhunderts zu reaktivieren. Unter dem Deckmantel der "Reform" gehe es primär um eine Neuverteilung von Finanzmitteln zulasten der Ortsgemeinden und zugunsten von bürokratischen Funktionsstellen (z. B. Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit). Unterstützt werde dies durch eine "clevere Beratungsindustrie" (wie McKinsey), die erfolgreiche Gemeindearbeit systematisch schlechtrede.

2. Verzerrtes Bild der Pfarrerschaft vs. Realität

Dieckmann kritisiert die gezielte Abwertung des Pfarrerbildes durch die EKD. Diese unterstelle der Pfarrerschaft eine "mentale Orientierungskrise" und mangelnde Professionalität.

Der pensionierte Pfarrer führt dagegen die EKD-eigenen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU V im Jahr 2012) an. Diese belege, dass 92% der Kirchenmitglieder den Kontakt zu ihren Ortspastoren als "gut" oder "sehr gut" bewerteten. Pastorinnen und Pastoren rangierten im gesellschaftlichen Ansehen auf Platz zwei direkt hinter Ärzten.

Anmerkung Krüger: Zur neuesten KMU VI (Herbst 2022) schrieb ich im Blogbeitrag “Ecclesia evangelica, quo vadis? Gedanken zur Auswertung der 6. KMU”: 

Kirche vor Ort - DAS Kontaktfeld!

Als Ort der Begegnung erreichen nur die eigene Kirchengemeinde (38%) und Kirchengebäude oder Orte der Stille (19%) zweistellige Prozentwerte. Alle anderen Optionen - Seelsorge in einer Klinik oder einem Seniorenheim (3%); kirchliche Bildungseinrichtung (4%); Einrichtung der Caritas oder Diakonie (8%); kirchlicher Kindergarten (7%) - sind weit abgeschlagen.

Auch bei der Frage nach der Kontaktperson erzielen die Mitarbeitenden vor Ort hohe Werte: Pfarrperson (42%), Sekretär/in (25%), Kirchenmusiker/in (22%). Die Begegnung mit Mitarbeitenden "in der Jugend-, Familien-, Senioren- oder Sozialarbeit" (31%) lässt sich nicht differenzieren, weil verschiedene Arbeitsfelder zusammengefasst wurden.

3. Die Unverzichtbarkeit der Ortsgemeinde

Entgegen der Behauptung, die Ortsgemeinde sei ein "Auslaufmodell", betont Dieckmann deren Reichweite:

  • Vier-Säulen-Modell: Die Ortsgemeinde bestehe aus der Gottesdienst-, Gruppen-, Veranstaltungs- und Amtshandlungs-Gemeinde.
  • Alleinstellungsmerkmal: Nur die Ortsgemeinde erreiche durch Taufen, Trauungen und Beerdigungen 100% der Kirchenmitglieder, auch die Distanzierten. Sondergemeinden (z. B. City-Kirchen) seien hingegen oft "milieuverengt".
  • Beziehungsnetzwerk: In einer gesichtslosen Mediengesellschaft biete nur die Gemeinde vor Ort verlässliche, persönliche Beziehungen.

4. Wirtschaftliche Fehlentwicklung

Dieckmann belegt mit Zahlen (Anmerkung Krüger: gültig zur Zeit der Abfassung des Aufsatzes; deshalb müssten die Zahlen heute natürlich angepasst werden, aber an der von Dieckmann herausgearbeiteten Aussage wird sich wohl kaum etwas verändern) aus der Hannoverschen Landeskirche eine massive Fehlsteuerung.

Dieckmann betrachtet die Zahl der Gemeindepfarrstellen zwischen 1954 und 2015, In diesem Zeitraum, so Dieckmann, sank die Zahl um 14% von 1.358 auf 1.170 Stellen. Die Zahl der sonstigen Mitarbeiter und Kirchenbeamten nahm nach den Berechnungen von Dieckmann um 434% zu (5.000 zu 21.700), bei den Vollzeitstellen wäre es sogar ein Anstieg um 763% gewesen (1.700 zu 12.970).

Anmerkung Krüger: Die Googlerecherche ergibt, dass es Anfang der 2000er Jahre noch rund 1.300 Pfarrstellen gab; das Aktenstück 98 aus dem Jahr 2005 sah eine Reduktion der Pfarrstellen um 10% vor. Die Entwicklung ist seit 2015 leider schon viel weiter. Zu den gestrichenen Pfarrstellen kommen in Zukunft verstärkt die vakanten Pfarrstellen, für die es ganz offensichtlich kein aktive Management auf Seiten der Personalplanung gibt. 

Dieckmann rechnet vor (2015), dass 2.000 Gemeindeglieder ihre Pfarrstelle problemlos selbst finanzieren könnten (396.000 € - basierend auf 198 € pro Kopf) und dennoch Überschüsse für die Landeskirche erwirtschafteten (314.700 €, nach Abzug der Planungssumme für eine Pfarrstelle zum Zeitpunkt der Berechnung). 

5. Forderungen für eine echte Reform

  • Priorität für die Basis: Die Organisation Kirche muss sich wieder als Dienstleister für die Ortsgemeinden verstehen.
  • Erhalt von Pfarrstellen: Gemeindepfarrstellen müssen unbedingt erhalten bleiben, da sie das "Kapital an Vertrauen und Sympathie" repräsentieren.
  • Betriebswirtschaftliche Vernunft: Statt teurer Stabsstellen sollte die Kirche auf Transparenz, Sparsamkeit und eine echte Kosten-Nutzen-Analyse ihrer "Hobby-Projekte" setzen.

Dieckmann schließt mit dem Appell, sich auf die "Selbstwirksamkeit des Wortes Gottes" zu verlassen, anstatt die Kirche als rein menschliches Organisationswerk misszuverstehen. Er betont: Die Kirche lebt von der Gemeinde her. 

Wenn wir diese bewährten Bottom-Up-Strukturen nicht nutzen und stattdessen durch bürokratische Überbau-Netzwerke ersetzen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Zurück zur aktuellen Diskussion: Das Profil im Quartier

Eine echte Erneuerung braucht keine Flucht in die Abstraktion des Kirchenkreises, sondern eine radikale Besinnung auf das, was uns ausmacht. Unser Auftrag im Quartier - und diesen im gegenwärtigen “Kirchensprech” sehr oft gebrauchten  Begriff verwende ich jetzt ganz bewusst - unser Auftrag im Quartier ist klar umrissen:

  • Verkündigung und Seelsorge
  • Unterricht und Bildung
  • Kasualien (die Begleitung an den Knotenpunkten des Lebens - Taufe - Konfirmation - Hochzeit - Beerdigung)

Das ist unser Profil, das uns von allen anderen “Anbietern” unterscheidet! Und ja, dazu gehören auch unsere Gebäude. Ein Gemeindehaus ist kein „Ressourcenfresser“, sondern ein Gemeinwohl-Anker. Es muss - wie neuerdings auch offiziell gefordert - ein offener Raum für das Quartier sein – auch für externe Gruppen und Angebote, notfalls gegen ein Entgelt –, solange es dem kirchlichen Auftrag nicht widerspricht.  

Unsere Kirchen sind und bleiben der Ort, wo sich die Gemeinde Jesu Christi am Sonntag - dem Tag, an dem wir die Auferstehung unseres Herrn und Heilands feiern - zum Gottesdienst versammelt. Über die Uhrzeit kann man hier und da diskutieren, aber es muss immer berücksichtigt werden, dass Pastorinnen und Pastoren oft auch eine Familie haben - oder Freunde -, wo die gemeinsame Zeit durch einen unterschiedlichen Arbeitsrhythmus ein sehr kostbares Gut ist.

Projekte, die über dieses Kernprofil hinausgehen, müssen unterstützt werden, dürfen aber nicht die Existenz der Basisarbeit gefährden. Bewusst nehme ich eine Forderung aus dem synodalen Aktenstück 98 in seiner Endfassung von 2005 auf und spreche auch von einer Priorisierung des Kernbestands: Aufgaben, die nicht zum Kernbestand gehören oder keine finanzielle Eigenständigkeit erreichen, müssen wegfallen oder über Drittmittel/Spenden finanziert werden. 

Die Illusion der Entlastung: Das Aktenstück 89 A

Oft wird behauptet, der Wechsel im Körperschaftsstatus (weg vom öffentlichen Recht hin zu einer rein kirchlichen Körperschaft) würde die Verwaltung vereinfachen. Das Aktenstück 89 A aus dem Jahr 2025 der Hannoverschen Landeskirche entlarvt dies als Illusion. Eine Änderung des Status führt nicht zwingend zu weniger Arbeit, aber sie führt zwingend zu weniger Rechten und weniger Autonomie für die Gemeinden.

Körperschaft des öffentlichen Rechts - Schutzschild für die Selbstbestimmung der Gemeinde

Im Aktenstück 89 A werden drei Experten gehört, deren Ansätze unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Nur Prof. Dr. Michael Germann (Staatskirchenrecht) nimmt die Gemeinde als Trägerin bürgerlicher Freiheit ernst. Er warnt davor, den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) leichtfertig aufzugeben. Für ihn ist dieser Status kein bürokratischer Ballast, sondern ein Schutzschild für die Selbstbestimmung der Gemeinde.

Das Trugbild vom "Kirchlichen Verein"

Oft wird das Bild der Kirche als "Verein" bemüht, so auch von Prof. Dr. Jan Hermelink. Er spricht von "Teams" und "Netzwerken". Das klingt modern und "hemdsärmelig", ist aber gefährlich ungenau.

  • Der Denkfehler: Ein echter Verein besitzt sein Vereinsvermögen und sein Vereinsheim.
  • Die bittere Realität der Reform: In den Modellen der Landeskirche verliert die Gemeinde ihr Eigentum an den Kirchenkreis. Wer aber kein Grundbuch und kein Budgetrecht mehr hat, ist kein Verein – er ist eine Bittsteller-Filiale. Wenn die Kontrolle über Gebäude, Geld und Personal (die drei Säulen lokaler Macht) nach oben wandert, bleibt von der Gemeinde nur noch ein "spiritueller Debattierclub" übrig; zugegeben: ist ein bisschen despektierlich ausgedrückt.

Vollmachten sind kein Rechtsschutz

Auch das von Prof. Dr. Emanuel V. Towfigh angeführte Modell der Bahá’í-Gemeinde, die über "Vollmachten" arbeitet, taugt nicht als Vorbild für eine Landeskirche mit jahrhundertealter Tradition. Zum einen spricht Dr. v. Towfigh von einer Organisation mit runde 6.000 Mitglieder, denen eine Landeskirche mit gut 2.000.000 Mitgliedern gegenübersteht, zum anderen kann eine Vollmacht auch bei gegenteiliger Beteuerung von der Zentrale jederzeit einseitig zurückgezogen oder beschnitten werden. Das ist das Gegenteil von Autonomie; es ist Abhängigkeit auf Abruf.

Die Erprobung nutzen: Die Pyramide umdrehen

Anstatt die Gemeinden rechtlich zu entmachten, um eine vermeintliche "Verwaltungsvereinfachung" zu erreichen, müsste die vor der Synode festgesetzte Erprobungsphase genutzt werden, um die Hierarchie umzukehren:

  • Verwaltung als kompetenter Dienstleister: Die Kirchenämter müssen wieder Dienstleister der Gemeinden sein. Als ich in den 1990er Jahren meinen Dienst antrat, war es ein Miteinander. Die Gemeinden wurden beraten. Wenn Vorschriften einzuhalten waren, wurde geholfen.
  • Erhalt der Rechtspersönlichkeit: Nur eine Gemeinde mit eigenem Status ist ein Partner auf Augenhöhe.
  • Vertrauen statt Kontrolle: Reformen von oben haben uns bisher nur Mitgliederschwund und Frustration gebracht. Es ist Zeit, die Kraft wieder an die Basis zu geben – dorthin, wo Menschen tatsächlich Kirche (er)leben.

Schlussgedanke: Verantwortung braucht Substanz

Am Ende müssen wir uns fragen: Was bleibt von einer Kirchengemeinde übrig, wenn man ihr das rechtliche Fundament entzieht? Ein Verein ohne eigenes Haus und ohne Zugriff auf sein Vermögen ist in der Realität handlungsunfähig. Wenn wir die Kirche wieder ‚vom Kopf auf die Füße stellen‘ wollen, wie ich es fordere, dann müssen wir die Gemeinde stärken, statt sie zu entmündigen. 

  • Starke Gemeinden und Pfarrpersonen können miteinander und auch mit dem Kirchenkreis kooperieren - allerdings: auf Augenhöhe
  • Selbstbewusste Gemeinden und Pfarrpersonen können mit kirchlichen Vorgaben lockerer umgehen, wenn die Wünsche von Gemeindegliedern - beispielsweise bei Kasualien - damit nicht ganz konformgehen, aber immer noch mit der biblischen Botschaft und dem evangelischen Bekenntnis vereinbar sind. 
  • Gestandene Pfarrpersonen haben überhaupt kein Problem damit, wenn Gemeindeglieder darum bitten, dass eine andere Person sie bei einem familiären Anlass begleitet. 
  • Und last, but not least: Pfarrpersonen, die in ihrer Parochie verwurzelt sind und leben, die arbeiten selbstverständlich mit ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern zusammen und gewähren jedem den Freiraum, der der gemeinsamen Arbeit zuträglich ist. 
Die Liste lässt sich fortsetzen!

Deshalb haben Prof. Germann und Andreas Dreyer und viele andere mehr recht: Der Körperschaftsstatus ist kein bürokratisches Hindernis, sondern die Garantie für die Freiheit der Basis. Wahre Reformen messen sich nicht an der Zentralisierung von Macht auf der Ebene des Kirchenkreises, sondern daran, wie viel Freiheit und Gestaltungsmacht sie denen zurückgeben, die vor Ort das Gesicht der Kirche sind. Nur so hat die Gemeinde – und damit die Landeskirche – eine Zukunft.


P.S. Ich empfehle jedem – ob im Pfarramt oder im Ehrenamt – die Lektüre des Bandes „Kirche der Reformation?“ von Gisela Kittel und Eberhard Mechels - soweit schon oder noch vorhanden. Es ist Zeit, das Schweigen zu brechen. Wir müssen für die Parochie kämpfen, nicht aus Nostalgie, sondern weil sie der einzige Ort ist, an dem Kirche für die Menschen wirklich erfahrbar bleibt.


P.P.S. Personalmangel im Pfarrberuf - ja, den gibt es natürlich und der wird sich weiter verstärken, wenn jetzt die geburtenstarken Jahrgänge in die Pension gehen - Lösungsansatz s. den vorherigen Blog "Parochial - postparochial - transparochial - sch...egal?"